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Bd. 12 - Die Nacht des Henkers

Cover 

Let's go
                                               Don't want you want for the weekend
                                               Don’t want you for a night
                                               I'm only into risking, if I can held you for life
                                               I know I sound serious
                                               Baby I am
                                               You're a fine piece of real estate
                                               I'm gonna get me some land
                                               So don't try to run, honey
                                               I'm gonna get ya, while I got you inside
                                               Im gonna get ya, if it takes all night
                                               You can bet by the time I say go you'll never say no
                                               I'm gonna get ya, it's matter of fact
                                               Im gonna get ya, don't you worry about that

(Shania Twain, I'm gonna get you)

 

 

Horst von Allwörden

Die Nacht des Henkers

Ein Opfer

Kassel, im Juni des vergangenen Jahres, kurz vor der Sonnenwende

Wann Freund Hein kommt, weiß niemand so genau. Und die Gestalt, in der er kommt, ist nicht immer die des Knöchernen in der Kutte mit Kapuze und Sense. Manchmal kommt er wesentlich attraktiver daher, aber das Ergebnis bleibt stets dasselbe.

Freund Hein kennt kein Erbarmen. Elke Winter sollte das in einer lauen Mittsommernacht erfahren. Ihre letzte Erfahrung ...

Der alte Polo, Baujahr 1982, quälte sich die Zufahrt zu den Parkplätzen hinter dem Herkules, Nordhessens Wahrzeichen, hinauf. Es war die Zeit kurz vor Sonnenaufgang. Elke Winter kam dann gern nach der langen Schicht im Hurricane noch aus der Nordstadt hier herauf, um einen Moment die Hektik zu vergessen, nörgelnde Zecher und all das laute Gerede und Geschrei. Gerade jetzt, wo die Fußballweltmeisterschaft lief, war es schlimm.

Der Chef hatte einen großen Flachbildschirm angeschafft und an einer der Wände anbringen lassen. Wenn eines der Spiele lief, standen die Menschen dicht gedrängt oder saßen bei offenem Fenster draußen vor der Tür. Gut fürs Geschäft – gut auch fürs Trinkgeld, weniger gut für das Nervenkostüm.

Hier oben am Herkules konnte die junge Studentin ausspannen, die Seele baumeln lassen und die herrliche Aussicht über Stadt, Bergpark, Schloss und Land genießen.

Scheiß Fußball, dachte die Studentin, als ihre Scheinwerfer einen Waschbären erfassten, der in aller Seelenruhe die Fahrbahn überquerte.

Sie bremste fluchend, die Bremsen griffen mühevoll. Sie waren alt und mussten bald ausgetauscht werden. Zum Glück waren die Semesterferien nicht mehr weit. Im heimischen Bielefeld würde die Reparatur über die Bühne gehen. Der Ferienjob im Callcenter würde es einbringen.

Gerade noch brachte sie das alte Vehikel zum Stehen. Sie sah dem putzigen Gesellen, wie Heinz Sielmann sich wohl ausgedrückt hätte, zu, wie er auf der anderen Straßenseite in der Dunkelheit verschwand. Elke Winter sandte dem Tier ein paar Flüche nach.

Studentin zu sein, ohne einen wirklich reichen Vater zu haben, machte die Dinge nicht gerade einfacher. Immerhin zahlte ihr Vater ihre Benzinrechnungen und steckte ihr hier und da was zu, aber ums Kellnern in der beliebten Kneipe in Kassels Nordstadt kam sie nicht herum. Noch zwei Jahre, dann war sie Sozialpädagogin. Das falsche Studium, wie sie mittlerweile wusste, denn im Gegensatz zu Betriebswirten, Juristen und Medizinern, würde sie kaum besser verdienen, als hätte sie Einzelhandelskauffrau gelernt.

So war es. Sozial war in, aber kosten durfte es nichts. Das war ein unglaublicher Widersinn. Aber sie hatte den Studiengang nicht wegen des Geldes gewählt, sondern aus Überzeugung. Hier konnte sie unmittelbar etwas für Menschen tun.

Elke Winter hatte die Parkplätze erreicht und brachte den Polo zum Stehen. Die junge blonde Frau schaltete den Motor ab und zog den Zündschlüssel.

Hauptsache, er springt wieder an, wenn ich nach Hause will, war ihr erster Gedanke, als sie die Tür aufstieß und die frische, aber nicht zu kalte Nachtluft spürte. Noch vor knapp anderthalb Wochen hatte man sich den Hintern abgefroren, aber dieser Beckenbauer schien mit den Mächten des Schicksals im Bunde. Kaum hatten die Fußballer mit ihrem sinnlosen Gebolze begonnen, hielt auch schon der Sommer Einzug.

Jetzt war es Elke recht. Sie holte noch schnell ihre dünne Strickjacke vom Rücksitz. Dann ging es hinüber zum Herkules.

Mit jedem Schritt hin zum Denkmal oberhalb des Schlosses Wilhelmshöhe fiel ein Stück des Frustes und des Ärgers von ihr ab. Hier war ihr Platz, hier konnte sie abschalten.

In dieser Nacht war nur noch ein Fahrzeug auf dem Parkplatz. Der Fußball hatte die Leute zu Hause oder in den Kneipen vor ihren Geräten gehalten. Der Sieger war mit Alkohol und dem obligatorischen Autokorso entlang der Holländischen Straße gefeiert worden. Sonst waren immer noch ein paar Fahrzeuge mehr hier.

Elke war das nur recht. Je weniger desto besser. Als sie die Treppe erreichte, die über einen kleinen Buckel führte, kam ihr von oben ein Pärchen entgegen.

Elke ließ sie passieren und kramte aus ihrer Tasche einen Beutel Tabak und Blättchen hervor. Als sie die Selbstgedrehte anzündete, hörte sie vom Parkplatz einen startenden Wagen.

Sie war allein.

Wie schön, dachte die Studentin.

Sie hatte den Blick für sich allein. Endlich einmal.

Tief inhalierte sie den Rauch, als sie an dem gewaltigen Sockel angelangt war, auf dem der steinerne griechische Sagenheld stand. Dann kam sie um die Ecke und war einen Moment lang enttäuscht. Die grellen Scheinwerfer, die Kassels Wahrzeichen in helles Licht tauchten, erfassten eine Gestalt.

Elke war doch nicht allein ...

Ein junger, hoch gewachsener, blonder Mann stand da und sah auf die Stadt hinab.

Er schien sie gehört zu haben und wandte sich ihr zu. Sein Gesicht war wunderschön. Fein geschnitten und ein leidender Zug hatte sich in diese ebenmäßigen Züge eingegraben.

Gab es Liebe auf den ersten Blick, fragte sich Elke. Und eine andere Stimme antwortete: Ja!

 

***

 

Die Gejagte

Dieses Jahr, Juni – um die Zeit der Sonnenwende

Sie erwachte. Cresmonia Gwscore öffnete die Augen und wusste gar nicht, dass sie Cresmonia Gwscore war. Sie saß im Schatten einer Buche in einem Wald. Die mächtigen Kronen der Bäume ließen das Licht der Sonne nur gedämpft durch. Es war warm und anheimelnd. Sie war verwirrt. Aber sie fror immerhin nicht.

Wer bin ich?

Wo bin ich?

Welcher Wald?

Habe ich geschlafen?

Wie lange habe ich geschlafen?

Was tue ich hier?

Die Hexe sah sich um. Der Wald kam ihr entfernt bekannt vor. Aber irgendwie war ihr Gedächtnis blockiert. Sie konnte sich nicht erinnern. Sie fühlte sich, als schliefen Teile ihres Geistes immer noch und erwachten erst nach und nach.

Ich bin Cresmonia Gwscore, dachte sie.

Dieser Gedanke war richtig, befand die blonde Frau, denn das war sie in der Tat. Hexe und Mitglied der Schwarzen Familie. Sie gehörte zu den Sippen von Dämonen, Vampiren, Magiern und anderen Gestalten der Nacht, die danach trachteten, der Hölle den Weg auf die Erde zu ebnen.

Und doch ...  Sie hatte nie so ganz dazu gehört, weil ihr nie der Sinn nach Weltherrschaft gestanden hatte. Auch dem Gefallenen den Weg auf die Erde zu ebnen, war nie wirklich ihr Ziel gewesen. Denn Luzifer würde die Menschheit versklaven und ihr, Cresmonia, die Spielzeuge nehmen.

Ich bin also eine Hexe, stellte sie dann zu ihrer Zufriedenheit fest. Nach und nach erinnerte sie sich an lang zurückliegende Dinge. Ihr Leben rollte sich von hinten wieder auf und sie erkannte, dass sie verdammt lang gelebt hatte.

Sollte mich das überraschen?

Die Hexe erkannte, wer sie war. Erinnerungen und Schatten von Erinnerungen überfluteten sie förmlich. Darin spielte auch ein blonder Mann mit dem Namen Mark Larsen eine Rolle, dem sie im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnet war. Liebe und Hass verbanden sie mit diesem Mann.

Dann tauchte ein bärtiger Alter auf. Ein Stich. Sie kannte ihn. Aber nur flüchtige Begegnungen. Oder war da mehr? Da waren dünne Schatten, aber sie konnte sich einfach nicht klar erinnern.

Was ist mit mir los?

Diese Frage konnte sie auf Anhieb nicht beantworten. Was war geschehen, dass sie hier im Schatten der Buche hockte? Nackt, wie sie vor langer Zeit erschaffen worden war.

Für einen Moment raste ein wahnsinniger Schmerz durch ihren Unterarm. Sie zuckte zusammen und griff mit der Rechten nach dem linken Arm. Die Hexe hob ihn und nahm ihn in Augenschein. Er war da, keine Wunden zu sehen. Die Hand war voll funktionsfähig, und doch war da eben dieser Schmerz gewesen.

Ein wahnsinniger Schmerz, gerade so, als würde ihr der Unterarm abgerissen werden. Cresmonia Gwscore, die Hexe, starrte auf ihren Arm, fühlte das Echo des Schmerzes.

Dann stieg das hasserfüllte Gesicht eines alten Bekannten vor ihr auf ...

Langsam kehrte die Erinnerung an das zurück, was von Mai bis zur Sommersonnenwende im letzten Jahr geschehen war.

 

***

 

Der Jäger

Dieses Jahr im Juni – um die Zeit der Sonnenwende

Die Shetland Inseln im Nordatlantik waren selbst zu dieser Jahreszeit nicht der gastlichste Ort der Welt. Umtost vom Nordatlantik, war es hier fast immer ungemütlich. Entweder regnete es und es war nebelig, oder es regnete und es war windig. Sonnenhungrige trieb es nicht auf die Inseln. Die gelegentlichen Rucksacktouristen waren für einen Einheimischen ein lästiges Übel, aber fast immer blieb er unbehelligt.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood war die Einsamkeit und das raue Klima der Inseln mehr als recht. Waren ihm Menschen doch eher zuwider. Der Menschenschlag hier kam dem entgegen. Ein wenig verschlossen, darauf bedacht, die eigenen Dinge zu regeln und sich nicht um die anderer zu kümmern.

So ließen sie ihn, den Scharfrichter der Schwarzen Familie in Ruhe. Sein Herrenhaus unweit der Klippen zum Nordatlantik war sein Rückzugspunkt, seine Heimat. Hier hatte er seine Ruhe, wenn Asmodi ihn nicht ausschickte, Strafen zu vollstrecken.

Das Donnern der Wogen konnte er bei geöffnetem Fenster hören. Er liebte es, wenn der Sturm die Wolken über den Himmel und die Wellen an die Klippen trieb. An solchen Tagen und Nächten ging er gern spazieren und genoss die aufgewühlten Elemente.

Für die Einheimischen war er ein schrulliger Milliardär, der sich hier zur Ruhe gesetzt hatte. Man achtete nicht auf ihn. Seine Dienerschaft war immer schweigsam.

Wenn die Inselbewohner gewusst hätten, dass er seine drei Diener mit etruskischen Elixieren am Leben erhielt, deren Herstellung ihn Castragor Barstow gelehrt hatte, dann wären ihnen eisige Schauer über den Rücken gelaufen.

Um den Schwarzzauberer der Barstows tat es Bartholemew Filligrew Crwmberwood fast ein wenig leid. Mehr als dass der Schwarzzauberer dahin geschieden war, wusste man nicht. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie hatte munkeln gehört, er war in einen Versammlungsort des Ordens geschickt worden. Was aber genau geschehen war, hatte Belphegor Barstow niemanden wissen lassen. Vielleicht, so vermutete Bartholemew, wusste er das auch gar nicht ...

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie saß entspannt auf seiner Veranda. Er trank Tee und starrte auf den Atlantik, der seine Fluten immer wieder gegen die Klippen warf. Der Dämon fand es beruhigend, denn dieses Warten zerrte schon an seinen Nerven.

Er wartete zwar mit der Geduld eines Anglers auf ein ganz bestimmtes Ereignis, aber der Fisch wollte nicht anbeißen. Es war, als starre er auf trübes Wasser und konnte die Beute erahnen, die um den Haken zwar herumschwamm, aber nicht anbiss.

Schon im letzten Sommer wollte er diese Angelegenheit erledigt haben, aber ein Jungspund von nicht einmal hundert Jahren war ihm in die Parade gefahren und hatte seinen großen Moment verhindert. Der Triumph, den er seit den Tagen des großen Aufstandes der Angelsachsen beim Kloster Ely 1071 herbeisehnte, um die erlittene Schmach wettzumachen. Er wollte den Tod Cresmonia Gwscores. Asmodi hatte ihm in New York den Auftrag erteilt, sie zu richten*.

Aber sie war wie vom Erdboden verschluckt ...

Die Beute war entkommen, aber er hatte Wächter aufgestellt; Wächter, die ihn sofort alarmieren würden, wenn sie wieder aus ihrem Versteck hervorkam. In jenem Moment, wo sie sich bewegte, würde er Nachricht erhalten. Aber bisher war nichts passiert.

Jene Wächter waren Wesenheiten, die er von jenem besonderen Ort gerufen hatte. Wesen, die ihm zu Diensten waren.

Mehrmals war er dorthin gereist, aber seine Wächter waren in Ordnung. Cresmonia musste immer noch irgendwo da sein. Wo hatte sie sich nur versteckt? Warum rührte sie sich nicht?

Cresmonia war doch wohl nicht wie eine sterbende Katze in ein letztes Versteck gekrochen, um dort zu verbluten. Das würde ihn um seine Rache bringen. War das der letzte Streich, den sie ihm spielte?

Beinahe nachlässig zerdrückte Bartholemew Filligrew Crwmberwood, der aussah als wäre er todkrank und zu schwach einen Arzt anzurufen, die Teetasse, aus der er getrunken hatte. Es war feinstes Meißner Porzellan, hunderte Jahre alt und unbezahlbar. Bartholemew Filligrew Crwmberwood machte das nichts. Er hatte Dutzende dieser Tassen.

Blut trat aus der Wunde. Es war nicht rot sondern dunkler, viel dunkler. Es war schwarzes Dämonenblut. Mit müßigem Lächeln betrachtete er die Wunde und sah zu, wie das Blut auf die Marmorfliesen der Terrasse tropfte. Er sammelte seinen Willen und konzentrierte sich. Zögernd und langsam schlossen sich die Schnitte.

Im Stillen verfluchte Bartholemew Filligrew Crwmberwood den Zimmermann. Sein Erbe ließ den kleinsten Zauber zur Anstrengung werden. Dieses Erbe musste vom Antlitz dieser Welt getilgt werden. Wäre der Schatz nicht, hätten ihn die Scherben nicht einmal geschnitten.

Einer seiner stummen Diener erschien, brachte ihm eine neue Tasse und goss frischen Tee ein, fügte einen Löffel Zucker und ein paar Tropfen Milch hinzu.

Versonnen sah Bartholemew Filligrew Crwmberwood den Mann an. Im 16. Jahrhundert war er ein berüchtigter Mörder gewesen. Crwmberwood hatte ihn selbst vom Galgen geschnitten und zu seinem Diener gemacht.

Der Vorteil von Untoten als Diener war ihre Genügsamkeit. Sie waren so pflegeleicht. Sie schwatzten und tratschten nicht, feilschten nicht um Löhne, wollten keine freien Tage und erledigten klaglos alle ihnen übertragenen Aufgaben. Manchmal waren sie zwar unbeholfen und wenn man nicht wusste, wie man ihrem Geruch Herr wurde, konnten sie auch lästig sein. Doch sie besaßen unbestreitbare Vorteile.

Seine Gedanken kehrten zu Cresmonia Gwscore zurück. Wo war sie abgeblieben und was trieb sie?

Er begann, sich zu erinnern. Es hatte sich ausgezahlt, Cresmonia Gwscore und ihren Hexenzirkel immer im Auge behalten zu haben. Von New York war er nach Frankfurt gekommen und hatte sich Sarah Möllers bemächtigt*. Aber noch viel wichtiger war das Kleinod, das er an sich genommen hatte.

Es war eine Nacht Anfang Mai vor mehr als einem Jahr gewesen. Er war mit dem Zug von Frankfurt nach Kassel gefahren – weiß der Geier, was Cresmonia in „Hessisch-Sibirien“ wollte. Seine unfreiwillige Begleitung war Sarah Möller, die Hexe ...

 

***

 

Der Verfluchte

Kassel, im Juni des letzten Jahres, kurz vor der Sonnenwende

Der Trieb war in ihm. Der Trieb zu töten, Leben zu nehmen. Carmillo van Appen hasste sich dafür. Er hasste sich für das, was er war, was er sein musste, was Bartholemew Filligrew Crwmberwood im Namen Asmodis aus ihm gemacht hatte.

Carmillo, Sohn des Sippenältesten der Amsterdamer Dämonen, wollte einst die Menschen beherrschen, sie dominieren, ihnen den Willen rauben, aber nicht töten. Dann hatte man keinen Spaß mehr mit ihnen. Aber es war alles anders gekommen. Er musste sie töten, konnte nicht anders, wenn er nicht in einer Kakophonie des Schmerzes enden wollte.

Sein Stolz war dahin. Seine Sippe duldete ihn nur mehr. Alles war dahin in einem grausamen Moment, da Carmillo am falschen Ort das Falsche gesagt hatte. Dann war er erschienen, der Scharfrichter der Schwarzen Familie und hatte ihn zu dieser Bestie gemacht, diesem Monster.

Nun stand er hier oben und ließ seinen Blick über die Stadt schweifen, sah das Meer der Lichter. Über ihm ein Denkmal, unter ihm ein Schloss. Aber der Anblick, den Menschen wohl als erhebend empfinden mochten, bedeutete ihm nichts. Die Aussicht war nicht in der Lage, ihm irgendetwas zu geben, geschweige denn den Schmerz zu lindern, den Drang zu mildern.

Carmillo van Appen würde es tun müssen. Bald. Sehr bald.

Unter ihm kam ein Paar die Stufen hinauf. Würden sie es sein? Waren das seine nächsten Opfer? Der Jungdämon sah auf sie hinab. Er schloss die Augen, kämpfte gegen den Schmerz an und gewann. Ein letztes Mal. Egal wer nun kam, der würde den Tod finden. Und er ein wenig Frieden ...

Carmillo bewunderte Cresmonia Gwscore, die ihren eigenen Weg ging. Er liebte und verehrte sie. In dieser Stadt würde der Dämon aus Holland sie treffen, das hatten ihm die Karten gezeigt. Nur wann, war unklar geblieben, aber es war die Zeit um die Sonnenwende. Aber sie würde Hilfe brauchen, seine Hilfe. Und gerade weil sie anders war, mochte sie den Fluch brechen und mit ihm zusammen fortgehen. Fort, an einen Ort, wo ihr gemeinsamer Feind sie nicht finden konnte.

Ihr gemeinsamer Feind war im letzten Monat in der Stadt gewesen.

Er war auf der Jagd und erlegte seine Beute. Aber dabei durfte er den Scharfrichter der Schwarzen Familie nicht stören. Und ehrlich gesagt war sein jetziges Tun völlig egal. Mehrfach hatte er dem Alten zugesehen, wie er mit der willenlosen Puppe hier in Kassel erfolgreich jagte. Das ging fast schon sechs Wochen so.

Dazu spürte Carmillo Wesenheiten, die über der Stadt wachten und mal hier, mal da waren. Sie suchten, aber zum Glück nicht ihn. Nicht viel hätte gefehlt und Carmillo hätte die Stadt verlassen, als er der Wesenheiten gewahr wurde. Aber sie beachteten ihn nicht.

Der Dämon glaubte zu wissen, wen sie suchten – Cresmonia Gwscore.

Carmillo kam es auch nur auf Cresmonia Gwscore an. Sie war diejenige, die er retten musste. Es stimmte. Bisher hatte sie ihn kaum wahrgenommen, hatte ihn behandelt wie ein kleines Kind, nicht einmal mit ihm gespielt hatte sie, wie sie es mit so vielen anderen getan hatte.

Aber das würde sich ändern, wenn er sie rettete.

Der Schmerz kam und mit ihm das verhasste Verlangen, Leben zu beenden, mit den Herzen der Opfer seinen Schmerz zu lindern, zumindest für kurze Zeit.

Er hasste Crwmberwood und vor allem Asmodi für das, was sie ihm angetan hatten, und verachtete sich selbst.

Ein Rest der Hitze des Tages hing noch über der Stadt. Aber nicht deshalb rann ihm der kalte Schweiß in Strömen über die Stirn. Es war jener innere Kampf gegen den Schmerz, gegen das, was ihn die Schmerzen tun ließen, gegen alles was seine Existenz noch ausmachte.

Sein feines Gehör hörte sich nähernde Schritte. Der junge Dämon wandte sich um. Geduldig wartete er ab. Die Schritte näherten sich weiter. Bald darauf kam eine junge blonde Frau hinter dem Sockel des Denkmals hervor. Vorsichtig sandte er seine geistigen Fühler aus. Ohne dass die junge Frau es merkte, ergriff der Dämon Besitz von einer Studentin namens Elke Winter. Er stimulierte Teile ihres Gehirns. Er spürte förmlich, wie sie sich in ihn verliebte.

Carmillo van Appen ging auf das Mädchen zu. Innerlich verzweifelte er. Aber der Fluch Crwmberwoods ließ ihm nur diese eine Wahl: das Mädchen oder die Schmerzen. So wichtig waren Menschen nicht.

Er hatte den Kampf gegen den Fluch schon verloren – wie üblich ...

Er schämte und hasste sich dafür. Aber das änderte nichts.

Gar nichts ...

 

***

 

Die Gejagte

Cresmonias Erinnerung

Im Mai des vorigen Jahres – irgendwo in London

Schmerzen, Schmerzen. Nichts als Schmerzen. Wie ein Tier kroch Cresmonia Gwscore auf das Bett zu und verkroch sich – wie so oft in den letzten Tagen - wimmernd darin.

Von der Nasenwurzel ausgehend brannte ein unlöschbares Feuer. So kam es Cresmonia vor. Hier hatte ihr Mark Larsen die unscheinbare Münze* in einer verzweifelten Abwehrbewegung auf die Haut gepresst. Gleich darauf war es ihr, als würde er eine glühende Nadel in ihren Kopf stoßen, aber damit war es nicht getan. Von einem Augenblick zum nächsten breitete sich der Schmerz im ganzen Körper aus. Jeder Nerv erbebte unter dem Druck der Münze. Sie konnte einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ihre Instinkte erhielten sie überhaupt am Leben.

Nun durchraste sie der Schmerz schon seit Tagen. Ihr war kaum bewusst geworden, wie sie aus der Kapelle im Edwinstowe Valley bis hierher nach London in eines ihrer Häuser gekommen war. Sie ahnte mehr als sie wusste, wie sie ihren Besen zwischen die Beine geklemmt hatte und davon geflogen war. Alles war nur eine Kakophonie der Schmerzen gewesen. Sie waren überall. Alles in ihr brannte.

Im Schmerzdelirium vegetierte die Hexe dahin und schwor Mark Larsen in den wenigen klaren Momenten verzweifelt Rache. Sie würde ihm die Eingeweide herausreißen und dafür sorgen, dass er lange genug leben würde, um das auch richtig zu fühlen. Aber die Bilder ihrer Fantasie wurden immer wieder überlagert vom Schmerz, der sie einfach dominierte.

Ihr blondes volles Haar war fettig. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen.

Es stank im ganzen Haus bestialisch nach Schweiß und Urin. Sie konnte kaum eine Körperfunktion kontrollieren. Kaum einer ihrer Liebhaber würde sie jetzt noch wollen, die meisten würden sie kaum wieder erkennen. Ihr Gesicht war verzerrt. Wenn überhaupt ein Laut über ihre Lippen drang, war es ein schmerzerfülltes Stöhnen. Von Zeit zu Zeit sagte sie auch „Mark Larsen“, aber es klang wie ein Fluch.

Sie bekam kaum mit, dass sie Wasser trank, gegessen hatte Cresmonia in den letzten Tagen gar nichts. Sie war nicht in der Lage mit ihren Händen die hässliche Wunde, die sie in den zahlreichen Spiegeln sah, zu berühren.

Wenn die Erschöpfung sie übermannte, döste sie ein, wurde aber alsbald vom Schmerz wieder aus dem Schlaf gerissen.

Wenn ihr Bewusstsein nicht so getrübt gewesen wäre und ihre Instinkte sie beherrscht hätten, hätte sie sich wohl umgebracht. Aber der Lebenswille in ihr war stark. Über Jahrtausende gewachsen. So hielt sie durch.

 

***

 

Der Träumer

Mitte Mai 2006, nachts

Der Mann warf sich im Schlaf herum, wollte aufwachen, aber er konnte sich nicht aus den Fängen seines Albtraums lösen, der ihn seit so langer Zeit in den Klauen hielt. Immer und immer wieder erlebte er diese bitteren Momente, ob er wollte oder nicht, als geschähen sie just in diesem Augenblick, als wäre es nicht vor langer Zeit gewesen, sondern hier und jetzt.

Es war dieser Moment, da ein Priester aufgeregt in seine Hütte kam und ihn zur Quelle rief. Immer mit diesem Augenblick begann der Albtraum.

Ohne zu zögern, erhob er sich dann von seinem Lager, warf sich seinen Umhang über, ergriff seinen Wanderstab aus dem Holz einer Eiche und hetzte zur Quelle, wo der Hohepriester auf ihn wartete und ihn mit einem knappen Nicken begrüßte. „Sieh Hrinwell!“

Dann fiel Hrinwells Blick auf sie ...

Er konnte im Traum den kalten Wind spüren, der vom Dach der Welt kam. Sah im Licht des verlöschenden Tages sie, deren Gesicht von Hass, Triumph und wildem Rausch verzerrt war.

Hrinwell konnte die Rufe und sich nähernden Schritte der Mönche hören. Die Kinder der Bauern hörten auf zu spielen, Frauen starrten verstört auf die Szene an der Heiligen Quelle, der Quelle des Paradieses.

„Sie tut es“, sagte der Hohepriester. Sein Gesicht war zu einer Maske der Verzweifelung erstarrt.

„Nein!“, rief der bärtige junge Mann in der grauen Kutte mit dem Wanderstab aus Eschenholz in der Hand. „Tu es nicht! Um der Liebe willen, um meinetwillen, um der Welt willen, um der Götter willen!“

„Das ist das Ende Shangri Las“, rief sie aus und hielt die Phiole mit der glasklaren Flüssigkeit. „Die Wasser der Hölle werden den Jungbrunnen auf ewig zerstören. Eine Legende wird bleiben, aber die Zeiten der Unsterblichen und ihres verderbenden Einflusses sind nun für immer vorbei. Das gefallene Licht wird über alles triumphieren.“

„Du bist verblendet, in die Irre geführt, verführt und getäuscht worden, Cr...“, versuchte Hrinwell das Unheil noch abzuwenden.

Weiter kam er nicht. Die Frau goss den Inhalt der Phiole in die Quellen von Shangri La. Die Wasser der Hölle, der Verdammnis und des Todes mischten sich mit dem Wasser der Quelle, die ewige Jugend verlieh. Dann sank sie auf die Knie und sog die Wasser der Quelle und der Hölle gleichermaßen in gierigen Zügen auf.

Der Moment, da die Wasser der Hölle und die Wasser Shangri Las sich mischten, war der Moment, da die Welt den Atem anhielt.

Mit einem Schlag war es windstill, die Mönche erstarrten im vollen Lauf, die Augen der Kinder füllten sich mit Tränen und doch weinten sie ohne Laut. Alle waren erstarrt. Nichts regte sich. Der Schatten der Berge wurden intensiver, aber in Wahrheit berührte sie das Geschehen kaum. Ihre Existenz maß sich in anderen Zeiträumen und Dimensionen, und ihr Zweck war ein anderer, aber das blasse Licht des vergehenden Tages wurde noch fahler.

Dieser Augenblick schien sich zu dehnen, als wolle die Zeit selbst nicht geschehen lassen, was die Frau gerade getan hatte.

Die Frau erhob sich und rannte davon. Das war der Moment, da die Welt sich aufbäumte. Es begann mit einem Grollen tief im Innern der Erde. Dann färbten sich die Wasser der Quellen schwarz, erst nur wenig, dann rasend schnell waren sie wie Tinte, wie kochender Teer.

Der Fels um die Quellen hob sich, als hämmere von unten die Faust eines Titanen dagegen, die Erde bäumte sich auf, als wolle sie sich nicht in das Unabwendbare fügen.

Das Wasser warf Blasen, wurde unruhig. Die Feuer der Hölle verzehrten die Kraft des Paradieses.

Dann sprengte die Kraft aus dem Innern die Felsen rund um die Quelle. Erst schoss eine Fontäne aus Feuer und Dampf aus dem Innern der Erde. Der Knall hallte von den Bergen wider und war die schaurige Melodie zu der Katastrophe für die Welt und ihre Bewohner.

Hrinwell erwachte aus der Erstarrung. Sein gütiges Gesicht wandelte sich zu einer Grimasse aus Wut und Zorn. Er hob den Stab und setzte der Frau nach ...

„Nicht ...“, wollte der Hohepriester ihn zurückhalten, aber er konnte weder den Satz zu Ende bringen, noch den Bärtigen in der Kutte aufhalten. Ein mannshoher Felsen, der von den aufeinanderprallenden Gewalten in die Höhe geschleudert worden war, zermalmte ihn.

Die Erde riss auf, aber der Bärtige fand mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, und er holte auf. Schritt für Schritt.

Nur noch ein Gedanke war in ihm: Rache für den begangenen Frevel ...

 

***

 

Ein Opfer

Kassel, im Juni des vergangenen Jahres, kurz vor der Sonnenwende

Elke Winter sah den Mann an und war hin und weg. Schmale Hüften, breite Schultern, blondes, schulterlanges Haar. Ein Gesicht ebenmäßig und schön, mit einem kräftigen Kinn. Die Augen wirkten in dem Licht der Scheinwerfer und aus den paar Metern Entfernung wie Kohlen. Schwarz und tiefgründig. Aber das, was ihn anziehend machte, war der leidende Zug in seinem Gesicht. Eine tiefe Traurigkeit und Melancholie umspielte seine Lippen.

Weltschmerz!

Ja, das war der passende Ausdruck. Dieser Mann empfand einen tief sitzenden Gram über den Zustand der Welt.

Beinahe augenblicklich fühlte sich Elke zu dem Mann hingezogen.

Irgendwo ganz tief in ihr war eine kleine schwache Stimme, die die Studentin darauf hinwies, dass sie hier allein waren, weit weg von der nächsten bewohnten Behausung. Das war Schloss Wilhelmshöhe, wo sich ein Nachtwächter die Zeit mit Patiencen vertrieb. Aber diese mahnende Stimme erreichte nicht mehr Elke Winters Bewusstsein.

„Hallo“, sagte der junge Mann mit einem fremdartigen Akzent, der ein bisschen nach Rudi Carrell klang. „Ich bin Carmillo.“ Dabei sah er so herrlich verlegen aus, und das Lächeln war so schüchtern und entwaffnend, wie Elke fand. Die Grübchen taten ein Übriges. Elke fühlte mit jeder Faser ihres Körpers, wie sie entflammte.

Diesen oder keinen!

Das wurde ihr schlagartig klar.

„Ich bin Elke“, brachte sie mühsam hervor und sie lächelte Carmillo an wie der strahlende Morgen.

Das hier war Schicksal. Und die kleine Stimme in ihrem Innern verhallte ungehört.

Sie gingen aufeinander zu. Elke Winter sog jede Einzelheit ihres Gegenübers förmlich in sich auf. Sie genoss den Anblick Carmillos und stellte sich vor, mit ihm alt zu werden.

Was ihn wohl nach Kassel verschlagen hatte? Was machte er beruflich? Seine Kleidung jedenfalls war edel. Der Anzug sah zu gut aus, als dass er von C&A hätte sein können. Der kam nicht von der Stange. Der Stoff war fast weiß. Seine Schuhe und das Hemd vervollkommneten das Bild.

Nur noch eine Armeslänge trennte Elke Winter von Carmillo.

Ich werde ihn küssen, sagte sich die Studentin. Ich will ihn.

Er streckte seinen linken Arm aus. Sanft berührte er sie an den Schultern und zog sie sanft zu sich heran. Elke ließ es geschehen, überhörte dabei die Schreie der inneren Stimme. Sie war Carmillo völlig verfallen.

Seine Rechte kam hoch und Elke hielt den Atem an. Jetzt kam der Moment, wo er sie in den Arm nahm. Sie schloss die Augen, öffnete leicht die Lippen und war bereit sich der zärtlichen Umarmung hinzugeben.

Das alles war ein Traum, fand sie. Etwas in ihr ahnte den Albtraum. Doch diese Ahnung wurde ihr nicht bewusst. Sie spürte nicht die unheimliche Präsenz des Dämons.

Dann fühlte sie eine zarte Berührung an ihrer Brust.

Teufel, geht der aber ran, dachte sie und ahnte nicht, wie nahe sie der Wahrheit kam. Nur war der Teufel ein Dämon. Ihr von den Einflüsterungen des van Appen umnebelter Verstand erkannte weder die Gefahr, noch empfand sie Angst. Sie war sämtlicher Instinkte beraubt.

Sie fühlte seine Fingerspitzen auf ihrem T-Shirt. Ein leises Stöhnen entfuhr der Studentin. Sie war ganz sein. Und sie ahnte nicht, wie sehr das zutraf.

Aus den Fingerspitzen wurde die ganze Hand. Sie strich unterhalb der Brüste und tastete sich am Rippenbogen entlang.

Was dann kam, begriff Elke Winter nie so recht, doch sie hörte das Geräusch von zerreißendem Stoff. Gleich darauf durchfuhr sie ein irrer Schmerz und eine Hand schien ihr Herz zu umklammern ...

Unmöglich, dachte sie noch. Hätte das jemand gehört, hätte er sich fragen können, welch seltsame Gedanken Menschen in ihrer allerletzten Sekunde noch durch den Kopf gehen. Elke Winter wunderte das nicht mehr. Nur noch wenige Lidschläge und nichts mehr würde sie wundern. Ihre Zeit war abgelaufen. Freund Hein kam.

Der Muskel, den man das Herz nannte, wehrte sich, versuchte zu schlagen. Aber der Griff war zu fest. Es hörte auf. Es stand einfach still. Elke Winters Leben erlosch wie eine Kerze im Wind.

Die Studentin riss in einem allerletzten Aufbäumen die Augen auf. Dann brach sie zusammen. Das Letzte, was sie fühlte, war die Hand des Holländers, die ihren Körper verließ, dann sank sie tot zu Boden ...

Die Augen starrten blicklos in die Sommernacht. Das war kein Sommermärchen.

 

***

 

Der Jäger

Im Mai letzten Jahres in Kassel - der Metropole Nordhessens

Der Tod war nach Kassel gekommen und keiner merkte es. Der ICE hielt im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe, im Volksmund wegen der zugigen Säulenbauweise gern Palast der Winde genannt.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood, immer noch in Begleitung von Madame Hypno oder, wie es in ihrem Pass stand, Sarah Möller, hatte das Abteil in der 1. Klasse verlassen und stand nun auf dem Bahnsteig, um sich orientieren.

Er hielt nach einem Lakaien Ausschau, der ihnen den Weg zum Taxistand zeigen würde, bis ihm einfiel: Sie waren in Deutschland, wo derartige Serviceleistungen nicht zur Routine gehörten.

„Zum Taxistand!“, kommandierte er seine Begleiterin.

Sarah Möller gehorchte wortlos. Die Angst vor dem Scharfrichter der Schwarzen Familie saß tief. Sie hatte die Zeit der Panik nicht vergessen, nachdem Bartholemew Filligrew Crwmberwood in ihre Wohnung eingedrungen war und sie mit einem Zauber belegt hatte*.

Sarah Möller hatte in den letzten Stunden oft darüber nachgedacht, Bartholemew Filligrew Crwmberwood zu entkommen oder die anderen zu warnen, aber der alte Scharfrichter ließ ihr keine Chance. Und er hatte ihren Hexenstein gefunden, als sie von dem Zauber gefangen war.

Der hagere Mann schritt zügig aus. Die Blicke, die ihm und seiner jungen Begleitung folgten, ignorierte er dabei. Bartholemew Filligrew Crwmberwood trieben andere Dinge an. Die Seelen der Hexen um Cresmonia Gwscore und die Verdammte selbst waren zu töten und ihr Unsterbliches der Hölle zu überantworten.

Aber zunächst galt es, etwas Anderes zu erledigen. Sie stiegen in eine Taxe, und Bartholemew Filligrew Crwmberwood wandte sich an den Fahrer.

„Der Dörnberg“, nannte er das Fahrziel.

„Dörnberg“, antwortete der Fahrer und fragte. „Welche Straße?“

„Nicht das Dorf“, knurrte Crwmberwood. „Den Dörnberg. So nah ran wie möglich.“

„Geht klar“, antwortete der Fahrer und dachte sich seinen Teil, aber wollte das nicht diskutieren, was Bartholemew Filligrew Crwmberwood als durchaus wohltuend empfand.

Die Fahrt verlief in angenehmem Schweigen. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie konnte Sarah Möller ansehen, dass sie nicht im Geringsten wusste, was sie am Dörnberg wollten. Das wusste kaum einer.

Aber hier war etwas geschehen. Dieser Ort würde der Ort seiner Rache sein. Und er würde dort noch etwas Anderes finden, hoffte er mehr als er wusste.

Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann standen Crwmberwood und Sarah Möller am Fuß dieser markanten Landmarke im Norden Hessens. Vor langer Zeit hatte es hier einen Kampf gegeben. Einer der Priester Odins hatte hier mit einem Herzog der Chatten und dessen Kämpfern eine Gruppe Dämonen gestellt, die verzweifelt versucht hatten, ein Tor zur Hölle zu öffnen. Aber der Fluch des Zimmermanns hatte dies verhindert.

Das war die Blutrache dafür gewesen, dass diese Dämonen die römischen Legionen des Germanicus bei ihrer Strafexpedition für den Sieg über Varus geführt hatten. Was die Schwarze Familie damit bezweckt hatte, war heute nicht mehr bekannt, aber das Ergebnis für die dort kämpfenden Dämonen war verheerend gewesen.

Sie waren niedergemacht worden, aber ihre Geister oder die Schatten derselben mochte er noch erreichen. Diese brauchte Bartholemew Filligrew Crwmberwood, denn immerhin mochte Cresmonia Gwscore auf sein kommendes Tun aufmerksam werden. Da brauchte er das, was ein Mensch eine Alarmanlage nennen würde.

Kraftvoll, was im Vergleich zur Statur und der Erscheinung des Scharfrichters der Schwarzen Familie ein Widerspruch an sich war, schritt er aus, um den Berg zu erklimmen, wo einst die Dämonen um ihr Leben gerungen hatten.

Einer davon war sein Vater gewesen, daher gab es diese Überlieferung von dem wochenlangen Ringen in den damals fast undurchdringlichen Wäldern. Einer aus ihrer Sippe hatte es geschafft, dem Schlachten zu entgehen. Das Ganze war ein Familiengeheimnis, aber Bartholemew Filligrew Crwmberwood hatte schon einige Male gemutmaßt, dass er unter anderem deswegen von Asmodi nach seiner Schlappe 1071 verschont worden war.

Sarah Möller keuchte, als sie nach einiger Zeit die Höhe des Dörnbergs erreicht hatten. Der Gipfel war abgeflacht, als hätte eine Titanenfaust mit einem Messer den Gipfel gekappt. Zielsicher fand er mit seinen Dämonensinnen die Mitte des Plateaus. Dabei schleppte er Sarah Möller mit sich.

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie berührte Sarah Möller an der Schulter. „Wenn du nicht brav bist, wirst du wieder die Worte des Zaubers hören. Reiß dich zusammen.“

Dann blieb er stehen und schloss die Augen, als lausche er. Dann umspielte ein triumphierendes Lächeln seine Lippen.

Crwmberwood atmete tief durch, sog die Atmosphäre auf und hob die Arme ...

 

***

 

Der Träumer

Mitte Mai 2006, nachts

Der Mann warf sich hin und her. Er konnte nicht erwachen. Nicht zu diesem Zeitpunkt des Traums. So sehr er sich das auch wünschen mochte. Es ging nicht. Die Zeit war noch nicht gekommen. Und so erlebte er das Chaos noch einmal – wie so oft – als würde es in diesem Augenblick geschehen.

Hrinwell war nur noch von Hass erfüllt. Er stapfte über den Fels, der sich wölbte, als winde er sich unter Krämpfen. Doch er verlor nie sein Ziel aus den Augen. Die Frau rannte leichtfüßig vor ihm her. Ihr irres Lachen verstärkte seinen Hass und seinen Zorn nur noch.

Um ihn herum herrschte Chaos. Die Wasser der Hölle zerstörten einen Hort der Weisheit, des Glücks und des Guten auf dieser Welt. Der Bärtige war selbst weit mehr als drei Jahre unterwegs gewesen, um Shangri La zu erreichen, und er hatte das Verderben in Gestalt seiner Schwester hierher gebracht. Seine Scham kannte keine Grenzen und nährte seinen Zorn nur noch mehr. Sie hatten Heilung und Frieden gesucht und das Verderben gebracht. Nur der Tod konnte dies noch sühnen. Ihrer wie seiner. Mit dieser Schande konnte und wollte er nicht leben, aber erst musste er das sein, was er nie sein wollte: ein Henker.

Mit jedem Schritt kam er ihr näher. Die dünne Luft in der Höhe störte ihn nicht. Seine unermessliche Wut trieb ihn an.

Ich töte sie! Dieser Gedanke trieb ihn an, ließ nichts Anderes zu.

Noch waren es etwa zehn Schritte, bis er die Frau erreicht hatte. Er packte seinen Stab fester, damit würde er die Frau zu Fall bringen und ihr dann das Gesicht zerschmettern, den Mund zerstören, aus dem dieses irre Lachen drang, das sich mit den Geräuschen des Untergangs mischte. Sie musste sterben für den Frevel, dieser Welt einen paradiesischen Hort der Weisheit geraubt zu haben.

Hrinwell sagte kein Wort, während er seiner blonden Schwester mit jedem seiner Schritte ein Stück näher kam. Seine Knöchel traten weiß hervor. So fest packte er den Stock.

Dann hieb er zu, verfehlte aber das Bein seiner Schwester, weil diese einen Haken schlug. Irres Kichern drang aus ihrem Mund und trotz des Werkes der Zerstörung um sie herum, hörte der Bärtige dies überdeutlich und er fühlte sich verhöhnt.

Hrinwell verdoppelte seine Anstrengungen, folgte seiner Schwester und versetze sich in die Zeit zurück, da sie im heiligen Hain Fangen gespielt und er sie immer gekriegt hatte, weil sie immer denselben Trick versucht hatte.

Beinahe glaubte er, ihr kindliches, glockenhelles Lachen zu hören, das sich so sehr von dem höhnischen Gekreische unterschied, das ihr nun über die Lippen kam.

Einst war sie ein reines, unschuldiges Kind gewesen. Nun war sie nur noch eine verdorbene Bestie, eine Mörderin und ein Dienerin des Bösen, jener finsteren Mächte, die aus den Welten des Jenseitigen die gierigen Krallen ausstreckten und nun eines der Bollwerke des Guten und Reinen der Welt vernichtet hatten.

Wieder stieß er den Stab vor und erwischte seine Schwester am Knöchel. Sie stolperte, verlor das Gleichgewicht, versuchte sich zu fangen. Aber letztlich half es nichts. Hart schlug die blonde Frau auf den Boden auf. Doch das irre Lachen blieb. Kein Schmerzenslaut kam über ihre Lippen, obwohl sie Hautabschürfungen davongetragen hatte und der linke Unterarm in einem unnatürlichen Winkel abstand.

Hrinwell war mit schnellen Schritten heran. Er hob den Stock zum Schlag.

„Habe ich dich, Cresmonia ...“

 

***

 

Der Jäger

Im Mai letzten Jahres am Dörnberg, ein paar Kilometer außerhalb Kassels - der Metropole Nordhessens

Sein lautloser Ruf drang in die Erde und hallte durch Zeit und Raum.

Schweiß stand auf seiner Stirn. Der Hagere ging in die Knie, aber er ließ nicht nach. Sein Wille triumphierte über den Fluch des Schatzes. Er überwand alle Barrieren. Und ein Dutzend blass leuchtender Wesenheiten drang aus dem Erdboden. Sie umkreisten das Paar wie Elmsfeuer.

Sarah Möller fingerte nach ihrem Handy. Wenn sie auch kaum Kontakt untereinander hatten, wusste sie doch von Dreien des Zirkels die Telefonnummern. Sie wählte hektisch. Dann der Schock.

Kein Netz! Das, was ihr Peiniger hier machte, störte das Handynetz.

Aus!

Sie gab jeden Gedanken, ihre Hexenschwestern zu warnen oder an Flucht auf. Wenn sie auch nicht wusste, was diese leuchtenden Wesenheiten waren. Aber sie ahnte ihre Bedeutung. Jetzt wusste die Hexe auch, warum Crwmberwood sie nicht mit dem Zauber belegt hatte.

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie kniete nach wie vor, und sein Atem ging schwer, Schweiß hing ihm in dicken Tropfen auf der Stirn. Er war erschöpft. Er sah noch blasser aus als gewöhnlich. In seinen Augen stand die Müdigkeit, als er sie wieder öffnete.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood zwang sich aufzustehen. Er sah sich zu Sarah um. Dann lächelte er, zunächst gequält, dann zufrieden.

Er hatte es vollbracht. Ein Dutzend war mehr als er brauchte.

Es waren keine Geister, keine Dämonenseelen, sondern Wesen, die man als Schatten einer Seele bezeichnen konnte. Sie wussten nicht, wer sie einst waren, sie waren keine denkenden Wesenheiten. Sie waren ... Werkzeuge. Werkzeuge in den Händen Bartholemew Filligrew Crwmberwoods.

Lautlos sprach er zu ihnen und teilte ihnen ihre Aufgabe mit, die sie erfüllen würden. Sollte Cresmonia Gwscore nach Kassel kommen, würde er es augenblicklich erfahren.

So oder so. Er würde bekommen was er wollte. Crwmberwood war zufrieden mit sich und der Welt.

„Es hat nicht funktioniert, was?“, fragte Bartholemew Filligrew Crwmberwood und Sarah Möller sah ihn voller Todesangst an. Aber er unternahm nichts, außer ihr das Handy wegzunehmen.

Später standen Bartholemew Filligrew Crwmberwood und Sarah Möller am Fuße des Dörnbergs und hatten die Straße wieder erreicht. Mit Sarah Möllers Handy hatte er ein Taxi gerufen, auf das sie nun warteten.

Es war weit nach Mitternacht und die Sonne würde bald aufgehen.

„Wohin?“, fragte Bartholemew Filligrew Crwmberwood seine junge Begleitung.

„Sie wohnt in der Nordstadt von Kassel. In der Fiedlerstraße“, erklärte Sarah Möller mit müder, schwacher Stimme, die mehr einem Flüstern glich. Die Hausnummer wäre im Motorengeräusch des ankommenden Taxis untergegangen, wenn der Scharfrichter der Schwarzen Familie ein menschliches Ohr besessen hätte.

Wilde Phantasien durchrasten Bartholemew Filligrew Crwmberwood. Jede davon handelte von qualvoller Folter und langsamem Sterben. Ein von blonden Haaren umrahmtes Gesicht sah er jedes Mal vor seinem inneren Auge.

Wenn er sie kriegte, würde Bartholemew ihr die Schmach von 1071 heimzahlen und mehr, viel mehr. Diese verfluchte Hexe würde für all ihre Schandtaten büßen.

Das Taxi blieb vor ihnen stehen. Der Fahrer, ein knurriger Nordhesse von fülliger Statur und mächtigem Akzent, hielt den Ausdruck in Bartholemew Filligrew Crwmberwoods für Geilheit. Er enthielt sich aber eines Kommentars, dachte sich aber weiter seinen Teil. Man verdiente nicht sehr gut als Taxifahrer, und die Strecke von Zierenberg nach „Holland“ würde mit großer Wahrscheinlichkeit sein bestes Geschäft in dieser Nacht sein.

„Kassel, Nordstadt, Fiedlerstraße“, knurrte Crwmberwood und nuschelte die Hausnummer nur.

Aber nordhessische Taxifahrer waren alles gewohnt. Er hatte verstanden und fuhr schweigend los.

Der Alte ist bestimmt auf Viagra, dachte sich der Taxifahrer, und beeilte sich in die Nordstadt zu fahren. Der Mann ahnte nicht, wie sehr er den Gesichtsausdruck Bartholemews missdeutet hatte, und für ihn war es gut so.

Als das Taxi eine knappe halbe Stunde später die Henkelstraße hinunter und über die Brücke der Ahna fuhr, ein beschauliches, kaum natürlich zu nennendes Bächlein, war das Ziel erreicht. Erstes Licht im Osten kündigte den nahen Tag an.

Der Fahrer bog gar nicht mehr links ab, sondern fuhr direkt schräg über die Straße auf den Parkplatz vorm Haus, hielt und murrte nicht, als ihm Bartholemew Filligrew Crwmberwood kein Trinkgeld gab. Für den Chauffeur war der Alte ein Glückspilz, der es sehr eilig hatte. Immerhin konnten die blauen Pillen aufhören zu wirken, bevor er tatsächlich zum Schuss gekommen war.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood verließ mit Sarah Möller das Taxi. In der Hexe, die von einer Karriere als Hellseherin im Nachtprogramm geträumt hatte, regte sich etwas. Sie war drauf und dran, eine ihrer Hexenschwestern zu verraten. Sie suchte, aber fand keinen Ausweg aus dieser Misere, denn wenn sie nicht tat, was der Scharfrichter der Schwarzen Familie von ihr wollte ...

Dann war sie Geschichte oder er belegte sie erneut mit diesem Zauber, der sie tiefste hündische Furcht empfinden ließ, ihren Verstand übermannte und sie zu einem sabbernden Wrack machte. Das wollte sie nicht wieder sein. Was sie gesehen hatte, das sie derart in Furcht versetzt hatte, vermochte sie gar nicht mehr zu sagen. Aber eines wusste sie: Das wollte sie nicht noch mal erleben.

Was konnte sie also tun?

Die nüchterne Antwort war: Nichts!

Gemeinsam gingen sie zur Haustür. Plötzlich blieb Bartholemew Filligrew Crwmberwood stehen und hob seinen Kopf, als lausche er einer Melodie. Einem Lied, das nur er hören konnte.

Dann schloss er die Augen und pfiff eine lockende Melodie, die völlig disharmonisch, aber dennoch anziehend war. Gleichzeitig spürte Sarah Möller seinen festen Griff auf der Schulter, der ihr sagte: Mach keine Dummheiten.

 

***

 

Der Verfluchte

Kassel, im Juni des letzten Jahres, kurz vor der Sonnenwende

Carmillo van Appen hielt das blutende Herz in der Hand. Zu seinen Füßen lag Elke Winter und ihre Augen starrten ihn vorwurfsvoll an, wie es dem holländischen Dämon erschien. Nur das zerrissene T-Shirt kündete von dem, was geschehen war. Die Haut der jungen Frau war völlig unverletzt. Und doch hielt der Dämon ihr noch warmes Herz in Händen.

Er packte es fest und sah voller Abscheu auf das Herz in seiner Hand, aus dem das Blut troff und neben der Leiche Elke Winters auf den Stein des Weges fiel.

Langsam, ganz langsam, innerlich auf Bartholemew Filligrew Crwmberwood und Asmodi fluchend, führte der Holländer seine zitternde Hand zum Mund. Der junge Dämon öffnete den Mund, der Widerwillen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Mundwinkel verzogen sich unwillig.

Aber egal, was er wollte oder nicht. Er musste es tun. Dann ging alles rasend schnell. Mit der Gier eines Todkranken, der die rettende Medizin einnimmt, biss er in den noch warmen Muskel. Sein Gesicht verzog sich dabei, als schlage er seine Zähne in einen sauren Apfel oder als nehme er bittere Medizin zu sich.

Bitter, dachte der holländische Dämon, das ist das richtige Wort.

Wie er diese Momente hasste. Bartholemew Filligrew Crwmberwood möge auffahren zum Himmel, um seine gerechte Strafe vom Zimmermann selbst zu empfangen, und Asmodi, dieser aufgeblasene Popanz, möge dasselbe verdammte Schicksal erleiden. Mochten sie in einer Wolke aus Liebe, Mitgefühl und Gnade leiden. Sollten ihre schwarzen Seelen im Licht des Paradieses sich vor Schmerzen winden.

Der Hass und die Scham mischten sich in Carmillo van Appen. Mit Todesverachtung schlang er die letzten Bissen des Herzens herunter. Jeder dieser Bissen linderte die Qualen. Aber es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Jetzt würde er wenigstens für wenige Tage Ruhe haben. Dann würden die Schmerzen wiederkommen. Einen Waldbrand konnte man eben nicht mit einem Eimer Wasser löschen.

Carmillo sah zu der vor ihm liegenden Leiche hinunter. Er konnte sie hier nicht liegen lassen. Der Fund mochte die Aufmerksamkeit des Scharfrichters der Schwarzen Familie auf sich ziehen. Das wäre für ihn nicht gut. Die Behörden machten dem Holländer weniger Sorgen. Die Polizei war immer so ratlos, wenn eine Tote gefunden wurde, der das Herz fehlte, bei der aber keine sichtbare Wunde zu sehen war.

Aber er durfte Bartholemew Filligrew Crwmberwood nicht unterschätzen. Das hatten so viele mit ihrem Leben bezahlt. Oder aber sie litten Qualen unter den Flüchen, die er so trefflich und mit der Macht Asmodis im Rücken zu setzen wusste.

Gerade wollte sich der Dämon bücken, um Elke Winter in den Schutz der Bäume des Bergparks zu ziehen, der links von ihm bis fast an das Denkmal heranreichte, als er Stimmen hörte. Eine männliche und eine weibliche. Sie kamen vom Parkplatz herauf.

Carmillo van Appen rannte ein paar Schritte zur anderen Seite des gewaltigen Sockels des Wahrzeichens der nordhessischen Metropole. Im Schatten verbarg er sich.

Beim Lichtbringer, dergleichen konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. Voller Ungeduld harrte er der Dinge, die da kommen mochten.

 

***

 

Sie hörten den Ruf. Tief in ihren Löchern hörten sie ihn. Nichts auf der Welt konnte verhindern, dass sie ihm Folge leisteten.

Gar nichts!

Ein Mächtiger verlangte nach ihnen. Einer, der die geheimen Melodien kannte, der den Zauber zu weben verstand, der noch um die alten Künste wusste. Einer, der sie zu beherrschen wusste.

Den Lockruf!

Sie waren weder gut noch böse, aber mit den richtigen Noten vermochte man sie in einen Bann zu schlagen und zu Werkzeugen des einen oder anderen zu machen. Das war einst im Weserbergland auch passiert.

Ihnen war es gleichgültig, denn Moral war kein Begriff ihrer Sprache. Das war eine Erfindung von Menschen. Kategorien wie Gut oder Böse – das galt nicht für sie.

Sie verließen ihre Baue, ihre kleinen Füße rannten durch die Gänge, fanden den Weg durch die Löcher nach oben.

Die steile Böschung hinauf. Was sie sonst nur mit großer Wachsamkeit taten, jetzt taten sie es ohne Vorsicht, folgten dem Ruf des Mächtigen.

Sie erreichten den Asphalt, und vier oder fünf Dutzend von ihnen waren bereit, den grausigen Plan des Mächtigen in die Tat umzusetzen.

Sie versammelten sich um den Mächtigen.

Und Bartholemew Filligrew Crwmberwood starrte erfreut auf seine willigen Werkzeuge ...

 

***

 

Der Träumer

Mitte Mai 2006, nachts

Wie oft, würde er diesen Traum noch haben? Sein Innerstes schrie auf.

Wach auf! Wach auf!

Aber er wusste, das ging nicht. Diese Augenblicke waren in seiner Seele mit Höllenglut eingebrannt. Aber das Ende war nah. Nicht mehr lang und er hatte es überstanden.

Für diese Nacht ...

Hrinwell sah auf Cresmonia hinab. Wie Gott sie schuf, lag sie vor ihm, schüttelte sich wie irre, und ihr Lachen klang wie Hohn in den Ohren des Bärtigen. Sie kümmerte sich nicht um ihre Wunden. Blut troff aus ihrem Mund, und ihr Bruder konnte erkennen, dass ihr ein Zahn fehlte.

„Töte mich, wenn du kannst“, brachte sie hervor und lachte sofort wieder höhnisch und spie ihm ihre Verachtung mit Blut vor die Füße.

Der Bärtige hob den Stock. Hrinwell brauchte nur zuzustoßen. Ihr mit dem Stab das Gesicht zerschmettern.

„Du kannst nicht“, höhnte sie und spie erneut Blut vor seine Füße.

„Ich töte dich“, sagte er. Sogar Hrinwell selbst hörte das Zweifeln, das Zögern in seiner Stimme.

„Du kannst nicht, Bruderherz“, lachte Cresmonia.

Erneut hob er den Stock, um zuzustoßen. Hrinwell musste diesem verfluchten Dasein ein Ende bereiten, sie vernichten.

„Was ist?“, fragte sie.

Er stieß zu, Cresmonia Gwscore machte keine Anstalten auszuweichen und im letzten Moment riss Hrinwell den Stab herum, der nur den nackten Fels traf.

„Willst du mich, Bruderherz. Dann tu es. Zeig mir deine Manneskraft!“, forderte Cresmonia ihren Bruder auf.

Inzest kam für den Bärtigen nicht in Frage. Seine Miene spiegelte seinen Abscheu. Erneut hob Hrinwell seinen Stab.

„Was ist?“, fragte Cresmonia und sah ihren Bruder voller ungezügelter Wut an. „Bruderherz, du magst es versuchen, aber du kannst mich nicht töten.“

Voll hilfloser Wut starrte Hrinwell auf Cresmonia hinab, als er erkannte, dass sie Recht hatte. Er konnte es nicht tun. So sehr der Zorn auch in ihm schwelte, er schaffte es nicht, den Stab zu heben und Cresmonias Existenz ein Ende zu setzen. Krampfhaft hielt Hrinwell den Stab in der Hand.

„Los, tu es!“, forderte Cresmonia. „Oder lass mich meiner Wege gehen. Jetzt, alter Mann!“

Hrinwells ohnmächtiger Zorn fand kein Ventil. Hilflos stand er wie ein Rachegott über Cresmonia, die ihn auslachte, ja verspottete.

„Der Fluch der Ahnen soll dich treffen, Cresmonia. Du sollst vergessen, wer zu den deinen gehört, wer dein Volk ist, solange die Mächte des Bösen und der Hölle deine Seele beherrschen. Fortan sollst du als Heimatlose umherstreifen!“

Hrinwell besiegelte den Fluch mit Worten der Macht.

Wie als Antwort stürzte hinter ihnen der Hang ein und begrub Shangri La unter sich.

Cresmonia erhob sich. Ihr Lachen war verstummt. Wortlos verschwand sie.

Sie verließ den Ort ihrer Untat ...

Hrinwell sah ihr lange nach. Sie war dabei, ihre Familie, ihr Volk und auch ihren Bruder zu vergessen.

Er würde sie aber nicht vergessen.

Der Träumer erwachte schweißgebadet wie immer, stand auf, ging zum Kühlschrank und holte sich ein Bier, das er in gierigen Zügen trank.

Warum, Cresmonia, warum hast du das getan?

Auf diese Frage würde er wohl nie eine Antwort erhalten. Er trank noch ein Bier und ging wieder zu Bett. Die Flaschen ließ er auf dem Küchentisch stehen. Ein dienstbarer Geist würde sie in wenigen Stunden entfernen. Dann ging er wieder zu Bett, wohl wissend, dass er nicht mehr würde schlafen können.

 

***

 

Der Verfluchte

Eine Samstagnacht im Juni 2006, kurz vor der Sonnenwende am Wahrzeichen Nordhessens, dem Herkules.

„Da legen wir es hin“, sagte die Frau.

„Ich würde es lieber da hinten hinlegen“, antwortete der Mann. „Da ist es nicht ganz so leicht zu finden.“

„Aber Schatzi, es soll ja gefunden werden“, antwortete die Frau in gönnerhaftem Tonfall. „Das ist der Clou an der Sache.“

Carmillo van Appen beobachtete ein seltsames Paar. Sie hatten ein Päckchen in der Hand.

Drogen? Schmuggelware?

Den Dämon lenkten diese Gedanken von seinen Sorgen ab, obwohl Drogen ihn schon interessierten. Sie hatten erstaunliche Auswirkungen auf den dämonischen Metabolismus. Stolperten die beiden da über die Leiche, musste er sie töten. Unweigerlich. Der Schatten Bartholemew Filligrew Crwmberwoods war zu drohend, zumal Cresmonia Gwscore noch nicht in der Stadt war. Er durfte sich nicht zu früh zeigen.

Der Mann mit dem Päckchen in der Hand hielt auf die Leiche zu. Elke Winters entseelter Körper lag zwar im Schatten einer niedrigen Begrenzungsmauer, aber der Mann musste darüber stolpern, wenn er weiterging.

„Schatzi!“, rief die Frau. „Komm her! Da unten legen wir es hin!“ Die exaltierte Stimme duldete keinen Widerspruch. Sie sägte an Carmillos Nerven. Aber der Mann gehorchte, maulte leise Flüche in seinen Vollbart, aber – und das war wichtig für den Dämon – er gehorchte aufs Wort. Carmillo fand die Flüche nicht sonderlich einfallsreich, eher auf dem Niveau eines Prolls, aber er atmete doch durch, dass der Mann nicht weiter auf ihn zukam, sondern seiner Frau folgte, die auf der unteren Aussichtsplattform stand.

„Beeil dich, Schatzi“, tönte das schrille Organ der Frau.

„Ja, ich komm ja schon“, war die Antwort.

Carmillo atmete tief ein. Wie erfreulich. Niemand hatte die Leiche der Frau gefunden. Das Paar zog wieder ab, die Frau ständig an der Kleidung des Manns rumzupfend, ihn belehrend und einen ‚Proll’ nennend. Er schien sich in sein Schicksal gefügt zu haben.

Ein letztes „Schatzi“ und die beiden waren unten am Parkplatz. Carmillo spitzte die Ohren, hörte einen startenden Motor und dann entfernte sich ein Auto.

Ein seltsames Paar, dachte der Dämon. Gruselig.

Dann beeilte er sich und zerrte die Leiche erstmal über die Steinplatten hinter den Sockel des Herkules. Dann würde er sie in den Kofferraum seines Wagens bringen und in der Fulda versenken.

Aber bevor er das tat, ritt ihn doch die Neugier. Das Paket, das das seltsame Paar zurückgelassen hatte, musste er in Augenschein nehmen.

Kurze Zeit später stand er an der unteren Aussichtsplattform, die einen guten Blick auf die sonntäglichen Wasserspiele bot.

Er beugte sich hinunter und hob das Paket auf, das zwischen zwei Steine geklemmt war. Es war ein in Klarsichthülle verpacktes Buch.

Ein Buch?

Ein Buch!

Ein Fantasyroman war es, betitelt „Die Ringe der Macht“.

Auf einer Banderole stand ein Text, der mit den fettgedruckten Worten ‚Achtung!’ und ‚Aufgepasst!!!’ eingeleitet wurde. Da hieß es, dass dieses Buch ausgesetzt worden war, es der Finder behalten könne und das Finden des Buches an die Website www.bookcrossing.com gemeldet werden sollte.

Welch ein Schwachsinn, schoss es Carmillo durch den Kopf. Was für ein Unsinn! Kein Wunder, die beiden waren eben verrückt.

Er ließ das Buch achtlos fallen, denn er hatte da auch noch ein Päckchen, ein herzloses obendrein.

 

***

 

Der Jäger

Im Mai letzten Jahres in Kassel - der Metropole Nordhessens

Bartholemew Filligrew Crwmberwood sah auf die Klingelschilder. Xandra Trenkner stand auf dem Schild ganz unten. Sie war die zweite Vertraute von Cresmonia Gwscore, dieser Verfluchten.

Bartholemew ließ einen Blick auf die Fenster unten schweifen. Die rechte Wohnung machte mit Gardinen und einer Jalousie vor den Fenstern einen bürgerlichen Eindruck. Links vom Eingang waren drei Fenster, die von festen Jalousien verschlossen waren.

Die Wohnung der Hexe ...

Um den Scharfrichter der Schwarzen Familie herum trieben die Nager ihr Wesen. Mittlerweile verständigte er sich mit den Ratten nicht über die Noten, sondern mittels seiner Gedanken. Er fand, es waren schlaue Tiere.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood befahl die Tiere auf die Fensterbänke. Sie kletterten mit einer unglaublichen Gewandtheit nach oben, auf den verschiedensten Wegen. Einige der Nager machten es wie Extremkletterer, andere wieder nutzten ein Geländer, das sie knapp unterhalb der Fenster brachte. Wieder andere krabbelten über ein Kabel, das zum Dach hinaufführte, auf die Fensterbank.

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie schaute den Tieren fasziniert zu. Fast bewunderte er sie. Bartholemew entdeckte ihre Schönheit, wusste aber, viele verabscheuten sie. Sie wussten gar nichts, fand der Dämon. Er lächelte sein beunruhigendes Lächeln. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Sarah Möller an seiner Seite voller Angst zusammenzuckte.

Das leise Fiepen der Ratten erklang in Bartholemews Ohren wie Musik. Das war die Überraschung für die Hexenschwester seiner Geisel.

Welch wunderbare Tiere!

„Klingle!“, befahl Bartholemew Filligrew Crwmberwood mit harter, schnarrender Stimme. „Und überleg dir, was du tust.“

Wie beiläufig legte er seine Hand auf Sarah Möllers Schultern. Bartholemew sah ihr an, welche Angst sie hatte und wie sehr sie sich wünschte, nichts von Cresmonia Gwscore, Hexen oder Magie gehört zu haben.

Zu spät.

Sie gehörte dazu. Das war ihr ganz persönlicher Fehler.

Sarah Möller drückte gehorsam den Klingelknopf. Die Gegensprechanlage außer Acht lassend, betätigte jemand sofort den Türöffner.

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie begrüßte diese Sorglosigkeit. Das erleichterte seine Aufgabe doch ganz erheblich. Zudem warteten seine Helfer geduldig vor dem Fenster.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood drückte die Haustür auf und trat in den Flur ein. Vier Stufen führten zu den beiden Erdgeschosswohnungen.

Sarah Möller folgte ihm mechanisch auf dem Fuß. Innerlich schrie sie auf, aber ihr Wille war soweit gebrochen, dass sie Bartholemew Filligrew Crwmberwoods Anweisungen widerspruchslos gehorchte. Der Hagere ließ sie passieren, folgte ihr aber.

Die Stufen waren schnell genommen. Bartholemew Filligrew Crwmberwood ging sie mit einer Geschmeidigkeit hoch, die man ihm nie zutrauen würde. Eher mochte man erwarten, dass er auf der ersten Stufe erschöpft zusammenbrechen würde. Dann waren die Erdgeschosswohnungen erreicht. Die Tür war angelehnt.

"Kommen Sie rein, wer immer Sie sind!", rief eine fröhliche, recht jung klingende Stimme von innen.

Crwmberwood schob Sarah Möller vor sich her. Die junge Frau ließ es geschehen. Der Scharfrichter schob mit der Hexe aus Frankfurt die Wohnungstür auf. Ein, zwei kurze Blick reichten dem hageren Dämon, um sich orientieren. Rechts von ihm macht der Flur eine Biegung zur Küche, von dem auch das Bad abging. Links von ihm das Wohnzimmer. Geradeaus vor ihm zweigten zwei weitere Zimmertüren ab. Hinter der Rechten hörte man leisen Gesang und ein gerufenes "Ich komme gleich!".

Bartholemew Filligrew Crwmberwood murmelte den Zauber, mit dem er Sarah Möller schon in Frankfurt belegt hatte. Sarahs Augen weiteten sich noch, als sie erkannte, was der Hagere tat. Doch es war zu spät. Die Frankfurter Hexe brach zusammen und wandte sich in Angstkrämpfen. Der Sabber trat ihr aus dem Mund.

In diesem Moment kam rechts hinten eine dralle, untersetzte junge Frau mit diversen Haarfarben aus dem Schlafzimmer hervor.

Xandra Trenkner öffnete noch den Mund. Dann erkannte sie ihre Hexenschwester am Boden vor sich, sah in welchem Zustand sie war. Bartholemew Filligrew Crwmberwood war ihr ebenfalls kein Unbekannter.

Xandra Trenkner wollte wieder ins Schlafzimmer flüchten, aber der Hagere schaltete blitzschnell. Mit zwei, drei Schritten war er hinter Xandra. Er bekam sie zu fassen und riss sie mit sich zu Boden.

Mit stahlhartem Griff drückte er sie nieder. Sein Gesicht war nur knapp über dem ihren. Sie spürte seinen Atem. Im Gegensatz zur Legende roch der Atem nicht nach Schwefel oder Fäulnis. Er war vollkommen neutral.

Xandra Trenkner spuckte ihrem Bezwinger ins Gesicht, aber Bartholemew Filligrew Crwmberwood reagierte nur damit, dass er sie fester auf den Linoleumboden drückte. Hexenspeichel war für Crwmberwood nichts, was ihm gefährlich werden konnte. Manchmal war er unangenehm, so als fasste man in eine Brennnessel. Aber der Speichel dieser Amateurin war für ihn völlig harmlos.

„Wenn du mitmachst, wird es leicht. Wenn nicht ...“ Er deutete mit dem Kopf nach hinten, wo Sarah Möller am Boden lag, wimmerte und einen Speichelsee auf dem Linoleum bildete.

Xandra entspannte ihre Muskeln.

Aber nur um das Knie anzuziehen und Bartholemew wuchtig zwischen die Beine zu treten. Aber der Tritt hatte nicht den erwarteten Erfolg.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood lächelte sie an, wie eine Hyäne einen Knochen betrachten mochte. Xandra Trenkner erkannte nun, dass sie einen gewaltigen Fehler gemacht hatte.

Vielleicht ihren letzten?

Bartholemew Filligrew Crwmberwood hob die Faust zu einem Schlag ...

Gleich darauf gingen für die Hexe aus der Kasseler Nordstadt die Lichter aus, die Sterne auf und ihr Bewusstsein schwand im Nichts zwischen Leben und Tod.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood ging zum Fenster, hob die Jalousien und öffnete die Fenster ...

 

***

 

Die Gejagte

London, im Juni letzten Jahres, zwei Tage vor der Sonnenwende

Cresmonia Gwscore betrachtete ihr Haus. Am besten war es wohl, es zu verbrennen. Was sie hier in den letzten Wochen veranstaltet haben mochte, war ihr völlig schleierhaft. Es roch wie in einer gewaltigen Kloake. Möbel waren zerstört. Sie lagen in großen Einzelteilen verteilt in den Zimmern herum.

Es stank penetrant nach Urin und anderen Ausscheidungen. Der saure Geruch von altem Schweiß bildete eine Note, die einem die Galle die Speiseröhre hinaufjagte. Und diese Duftnote hielt sich, obwohl sie die Fenster des Hauses schon seit Stunden geöffnet hatte. Aber der Durchzug brachte nur nach und nach Linderung.

Abfackeln, dachte die Hexe. Das ist das Einzige, was noch hilft. Niederbrennen!

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie nahe sie dem Tode gewesen war. Sie konnte sich an kaum etwas erinnern, was zwischen dem Kampf im Edwinstowe Valley und jetzt passiert war. Sechs Wochen in einem Delirium aus Schmerz und noch mal Schmerz. So etwas hatte die Hexe noch nie erlebt. In ihr hatte es getobt. Über Wochen hinweg. Alles nur wegen der Münze. Die Hexe horchte in sich hinein.

Was hatte Mark Larsen nur mit ihr gemacht? Cresmonia Gwscore fühlte sich, als hätte man sie durch den Fleischwolf gedreht. Sie war völlig erschöpft. Körperlich wie geistig. Sie hatte schon eine Kerze mit einem Feuerzauber entzündet, um herauszufinden, ob sie ihre Kräfte verloren hatte. Aber dem war zum Glück nicht so.

Sie war immer noch Cresmonia Gwscore, die Hexe. Sie spielte mit den Menschen ganz nach ihrem Belieben, sie führte die Schwarze Familie an der Nase herum und lebte ihr Leben wie es ihr gefiel.

Die Schmerzen waren nicht weg, aber kaum noch der Rede wert. Doch noch immer brannte das verfluchte Feuer in ihr. Aber selbst die Wunde zwischen den Augen hatte zu heilen begonnen. Aber an ihrer Nasenwurzel würde eine Narbe zurückbleiben. Sie war sich nicht sicher, ob diese per kosmetischer Operation zu beseitigen war. Das war mehr als eine körperliche Wunde, sie würde wohl ein lebenslanges Andenken bleiben.

Der Hüter konnte sich auf etwas gefasst machen. Diese Wochen würde sie ihm heimzahlen. Dafür würde sie ihm eine Rechnung präsentieren, die sich gewaschen hatte! Seit Anfang Mai hatte sie sich in Schmerzen gewunden, ihr perfektes Antlitz zerstört und dabei eines ihrer Lieblingshäuser unbewohnbar gemacht. Wenn sie mit Mark Larsen fertig war, würde sie dafür sorgen, dass er seine in der Gegend verstreuten Eingeweide noch würde sehen können, bevor er ins Nichts eingehen würde.

Was für eine Kloake? Bah!

Ihr war speiübel. Zum Glück gab es für ihre Taten der letzten Wochen keine Zeugen. Zum Glück für sie selbst, aber auch zum Glück für die Zeugen. Sie hätte sie töten müssen. Für eine Cresmonia in einem solchen Zustand durfte es keine Zeugen geben.

Sie atmete auf, froh darüber, sich in dieses Haus in einem weitläufigen Park und nicht in eine ihrer Stadtwohnungen in Europa geflüchtet zu haben. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich aus einer Irrenanstalt befreien müssen.

Die Sonne sank und bald würde es dunkel sein. Cresmonia Gwscore ging noch einmal unter die Dusche, nicht in das große Badezimmer, sondern in die Dusche für die Bediensteten. Einmal mehr erfreute sie sich an ihrem Entschluss kein ständiges Personal zu beschäftigen, sondern sich bei Bedarf bei Agenturen zu bedienen. Wohl jetzt zum dritten Mal seit sie wieder bei Bewusstsein war, seifte sie sich gründlich ein und versuchte den Gestank loszuwerden.

Per Express hat sie bei ihrem bevorzugten Schneider ein paar Kleider geordert, die aber noch unterwegs waren. Von dem, was hier noch in den Kleiderschränken hing, war nichts mehr tragbar, weil ihnen ein gewisses Oeuvre anhing. Zum Glück war Cresmonia nicht arm, sondern verfügte über ein ansehnliches Vermögen. Zur Milliardärin hatte sie es wohl deshalb nie gebracht, weil sie ihr Geld mit vollen Händen ausgab. Aber schon die Zinsen ließen sich kaum ausgeben. Sie hatte mehrere wohlhabende Männer beerbt, reichlich Geschenke erhalten und sich natürlich auch ihre Dienste als Hexe anständig bezahlen lassen. Den Rest besorgten sorgfältig ausgewählte Finanzberater.

Das reichte, um reich zu werden. Und ein paar Altersruhesitze nannte Cresmonia Gwscore auch ihr Eigen.

Sie genoss das Wasser und schwelgte in Gedanken an ihren Reichtum und wie sie ihn genießen würde, wenn sie erst mal Mark Larsen erledigt hatte.

Sie verließ gerade die Dusche, als sie den Ruf hörte, einen eiligen Ruf. Cresmonia Gwscore packte ein großes Badetuch, wickelte sich hinein und begab sich, ohne sich abzutrocknen, in den Keller des Hauses.

Was war passiert?

 

***

 

Der Jäger

Im Mai letzten Jahres in Kassel - der Metropole Nordhessens

Bartholemew Filligrew Crwmberwood saß in einem Sessel, umgeben von den von ihm gerufenen Wanderratten. Auf dem Flur wand sich nach wie vor Sarah Möller in Krämpfen. Er brauchte nur noch ihren Körper, aber nicht mehr ihren wachen Geist. Daher war es ihm egal, ob sie dem Wahnsinn verfiel oder nicht. Sie war ohnehin des Todes ...

Vor ihm auf dem flauschigen Teppichboden des Wohnzimmers lag die gefesselte Xandra Trenkner. Noch war sie bewusstlos.

Eine Schwellung am Kinn, die sich zunehmend blau einfärbte, gab beredtes Zeugnis von der Wucht des Faustschlags, mit der Crwmberwood die junge Hexe ins Reich der Träume geschickt hatte.

Doch alsbald mochte sie erwachen. Bartholemew Filligrew Crwmberwood hatte ein paar kleine Vorkehrungen getroffen, damit Xandra nicht durch Schreien Nachbarn oder lästige Ordnungshüter auf den Plan rief.

Ein erstes Stöhnen kündigte an, dass die Trenkner aus der Bewusstlosigkeit erwachte. Ihre Augenlider flatterten. Sie versuchte ihre Hände zu bewegen, aber die Fesseln gaben nicht nach.

Die Hexe schlug die Augen auf. Nach und nach wurde sie sich ihrer Lage bewusst. Ihre Augen richteten sich auf den Scharfrichter der Schwarzen Familie und, wie dieser befriedigt zur Kenntnis nahm, war in ihrem Blick Angst zu erkennen.

„Ich schreie“, drohte sie. „Geh einfach.“

„Oh ja, versuch zu schreien“, entgegnete Bartholemew und lächelte.

Xandra Trenkner versuchte es, aber mehr als ein kaum hörbares Krächzen brachte sie nicht raus.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood betrachtete sie mit einem gleichmütigen Blick und registrierte, dass sich ihre Angst in Todesfurcht verwandelte.

Vom Flur her drang wieder das erstickte Keuchen Sarah Möllers, das Xandra Trenkner noch mehr entsetzte.

„Tust du mir das auch an, Crwmberwood?“, fragte Xandra.

„Keineswegs“, meinte Bartholemew trocken. „Sie brauche ich noch. Dich nicht. Für dich geht es nur darum, schnell oder langsam zu sterben. Du hast die Wahl ..."

Xandra Trenkner sagte keinen Ton. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie hatte nicht umsonst den Ruf, den Tod zu bringen.

„Gibt es keinen anderen Weg?“, fragte sie erstickt und schaffte es mit Mühe, die Panik in ihr zu unterdrücken. Sie wusste auch, dass ihr wohl der Tritt jede andere Option – sofern es diese überhaupt jemals gegeben hatte – geraubt hatte.

„Keinen“, entgegnete Crwmberwood gelassen. „Ich will nur deinen Stein. Wo ist er?“

„Das sag ich nicht ...“, wagte die Hexe zu widersprechen.

Für einen Moment sah Crwmberwood konzentriert aus. Dann hörte Xandra Trenker leises Fiepen und spürte wie sich ihr etwas näherte. Etwas krabbelte ihr das Hosenbein hinauf, kleiner als eine Katze, größer als eine Maus, geschmeidig wie eine Schlange, aber es hatte ein weiches Fell und kleine Füße. Dann bemerkte sie noch mehr Berührungen und in ihrem Gesichtsfeld erschien eine gewaltige graue Wanderratte, die ihr auf der Brust hockte.

„Wo ist der Stein?“, fragte Bartholemew Filligrew Crwmberwood mit kaum mehr Nachdruck. „Meine kleinen grauen Freunde sind hungrig.“

„Ich sag’s nicht“, presste Xandra Trenkner hervor.

„Bitte, wie du willst, dummes Ding“, brummte Bartholemew Filligrew Crwmberwood und gab den Ratten mit seinem Geist einen Wink.

Kleine, messerscharfe Zähne drangen ins Fleisch ein und rissen kleine Fetzen heraus. Von allen Seiten wurde die Hexe gebissen, und schon nach Sekunden blutete sie aus vielen kleinen Wunden. Die Ratten fiepten und Xandra wusste, es war ihr Todeslied.

Xandra Trenkner wollte schreien, wie Bartholemew Filligrew Crwmberwood sehr zu seiner Erbauung zur Kenntnis nahm, aber aus ihrem Mund drangen nur erstickte Laute. Ihre Augen tanzten, spiegelten Schmerz, Angst und beginnenden Wahnsinn.

„Ich sag’s, ich sag’s!“, stieß sie so leise wie möglich hervor.

Von einem Moment zum anderen hörte das Beißen auf.

„Im Schlafzimmer, rechts unter der Heizung, Teppichboden hochklappen. Dann ist da ein im Estrich versenkter Bleibehälter.“

Crwmberwood ging in das Schlafzimmer, das mit einem breiten französischen Bett und einer Antiquität von Kleiderschrank eingerichtet war.

Er achtete weder auf das Mobiliar, noch auf andere Details. Er drehte auch nicht am Dimmer, um das Licht heller zu stellen. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie sah auch so ganz gut.

Kaum hatte er gefunden, was er suchte, ging er zurück zu Xandra Trenkner. Er hielt ihr den walnussgroßen, silbrig glänzenden Stein hin.

„Lass mich schnell sterben“, flehte die Hexe ihn an. Sie wusste, es war zu Ende. Und je schneller das Ende kam, desto besser.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood lächelte. „Ich glaube nicht, dass du schnell stirbst. Du hast dich mir widersetzt.“

Er gab den Ratten ein Zeichen, überließ die Hexe den Nagern und verließ das Wohnzimmer.

Kurz griff er zum Telefon und rief sich ein Taxi. Der Taxifahrer würde die besten Hotels der Stadt kennen. Dort würde er sich einnisten und die Strafe gegen den Zirkel und Cresmonia hier vollstrecken. Vor allem für Cresmonia Gwscore war ihm ein Ort in den Sinn gekommen, der für die Menschen dieser Tage kaum noch eine Bedeutung hatte, aber in längst vergangenen Tagen einmal sehr viel mehr war. Dort würde er die Hexe dann den Fleischtöpfen Seiner Höchsten Höllischen Majestät überantworten, wie es ihm Asmodi im Ratschluss seiner Weisheit aufgetragen hatte.

Er befreite Sarah Möller aus dem Zauber. Sie erwachte zwar, aber ihr Blick war stumpf und leer. Ihr Geist war ausgebrannt, erloschen wie eine Kerze in einer Böe. Sie war dem Zauber zum Opfer gefallen.

"Komm, Mädchen", sagte Crwmberwood und nahm die Beinahe-TV-Schönheit bei der Hand. Wie ein kleines Kind folgte sie dem Scharfrichter der Schwarzen Familie. Dabei lächelte sie vor sich hin.

„So“, murmelte Bartholemew Filligrew Crwmberwood vor sich hin, als er die Wohnungstür hinter sich zuzog. Mit seiner Rechten umklammerte er die beiden Steine, die er gebraucht hatte, um Cresmonia Gwscore und alle ihre Hexen zu kriegen.

„Jetzt den Rest des Zirkels und dann die Gwscore.“

Aus dem Wohnzimmer, wo die Ratten Xandra Trenkner bei lebendigem Leib fraßen, drangen erstickte Laute. Wenn sie fertig waren, würden sie die Wohnung durch das gekippte Fenster verlassen. Aber das würde noch dauern, dachte Crwmberwood bei sich. Und das war gut so ...

Guten Appetit, dachte Crwmberwood und wartete entspannt auf das Taxi.

 

***

 

Die Unwissenden

Polizei Kassel, im letzten Jahr, zwei Tage vor der Sonnenwende, Morgenbesprechung

Der Raum war ein typisches Besprechungszimmer. Tische und Stühle standen in U-Form. Das Ganze war karg eingerichtet. In der Ecke dampfte eine Kaffeemaschine vor sich hin, und das Brodeln zeigte an, dass das der Kaffee fast durchgelaufen war.

Bevor es losging holte sich jeder eine Tasse. Die meisten nahmen ihn schwarz.

Wilhelm Göddecke erhob sich, nachdem er einen Schluck von der heißen Brühe getrunken hatte. Er nahm den Kaffee mit Milch und Zucker.

„Zehn Mordopfer aus zehn Städten in den letzten vier, fünf Wochen“, klagte Kriminaloberrat Göddecke auf der allmorgendlichen Dienstbesprechung. „Und sie alle wurden hier in Kassel gefunden. Wir sind wohl bald doch die Mordhauptstadt Deutschlands. Dazu sieben Vermisstenanzeigen von Frauen, die in das Schema passen und die hier aus Kassel kommen. Alle gucken WM, und wir haben eine Mordserie.“

Der fünfundfünfzigjährige Göddecke sah in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Er leitete die Mordkommission, aber im Moment hasste er seinen Beruf und die ganze Welt. Zehn Morde - und viele glaubten an zehn Mörder, denn es gab keine Gemeinsamkeiten. Zumindest keine erkennbaren. Aber ... Es waren immer Frauen. Man konnte zwar kein Muster, kein einheitliches Vorgehen nachweisen, aber da war was. Das waren keine gesicherten Erkenntnisse, sondern nur die Spürnase des alten Ermittlers.

Harry Klumpp, Oberkommissar und jungdynamischer Ermittler, sah seinen Chef an. Er konnte die Müdigkeit förmlich sehen. Aber auch er, der hoffte in zehn oder fünfzehn Jahren auf dem Stuhl seines Chefs zu sitzen, hatte keine Lösung anzubieten. Klumpp strich seine Haare glatt. Das war sein Schwachpunkt. Seitdem er neunzehn war, kämpfte er gegen eine wachsende Glatze. Er hatte sich die Haare links so lang wachsen lassen, dass er sie über die kahle Stelle kämmen konnte. Die Kollegen spotteten, er hätte seine Eigentumswohnung bar bezahlen können, wenn er das in Wundermittel investierte Geld angespart hätte. Auf solche Spötteleien reagierte Klumpp genervt und ärgerte sich darüber.

Klumpp ergriff das Wort: „Was sagt denn das BKA?“

„Bah“, entfuhr es Göddecke. „Die haben ihre Computer bemüht, unsere Ermittlungen durch ihre Programme gejagt. Ergebnis: Kein erkennbarer Zusammenhang. Eine zufällige Häufung ... Bedauerlich, aber nicht mehr.“

Die Gesichter der anwesenden Beamten verzogen sich. Sie teilten oder vertrauten auf die Intuition ihres Chefs. Intern suchten sie einen Serienmörder. Nach außen hin ließ man verlauten, dass dem nicht so sei. Es gab ja auch keine Spuren. Nichts Greifbares, womit man die Bevölkerung um ihre Mithilfe bitten konnte. Nur weil rohe, brutale Gewalt, physisch oder einmal psychisch im Spiel war, konnte man eigentlich nicht von einem Serientäter ausgehen.

Die Presse würde über sie herziehen, erst recht, wenn man in der Presseerklärung als Grund für diese Suche angab: ‚Der Chef hat’s im Urin. Das ist unsere Spur.’ Das Echo im Extra-Tipp vermochte sich keiner der Anwesenden vorzustellen.

Nun kam auch das BKA mit der Theorie von den Einzeltaten. Das frustrierte nahezu alle Anwesenden. Zu oft hatte ihr Chef Recht behalten, aber diesmal geschah nichts, was aus seiner Ahnung eine Spur machte.

Die Morde hatten im Mai in einer Wohnung in der Fiedlerstraße begonnen, wo augenscheinlich gefangene Ratten eine gefesselte Frau fast aufgefressen hatten. Die Beamten, die die Wohnung geöffnet hatten, hatten in den Vorgarten gekotzt. Übergeben wäre zu höflich formuliert.

Danach hatte man an der Autobahnraststätte Kassel eine Frau aus München gefunden. Ihr war von kräftigen Händen, wie die Obduktion ergab, der Hals zerfetzt worden. Dabei waren Luft- und Speiseröhre herausgerissen geworden. Auch dieser Anblick war nichts für schwache Nerven und Mägen gewesen. Die Tatortfotos zu betrachten, war schon schlimm genug gewesen. Aber es in voller Größe vor Augen zu haben, war erheblich übler gewesen.

Göddecke hatte in einem Anfall von Zynismus (den die Presse nie hören durfte) gesagt, da müsse einer voll auf Anabolika gewesen sein, als er am Tatort ankam. Doch um solche Bilder zu verknusen, war schwarzer Humor doch ein probates Mittel.

Die Serie setzte sich am Bahnhof Wilhelmshöhe fort, wo eine Frau vom einem Zaunpfahl aufgespießt worden war. Das Eklige war, dass sie – wie Völkerkundler versichert hatten - nach alt-persischer Methode von hinten durch den Anus gepfählt worden war.

Der mysteriöseste Fall war Nummer vier. Eine junge Frau hatte sich in der Nähe des Flughafens Calden zu Tode geängstigt. Wer oder was sie derart in Panik versetzt hatte, war nicht klar. Wenn nicht Fesselspuren gefunden worden wären, hätte man den Tod wohl als ‚natürlich’ eingestuft und sie hätten ‚nur’ neun Morde am Hals. Doch ein derartig von Panik verzerrtes Gesicht war ihnen noch nicht untergekommen. Normalerweise entspannte sich ein Gesicht im Tod und es wirkte friedlich. Nicht so hier. In gewisser Weise war dieser Anblick übler als die physischen Wunden der übrigen Opfer.

Und so war es weiter gegangen. Eine Frau war an einem Ast aufgespießt, eine weitere war ausgeweidet worden, als hätte sich Jack the Ripper aus dem Grab erhoben und wäre vom East End in die Nordstadt Kassels gezogen. Zehn Tote insgesamt – ohne offensichtlichen Zusammenhang. Diese Frauen waren aus allen Himmelsrichtungen nach Kassel gekommen, um hier zu sterben. Sie hatten in unterschiedlichen Hotels reserviert, kamen aus unterschiedlichen Berufen. Sie verdienten gut und kamen aus gesicherten Verhältnissen. Keine hatte bekannte Kontakte zu kriminellen Organisationen. Da war keine Verbindung. Auch die Art und Weise ihres Todes war jedes Mal eine andere.

Aber: Eine Übereinstimmung gab es da doch. Es gab kaum Spuren. Bei allein zehn Toten hatte man keine Fingerabdrücke sichern können. Daher vermuteten manche insgeheim das so genannte ‚organisierte Verbrechen’ dahinter.

Aber das war auch das Einzige. Mörder hinterließen selten keine Spuren. Zumeist war das Motiv Leidenschaft, Eifersucht oder etwas in der Art. Diese Art Mörder hinterließ wegen ihrer Gefühlslage immer Hinweise. Darüber hinaus kam man schnell auf das Motiv. Profikiller der Mafia waren nicht so einfach zu kriegen, aber die sorgten oft dafür, dass der Mord nicht auf derart extrovertierte Art geschah oder sie hinterließen Zeichen wie Schüsse ins Genick, die anderen ein eindeutige Botschaft sandten, um nicht mehr zu töten als nötig. So zynisch das klang.

Dazu kam, dass sieben Frauen aus Kassel, verschwunden waren. Weg. Ohne Spuren. Begonnen hatte es mit einer Hausfrau, der letzte Fall lag noch nicht lange zurück. Eine junge Studentin, deren Auto man oben am Herkules gefunden hatte. Sorgfältig verschlossen. Ein paar Tropfen Blut waren auf der Plattform gefunden worden, die – vorbehaltlich weiterer Untersuchungen – der jungen Studentin zugeordnet werden konnten, so dass auch diese ungewöhnlichen Vermisstenfälle auf den Schreibtischen der Mordkommission lagen.

Das erhöhte die Zahl der sicher und vermutlich ermordeten Frauen auf siebzehn. Und da sah das BKA keinen Zusammenhang!

Göddecke hätte sich die Haare raufen mögen, wenn er dadurch nicht riskiert hätte, seine Glatze zu vergrößern.

„Meine Herren, Klinkenputzen, nächster Tag. Alles rund um den Hauptbahnhof befragen“, ordnete Göddecke an. Dort war das zehnte und bisher letzte Opfer gefunden worden. Aufgespießt auf einen Bauzaun. Er sah auf einen Mann in seinem Alter und die fünf Mann um ihn herum. „Dazu die Ermittlungsgruppe Müller weiter ran an die Taxifahrer.“ Dann wandte er sich an seinen besten Mann. „Klumpp, Sie kommen mit mir. Wir beiden lesen heute Akten.“

Klumpp war ein heller Kopf. Mit ihm wollte er heute gemeinsam die Aussagen durchgehen, gesammelte Hinweise sichten. Er hoffte, etwas zu finden, was sie bisher übersehen hatten.

Irgendwas.

Und wenn’s ein Hinweis auf den Teufel ist, dachte er und ahnte nicht, wie nahe er der Wahrheit damit kam.

Seine Männer nickten und gingen stumm an die Arbeit. Göddecke sah ihnen nach. Der Frust nagte an ihnen. Sie alle waren hoch motivierte Ermittler, aber derartiges hatten sie noch nicht erlebt. Mord war eigentlich immer gut aufzuklären, weil es zumeist eine Verbindung zwischen Täter und Opfer gab. Die Kollegen beim Einbruch und erst recht Autodiebstahl hatten es wesentlich schwerer – normalerweise. Aber seit etwa einem Monat war hier in Kassel gar nichts mehr normal.

Hier gab es keine Verbindung! Oder doch? Natürlich gab es sie. Sie mussten einfach was finden.

Nichts war schlimmer, als wenig nutzbare Spuren zu haben und im Nebel zu stochern. Computer halfen da nicht weiter. Fußsohlen mussten strapaziert werden. Gute alte Ermittlungsarbeit. Fragen stellen, zuhören, auswerten.

„Ob wir die Feuerwehr mal die Aue und die Fulle absuchen lassen?“, fragte Klumpp, als nur noch Göddecke und er im Raum waren.

Göddecke sah seinen besten Mann an.

„Was soll das bringen? Wir haben nichts Konkretes. Wir machen höchstens die Presse wieder scheu. Und die kann mich zurzeit mal. Die schlauen Experten, die immer dann aus den Büschen kriechen, wenn wir nicht weiterkommen, werden dann interviewt, und der Journalist an sich macht ein paar neunmalkluge Bemerkungen. Wir stehen dann dumm da. Wenn wir den Fall dann doch lösen, war es Kommissar Zufall. Baah!“

„Aber wir haben zehn Tote und sieben Vermisste“, wandte Klumpp ein.

„Daher gehen wir jetzt ans Aktenstudium. Und wenn wir was haben, dann rufe ich die Bundeswehr mit ihren Tornados, Leichenspürhunde, die Feuerwehr und Dirty Harry. Bis dahin heißt es Lesen. Du die Aussagen der Taxifahrer und ich die der Anwohner.“

Klumpp nickte, dachte an den Aktenberg und sie verließen das Besprechungszimmer.

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres in Kassel - der Metropole Nordhessens, zwei Tage vor der Sonnenwende

Bartholemew Filligrew Crwmberwood atmete auf. Die debil grinsende Sarah Möller im Schlepptau fuhr er im Taxi durch Kassel.

Eine noch. Dann kommt die eigentliche Beute. Die Ungeduld nagte an ihm, aber er musste sich beherrschen. Jetzt nur keinen Fehler mehr machen. Erst den letzten Stein an sich bringen und dann mit dem kompletten Dutzend die Hexenmeisterin rufen. Und die Falle zuschnappen lassen.

Worauf Bartholemew Filligrew Crwmberwood insgeheim auch gehofft hatte, war nicht eingetreten. Cresmonia Gwscore hatte nicht mitbekommen, was er hier tat. Selbst inkognito war sie nicht in Kassel aufgetaucht.

Die Art, wie Cresmonia Gwscore ihren Hexenring organisiert hatte, machte es ihm leicht. Sie trafen sich nur zu ihren Zusammenkünften und hatten sonst kaum Kontakt gehabt. So hatte er sie einzeln in die Falle gelockt. Jede von ihnen hatte um Gnade gewinselt und erhalten. Ihr Tod war schnell gewesen. Zu schnell, aber andererseits wollte sich der Scharfrichter der Schwarzen Familie nicht mit Kleinigkeiten aufhalten und er hatte die völlig schwachsinnige Sarah Möller bei sich.

Von jeder der elf hatte er den Stein. Alle zwölf waren nötig, um Cresmonia Gwscore zu rufen. Aber er brauchte zumindest die körperlich unversehrte Hülle einer der Hexen. Und die hatte er ja. Mochte ihr Geist auch nur noch ausgebranntes Vakuum sein, ihren Leib, gesteuert von den körperlichen Reflexen des Rückenmarks und seines Willens, hatte er. Bartholemew Filligrew Crwmberwood war zufrieden. So wie sie jetzt war, lief sie ihm wenigstens nicht weg.

Katrin Burger hieß die Hexe, deren Stein ihm noch fehlte. Sie kam mit dem Wagen und hatte Quartier in Baunatal genommen, unweit des VW-Werks.

Genau zu diesem Hotel fuhr das Taxi. Dort wollte sich Sarah Möller mit der zwölften und letzten der Hexen treffen. Wenn Katrin Burger nur gewusst hätte, dass Bartholemew Filligrew Crwmberwood sich der leeren Hülle ihrer Hexenschwester bediente und was den anderen Hexen passiert war! Sie würde jetzt versuchen, einen Ozean zwischen sich und ihn zu bringen.

Der Fahrer hatte sich für die Route über die A49 nach Baunatal entschieden, denn sein Fahrgast war ihm sichtlich unsympathisch. Der Fahrer überschritt locker die Geschwindigkeitsbegrenzung und hoffte, nicht geblitzt zu werden.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood schreckte hoch, als das Handy Sarah Möllers klingelte. Was hieß: klingelte? Irgendeines dieser populären Liedchen hatte das Klingeln ersetzt. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie hasste das Geräusch.

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und konzentrierte sich. Sein Geist drang in das Vakuum Sarah Möllers ein und ließ sie ans Handy gehen.

Der Fahrer, der in diesem Moment in den Rückspiegel sah, um einen LKW zu überholen und sich nach hinten abzusichern, glaubte erst sein Fahrgast wäre tot, denn das wächserne, hagere Gesicht wirkte wie eine Totenmaske.

Fast wäre der Taxifahrer auf die Bremsen getreten, aber dann konnte er sehen, dass sich der Mund zu lautlosen Lippenbewegungen öffnete, während die Maus neben ihm telefonierte.

Hoffentlich kommt der lebend aus meinem Wagen, dachte der Mann und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

„Hallo“, sprach Bartholemew Filligrew Crwmberwood durch Sarah Möller mit ihrer Stimme in das Handy.

„Ich bin’s“, hörte er durch die Ohren seiner blonden Begleiterin. „Ich komme später, vermutlich erst am Abend.“

„Ich warte am Hotel“, ließ sich Sarah Möller vernehmen, und Bartholemew Filligrew Crwmberwood musste arg an sich halten, um seinen Ärger nicht hörbar werden zu lassen. Gut, es war noch Zeit, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Doch es war weniger der Zeitplan als vielmehr die Ungeduld, die Strafe Asmodis zu vollstrecken und sich selbst von der Scham, die er in Ely 1071 erlitten hatte, reinzuwaschen.

„Ja, das ist ein guter Plan“, hörte Bartholemew Filligrew Crwmberwood durch Sarah Möller. „Ich ruf noch mal an.“

„Geht klar!“, beschied die Stimme der Hexe aus Frankfurt, deren Geist ausgebrannt war. „Bis dann.“

Crwmberwood war ein wenig frustriert. Sonst hätte er der Burger heute noch einen Besuch in Köln abstatten müssen. Aber nun hieß es zu warten.

 

***

 

Der Verfluchte

Kassel, im Juni des letzten Jahres, zwei Tage vor der Sonnenwende

Carmillo van Appen saß in einem Straßencafé auf dem Friedrichsplatz. Der Schmerz war weg und eine weitere Frauenleiche trieb in der Fulda. Aber er wusste, der Schmerz, der unsägliche Fluch des Scharfrichters der Schwarzen Familie, würde wiederkommen. Bis dahin wollte er das Leben genießen, so es möglich war, ohne aufzufallen.

Carmillo war ein wenig nervös. Hatten die Karten gelogen? Es gab noch keinen Hinweis, dass Cresmonia Gwscore in der Stadt war. Dabei waren die Zeichen so eindeutig gewesen.

Für ihn hieß das: einfach abwarten. Aber natürlich war da auch das Risiko. Bartholemew Filligrew Crwmberwood war hier und konnte ihn entdecken und sich vielleicht fragen, was er denn hier trieb. Aber auf dem sonnenbeschienenen Platz im Zentrum Kassels war er vor Entdeckung durch Crwmberwood nahezu sicher, denn der Alte mied in der Regel belebte Plätze, weil ihm Menschenansammlungen zuwider waren. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie mochte dergleichen nicht. Daher war sich der holländische Dämon ziemlich sicher, hier nicht entdeckt zu werden.

Des Scharfrichters Wächter interessierten sich nicht für ihn. Mehrfach hatte er ihre Gegenwart in unmittelbarer Nähe verspürt. Carmillo war sich immer noch nicht über deren Natur klar. Sie hatten keinerlei Bewusstsein. Crwmberwood musste über Mächte und Sprüche verfügen, die andere längst vergessen hatten. Vermutlich steckte auch Asmodi dahinter.

Der hatte Crwmberwood einst sein Versagen verziehen und ihn stattdessen zum Scharfrichter der Schwarzen Familie gemacht. Carmillo, der selbst gnadenlos bestraft worden war, empfand dies als absolute Ungerechtigkeit.

Warum der Fürst der Schwarzen Familie dem Versager nicht nur verziehen, sondern ihn auch noch gefördert hatte, war nicht nur für Carmillo unverständlich. Doch keiner wagte es, solche Fragen laut zu stellen. Asmodis Missfallen zu erregen, war nicht gesund. Carmillo konnte ein Lied davon singen.

Crwmberwood selbst konnte ihn nur bedingt spüren, wenn er nicht gezielt nach ihm suchte. Auch die Beeinflussung der Frauen war ein Zauber, den man nicht so einfach spüren konnte, weil er sich sehr konkret auf eine Person richtete. Da musste Bartholemew Filligrew Crwmberwood schon zwischen Carmillo und seine Beute treten.

Carmillo hingegen hatte das Wirken des Scharfrichters der Schwarzen Familie in den letzten Wochen des Öfteren gespürt. Und er hatte davon in der Zeitung gelesen. Er mordete sich mit einer Urgewalt durch den Zirkel Cresmonia Gwscores, dass Carmillo van Appen sich wunderte, dass die Hexe davon keine Notiz genommen hatte. Oder mied sie die Stadt, weil Bartholemew Filligrew Crwmberwood hier so brachial zuschlug?

Bis zur Sonnenwende würde er hier mit Sicherheit abwarten, was geschah. Sollten die Karten gelogen haben, musste er andere Wege suchen, Cresmonia Gwscore zu finden und ihr seinen Wert zu zeigen und sie seiner Liebe zu versichern.

Er fragte sich, ob es tatsächlich Liebe war, was er empfand, denn Dämonen schrieb man derartige Empfindungen nicht zu. Aber vielleicht war es auch nur die Gier nach ihrem Körper und ihrer Aufmerksamkeit?

Was immer es war, Cresmonia Gwscore war jene, die er wollte. Und die ihm hoffentlich helfen konnte, den Fluch zu brechen, der auf ihm lastete, und von dem sieben Frauen auf dem Grund der Fulda und noch viel mehr in anderen Verstecken beredtes Zeugnis ablegten.

Der Spross der holländischen Dämonensippe zog viele Blicke auf sich. Viele Frauen musterten ihn verstohlen und verglichen ihn wohl mit ihren Ehemännern, Freunden oder - wie es neudeutsch so schön hieß - Lebensabschnittsgefährten. Man konnte den Mienen der Frauen ansehen, wie dieser Vergleich ausfiel.

Aber Carmillo hatte momentan kein Interesse an ihnen. Warum auch? Der Schmerz war gelindert.

Er genoss die Blicke der Frauen, lenkten sie ihn doch von der Ungewissheit ab, die ihn mehr quälte, als er sich selbst eingestehen wollte. Das Tarotblatt seines Vaters, das er ohne dessen Wissen befragt hatte, hatte bisher immer die Zukunft richtig vorhergesehen. Aber hier schien es sich mehr oder weniger geirrt zu haben.

Wenngleich - die Frist war die Sonnenwende. Der Tag stand noch bevor. Darauf setzte er zunächst einmal alle Hoffnungen.

Der Holländer nahm einen Schluck Kaffee und stellte fest, dass er kalt geworden war. Achtlos warf er einen blauen Euroschein neben die Tasse und verließ das Kaffee.

Er schlenderte die Königstraße in Richtung Rathaus hinauf. Seine Ungeduld im Zaume haltend.

 

***

 

Die Unwissenden

Polizei Kassel, im letzten Jahr, zwei Tage vor der Sonnenwende, am Nachmittag

Die hastig herunter geschlungene Currywurst mit Pommes von der Imbissbude vor dem alten Hotel am Hauptbahnhof lag ihm so schwer im Magen, als hätte er ein halbes Pferd auf Toast, das auch noch überlappte, gegessen. Kriminaloberrat Göddecke konnte sich nicht erinnern, dass ihm Currywurst jemals wirklich geschmeckt hatte. Aber gegessen hatte er sie immer wieder. Warum mochte der Teufel wissen.

Er stand auf, holte sich den achten - oder war es schon der neunte? – Becher Kaffee. Er gab zwei Stück Zucker hinein und schüttete den Kaffeeweißer der Gebrüder Albrecht hinein, rührte und setzte sich wieder.

Jetzt hockten sie - abgesehen vom Verzehr der Wurst - seit halb neun morgens hier im Büro und lasen Vernehmungsprotokolle, Berichte der Spurensicherung und andere aufregende Lektüre. Das Schlimme daran war die Amtssprache. So langweilig, dass selbst dem geneigten Leser irgendwann die Augen zufielen.

Göddecke kniff die Augen zu und rieb mit beiden Händen darin. Der kleine Zeiger der Wanduhr rückte unerbittlich der Fünf entgegen. Aber was normalerweise der Beginn des Feierabends war, markierte heute – wieder mal – den Beginn der Überstunden.

Auch von seinen Jungens im Außendienst war noch keiner wieder rein gekommen. Sie alle befragten unermüdlich Anwohner und Fahrgäste, bevorzugt Pendler, rund um den Hauptbahnhof, sowie die Taxifahrer der Stadt. Und gegen Mittag hatte er auch noch einige von ihnen zum Palast der Winde in die Wilhelmshöher Allee geschickt.

Frühestens gegen 19:00 Uhr, wohl eher gegen 20:00 Uhr würden die Ersten müde, abgekämpft und frustriert wieder im Gebäude sein, noch schnell die Berichte fertigen und dann nach Hause fahren, wo genervte Ehefrauen warteten. Und morgen zwischen sieben und acht begann die Knochenmühle von vorn.

Verdammt harter Job. So gar nicht wie im Fernsehen, wo es von all dem – wenn überhaupt – nur die genervte Ehefrau gab.

Keinem seiner Leute konnte Göddecke einen Vorwurf machen. Sie leisteten ausgezeichnete Arbeit. Trotzdem kam nichts dabei heraus.

„Verflucht!“, murmelte er. „Warum finden wir nichts?“

Klumpp sah von der x-ten Aussage des y-ten Taxifahrers auf, wobei er inzwischen nicht mehr nur die Berichte las, sondern sich auch deren Notizen zugewandt hatte. Sein jungdynamischer bester Mann war ebenso erschöpft wie er selbst, fand Göddecke. Auch er würde jetzt lieber draußen herumrennen. Das Lesen von Akten war ermüdender, als eine ganze Nacht zu observieren. „Wir übersehen was!“

Klumpp nickte nur müde. „Aber was?“

„Wenn ich das wüsste“, bemerkte Göddecke gereizt, „wäre ich Innenminister in Wiesbaden und würde jetzt Feierabend machen oder mich zu einem Empfang fahren lassen, um Austern zu schlürfen und am Schampus zu nippen, nachlässig mit irgendwelchen Leuten schwatzen und dann ab in die Kiste, um morgen den nächsten unsinnigen Erlass erlassen.“

Der Kriminaloberrat merkte selbst was für einen Mumpitz er da verzapfte und verstummte. Er blickte zur Decke und innerlich fluchte der ansonsten so beherrschte Polizist voller Inbrunst.

„Gott, bin ich müde“, meinte Klumpp. „Wenn ich noch einmal von dem Todkranken lese, der sich seit Anfang Mai mit einer jungen Frau kreuz und quer durch die Stadt chauffieren lässt, drehe ich durch.“

Göddecke sah Klumpp einen Moment an. Sein Hirn war träge. Der Kriminalrat versuchte zu begreifen, was Klumpp gesagt hatte, ob es wichtig wäre, aber dann ging ihm ein Licht auf. „Anfang Mai?“

„Ja, seit Anfang Mai“, antwortete Klumpp und begann in den Aussagen zu blättern, „ist da ständig ein Mann, der beschrieben wird als ‚wandelnder Toter’, ‚todkrank’, ‚Sterbender’, ‚geiler Scheintoter’ und weiß der Teufel noch was mit dem Taxi kreuz und quer durch Kassel gefahren.“

„Weiß man wie er heißt?“, fragte Göddecke. Es war nur ein Strohhalm, aber die erste Gemeinsamkeit. Sein Instinkt schlug Purzelbäume. Aber vielleicht war er auch nur hoffnungslos überreizt.

„Clumberhoff oder so ähnlich“, antwortet Klumpp. Der sah jetzt auch eine Verbindung. Die Morde hatten Anfang Mai begonnen und Anfang Mai war der Mann aufgetaucht. „Der Name klingt angeblich ungewöhnlich, und der Typ kommt wohl aus Irland, Schottland, England oder so. Angeblich am Akzent erkannt. Soll aber gut Deutsch sprechen.“

„Weiß man, wo der wohnt?“, fragte Göddecke. „Wir sollten ihm einen Besuch abstatten. Den Mann mal einfach so als Zeugen befragen. Ein paar Pfeile ins Blaue schießen und sehen, was oder wen wir treffen.“

„Das sehe auch so. Das ist unser erster halbwegs brauchbarer Hinweis“, meinte Klumpp, kratzte sich nachdenklich am Kinn und fuhr fort: „Aber der Mann wird als alt und todkrank beschrieben. Und wir haben unter anderem eine per Hand rausgerissene Gurgel. Nach den Beschreibungen kann der das nicht. Es hieß auch, manche haben überlegt, ob er es überhaupt in den Wagen schaffen würde. Ein Anderer meinte, für den sei ein Rettungswagen praktischer.“

„Fragen kostet nichts und ansehen möchte ich mir den Typen auf jeden Fall einmal“, meinte Göddecke. „Fahren wir. Vielleicht ist er auch ein nützlicher Zeuge. Wo war er denn überall?“

Klumpp blätterte in den Akten und insbesondere den Notizen der Kollegen, erst langsam und bedächtig. Dann zunehmend schneller. Sein Gesicht hellte sich auf. „So ein Zufall ... er war immer kurz vor und/oder kurz nach einem Mord in der Nähe der Tatorte.“

Göddecke grinste breit. „Ich muss mit Herrn Clumberhoff sprechen. Dringend! Wir sollten den todkranken alten Mann in Augenschein nehmen. Mein Instinkt sagt mir, eine Befragung lohnt sich.“

„Verdammt! Da haben sie auch wieder recht, Chef“, entgegnete Klumpp, der sich von der Begeisterung seines Vorgesetzten anstecken ließ. „Ich hol schon mal den Wagen.“

„Gute Idee, Harry“, antwortete Kriminaloberrat Wilhelm Göddecke und trank hastig seine x-te Tasse Kaffee aus. Das Jagdfieber hatte den alten Hasen gepackt.

 

***

 

Die letzte Hexe

Im Juni letzten Jahres auf dem Weg nach Baunatal, zwei Tage vor der Sonnenwende

Katrin Burger war in einem Motel irgendwo an der A44, und zog sich langsam die Seidenstrümpfe über die langen, glatt rasierten und für Männer in der Regel unwiderstehlichen Beine.

Dann griff sie zu einem Glas Sekt und nahm einen Schluck. Sie lächelte versonnen.

Das in meinem Alter, das schafft keine Knoblauchpille, dachte sie versonnen. Wenn das der Kaiser wüsste.

Ihre Mutter hatte ihr immer stolz erzählt, dass Wilhelm II. sie nach einer Parade auf die Wange geküsst und irrtümlich für einen Jungen gehalten hatte.

Jetzt würde ihm das nicht mehr passieren, schmunzelte Katrin, die einst Katharina gewesen und nach der Zarin von Russland benannt worden war, die irgendeinem deutschen Adelsgeschlecht entsprungen war.

Jeder, der sie sah, schätzte sie auf Mitte dreißig. Kaum einer würde für möglich halten, dass sie bereits einhundertsechs Jahre alt war. Cresmonia hatte sie viel gelehrt, und sie hatte begeistert diese Chance ergriffen, die ihr die Meisterin geboten hatte.

Sie sah sich im Spiegel. Ihre Haut war straff, ihr Körper das, was Männer eine Offenbarung nannten. Ihre Brüste gefielen sogar ihr. Da gab es keinen Makel.

Kein Skalpell eines Chirurgen hatte ihre Haut jemals berührt, damit er sie straffen konnte. Das war alles Tränken zuzuschreiben, die Cresmonia ihr empfohlen hatte und die aus der längst vergessenen Zeit der Phönizier stammten. Cresmonia Gwscore hatte ihr versichert, damit mochte man Hunderte von Jahren alt werden, ohne dabei seine Jugend zu verlieren.

Aus dem Bad klang das Plätschern einer laufenden Dusche. Was scherte sie Sarah Möller? Die konnte ruhig mal warten. Diese junge Wilde war ohnehin nicht ganz auf der Höhe. Statt das Leben zu genießen, wollte sie ins Fernsehen. Gab es was Bescheuerteres? Warum sollte man eine Nase in die Kamera halten, wenn es doch ‚live’ soviel zu erleben gab.

Cresmonia hatte sie gelehrt, nicht zu viel auf die Gemeinschaft des Hexenrings zu geben. Der eigene Vorteil stand im Mittelpunkt, so wie Cresmonia selbst es hielt, solange Katrin sie kannte. Gut, man ging zu den gemeinsamen Riten, aber das war es dann auch schon.

Cresmonia meinte, die Schwarze Familie war eins, aber der persönliche Spaß das andere. Wenn Luzifer auf die Erde käme, wäre noch genügend Zeit, ihm zu huldigen und unverbrüchlicher Treue zu versichern. Das sollte wohl reichen.

Katrin sah das ähnlich. Mehr als Pflicht sollte es nicht sein. Rücksichtslos leben war schon genug.

Was machte es schon aus, wenn man mal ein paar Stunden später kam? Erst recht wenn ein Prachtstück von einem zwanzigjährigen Tramper gefunden wurde und der gewissen gymnastischen Übungen für Erwachsene nicht abgeneigt war. Jedenfalls hatte er ihre Avancen schnell begriffen. Sie hatte auch kaum einen Zweifel an ihren Absichten gelassen.

Nun gut, er hatte sich etwas übernommen und schon nach dem dritten Mal schlapp gemacht, aber diese Stunden würde der Junge nie vergessen. Zum ersten Mal hatte er Spaß mit einer richtigen Frau gehabt und nicht mit einem Mädchen, das kaum wusste, was Sexualität war.

Sie mochte knackige Jungen und wann immer sich die Gelegenheit ergab, war sie dabei und nahm sich, was sie wollte. Ganz so, wie es die Meisterin vorlebte. Nur ein Ruf von Cresmonia Gwscore persönlich hätte sie davon abgehalten, den Jungen zu verführen. Ihr hatte sie alles zu verdanken.

Damals vor fast siebzig Jahren, als sie in Berlin ein kärgliches Auskommen als Tänzerin pflegte und versuchte, unter den Nazis zu überleben, hatte sich Cresmonia Gwscore ihrer angenommen. Die Hexe hatte ihr die große, weite Welt gezeigt. Und nicht nur das, sondern auch wie man von Männern das bekam, was man wollte und noch Spaß dabei hatte.

Nach dem Krieg hatte die Burger begonnen, durch die Welt zu reisen und sich ihren Spaß zu gönnen. Sie hatte versucht – wie alle im Zirkel – ihrer Meisterin nachzueifern.

„Kommst du mein Süßer“, rief die Hexe. „Ich muss weiter!“

„Bin gleich soweit“, kam die Stimme des jungen Mannes, der wohl Tobias oder so hieß.

„Dann ist ja gut“, sagte die Burger, lehnte sich zurück und trank einen Schluck Sekt. Sie lächelte süffisant.

Vielleicht ergab sich ja noch mal die Gelegenheit für einen Zwischenstopp.

 

***

 

Die Unwissenden

Kassel, im letzten Jahr, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Der Dienstvolkswagen fuhr so schnell es ging über die Wilhelmshöher Allee. Hauptsache war, die Kollegen in Uniform blitzten heute nicht. Der Bahnhof war nicht mehr weit entfernt. Kurz dahinter war das Hotel. Ein kleines, aber feines Haus. Sündhaft teuer. Das Gehalt beider Kriminalbeamter zusammen würde nicht reichen, um auch nur zwei Wochen dort zu verbringen.

Dort wohnte dieser Clumberhoof, Clumberhoff, Clumberwood oder so ähnlich. Ein Mann, der sich immer in der Nähe von Tatorten aufhielt. Ein Mann, der so wirkte, als müsse er in den nächsten Minuten sterben oder aber zumindest todkrank zusammenbrechen.

Sie hielten vor dem Hotel an, fanden einen Parkplatz und standen bald darauf an der Rezeption, wo der Mann dahinter ein neutrales Gesicht wahrte. Trotzdem gelang es ihm nicht, sein Missfallen über die beiden Gäste zu verbergen, die Anzüge von der Stange trugen und offensichtlich ohne goldene Karte hier abzusteigen gedachten.

Der Mann an der Rezeption war um die Einsfünfundsechzig groß, hatte volles graues Haar, blassblaue Augen, eine Goldrandbrille, konnte so arrogant gucken, als gehöre ihm der Laden, und seine Uniform saß perfekt. Sein Namensschild trug die Prägung Greulich, Executive Management. Dabei konnte der ‚ausführende’ Manager gerade mal über den Tresen gucken.

Göddecke konnte nicht an sich halten und dachte, wenn er wirklich zum Management gehörte, dass das ‚Executive’ noch wegfallen müsste.

„Guten Tag“, sagte Göddecke und zog seinen Ausweis hervor. Auch Harry Klumpp hielt die Karte mit seinem Konterfei, den Hoheitszeichen und seinem Dienstgrad hoch, die ihn als Polizisten auswies.

„Guten Tag, die Herren“, meinte der Mann hinter dem Tresen aus edlem Holz (Göddecke vermutete, es war Mahagoni). „Was kann ich für sie tun?“ Der Tonfall des Mannes ließ keinen Zweifel daran, dass Göddecke und Klumpp sich in der Adresse geirrt haben mussten. Bestimmt, so der Ausdruck des Mannes, suchten sie eines dieser zweifelhaften Etablissements irgendwo am Wesertor oder so. Sie hatten sich bloß verfahren.

„Es geht um einen ihrer Gäste“, sagte Göddecke. „Er ist möglicherweise Zeuge eines Verbrechens geworden. Wir hätten ihn gern gesprochen.“

„Einer unserer Gäste?“, entfuhr es Herrn Greulich hinterm Tresen. „Sind sie sicher?“ Sein Tonfall drückte Missbilligung aus. Allein die Vorstellung, einer ihrer exklusiven Gäste könnte sich in der Nähe eines Tatorts aufgehalten haben, schien ihm Schauer über den Rücken zu treiben.

„In der Tat“, begann Göddecke, der sich über den Tonfall des Executive Managers ärgerte.

„Darf ich sie bitten, mir zu folgen, um kein Aufsehen zu erregen?“

Göddecke wollte zwar nicht, allein schon um den Herrn Greulich zu ärgern, aber er brauchte möglicherweise seine Kooperation. So entschloss sich der erfahrene Kripobeamte dazu, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und dem kleinen, silberhaarigen Mann in das Hinterzimmer, vermutlich sein Büro, zu folgen.

Sie betraten einen spartanisch eingerichteten Raum, der im völligen Gegensatz zum Luxus des Nobelhotels stand.

„Um welchen unserer Gäste handelt es sich?“, fragte Greulich. Seine blassblauen Augen heuchelten Interesse an der Arbeit der Polizisten.

„Der genaue Namen ist uns nicht bekannt. Sein Name könnte Clumberhoof, Clumberwood oder so ähnlich sein“, sagte Harry Klumpp.

„Beide Namen sind hier unbekannt“, entgegnete Greulich.

„Möglicherweise haben sie einen Gast“, Göddecke atmete tief durch und zählte innerlich von zwanzig bis null runter, um nicht zu explodieren, „dessen Name so ähnlich klingt. Unsere übrigen Zeugen fanden den Namen etwas ungewöhnlich und konnten ihn sich deshalb nicht richtig merken. Wie sieht es damit aus?“

„In der Tat“, begann der Executive Manager, „da gibt es einen Gast, dessen Name sich phonetisch den von ihnen genannten annähert. Ich ging natürlich davon aus, sie hätten nicht nur eine Ähnlichkeit, sondern ...“

„Bitte, den Namen“, sagte Göddecke, der mit seiner Beherrschung rang.

„Bartholemew Filligrew Crwmberwood, wobei das ‚w’ wie ein ‚u’ gesprochen wird. Er ist Bürger des United Kingdom“, verkündete der kleine, silberhaarige Greulich und war stolz darauf, die Aussprache hinbekommen zu haben und den Begriff United Kingdom zu kennen, wie es Göddecke zynischerweise in den Sinn kam.

„Wir hätten Herrn Crwmberwood gern gesprochen“, mischte Harry Klumpp sich ein, der genau spürte, dass sein Chef von der pedantischen, herablassenden Art des Executive Managers in den Wahnsinn getrieben wurde.

„Das ist leider nicht möglich“, begann Greulich und fuhr so gleichmütig wie herablassend fort: „Herr Crwmberwood ist nicht im Hause. Er hat das Haus gegen Mittag verlassen und nicht hinterlassen, wann er zurückzukehren gedenkt.“

„Wie hat er das Haus verlassen?“, fragte Göddecke.

„Wir haben ihm ein Taxi gerufen“, erklärte Greulich. „Wie gewöhnlich, wenn Herr Crwmberwood das Haus verlässt. Er ist eher gebrechlich und seine junge Pflegerin kümmert sich rührend um ihn.“ Greulich freute sich, weil er der Polizei eine Information gegeben hatte. Damit hatte er das Gebot der Diskretion verletzt - aber seine Pflicht als Staatsbürger erfüllt.

„Danke“, sagte Göddecke und schaffte es tatsächlich, den sarkastischen Unterton zu unterdrücken, der ihm auf der Zunge lag. „Bitte rufen Sie uns, falls der Herr Crwmberwood wieder zurückkehrt. Hier meine Karte. Nach 22:00 Uhr nutzen Sie bitte das Handy.“

„Ich werde es mir merken und auch dem Nachtportier eine Notiz hinterlassen“, versicherte Greulich.

Die beiden Polizisten verließen das Hotel. Kaum waren sie draußen, griff Göddecke zum Handy und wählte eine Nummer.

„Elke“, sagt er nach kurzer Zeit ins Mikro. „Du kennst doch alle von euch. Ich brauche den Fahrer, der einen Mann von dem Luxushotel in der Wilhelmshöher abgeholt hat. Er heißt Crwmberwood und sieht todkrank aus. Viele der Fahrer kennen ihn wahrscheinlich.“ Nachdem der Kriminaloberrat der Antwort gelauscht hatte, nickte er befriedigt. „Kommen Sie, Klumpp, essen wir nen Happen beim Chinamann am Bahnhof. Seien sie mein Gast. Elke ruft bald wieder an. Wir werden uns beeilen müssen. Aber die haben da ein brauchbares Buffet.“

Klumpp nickte und ging zum Dienstwagen. Auch er hatte das Gefühl, dass sie Bartholemew Filligrew Crwmberwood heute noch begegnen würden.

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres in Baunatal, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Bartholemew Filligrew Crwmberwood, der von der Polizei in Gestalt von Göddecke und Klumpp heftig Gesuchte, wartete eisern in einem anderen Hotel in Baunatal auf Katrin Burger. Unbeirrt hielt er zusammen mit Sarah Möller die beiden Sessel in dem kleinen Foyer besetzt. Er zwang sich mit äußerster Selbstbeherrschung dazu, einfach abzuwarten. Er war zu dicht vor dem Ziel, als dass jetzt noch was schief gehen durfte. Die Hexe musste sein werden.

Es ging mittlerweile auf 20:00 Uhr zu. Von der Rezeption her kam immer mal wieder dieser oder jene fragende Blick, aber Bartholemew Filligrew Crwmberwood ignorierte das oder erwiderte den Blick. Dem konnte keiner lange Stand halten.

Katrin Burger hatte wieder angerufen und sich nochmals entschuldigt. Aber sie hatte versprochen, bis etwa halb neun am Abend endlich in Baunatal zu sein.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood fragte sich, ob die Hexe Unrat gewittert hatte. Aber das konnte er sich nicht vorstellen. Die Hexen der Gwscore scherten sich nicht um aktuelle Nachrichten und lebten in ihrer eigenen Welt.

Was immer die letzte der Hexen trieb, ihn brachte es zur Weißglut, und er war sich mittlerweile sicher, sie für die erlittene Ungemach, den ganzen Tag in dieser Umgebung verbringen zu müssen, wo Vertreter, andere Geschäftsreisende und noch mehr zwielichtiges Gesindel ein und aus gingen, angemessen zu strafen. Die Gnade eines schnellen Todes würde er ihr nicht gewähren.

Neben ihm saß Sarah Möller. Sie grinste und fand alles toll. So schien es zumindest Außenstehenden. Doch dem war nicht so. In ihrem Hirn regte sich kein Bewusstsein mehr. Mechanisch trank sie, aber das waren nur mehr die Funktionen des Stammhirns. Bartholemew Filligrew Crwmberwood  half manchmal ein wenig nach. Ein solch leerer Geist war einfach zu kontrollieren. Durch sie zu sprechen sehr einfach. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie musste nur darauf achten, dass sie sich nicht einnässte oder andere Körperfunktionen unangenehm auffielen. Aber das hatte er im Griff. Gelegentlich ließ er sie zur Toilette marschieren.

Menschen waren so schmutzige Wesen ohne jeden Stil. Wenn es nach ihm ginge, würde er dafür sorgen, dass sie von der Erde verschwinden. Aber Luzifer liebte es, über Seelen zu herrschen. Wenn keine mehr da waren, würde sein Zorn schrecklich sein. Also musste er diese Insekten dulden, ob er wollte oder nicht. Solange er in der Abgeschiedenheit der Shetlands war, ging das auch. Aber mittlerweile bewegte er sich sechs oder fast schon sieben Wochen unter ihnen. Das hatte nicht dazu beigetragen, sie ihm sympathischer zu machen.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood gab sich Phantasien hin, die sich darum drehten, wie er die Eingeweide der Hexe an aasfressendes Getier verteilen würde. Wie er ihr Knochen für Knochen brechen würde und sie jedes Detail miterleben und den Schmerz und auch den Anblick voll auskosten konnte. In Gedanken repetierte er bereits die nötigen Zauber. Das würde ein Spaß werden.

Die letzte Erfahrung der Hexe auf Erde würde sein, dass es nicht ratsam war, Bartholemew Filligrew Crwmberwood, den Scharfrichter der Schwarzen Familie, warten zu lassen.

In diesem Moment bog ein Auto auf den Parkplatz ein.

Das musste sie sein.

Der Hölle sei dank, dem Teufel sei es gepriesen, schoss es Bartholemew Filligrew Crwmberwood durch den Kopf.

Sarah Möller erhob sich.

 

***

 

Die Unwissenden

Kassel, im letzten Jahr, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Klumpp verschlang gerade seine gebackene Banane, während Göddecke mit dem letzten Schluck seines Tees den trockenen Glückskeks hinunterspülte. Da klingelte Göddeckes Handy.

Er meldete sich mit Namen und Rang, ohne sich das Display anzusehen. Es mochte ja weiß Gott wer sein.

„Ah, Elke“, sagte er dann. „Klar.“

Dann hörte er angespannt zu und gab Klumpp einen Wink, ihm seinen Block und einen Stift zu geben.

Er notierte mit.

„... in Baunatal“, schloss er die Mitschrift. „Und du bist sicher? Auch nicht die Konkurrenz von Mini-Car? Danke, Elke, du hast was gut bei mir. Machs gut. Wir sehen uns.“

Göddecke lauschte. Die Sprecherin am anderen Ende musste gerade etwas sagen.

„Nee, Elke, ich verspreche nicht mehr, als ich halten kann. Ehrlich. Und nun Tschüss. Ich muss los. Alles klar. Mach’s gut und noch mal danke.“

Klumpp hatte sich den Zettel geholt. „Da ist er also, unser unaussprechlicher Engländer.“

„Der Mann heißt Crwmberwood und ist Bürger des United Kingdom“, imitierte der Kriminaloberrat Herrn Greulich, den Mann von der Rezeption, im Aufstehen. „Da hat er sich heute Vormittag hinbringen lassen und ist bis jetzt nicht wieder abgeholt worden.“

Gemeinsam gingen sie zum Parkplatz hinüber und setzten sich in den Wagen. Klumpp startete den Dienst-VW, bevor Göddecke überhaupt drinnen war.

„Hey, der Mann hat sechs Wochen hier überlebt, obwohl er wie der wandelnde Tod aussieht, dann schafft er es noch bis wir ihn vernommen haben“, spöttelte Göddecke und erntete ein Lachen von Klumpp.

Die Fahrt führte sie über Zwehren nach Baunatal. Klumpp wusste, wo das Hotel war.

Die Fahrt verlief schweigend. Die Polizisten waren angespannt. Bald würden sie wissen, ob sie eine Spur, einen Zeugen, einen Täter oder nichts hatten.

Alles war möglich. Nichts ausgeschlossen. Göddecke hielt es auch für möglich, dass er heute völlig frustriert zu Bett gehen musste, weil diese Aktion im Sande verlaufen war.

Klumpp bog auf den Parkplatz ein. Nur einige Autos standen hier. Einer davon war ein großer Mercedes der S-Klasse. Für ein Hotel dieser Preisklasse ein ungewöhnliches Auto. Klumpp merkte sich routinemäßig das Kölner Kennzeichen.

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres in Baunatal, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Ein Mercedes aus Köln. Das war sie. Augenblicklich erwachte das Jagdfieber in ihm. Die Stunde der Entscheidung war in greifbare Nähe gerückt. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Crwmberwood griff nach einer der herumliegenden Zeitungen und verbarg sich dahinter.

Sarah Möller hingegen erhob sich, um hinauszugehen. Bartholemew Filligrew Crwmberwood kontrollierte ihren leeren Geist, sah mit ihren Augen und hörte mit ihren Ohren. Unter Aufbietung seiner Kräfte behielt er selber diesmal auch seine eigenen Sinne. Es mochte nötig werden zu handeln. Da musste er schnellstmöglich er selbst sein können. Katrin Burger durfte ihm nicht entkommen, sonst ging die Jagd von vorn los.

Das war das Letzte, was Bartholemew Filligrew Crwmberwood wollte. Es musste unbedingt jetzt geschehen. Der Makel wäre dann fortgewaschen.

Sarah Möller begrüßte unterdessen Katrin Burger. Beide betraten das Hotel. Die beiden Hexen gingen gemeinsam zur Rezeption.

Während des Eincheckens beachtete keiner der beiden den Zeitungsleser in der Ecke, der sich voll und ganz seiner Lektüre zu widmen schien.

Während Katrin Burger die üblichen Angaben an der Rezeption erledigte, schwatzte sie ausgiebig mit der Hexenschwester über Belanglosigkeiten wie die neueste Mode, Schuhe und Schmuck.

Dann verschwanden Katrin und Sarah im Aufzug. Sie fuhren mit dem Gepäck in den zweiten Stock hinauf.

In dem Moment, als die Tür sich geschlossen hatte, erhob sich Bartholemew Filligrew Crwmberwood und ging zum Treppenhaus.

Die Dame an der Rezeption wunderte gar nichts mehr. Der Mann war ihr unheimlich, aber da er die jüngere der beiden Frauen kannte und mit ihr den Nachmittag hier in der Lobby verbracht hatte, ließ sie ihn gewähren.

Vielleicht war ja der alte Mann eine Überraschung für ihren neuen Gast. Wer wusste es schon? Oder besser: Wer wollte es schon wissen? Sie gewiss nicht. Im Hotelfach hatte sie schon die unmöglichsten Dinge erlebt.

Crwmberwood stieg ausreichend schnell die Treppen hinauf, um noch zu sehen, wie Sarah Möller die Tür zu Katrin Burgers Zimmer hinter sich schloss.

Eigenartig – selbst für ihn - die Doppeleindrücke, die er sammelte.

Zum einen sah er den Korridor vor sich und wie er auf die Tür zuhielt. Zum anderen sah er mit den Augen Sarah Möllers, hörte mit ihren Ohren, roch mit ihrer Nase und nahm auch alles andere wahr, was der Körper empfing.

Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden Hexen geschlossen, wandte sich Katrin Burger um. „Was ist denn so wichtig, Sarah, dass du mich nach Kassel lockst? Hier liegt doch nun wirklich der Hund begraben. Da mag man nicht tot über den Zaun hängen. Nicht mal einen anständigen Flugplatz haben die hier. Wenn Cresmonia das wüsste.“

„Crwmberwood jagt uns. Asmodi hat die Meisterin und uns dem Scharfrichter der Schwarzen Familie ausgeliefert“, antwortete Sarah Möller und Crwmberwood bekam tatsächlich einen angsterfüllten Unterton hin.

„Was!?“, entfuhr es der Burger. „Das ist doch nicht möglich.

Nur noch wenig Schritte bis zur Tür. Bartholemew Filligrew Crwmberwood beeilte sich nicht sonderlich. Er hatte die Lage fest in der Hand. Völlig gelassen führte er im Zimmer das Gespräch, während er selbst auf dem Gang seine Kräfte sammelte, um zuzuschlagen. Die Burger sollte ihre verdiente Strafe erhalten und – mehr.

„Ich schwöre es. Ich habe selbst gesehen, wie er Xandra erledigte“, ließ Crwmberwood die Burger wissen und bewunderte sich für seine Wahrheitsliebe. „Er ist hinter uns her und wird eine nach der anderen erledigen.“

Hier lächelte der Scharfrichter der Schwarzen Familie, denn das war keine Lüge, sondern nur ein Problem mit der Zeitform. Er hatte eine nach der anderen erledigt.

„Beim Lichtbringer!“, entfuhr es Katrin Burger. „Was hat die Meisterin getan?“

„Ich habe keine Ahnung“, ließ Sarah Möller ihre Hexenschwester wissen. Und auch das stimmte. Weder Sarah Möller, noch die anderen hatten erfahren, was der Grund für die Strafe war. Asmodis Urteile hinterfragte man nicht. Sie wurden vollstreckt.

„Was sollen wir tun?“, fragte Sarah Möller.

„Wir rufen die Meisterin. Cresmonia wird uns sagen, was zu tun ist und wie wir Bartholemew Filligrew Crwmberwood entkommen können. Sie hat ihn schon einmal an der Nase herum geführt. 1071 in Ely. Und er ist nicht halb so mächtig wie sie.“

„Wenn du dich da nicht täuschst, verfluchte Hexe“, murmelte der Scharfrichter der Schwarzen Familie auf dem Gang. Doch er blieb vor der Tür stehen. Die Burger wollte Cresmonia Gwscore rufen. Und er war neugierig, wie sie das vollbringen wollte. Vielleicht brauchte er dieses Wissens noch, falls ihm die Hexe entging.

„Aber wie?“, ließ Bartholemew Filligrew Crwmberwood Sarah Möller fragen. „Wir brauchen doch uns und alle zwölf Steine. Und ich weiß nicht, wo Xandra ihren verborgen hatte.“

„Habt ihr das geglaubt, dass alle zwölf Steine von Nöten sind. Sicher, es funktioniert. Und die Herrin wusste dann immer, dass es ernst war. Aber es reicht ein Stein. Sie hört den Ruf ...“

Crwmberwood bekam Zustände vor der Tür. So einfach wäre das gewesen. Die langen Wochen hier in Kassel. Er hätte erst die große Beute schlagen können und dann den Rest als Zugabe nach und nach erledigen können.

Er ließ Sarah Möller nach dem Aschenbecher greifen, bevor Katrin Burger etwas tat, was er nicht wollte. Sie hob den schweren Ascher und schlug ihn Katrin Burger, die sich gerade am Geheimfach ihres Koffers zu schaffen machte, auf den Kopf.

Crwmberwood öffnete die Tür und trat ein. Seiner Miene war der unheilige Zorn deutlich anzusehen, während Sarah Möller glücklich lächelnd den Aschenbecher fallen ließ.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood wandte sich dem Koffer der Bewusstlosen zu und brachte den zwölften Stein an sich. Immerhin hatte er wieder was gelernt. Cresmonia Gwscore würde sicher kommen, wenn er alle zwölf Steine hatte.

Kaum war das erledigt, lächelte er fast so glücklich wie Sarah Möller. Denn nun wandte er sich der Bewusstlosen Katrin Burger zu.

 

***

 

Der Träumer

Zwei Tage vor der Sonnenwenden im letzten Jahr in der Nacht

Tiefe Stille herrscht im Haus. Alles schlief. Nur er nicht. Der Traum ...

Er saß wieder in der Küche. Ein Bier vor sich. Seit mehr als einem Monat hatte er jede Nacht, die er im Bett verbrachte, diesen alten Traum. Immer und immer wieder erlebte er die Zerstörung Shangri Las, des Horts von Wissen und Weisheit.

Immer wieder hetzte er Cresmonia über die Berge und brachte es nur fertig, sie zu verfluchen. Aber den Todesstoß konnte er ihr nicht versetzen.

Er konnte es einfach nicht. In den Jahrtausenden danach hatte er oft getötet. Oft um das Leben anderer zu retten, seines zu verteidigen oder auch, um zu strafen. Er tötete nicht gern, empfand dabei keine Befriedigung oder gar Freude. Im Gegenteil, es war ihm zuwider. Aber nichtsdestotrotz hatte er es getan. Nur in diesen Augenblicken hatte er versagt. Sein heiliger Zorn war verraucht.

Der Träumer, der einst Hrinwell war, zündete sich eine Zigarette an. Er inhalierte tief den würzigen Rauch. Dann setzte er die halbleere Bierflasche an und trank alles in einem Zug aus.

Er stand auf, ging zum Kühlschrank und holte eine weitere Flasche Bier hervor. Das Trinken half zwar nicht. Das wusste er. Aber ihm schadete es auch nichts.

Wenn sie doch bloß nie nach Shangri La aufgebrochen wären. Aber Cresmonia war die Hoffnung auf eine bessere Welt gewesen. Ihr sollte die Rolle zufallen, die lange Jahre später jemand anders ausfüllte - und dabei einen ganz anderen Weg einschlug. Einen Weg, der nun unweigerlich zu einem Ziel führte. In Shangri La sollte sie Wissen und Weisheit als Rüstzeug für ihr künftiges Leben und ihre Aufgabe erwerben.

Doch dann wurden sie in dem Sturm getrennt. Als er sie wiederfand, war sie dem Tode näher als dem Leben. Und sie war verändert. Der Wahn leuchtete in ihren Augen.

Er hoffte auf Heilung und brachte sie unter größten Mühen an ihr Ziel. Dort fanden die Weisen heraus: Jemand hatte sie mit Wassern aus der Hölle vergiftet.

Hoffnung gab es. Hoffnung auf Heilung. Aber ihre Mission würde sie nie erfüllen können. Die Wasser hatten sie korrumpiert, ihre Reinheit war fort.

Er, der damals Hrinwell war und seither viele Namen getragen hatte, schwor in jenen Tagen, denjenigen zu richten, der ihr das Wasser zu trinken gegeben hatte.

Noch hatte er ihn nicht gefunden. Aber das konnte noch kommen.

Er trank einen Schluck, drückte die Zigarette aus, nur um die nächste zwischen flinken Fingern entstehen zu lassen und zu entzünden.

Dann war sie da, ergriff seine Hand und lächelte. Das allein spendete Trost. Er vergaß das Bier und die Zigarette verglühte im Aschenbecher.

Zwischen ihnen herrschte ein Einverständnis, das er seit ewigen Zeiten nicht verspürt hatte. Er wollte etwas sagen. Aber sie legte ihm die Hand auf den Mund und bohrte ihren Blick in den seinen. Er versank in ihren Augen und vergaß seinen Kummer – für den Moment.

Nicht lange danach ging er zu Bett. Erleichtert wie lange nicht mehr ...

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres in Baunatal, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Bartholemew Filligrew Crwmberwood ließ Katrin Burger erwachen. Er hatte sie mit ein paar Laken gefesselt. Die Bettwäsche würde sie ohnehin nicht mehr brauchen.

Katrin Burger tauchte aus dem Reich zwischen Bewusstsein und Tod auf, schlug die Augen auf und sah in das Gesicht des Scharfrichters der Schwarzen Familie. Man sah ihr die Resignation an. Sie wusste, es war zu Ende. Dann fiel ihr Blick auf Sarah Möller, die sie aus stumpfen Augen ansah und einfach nur glücklich wirkte.

„Verräterin!“, zischte die Burger.

„Da irrst du dich“, ließ Bartholemew Filligrew Crwmberwood sie sagen, bevor er dann selbst sprach. „Ihr Körper ist nur noch eine leere Hülle. Sie hat einen Zauber nicht vertragen, der sie zu einer lächelnden Idiotin gemacht hat. Nun ja, viel Veränderung zu ihrem vorherigen Zustand ist es nicht. Dennoch schade. Aber es ist nur die Hülle, die ich brauche. Mehr nicht.“

„Schwein!“, fluchte Katrin Burger.

„Wie einfallslos“, schmunzelte Crwmberwood. „Da hätte ich von Cresmonias Favoritin aber mehr erwartet.“

„Wenn ich könnte ...“, bäumte sich die Hexe auf.

„Aber du kannst nicht“, schmunzelte Crwmberwood. „Du kannst nicht.“

Er sah kurz auf seine Fingernägel. Sie wuchsen. Von Augenblick zu Augenblick wurden sie länger und – wie er wusste - schärfer. Wäre er ein Mensch, könnte er sich damit rasieren. Ein Teil seiner wahren Gestalt aus der Hölle brach sich Bahn und er ließ es zu, steuerte es. Zwang es gegen den Fluch des Zimmermanns, gegen die Wesenheit des Schatzes.

Mehr als die Fingernägel waren nicht drin. Das bedauerte er zutiefst. Zu sehr sehnte er sich danach, mal wieder in seiner wahren Gestalt zu leben oder hier auf Erden zu jagen.

Doch der Zimmermann hatte das verhindert.

Verflucht sei er!

„Nun“, wandte er sich an die Hexe zu seinen Füßen, die dem Vorgang zugesehen hatte, „bist du an der Reihe.“

Sie wollte schreien, aber sie machte dieselbe Erfahrung wie Xandra Trenkner. Nur ein ersticktes Röcheln brachte sie hervor.

Sie spürte die messerscharfen Fingernägel über ihre Haut streichen. Sie spürte, wie das Streicheln reichte, um ihre Kleidung zu zerteilen und ihre Haut zu ritzen. Blut quoll aus den Wunden hervor. Sie fühlte den warmen Saft des Lebens aus sich herauslaufen.

Das blutige Streicheln des Scharfrichters ging weiter.

„Du weißt“, begann er. „Das hier wird Stunden dauern. Und du wirst es spüren. Richtig spüren. Du wirst am Ende wünschen, nie geboren worden zu sein.“

In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen. Zwei Männer mit Waffen in der Hand, standen in der Tür, versuchten sich einen Überblick zu verschaffen und stürmten herein.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood richtete sich auf. Er hasste es, gestört zu werden, wenn er sich amüsieren wollte.

 

***

 

Die Unwissenden

Kassel, im letzten Jahr, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Göddecke betrat das Hotel in Baunatal. Der Kriminaloberrat ging auf die Rezeption zu. Harry Klumpp folgte ihm auf dem Fuße.

„Guten Abend“, wurde er von einer freundlichen Frau hinter der Rezeption begrüßt. „Was kann ich für Sie tun?“

Göddecke stellte zufrieden fest, dass es nicht nur Greulichs auf der Welt gab, und zog seinen Ausweis.

„Wir suchen ein Mann, älter, sieht nicht sehr gesund aus. Er befindet sich vermutlich in Begleitung einer jungen Frau. Wir müssen ihn als Zeugen befragen“, erklärte der Chef der Mordkommission im geschäftsmäßigen Tonfall, den die Dame an er Rezeption bisher nur aus der Fernsehsendung Aktenzeichen XY-ungelöst kannte.

„Der Mann ist oben, nachdem seine Begleiterin unseren neuen Gast ...“ Die Rezeptionistin sah aufs Anmeldeformular. „ ... Frau Burger aufs Zimmer begleitet hatte.“

„Welches Zimmer bitte“, fragte Göddecke, der Unrat witterte und dessen Instinkt ihn mahnte sich zu beeilen. „Es ist dringend.“

„Zimmer 309. Das dritte Zimmer rechts vom Fahrstuhl“, wurde dem Kriminalbeamten von der Dame hinter dem Tresen beschieden.

Göddecke bedankte sich, während Klumpp bereits den Fahrstuhl herbeigerufen hatte. Nacheinander verschwanden sie in der Kabine und fuhren ins dritte und zugleich oberste Stockwerk.

Kaum öffnete sich die Tür, bogen die Beamten rechts ab. Zimmer 309 hatten sie schnell gefunden. Göddecke gab Klumpp ein Zeichen zu warten. Vorsichtig legte er das Ohr an die Tür. Er konnte erstickte Laute hören und den Satz: „Du weißt. Das hier wird Stunden dauern. Und du wirst es spüren. Richtig spüren. Du wirst am Ende wünschen, nie geboren worden zu sein.“

„Los, da drin geht’s um Leben und Tod. Gefahr in Verzug“, trieb Göddecke seinen Kollegen zur Eile an.

Klumpp stieß die Tür auf. Göddecke peilte, ebenso wie sein Untergebener, die Lage mit einem Blick.

Im Zentrum es Raums beugte sich ein Mann mit Fingernägeln länger als Freddy Krugers Handschuhe über eine Frau, die aus verschiedenen Wunden blutete. Eine weitere weibliche Person stand wie unter Drogen da und lächelte die Polizisten an, als begreife sie gar nicht, was hier vor sich ging.

Der Mann wirbelte herum. Das musste dieser Crumberwood sein. Er sah tatsächlich aus, als würde Freund Hein seine knochigen Finger schon lange nach ihm ausstrecken, aber sein hageres Gesicht war von einer Wut gezeichnet, dass Göddecke fast gezögert hätte.

„Polizei!“, brüllte Göddecke und hielt seine Waffe auf den Alten gerichtet. Klumpp tat es ihm gleich.

„Legen Sie sich auf den Boden. Arme und Beine weit von sich gestreckt. Sie sind wegen versuchten Mordes und Mordverdachts vorläufig festgenommen. Sie hab...“

Weiter kam Göddecke nicht, denn der alte Zausel raste mit einer Geschwindigkeit auf sie zu, die ihm keiner zugetraut hätte. Vielmehr mochte man meinen, er bräuchte Krücken oder einen Rollstuhl.

Göddecke und auch Klumpp zögerten wegen Sarah Möller einen Moment zu lang, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, wie es im Polizeijargon hieß.

Da war Crwmberwood schon bei ihnen. Seine Rechte fuhr wie ein Schwert in den Bauch des Kriminaloberrates, während die Linke mit der Wucht eines Dampfhammers Harry Klumpp traf. Das Genick brach deutlich hörbar. Noch bevor der Hauptkommissar zusammenbrach, war er schon tot. Seine Waffe polterte zu Boden.

Göddecke starb, während er niedersank. Verzweifelt versuchte er noch seinen Zeigefinger zu krümmen, aber er brachte die Kraft nicht mehr auf.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood riss seine Hand zurück. Ein Teil der Eingeweide Göddeckes hing noch an der gekrümmten Hand. Aber das sah Göddecke schon nicht mehr. Er lag mit dem Rücken auf dem Boden von Zimmer 309 in einem Hotel in Baunatal und seine Augen starrten blicklos an die Decke.

Er hatte Elke aus der Taxizentrale zuviel versprochen ...

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres in Baunatal, zwei Tage vor der Sonnenwende, am frühen Abend

Bartholemew Filligrew Crwmberwood befreite seine rechte Hand von Teilen des Verdauungstraktes des Polizisten, der ihn gestört hatte. Die beiden konnten nun vor ihrem himmlischen Richter stehen und Rechenschaft darüber ablegen, wie es war, Bartholemew Filligrew Crwmberwood, dem Scharfrichter der Schwarzen Familie, gegenüberzustehen und im Kampf gegen ihn zu versagen.

Er erkannte, dass er sich Katrin Burger nicht mit der erhofften Hingabe würde widmen können. Den beiden Polizisten konnten weitere folgen.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood nahm sich die Zeit, die Tür zu schließen, spähte aber vorher noch mal auf den Gang. Der Zwischenfall war unbemerkt geblieben. Die unmittelbar benachbarten Zimmer waren leer, das spürte Crwmberwood. Und aus dem Zimmer weiter hinten hörte man den laufenden Fernseher. Der Bewohner schien eine Art Sportveranstaltung zu verfolgen. Keiner hatte was gehört.

Wie schön!

Als er sich wieder der Hexe zuwandte, schien diese zum selben Schluss gekommen zu sein wie er. Ihre Gesichtszüge waren entspannt und voller Dankbarkeit, dass er ihr die Gnade eines schnellen Todes erweisen musste.

Katrin Burger schloss die Augen, als Bartholemew Filligrew Crwmberwood seine langen Fingernägel in ihre Kehle stieß. Sie zuckte noch kurz und starb.

Der Scharfrichter der Schwarzen Familie suchte kurz nach den Autoschlüsseln. Er würde – obwohl er es ungern tat - dieses Mal selber fahren müssen. Jetzt konnte er kein Taxi rufen. Er war zu lange hier gewesen. Und die Polizisten waren bestimmt an der Rezeption gewesen. Da musste er auch noch etwas unternehmen. Zudem war seine Kleidung unangemessen verschmutzt. Nun, wahrscheinlich blieb ihm soviel Zeit, das Gepäck aus seinem Hotel zu holen.

Wenn das erledigt war, hatte er noch jemanden zu rufen, denn die Sonnenwende nahte.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood übernahm wieder die Kontrolle über Sarah Möller und ging mit ihr die Treppe hinunter, wo sie beide von der Rezeption nicht so schnell gesehen werden konnten, als wenn sie mit dem Aufzug fahren würden.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood brauchte keine weiteren Verfolger. Daher mussten noch mehr Menschen sterben, aber es gab ja so viele, dass Luzifer auf die paar noch verzichten könnte, wenn der Tag des Sieges gekommen war. Dann würde der Fluch des Zimmermanns gebrochen sein.

 

***

 

Die Gejagte

London, im Juni letzten Jahres, zwei Tage vor der Sonnenwende, am Abend

Cresmonia Gwscore ging die hölzerne Treppe in den Keller ihres Hauses im Greater London Area. Die Stufen knarrten. Nicht mehr lang, fand sie. Aber mehr als der Zustand des Hauses und selbst Mark Larsen, beschäftigte sie der Ruf, der sie ereilte.

Alle zwölf?, fragte sie sich. Was machen sie denn alle zwölf zusammen? Da stimmt was nicht. Zur Sommersonnenwende feierten sie keinen Sabbat.

Zum Glück war sie in einem ihrer Häuser. Dort hatte sie immer Vorkehrungen getroffen, auf den Ruf reagieren zu können, ohne ihren Aufenthaltsort zu verraten.

Aber es beschäftigte sie sehr. Vor allem, weil sie wochenlang nichts mitbekommen hatte, weil der Schmerz der Wunde zwischen ihren Augen sie gefoltert hatte.

Vielleicht war es das? Vielleicht aber auch ganz etwas anderes. Jedenfalls, wenn das volle Dutzend rief, blieb ihr keine andere Wahl, als in Erfahrung zu bringen, worum es ging.

Sie erreichte eine massive Bohlentür. Diese hatte kein Schloss, aber kein Mensch konnte sie öffnen. Cresmonia Gwscore, die blonde Hexe, legte ihre Hand auf eine ganz bestimmte Stelle.

Beinahe lautlos schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen kleinen Raum frei, kaum größer als drei mal drei Meter. Im Zentrum befand sich ein Kreis aus zwölf walnussgroßen, grausilber glänzenden Steinen.

Cresmonia Gwscore betrat den Kreis und sandte die gedankliche Antwort auf den Ruf.

„Meisterin“, hörte Cresmonia Gwscore die Stimme Sarah Möllers.

„Was gibt es?“, fragte Cresmonia Gwscore, die sich anstrengen musste, um die Stimme zu hören. Ganz wiederhergestellt war sie also noch nicht.

„Meisterin, der Hüter ist hinter uns her. Hinter uns allen. Wir haben uns hier auf dem Dörnberg verborgen. Helft uns.“

Cresmonia Gwscore war wie vor den Kopf geschlagen. Mark Larsen! Der hinterhältige Bastard hatte keine Zeit verloren! War sie nicht zu finden, hielt er sich gleich an ihren Zirkel. Sie musste ihnen helfen. Es würde ihren Ruf ruinieren, wenn sie ihrem Zirkel nicht half.

„Ich bin zur Sonnenwende bei euch“, ließ Cresmonia Sarah Möller wissen. „Wartet am Abend auf mich und ich bringe euch in Sicherheit.“

„Danke, Meisterin. Wie kommt ihr? Sollen wir Vorkehrungen treffen.“

Cresmonia überlegte. Wenn sie quasi als Hexengeschwader auf Besen davonflogen, würde das die Aufmerksamkeit auf sie ziehen und es Mark Larsen und seinen Gehilfen erleichtern, ihre Spur wieder aufzunehmen.

Die Schwarze Familie würde sie erst dann informieren und um Hilfe bitten, wenn sie ihren Zirkel in Sicherheit gebracht hatte. Das machte sich besser.

„Ich komme mit dem Flugzeug nach Calden und hole euch vom Dörnberg. Haltet euch vom Hüter fern. Er ist ein großer Kämpfer. Harrt aus. Bis zum Abend der Sonnenwende.“

Cresmonia Gwscore zögerte einen Moment. So ganz koscher kam ihr die Geschichte nicht vor. „Wie kommt der Hüter auf eure Spur?“

„Wir wissen es nicht. Er hat schon Xandra fast erwischt. Sie hat uns gewarnt, und wir haben uns versammelt. Danke, dass du kommst“, hörte sie Sarah Möller noch sagen und dann verhallte der Ruf im Äther.

Cresmonia Gwscore war erschüttert. Sie wollte sich auf die Jagd nach ihm machen und nun drehte er den Spieß um.

Zuzutrauen ist es ihm ja, dachte sie. Er war schon immer ein verschlagener Gegner.

Die Hexe hoffte, dass der Bote bald kommen würde, um ihr die bestellte Kleidung zu bringen.

Sie hatte reichlich zu tun. Und doch, etwas störte sie. Sie wusste nur nicht was.

 

***

 

Der Verfluchte

Kassel, im Juni des letzten Jahres, am Tag der Sonnenwende

Nachmittag. Immer noch kein Zeichen von Cresmonia Gwscore. Carmillo van Appen wurde langsam aber sicher nervös. Sie war noch nicht da. Er befand sich am Herkules oberhalb der Stadt. Von dort aus sandte er seine Sinne aus, durchsuchte die Stadt. Das war eine große Spezialität der Sippe van Appen.

Aber nichts. Seit Sonnenaufgang ging er von einer Aussichtsplattform zur nächsten. Bevor er hierher gekommen war, hatte er sich noch ein Opfer geholt, das auch schon auf dem Grund der Fulda trieb. Er wollte dem Schmerz vorbeugen. Heute Nacht durfte ihn der Schmerz nicht von seiner Aufgabe ablenken. Wenn sie denn überhaupt kam!

Es waren die Karten seines Vaters. Das Deck hatte nie versagt, wenn es befragt worden war. So hieß es. Die Van Appens hatten es in Zeiten großer Krisen befragt und es hatte sie jedes Mal gerettet, weil es ihnen Wege wies. Auch bei ihm hatte die Karten ganz einwandfrei auf diesen Tag und diesen Ort gewiesen.

Dann fiel ihm etwas auf: Die Wesenheiten Bartholemew Filligrew Crwmberwoods waren alle nicht mehr in der Stadt. Aber er fand ihre verwirrende Gegenwart in der Gegend um den Flugplatz Kassel Calden.

Sie umkreisten den Flugplatz, bildeten fast etwas wie ein Netz.

Ja, das war es! Cresmonia Gwscore kam diesmal weder rittlings auf dem Besen, noch auf andere magische Art. Diesmal ganz profan in einem Flugzeug.

Carmillo van Appen ging hinunter zum Parkplatz. Jetzt brauchte er keine Stadt mehr im Auge zu behalten und sich mit Suchen zu verausgaben. Er nutzte die Späher des Feindes und blieb ihnen auf den Fersen.

Er startete die Maschine, fuhr davon und bog an der Zufahrt rechts ab. Er folgte der Landstraße über einen Ort namens Ahnatal nach Calden.

Er kam nicht lang danach in Calden an. Er hielt sich auf Distanz zum Flughafen, um durch seine Präsenz nicht zu viel Aufsehen zu erregen. Im Ort suchte er sich ein Café und trank erst einmal einen Kaffee. Da er keine Ahnung hatte, wo Bartholemew Filligrew Crwmberwood war, wollte er nicht zu dicht am Flughafen sein. Dessen Wesenheiten würden Carmillo den Weg schon weisen.

Der Holländer fühlte sich wesentlich gelassener als noch auf dem Herkules. Die Karten seines Vaters hatten den Fingerzeig gegeben. Und Cresmonia Gwscore würde kommen. Dann würde alles gut werden. Carmillo würde sie retten.

Alles wird gut, dachte er.

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres, am Dörnberg, am Tage der Sonnenwende, am frühen Abend

Bartholemew Filligrew Crwmberwood hatte sich mit Sarah Möller - oder dem, was von ihr noch übrig war - im Wald an den Hängen des Dörnbergs zurückgezogen. Er brauchte sich auch nirgends zu zeigen. Er hatte seine Wächter. Noch woben sie ein engmaschiges Netz um den Flughafen, aber sobald die Maschine aus England landete, würden sie auf Distanz gehen.

Im Moment lauschte er mit ihnen dem Funkverkehr, um den Anflug des avisierten Learjets aus England nicht zu verpassen. Am Morgen hatte er mit ihnen den Tower erkundet und Flugpläne eingesehen. Das waren nützliche kleine Helfer.

Die einzige Passagierin war niemand anders als Cresmonia Gwscore. Die Idee, sie mit dem Hüter zu locken, war ihm schon gekommen, kurz nachdem Asmodi ihm den Mordauftrag erteilt hatte. Denn sie hatte den Schatz verschont. Diese Fehlleistung war bei Cresmonia nicht auf übertriebene Kinderliebe zurückzuführen gewesen, sondern nur auf eines – Männer. Das konnte nur der Hüter gewesen sein. Wie sich gezeigt hatte, war das der ideale Köder für seinen Fisch. Nun zappelte sie an der Angel und wusste es nur noch nicht.

In der Tasche seiner Anzugjacke verwahrte er die zwölf Hexensteine. Er brauchte sie zwar nicht mehr, aber sie sollten ihm Andenken sein an diese Tage und Wochen unter Menschen. Aber noch viel wichtiger war ihm, sie würden Erinnerung an den Triumph über Cresmonia Gwscore sein.

Seine Wesenheiten umkreisten den Flugplatz Kassels. Ein eher unbedeutender kleiner Regionalflughafen, wo große Maschinen nicht landen konnten.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood lehnte sich ebenso gegen einen Baum, wie Sarah Möller es tat. Nur die bekam davon nichts mehr mit. Aber auch der Scharfrichter der Schwarzen Familie hatte die Augen geschlossen, um besser dem Funkverkehr lauschen zu können.

Da! Da kam die Nachricht. Der Learjet mit einer Geschäftsreisenden war im Anflug auf Calden. Sofort zog Crwmberwood die Schatten der Seelen der gefallenen Dämonen zurück.

Aber wie durch ein Teleobjektiv konnte er das Geschehen weiter verfolgen. Es war an der Zeit, auch noch etwas Anderes vorzubereiten.

Er hatte einen Pfahl in die Erde gerammt und Reisig und Holz rundherum aufgeschichtet. Das war der Scheiterhaufen auf dem sein Werkzeug, Sarah Möller, brennen sollte. Gleichzeitig war es eine Anspielung auf eine alte Geschichte Cresmonias, die einst auf dem Scheiterhaufen gestanden hatte und von einem unbekannten Ritter gerettet worden war.

Was Bartholemew Filligrew Crwmberwood ein wenig bedauerte, war, dass Sarah Möller das Feuer nicht spüren würde. Dafür, dass er sie wochenlang ertragen hatte, sollte sie eigentlich genau spüren, was er von ihr hielt. Da war nichts zu machen. Dieses debil grinsende, von tierischen Reflexen gesteuerte Stück Fleisch an seiner Seite war widerlich, wenn auch nützlich.

Das Flugzeug hatte die Parkposition erreicht, und die Tür zum Passagierraum wurde von eilfertigen Angestellten des Flughafens geöffnet. Dann wurde die in den Jet eingelassene Treppe herunter gelassen.

Ein langes, wohl geformtes Bein erschien in der Tür. Dann der Rest vom Körper. Noch hatte die Passagierin den Kopf eingezogen, aber schon die blonde Löwenmähne verriet Bartholemew Filligrew Crwmberwood, wer da dem Flugzeug entstieg. Sie war es wirklich: Cresmonia Gwscore, die Hexe.

Er beobachtete sie. Nahm jede Einzelheit in sich auf. Cresmonia ging in den Tower, kam nach etwa einer viertel Stunde wieder heraus und bestieg einen Leihwagen.

Natürlich ein Cabrio – natürlich einen Mercedes. Sie fuhr die Marke mit dem Stern zu gern. Und sie brauste in Richtung Dörnberg davon.

Jetzt galt es zu handeln.

Er gab Sarah Möller ein Zeichen. Sie folgte ihm. Es war an der Zeit für sie, auf den Scheiterhaufen zu gehen. Sie wurde nicht mehr gebraucht.

 

***

 

Der Verfluchte

Kassel, im Juni des letzten Jahres, am Tag der Sonnenwende, abends

Carmillo van Appen spürte, wie die Wesenheiten sich vom Flugplatz zurückzogen, auf Distanz gingen.

Das war sein Signal. Er warf achtlos einen grünen Schein auf den Tisch des Cafés und schwang sich eilig auf sein Motorrad. Der Motor sprang wie gewöhnlich an. Diese Japaner bauten fantastische Motorräder; und so schnelle. Bald hielt er nahe der Abzweigung an. Wenn sich Cresmonia Gwscore nicht sehr geändert hatte, seit er sie noch Anfang des Jahres in Amsterdam gesehen hatte, fuhr sie einen Mercedes. Der Jahreszeit angepasst vermutlich als Cabrio. In Silber oder Schwarz.

Und richtig. Kaum zwanzig Minuten später tauchte ein solches Gefährt auf. Schon von weitem sah er das lange, wundervolle blonde Haar der Gwscore im Fahrtwind wehen. An der Kreuzung hielt sie kurz an. Dann bog sie mit einem Kavalierstart rechts ab und fuhr nicht in Richtung der Stadt weiter.

Carmillo van Appen zuckte mit den Schultern und folgte ihr in gebührendem Abstand. Wohin auch immer sie fuhr, er würde da sein.

Über dem Wagen Cresmonias spürte Carmillo van Appen die Diener Bartholemew Filligrew Crwmberwoods. Und diese wurden zu einem Leitstern.

 

***

 

Die Gejagte

Kassel Calden, im Juni letzten Jahres, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Cresmonia Gwscore kannte die Gegend, hatte sich ihr Zirkel doch oft genug in Kassel getroffen. Den Dörnberg kannte sie auch. Sie vermutete, dass diese markante Landmarke mehr war als nur ein Hügel. Einst mochte er eine Bedeutung gehabt haben. Diese Vermutung hatte sie auch mal Sarah und den anderen gegenüber geäußert. Vermutlich hatten sie sich deshalb dahin zurückgezogen.

Immer noch brannte die Wunde, aber sie spürte es kaum noch. Erst würde sie ihre Hexen in Sicherheit bringen und danach mit Mark Larsen abrechnen.

Sie gab Gas und genoss die Fahrt mit dem offenen Wagen über die Landstraßen Nordhessens. Das Panorama der bewaldeten Hügel war wunderbar.

Da kam er in Sicht, der Dörnberg mit dem abgeflachten Gipfel. Dort warteten ihre Hexen. Schon seit zwei Tagen, um vor Mark Larsen sicher zu sein.

Seltsam ist das schon, aber die Verbindung zu ihren Schwestern war zu kurz gewesen und sie war ihren Hexen durch die Steine auch mehr verbunden, als sie ahnten. Aber da gab es die Zeit vor knapp hundert Jahren, als ihr nach Gesellschaft gewesen war. Und dieser Schwarzzauberer aus dem Orient hatte sie mit den Steinen reingelegt. Wurde sie von allen Zwölfen gerufen, blieb ihr keine Wahl, als dem Ruf zu folgen. Der Schwarzzauberer war nicht mehr. Die Haie des Roten Meeres hatten ihren Spaß mit ihm gehabt. Sein Zauber aber lebte fort.

Sie hielt am Fuße des Berges an, denn zur Sicherheit wollte sie nicht mit dem Wagen hinauffahren. Es gab zwar Wirtschaftswege, aber abseits der Wege, unauffällig per pedes, mochte es sicherer sein.

Cresmonia fuhr den Wagen in Deckung einiger Bäume. Sie stieg aus, stellte die Automatik auf ‚P’ und zog zusätzlich noch die Handbremse an. Dann stieg sie aus und holte sich aus der Reisetasche im Kofferraum ein Paar Jeans, ein T-Shirt und bequeme Schuhe.

Dann machte sich die Hexe an den Aufstieg. Sie kam dabei ganz schön ins Schnaufen. Die letzten Wochen waren alles andere, als spurlos an ihr vorüber gegangen.

Als sie aus dem Wald heraus aufs Plateau trat, stockte ihr der Atem. Sie ging sofort in die Hocke, Deckung suchend.

Auf der anderen Seite des kahlen Gipfels ragte ein Scheiterhaufen auf und an den Pfahl war Sarah Möller gebunden. Von den Anderen gab es keine Spur.

Cresmonia Gwscore schlich gebückt zurück in den Wald und umrundete den Gipfel, so schnell es ihr möglich war.

Mark Larsen, schwor sie sich, dein Tod wird grausam sein. Mit jeder deiner Schandtaten machst du ihn qualvoller und schrecklicher.

Cresmonia war nun direkt hinter dem Scheiterhaufen. Nichts war zu sehen oder zu hören. Mit ihren Hexensinnen spürte sie auch nichts.

Unten am Fuß des Berges hörte sie ein anhaltendes Motorrad, aber sonst nichts.

Keine Spur von Mark Larsen oder seinem bärtigen Spießgesellen. Da war nur der Scheiterhaufen und die an den Pfahl gebundene, völlig apathische Sarah Möller.

Cresmonia wollte sich näher heranschleichen, als sie ein gewaltiger Schlag traf. Augenblicklich verlor sie das Bewusstsein.

 

***

 

Der Jäger

Im Juni letzten Jahres, am Dörnberg, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Bartholemew Filligrew Crwmberwood ließ den Knüppel fallen. Einer seiner Fähigkeiten war es, sich für dämonische oder Hexensinne unsichtbar zu machen. Asmodi gab ihm diese Fähigkeit mit auf den Weg, als er ihn zum Scharfrichter der Schwarzen Familie machte. Er benutzte sie nicht oft, weil sonst die Schwarze Familie misstrauisch wurde. Und diejenigen, die davon wussten, waren nicht mehr.

Wie auch Cresmonia niemals darüber sprechen würde, ihn nicht wahrgenommen zu haben. Sie hatte die Erfahrung machen müssen, wer sich zu sehr auf seine Hexensinne verließ, vergaß, dass man sich auch hinter Bäumen verstecken konnte. Erst recht, wenn man eine solche hagere Gestalt war wie er selbst.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood ließ seine Fingernägel wachsen. Als sie ihm lang genug erschienen, begann er das T-Shirt und die Jeans von Cresmonia aufzuschlitzen.

Nackt und völlig wehrlos sollte sie sein, wenn sie ihre Strafe und ihren langen qualvollen Tod empfing. Mit geübten, lang erträumten Schnitten zerfetzte er die Kleidung und manchmal auch die Haut, aber das war nicht wichtig. Das Blut erregte ihn eher, als dass es sie verunstaltete.

Er zog sein Krallen über ihren Oberschenkel. Die Wunden klafften auf.

Was Bartholemew Filligrew Crwmberwood jetzt fühlte, hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Ein absolutes Hochgefühl. Schließlich lag sie nackt vor ihm. Er rollte sie zur Seite und warf die Kleidungsstücke auf den Scheiterhaufen.

Dann zückte er ein Zippo, das er bei Sarah Möller gefunden hatte. Der Holzhaufen war mit Benzin getränkt, das Sarah die Güte gehabt hatte, in seinem Auftrag hierher zu schleppen. Als das flammende Feuerzeug auf den ausgasenden Treibstoff traf, murmelte der Scharfrichter der Schwarzen Familie einen Zauber, der die Temperatur der Flamme des Feuerzeugs schlagartig ansteigen ließ. Das Holz fing Feuer und die Flammen züngelten um die Hexe auf.

Eine hoffnungsvolle TV-Karriere fand ein feuriges Ende, bevor sie begonnen hatte.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood lächelte zufrieden, als die Flammen um die Hexe tanzten.

Nun frisch ans Werk. Cresmonia Gwscore rührte sich wieder. Ohne dass er es eigentlich wollte, wuchsen die Nägel seiner Rechten auf Dolchlänge heran.

Er hob die Hand und sah fasziniert auf diese tödlichen, messerscharfen Waffen. Cresmonia Gwscore mochte sich auf ein blutiges Ende gefasst machen.

Die Hexe zu seinen Füßen stöhnte auf. Langsam kam sie zu sich. Crwmberwood stand einfach nur da und sah ihr zu. Er blickte auf die ehrlose, ihm ausgelieferte Hexe hinab.

1071 war es ähnlich gewesen. Nun aber gab es keinen, der Cresmonia noch retten konnte. Nach all diesen Jahren konnte er endlich das vollenden, was er begonnen hatte.

Die Hexe drehte sich herum. Ihr Blick klärte sich und fiel auf die hagere Gestalt des Scharfrichters der Schwarzen Familie.

„Du!“, entfuhr es ihr. „Ich dachte ...“

„Das war Teil der Falle.“ Hinter Bartholemew Filligrew Crwmberwood knackte das lodernde Holz, und es roch nach verbrennendem Fleisch, denn die Beine Sarah Möllers mussten schon von den Flammen erfasst worden sein. Zu ihrem Glück spürte sie es nicht mehr bewusst. „Ich wusste, dass der Hüter dich locken würde.“

„Du Hund!“, entfuhr es der Hexe.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood lächelte: „Asmodi, Fürst der Schwarzen Familie sieht dich, Cresmonia Gwscore, als schuldig des Verrats an der Schwarzen Familie. Du hast den Nachkommen der Blutlinie des Zimmermanns entkommen lassen.“

Cresmonia senkte den Kopf. Das war’s also. Sie hätte rechtzeitig davon erfahren können, aber die Schmerzen der letzten Wochen hatten sie um alles gebracht.

Keiner konnte sie diesmal retten.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood hob seinen Arm und schlug zu. Die Hexe sah diese gewaltigen Klauen auf sich zukommen, aber sie war hilflos. Mit ihrem linken Arm machte sie eine verzweifelte Abwehrbewegung. Oder war es der Versuch eines Abwehrzaubers? Sie vermochte es selbst nicht zu sagen.

Cresmonia schloss die Augen, ein Schmerz durchfuhr sie und gleich darauf hörte man einen dumpfen Aufprall.

Ihr Arm landete neun oder zehn Meter entfernt im hohen Gras.

 

***

 

Die Gejagte

Auf dem Dörnberg, im Juni letzten Jahres, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Cresmonia war am Ende. Sie war kurz davor, sich zu ergeben. Ihr Arm gehörte nicht mehr zu ihr. Sie war nackt und hilflos. Ihr wollte keiner ihrer Zauber und Tricks einfallen.

Die Folgen des Kampfes mit Mark Larsen? Das war nun auch egal. Ihr Leben fand hier ein Ende. Und ausgerechnet dieser Bartholemew Filligrew Crwmberwood würde es sein, der dieses Ende herbeiführte.

Ironie des Schicksals, erkannte Cresmonia.

Wie hatte sie noch am Tage von Ely zu Mark Larsen, ihrem Retter gesagt: Nie sollte man einen lebenden Feind zurücklassen. Nie!

Stattdessen hatten sie genau das getan.

„Ich schneide dich jetzt in viele kleine Teile!“, verkündete Crwmberwood und lächelte dabei.

Er hob den Arm, als eine Gestalt in einem Lederkombi heranflog. Ein blonder Junge. Er wandte sich gegen Bartholemew Filligrew Crwmberwood. Der Scharfrichter der Schwarzen Familie fiel.

Cresmonia erkannte ihre Chance. Wenn sie noch eine hatte, dann jetzt.

Sie erhob sich schwankend auf die Beine. Das rote Blut schoss aus dem Armstumpf. Aber sie versuchte es zu ignorieren und taumelte mehr, als dass sie lief, davon.

Schaffte sie es? Sie wusste es nicht.

Aber versuchen, versuchen musste sie es ...

 

***

 

Der Verfluchte

Auf dem Dörnberg, im Juni letzten Jahres, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Er hatte sich mit voller Wucht auf Bartholemew Filligrew Crwmberwood gestürzt. Jetzt wollte er es ihm heimzahlen.

Von der Wucht es Aufpralls rollten sowohl Bartholemew Filligrew Crwmberwood als auch Carmillo van Appen ineinander verkeilt über den Boden. Carmillos Hand fuhr zum schwarzen Herzen des Scharfrichters der Schwarzen Familie. Aber noch bevor die Hand in den Körper eindringen konnte und das schwarze Herz zum Stehen bringen konnte, fühlte er einen stahlharten Griff.

Dann fühlte er die gewaltigen Klauen des Scharfrichters der Schwarzen Familie.

„Du?“, höhnte Bartholemew Filligrew Crwmberwood. „Was treibt dich denn an, Verfluchter!“

Carmillo fühlte einen gewaltigen Hieb. Und die Sinne schwanden ihm. Der junge holländische Dämon ging zu Boden.

„Um dich kümmere ich mich später“, hörte er Crwmberwood noch sagen. Dann sackte er endgültig in sich zusammen. Carmillo tat so, als wäre er ohne Bewusstsein. Dabei hatte ihn der Hieb nur gestreift.

„Ah, da bist du ja, Hexe. Wir sind unterbrochen worden.“ Der Holländer hörte, wie sich die Schritte des Scharfrichters der Schwarzen Familie ohne Hast entfernten.

Er selbst wartete noch einige Herzschläge lang. Dann erhob er sich. Er orientierte sich kurz.

Cresmonia taumelte über das Plateau des Dörnbergs. Langsam und bedächtig, die Todesfurcht der Hexe genießend, folgte ihr Bartholemew Filligrew Crwmberwood.

Carmillo war noch benommen, aber so schnell es ging, rannte er los. Er folgte Crwmberwood nicht direkt, sondern schlug einen Bogen um den abgeflachten Gipfel des Dörnbergs.

Er musste versuchen, Cresmonia zu retten. Verdammt war er nach dem Angriff auf den Scharfrichter der Schwarzen Familie ohnehin, egal ob er dies überlebte oder nicht.

Cresmonia brach zusammen. Sie robbte auf Knien weiter, als wolle sie einfach nur nicht aufgeben.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood umrundete die Hexe, und sein Schatten wurde von den letzten Strahlen der Sommersonne direkt vor die Hexe geworfen.

Sie hob den Kopf.

Carmillo wusste, er musste sich beeilen.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood hob eine Pranke zu einem weiteren Schlag, als Carmillo alles riskierte und auf den Scharfrichter lostürmte.

Aber er wurde gehört. Bartholemew Filligrew Crwmberwood wandte sich um, bevor Carmillo ihn erreichen konnte.

„Verdammter Holländer“, grollte der Scharfrichter. „Jetzt ist es aus mit dir.“

Carmillo van Appen wusste, dass er sein schwarzes Leben aushauchen würde. Er ergab sich völlig. Die Schläge verursachten ungeheure Schmerzen, aber sie töteten nicht.

Minutenlang prasselten die Hiebe Crwmberwoods auf ihn ein. Aber Carmillo wollte ein Ende machen und hoffte inständig, Cresmonia Gwscore hätte ihre Chance genutzt und ein Schlupfloch gefunden.

Er konnte es nicht mehr aushalten. Er hob seine Rechte, fuhr in seinen Körper und brachte sein eigenes Herz zum Stillstand.

Das Letzte, was er sah, war Bartholemew Filligrew Crwmberwood, wie er voller Abscheu auf ihn herabsah und seine Klauenhand hob.

Dass der Scharfrichter der Schwarzen Familie ihm den rechten Arm durchtrennte, bemerkte er gar nicht mehr.

Carmillo van Appen fiel auf den Rück und starb. Sein rechter Arm ragte bis zum Ellenbogen aus seiner Brust und es sah aus, als sei er mit seinem eigenen Arm gepfählt worden.

 

***

 

Der Jäger

Auf dem Dörnberg, im Juni letzten Jahres, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Crwmberwood wandte sich um. Wo war die Hexe? Weit konnte sie nicht sein.

Bartholemew Filligrew Crwmberwood suchte sie, fand sie aber nicht. Hinter jedem Baum sah er nach. Er konnte der Blutspur nicht mehr folgen. Sie hörte vor einem Baum plötzlich auf.

Welcher Zauber war das denn?

Bis zum Morgengrauen suchte der Scharfrichter der Schwarzen Familie noch, aber es war vergeblich. Selbst seine Extrasinne halfen ihm nicht. Es war zum aus der Haut fahren.

Dieser verflixte Holländer!

Aber er ließ die Wesenheiten, die Schatten der Dämonenseelen, als Wächter zurück.

Dann verschwand er. Der Sieger und doch der Verlierer, aber Cresmonia würde ihm nicht entkommen!

Sie war Freiwild. Keiner würde ihr helfen. Und irgendwann würde sie sich rühren - und dann war er da.

So wahr er Bartholemew Filligrew Crwmberwood war!

 

***

 

Die Gejagte

Auf dem Dörnberg, im Juni letzten Jahres, am Tage der Sonnenwende, am Abend

Der Junge kam erneut zu ihrer Rettung herbei. Da erkannte Cresmonia ihn. Es war ein Spross der van Appens. Sie hatte ihn ein paar Mal gesehen. Bartholemew Filligrew Crwmberwood hatte ihn im Auftrag Asmodis verflucht.

Ihr war es egal, ob er sich rächen oder sie retten wollte. Das war ihre letzte Chance.

„Komm schon“, feuerte sich Cresmonia an. „Konzentrier dich.“

Sie sammelte ihre letzte Kraft und sandte ihre Hexensinne aus. Und ja. Da war ihre Rettung.

Sie kroch weiter. Das schwache Rufen wurde lauter.

Komm, komm zu mir ...

Cresmonia kroch weiter. Und es kam von den Wurzeln dieser Buche. Dort unten war eine Alraune.

Komm, komm zu mir ...

Cresmonia gab sich der Macht der Alraune hin, und so verschmolz ihr auf den Tod geschundener Körper mit Mutter Erde, und diese sog sie förmlich auf. Sie sickerte ein wie in ein Moor, bis sie gänzlich und spurlos verschwunden war.

Im Schutz der Alraune würde sie schlafen. Ein ganzes Jahr lang, und heilen.

Da bist du ja Schwester, empfing sie die Alraune. Komm und schlaf dich gesund. Schlaf. Hier bist du in Sicherheit.

Und Cresmonia schlief ein ...

 

***

 

Die Gejagte

Dieses Jahr, Juni – um die Zeit der Sonnenwende

Cresmonia erfasste die Tragweite der Ereignisse vom letzten Jahr. Ein Jahr hatte sie im Schoß der Alraune geschlafen.

Ihre Verletzungen mussten ungeheuer gewesen sein. Sonst hätte die Alraune nie so lang gebraucht.

Die Wunden waren verheilt. Nur eine kleine Narbe an der Nasenwurzel war geblieben. Ansonsten war sie wieder vollkommen makellos.

Sie war von Asmodi zum Tode verurteilt worden. Dem entkam sie nicht mehr. Bartholemew Filligrew Crwmberwood würde dieses Urteil mit Freude vollstrecken. Wenn dieser junge Dämon aus der Sippe van Appen nicht gewesen wäre, dann wäre es schon um sie geschehen.

Die unbeschwerten Jahre, wo sie mit den Menschen gespielt hatte, waren vorbei. Sie war Freiwild.

Für jeden.

Sie sah ihren linken Arm an. Makellos. Alraunen waren erstaunliche Geschöpfe.

Keine einzige Narbe. Der Arm war wie neu.

Sie sah sich um, als werde ihr erst jetzt klar, dass sie auf dem Präsentierteller saß.

Sie sandte ihre Hexensinne aus.

Etwas stimmte nicht mit ihr. Es fühlte sich alles so anders und ungewohnt an, aber doch irgendwie vertraut.

Aber was es war, vermochte sie nicht zu sagen.

Sie hatte auch keine Zeit darüber nachzudenken. Sie musste weg.

Sie erhob sich.

Das war der Moment, wo sie entdeckt wurde.

Die Jagd ging weiter ...


 

Wird fortgesetzt



* siehe „Der Hüter“ #3 „Rotbarts Fluch“

* siehe „Der Hüter“ 3 – Rotbarts Fluch

* siehe „Der Hüter“ 2 – Sie stirbt, wenn du nicht würdig bist…

* siehe Der Hüter 3 Rotbarts Fluch

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