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Der Prophet und der Einsame (Atlan)

LeseprobeDer Prophet und der Einsame

"Bei allen Göttern, Notredame, hat er vor, mich umzubringen?"

Wutentbrannt sprang der König von seinem Thron auf und blickte mich strafend an, wobei er seine feisten Arme in die Hüften stemmte. 

 Zum ersten mal, seit mir die zweifelhafte Ehre zuteil geworden war, in die Dienste König Karl des Neunten zu treten, musste ich erleben, wie Bestürzung in seiner meist von absoluter Selbstbeherrschung geprägten Stimme mitschwang. Nicht einmal sein mir schon vertrauter Sarkasmus war herauszuhören.

"Mein König, Ihr wisst, dass mir nichts ferner liegt, als Euch zu dieser Behandlung zu zwingen", brachte ich mühsam hervor. "Ihr allein entscheidet, ob Ihr euch den Strapazen und Schmerzen aussetzen wollt. Doch vergesst nicht, dass es nur zu Eurem eigenen Wohlergehen geschieht."

"Ist er sicher, dass sich nicht zumindest der Schmerz  vermeiden ließe?" fragte der König ungeduldig, wobei er sich seufzend auf sein längst plattgesessenes Hinterteil zurücksinken ließ.

Wie jedes Mal, wenn ich den Thronsaal zu einer Routine - Untersuchung aufsuchte, vermied er es, mir direkt in die Augen zu sehen. Wenn er so dasaß und in die Luft starrte oder irgendeinen unbestimmten Punkt des riesigen Raumes fixierte, während er mit mir sprach, erweckte er zuweilen den Eindruck, als sei er blind oder als könnte er meinen Anblick nicht ertragen. Dabei  wusste ich natürlich, dass es in Wahrheit die schwere Bürde der Krone, aber auch seine ausgeprägte Eitelkeit waren, die einen längeren Blickkontakt nicht zuließen, gleichwohl ich am Hofe als Edelmann und Gast galt und nicht etwa wie ein Diener behandelt wurde.

 

"Ich fürchte, dass es dafür bereits zu spät ist, Majestät. Der Backenzahn oben links ist bereits seit Monaten krank und die Eiterbeulen, die sich in der Ruine des halb heraus gebrochenen Zahnes rechts unten gebildet haben, sind ein deutliches Zeichen für eine Entzündung, die auf den ganzen Körper übergreifen kann, wenn wir noch länger mit der Behandlung warten."

 

"Dann frage ich ihn, warum er nicht schon längst entsprechende Maßnahmen getroffen hat, bevor es überhaupt soweit kommen konnte. Er weiß doch selbst, dass ich mir ein schlechtes Gebiss bei den kommenden Festlichkeiten nicht leisten kann."

 

"Natürlich, Majestät."

 

"Dann unternehme er etwas, ohne groß an mir herum zu brechen. Er weiß, wie sehr ich Schmerzen verabscheue. Nach den Festlichkeiten darf er mir in Gottes Namen herausziehen, wonach ihm beliebt."

 

"Ich werde mein Bestes tun, Majestät."

 

Mit diesen Worten zog ich mich aus den kalten, ungemütlichen Gefilden Karl des Neunten zurück, und machte mich auf den Weg in meine privaten Gemächer, die sich im linken Außentrakt des Hofes, im Westflügel des Palastes befanden. Es handelte sich um einen über eine gewundene Steintreppe zu erreichenden, turmähnlichen Anbau von so imposanter Größe und Höhe, dass er neben den medizinischen Utensilien, die ich als Leibarzt des Königs benötigte, auch meinen astronomischen Gerätschaften ausreichend Platz bot. Zudem befand er sich weit genug vom zentralen Geschehen entfernt, um nicht auf jeden ungebetenen Besucher einladend zu wirken.

 

Seit einiger Zeit jedoch gab es am Hofe des Königs eine bestimmte Person, die - ganz im Gegenteil zu den neugierigen und schwatzhaften Bediensteten - meine Gefilde eher mied und mir tunlichst aus dem Wege zu gehen schien. Dieser etwa 35 Jahre alte Mann, an dem vor allem die schulterlange, weißblonde Haarpracht und die rötlichen, klugen Augen auffielen, hatte sich bei unserer ersten und bisher letzten Begegnung als der persönliche "Berater" des Königs vorgestellt und sich - trotz meiner allgemeinen Popularität und meines mancherorts zweifelhaften Rufes als Mediziner - keinen Deut um meine Person geschert.

 

Entweder wusste er also tatsächlich nicht, wer ich war, oder er wusste er es nur allzu gut, was noch beunruhigender wäre, hätte es doch bedeutet, dass ich es mit einem ernst zu nehmenden Rivalen am Hofe des Königs zu tun bekäme. Da meine Pläne von immenser Bedeutung waren, und auf keinen Fall durch störende Einflüsse behindert oder gar durchkreuzt werden durften, wäre eine Solche Situation äußerst prekär.

 

Darüber hinaus war ich bei unserer ersten Begegnung von einem Gefühl der Vertrautheit übermannt worden, welches ich seit Ewigkeiten nicht mehr empfunden hatte.

 

Ich war mir plötzlich sicher, diesen Mann, dieses Wesen zu kennen  Zumindest jedoch seine mehr als außergewöhnliche Herkunft. Dank meines beachtlichen Wissensschatzes und einer Lebenserfahrung, die weit über terranische Verhältnisse hinausreichte, konnte ich recht bald jeden Zweifel ausschließen. Zum ersten Mal, seit ich die Identität Michel de Notredames, des weisen Nostradamus angenommen hatte, war ich einem nichtirdischen Wesen begegnet. Einem Vertreter des weit entfernten Sternenreiches der Arkoniden...

 

Armand Dupardingés nannte er sich, doch ich war beim ersten Blick in seine unergründlichen Augen sicher, dass dies nicht sein richtiger oder gar nur einer von sehr vielen Namen war, mit denen er sich zu schmücken beliebte. Ich wusste, dass ich mich diesbezüglich auf mein Gefühl verlassen konnte. Und ich fragte mich: Was wollte er hier, am Hofe Karl des Neunten, was wollte er hier - auf dem dritten Planeten dieses noch so jungen, noch so unbedeutenden Sonnensystems?

 

War er hier, um meine Pläne zu vereiteln? Oder wusste er tatsächlich nicht um meine wahre Identität?

 

Eines zumindest stand fest: Für mein Unternehmen auf diesem Planeten konnte er eine akute Gefahr bedeuten. Er durfte nicht in eine Entwicklung einbrechen, die so immens wichtig war, wichtig für die gesamte Menschheit, in erster Linie jedoch für das Volk der Cynos.

 

 

 

Armand Dupardingés war trotz seiner höher gestellten Position am Hofe des Königs ein rechter Weiberheld, der sich ob mangelnder Zuwendung seitens der Hofdamen nicht zu beklagen brauchte.

 

Bei meinen allabendlichen Spaziergängen sah ich ihn oftmals mit den schönsten der Schönen in irgendwelchen Mauernischen herumlungern, wo er sich ganz und gar nicht so verhielt, als sei er tatsächlich ein Gesandter eines anderen Sternenreiches.

 

Ich tat stets so, als würde ich ihn nicht bemerken, er jedoch ließ keine Gelegenheit aus, mir rätselhafte Blicke zuzuwerfen, während die üppigen Schönen an seiner Seite mit den Lippen an seinem Hals klebten.

 

Dann - ausgerechnet an jenem Tag, da ich dem König zum wiederholten Male den Vorschlag einer subtilen, aber innovativen Neuerung unterbreiten wollte, begann Armand tatsächlich meine Pläne zu durchkreuzen. Pläne von langfristiger Wirkung, welche die Menschheit den Geheimnissen des Universums einen winzigen Schritt weiter bringen und den Schlüssel zu den Weiten des noch unerforschten Kosmos um ein ganzes Jahrhundert greifbarer werden lassen sollten. Auch wenn die Menschen der kommenden Jahrhunderte die Auswirkungen der scheinbar völlig unbedeutenden Hilfeleistungen nicht zu spüren bekommen würden, so war es doch unabdingbar, dass ich als Nostradamus diese Hilfestellung gab. Ebenso wie noch weitere Vertreter meines Volkes es an anderen Stellen des Planeten versuchten. Taten wir es nicht, nicht in diesem und nicht im nächsten Jahrhundert, so würde ein entscheidender kosmischer Ablauf nicht nur gebremst werden, sondern womöglich gar nicht stattfinden. Die Terraner aber sollten letztendlich maßgeblich am Ende der Karduuhlschen Schwarm - Herrschaft beteiligt sein. So stand es geschrieben, und damit dies zum richtigen Zeitpunkt geschah, weilte ich, Imago II, in meiner Eigenschaft als weiser Prophet auf Erden. Nur deshalb befasste ich mich von diesem scheinbar so winzigen, unbedeutenden Planeten aus mit den Sternen, nur deshalb lenkte ich die Geschicke der Menschheit in die richtigen Bahnen.

 

Armand Dupardingés jedoch schien in seiner Rolle als Berater des Königs ebenfalls ein ganz bestimmtes Ziel zu verfolgen. Und ich ahnte bereits, wie dieses Ziel aussah. Doch ich wollte es von ihm selbst erfahren. Ohne natürlich meine Identität preiszugeben, denn das hätte womöglich das Ende meiner Mission bedeutet.

 

 

 

Es war das erste mal, dass ein Mitglied der Königsriege unaufgefordert die Gemächer des Nostradamus betrat. Ich befand mich gerade im Einfluss einer kosmischen Eingebung, aus der ich einen meiner Vierzeiler zu formen beabsichtigte, welcher den König in seinen künftigen Entscheidungen positiv beeinflussen sollte, als ich spürte, dass ich nicht mehr allein im Raum war. Abrupt drehte ich mich in Richtung des nur von einem derben Fell verhangenen Eingangs um und sah mich der hochgewachsenen Gestalt Armand Dupardingés gegenüber, der mich ohne jede Scheu herausfordernd anblickte.

 

"Was maßt Ihr Euch an, wie ein dahergelaufener Dieb in mein Gemach einzudringen, Weißschopf?" empfing ich ihn verärgert. „Ist es dort, wo ihr herkommt üblich, unaufgefordert den Grund und Boden eines Fremden zu betreten?“

 

Wenn Armand Dupardingés eine gewisse Zweideutigkeit aus meinen Worten herausgehört hatte, so verstand er es meisterhaft, dies nicht zu zeigen. Stattdessen verbeugte er sich linkisch, ohne dabei sein süffisantes, gönnerhaftes Grinsen zu unterdrücken und zog in übertriebener Gestik seine Kappe, welche mit der meinen eine frappierende Ähnlichkeit aufwies.

 

"Ich wusste nicht, dass Ihr Besucher nur nach vorheriger Absprache empfangt, Notredame. Ich kam mit der Absicht her, einen Arzt zu konsultieren. Und das seid Ihr doch, oder  nicht?"

 

Ich musterte ihn abschätzend. "Angesichts der Zeit, die Ihr bereits innerhalb dieser Mauern zugebracht habt, müsstet Ihr eigentlich wissen, dass ich als persönlicher Leibarzt des Königs fungiere und außer ihm niemanden behandle.  

 

Wenn Euch also ein Wehwehchen hier hinaufgeführt hat, so muss ich Euch enttäuschen. Für das gemeine Personal bin ich nicht zuständig. Und nun lasst mich bitte allein, ich habe zu arbeiten."

 

"Wie unschwer zu erkennen ist, hat diese Arbeit jedoch weniger mit medizinischen Dingen zu tun", sagte Armand, wobei er, statt meiner Aufforderung nachzukommen, langsam auf mich zutrat, "als vielmehr mit den Sternen. Oder sollte ich mich da irren?"

 

"Ihr irrt höchstens, wenn Ihr denkt, dass Euch diese Tätigkeit etwas anginge. Ich muss Euch also nochmals auffordern, meine Räumlichkeiten zu verlassen, oder..."

 

"Oder... was? Wollen wir nicht aufhören, mit den Spielchen? Wir wissen doch beide, dass es hier um mehr geht, als um die Wahrung der Privatsphäre. Dass Eure Anwesenheit hier am Hofe weniger dem Wohle des Königs zugetan ist, als eher den eigenen Zwecken dient."

 

Ich kniff die Augen zusammen. So war das also. Der Arkonide - und dass es sich um einen solchen handelte, war mir nunmehr vollends klar - wollte bereits Stellung beziehen, wobei mir jedoch seine Ziele noch nicht ganz klar waren. Allerdings konnte er - trotz seiner im Vergleich zu den Terranern kosmischen Größe - nicht wissen, wer ich wirklich war. Ich dagegen war über ihn bereits im Bilde und ihm somit um einen entscheidenden Vorteil voraus. Herausfordernd blickte ich ihn an.

 

"Nun - dass meine Arbeit nicht allein dem Wohle eines Einzelnen dient, sollte jeder wissen, der meinen Namen kennt. Ich vermute jedoch, dass sich vielmehr hinter Eurem Tun rein eigennützige Absichten verbergen. Habe ich nicht recht?"

 

Der Weißschopf verschränkte die Arme vor der Brust. "Wenn Ihr mein Anliegen, dem König sowohl in menschlichen, als auch in politischen Belangen ein guter Berater zu sein als Egoismus bezeichnen wollt, bitte. Mehr jedoch liegt nicht in meiner Absicht. Ich habe allerdings den Verdacht, dass Eure... Behandlungen nichts weiter als Augenwischerei sind. Und - ganz offen gesagt, vermute ich auch, dass Euer wahres Ansinnen weit über die Mauern dieses Schlosses hinausreicht. Habe ich nicht womöglich recht, wenn ich behaupte, dass es sogar weit über die Grenzen dieses Sonnensystems hinausgeht?"

 

Nun waren die Fronten abgesteckt, aber ich verspürte dennoch nicht die geringste Lust, mich diesem Spion oder was immer er war, zu offenbaren. Zuviel stand auf dem Spiel. Wer waren schon die Arkoniden? Zumindest schloss mein Auftrag es aus, sie in dieser Phase der Vorbereitungen mit einzubeziehen. Und das konnte nur bedeuten, dass dieser streitsüchtige Weißschopf den großen Plan gefährdete, je weiter er mit seinen Mutmaßungen Fortschritt und je mehr er dazu bereit war, mich in meinem Tun zu stören.

 

"Es ist besser, wenn wir uns niemals wieder begegnen", sagte ich. "zumindest innerhalb der Mauern dieses Schlosses nicht."

 

"Das sehe ich genauso, und deshalb schlage ich vor, dass Ihr Euch möglichst bald zurückzieht und mir in meiner Rolle als Berater des Königs nicht länger Steine in den Weg legt."

 

"Ihr habt die Stirn, mich fortzuweisen?" fragte ich, mühsam meinen Zorn unterdrückend.

 

"Allerdings. Wir wissen es doch beide, dass Ihr nicht der seid, für den Euch jedermann hält, und ich könnte mir denken, dass wir die Einzigen sind, die über dieses Wissen verfügen. Sollte das nicht auch so bleiben?"

 

"Es wird so bleiben. Denn selbst wenn irgendjemand am Hofe oder darüber hinaus auch nur einen Hauch der  Wahrheit erfahren würde, so könnte er mit dieser Wahrheit nichts anfangen. Er würde sie nicht einmal begreifen können. Kein menschliches Wesen vermag das in dieser Zeit. Vermutlich nicht einmal ein Arkonide!" 

 

Damit hatte ich ihn geschockt. Zum ersten Mal konnte ich beobachten, wie der Hochmut und die Siegesgewissheit aus seinen Augen verschwanden und wie ein Anflug von Panik an ihre Stelle trat.

 

Doch nur für eine Sekunde. Dann hatte er sich wieder gefangen. "Ihr sprecht mit fremder Zunge, Notredame. Einen solchen Ausdruck habe ich nie zuvor gehört. Und selbst wenn Ihr mich damit tituliert. Mit dieser Bezeichnung wird der gemeine Pöbel ebenso wenig anfangen können, wie mit dem Wissen um Eure wahre Herkunft, wie auch immer sie aussehen mag."

 

Ich hob die Brauen. "Es ist zwecklos, auch nur zu versuchen, Nachforschungen in dieser Richtung anzustellen, glaubt mir. Zwecklos - und gefährlich. Und nun lasst mich allein. Ich habe zu arbeiten."

 

"Ich bleibe Euch auf den Fersen, Nostradamus. Also seht Euch vor und haltet Euch mit Euren Prophezeiungen zurück. Es kann nicht sein, dass Ihr die leichtgläubige Menschheit mit Euren billigen Tricks womöglich in ganz falsche Bahnen lenkt."

 

"Falsch für wen?" fragte ich den Arkoniden. "Für die Menschheit oder für Eure eigenen Ziele?"

 

Armand verzog das Gesicht und verließ meine Gemächer ohne ein weiteres Wort.

 

 

 

In der darauf folgenden Nacht fand ich nur wenig Schlaf. Im fahlen Licht des annähernd runden Mondes wälzte ich mich auf meinem einfachen Lager unruhig hin und her, gemartert von den absonderlichsten Träumen, wobei ich einen davon so lebhaft und detailliert erlebte, dass mir bereits im Unterbewusstsein seine Bedeutung klar wurde. Es konnte sich folglich nur um eine meiner nächtlichen Visionen handeln, sozusagen um das Rohmaterial einer Weissagung, welche sich mir zumeist im Traum offenbarten. Als ich schweißgebadet erwachte, machte ich mich deshalb sofort daran, das eben erlebte niederzuschreiben, nachdem ich die bleierne Müdigkeit, die mich in Morpheus´ Arme zurück zu zerren versuchte, mit einigen heftigen Kopfbewegungen abgeschüttelt hatte.

 

Ich war erschüttert, über das, was mir im Traum gezeigt worden war. Niemals zuvor hatte ich eine Vision wie diese erlebt. Nicht nur, dass sie sich nicht allein auf die Geschicke der Menschen um mich herum beschränkte, sondern in ihrer prophetischen Konsequenz von geradezu kosmischer Bedeutung war, so bestürzte sie mich vor allem deshalb, weil ihre Erfüllung - so ich denn keine Schritte einleiten würde, um das Schlimmste zu verhindern - unmittelbar auf mein eigenes Wirken in den Mauern dieses Schlossen zurückzuführen wäre!

 

Was ich gesehen hatte - oder was mir vielmehr irgendwo aus den Weiten des Kosmos vermittelt worden war, hätte den endgültigen Untergang meines Volkes bedeuten können; ausgelöst durch die Begegnung zwischen mir und dem Arkoniden Armand Dupardingés am Hofe Karl des Neunten!

 

Nun endlich wusste ich, was er wirklich vorhatte: Er wollte tatsächlich nichts weiter, als diesen Planeten auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Um dieses - im Vergleich zur Mission der Cynos - profane Ziel möglichst vor der nächsten Jahrtausendwende zu erreichen, hätte er alles versucht, den technischen Fortschritt der Erdenbewohner anzukurbeln, so dass sein Endziel, die terranische Raumfahrt, ihn über die bislang noch unüberwindbaren Grenzen dieses Sonnensystems hinaus, zurück nach Arkon bringen würde.

 

Nachdem er dieses Vorhaben jedoch nun durch das plötzliche Auftauchen eines zweiten außerirdischen Sendboten gefährdet sah, würde er in Panik geraten und versuchen, den Fortschritt der Erdenbewohner rapide zu beschleunigen, anstatt ihn wie bisher langsam und behutsam anzukurbeln.

 

Laut meiner Vision hätte dies konkret bedeutet, dass Armand Dupardingés in seiner von Angst beherrschten Hast bereits im 16. Jahrhundert anfangen würde, die Entwicklung von Verbrennungsmotoren und diversen anderen Antriebsarten in Gang zu setzen. Ein Fehler, der - einmal begangen - nichts anderes als einen unkontrollierbaren Zickzackkurs im Verlauf der menschlichen Geschichte bedeuten würde.

 

Und ich, Imago II, war verantwortlich dafür, dass sich Terraner und Cynos niemals begegnen würden, weil ich darin versagt hatte, meine irdische Identität vor dem Arkoniden Atlan, wie er sich wirklich nannte, geheim zu halten. Weil er in mir eine Gefahr von kosmischer Größe zu sehen glaubte, den unscheinbaren Vertreter einer klammheimlichen Invasion.      

 

Unsere Begegnung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, trotzdem musste ich, um auch weiterhin im Sinne meines Volkes handeln und eine Rückeroberung des Schwarmes vorbereiten zu können, sehr schnell reagieren. Es schien nur eine Möglichkeit zu geben: Armand Dupardingés musste sterben!

 

 

 

Nach reiflicher Überlegung wurde mir jedoch klar, dass ich den Arkoniden aus zweierlei Gründen gar nicht töten durfte. Zum einen ließ es meine überaus friedfertige, gerechtigkeitsliebende Gesinnung nicht zu, ein intelligentes Wesen zu töten, zum anderen hätte diese voreilige Korrektur womöglich nur noch schlimmere Konsequenzen nach sich gezogen. Und wenn ich mir während meines Aufenthaltes auf der Erde eines nicht leisten konnte, dann war es ein Zeit-Paradoxon. Wenn ich mit meinen Prophezeiungen für die Zukunft der bis dato eher unscheinbaren Terraner nicht gänzlich falsch lag, würden es in etwa 500 Jahren, genauer gesagt im Jahre 1971, ausgerechnet die Arkoniden sein, die den Erdlingen das Tor zu den Sternen öffneten.

 

Mochten sie auch für uns Cynos relativ unwichtig sein, so verhielt es sich nun einmal, und wenn dieses Prachtexemplar eines Arkoniden dabei  möglicherweise eine größere Rolle zu spielen hatte, musste ich mir wohl etwas besseres einfallen lassen, als ihn - etwa in Gestalt einer hübschen Giftmischerin - einfach von dem Planeten zu tilgen. Nur was? Gab es eine Möglichkeit, ihn von meinen guten Absichten zu überzeugen, ohne dass ich dabei Verrat an meinem Volk beging?

 

Ich sah keine. Es stand zu viel auf dem Spiel, ich durfte ihn nicht einweihen!

 

Da fiel mir ein, dass der König seit einiger Zeit auf einen neuen Vierzeiler von mir wartete, der ihm Aufschluss über die Zukunft seines Regiments und sein persönliches Schicksal geben sollte.

 

Es wäre nicht das erste mal gewesen, dass ich mich dazu hätte hinreißen lassen, ihm einen frei erfundenen Text vorzusetzen, da es mir schlicht und ergreifend unmöglich war, seiner ständigen, unermüdlichen Nachfrage nach möglichst positiven Prognosen zu entsprechen.

 

So begab ich mich also an mein Schreibpult und setzte einen Vierzeiler auf, der in seiner Aussage ebenso unheilvoll wie undeutbar war und der, ohne dass ich mir die Blöße gab, einen Namen zu nennen, den König vor dem bösen Einfluss einer ganz bestimmten, ihm nahe stehenden Person warnte.

 

Es widerstrebte mir zwar, dass ich mich - zum ersten mal seit meiner Ankunft auf dem Planeten Erde  eines Stilmittels bediente, das meiner Rasse nicht würdig war, dass ich mich der Lüge und der Verleumdung hingab, dennoch händigte ich den Vierzeiler - unmittelbar nach dem nächsten Hahnenschrei über einen Boten an den König aus. Mochte Armand Dupardingés mich auch der Lüge oder des Verrats bezichtigen, so war ich mir doch der Tatsache bewusst, dass ich nur im Wohle meine Volkes gehandelt hatte. Schließlich ging es um nichts geringeres als den Fortbestand meiner Rasse. Der Arkonide befand sich zur falschen Zeit am falschen Ort und musste verschwinden, bevor er noch misstrauischer wurde. Womöglich hatte unser erstes Gespräch bereits den Stein des Verderbens ins Rollen gebracht, aber vielleicht war es noch nicht zu spät, ihn aufzuhalten.

 

 

 

Einige Tage später betrat Armand zum zweiten Mal meine Gefilde. Ich sah es seinem Gesicht an, dass er sich krampfhaft bemühte, die Form zu wahren, und mir am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre. 

 

"Seid gegrüßt, Nostradamus. Ich hoffe, ich störe Euch nicht bei der Beobachtung Eures Heimatsternes?"

 

Mit einem gequälten Lächeln wandte ich mich ihm zu.

 

"Ihr solltet Euch Euren Sarkasmus für bessere Zeiten aufbewahren, Armand." erwiderte ich. "Ich hoffe doch, Ihr seid nicht wieder gekommen, um mir zu drohen?"

 

"Ich kann mich keiner Drohung entsinnen. Allerdings habt Ihr nicht ganz Unrecht, wenn Ihr mir vorwerft, dass ich Eure Anwesenheit hier am Hofe mit Argwohn betrachte."

 

"Weshalb seid Ihr euch so sicher, dass ich dem König schaden könnte? Soweit mir bekannt ist, hat er sich bislang nur selten über meine Behandlungsmethoden beklagt. Was allerdings sein Gebiss betrifft... nun aber Ihr seid sicher nicht hier, um belanglose Konversation zu betreiben."

 

"Ganz recht. Ich bin hier, um mich von Euch zu verabschieden."

 

Ich tat, als sei ich bestürzt. "Ihr wollt das Feld räumen? Nach allem, was Ihr mir angedroht habt? Nach all den... verzeiht, Darbietungen, die Ihr dem König habt angedeihen lassen?"

 

Ich bemerkte, dass die merkwürdigen, rötlichen Augen des Arkoniden feucht wurden, konnte mir diese Reaktion jedoch nicht so recht erklären. Bei den Erdenbewohnern war dies meist ein Ausdruck von Trauer oder Verzweiflung. Hatte Armand Dupardingés etwa aus Verzweiflung aufgegeben? Ich konnte es mir nicht denken. Dann jedoch, als er weitersprach, wurde mir klar, dass es ein Zeichen seiner Wut und Erregung war.

 

"In Euren Augen mögen es Darbietungen gewesen sein, Notredame." sagte er gepresst. "Doch bevor ich Euch traf, bin ich bereits vielen bedeutenden Erdenbewohnern begegnet. Wirklichen Erdenbewohnern wohlgemerkt, die nicht vorgaben, eine berühmte Persönlichkeit zu verkörpern, und stattdessen die Saat des Feindes aussäten. Ich habe diese Menschen nach Kräften unterstützt und das nicht nur aus reinem Eigennutz, wie Ihr es mir unterstellen wollt. Ich habe Seite an Seite mit ihnen gekämpft, habe einen Großteil meines Lebens in ihren Dienst gestellt und mein eigenes, bescheidenes Ziel immer zurückgestellt..."

 

"Und was ist Euer Ziel, bei allen Göttern? Was veranlasst Euch, Euer - allem Anschein nach unbegrenztes Leben auf diesem noch so jungen, barbarischen Planeten zu verbringen?"

 

Ich fragte dies, obgleich ich die Antwort natürlich kannte. Armand wandte zum ersten Mal den Blick ab. Dann sagte er ausweichend:

 

"Ich habe am Hofe Karl des Neunten alles in meiner Macht stehende getan, im Sinne der Menschen zu agieren. Als mir klar wurde, dass es außer mir noch einen anderen Vertreter von jenseits dieses Sonnensystems gibt, wusste ich anfangs nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte. Ich ahnte jedoch, dass Ihr Euren Vorteil nutzen würdet und dass Ihr auch nicht vor Verleumdung zurückschrecken würdet. Allerdings wäre mir auch ohne dies gewahr geworden, dass mein Wirkungskreis hier endet."

 

Er sah mich einen Moment lang auffordernd an, ich jedoch sah keine Veranlassung, seiner Anklage zu widersprechen und ließ ihn fortfahren.

 

"Mein Gemüt und mein Kampfgeist sagen mir im Grunde etwas anderes, aber nach reiflicher Überlegung habe ich mich schließlich entschlossen, vorerst in meine Basis zurückzukehren. Ich bin sicher, dass es nur in Eurem eigenen Interesse sein kann, wenn über jedes zwischen uns gesprochene Wort Stillschweigen gewahrt wird."

 

Ich war einigermaßen erstaunt, versuchte aber, es ihm nicht zu zeigen. Seine Forderung bestätigte ich mit einem Nicken.

 

"Eure Entscheidung ist überaus weise, Armand. Ich möchte, dass Ihr meine Hochachtung zur Kenntnis nehmt, dass Ihr einsichtig geworden seid und..."

 

"Ich habe nicht gesagt, dass ich mich Eurer Gewalt beuge!" unterbrach er mich unwirsch.

 

"Ich sagte lediglich, dass ich mich zurückziehe, was nicht heißt, dass ich kapituliere. Ich bin mir darüber hinaus sicher, dass wir uns eines Tages wieder begegnen werden."

 

Ich nickte bedächtig. "Wenn dieser Tag kommt, so soll es unter anderen Umständen geschehen, als in dieser Zeit." sagte ich.

 

"Wir werden es sehen." erwiderte er. Dann drehte er sich um und verschwand.

 

Als ich mich am nächsten Morgen nach ihm erkundigte, hieß es, er sei unvermittelt aufgebrochen und habe den Palast und sogar das Land verlassen. Der König war erleichtert, das sah ich ihm an, jedoch erwähnte er mir gegenüber den Namen Armand Dupardingés nie mehr.

 

Erst viel später, lange nach unserer erneuten Übernahme des Schwarmes, sollte ich erfahren, wer wirklich für seine abrupte Flucht Verantwortlich war. Ich erfuhr, dass die für diese Mächtigkeitsballung zuständige Superintelligenz ES bereits vor der ersten wirklichen Begegnung mit uns Cynos Kontakt mit den Terranern aufgenommen hatte. Im Auftrag dieser Superintelligenz hatte Atlan während seines frühzeitlichen Aufenthaltes auf Terra bereits unwissentlich gehandelt. Da endlich wurde mir klar, dass nicht mein einnehmender Charakter und mein ach so selbstsicheres Auftreten für seinen Rückzug verantwortlich gewesen waren, sondern dass sich vielmehr ein Wesen in unsere - für den Verlauf der kosmischen Geschichte äußerst bedrohliche - Auseinandersetzung am Hofe Karl des Neunten eingeschaltet hatte, dem selbst ein Imago II nichts entgegenzusetzen vermochte. Von diesem Tag an war der Arkonide Atlan nie wieder in meinen Visionen aufgetaucht...

ENDE

 (c) 2008 by Stefan Robijn

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