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The Weird / Der Schock - Vierteilige Mini-Serie von 1988

Heldenhaft - Die DC-KolumneThe Weird / Der Schock
Vierteilige Mini-Serie von 1988

Figuren, deren Rechte bei den Schöpfern verblieben. Naturgemäß ging das bei kleinen Indie-Verlagen besser als bei DC oder Marvel, untergrub es doch gewissermaßen deren Geschäftsmodell. Um aber nicht die begabtesten Schöpfer an die Independants zu verlieren, wurden bei den Großverlagen gewisse Bonifikations-Programme entwickelt.

So bekamen Urheber neuer Figuren für ihre Schöpfungen einen zusätzlichen einmaligen Sonderbetrag, und (obwohl die Figur im DC/Marvel-Besitz blieb) für jedes weitere Auftreten dieser Figur bis ans Ende aller Tage Tantiemen.

Eine der „positively different“ seienden derartigen Figuren ist „The Weird“ von Jim Starlin und Bernie Wrightson ...


The Weird in voller PrachtLektüre
Die von Autor Jim Starlin und Kult-Zeichner Bernie Wrightson geschaffene Figur debütierte in den USA Anfang 1988 in einem 4-Teiler im doppelten Umfang. Jeder der vier Bände hatte somit 38 Seiten statt der damals sonst üblichen 19 Seiten.
Für damalige Verhältnisse war das vom Gefühl her also quasi ein 8-Teiler. Und dermaßen viel Platz reichte durchaus dazu aus, der Figur einen gelungenen und stimmigen Einstieg ins DC-Universum zu verschaffen, welcher obendrein tatsächlich hohen Unterhaltungswert hatte, nicht bloß „Vorstellung“ der neuen Figur war.

In Deutschland war Hethke überraschend schnell mit der Übersetzung parat. 1989 erschienen die vier US-Hefte in #3 und #4 der Reihe „Batman Sonderband“, also je zwei US-Originale pro deutschem 80-seitigen Album.

Warum der Norbert Hethke-Verlag allerdings den reichlich unglücklich übersetzten Namen „Der Schock“ verwenden zu müssen meinte, bleibt hingegen unklar. In den US-Originalen bekommt die Figur durch einen Dialog zwischen Blue Beetle und Guy Gardner ihren Namen. Darin bezeichnet der Beetle das seltsame Wesen schlicht als „the weird“ (quasi „diese Seltsamkeit“) und Guy Gardner gefällt diese höchst simple Namensgebung so gut, dass er die Figur somit als getauft erklärt.

Ich besitze die Übersetzungen nicht, wäre sehr an der Eindeutschung des besagten Dialogs interessiert. Vielleicht kann mir ein Besucher des Zauberspiegels dahingehend ja weiterhelfen: Wie kommt der deutsche Name „Der Schock“ zustande?!

Will man sich an die Lektüre des amerikanischen 4-Teilers machen, kann man entweder um relativ wenig Geld die vier Originalausgaben auftreiben, oder man greift auf das Trade-Paperback „Mystery in Space #2“ zurück, in welchem (unter anderem) die komplette Miniserie nachgedruckt wurde. Die ISBN dieses Paperbacks lautet 9781401216924. Man legt dafür (neu) gegenwärtig ca. 15 Euro ab.

Außerirdisches Energiewesen assimiliert einen LeichnamHandlung
In einer anderen Dimension existieren zwei Arten von Wesen. Beide haben gemein, dass sie aus reiner Energie bestehen. Was sie unterscheidet, ist die Stellung in der Nahrungskette. Die eher antriebslosen und mit einfachstem Gemüt ausgestatteten Zarolatts bestehen nur, um von den agressiven und mit Jäger-Instinkt ausgestatteten Macrolatts angezapft und schlussendlich verspeist zu werden.

Nun ist der Hunger der Macrolatts allerdings ein unstillbarer und da (in ihrer Dimension zumindest) Macrolatts unsterblich sind, gibt es folglich mehr und mehr von ihnen, wird die Haltung von der benötigten Menge Zarolatts zusehends schwieriger. Die Macrolatts beabsichtigen folglich in eine andere Dimension zwecks Nahrungssuche überzuwechseln, und sie entscheiden sich (natürlich ausgerechnet) für unsere Erde.

Da unsere Dimension allerdings anderen Naturgesetzen unterliegt, können sie nicht einfach so überwechseln, sondern benötigen eine Art Brücke. Außerdem können sie bei uns als reine Energie nicht existieren und brauchen daher Wirte.

Sie nehmen (telepathisch in seinen Träumen) mit einem unguten Erdling namens Jason Kontakt auf, transferieren einiges ihrer Energie in diesen, wodurch er Superkräfte bekommt. Jason hat über die genaue Beschaffenheit und die Absichten der Macrolatts natürlich nicht den geringsten Schimmer.

Er glaubt, sie seien einfach bloß „Außerirdische“, die die Welt erobern möchten, und ihm dann quasi Statthalterstellung zubilligen würden, wenn er ihnen erfolgreich die erforderte Brücke baut.

In ihrer Heimatdimension gibt es nun aber ein „aufmüpfiges“ Zarolatt, das gebannt die Ereignisse auf der Erde beobachtet und bei der erstbesten Gelegenheit über die von Jason gebaute Brücke auf unsere Welt überwechselt.

Hethke-Übersetzung Teil 1Da Zarolatts energetisch unterschiedlicher gebaut sind als Macrolatts wird die von Jason gebaute Brücke durch das Überwechseln des Zarolatts vorübergehend wieder zerstört. Dabei vergehen zwei der Macrolatts, was für das Zarolatt eine Offenbarung ist, dachte es doch, diese seien unsterblich und könnten nicht besiegt werden.

Wir haben also ein geflohenes Zarolatt quasi als „Freiheitskämpfer“ auf der Erde. Dieses braucht wie erwähnt einen Körper bzw. einen Wirt. Es findet die Vorstellung, sich einfach einen Wirt zu krallen so unerträglich, wie es das Aussaugen der Zarolatts durch die Macrolatts unerträglich empfindet, weshalb ihm nichts Besseres einfällt, als den gerade zur Totenmesse aufgebahrten Leichnam eines Familienvaters zu assimilieren, da dieser ihn ja „nicht mehr braucht“.

Dadurch bekommt das Zarolatt allerdings auch gewisse Erinnerungen des Verstorbenen mit, und somit hat das Zarolatt ein Rumpfwissen unserer Welt, mit welchem es sich leidlich orientieren kann. Gleichsam muss es sich mit den Emotionen des Verstorbenen auseinandersetzen, den es zu seiner hinterbliebenen Familie, besonders zu seinem Sohn, zieht.

Hethke-Übersetzung Teil 2Die Gestaltnahme in einer Leiche bedingt aber eine Instabilität des Wirts, wodurch das Zarolatt Gefahr läuft schlicht zu explodieren. Es ist auf Erden also eine wandelnde Bombe mit genug Energie in sich, den halben Planeten zu atomisieren.

Diesen Umstand entdeckt nun Superman, der zusammen mit der Justice League versucht, des Wesens habhaft zu werden, da sie es als Gefahr für die Erde einstufen. Dabei möchte das Zarolatt doch bloß „den Jason“ ausschalten, bevor dieser erneut eine Brücke für die Macrolatts legen kann.

In ihrer Unwissenheit stehlen die Superhelden dem mittlerweile als „The Weird“ bezeichneten Zarolatt/Verstorbener-Hybrid so viel Zeit, dass tatsächlich Macrolatts auf die Erde überwechseln können. Als „The Weird“ „den Jason“ schließlich ausschaltet - die Superhelden sind dabei zur Tatenlosigkeit verdammt -, ist es bereits zu spät!

Die Macrolatts nehmen sich die erstbesten Wirte - nämlich einige Superhelden (!). Diese sind nun mit unfassbaren Mengen Energie ausgestattet und bekämpfen die anderen Superhelden, die mittlerweile begriffen haben, dass „The Weird“ kein Böser ist.

Schließlich gelingt es (hier soll nicht ansatzweise gespoilert werden), die Macrolatt-Bedrohung zu bannen. Es bleibt ein mittlerweile kritisch instabiler „The Weird“ zurück, der schleunigst in die Tiefen des Alls verbracht werden muss, wo er in einer unfassbaren Explosion vergeht. Nicht allerdings, ohne sich vorher ergreifend von „seinem“ Sohn verabschiedet zu haben.    

Nachdruck im Paperback Meinung
Es gibt viele Comics aus den 80ern, die äußerst unvorteilhaft gealtert sind. Sei es aus erzählerischen Gründen, sei es aus Zeitgeist-Gründen, oder gar aus zeichnerischen Gründen.

Die vorliegende Miniserie hingegen ist in Würde gealtert. Man sieht ihr (außer am schlechten Papier der US-Einzelausgaben) ihr Entstehungsdatum nur aufgrund der Zusammensetzung der in der Geschichte auftretenden Justice League an. Davon abgesehen hätte das Werk genau so auch 15 Jahre später erscheinen können.

Jim Starlin versteht es hervorragend, einen spannenden dramaturgischen Bogen über alle vier Hefte hinweg aufzubauen. Seine Dialoge sind glaubhaft und unprätentiös. Ein erster Band, der Fragen aufwirft und den Leser in (positiver) Ungewissheit lässt. Ein zweiter Band, der die Fragen teilweise beantwortet, wo einem aber über die Antworten (ob deren Implikationen) schwummrig wird. Ein dritter Band voll Drama und Action. (Sehenswerte, „realistische“ und wohldosierte Action!) Und ein vierter Band mit einem Ende, das so nicht erwartet werden konnte, aber äußerst gefällig und in sich stimmig ist, nicht bloß unvorhersehbar der Unvorhersehbarkeit halber.

Als emotionaler Ausgleich zieht sich durch die Handlung auch ein Nebenfaden, der sich den Resterinnerungen des assimilierten Verstorbenen annimmt. The Weird besucht den („seinen“) Sohn des Verstorbenen, und vermittelt ihm rührend (und auch männlichen Lesern erträglich) all das, was „er ihm noch hätte sagen wollen“ vor seinem Tod.

Manche Szenen zwischen „Vater“ und Sohn wirken trotz oder gerade wegen der emotionalen Offenheit unheimlich beklemmend, und es ist an diesen Szenen, wo man den ehemaligen DC-Verantwortungsträgern dankbar dafür ist, dass sie Bernie Wrightson diese Sache anvertraut haben. Es manifestiert sich so ein ganz klein bisschen regelrecht diese heilige Stimmung zwischen Frankenstein-Monster und blindem Mädchen.

Ganz prinzipiell ist die Figur visuell eine typische Wrightson-Geburt. „The Weird“ hat ein nur unvollkommen und entstellt assimiliertes Gesicht, das er meist hinter einer Teilmaske verbirgt, bloß seine Augen sind sichtbar, und das eine ist schön freakartig „glubschig“.

Auch passiert es nicht alle Tage, dass man Wrightson die Justice League zeichnen erlebt. Speziell sein Guy Gardner profitiert von seinem grotesken Stil. Sein Superman hat auch einen gewissen Reiz, von welchem ich sehr überrascht war. (So aus dem Stand könnte ich mich nicht erinnern, allzu viel Superman von Wrightson gesehen zu haben.)

Falls man nach lesenswerten Heften aus den 80ern sucht, darf man hier bedenkenlos zugreifen. Die erzählte Geschichte ist vollkommen in sich abgeschlossen; man muss nichts „davor“ und nichts „danach“ lesen. Durch die Hethke-Ausgaben bietet sich sogar eine deutsche Lektüre an. Obendrein kommt man wohl leichter (wenn auch sicher nicht billiger - die deutschen Bände stehen mit je 9 Euro im aktuellen Katalog) an zwei gebrauchte deutsche Alben als an vier gebrauchte US-Hefte. Der erwähnte Nachdruck im US-Paperback ist allerdings noch in Druck und neu lieferbar.

Kommentare  

#1 Thomas Rippert 2011-06-18 09:41
An die Story an sich kann ich mich kaum noch erinnern, das Artwork ist jedoch - wie bei jedem Hero-Wrightson - hängen geblieben.

Wer nach der Mainstream-League sucht, für den ist THE WEIRD nicht wirklich etwas, da diese Geschichte eine wenig "versetzt" neben den normalen Erlebnissen der League steht, wie ich finde.

Starlin lag mir nie besonders, da er mir zu weltalllastig ist und Wrighson ist mir auch nur in seinen Hero-Ausflügen angenehm (SWAMP THING, BATMAN) - doch hier ergibt Minus + Minus ein dickes Plus, gerade weil es aus der normalen Bwahaha-League der damaligen Zeit heraus sticht...welche ich aber nach wie vor als ein der besten Zeiten der League betrachte, Giffen/DeMatteis sei Dank! ;)
#2 GuentherDrach 2011-06-18 17:37
In der Miniserie Mystery In Space (vor ein paar Jahren, eine Art Spinoff von 52) kehrte The Weird übrigends unter Starlins Regie wieder ins Reich der Lebenden zurück.

Starlin. Von seinen DC-Sachen sind mir besonders Cosmic Odysee (gezeichnet von Mignola), Batman: The Cult (auch mit Wrightson) und natürlich sein Batman: Death in the Family-Arc (Aparo iirc?) in Erinnerung geblieben.
Cosmic Odysee ist schon wegen Mignolas Artwork zu empfehlen. Eine recht nette Darkseid-Story.
Batman: The Cult sollte man mM gelesen haben. Schön düster und brutal: Deacon Blackfire stürzt mit seiner Armee von Heimatlosen ganz Gotham City ins Chaos.

Ich mochte Starlins alte Warlock-Sachen (Marvel) sehr gerne (vor dem nervenden Infinity Gauntlet/Crusade/War/whatever-Quark). Er konnte früher auch sehr gut zeichnen (Warlock, Dreadstar), aber die Sachen, die er in letzter Zeit abgeliefert hat (Death of the New Gods), waren einfach nur grauslig.
#3 Carn 2011-06-19 11:32
Günther, mit dem Qualitätsabfall im einiger Zeichner im fortgeschrittenen Alter kann ich Dir nur recht geben. Aufgefallen ist es mir bisher bei John Byrne, John Buscema, Jim Aparo und noch einigen anderen. Jim Aparo war für mich neben Neal Adams eigentlich DER Batman-Zeichner der 70er. Später flachte sein Stil immer mehr ab (in den 70ern war sein Stil sehr düster und kraftvoll). Auch Wrightson gefiel mir in seiner Swamp-Thing-Zeit besser, als seine heutigen Comic-Sachen (ich klammere mal seine reinen Illustrationen und den Freak-Show-Band aus). Ich nehme einfach nur mal an, daß nach tausenden und tausenden von Comic-Panels sich eine gewisse Müdigkeit und flache Standardisierung einsetzt.
Einzig George Perez' Artwork gefällt mir heutzutage besser als seine Anfangsteile.
#4 Thomas Rippert 2011-06-19 13:56
Nur das Perez nicht mehr wirklich einen regelmäßigen Comic zusammen bekommt. Die Mädels & Jungs werden eben auch älter und das macht sich in deren Handwerk auch bemerkbar. Man fängt schlecht an, wird immer besser und flacht dann - zum Alter hin - immer mehr ab.

Neal Adams zeichnet heutzutage auch immer noch gut - wobei sein Gerede immer noch schneller ist als er selbst beim arbeiten, aber ich habe selten etwas verworreneres gelesen als seinen momentanen "Batman - The Odyssee". Da ist es wohl der Name und sein Legat, was ihm die Jobs bei DC & Marvel noch verschafft, nicht der Umstand das er wirklich noch etwas tolles zustande bringt.

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