Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Moderne Western - Das Kino des Dolph Lundgren

Dolph LundgrenModerne Western
Das Kino des Dolph Lundgren

Der Zufall machte ihn zum Regisseur. Weil der eigentliche Regisseur von THE DEFENDER (2004), Sidney J. Furie, kurz vor Beginn der Dreharbeiten erkrankte, trat der Produzent an den Hauptdarsteller heran, ob jener diesen Film nicht einfach selbst machen wolle. Der Drehbeginn rückte näher und den Regisseur neu zu besetzen hätte Zeit und Geld gekostet. Lundgren willigte ein. Man kann durchaus sagen, dass dies ein Glücksfall war.

Dolph LundgrenIm Folgenden geht es nicht um den Schauspieler Dolph Lundgren, sondern eben um den Regisseur. Als Darsteller hat er ja eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, wenngleich er irgendwann in den 90'ern im B-Action-Kino versackte. Gleichwohl steht sein Name für solide und unterhaltsame Action, meist eher etwas humorlos, dafür aber umso härter.

Seine Regiearbeiten sind keine aussergewöhnlichen Filme – und doch, wenn man all die vielen, meist direkt für den Videomarkt gedrehten Dinger sieht, dann ist man überrascht, dass es auch so etwas wie filmische Finesse gibt, ein wenig Intelligenz, einmal etwas anderes zu machen, als immer nur mit der Kamera direkt drauf zu halten.  Lundgren hat ein paar Vorlieben. Was seinen Filmen anhaftet, ist eine Neigung zum Western. Vielleicht sollte er nie einen echten Western drehen, denn seine Actionstreifen sind diesem Genre näher als manch einer von diesen Western, die ohne Sinn für jene Welt gemacht werden. Ich ganz persönlich halte MISSIONARY MAN (2007) für ein kleines Meisterwerk, einer der besten Western, die ich in letzter Zeit sehen durfte, auch wenn er vordergründig gar keiner ist.

The DefenderTHE DEFENDER, eben sein Erstling, hat noch sehr viel Fremdeinfluss. Es gab kaum Vorbereitungszeit und so zog er seine Inspiration aus der Zusammenarbeit mit anderen Regisseuren, ein bisschen John Woo, ein wenig Ted Kotcheff und recht viel Sidney J. Furie. Letzterer hatte den Film ja auch vorbereitet.

„Was folgte waren zwei Monate von unglaublich harter Arbeit, eine scheinbar endlose Liste von Problemen und wenig oder gar kein Schlaf.“¹

Der Plot des Films ist nicht schlecht. Es geht um ein geheimes Treffen in einem leeren Hotel in Rumänien. Die Leiterin der National Security Agency trifft auf den international gesuchten Terroristen Mohamad Jamar. Er soll dazu gebracht werden, sich zurück zu ziehen, um ihn nicht irgendwann zum Märtyrer für dessen Bewegung zu werden. Dolph Lundgren spielt einen Top-Sicherheitsmann, der mit fünf Kollegen sich plötzlich Angriffen von US-Soldaten ausgesetzt sieht, die Handlanger einer Gruppe von Aufrührern im Umfeld des Präsidenten sind. Jene würden lieber einen Krieg gegen die Terroristen führen, schon allein deshalb, weil es wirtschaftlich profitabel wäre.

Auf dem Set von THE DEFENDERDie Wahl der Drehorte ist zunächst bemerkenswert. Der Film bekommt den Touch eines Dungeon-Spiels. Endlose Korridore mit vielen geheimnisvollen Zimmern. Hinter jeder Tür kann etwas lauern. Später geht es in die Kellergewölbe, die den oberen Etagen gleichen. Die Gegner bleiben während des gesamten Films gesichtslos, sozusagen Kanonenfutter, wie es diversen Videospielen eben auch der Fall ist.

Schnell wird vor allem klar, dass Lundgren ein visueller Regisseur ist. Die Schauspielerführung steht etwas zurück, weshalb nicht alle Darsteller immer sehr überzeugend wirken (ihn selbst eingeschlossen). Die Bildkompositionen sind jedoch erstaunlich und machen den grössten Teil der Dramaturgie aus. Panoramaaufnahmen gibt es nur selten, und wenn, dann dienen sie dazu, das Auge zu beruhigen. Lundgren arbeitet viel mit Grossaufnahmen, wobei er dazu neigt, seine Darsteller zu inszenieren, den Charakter dabei als Bild in den Vordergrund zu stellen. Eine Technik, mit der z.B. John Woo arbeitet. Man sollte nicht so vermessen sein, Lundgren mit diesem Meister zu vergleichen, aber es gelingt dem Schweden, der Intention gerecht zu werden. Auffällig ist dies besonders bei seinem ersten eigens vorbereiteten Film THE MECHANIK (2005).

The MechanikAutos und Menschen in Zeitrafferaufnahmen, dann wieder in Zeitlupe. Die Hauptfiguren befinden sich fast immer in der Mitte, selten als ganzer Körper. Damit fixiert er den Zuschauer, der das Bild um die Personen herum kaum noch wahrnimmt, um im nächsten Moment überrascht zu werden, weil etwas aus dem vermeintlich leeren Raum kommt. THE MECHANIK macht das überdeutlich. Lundgren versucht dadurch in seinen Filmen Spannung aufrecht zu erhalten, indem er dem Zuschauer praktisch klar macht, dass er nie sicher sein kann. Es kann immer etwas passieren, das selbst jene überrascht, die an die Abläufe solcher Filme gewöhnt sind.

Am Set von THE MECHANIKTHE MECHANIK zeigt dann zum ersten Mal deutlich den Hang zum Western. Die Story entwarf Lundgren selbst, ist allerdings sehr banal. Er selbst spielt einen ehemaligen russischen Elitesoldaten, dessen Familie von einem Oberfiesling umgebracht wird. Nachdem er vermeintlich Rache genommen hat, geht er in die USA und arbeitet dort als Automechaniker. Er wird gebeten, nach St. Petersburg zu gehen, um die entführte Tochter einer reichen Amerikanerin zu befreien. Erst als er gewahr wird, dass jener, den er getötet zu haben glaubte, der Entführer ist, willigt er ein. Mit ein paar weiteren Söldnern befreit er das Mädchen. Sie werden verfolgt und in einem kleinen Kaff vor der Grenze zu Finnland kommt es zum Showdown.

„Es waren harte Dreharbeiten. Ich fühlte mehr Sicherheit als Regisseur. Ich mochte Bulgarien, war mein zweiter Film dort. Mein Co-Star, Ben Cross, mochte es noch mehr. Er blieb nach Abschluss der Dreharbeiten dort.“¹

Wie so viele kleinere Filme, so wurde auch dieser in Bulgarien gedreht. In erster Linie sind finanzielle Gründe anzuführen. In Bulgarien oder Rumänien ist Fachpersonal vorhanden, aber alles ist eben billiger. Filme wie jene von Dolph Lundgren haben sehr geringe Budgets und so sind die Macher gezwungen, sozusagen Billiglohnländer zu frequentieren, um mehr aus dem schmalen Geldbeutel herausholen zu können.

Der Showdown ist schon beinahe klassischer Western, wie er vor allem in den italienischen Filmen sehr beliebt war. Eine kurze Schiesserei auf der Main-Street, dann Einzelkämpfe zwischen Strohballen, Kühen und grob gebauten Häusern. Das Ende findet der Bösewicht im nahe gelegenen Bach. Lundgren hat seine Vorbilder gut studiert. Die Bildkompositionen entsprechen eher eben dem Western als dem modernen Actionfilm. Manch einem von den Darstellern (insbesondere Ben Cross) möchte man einen Hut aufsetzen, dann würde es beinahe echt aussehen.

Im Gegensatz zum Vorgänger versucht Lundgren hier auch etwas mit den Schauspielern zu arbeiten. Obgleich es ihm wohl nie gelingen wird, echtes emotionales Kino zu erzeugen, so ist die kleine Nebengeschichte um den harten Kerl (Ben Cross), der wahre Liebe zu einer Hure empfindet, ein überraschend nahegehender und dramaturgisch gut aufgebauter Farbtupfer in dem ansonsten so beinharten und bierernsten Film. Dafür wirkt allerdings die russisch-traditionelle Familienszene mit den Volksliedern etwas zu aufgesetzt.

Grundlegend macht Lundgren das, was er kann: Hartes, meist kompromissloses Actionkino. Seine Filme sind selten einfühlsam und besitzen praktisch keinen Humor – höchstens unfreiwillig, wenn der Held mal wieder über die Strasse läuft, die MP's rattern und er trotzdem sogar sein Hairstyling wahren kann. Das hat es zu allen Zeiten und in allen Kategorien gegeben. Es wirkt manchmal etwas belustigend, aber man kann es ihm nur bedingt vorwerfen. Gäbe es einen echten Realismus in derartigen Unterhaltungs-Filmen, dann wären selbst viele Action-Grossproduktionen schon spätestens nach einem Drittel Laufzeit zu Ende.

Und es geht ihm auch nicht darum. Der Gedanke, die Personen und deren Handlungen, und nicht das Geschehen, zu inszenieren steht im Vordergrund. Das mag ein Widerspruch dazu sein, dass er nicht mit den Schauspielern direkt arbeitet, ist es aber nicht. Er interessiert sich nicht so sehr für den Ausdruck, also Mimik und Gestik, sondern für die Person als solche und deren Äusseres.

THE MECHANIK weist einige Parallelen zu den grossen Actionreissern von John McTiernan auf (etwa PREDATOR/1987 oder DIE HARD/1988). Allein schon die Budgets verbieten allerdings einen direkten Vergleich. Es bezieht sich auch nicht auf die Handlung, sondern eher auf die Art, die Charaktere zu inszenieren. Es ist die Art, wie man Kultfiguren schafft. Wir studieren jede Körperhaltung, jede Bewegung. Es ist nur die Figur, die in einer Szenenabfolge zählt. Kameraeinstellungen von oben oder unten können einen starken Einfluss darauf ausüben, wie man einen Charakter wahrnimmt. Etwa einen Bösewicht von unten aufzunehmen wirkt weit dämonischer als von oben.

Der nächste Film DIAMOND DOGS (2007) sollte hier nur erwähnt werden, denn eigentlich wurde er von Shimon Dotan inszeniert. Dolph Lundgren soll laut diversen sogar offiziellen Quellen einiges Material als Regisseur betreut haben, ist aber nicht genannt. Zudem haftet diesem Film seine Handschrift auch nicht an. Selbst auf seiner Homepage findet man keinen Kommentar dazu.

Missionary ManDer folgende und bisher letzte veröffentlichte Film ist MISSIONARY MAN (2007).

„Ich wollte einen Western machen. Ich drehte zwei Filme als Regisseur vorher und ich mag Western. Ich denke, es ist gut seine Fähigkeiten auszuloten. So entwickelte ich die Idee eines modernen Westerns, der in einem Indianerreservat spielt. Auf diese Weise hat der Film etwas Altmodisches und Westernatmosphäre, aber es ist billiger, als wenn ich einen Originalen Film gemacht hätte.“²

Die Handlung ist geradezu klassisch. Ein Fremder kommt in die Stadt. Er trägt eine Bibel bei sich und macht sich sehr schnell den örtlichen Boss zum Feind, der diese Stadt samt der gesetzlichen Organe kontrolliert. Nachdem der Fremde mehrfach die Handlanger fertig gemacht hat, ruft der entnervte Gangster eine Biker-Gang. Es kommt zum Showdown in den Strassen und schliesslich kann der Fremde den Kampf gewinnen. Der Kopf der Gang entpuppt sich dabei als persönlicher Feind, mit dem er noch eine Rechnung offen hat. Am Ende verschwindet der Fremde wie er gekommen ist.

Am Set von MISSIONARY MANDer Fremde ohne Namen, der den bösen Tyrannen einer kleinen Stadt eliminiert, ist ein Standard in den alten Western. Lundgren, der zu diesem Film auch das Drehbuch schrieb, transportiert dabei so ziemlich alle gängigen Klischees des Genres in die Gegenwart. Die Stadt ist klein und besteht im Wesentlichen nur aus den Häusern an der Hauptstrasse, die Indianer leben ausserhalb des Ortes und sind als Menschen zweiter Klasse bei den Städtern angesehen. Die Pferde werden durch Motorräder ersetzt.

Bei der Charakterisierung der Figuren hat er sich ganz bewusst nichts Neues einfallen lassen. Der Boss ist fies und herzlos, zeigt allerdings Nerven, als er in Bedrängnis gerät. Seine Handlanger sind übermütig und grossmäulig. Die Opfer sind einfache Leute, die sich zwar widersetzen, aber ständig drangsaliert werden. Der Sheriff ist der typische Befehlsempfänger, der zwar gern etwas unternehmen möchte, aber machtlos ist. Erst durch den Fremden bekommt er Oberwasser und tritt selbstbewusster gegen den Tyrannen an.

Der einzige Unterschied ist wohl, dass der Tyrann am Ende nicht stirbt, sondern einfach nur festgenommen wird. Das Gewicht wird aber mit dem Erscheinen der Motorradgang sowieso etwas verlagert. Der Boss der Biker hat nämlich auch Macht über den Mann.

Lundgren arbeitet wie schon vorher mit vielen Grossaufnahmen der Hauptfiguren, vornehmlich seiner eigenen, denn er ist der gute Fremde. Er versteht es dabei, seinen Charakter zu überhöhen, ihn als unzweifelhafte Autorität deutlich zu machen. Man könnte glauben, dass dahinter eine bewusste Methode steckt, um Schwächen in seinem Denken abzudecken. Und so akzeptieren wir ihn als den Kämpfer für die schwachen Leute und als gnadenlosen Rächer. Denn man kann am Ende doch Zweifel anbringen, ob er wirklich ein Mann der Bibel ist, wenn der Bösewicht hilflos am Boden liegt und der Fremde ihm trotzdem erbarmungslos das Lebenslicht ausbläst.

Die Motive für das Racheempfinden bleiben weitestgehend im Dunkel, wie überhaupt die Hauptfigur scheinbar keine Geschichte hat. Der Mann kommt aus dem Nichts und verschwindet auch wieder darin. Bemerkenswert hierzu auch die Eingangs- und Schlusssequenz. Wir sehen eine Strasse, die in einer Talsenke verschwindet und am anderen Ende wieder sichtbar wird. Der Fremde kommt aus der Senke und kehrt auch dahin wieder zurück. Wir sehen ihn nicht vom hinteren Ende kommen oder gehen. Ist er vielleicht nur ein Geist?

Darüber kann man spekulieren. Lundgren ist clever genug, sich durch diese Inszenierung einer schweren Last zu entledigen. Er muss den Charakter nicht emotional und geistig definieren und entzieht sich damit auch der möglichen Kritik, ob sein Held menschlich oder politisch korrekt handelt.

Manch ein Leser wird jetzt sagen: Das sind doch nur billige Actionfilme. Okay, damit hat er sogar Recht. Fraglos kann man die Filme auch aus einer anderen Sichtweise gnadenlos auseinander nehmen. Als ich MISSIONARY MAN sah, war ich jedoch ob der Tatsache verblüfft, dass es jemandem gelungen war, einen beinahe lupenreinen Western in die gegenwärtige Welt zu transportieren, und das mit recht geringen finanziellen Mitteln. Dolph Lundgren hat von seinen Vorbildern gelernt, doch was entscheidender ist: Ob man seinen Stil nun mag oder nicht, er hat wenigstens einen eigenen Stil, was auf dem Gebiet des B-Action-Films durchaus eher selten anzutreffen ist.

Sein nächster Regie-Film ist COMMAND PERFORMANCE, der sich derzeit in Post-Production befindet. Er handelt von einer Rockband, deren Sängerin bei einem Konzert in Moskau entführt wird. Dolph Lundgren spielt den Schlagzeuger der Band, der nun gegen die Hintermänner zu Felde zieht.

Angekündigt ist von ihm noch ICARUS, in dem es um einen ehemaligen russischen Geheimagenten geht, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Ich freue mich sehr auf beide Filme.

Die Filmografie von Dolph Lundgren in der IMDb
Die (leider sehr mässige) Homepage von Dolph:
Die bessere (weil auch umfangreichere) Alternative ist eine Fanseite
 
Das Titelfoto ist von seiner Homepage, alle anderen sind von der Fanseite DOLPH-ULTIMATE.COM

Zitate 1 von der Homepage DOLPHLUNDGREN.COM
Zitat 2 aus einem Interview der Fanpage DOLPH-ULTIMATE.COM
 
Command PerformanceIcarus

Kommentare  

#1 Mainstream 2008-12-13 07:02
-
Ich werde trotz allem sehr viel Abstand davon nehmen,
in die Videothek zu rennen und mir seine Filme auszuleihen.
Aber so im Fernsehen, muss ich zugeben, werde ich jetzt
mal die Augen offen halten.

Ein wirklich sehr schöner Artikel, mit einem hinreissenden,
und noch dazu sehr unbekannten Aspekt.

Respekt, und ein Danke schön oben drauf.

Gäste sind momentan nicht mehr berechtigt Kommentare zu schreiben, da täglich bis zu 200 Spamkommentare gelöscht werden mussten.

Bitte registriert Euch beim Zauberspiegel. Wir suchen nach einer Lösung.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles