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Santa Hinnerk und Knecht Funke

Fünf Tage vor Weihnacht,
es war bitterkalt.
Es herrscht’ große Eintracht,
und war finster im Wald.Doch gab’s auch Groll
und glaubt es, oh Graus:
Gemecker ganz doll
im Hüller Glückshaus.

CoverHüters Weihnacht

Weihnachtsgeschichten aus dem Universum des Hüters

Stefan Albertsen

Santa Hinnerk und Knecht Funke

„Wat schall düsse Schietkrom blots?“, fragte Hinnerk Lührs zum wiederholten Male.

Und zum wiederholten Male seufzte Sabrina Funke, während sie – ebenfalls zum wiederholten Male – versuchte, den roten Mantel, den er trug, zuzuknöpfen, was durch den gewaltigen Bauchumfang des Hünen fast unmöglich gemacht wurde.

„Ich habe es dir schon mehrfach gesagt. Eine alte Freundin von mir leitet einen Kindergarten und ihr Mann, der normalerweise den Weihnachtsmann spielt, hat sich vorgestern den Knöchel gebrochen.“

Hinnerk schnaubte verächtlich, während Sabrina weiter am Mantel herumzog.

„Er hat immer noch einen intakten Fuß, oder?“

Sabrina zerrte den letzten Knopf des Mantels durch das dazugehörige Loch und begutachtete „das Werk“.

Sie schüttelte den Kopf. Hinnerk sah unmöglich aus. Wie eine rot eingefärbte Presswurst mit Bart.

„Santa Claus kann doch wohl kaum auf Unterarmgehstützen durch den Kindergarten hüpfen und Geschenke verteilen.“

„Warum eigentlich nicht? Auf die Weise wäre er doch ein hervorragendes Vorbild für die Kinder. Dass man nicht einfach aufgibt und ein gegebenes Versprechen hält. Egal was passiert!“

Hinnerk holte sehr vorsichtig Luft und spürte, dass zwischen seiner Kiepe und dem Mantelstoff nicht mehr viel Freiraum war. Eigentlich gar keiner!

Dass die Knöpfe nicht absprangen und wie kleine, dunkle Geschosse durch die Luft sausten, wunderte ihn am allermeisten.

„Natalies Mann liegt im Krankenhaus! Er kann nicht kommen!“, fügte Sabrina hinzu und blickte dann auf den Ledergürtel, den sie auch noch irgendwie um Hinnerks Leib schlingen musste.

„Der simuliert bestimmt nur“, maulte Lührs und wollte sich auf den bereitstehenden Küchenstuhl plumpsen lassen.

Ein scharfer Ruf Sabrinas verhinderte das gerade noch.

„Wenn du dich jetzt hinsetzt, zerfetzt es den Anzug, und du musst ihn bezahlen“, warnte sie ihn.

In Hinnerks Augen funkelte es ärgerlich.

„Wenn ich mich dann nicht mehr blamieren müsste, wäre es mir das sogar wert.“

Sabrina schüttelte den Kopf, jedoch nicht wegen dieses Kommentars.

„Ich werde das Kostüm wohl doch auslassen müssen und beten, dass du dann genügend Platz darin findest.“

Sie begann, die Knöpfe zu öffnen.

Das veranlasste Hinnerk zu einem wohligen Seufzen.

„Warum bist du eigentlich so dagegen? Du hast doch schon öfters mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Daran kann es nicht liegen.“

Hinnerk ließ sich umständlich aus dem roten Weihnachtsmantel schälen und blickte Sabrina ernst an. Sie faltete das Kleidungsstück zusammen und legte es auf den Küchentisch.

„Sag schon! Du hast so viele Geheimnisse vor Mark, Knut und mir. Also könntest du mir wenigstens das verraten.“

Hinnerk atmete tief durch und ließ sich nun auf dem Sofa nieder, das für Christine in der Küche aufgestellt worden war.

Der Schatz lag mittlerweile im Bett. Es ging schon auf 22 Uhr zu. Außer Christine, Sabrina und Hinnerk befand sich nur noch James im Glückshaus.

Mark Larsen und Knut Ukena waren aufgebrochen und besuchten einen gemeinsamen Freund, der in der Nähe von Hannover lebte und vor einigen Tagen auf ein okkultes Buch gestoßen war.

Die beiden wollten das Werk überprüfen und feststellen, ob der darin enthaltene Text für den Kampf gegen die Mächte der Finsternis brauchbare Informationen liefern konnte.

„Es ist ...“, begann Hinnerk und blickte Sabrina gequält an.

„... nur so, ich habe schon mal den Weihnachtsmann gespielt, und das ist gehörig in die Hose gegangen.“

Sabrina hob erstaunt die Augenbrauen und ließ sich nun auf einem der Stühle nieder.

„Willst du davon erzählen?“

Hinnerk schien einen Moment lang durch die junge Frau hindurchzublicken, dann schüttelte er sich, als würde ein Schauer über seinen Rücken kriechen.

„Eigentlich lieber nicht, nur soviel ...“

Sabrina horchte auf.

„... es war schrecklich!“

Es lag Verzweiflung in Hinnerks Stimme, als er diese letzten Worte aussprach, und Sabrina befürchtete schon, dass damals wirklich Furchtbares passiert war.

„Diese Kinder zupften an mir und drängten sich um mich herum. Es waren hunderte ... ach was ... ich glaube es waren tausende ...“

„Wie bitte?“

Hinnerk blickte auf und tiefe Verzweiflung lag in seinen Augen.

„Die bedrängten mich von allen Seiten, forderten ihre Geschenke und wurden richtig frech, als ich ihnen sagte, sie sollen sich in einer Reihe aufstellen und Gedichte vortragen.“

„Du meine Güte, ich dachte schon, damals ist weiß Gott was passiert.“

„Du warst nicht dabei. Du kannst einfach nicht mitreden. Die waren unersättlich!“, brach es aus Hinnerk hervor.

„So sind Kinder nun einmal kurz vor Weihnachten. Die sind verrückt nach ihren Geschenken und drehen manchmal auch etwas durch. Nichts wirklich Aufregendes.“

„HA!“, machte da Hinnerk nur.

„Ach komm schon, so schlimm kann es gar nicht gewesen sein. Du wurdest in ein Kostüm gesteckt, musstest ein paar Mal ‚HOHOHO’ sagen und dann die lieben Kleinen beschenken.“

„Es waren unzählige von ihnen, und es schien kein Ende zu nehmen.“

Sabrina schmunzelte.

„Waren es die Kinder von Freunden und Bekannten?“

Hinnerk schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe damals für einen Supermarkt gearbeitet.“

Sabrina musterte Hinnerk irritiert.

Er deutete die unausgesprochene Frage in ihrem Blick richtig und fuhr fort.

„Das war Weihnachten `79 und ich hatte vom Orden den Auftrag bekommen, einen verdächtigen Mann zu beschatten. Er arbeitete in diesem Supermarkt. Um ihm nahe zu kommen, ließ ich mich als Weihnachtsmann engagieren. Na ja, um Langes kurz zu machen: Der Mann war nur ein Spinner, der sich privat mit Okkultismus beschäftigte, aber ebenso wenig wie Christine das Zeug zum Schwarzen Magier oder Dämon hatte. Ich musste aber trotzdem noch bleiben und meinen Vertrag erfüllen, weil mein abruptes Verschwinden ansonsten Aufmerksamkeit auf mich und somit auch den Orden gelenkt hätte.

Also blieb ich, spielte weiterhin den Weihnachtsmann und wurde mit nicht enden wollenden Schlangen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die allesamt frech, ungeduldig und richtig nervig waren.“

Sabrina konnte nicht anders. Sie lachte auf.

„Das hätte ich gerne gesehen, Hinnerk. Wirklich!“

Diese Bemerkung zog einen Flunsch Hinnerks nach sich.

Und so kam es, dass die beiden für den Rest des Abends kein Wort mehr miteinander wechselten.

Das war auch ganz in Ordnung, denn so konnte Sabrina in Ruhe das Weihnachtsmannkostüm umnähen.

***

Ein unredlich Geist

streckt geführt von der Gier;

seine Hand aus, ganz dreist

in ein gefährlich Revier.Er will Reichtum sich klauen

lässt davon nicht ab;

zu entfesseln das Grauen

und das nicht zu knapp.

Am nächsten Tag:

Professor Wilbert Corbinius schwelgte in Vorfreude.

Am heutigen Abend würde ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Obwohl Corbinius alles andere als ein gläubiger Christ war und ihm Weihnachten nichts bedeutete, fand er es doch passend, dass dieser Wunsch in dieser Zeit des Jahres erfüllt werden würde.

Er beobachtete aufmerksam die Front des dreigeschossigen Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Es war der Sitz einer international agierenden Privatorganisation, die Forschungen im Bereich der Völkerkunde betrieb.

Er war froh, in seinem verbeulten Opel Astra sitzen zu können, denn auch wenn der Winter dieses Jahr wieder einmal sehr mild ausfiel, so herrschten doch unangenehme Temperaturen.

Corbinius ließ das kleine, aber leistungsstarke Fernglas sinken und schmunzelte.

Bald schon, sehr bald werde ich Ena-Ank-ha erweckt haben und herausfinden, wo sich sein Goldschatz befindet.

Er war wirklich sehr zufrieden und lächelte.

Aber zwanzig Sekunden später erlosch dieses Lächeln, denn die Beifahrertür des Astras wurde aufgerissen, kalte Luft strömte ein und eine unmelodische Männerstimme quäkte auf und riss ihn aus seinen Triumphfantasien.

„So, hier habe ich den gewünschten Kaffee und ein paar Plunderstückchen vom Bäcker an der Straßenecke.“

Valentin war zurückgekehrt!

Der Assistent des Professors drängte sich mal wieder viel zu laut und viel zu ungeschickt in Corbinius’ Aufmerksamkeit, der ihn mit einem ärgerlichen Seitenblick anfunkelte und im nächsten Moment laut aufschrie.

„Hier ... Sie wollten doch den Milchkaffee ... oooohhhh nein ...“

Die Tüte mit den Plunderstückchen rutschte aus unerfindlichen Gründen weg und mit einer blitzschnellen Bewegung wollte Valentin sie aufhalten.

Er bekam sie zwar zu packen, doch dabei kippten die beiden Kaffeebecher aus den Papphaltern, in denen sie transportiert worden waren, und so ergoss sich heiße Flüssigkeit über den Schoß des Professors.

Valentin machte ein bedröppeltes Gesicht.

Er wusste nicht so recht, was zu tun war, und beobachtete Corbinius, wie der jaulend die Flüssigkeit von seinem Schoß zu wischen versuchte.

Dabei hatte er natürlich keinen Erfolg.

Der klein gewachsene Valentin rieb sich während der nächsten Minute mehrfach mit der Hand über seine spiegelnde Glatze.

Als Corbinius sich wieder gefangen hatte und die Hände gegen den verbrühten Unterleib presste, stellte Valentin die wohl dämlichste Frage in seinem ganzen Leben.

Und er hatte schon viele dämliche Fragen gestellt!

„Soll ich Ihnen einen neuen holen?“

Dass er dafür zwei harte Kopfnüsse vom Professor erhielt und zudem noch mit zahlreichen Schimpfnamen bedacht wurde, versteht sich wohl von selber.

***

Sie können’s kaum erwarten,

die Kleinen fast von Sinnen;

das Fest im Kindergarten

es soll recht bald beginnen.Doch etwas fehlt noch. Halt!

Der Weihnachtsmann! Genau!

Er muss kommen, und zwar bald,

sonst wird’s hier ziemlich flau.

Hi„Und denkt daran: Heute Abend kommt der Weihnachtsmann. Jeder, der ein Gedicht aufsagen will, sollte es noch mal mit seiner Mama oder seinem Papa üben.“

Mit diesen Worten hatte Natalie Sattler die Kinder, die sie im Kindergarten betreute, nach Hause entlassen.

Das übliche mittägliche Chaos war über den kleinen Kindergarten hereingebrochen. Die ersten Mütter und Väter waren erschienen, um ihre Sprösslinge abzuholen.

Es wurden Turnbeutel gesucht, einige Mäntel schienen sich auf gar wundersame Weise aufgelöst zu haben, das eine oder andere Elternteil musste noch eine Frage loswerden und der eine oder andere Schützling hatte plötzlich verlernt, in die Schuhe oder die Jacke zu schlüpfen, und brauchte dringend Hilfe.

Natalie überstand das alles gemeinsam mit ihren drei Kolleginnen und atmete erleichtert auf, als wieder Ruhe einkehrte und sie daran gehen konnten, aufzuräumen und die Dekorationen für die kleine Weihnachtsfeier vorzubereiten.

Als die Tische so hingestellt worden waren, wie die Frauen sie haben wollten, öffnete sich die Eingangstür des Kindergartens.

Natalie hob den Blick und lachte auf, als sie Sabrina Funke sah.

Die beiden fielen sich in die Arme.

Der hoch gewachsene Mann mit der ausgeprägten Stirnglatze und dem nicht zu übersehenden Bauch blieb zurück und musterte die beiden Freundinnen mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen, welches unter dem Urwald seiner kräftigen Barthaare kaum zu erkennen war.

Endlich, nach einigen Minuten des Lachens und des Immer-wieder-in-die-Arme-Fallens, lösten sich Natalie und Sabrina voneinander.

Sabrina kam endlich dazu, Hinnerk Lührs vorzustellen.

„Ach, Sie sind also der Star des Abends?“

Hinnerk wirkte etwas verlegen, als Natalie das sagte, doch er reichte ihr trotzdem seine Pranke.

„Nu machen Sie mal keinen Wind um die Sache“, meinte der Hüne und knetete den Schirm seines Elbseglers.

„Das ist kein Wind, Herr Lührs. Sie sind tatsächlich unsere Rettung, denn wir hätten wohl kaum einen Ersatz für meinen Mann gefunden. Und die Kinder wären sehr enttäuscht gewesen, wenn unsere Feier heute Abend ohne Weihnachtsmann hätte auskommen müssen.“

Sabrina schmunzelte, als sie sah, wie gut Natalies Lob Hinnerk tat.

„Ich denke, wir helfen euch schnell beim Dekorieren und dann besprechen wir den weiteren Ablauf, ja?“

Sabrinas Vorschlag fand allgemeine Zustimmung und schon machten sich alle Beteiligten an die Arbeit.

Sie wussten, dass es noch vieles zu tun gab, aber es lag auch noch einiges vor ihnen, von dem sie noch nichts ahnten.

***

Voll von tiefer Niedertracht,

sitzt der Böse da und lauert.

Wartend auf die dunkle Nacht,

wo sein Wunsch wird untermauert.So sind es Reichtum, Ruhm und Macht

die ihn lockten schnell herbei.

Ihr Leute habt nur sehr gut Acht,

denn Leben sind ihm einerlei.

Professor Corbinius ärgerte sich immer noch über die Dummheit Valentins. Außerdem schmerzte die verbrühte Haut unter dem braunen Kaffeefleck ganz gehörig.

Er hatte nicht mitbekommen, dass Valentin seinen Mund immer wieder kurzzeitig hinter der Hand verborgen gehalten hatte, um ein kurzes Grinsen zu verbergen.

In diesen Augenblicken hatte der Gehilfe des Professors daran denken müssen, dass es im Inneren dieses Autos nun wohl zwei hart gekochte Eier gab.

Es fuchste Corbinius, dass es Valentin gewesen war, der die entscheidenden Informationen über das Institut hatte beschaffen können.

Corbinius hatte einige verschlagene Wege ersonnen, um zu erfahren, wie das Gebäude bewacht wurde, welche Sicherheitsfirma dafür zuständig war und in welchen Schichten die Wachleute arbeiteten.

Auch hatte der Professor herauszufinden versucht, wann der günstigste Zeitpunkt war, um in das Institut einzubrechen.

Er hatte im Internet recherchiert und nichts davon in Erfahrung bringen können.

Bei der Firma des Wachdienstes hatte er auf Granit gebissen. Es grenzte an ein Wunder, dass die Mitarbeiter vor Ort nicht weiter auf ihn aufmerksam und misstrauisch geworden waren.

All seine Tricks, seine versuchten Bestechungen und seine Ideen, um etwas herauszufinden, verliefen im Sande und so hatte er sich frustriert daran gemacht, das Institut zu observieren und seine Beobachtungen in ein kleines Büchlein einzutragen.

Es war eine mühselige Arbeit gewesen, auf diese Weise Informationen über das Wachpersonal zu sammeln, doch er war bereit gewesen, sie zu tun.

Um Ena-Ank-ha zu neuem Leben zu erwecken und als Dank dafür seinen unermesslichen Goldschatz zu erlangen, war Corbinius bereit, jede Anstrengung auf sich zu nehmen.

Und dann? Was war dann passiert?

Valentin traf beim Bäcker an der Straßenecke auf eine Mitarbeiterin des Instituts, kleckerte ihr Kaffee über die Jacke und lud sie als Entschuldigung ein.

Während die beiden Kaffee tranken und Plunderstückchen in sich hineinstopften, erfuhr Valentin von der redseligen Mitarbeiterin ganz nebenbei alles, was Corbinius wissen wollte.

Als Valentin ihm die Daten nannte, explodierte der Professor beinahe vor Wut und ging ihm an die Gurgel.

Irgendwann jedoch hatte er sich wieder beruhigt und begonnen, seinen Plan auszuarbeiten.

Und genau heute würde dieser Plan Früchte tragen.

Corbinius grinste bei dem Gedanken an den Reichtum, den er durch den Goldschatz erlangen würde.

Doch das Grinsen verging ihm gleich wieder, denn schon begann es zwischen seinen Beinen erneut zu brennen und ein leises Seufzen drang aus seinem Mund.

„Noch mehr Brandsalbe, Herr Professor?“, fragte Valentin, der das Geräusch vernommen hatte.

Anstatt einer Antwort erhielt er eine weitere Kopfnuss von Corbinius.

***

Mit Lachen und Gekicher,

fallen die Kleinen ein.

Und eines scheint fast sicher,

die Feier wird Klasse sein.Doch zwischen ihnen allen,

ein Widerstand sich regt!

Zwei Lümmel, ja die ballen,

ihre Fäuste ganz erregt!

Gegen 16:30 Uhr trudelten die ersten Kinder mit ihren Eltern ein.

Es herrschte ein reges Treiben, während die Kleinen von den Großen aus ihren Mänteln und Jäckchen geschält wurden und alle wild durcheinander schnatterten.

Auch Max Folkerts und Ralf Klein waren unter den Ankömmlingen.

Die beiden waren acht Jahre alt und gingen schon längst nicht mehr in den Kindergarten.

Jedoch gehörten Max’ Bruder und Ralfs Schwester zu denen, die in die Kindergartengruppen gehörten.

Aus zwei Gründen waren sie heute hier!

Zum einen durften die älteren Geschwister gerne mitfeiern, zum anderen waren Max’ und auch Ralfs Eltern verhindert und konnten bei der Feier nicht dabei sein.

Max’ Großmutter hatte sowohl die kleinen Geschwister, als auch die „großen“ Jungs abgeliefert und war dann selber einer Verabredung nachgekommen.

Ärgerlich musterten die beiden Jungen, die als echte Frechdachse und Halunken bekannt geworden waren, wie die jüngeren Kinder mit freudig glänzenden Augen in den Raum gebracht wurden, in dem die Feier stattfinden sollte.

Sie blieben unauffällig, beobachteten das Treiben eine Weile und nickten sich dann zu.

Blitzschnell schnappten Max und Ralf sich ihre Jacken und huschten schon im nächsten Moment unbemerkt ins Freie.

Sie hatten sich bereits in der Schule abgesprochen.

An dieser doofen Feier wollten sie nicht teilnehmen.

Sie wollten viel lieber was erleben.

Und beide ahnten nicht, dass ihr Wunsch schon bald in Erfüllung gehen sollte.

Aber anders, als sie es sich vorgestellt hatten.

***

Das Warten hinterm Vorhang,

das ist nicht wirklich schön.

Es macht die meisten sehr bang.

Zeit will nicht recht vergehn!Man lugt dann zwischen Lücken,

im Stoff hervor und grollt!

Der Auftritt, der hat Tücken,

hat man ihn nicht gewollt!

Hinnerk Lührs beobachtete die Ankunft der Kleinen von Natalies Büro aus.

Er hatte die Tür leicht geöffnet und lugte nun durch den schmalen Schlitz.

„Lässt du das wohl bleiben“, herrschte ihn Sabrina Funke an und drückte ihre Hand gegen das Türblatt, so dass es sich leise verschloss. „Wenn die Kleinen dich entdecken, ist die ganze Mühe umsonst gewesen.“

Mit ‚Mühe’ meinte sie, dass sie es in der zurückliegenden Nacht doch noch geschafft hatte, das Weihnachtsmannkostüm in eine „Hinnerk-Passform“ umzunähen. Außerdem hatte sie ihm, nachdem sie sich ins Büro zurückgezogen hatten, die verbliebenen Haupthaare und den Bart schneeweiß gefärbt.

Sabrina konnte einfach nicht anders, als Hinnerk zu bewundern. Jetzt, da er Jacke und Hose übergestreift hatte, seine Füße in den hohen, dunklen Stiefeln steckten und sowohl sein Bart und sein Haar weiß erstrahlten, wirkte er tatsächlich wie Santa Claus.

Es fehlten nur noch die Mütze und der geschulterte Sack, um das Bild abzurunden.

Die Mütze lag auf Natalies Schreibtisch und der Sack befand sich in einem kleinen Schuppen, der zum Grundstück des Kindergartens gehörte.

Hinnerk und Sabrina, die vorhatte, als Knecht Ruprecht aufzutreten, würden in wenigen Minuten nach draußen schleichen, den Sack aus dem Schuppen holen und sich dann zum Hintereingang begeben, wo sie mit einigen bereitliegenden Glöckchen eine weihnachtliche Geräuschkulisse erzeugen wollten.

Man würde sie hören und dann war vorgesehen, dass sie ins Licht traten und gegen die Tür klopften, um eingelassen zu werden.

So jedenfalls war es geplant.

Hinnerk rieb seine riesigen Händen über den Stoff der Weihnachtsmannhose.

„Meine Güte, bist du nervös“, flachste Sabrina und konnte ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken.

Diese Bemerkung brachte ihr von Hinnerk einen finsteren Blick ein, den er durch zu Schlitzen verengte Augen abfeuerte.

„Sorry! War nicht böse gemeint, aber irgendwie habe ich den Eindruck, du hast ...“

Sabrina unterbrach sich, denn ihr wurde in diesem Augenblick klar, dass sie mit ihrer Vermutung vollkommen richtig lag.

„... Lampenfieber“, beendete sie den Satz mit belustigtem Tonfall.

„Quatsch keen verdreihte Krom. Ick bün nich nervös!“

Hinnerks gereizte Antwort bestärkte Sabrina. Sie kicherte leise.

Hinnerk schoss mit seinen Augen unsichtbare Pfeile auf „seinen Knecht Ruprecht“ ab.

Am liebsten hätte er eine geraucht, doch das Zeug, das Sabrina zum Einfärben seines Bartes benutzt hatte, hätte brennbar sein können. Sabrina wusste es angeblich nicht. Aber er wollte kein Risiko eingehen.

„Du sühst ock nich better ut“, schimpfte Hinnerk, was aber nicht richtig wirkte, weil er seine Stimme dämpfen musste. Immerhin turnten vor der Bürotür ja die Kleinen herum.

Recht hatte er mit seiner Behauptung schon, denn auch Sabrina hatte sich verkleiden und „ummodeln“ müssen.

Sie trug jetzt ein braungraues Gewand, dass ihre weiblichen Formen gut verhüllte, eine spitz zulaufende Mütze, unter die sie ihr langes Haar gestopft hatte, und einen dunklen Bart, der ihr Gesicht verbarg.

Ihr machte es allerdings nichts aus, so verschandelt vor eine Schar von Kindern zu treten und in ihrer Rolle zu agieren.

Bei Hinnerk sah das anders aus. Er wurde von Minute zu Minute hibbeliger und nervöser.

Sabrina schüttelte den Kopf, denn sie konnte das wirklich nicht verstehen.

Hinnerk, der unerschrockene Kämpfer für das Gute, einer der angesehenen Meister des Ordens der Maria Magdalena, Freund und Mitstreiter des Hüters und ... noch so vieles, was Sabrina im Moment nicht aufzuzählen vermochte, blickte unsicher zur Tür, hinter der die Stimmen der Kleinen zu hören waren, und schluckte hart.

„Nicht zu fassen! Groß wie ein Baum, aber macht sich fast in die ...“

Weiter kam Sabrina mit ihren geflüsterten Worten nicht, denn die Tür öffnete sich vorsichtig und Natalie Sattler betrat den Raum.

Sie wirkte verunsichert!

„Hast du was?“, fragte Sabrina sofort.

„Es ist wahrscheinlich nichts, aber zwei Jungen sind verschwunden.“

„Was?“

Dieses eine Wort entfuhr Hinnerk schon beinahe so laut, dass man es ohne Schwierigkeiten im Nebenraum hätte hören können, wenn dort nicht so ein Krawall gewesen wäre.

Natalie Sattler hob beschwichtigend die Hände.

„Ist wahrscheinlich wirklich nichts. Es sind keine von unseren Schützlingen, sondern die älteren Brüder, die schon zur Schule gehen und mitkommen mussten, weil man sie nicht alleine zuhause lassen konnte.“

„Und?“

„Na ja, die waren natürlich alles andere als begeistert und sind wahrscheinlich ausgerückt. Ich schätze, sie verstecken sich irgendwo hinten beim Schuppen oder so. Ich wollte nur fragen, ob ihr mal nachschaut, wenn ihr den Sack holen geht.“

Sabrina und Hinnerk wechselten schnell die Blicke.

„Natürlich, Natalie! Gar kein Problem!“

Natalie Sattler lächelte dankbar.

„Macht euch wirklich nicht zu große Sorgen. Die beiden sind noch aus ihrer Zeit hier am Kindergarten als Querulanten bekannt und hauen gelegentlich schon mal ab, wenn keiner hinsieht.“

Mit diesen Worten lächelte sie noch einmal und verließ den Raum.

Sabrina und Hinnerk blieben noch einige Minuten länger im Raum. Sie schlichen erst aus dem Büro, als das Gejohle der Kinder leiser geworden war, weil die Türen des Nebenraumes geschlossen wurden.

Natalie hatten ihnen genau gezeigt, welchen Weg sie zu nehmen hatten, und so schlichen eine schlanke Frau, die aussah wie der finstere Knecht Ruprecht, und ein dicker Mann, den man für Santa Claus hätte halten können, ins Freie, um ihren Job zu erledigen und nach zwei Ausreißern zu suchen.

***

Es tollen sich zwei Buben,

der Ralf und auch der Maxen;

aus den warmen Stuben,

um zu machen große Faxen.Solch Schabernack birgt meist,

na was wohl? Viel Gefahr!

Sie sind schon ziemlich dreist,

flieh’n in die Nacht, so klar!

Max und Ralf liefen durch den kleinen Forst, der an das Gelände des Kindergartens angrenzte.

Sie kannten sich hier hervorragend aus und wussten, auch jetzt im Dunkeln, noch sehr genau, wo sie sich befanden.

Immerhin war es noch nicht allzu lange her, da waren sie selber in den Kindergarten gegangen.

Die beiden Lümmel blieben schnell atmend stehen.

Max schielte zum Kindergarten hinüber, dessen Fenster allesamt mit weihnachtlichen Motiven bemalt worden waren.

Die Kinder hatten während der letzten Tage fleißig verschiedene Szenen aus der biblischen Weihnachtsgeschichte mit Fingerfarben geschaffen. Und so waren der berühmte Stall mit Ochsen, Esel und Krippe zu erkennen, genauso wie die Schafhirten und der Engel, der ihnen erschienen war.

Sogar die drei Könige aus dem Morgenland waren aufgemalt worden, obwohl der eine König ziemlich kümmerlich und winzig aussah.

„Den hat mein kleiner Bruder gemalt“, hatte Max erklärt, als er sich mit seinem besten Freund ins Freie geschlichen und sie das Fenster passiert hatten.

„Also malen kann der nicht“, hatte Ralf geantwortet.

„Neee, und mit ’ner Playstation kann der Trottel auch nicht umgehen.“

Sie waren davongerannt und keiner von ihnen kümmerte sich darum, dass man sich eventuell Sorgen um sie machte und sie suchen würde.

Sie wollten diesen Kinderkram nicht mitmachen: In einem schlecht beleuchteten Raum sitzen, den jüngeren Kindern beim Singen zuhören und vor allem nicht selber mitsingen.

Auch die Aussicht auf irgendwelche albernen Spiele, bei denen die Jüngeren vielleicht anfingen zu heulen, weil sie am verlieren waren, fanden Max und Ralf nicht besonders.

Sie wollten lieber herumtoben oder Verstecken spielen, anstatt in der langweiligen Bude rumzuhocken.

Max und Ralf blieben plötzlich stehen, als sie hinter sich Stimmen vernahmen.

Sie huschten hinter einen breiten Baumstamm und schielten dorthin, von wo die Stimmen erklungen waren.

In Richtung Kindergarten.

Obwohl es schon ziemlich dunkel war und das Licht vom Kindergarten sie etwas blendete, erkannten die beiden Jungen zwei unterschiedliche Gestalten, die ins Freie getreten waren.

Die eine war sehr groß und sehr dick und die andere war schmal und etwas kleiner.

Max riss überrascht die Augen auf.

„Mann, das ist der Weihnachtsmann“, entfuhr es ihm und er handelte sich damit einen schiefen Blick seines Freundes ein.

„Sag mal, wie alt bist du eigentlich? Drei? Vier?“

Ralf tippte sich energisch gegen die Stirn.

„Der Weihnachtsmann! So’n Quatsch. Mein Papa hat es mal erklärt: Das sind Arbeitslose oder Studenten, die sich als Weihnachtsmänner verkleiden und dann in Kindergärten und manchmal auch auf Weihnachtsmärkten auftreten, um die Kinder zu verarschen.“

Dass sein Vater dieses Thema angeschnitten hatte, als er geglaubt hatte, Ralf wäre nicht in der Nähe, verschwieg der Junge seinem Freund. Ebenso den Umstand, dass er auf einen Baum geklettert war, um alles mit anzuhören, und sich später nicht mehr heruntergetraut hatte.

Max wollte nun seinerseits nicht blöd dastehen und winkte ab.

„Klar weiß ich, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.“

Tatsächlich hatte er es zwar bereits geahnt, aber dennoch immer gehofft, er würde sich irren.

„Ich wollte bloß mal sehen, ob du’s auch weißt.“

Ralf sagte nichts mehr, sondern machte ein Zeichen, dass sie jetzt besser die Klappe halten sollten, denn die beiden verkleideten Gestalten waren näher gekommen und schienen Ausschau zu halten.

Nach ihnen vielleicht?

Bestimmt hatte man schon gemerkt, dass sie nicht mehr im Kindergarten waren.

„Wir sollten weiter weg“, flüsterte Max Ralf zu, und der nickte stumm.

Vorsichtig schlichen sie sich davon.

***

Des Bösen niedrer Plan,

kommt leider jetzt in Gange;

voll finsterem Elan,

es dauert nicht mehr lange.Unheil soll erwachen,

und Geheimes wird verlangt;

danach erklingt ein Lachen,

und jeder, der’s hört, bangt!

Alles war leichter abgelaufen, als zunächst angenommen.

Corbinius und sein debiler Gehilfe waren nach Einsetzen der Dunkelheit zur Eingangstür geschlichen. Sie waren sich sicher, dass außer einem einzigen Wachmann keine Person mehr im Gebäude war.

Corbinius war hinter einen mannshohen Busch geschlüpft, während Valentin einen Verletzten mimte, was gar nicht so schwierig war, denn sein Chef hatte ihm ordentlich eins auf die Nase gegeben.

Valentin hatte mit glasigen Augen und blutender Nase die Klingel des Instituts betätigt.

Es hatte eine ganze Weile gedauert, doch dann war der Wachmann aufgetaucht, hatte Corbinius’ Gehilfen gesehen und erkannt, dass der augenscheinlich in Schwierigkeiten war.

Nachdem er die Tür geöffnet und ins Freie getreten war, war Corbinius rasch aus seiner Deckung vorgeschnellt und hatte den Mann mit einem Schlagstock umgehauen.

Den Bewusstlosen ins Innere zu schleppen und die Tür wieder zu verriegeln, war ein Leichtes gewesen.

Jetzt sah Corbinius kopfschüttelnd dabei zu, wie Valentin versuchte, dem bewusstlosen Wachmann die mitgebrachten Handschellen anzulegen.

Dabei stellte er sich einfach nur dämlich an. Am Ende hatte er sich selber an das Handgelenk des reglos am Boden Liegenden gefesselt.

„Könnten Sie mir bitte helfen, Herr Professor?“

Corbinius musterte seinen Gehilfen fassungslos. Das ein einzelner Mensch so bescheuert sein konnte, war kaum zu glauben.

„Ich sollte Sie einfach hier lassen, Sie blöder Hund“, knurrte der Professor ärgerlich und fummelte die Handschellenschlüssel aus seiner Jackentasche.

„Aber ich brauche Sie noch. Wer sonst sollte Ena-Ank-ha tragen?“

„Sie vielleicht?“, fragte Valentin unbedarft.

Selbst als ihn der Professor mindestens dreißig Sekunden wortlos angestarrt hatte, bemerkte er nicht, dass er etwas furchtbar Blödes gesagt hatte.

Schweren Herzens hatte Corbinius Valentin von den Handschellen befreit, den Wachmann rasch an ein festes Heizungsrohr nahe der Wand gekettet und ihm mit Isolierband den Mund verklebt.

Danach waren die beiden Männer wortlos durch mehrere Gänge geschlichen und hatten sich letztlich in einer Art Labor wieder gefunden.

Hier wurden viele der Stücke, die im Institut landeten, von fachkundigem Personal untersucht, ehe man sie zu irgendwelchen Ausstellungen oder Museen weiterleitete.

„Hier muss es irgendwo sein“, flüsterte Corbinius und vor lauter Aufregung spürte er seinen Herzschlag überdeutlich unterhalb des Kiefers.

„Aber wo?“

Obwohl sie ungestört waren, war der Professor darauf bedacht, sich möglichst leise zu bewegen, denn man konnte ja nie wissen.

Ein plötzlich einsetzendes Scheppern sorgte dafür, dass er auf der Stelle in die Höhe sprang, um seine eigene Achse wirbelte und den Strahl seiner Taschenlampe in die Richtung hielt, aus der der Lärm erklungen war.

Valentin stand im Schein des Lichtkegels und grinste ihn dümmlich an.

„Sorry, Herr Professor! Ich hatte die Schale übersehen!“

Zu Valentins Füßen lag eine Metallschale, auf der anscheinend zwei Glaskolben gestanden hatten.

Als sie auf den Boden gefallen waren, weil Valentin sie angestoßen hatte, waren die Behälter in tausend Teile zersprungen.

Valentin ging in die Hocke und begann die Scherben aufzusammeln.

„Momentchen ... ich hab’s gleich ...“

Die Position in der sich sein Gehilfe befand, war einfach zu günstig, und die Situation reizte Corbinius bis aufs Blut.

Und so verpasste er Valentin einen kräftigen Tritt in den Hintern.

Der Gehilfe kippte nach vorne und stützte sich mit seiner rechten Hand am Boden ab, um nicht vollkommen hinzufallen.

„Au“, entfuhr es Valentin, als dabei ein großer Glassplitter in seinen Zeigefinger eindrang.

„Kommen Sie endlich mit, Sie Idiot. Wir müssen weiter.“

Corbinius’ Stimme war ein zorniges Zischen, wie von einer aggressiven Giftschlange ausgestoßen, doch Valentin nickte ergeben, erhob sich wieder und steckte den Finger in den Mund, um das Blut abzulutschen, das mittlerweile aus der kleinen Wunder hervorquoll.

Schweigend und am Finger nuckelnd, folgte er dem Professor und endlich stießen sie auf Ena-Ank-ha.

Ein eigentümlicher Glanz war in Corbinius’ Augen getreten und mit verzücktem Gesichtsausdruck musterte der Wissenschaftler seinen Fund.

Ena-Ank-ha stand auf einem runden Podest zwischen zwei Tischreihen, auf denen mehrere zusammengeklappte Laptops und Papiere lagen.

Er war an die zwei Meter groß und wirkte so, wie eine 4.500 bis 5.000 Jahre alte Mumie wirkte:

Hässlich, ausgetrocknet und tot.

Er wurde mit zwei Metallklammern an einer senkrecht aufragenden Schiene in seiner stehenden Position festgehalten.

„Ist er nicht wunderschön?“, fragte Corbinius.

Valentin, immer noch am Zeigefinger lutschend, musterte die Mumie in ihrer braungrauen Erscheinungsform und blickte besonders lange auf die Augenhöhlen, in denen zusammengeschrumpelte Augäpfel mit seltsamerweise weiß verfärbten Pupillen ins Leere starrten.

„Isch weisch nischt, Proffeschor. Ischt ein schiemlisch häschlischer Kerl, diesche Mumie“, nuschelte er an seinem Finger vorbei und im nächsten Augenblick klatschte die Hand des Professors kräftig gegen seine rechte Wange.

Valentin konnte sich nicht mehr halten, kippte zur Seite und fiel gegen das Podest.

„Sie sind ein verdammter Narr. Natürlich ist sie wunderschön.“

Corbinius funkelte seinen Gehilfen wütend an.

Sein Plan sah vor, die Mumie mittels alter Formeln, die er jahrelang studiert hatte, zu neuem Leben zu erwecken und ihr dann die Informationen abzufordern, die notwendig waren, um den Schatz zu finden.

„Sie werden jetzt einfach das Maul halten, die Mumie hochheben und nach draußen tragen. Verstanden?“

Valentin hatte sich erhoben und nickte, wobei ein leises Schniefen zu hören war.

Die Ohrfeige des Professors hatte wehgetan und in diesen Momenten begann der Gehilfe zum ersten Mal an der Richtigkeit dessen, was sie hier taten, zu zweifeln.

Trotzdem wollte er sich nicht gegen Corbinius auflehnen.

Er war vielleicht blöd, aber nicht so blöd, dass er das versucht hätte.

Was weder er noch der Professor bemerkt hatten, war, dass sich einige winzig kleine Tropfen Blut von Valentins Hand gelöst hatten. Diese Tröpfchen drangen jetzt in die ausgetrocknete Pergamenthaut Ena-Ank-has und brachen somit den alten Fluch, der auf ihm lastete.

***

Es wird sehr schnell gesucht,

mit steter, wacher Schau.

Man sucht die Jungs, verflucht,

doch wo sind sie ganz genau?

„Hast du die beiden entdecken können?“, fragte Sabrina.

Hinnerk schüttelte den Kopf.

Er stand neben der Hütte des Kindergartens und blickte konzentriert in die Dunkelheit hinaus.

Sabrina stutzte einen Augenblick lang.

Täuschte sie sich? Oder leuchteten die Pupillen des bärtigen Hünen tatsächlich für einen Sekundenbruchteil in eisigem Blau auf?

Sie hatte so einiges von dem mitbekommen, was dieser Mann zu tun in der Lage war, und sowohl Mark als auch Knut hatten ihr noch ein paar Dinge mehr über ihn berichtet.

Also warum sollte es ihm dann nicht möglich sein, seine Sehfähigkeiten zu verstärken, so dass sein Blick in der Lage war, die Dunkelheit zu durchdringen und die beiden Ausreißer ausfindig zu machen?

Und wenn dem so war, warum sollten seine Augen dabei nicht blau aufleuchten?

Sabrina beschloss, nicht länger darüber nachzudenken.

„Ich vermute, dass die beiden längst nicht mehr auf dem Grundstück sind“, brummte Hinnerk und grauweißer Dampf stieg vor seinen Lippen auf.

Es schien fast so, als wäre die milde Phase dieses Winters an diesem Abend beendet worden.

Kurzum: Es war lausig kalt!

„Und nun?“

Hinnerk blickte Sabrina von der Seite her an.

„Was für eine Frage? Natürlich suchen wir die Racker. Immerhin hat deine Freundin die Verantwortung für ihr Wohlergehen.“

Sabrina freute sich darüber, dass der Brummbär seine alte Selbstsicherheit zurückerlangt zu haben schien.

Hinnerk war immer dann am besten, wenn er eine Aufgabe hatte, in der es darum ging, anderen zu helfen und sie zu schützen.

Wortlos gingen sie in Richtung Wald.

Sie erreichten die Grenze des Lichts, das vom Kindergarten ausgesandt wurde. Jenseits davon waren die Stämme und Äste der Bäume nur verschwommen im Dunkeln auszumachen.

„Verflucht, hier kann man ja nichts sehen. So finden wir die beiden nicht“, schimpfte Sabrina.

Hinnerk trat vor und streckte seine rechte Hand aus.

„Gib mal.“

„Was?“, fragte Sabrina.

Er deutete auf den Reisigbesen, den sie als Rute bei sich trug.

Eigentlich war es Blödsinn gewesen, ihn mitzunehmen, doch Sabrina hatte ihn vergessen und in der Hand behalten.

Schulter zuckend reichte sie ihm das Geforderte, und nun versetzte Hinnerk sie richtig in Erstaunen.

Blauweiße Blitze knisterten zwischen den Fingern des Mannes hervor, wanden sich in rascher Folge um das Holz des Besengriffs und die Reisigzweige.

Letztere erzitterten heftig, als die Blitze so an ihnen empor krochen und dann geschah es.

Das Bündel begann zu leuchten und entsandte einen bläulichen Schein in die nähere Umgebung.

Es war zwar nicht der Schein einer Taschenlampe, aber zumindest reichte das Licht aus, damit Sabrina Funke sich orientieren konnte.

„Wow, ich bin echt beeindruckt“, meinte sie nur, als Hinnerk ihr den Besen zurückgegeben hatte.

„Kinnerkrom“, erwiderte der Santa-Claus-Imitator und schritt entschlossen zu den Bäumen des Forsts, der an das Grundstück grenzte.

Wenn sich die beiden Jungs irgendwo versteckten, dann mit größter Wahrscheinlichkeit dort.

Darauf hätte Hinnerk Lührs einen ganzen Jahresvorrat seines Tabaks verwettet.

Aber bei Wetten gab es immer einen Unsicherheitsfaktor, und deshalb behielt er das für sich. Sabrina hätte keine Sekunde gezögert und wäre darauf eingegangen.

Bloß um ihn zu ärgern, versteht sich.

***

Der Plan, der kommt ins Wanken,

weil Pech man nun mal hat.

Der Böse beginnt zu schwanken,

und nichts geht richtig glatt!

Ein dumpfes Grollen ertönte mit einem Mal und Corbinius blickte zu seinem Gehilfen hinüber.

Valentin war damit beschäftigt gewesen, sich eine geeignete Position zum Anheben der Mumie zu suchen, als das unheimliche Geräusch die Luft erfüllt hatte.

„Was haben Sie denn jetzt wieder angestellt?“

Ungeduld klang in der Stimme des Professors und Valentin zuckte betroffen zusammen.

Er war sich keiner Schuld bewusst, was aber nichts zu bedeuten hatte.

„Gar nichts, Herr Professor ... ich wollte mich nur gerade vorbeugen, um die Mumie von ihrem Podest herunter zu heben, als sie anfing ... diese Laute auszustoßen.“

Corbinius wollte lachen, doch es blieb ihm buchstäblich im Halse stecken, denn ein Gedanke durchzuckte ihn.

Was, wenn die Mumie tatsächlich schon wach ist?

Der Professor blickte nun an ihrem braunen Leib empor, der verschrumpelter war, als der einer neunzigjährigen Greisin.

Immerhin hatte er ja selber vorgehabt, Ena-Ank-ha zu erwecken und seine Geheimnisse zu erfahren.

Corbinius hatte sich mit Mächten einlassen wollen, die jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft lagen.

In seinem Gedächtnis regte sich etwas und ihm fiel ein, dass er bei seinen langen Studien über Ena-Ank-ha und dessen speziellen Zustand, einen sehr alten Bericht entdeckt hatte.

Darin war berichtet worden, dass die Mumie auf keinen Fall mit frischem Menschenblut in Berührung kommen durfte.

Damals hatte er dem ganzen keine Bedeutung beigemessen.

Doch jetzt flammten die Worte vor seinem geistigen Auge auf.

Und wie bei einem Dominospiel der erste Stein den nächsten anstößt und umkippen lässt, so löste der erste Gedanke in Corbinius einen zweiten aus.

Valentins blutender Finger!

Er blickte erschrocken zu seinem Gehilfen, der sich von der Mumie fortbewegt hatte und noch immer an seinem Zeigefinger lutschte.

Valentin bemerkte den Blick des Professors und lächelte ihn in beinahe erschreckend unbekümmerter Weise an.

War es möglich, dass ... ?

Der Professor traute sich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, denn erneut erklang das dumpfe Grollen.

Erschrocken richtete Corbinius seinen Blick auf die Mumie und sah seine Befürchtungen bestätigt.

Denn es war genau der Moment, in dem Ena-Ank-ha sich zu bewegen begann.

***

Noch haben sie den vollen Spaß,

erleben ein Abenteuer;

doch bald schon geht es übers Maß,

und ist ihnen nicht geheuer!

„Ist das nicht richtig klasse unheimlich?“, fragte Max zufrieden, während er mit seinem Freund durch den kleinen Forst tollte.

„Äh ... klar. Richtig geil“, antwortete Ralf und versuchte, die Unsicherheit in seiner Stimme zu verbergen.

„Du hast doch wohl keinen Schiss, oder?“

Ralf blieb stehen und stemmte die Hände in die Seiten.

Er war ein gutes Stück größer als sein Freund und hatte ihm schon mehr als einmal eine reingehauen.

„Ich würde mein Maul an deiner Stelle nicht zu weit aufreißen, klar? Es könnte jemand auf die Idee kommen, seine Faust drauf zu hauen.“

Ehe sich aus dieser Erwiderung ein hässlicher Streit entwickeln konnte, durchbrach eine kräftige Männerstimme die Dunkelheit.

„RALF ... MAX? WO SEID IHR?“

Die beiden Jungs zuckten zusammen.

„Scheiße, das ist der Weihnachtsmann von vorhin. Der sucht uns!“

„Dann nichts wie weg. Ich hab’ keine Lust, von dem eine gelangt zu bekommen.“

Gegen Ralfs Vorschlag war nichts einzuwenden und so liefen die beiden weiter.

Sie entfernten sich immer mehr vom Grundstück des Kindergartens und rannten dorthin, wo ein komisches dreigeschossiges Haus stand, das ihnen – als sie selber noch in den Kindergarten gegangen waren – gehörig Angst eingejagt hatte.

Sie hatten sich damals weggeschlichen und hatten durch einige der Fenster des Hauses gespäht.

Und sie waren erschrocken, denn in den Räumen hatten sie viele merkwürdige Statuen und Bilder entdeckt, die wirklich gruselig gewesen waren.

Sie waren damals schnellstens verschwunden und hatten niemandem davon berichtet.

Während sie nun weiterliefen, erinnerte sich Ralf wieder an damals und wurde etwas langsamer.

„Was’n?“, wollte Max wissen, als ihm auffiel, dass sein Freund zurückfiel.

„Na ... da geht’s doch zu diesem komischen Haus mit diesen ... Sachen, oder?“, fragte er bekümmert.

Max schien sich in diesem Moment auch daran zu erinnern, denn er machte ein betroffenes Gesicht und wurde auch langsamer.

„Richtig!“

Unschlüssig blickten sie dorthin, wo das Haus lag, vor dem sie sich fürchteten, und beinahe hätte ein Beobachter den Eindruck gewinnen können, sie wollten umdrehen.

„MAX, RALF ...“, ertönte es mit einem Mal wie ein Donnerschlag und die Jungen erschraken.

„Wir ... wir rennen einfach am Haus vorbei auf die Straße und laufen von da aus zurück zum Kindergarten, ja?“

Max’ Vorschlag hörte sich sehr gut an und so nickte Ralf schnell.

Beide wollten nicht auf den Rufer treffen, denn der hätte vielleicht Schlimmes mit ihnen gemacht.

Aber zurück zum Kindergarten mussten sie.

Der Schabernack, den sie getrieben hatten, war nun zu Ende und es wurde Zeit zurückzukehren.

Außerdem war ihnen kalt.

Und dann gab es da noch etwas, was sie zurücktrieb, was sie aber niemals zugegeben hätten.

Sie hatten Angst!

***

Santa Hinnerk und sein Knecht,

eilen durch den dunklen Wald;

ihnen ist bald alles recht,

um zu finden die Jungen bald!

Obwohl die „Besenfackel“ eine ausreichende Sicht ermöglichte, war es Sabrina Funke nicht möglich, die Jungs ausfindig zu machen.

Sie hatte sich etwas von Hinnerk entfernt, damit die Chancen erhöht wurden.

Aber der Plan funktionierte nicht. Von Max und Ralf war kein Härchen zu entdecken.

„Wo stecken diese beiden kleinen Mistvögel nur?“, zischte Sabrina.

Plötzlich sah sie eine imposante Erscheinung.

Es war Hinnerk!

Lührs stand reglos da und sein Blick war scheinbar ins Nichts gerichtet.

Besorgt lief sie zu ihm.

„Hinnerk?“

Er reagierte nicht!

„Juhu, Erde an Hinnerk: Alles in Ordnung?“

Der Hüne blinzelte und starrte Sabrina verwundert an, als habe er nicht damit gerechnet, sie hier zu treffen.

„Geht’s dir gut? Alles klar?“

Hinnerk nickte stumm, doch sein Blick wanderte wieder in dieselbe Richtung.

„Hast du die Jungs irgendwie ... orten können?“

Sabrina wusste einfach nicht, wie sie es anders formulieren sollte.

„Nein, aber dafür bin ich mir sicher, dass hier irgendwas nicht stimmt.“

Diese Antwort war aus Sabrinas Sicht eine gewaltige Untertreibung.

„Hallo? Wir strolchen hier durch einen finsteren Wald und suchen zwei anerkannte Nervensägen, die einfach abgehauen sind. Natürlich stimmt hier was nicht. Ich schätze, die beiden belauschen uns in diesem Moment und lachen sich eins.“

Hinnerks Kopfschütteln fiel sehr energisch aus.

„Nein, es ist was anderes. In dieser Richtung ...“, er deutete nach vorne, „... geht etwas vor sich. Ich spüre es deutlich, kann aber nicht sagen, was es ist. Ich fürchte, die beiden Jungen geraten da in echte Schwierigkeiten.“

„Aus denen wir sie rausholen müssen, wie?“

Sabrinas Frage war selbstverständlich nicht ernst gemeint, denn schon wegen Natalie und eventueller Schwierigkeiten, in die sie geraten konnte, war es klar, dass sie den beiden Rackern weiterfolgten.

„Na, dann lass uns mal weitersuchen. Wenn wir uns bewegen, erzeugen wir wenigstens die Illusion von Wärme und phantasieren, dass wir nicht frieren.“

Hinnerk sagte nichts dazu.

Er lief los und Sabrina fiel es schwer, zu ihm aufzuschließen.

***

Ihr ahnt es vielleicht! Ihr denkt es Euch schon!

Es wandelt sich des Bösen List!

Und zwar gegen die eigne Person.

Was nicht weiter verwunderlich ist!

Die Erkenntnis, was Valentins Blut bei Ena-Ank-ha anrichten würde, war gerade durch die Gehirnwindungen des Professors gerasselt, als die Mumie sich zu bewegen begann.

Dabei kehrte das Leben nicht etwa langsam und bedächtig in ihre Gliedmaßen zurück sondern blitzartig.

Mit beängstigender Geschmeidigkeit wuchtete sich Ena-Ank-ha vorwärts aus dem Halt der Metallklammern und landete mit einem durchdringenden Laut direkt vor Corbinius.

Der Professor wich zurück. Er verschaffte sich damit keinen wirklichen Sicherheitsabstand zur Mumie.

Ena-Ank-has zusammengesunkene Augäpfel füllten sich jäh mit grünlichem Leuchten und im nächsten Moment stieß er eigentümliche Laute aus.

Altägyptisch, durchzuckte es den Professor.

Er wunderte sich darüber, dass die Mumie überhaupt sprechen konnte, denn ihre Kiefer bewegten sich nicht.

Von den höchstwahrscheinlich eingetrockneten Stimmbändern einmal abgesehen!

Die Laute waren durchzogen von Aggressivität und drangen mit weiterem unverständlichen Kauderwelsch aus dem Mund des Monsters, wobei sie immer lauter wurden.

Gleichzeitig sah sich die Mumie um und letztlich starrte sie Corbinius direkt an.

Der Professor keuchte entsetzt.

Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er sich hier nicht mehr herauswinden konnte.

Er hatte Ena-Ank-ha mittels alter Formeln erwecken wollen, so dass sich die Mumie unter seiner Kontrolle befand, doch aufgrund Valentins Dummheit waren all diese Pläne zunichte gemacht worden.

Gerade als er an seinen debilen Gehilfen dachte, ertönten hinter dem Professor rasch aufeinanderfolgende Geräusche, die ihn aus der Erstarrung rissen.

Er blickte zurück und sah, wie Valentin schnaubend aus dem Raum rannte und sein Heil in eiliger Flucht suchte.

Zumindest dieses Mal hatte er eine gute Idee, dachte Corbinius, wirbelt um seine eigene Achse und tat es seinem Gehilfen gleich.

Die Mumie verweilte noch einen kurzen Moment und blickte den beiden Flüchtenden nach.

Fast schien es so, als beobachte sie die Männer belustigt.

Dann aber gab es kein Halten mehr für sie:

Mit weiten, kraftvollen Sätzen nahm sie die Verfolgung auf und hetzte aus dem Raum.

***

Der Weg führt zu dem Haus,

das seltsam ist und alt!

Es erfüllt die Jungs mit Graus,

doch heimwärts woll’n sie bald!

Max und Ralf hatten das Grundstück, auf dem das komische Haus stand, sehr schnell erreicht, denn sie hatten die Strecke im Dauerlauf zurückgelegt.

Ständig hatten sie sich umgeschaut, ob dieser eigenartige Weihnachtsmann hinter ihnen her war, doch sie hatten ihn weder gesehen noch gehört.

Etwas außer Atem kämpften sich die beiden Jungs durch ein Geflecht aus sperrigen Ästen und ließen dann den Forst endgültig hinter sich.

„Wir müssen rechts am Haus vorbei, so kommen wir zur Straße“, keuchte Max.

„Weiß ich doch“, entgegnete Ralf genervt.

„In die Richtung liegt auch der alte Weiher.“

Die ganze Idee, bei der Weihnachtsparty im Kindergarten nicht mitzumachen und einfach auszurücken, missfiel ihm immer mehr und er schwor sich, nie wieder einen solchen Blödsinn anzustellen.

Immerhin hätten er und Max jetzt in einem warmen Raum sitzen können, um sich mit Kuchen voll zu stopfen und heißen Kakao zu trinken.

Selbst mit den kleinen Kindern zu spielen war besser, als hier bei diesem merkwürdigen Haus herumzurennen, und von einem Angst einflößenden Weihnachtsmann verfolgt zu werden.

Dass Max in diesem Moment ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen, wusste Ralf natürlich nicht, aber genauso war es.

Die beiden hatten den Weg eingeschlagen, der an der rechten Seite des riesigen Gebäudes vorbeiführte, und stapften im Laufschritt über den hart gefrorenen Boden.

Die Sorge vor ihrem Verfolger und das Unwohlsein, sich in der Nähe dieses Hauses zu befinden, beflügelten die beiden Jungs.

„Nicht mehr weit ...“, drang es atemlos aus Max hervor.

Ralf kam zu keiner Erwiderung, denn plötzlich geschah es...

***

Es erscheint mit lautem Knall,

ein Wesen bräunlich matt.

Und versucht nun überall,

zu machen Menschen platt!

Im ersten Stock zerplatzte jäh eine Fensterscheibe.

Splitter regneten zu Boden und reflektierten das schwache Licht der entfernt stehenden Laternen.

Die zwei Freunde blieben wie angewurzelt stehen und starrten verdutzt nach oben.

Etwas Dunkles krachte vor ihnen auf den Boden, sprang wieder ein paar Zentimeter empor und blieb dann, keine zwei Meter von ihnen entfernt liegen.

Es handelte sich um eine steinerne Grabplatte aus dem alten Ägypten.

Auch wenn Max und Ralf das nicht wussten, war ihnen trotzdem klar, dass solche Gegenstände nicht einfach von selbst durch die Gegend flogen.

Jemand musste das Ding geworfen haben!

Und so war es auch.

Der Werfer katapultierte sich nun durch die Öffnung im zerstörten Fenster und sauste ebenfalls dem Erdboden entgegen.

Er landete dicht neben der Platte, knickte dabei unglücklich um und fiel der Länge nach hin.

Noch im selben Atemzug war er aber wieder auf den Beinen und rannte los. Dabei schlug er jedoch die falsche Richtung ein.

Er machte drei schnelle Spurtschritte und krachte voll gegen die Wand des Hauses.

„Mist, verdammter“, fluchte die Gestalt, als sie erneut zu Boden ging.

Max und Ralf starrten mit weit geöffneten Mündern auf den kahlköpfigen Mann, der sich ungelenk auf die Beine kämpfte und zu humpeln begann, und sie erschraken beinahe zu Tode, als plötzlich jemand weiteres auf der Bildfläche erschien:

Es war noch ein Mann, der nicht viel eleganter auf dem Boden aufkam, sich ungeschickt abrollte und dann ächzend aufstand.

„Valentin? Wo sind ...?“

Weiter kam der Zweite nicht, denn jetzt sauste ein dritter Körper in die Tiefe.

Genau wie die beiden ersten, sprang auch er durch das zerstörte Fenster und kam vor den beiden Jungen auf, doch er wirkte dabei viel geschmeidiger.

Die Erscheinung war dürr und wirkte sehr dunkel.

Sie stand mit dem Rücken zu Max und Ralf und musterte die beiden Männer, die vor Angst schlotternd zurückwichen.

Max und Ralf wunderten sich über das, was da geschehen war, und sie fragten sich, warum die beiden Männer Angst vor dem dritten hatten.

Plötzlich ging ein Ruck durch den dritten Ankömmling. Gerade so, als würde er einen besonders intensiven Geruch wahrnehmen oder ein Geräusch hören, das ihn alarmierte.

Der klapperdürre Mann drehte sich mit einem Ruck zu ihnen herum, und trotz des schlechten Lichts konnten sie sein Gesicht erkennen.

Es war kein Mann!

Es war ... ein Monster.

Grünes Leuchten glühte aus den Augen der schrecklichen Gestalt und gleichzeitig hörten sie einen grummelnden Schrei, der ihnen entgegenbrandete.

Nun konnten die beiden Jungs den Männern nachfühlen, und sogar mehr noch.

Sie selber spürten, wie Todesangst ihre kleinen Herzen mit eisigem Griff zu umklammern schien, und fast gleichzeitig brach das aus ihnen heraus, was sie schon lange zurückhielten.

Sie schrien gellend auf.

Professor Corbinius beobachtete das Geschehen und eine besonders widerliche Form von Freude stahl sich in seine finstere Seele.

Jene Freude nämlich, wenn jemand anderes unter dem zu leiden hatte, was einem selber hätte widerfahren sollen.

Und in diesem Fall würden diese zwei Jungs diejenigen sein, die für den Fehler des Professors büßen mussten.

***

Es eilen die Retter schnell herbei,

mit weiten, kräftgen Sätzen.

Ihr eignes Heil ist einerlei,

sie tun sich mächtig hetzen!

Hinnerk war schneller, als man es einem Mann von seiner Statur zugetraut hätte.

Sabrina hatte Mühe, an ihm dranzubleiben, und zwei Mal stolperte sie, wobei sie jedes Mal fast der Länge nach hinschlug.

Endlich erreichten sie den Bereich, an dem der Forst endete und die Sicht besser wurde, weil etwas Laternenlicht bis hierher vordrang.

Hinnerk war stehen geblieben und schwer atmend stoppte Sabrina neben ihm.

„Was ist das für ein Gebäude?“

Sabrina kämpfte gegen die Seitenstiche und konnte zunächst nicht antworten.

„Keine ... Ahnung ... irgend ... ein ... Institut ... glaube ... ich ...“, presste sie hervor.

Hinnerk genügte diese Antwort wohl, denn er fragte nicht weiter nach.

Stattdessen vernahmen die beiden ein Klirren.

„Klingt nach einer Scheibe“, brummte der verkappte Weihnachtsmann.

„Ich glaube, das Geräusch kam von dort“, sagte Sabrina und deutete zur rechten Seite des Gebäudes. Eine Sekunde später erklang ein brutales Grollen, das Furcht erregend durch die Dunkelheit schallte.

„Mein Gott, was ist da bloß ...“

Die gellenden Kinderschreie, die jetzt ertönten, unterbrachen ihre Worte.

Sie rannten los.

Von den Seitenstichen spürte Sabrina in diesem Augenblick nichts mehr.

***

Gewissen regt sich tief in der Brust,

und Mut erweckt die Glieder!

Er wirft sich, erfüllt von Kampfeslust,

nach vorn und’s Monster nieder.

„Kommen Sie, Valentin. Soll sich die Mumie an den beiden Kleinen satt fressen. Wir verschwinden!“

Corbinius wollte seinen Gehilfen mit sich ziehen, doch mit einer unwirschen Bewegung schüttelte Valentin die Hand des Professors ab.

„Was soll das? VALENTIN!“

„Verschwinden Sie ruhig. Ich werde den Jungen helfen“, knurrte Valentin und wollte gleich Nägel mit Köpfen machen.

Die Mumie hatte sich den Jungen bis auf zwei Schritte genähert und ihre dünnen Arme drohend ausgestreckt.

Schlanke, spitz zulaufende Finger spreizten sich ab und es war wohl nur noch eine Frage von wenigen Sekunden, ehe Ena-Ank-ha zupackte und die Jungs ...

Mit einem Mal war Valentin zur Stelle und sprang die Mumie von hinten an.

Wirklichen schaden konnte er ihr damit nicht, aber die widerliche Gestalt wurde in ihrem Tun unterbrochen und wandte irritiert den Kopf.

Der rechte Arm Valentins umschlang die Kehle Ena-Ank-has und mit der anderen stülpte er einen Mantelschoß über ihren Kopf. Gleichzeitig wanden sich die kurzen Beine des Mannes um deren Leibesmitte.

„Lauft ... Schnell ...“, rief Valentin den Jungen zu.

Sie regten sich nicht.

„SCHNELL!“

Beim zweiten Ruf reagierten Max und Ralf endlich, drehten sich herum und rannten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, doch sie kamen nur ein paar Schritte weit, denn plötzlich sahen sie den massigen Weihnachtsmann und seinen Knecht auf sich zu hetzen.

„Scheiße, ich stell nie wieder etwas an ...“, entfuhr es Ralf.

***

Der Kampf, der tobt ununterbrochen

im Dunkeln dieser Nacht!

Die Luft fängt fast an zu kochen,

erfüllt von großer Macht!

„Sabrina, die Jungs“, rief Hinnerk lediglich und setzte an den beiden vorbei.

Sabrina verstand ohne lange Erklärungen, griff sich diese und zog sie mit um die Ecke.

Während sie Max und Ralf ermahnte, in Deckung zu bleiben und auf sie zu warten, erreichte Hinnerk ein wankendes Knäuel aus zwei Leibern:

Ein Mann, der sich an einer wahren Schreckensgestalt festklammerte.

Offensichtlich hatte das Eingreifen des Fremden den Jungen geholfen, und Hinnerk war fest entschlossen, seinen Beitrag zu leisten, damit diese Aktion nicht umsonst war.

Er spürte beinahe körperlich, welch finstere Macht von dem ausgetrockneten Gebilde ausging, das jetzt aber immense Kraft bewies. Mit einem Ruck riss sich die Erscheinung den kleinen Mann von der Schulter und hob ihn mühelos in die Höhe.

Zwischen Hinnerks Fingern knisterten bereits einige blaue Funken, die gefährliche Blitze hätten werden sollen, doch es kam anders.

Die Mumie – oder was es war – wirbelte herum, erkannte offensichtlich die Gefahr, die von Hinnerk ausging, und schleuderte den Mann, der quietschende Laute ausstieß, von sich.

Direkt auf Hinnerk zu!

Der bärtige Hüne kam nicht dazu zu reagieren. Zudem traute er sich nicht, seine Blitze abzufeuern, weil er damit riskiert hätte, den Mann zu verletzen. Er zögerte zu lange und wurde dadurch frontal erwischt.

Das Gewicht des Fremden - in Verbindung mit der Wucht, die hinter dem Wurf saß - riss Hinnerk von den Füßen.

Er krachte mit dem Hinterkopf gegen die Wand des Gebäudes und hörte im selben Moment die Englein singen.

Stöhnend ging Hinnerk zu Boden und fühlte undeutlich das nicht unbeträchtliche Gewicht des Fremden, das ihn zusätzlich festnagelte.

Ena-Ank-ha stapfte auf die beiden angeschlagenen Männer zu. Wieder drangen grollende Laute einer längst vergangenen Sprache aus seiner Kehle.

***

Er wollte, nein, er musste töten, denn der Fluch, der auf ihm lastete und den er einem verfeindeten Magier zu verdanken hatte, zwang ihn dazu.

Nur wenn er Blut vergoss, konnte seine eigene Seele Ruhe finden.

Er würde dieses Mal sehr viel Blut vergießen müssen, ehe diese Ruhe eintrat.

Die beiden Kinder vorhin wären ihm lieber gewesen, doch Ena-Ank-ha konnte nicht wählerisch sein.

Jetzt hatte er die beiden Männer fast erreicht, von denen einer – der Bärtige – ein leises Stöhnen ausstieß.

Gleich ... gleich war es soweit und ...

Brennender Schmerz schoss durch den untoten Leib Ena-Ank-has und ließ ihn taumeln.

Die Mumie wandte sich um und nun fuhr blauweiße Pein durch sein Gesicht.

***

Sabrina Funke schwang den Reisigbesen herum und rammte ihn erneut vor, wie eine Lanze.

Das blauweiße Leuchten, das Hinnerk ihm vorhin verpasst hatte, spendete nicht nur Licht, sondern hatte ihn noch magisch aufgeladen, und die zwei, drei Streiche, die Sabrina der Mumie versetzte, machten ihr sichtlich zu schaffen.

Ena-Ank-ha stieß ein gurgelndes Geräusch aus und wich vor dem glühenden Besen zurück.

Die Kraft Hinnerks war deutlich schwächer geworden, doch Sabrina setzte unbeirrt nach.

Sie musste Hinnerk die Zeit verschaffen, wieder auf die Beine zu kommen.

Wieder fuhren die Reisigzweige knisternd durch das Gesicht der Mumie, die jetzt einen abgehackten Schrei ausstieß.

Gleichzeitig wirbelten die Arme Ena-Ank-has durch die Luft und sausten gefährlich nahe an der jungen, beherzten Frau vorbei.

Sabrina musste zurückweichen.

Ein untrügerischer Instinkt verriet ihr, dass es nicht ratsam war, sich von der Mumie berühren zu lassen.

Als wäre dieses ungute Gefühl nicht allein schon genug, so erkannte sie, dass die Magie im Reisig kaum noch vorhanden war.

Die Kraft stand kurz vor dem Erlöschen.

Trotzdem ließ Sabrina nicht nach und riskierte einen weiteren Angriff.

Sie duckte sich unter einem kräftig geführten Schwinger der Mumie hindurch und rammte den Besen genau in das bandagierte Antlitz des Gegners.

Dieses Mal entlud sich die Energie knisternd in die Augen Ena-Ank-has, was ihm einen weiteren Schmerzensschrei entlockte.

Das grüne Leuchten der Augen wurde schwächer, während das Glühen der Rute vollkommen erlosch.

Sabrina keuchte auf, als sie das bemerkte, sprang zurück, um einem weiteren Schlag zu entgehen.

Aber diese Sorge war unbegründet, da Ena-Ank-ha taumelnd das Weite suchte.

Die Mumie schlug, wohl eher zufällig, den Weg in Richtung Weiher ein.

„Hölp mi mol op, Deern“, hörte Sabrina in diesem Augenblick hinter sich.

Hinnerk reckte seinen rechten Arm in die Höhe. Sie half ihm auf die Beine, was in Anbetracht der überschüssigen Pfunde des Hünen eine echte Plackerei war.

Die Mumie war mittlerweile zwischen einigen Büschen verschwunden, die das Ufer des Weihers säumten.

„Wir müssen hinterher“, drängte Sabrina und wollte losstürzen, doch Hinnerks Pranke legte sich schwer auf ihre Schulter.

„Recht hest du! Ober to erst ...“

Er beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Veelen Dank, Seuten. Hest du god mogt!“

Er grinste die verdutzte Sabrina an. Die vergaß sogar kurz die Situation, in der sie sich befanden, doch dann gewann die Realität wieder Oberhand.

Hinnerk war in den Sekunden, in denen sie erstaunt stehen geblieben war, einfach losgelaufen.

„Er kann es einfach nicht lassen“, brummte sie und eilte ihm hinterher.

***

Einsam, und auch fast verloren,

flieht der Böse weit hinaus!

Von der Mumie auserkoren,

ist es somit für ihn aus?

Professor Corbinius hatte völlig den Kopf und die Orientierung verloren.

Er war, nachdem Valentin den Helden in sich entdeckt hatte, einfach davon gestürzt und hatte ihn seinem Schicksal überlassen.

Anstatt den Weg zur Straße einzuschlagen war er auf das Nachbargrundstück geeilt, hatte einige dichte Büsche durchbrochen und war dann auf einer Eisfläche ausgerutscht.

Er hing für einen Sekundenbruchteil ohne jeden Bodenkontakt in der Luft und krachte dann auf die gefrorene, harte Oberfläche des Weihers.

Blitze und Sterne flammten vor den Augen des Professors auf, als er mit dem Hinterkopf aufschlug und sogar für einige Sekunden das Bewusstsein verlor.

Er erwachte jedoch schnell durch sein eigenes Stöhnen und öffnete benommen die Augen.

Er starrte dem dunklen, sternenlosen Himmel entgegen und heftige Schmerzwellen schwappten, ausgehend von der Kollisionsstelle am Hinterkopf, durch seinen Schädel.

Dieser bekloppte Valentin muss mich mit seinem Unglück angesteckt haben, war Corbinius’ erster Gedanke.

Sein zweiter war, dass er schnellstens auf die Beine kommen musste, denn immerhin schlich Ena-Ank-ha hier irgendwo in der Gegend herum.

Er drehte sich auf den Bauch und registrierte unbewusst Laute, die auf einen Kampf schließen ließen.

Sollte es Valentin gelungen sein, sich der Mumie zu erwehren?

Das hätte den Professor sehr gewundert.

Es war mühselig, auf die Beine zu kommen, und Corbinius bewegte sich dabei so langsam, als wäre er die Hauptfigur in einem Film, der in Zeitlupe ablief.

Er wollte auf gar keinen Fall riskieren, noch einmal hinzufallen und sich den Kopf erneut zu stoßen. 

Das hätte durchaus böse enden können.

Die Kampflaute wurden von zwei Schreien durchzogen. Dann wurde es still.

Er musste weg, zur Straße und dann mit dem Wagen abhauen, solange es noch ging.

Seinen Traum, den Goldschatz Ena-Ank-has zu finden, musste er wohl oder übel aufgeben, aber vielleicht ergab sich irgendwann eine andere Chance auf einen ebenso wertvollen Fund. Auch wenn ihn dies wieder viele Jahre seines Lebens kosten würde.

Die Überlegungen des Professors wurden unterbrochen, als er dumpfe Schritte hörte, die lauter wurden.

Im nächsten Moment wurden die Büsche auseinander gerissen und Ena-Ank-ha erschien.

„Oh, nein“, entfuhr es dem Professor, dann hetzte auch schon die Mumie direkt auf ihn zu.

Er schloss mit seinem Leben ab.

***

Sein Leben hängt am Faden.

Am zierlich, dünnen, feinen.

Bald fressen ihn die Maden,

das könnte man wohl meinen!

Es lagen etwa zwanzig Meter zwischen Ena-Ank-ha und Corbinius.

Die Mumie hatte bereits drei Viertel davon zurückgelegt, als eine weitere Gestalt erschien. Die war jedoch viel ungewöhnlicher als das Monster, das direkt auf ihn zuhielt:

Es war der Weihnachtsmann!

Irgendetwas im Geist des Professors machte ‚Klick’ und er bemühte sich gar nicht mehr, verstehen zu wollen, was da eigentlich ablief.

Er beobachtete nur, wie die Mumie mit kraftvollen Sätzen lief und ihre langen, dürren Arme in seine Richtung ausstreckte.

Es kümmerte ihn nicht mehr, dass hinter dem Weihnachtsmann nun eine dunkelgekleidete Gestalt – offensichtlich Knecht Ruprecht, denn er hielt eine Rute oder einen Besen in seinen Händen – erschien und seinem „Chef“ hinterher eilte.

Corbinius empfand nicht wirklich Angst, dass die Mumie ihn gleich erreichen und wahrscheinlich auch töten würde.

Auch der Umstand, dass blaue Bündel von Blitzen aus den Fingerspitzen des Weihnachtsmannes rasten, Ena-Ank-ha einholten und in seinen ausgetrockneten Leib fuhren, nötigte Corbinius kaum mehr als ein kurzes Heben der Augenbrauen ab.

Nein, nein ... sein Verstand hatte sich verabschiedet und in die hinterste Ecke des ohnehin labilen Geistes verkrochen.

Und es war mehr als fraglich, ob er von dort jemals wieder zurückkehren würde...

***

Die Blitzeskraft verzehrt und wütet,

so ist es denn wohl auch gedacht!

Des Bösen Leben wird behütet,

und Gutes ist somit vollbracht!

Die Blitze knisterten ununterbrochen in den Leib der Mumie und lösten grelle Schreie aus.

Hinnerk ließ nicht locker.

Sein Schädel tat immer noch weh, aber der Anblick des Monsters, das über diesen Mann hatte herfallen wollen, mobilisierte seine Kraftreserven gehörig.

Die Mumie wand sich inmitten der Blitze und verlor binnen weniger Sekunden mehr und mehr an Substanz, bis zu guter Letzt nur noch körniger Staub aufs Eis rieselte und sich dort ungleichmäßig verteilte.

Die Blitze erloschen und Hinnerk wankte einen Moment lang bedenklich.

Sabrina trat hinter ihn, um ihm Halt zu geben.

„Danke, mien Leeve“, meinte er nur, und seine Stimme klang bedenklich ausgezehrter als sonst.

„Wozu hat der Weihnachtsmann denn einen Knecht, he?“, erwiderte sie nur.

Sie blickten zur Stelle, an der eben noch die mörderische Mumie zu sehen gewesen war.

Jetzt hockte da lediglich ein Mann in mittleren Jahren, der leise Summlaute von sich gab und sich dabei so bewegte, als wolle er ein Baby in den Schlaf wiegen.

***

Nun gilt es alles aufzuräumen,

die Trümmer werden fortgeschafft.

Lasst die Guten jetzt ruhig träumen,

denn mächtig sind sie abgeschlafft!

Das Kapitel der Mumienjagd war noch nicht ganz abgeschlossen.

Sabrina nahm sich der beiden Jungs an und begleitete sie zum Kindergarten. Ebenso den verletzten Mann, der sie gerettet oder es doch zumindest heroisch versucht hatte.

Hinnerk folgte etwas langsamer mit dem summenden Mann.

Die Weihnachtsfeier war voll am laufen, denn sie alle konnten unentdeckt in Natalies Büro schleichen, von wo aus Hinnerk die Polizei anrief.

Diese erschien auch schon bald und man suchte gemeinsam das Völkerkunde-Institut auf, aus dem die Mumie wohl stammte.

Ein Wachmann wurde gefesselt aufgefunden. Gerade eben aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht, berichtete er vom Überfall.

Ganz allmählich füllten sich die Lücken in der Geschichte und der Verletzte, der die beiden Jungs todesmutig verteidigt hatte, offenbarte sich als einer der Einbrecher, und gestand seine Missetat ohne Zögern.

Er wurde verhaftet, doch Hinnerk versprach, dass seine gute Tat nicht ohne Belohnung bleiben würde.

Am nächsten Tag würde sich ein guter Anwalt um alles Weitere kümmern.

Corbinius landete noch vor Ablauf der nächsten Stunde in einer Spezialklinik. Tage später stand fest, dass er dort wohl den Rest seiner Tage in jenem desolaten Zustand verbringen würde.

Nach und nach wurde sein Summen deutlicher und man konnte verstehen, was er da von sich gab.

Es waren Weihnachtslieder!

Max und Ralf brauchten nicht gescholten zu werden, denn dieses Erlebnis hatte sie gewissermaßen „geläutert“ und sie versprachen, in Zukunft artige Jungs zu sein.

Was man davon halten konnte, würde sich im Laufe der Zeit zeigen.

Hinnerk und Sabrina regelten alle notwendigen Dinge mit den Polizisten, wobei der Hüne seinen Einfluss als Ordensmeister geltend machen konnte und ein paar Telefonate an die richtigen Stellen bewirkten, dass die Beamten schon bald wieder abzogen.

„So, nu hebt wi dat“, meinte Hinnerk und wirkte dabei ein klein wenig erschöpft.

Sabrina Funke schüttelte den Kopf.

„Noch ist es nicht ganz ausgestanden, mein Lieber!“

Irritiert hob Hinnerk seine weiß gefärbten Augenbrauen.

„Wie meenst du dat?“

Sie deutete mit dem Daumen über ihre linke Schulter.

„In dem großen Raum da hinten sitzen knapp vierzig Kinder, und die warten immer noch auf den Weihnachtsmann.“

Hinnerk begriff!

„Du willst doch nicht etwa ...“

Sabrinas Nicken unterbrach seinen verzweifelten Versuch, einen einigermaßen gescheiten Satz zu bilden:

„Aber ick heff grod noch een Mumie zerbröselt ...“

Jetzt schüttelte Sabrina bestimmend den Kopf.

Keine Chance für Hinnerk!

Er seufzte, ergab sich dann in sein unausweichliches Schicksal und trat dem tapfer entgegen. Gegen Sabrina hatte er keine Chance!

Die beiden holten den vollen Sack mit den Geschenken und stapften dann zum Haupteingang des Kindergartens, an dem sie anschließend die Glocken bimmeln ließen, um auf ihre Ankunft aufmerksam zu machen.

Es dauerte nur wenige Sekunden, da quoll ihnen eine Kinderschar entgegen und zahlreiche Augenpaare begannen voller Erwartungen zu leuchten.

„DER WEIHNACHTSMANN ... DER WEIHNACHTSMANN IST DA ...“, ertönte es aus der wogenden Menge vor ihnen und dann wurde es kurz still.

Niemand sagte etwas. Alle Augen waren auf den Weihnachtsmann und seinen Knecht gerichtet.

Fast schien es, als könne Santa Claus sich nicht entsinnen, was als nächstes zu tun war, doch dann stieß der Ellenbogen Ruprechts ungesehen gegen die seine Rippen.

Ein leises Seufzen erklang und dann folgte ein tönendes:„HO HO HO!“

Ein letztes Wort an dieser Stelle,

sei dem Verfasser noch vermacht.

Ich wünsch Euch all’n, auf alle Fälle,

Na ratet’s: FROHE WEIHENACHT!!!

Herzlichst

Stefan “Lobo“ Albertsen

-ENDE-

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