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Superman 1986 - John Byrne erfindet den ”Man of Steel” neu

Heldenhaft - Die DC-KolumneSuperman 1986
John Byrne erfindet den ”Man of Steel” neu

Die Idee, Superman einer Modernisierung zu unterziehen, die ihn „in die Gegenwart“ (der 80er) holen würde, war keine neue gewesen. Die Natur der Geschichten und somit der Figur selbst war seit den frühen 70ern nicht mehr dem Zeitgeist angepasst worden. Das unbestrittene (und trotz allem auch an Verkaufszahlen festmachbare) Zugpferd des Verlages wirkte zusehends „altbacken“, besonders im Vergleich zu den damals regelrecht hypermodernen Comics drüben bei Marvel unter Jim Shooter.

Doch erst als die COIE erdacht wurde, bot sich eine offenkundige Gelegenheit dazu. Und aus einem engeren Kandidatenkreis an Autoren wurde John Byrne erwählt, das alles umzusetzen ...


Dieser Artikel soll (und kann) nicht die über 45 Jahre Geschichte der Figur bis zum damaligen Zeitpunkt abhandeln. Ich werde mich in zukünftigen Artikeln zu Superman eigentlich hauptsächlich allem ab 1986 widmen. Sollte sich hier also jemand finden, der diesen Zustand absolut untragbar findet, dann ist er (oder sie?) gerne eingeladen, den einen oder anderen „Gast-Beitrag“ für diese Kolumne über frühere Phasen Supermans zu schreiben.

Als „Einstimmung“ auf die generelle Entwicklung von Superhelden und das „Phänomen“ Superhelden als solches möchte ich jedem Interessierten eine 90-minütige ARTE-Dokumentation aus dem Jahr 2002 ans Herz legen (ernsthaft!!!).

Diese ist nicht Superman- oder auch bloß DC-spezifisch (eigentlich ja sogar eher Marvel-lastig), aber sehr viele namhafte Personen und Macher kommen darin zu Wort. Und auch Superman wird wiederholt darin thematisiert.

Falls man (ich wiederhole mich hier - leider!) des Englischen mächtig genug ist, also bitte (netterweise vielleicht erst nach Lektüre des Artikels) einfach hier klicken.

1986 in der Übersicht
Die Superman-Comics aus dem Kalenderjahr 1986 mögen dem Uneingeweihten etwas schwer zu durchschauen sein, nämlich in ihrer Erscheinungsweise.

Ich habe mir erlaubt, eine Tabelle hier in den Artikel zu setzen. Darin ist neben Kalendermonat 1986 auch des jeweilige Cover-Datum vermerkt. Ebenso (wo zutreffend) der Fundort für die deutsche Übersetzung.
Tabellarische Übersicht Superman Kalenderjahr 1986
Anzumerken ist noch, dass das letzte COIE-Heft im Dezember 1985 erschienen ist. Die Tabelle hier setzt also „lückenlos“ im Folgemonat an.

DC war sich bewusst, dass eine Neuerfindung nicht eine Sache war, die man in einigen Heften durchführen könnte und dann „fertig“!

Es wurde tatsächlich ein Re-Boot durchgeführt, sämtliche bekannten Figuren (Freunde und Feinde natürlich) hatten danach wieder ihren neuen „ersten“ Auftritt.

Um dieses Unterfangen dennoch in relativ kurzer Zeit weit zu bringen, wurde beschlossen zu den „traditionell“ zwei fortlaufenden Superman-Serien (nämlich „Action Comics“ und „Superman“) eine dritte, neue zu bringen:

Die alte „Superman“-Serie wurde ab Band 426 in „Adventures of Superman“ umgetauft, damit die neue schlicht „Superman“ genannt werden konnte. Hier wird zur besseren Unterscheidbarkeit bei Bezeichnung der neuen auch von „Superman (Vol.2)“ oder „Superman (1986)“  gesprochen.

Letzter "alter" Superman-BandErstes Halbjahr 1986
In den letzten sechs Ausgaben von sowohl „Action Comics“ wie auch „Superman“ vor der dreimonatigen Pause wirkte zunächst noch die COIE nach, bevor man sich mit einigen „nichts mehr kaputt machen könnenden“ Heften vor dem Re-Boot austoben konnte.

Sie sind teilweise nette Hefte, aber wirklich empfehlenswert ist ausschließlich das Heft Superman #423 (deutsch im Ehapa Superman TB 49), mit der legendären Geschichte „Whatever happened to the Man of Tomorrow?“, geschrieben von Alan Moore und illustriert von Curt Swan und George Pérez.

Besagter Alan Moore war übrigens auch dafür vorgesehen, eine der drei Serien regelmäßig zu schreiben. Die ursprüngliche Idee war, dass die neue „Superman“-Serie von Byrne geschrieben und gezeichnet werden würde, „Action Comics“ eben von Alan Moore geschrieben und von Byrne „bloߓ gezeichnet, und die „alte“, nun „Adventures of Superman“ genannte von Marv Wolfman geschrieben und Jerry Ordway gezeichnet hätte werden sollen.

Die Überlieferung besagt, dass Alan Moore „terminliche“ Engpässe hatte und deshalb absagte. Was nicht vollkommen unglaubwürdig klingt, bedenkt man, dass zu jener Zeit auch die Arbeit an seinen Watchmen aktuell war (stand damals knapp vor Veröffentlichung), und weiß man, wie detailliert Moore seine Comic-Skripte zu schreiben pflegt.

Gerüchte seit anno dazumal sprechen von einem kreativen Aneinandergeraten der beiden Herren Moore und Byrne. Sei es weil letzterer sich nicht bei seinen Zeichnungen an die minutiösen Vorgaben Moore‘scher Skripte halten wollte, oder weil ersterer an der (schriftstellerischen) Kompetenz Byrnes Planung zum Re-Boot zweifelte. Wir werden es wohl nie erfahren.

Fest steht jedenfalls, dass durch Moores Absage für „Action Comics“ diesen Titel nun auch Byrne machen durfte/musste. Was seinen Anteil an der Neuschaffung nochmal wesentlich ausbaute.

Die Mini-Serie ist ein Re-Boot6-bändige Mini-Serie „Man of Steel“
In diesem Artikel wollen wir uns mit der sechsbändigen Mini-Serie „Man of Steel“ beschäftigen, welche in den drei Sommermonaten 1986 als alleinige Superman-Kost in Amerika erschien, wurde für diese 14-tägige Serie doch die reguläre Erscheinungsfrequenz der beiden fortlaufenden Serien um ganze drei Monate einfach so unterbrochen (das hatten zuvor nichtmal Kriege geschafft!).

Übersetzt findet man diese sechs Bände zu einem Band gesammelt noch von Ehapa herausgegeben, nämlich im „Superman-Handbuch #1“, auch „Der neue Superman“ genannt.

Wenn man gar die US-Originale besitzt, mag auf die beiden inneren Umschlagseiten des ersten Bandes der Mini-Serie verwiesen sein, wo (U2) Chef-Redax Dick Giordano (der Byrne hier auch inkte) über Entstehung des Re-Boot-Projekts schreibt, und (U3) wo John Byrne über seinen persönlichen Superman-Werdegang als Leser hin zum Profi erzählt. Beides nett zu lesen.

Band 1:
In Band 1 beginnen wir mit seinen Kryptonischen Eltern, Jor-El und Lara. Dieses re-bootete Krypton ist ein hochtechnisiertes, emotional abgestumpftes Krypton. Die Kryptonier selbst sind mittlerweile steril geworden (in mehr als bloß biologischem Sinne), und Jor-El erklärt Lara, mit welcher er Genmaterial zu einer in-vitro-artigen Heranzucht des Kindes Kal-El gespendet hat, dass seine Beobachtungen der fernen Welt „Erde“ ihn die Wege des Kryptonischen Volkes hinterfragen haben lassen. Dass diese rohen Barbaren jenes Planetens sich doch ihre Gefühle bewahrt haben. Und als Krypton durch nukleare Kettenreaktion im Planetenkern vergeht, gesteht er ihr seine „Liebe“, während ihr gemeinsames Kind noch in dessen „Geburts-Matrix“ ins All geschossen wird.

Einen Zeitraffer-Sprung später sehen wir den 18-jährigen Clark Kent ein Spiel seiner Football-Mannschaft gewinnen und von Coach und Cheerleadern hochgelobt werden. Alle sind zufrieden, bloß nicht sein Vater Jonathan Kent. Der hält wenig davon, dass sein Zieh-Sohn seine Superkräfte für Derartiges einsetzt. Er entschließt sich, seinem Sohn endlich die Wahrheit über dessen Herkunft zu sagen, dass er in einem Raumschiff als Säugling von Jonathan und Martha Kent aufgefunden und adoptiert wird. Es folgen Rückblicke über seine Entdeckung der diversen Superfähigkeiten, die er besitzt. Zwar haben diese sich schon seit frühestem Kindheitsalter an gezeigt, aber er war niemals als Superboy unterwegs.

Clark erkennt, dass es „Sinnvolles“ für ihn im verschlafenen Kuhdorf Smallville nichts zu tun gibt, und er zieht in die Welt hinaus.

Seine Mutter sammelt stolz Zeitungsausschnitte der Heldentaten, die der junge Clark bis dahin „anonym“ ausübt, bis er zum ersten Mal aus einer Notsituation heraus dieser Anonymität quasi beraubt wird.

Ein Experimental-Shuttle der NASA droht während einer Flugshow (in derem Publikum auch Clark ist) abzustürzen, und Clark muss aus dem Publikum heraus (und also vor Publikum) einen auf Held machen. An Bord des Shuttles befindet sich die Reporterin Lois Lane, und als Clark das Shuttle sicher zur Erde bringt und sie aussteigt, gibt es einen Moment der „Liebe auf den ersten Blick“, bevor der Mob auf ihn einstürzt und er fliehen muss. Lois Lane schreibt danach einen Artikel über diesen ihr unbekannten Mann und benutzt zum ersten Mal den Begriff „Superman“ (mit unbestimmtem Artikel).

Clark weiß nicht, wie er mit den Leuten umgehen soll, und Rat suchend kehrt er zu seinen Eltern heim. Die denken sich für ihn die „Verkleidung“ als Clark Kent aus. Seine Mutter näht ihm sein Superman-Trikot, mit einem S-Emblem, das von Lois‘ Wortschöpfung herrührt. Somit war Lois Lane es eigentlich, die Superman seinen Namen gab.

Auf der letzten Seite ist eine Splash-Page mit dem erstmalig ganz zu sehenden kostümierten Superman.

Titelbilder der sechs HefteBand 2:
In Band 2 versucht Lois Lane alles, den nun auch im Kostüm und in Öffentlichkeit auftretenden und die Stadt Metropolis beschützenden Superman zu einem Interview zu bewegen. Wir erleben, wie sie ihm immer einen Schritt zu weit hinterher ist, er entschärft eine Geiselnahme, sie kommt erst dort an, als er schon weg ist. In ihrer journalistischen Besessenheit fingiert sie einen Autounfall, indem sie ihren Wagen von der Brücke in den Fluss fährt, und tatsächlich: Superman kommt sie retten, und fliegt sie dann auch gleich nach Hause, wo er ein wenig mit ihr plaudert, damit sie zumindest einen Rumpf-Artikel über ihn schreiben kann. Er eröffnet ihr auch, dass er sehr wohl um die Vorsätzlichkeit des Unfalls wusste, da er die Sauerstoffflasche unter ihrem Beifahrersitz gesehen hat. Die ganze Szene hat etwas von kokettierendem Flirt. Auf ihrer Jagd nach Superman stößt sie auch ihren Verehrer Lex Luthor vor den Kopf, was keine schlaue Sache ist... Am Ende des Tages stürmt Lois mit dem Artikel in die Redaktion des Daily Planet, aber ihr Chef-Redakteur Perry White meint bloß, dass sie zu spät gekommen sei - er hätte schon eine Exklusiv-Story über Superman. Lois will pampig wissen von wem, und Perry stellt ihr ihren neuen Kollegen vor. Einen Journalisten aus Smallville namens ... Clark Kent.
Übrigens lernen wir, dass er Röntgen-Blick und Hitze-Blick hat.

Band 3:
Band 3 handelt bereits acht Monate nach dem Shuttle-Zwischenfall. Superman verschlägt es nach Gotham, wo er zum ersten Mal mit Batman in Kontakt kommt. Eigentlich will er ihn verhaften und der Polizei übergeben, aber Batman ist auf Superman, dessen Wirken er über die Zeitung studiert hat, vorbereitet... Zusammen machen die beiden die Geisteskranke Magpie dingfest. Das Heft dient dem gegenseitigen Beschnuppern der beiden, und am Bandende geht Superman mit der Einsicht nach Metropolis zurück, dass Gotham ein gänzlich anderes Pflaster als seine Stadt ist, mit gänzlich anderen Problemen, die eine gänzlich andere Herangehensweise erfordern - nämlich Batmans.
Das letzte Panel lässt Batman dem davonfliegenden Supie nach blicken und dabei denken:

A remarkable man, all things considered. Who knows? In a different reality, I might have called him „Friend“.

(Im übrigen lernen wir von Supermans Teleskop-Blick, seiner Superpuste, und dass er bei Flügen ins All auf Sauerstoff angewiesen ist.)

Band 4:
Band 4 spielt bereits 18 Monate nach Clark Kents Arbeitsaufnahme beim Daily Planet.
Lois (die hier als Karriere-Vamp gezeichnet und geschrieben ist) ist von Lex Luthor (der hier noch Stirnglatze hat) zu einem Empfang auf seiner Riesen-Yacht eingeladen, wohin sie Clark einfach mitnimmt. Luthor hat Lois Lane ein sündteures Kostüm für den Anlass zukommen lassen, und sie glaubt, er meinte es als Leihgabe für den Abend, bis er ihr eröffnet, dass es natürlich ein Geschenk ist. Lois Lane bringt das auf die Palme, weil sie LLs Avancen mittlerweile satt hat. Sie zieht den Fummel schlicht einfach aus und wirft ihn LL vor die Füße, leiht sich Clarks Jackett wider die Nacktheit und möchte von Bord gehen, als plötzlich eine Gruppe südamerikanischer Rebellen das Schiff entern. Clark geht halb freiwillig über Bord, damit er als Superman zurückkehren kann.
Es stellt sich heraus, dass Luthor den Vorfall vorsätzlich zugelassen hat, weil er sehen wollte, wozu Superman in der Lage ist, und ihn gleich für LexCorp anheuern will.
Aber als Superman höflich sein Angebot ausschlägt, ist Lex etwas ungehalten, und als der anwesende Bürgermeister Lex wegen Gemeingefährdung der Gäste am Schiff vorübergehend festnehmen lässt, macht Lex bloß Superman dafür verantwortlich.
Lex ist natürlich umgehend wieder frei und lauert Superman auf, um ihn wissen zu lassen, dass er auf seiner Abschussliste steht und er ihn töten wird. Irgendwie und irgendwann, aber bald. Weil seit Superman in Metropolis aufgetaucht ist, die Bürger der Stadt offenbar vergessen haben, wer der „King“ der Stadt ist, nämlich Luthor.
(Luthor ist hier nicht mehr der verrückte Wissenschafter, sondern ein erbarmungsloser Tycoon und Machtmensch, dem praktisch ganz Metropolis gehört. Ein gefährlicher Feind, mit welchem sich Superman hier eher unfreiwillig anlegt.)

Band 5:
Band 5 spielt fünf Jahre nach Band 1. Luthor (mittlerweile nur noch mit Haarkranz) versucht einen Superman-Klon zu züchten, aber durch Supermans außerirdische DNA misslingt das Experiment und das Resultat ist Bizarro (der aber nie so genannt wird).
Bizarro dient dazu, das Unterbewusste des re-booteten Superman dem Leser näher zu bringen. Er küsst etwa einfach so Lois Lane, zeigt am Ende eine Opferbereitschaft bis zum Tod. Außerdem lernen wir von Supermans Mikroskop-Blick. Sonst gibt das Heft nicht viel her.

Band 6:
In Band 6 nennt sich Superman selbst 28-jährig. Er macht einen Abstecher heim zu seinen (mittlerweile schon in Rente befindlichen) Eltern. Dort erklärt ihm Lana Lang, seine Freundin aus Kindheits- und Jugendzeiten in Smallville, dass er in gewisser Weise ihr Leben ruinierte, als er als Superman nach Metropolis ging. (Er hat ihr seine Kräfte damals offenbart.) Außerdem wurde von irgend jemandem das Raumschiff gestohlen, in dem er abgestürzt war. An der Absturzstelle manifestiert sich eine Hologramm-Erinnerung seines kryptonischen Vaters, wie zuvor schon eine andere seiner kryptonischen Mutter, die ihm die Erinnerung an Krypton in seinen Kopf verpflanzen. Alles, was Krypton einst war, dessen Geschichte, Sprache, Literatur. Dennoch empfindet Clark es nicht als sein Zuhause. Das ist die Erde.

Auf der Abschlussseite denkt er:
Krypton bred me, but it was Earth that gave me all I am. All that matters.
It was Krypton that made Superman ...
... but it is the Earth that makes me human!!

Und noch drei Mini-Serien
Die „Man of Steel“ Mini-Serie beschäftigte sich also quasi im Zeitraffer mit dem neu-erfundenen Superman selbst. Gleichzeitig ließ sie natürlich über den Hintergrund, in welchem sich diese Figur bewegte, eine Unmenge Fragen offen. Fragen, die man in den fortlaufenden Serien danach nicht so recht angehen wollte (direkt und komprimiert thematisierend). Aus diesem Grunde gab es 1987/88 dann nochmal gleich drei weitere, jeweils 4-teilige Mini-Serien, die den Lesern den aktualisierten Status Quo der Hintergrund-Settings vermitteln sollte.

Alle drei wurden von Byrne geschrieben, aber von anderen Leuten gezeichnet. Es handelt sich um die Mini-Serien „World of Krypton“, „World of Metropolis“ und „World of Smallville“, also je eine eigene Mini-Serie zu den drei wichtigsten Orten für Superman. Glücklicherweise wurden die alle auch ins Deutsche übertragen, aber sie sollen in diesem Artikel hier noch nicht thematisiert werden - dazu kommen wir noch.

Ebenso zu den nach der Mini-Serie laufenden drei regulären Serien.
 
John Byrne vor ein paar JahrenJohn Byrne
John Byrne wurde am 6. Juli 1950 in England geboren, wo er auch seine ersten Lebensjahre verbrachte und als kleines Kind mit Comics in Berührung kam. Im Alter von 8 Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern schließlich nach Kanada, wo er wesentlich näher an den US-amerikanischen Superhelden-Comics war, deren Palette am Kiosk wesentlich breiter präsentiert wurde. Seine Faszination mit Comics trieb ihn zu einem Kunststudium, das er am Alberta College of Art von 1970 bis 1973 absolvierte.
Anlässlich seiner Hochzeit zog er zu seiner Frau nach Chicago, also in die USA. Heute lebt er (geschieden) in Fairfield, Connecticut.

Seine erste professionelle Arbeit erschien 1974 für Charlton Comics. Drei Jahre später hatte er es schon zu Marvel geschafft, und dort zum Titel „X-Men“. Bald erschienen seine Arbeiten auch in „Captain America“ sowie den „Avengers“, bevor er zu einem fünfjährigen Lauf als Autor & Zeichner bei den „Fantastic Four“ ansetzte, welcher unter anderem einen Austausch des „Dings“ durch She-Hulk beinhielt. Zu beiden dieser Figuren gab es von ihm auch eigene Serien.
Danach verschlug es ihn zu DC, wo er ab 1986 für ca. zwei Jahre den Superman-Neustart betreute.
Seitdem war er wiederholt für DC (etwa mit einem langen „Wonder Woman“-Run), Marvel (einem wirklich lesenswerten Run bei „Namor The Sub-Mariner“), aber auch Dark Horse Comics tätig (etwa mit seinen Creator-Owned „The Next Men“).

Byrnes Arbeit (sein Schreiben, nicht sein Zeichnen!) hat wiederholt polarisiert.
Er war wohl einer der ersten „meistgehassten“ Kreativen im Comics-Bereich.
Selbst heute deklarieren sich manche Leute (unaufgefordert!) als „Byrne-Hater“.
Hauptsächlich wird ihm vorgeworfen, er hätte nur aufgrund seiner Zeichenkunst die Schreiberei vieler Titel übernehmen dürfen. Und eigentlich sei er ein wunderbarer Zeichner, aber leider bloß ein mediokrer Autor. Speziell einige Entscheidungen in seiner Zeit als Autor der „Fantastic Four“ (wie etwa Ben Grimm, das Ding, zu kicken!), sowie seine unterirdisch-debile (<= subjektive Meinung des Kolumnisten, der selbst einst Byrne-Hater war, bevor der Hass verflog) Arbeit an den West Coast Avengers, werden ihm heute noch vorgeworfen. Auch dass er bei all seinen längeren „Runs“ an einem Titel stets länger als absolut nötig blieb, lässt sich beobachten. Am Anfang sind die Leute froh, dass er kommt, am Ende froh, dass er wieder weg ist. Er scheint schwer loslassen zu können.

Byrne hat so unterschiedliche Serien gemacht, dass man sich schwer tut, ihm ein echtes „Mögen“ all jener diversen Figuren abzukaufen. Er steht im (Hater-)Verdacht, einfach alles zu machen, was er kriegen kann und konnte, egal, was er selbst für die betroffenen Figuren übrig gehabt haben mochte.

Dem Fandom gegenüber zeigte er sich stets unnahbar, die dahingehende „Nahbarkeit“ vieler seiner Kollegen dürfte ihm als unprofessionell vorgekommen sein, was er angeblich selbige Kollegen gelegentlich auch hat wissen lassen. Sprich: auch seine  arrogante Art seinen Kollegen gegenüber hat bewirkt, dass manche davon sich (ganz unüblich in einem Geschäft, wo jeder sonst immer alles und jedes, das vor einem, ja selbst zeitgenössisch mit einem war, schönredet) ebenfalls als zu den „Hatern“ gehörig geoutet haben.

Meine persönliche Meinung ist, dass er in seiner besten Zeit ein begnadeter Zeichner war, der dummerweise dachte, er sei ein begnadeter Autor. Darin liegt eine ganz eigene Tragik, für deren tieferes Verständnis man allerdings in einem Ausmaß mit Comics und deren Geschichte vertraut sein muss, das zu vermitteln keine Kolumnen-Reihe der Welt vermag.
 
Eine detailierte Biographie findet sich auf seiner Homepage.
Ein kurzes Interview (man ignoriere die eingefügten Bildunterschriften eines Byrne-Hassers) aus 1992 findet sich hier.

  
kTM
 

Kommentare  

#1 Carn 2011-02-26 12:03
So'n schlechter Autor war/ist Byrne nicht, seine Fantastic Four und seine Superman-Stories sind für Teenager durchaus unterhaltsam. M. E. hat er sich wohl thematisch auch dadurch beschnitten, daß er wohl bewußt auf diesem Unterhaltungsniveau bleiben wollte. Um auf das schriftstellerische Niveau eines Alan Moore zu kommen, hätte es bei ihm wohl zu einer völlig neuen Sichtweise und Auffassungsgabe für Comics bedurft.
Sehr interessant wäre es natürlich gewesen, wenn Moore tatsächlich Action-Comics übernommen hätte - aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß ein solch traditoneller Titel, der eben zum diesem Zeitpunkt grundsätzlich noch für Kinder konzipiert war, die Ideen Moores für den Stählernen vertragen hätte. Moore war damals noch nicht auf seinem Retro-Trip (Supreme) und er hätte wohl gern so drastische Stories in Superman präsentiert, wie er sie in Miracleman brachte (in Swamp Thing war's Wurscht, da konnte er sich austoben wie er wollte, da er hier nicht mit einer Ikone jonglierte).
Aber allein die Vorstellung verschafft mir eine regelrechte Gänsehaut. Auch wär's wunderbar gewesen, wenn sein 'Twilight'-Konzept umgesetzt worden wäre, bevor der Bruch mit DC entgültig vollzogen war. Tja SchadeSchade
#2 Wolfgang Trubshaw 2011-02-26 19:53
Ich möchte nochmal anmerken, dass ich kein Byrne-Hater mehr bin.

In Anbetracht der "Todsünden", die andere Autoren seit Byrnes Tagen so gemacht haben, wäre es regelrecht grotesk, ihm wegen seiner eigenen (im Vergleich kaum erwähnenswerten) Verfehlungen noch böse zu sein.

Was ich an Byrne mochte, war, dass er immer wieder gewisse "Momente" schaffen konnte.
Beispielhaft hier in diesem Forum am Seitenende eine einmalige Seite aus FF267, aus einer Geschichte mit dem absolut genialen Titel "A small loss".

www.byrnerobotics.com/forum/forum_posts.asp?TID=37665&PN=7&TPN=3

Ich habe übrigens den ganzen Tag heute sein (überraschend belebtes) Forum dort durchgelesen, und zu meinem großen Überraschen teile ich so ziemlich jede seiner dort geäußerten Ansichten.

Wer hätte das gedacht. :o

Es gibt auf seiner Seite auch eine detailierte Bibliographie:

www.byrnerobotics.com/Checklist/categories.asp
#3 Carn 2011-02-26 21:22
Grafisch hat Byrne oft neue Wege und experimentelle Layouts gesucht und probiert.
Was andere ihm vielleicht vorhalten - daß er sich zu lange an eine Serie klammerte - finde ich andererseits eher vorbildlich. Heutzutage wo jeder Zeichner nach 5 Heften 'neue Herausforderungen' sucht, ist das ja wohl eine absolute Seltenheit. Eine fortlaufende grafische Kontinuität macht für mich auch die Konstanz einer Comic-Serie aus (wow wie hat das Bagley die über 100 Ultimate Spidey Hefte geschafft!) - hier hat er meinen absoluten Respekt für seine Disziplin und seinen Ideenfluß
Die X-Men Byrne/Claermont Hefte der 80er waren auch der Grund dafür, daß ich damals wieder angefangen hatte Superhelden-Comics zu lesen (und dann Meisterwerke wie DarkKnight/Watchmen/Miraclemen zeitnah mitzuerleben).
Übrigens definierte er ja auch das Verhältnis Superman - Batman in der Man-of-Steel-Mini neu - ein sehr gespanntes (und deshalb auch spannenderes), daß Miller dann ja auch in All-Star-Batman&Robin weiterverfolgte und drastischer auslegte (dann könnte man fast meinen, daß Miller sich hier also dieses Batman-Bild vielleicht sogar zum Vorbild nahm)

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