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Dan Shocker's Larry Brent - Der Blutstein-Zyklus: Die Blut-Träne von Palma (Teil 5)

StoryDie Blut-Träne von Palma
Teil 5

Die kleine Yacht, die am äußersten Ende des Hafen von Palma noch Platz gefunden hatte, fiel unter den vielen anderen Yachten und Schiffen nicht weiter auf.

Sie war nur eine weitere Yacht, die heute noch auf die schnelle in den Hafen wollte, bevor die große Fiesta heute Abend losgehen würde.In diesen Tagen kamen soviel Touristen auf die Insel, dass der Teenager, und sein Begleiter, der wie ein Weltenbummler aussah, niemanden auffielen.


Johnny Berry, den seine Freunde auch 'Crash' nannten, winkte eines der vielen Taxis heran, in das er und Sluck einstiegen.

"Hotel Tres, por vavor!". Er steckte dem Fahrer ein paar Doller zu.

"Si, Senor!" Der Fahrer grinste breit über das ganze Gesicht. Dann gab er Gas.

Berry hatte als ehemaliger Stuntman selbst schon so manches mal einen heißen Bleifuß gefahren, aber als sie nach wenigen Minuten das Hotel erreicht hatten, hatte er eine leicht ungesunde Blässe um die Nase. Sluck ging es auch nicht viel besser. Man sah ihm an, dass er nur mit äußersten Willensanstrengung den Brechreiz unter Kontrolle hielt.

 "Gracias!" presste Johnny Berry kurz hervor, dann war das Taxi schon mit den nächsten, ahnungslosen Fahrgästen davon.

 "Ob Ron schon wartet?"

 "Schauen wir einfach nach, Sluck!" Crash ging auf den Hoteleingang zu. "Ich könnte jetzt auch erst einmal ein kräftiges Frühstück und einen starken Kaffee gebrauchen!"

*

Wenige Minuten später hielten Mike Wolf und Iwan Kunaritschew an eine Seitenstraße, die zum Tres führte, und ließen Ron Kelly aussteigen.

Er wollte sich mit Sluck und Johnny 'Crash' Berry treffen, die im Tres bestimmt schon auf ihn warten würden.

Wenigen Minuten später verließen die beiden PSA-Agenten den Wagen in der Nähe des Placa de l'Amoaina, an der sich die Cathedral Le Seu befand.

"Ich habe ein ganz mulmiges Gefühl im Magen, Towarischtsch." X-RAY-7 warf einen Blick über die Schulter. Doch es war niemand zu sehen. "Irgend etwa ist faul im Staate Dänemark!"

Wolf nickte. Auch er hatte dieses Gefühl einer Bedrohung, die wie ein unsichtbares Damoklesschwert über ihnen und der ganzen Stadt lag.

Der Eingang mit den Ticketschaltern befand sich links vom Hauptportal aus, und war der einzige Weg um in die Kathedrale zu gelangen.

Vor dem Gotteshaus tummelten sich einige 'Nelkenmädchen', die sich einzeln oder in Gruppen an Touristen heranmachten, um ihnen Blumen zu verkaufen.

"Schau!" Kunaritschews Blick wanderten zu eine kleine Gruppe gutaussehender blutjunger Mädchen, die sich an einen älteren Touristen heranmachten. "Der Trick ist uralt. Aber es fallen immer Leute drauf rein!"

Mike Wolf blickte unauffällig in die Richtung des Mädchen.

Während zwei der jungen Dinger den Mann mit ihren Waren, und ganz besonders dem tief ausgeschnittenen Dekolleté, ablenkten, hatten die flinken Finger der Dritten die Geldbörse aus der Gesäßtasche des Unvorsichtigen gezogen.

Urplötzlich begannen die Blumenmädchen zu keifen, fuchtelten mit den Händen, und stoben dann in alle Richtungen auseinander zu einem anderen potentiellen 'Kunden'.

Ein verdutzter Tourist blieb alleine zurück. Das er seinen Geldbeutel nicht mehr hatte, würde er wohl erst viel später merken.

"Machen wir, dass wir weg sind, bevor die Ladys uns ins Auge fassen!"

"Dobro" Um Iwan Kunaritschews Mundwinkel zuckte es verdächtig.

Wenige Sekunden später standen die beiden PSA-Agenten in der Warteschlange vor den Ticketschaltern. Aber dennoch war die Wartezeit nur kurz, und so standen sie eine paar Minuten am Schalter.

"Dos billetes, por favor" X-RAY-13 legte acht Euro auf das Holzbrett.

Wenig später passierten sie die Eingangstür der Kathedrale, und ein kühler Lufthauch wehte ihnen entgegen. In der Kathedrale selbst herrscht eine angenehme Kühle.

Die wenigen Menschen, die zu dieser Stunde in dem Gotteshaus versammelt waren, waren in ihr Gebet so vertieft, dass sie die beiden Männer nicht wahrnahmen.

Ein älterer Priester stand in der Nähe des Reliquienschreins, und zündete gerade die neu aufgesteckten Kerzen an.

"Entschuldigen Sie bitte die Störung", X-RAY-13 sprach ihn an. "Es geht um Schwester Maria Rosa, die hier vor dem Schrein ohnmächtig geworden war."

"Oh ja, das war eine seltsame Geschichte." Der Priester zündete weiter die Kerzen an. "Aber darüber sollten sie mit seiner Exellenz Viñals sprechen."

Wolf erinnerte sich an die Schlagzeile, die er beiläufige im November 2012 gelesen hatte. Javier Salinas Viñals war vom jetzigen Papst Benedikt XVI erst am 16.November 2012 zum Bischof von ganz Mallorca ernannt worden. Doch seine Einführung war erst am 12. Januar 2013 gewesen. Drei Tage bevor das Patronatsfest zu Ehren des Heiligen Sebastians begonnen hatte. Hatte der dämonischen Sohn des Dr. Satanas deshalb gerade jetzt diese Insel aufgesucht?

"Ich denke, wir sollte seine Exzellenz nicht belästigen." Wolfs Stimme wurde zu einem Flüstern, so dass X-RAY-7 und der Priester ihn gerade noch verstehen konnten.

"So wie ich sie einschätze, sind sie schon sehr lange in dieser Kirche tätig. Da können Sie mir mehr zur Geschichte Le Seu's sagen, als der neue Bischof!"

Der Deutsche machte eine kleine Pause.

"Wie zum Beispiel über die 'Träne des Heiligen Sebastian', die in diesem Schrein liegen soll. Falls sie da noch drin ist!"

"Wie meinen Sie das!" Der Priester wurde sichtlich nervös. "Was heißt falls! Ich habe Sie eben noch gesehen!"

Die beiden Agenten schauten sich kurz an.

"Schwester Maria Rosa hatte mir nämlich erzählt, dass sie noch sah, das ein Unbekannter die 'Träne' in den Händen hielt, bevor sie bewusstlos wurde! Wäre es möglich einen Blick darauf zu werfen, Monsignore..."

"Monsignore Alfonso..." antworte der Priester.

"Aber das wäre ein Sakrileg ohne Gleichen, wenn ein Unwürdiger die 'Träne' in die Hand genommen hätte. Er hätte dabei die anderen Reliquien ebenfalls entweiht!" Das Gesicht des Alten verzerrte sich vor Entsetzen.

Schneller als man es ihm zugetraut hätte, eilte der Priester zu dem Schrein, in dem die Heiligtümer lagen. Mit einem kleinen Schlüssel, den außer ihm nur noch der Bischof der Kathedrale hatte, öffnete er die Tür des Schreins.

Ein leise Seufzer der Erleichterung war zu hören.

"Kommen Sie Senores. Schauen Sie, aber fassen Sie um Himmelswille nichts an!"

Mike Wolf und Iwan Kunaritschew traten an den Schrein, von dem der alte Kirchenmann einen Schritt zurücktrat, so dass er die Beiden noch im Auge hatte.

Ein blutroter, tropfenförmiger Edelstein lag, neben einem länglichen, eingewickeltem Gegenstand, dem Armknochen des Heiligen, auf einem weißen Kissen. Alles schien normal zu sein.

"Kennen Sie eigentlich die Geschichte wie die Reliquien und die 'Träne' nach Palma de Mallorca gekommen sind?" meldet sich plötzlich Monsignore Alfonso zu Wort.

"Nein!" Iwan Kunaritschew schüttelte den Kopf. "Und warum heißt dieser Edelstein die 'Träne des Heiligen Sebastian'?"

"Das ist eine lange Geschichte", begann der Alte, als plötzlich mit einem leisen Klirren der Edelstein zu bersten begann.

Mit einem kurzen Satz kam Wolf Monsignore Alfonso Priester zuvor, und nahm die einen Splitter in die Hand.

"Glas!. Billiges, rotes Glas, das wie ein Edelstein gegossen war!" X-RAY-13 zeigte es seinem russischen Kollegen und dem alten Priester, der sichtlich entsetzt und verwirrt war.

"Das es Platzen sollte, war Absicht. Doch wahrscheinlich sollte es erst in der Messe geschehen, wenn der Bischof die Reliquien zu Ehren des Heiligen den Gläubigen zeigt."

"Und warum, Towarischtsch, jetzt?"

Mike Wolf schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht. Vielleicht die Temperatur hier, eine Tonschwingung im Raum."

Der Priester hatte sich wieder gesammelt. "Ich muss dem Bischof Bericht erstatten, auf der Stelle!"

"An der Sache kann der Bischof nichts mehr ändern!" X-RAY-13 hielt Monsignore Alfonso am Arm zurück, der widerwillig stehen blieb. "Die Geschichte um die 'Träne', und wie die Reliquien hier landeten, würde mit Sicherheit helfen einige Ereignisse, die sich zur Zeit auf der Insel abspielen, zu klären."

Monsignore Alfonso sah den PSA-Agenten fragend an, doch der schüttelte den Kopf.

"Es tut mir leid, darüber darf ich nichts sagen. Doch wer immer den Stein hat, er hat nichts Gutes damit vor!

Man sah Monsignore Alfonso an, wie er mit sich kämpfte, doch dann nickte er.

"Gut, nehmen Sie Platz. Es ist eine lange Geschichte, die bei den letzten Tagen des Heiligen Sebastaian im Jahr 288 nach Christus beginnt, und im Jahre 1523 endet!"

*

Vergangenheit – im Jahr 288 n.Chr
Kaiser Gaius Aurelius Valerius Diocletianus war seit vier Jahren an der Macht. Die Jahre kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Und dennoch, er hatte viel erreicht.

Das Römische Reich war geeint und gestärkt, seit er vor drei Jahren Maximian, einen alten Weggefährten aus der Armee, zum Cäsar ernannt, und ein Jahr später den Titel 'Augustus' verliehen hatte.

Während Herculius, wie sich Maximian, seit diesem Tag nannte, den Osten des Reiches Regierte, so herrscht er über den Westen.

Iovius, was 'Abkömmling des Gottes Jupiter' bedeutete, wie Kaiser Diokletian, sich nun nannte, war jedoch der führende Part des Zweigestirn, und hatte alles Zügel in seinen Händen. Er war dominus et deus - Herr und Gott - und er bestraften jene, die die sakrale Würde der Augusti, und den daraus folgenden absoluten Herrschaftsanspruch, missachteten und zu untergraben versuchten.

Ganz besonders diese Sekte, die sich Christen nannten, war ihm ein Dorn im Auge. Behaupteten dies Narren, es gäbe nur einen Gott, und alle Menschen seinen seine Kinder. Ein Weiteres Hirngespinst dieser Anhänger eines gekreuzigten Zimmermanns aus Nazareth war, das Sklaverei von Gott verboten, und alle Menschen, ob reich oder arm, gleich sei.

Dies war jedoch für Gaius Aurelius Valerius Diocletianus unhaltbar.

So ließ er jeden Christen, den seine Soldaten habhaft werden konnte hinrichten, oder wenn dieser Glück hatte und kräftig gebaut war, in der Arena kämpfen. Jedem der sich von diesem Glauben jedoch absagte, wurde das Leben geschenkt. Doch der 'Glückliche' verbrachte den Rest seiner Jahre in Sklaverei.

Doch heute plagten ihn andere Sorgen.

Seltsame Träume ließen ihn des Nächtens nicht schlafen. Träume, die ihm Bilder zeigten, die selbst einem, kampferprobten Legionär eiskalte Schauer des Entsetzens über die Haut jagten.

Es glich einem Wunder, dass er nicht schreiend jede Nacht aufschreckte und nach seinem Schwert griff, dass neben seinem Bett lag.

Sein Blick fiel auf die kleine, silberne Truhe, die mit reichverzierten Motiven verziert war.

Der neue Statthalter Britannias hatte nach der Befriedung der abgefallenen Provinz, und deren Wiedereingliederung in das Römische Reich, zum Geschenk gemacht.

Jede Seite der Truhe, sogar der Boden, zeigten in filigraner Silberschmidearbeit gefertigte Motive aus der Welt der Götter und Legenden. Der Deckel jedoch war auf aufwendigsten bearbeitet worden, und stellte ein Jagdszene dar, in der ein gehörnter Jäger mit eine wilden Hundemeute durch einen idyllischen Apfelhain preschte. Er schien etwas oder Jemand zu jagend, den man aber nicht sehen konnte.

Aber das seltsamste an diesem Jagdmotiv war, dass altes, hässliches Weib, dessen langes weißes Haar im Wind wie ein Schleier des Todes wehten, ihm folgte, und ihrer spinnenbeindürren Finger etwas aus dem Nichts heraus zu holen schienen.

Kaiser Diocletianus lief ein Schauer über den Rücken, wenn er nur an diese Frau dachte.

Der Legende nach stammte diese Silbertruhe von der Insel Hiberia, die im Westen Britannias lag.

Der Bote, den der neue Stadthalters Britannias mit diesem Geschenk zu ihm gesandt hatte, wusste aber mehr zu berichten.

Diese Truhe soll von einem Legionär der Legio XX Valeria Victrix, die unter dem damaligen Stadthalter Britannias Gnaeus Iulius Agricola auf der Insel Morna stationiert gewesen waren, gefunden worden sein.

Dieser hatte den damaligen Aufstand der Keltischen Rebellen auf der Insel Morna, oder Ynys Môn, wie die Einheimischen sie noch heute nannten, und dem hunderte von Legionäre zum Opfer gefallen waren, auf dem Schlachtfeld gefunden.

Er hatte sie mitgenommen, und sie dann in seiner Familie weitervererbt, die er in Britannia gegründet hatte.

War schon die silberne Truhe fast drei Legionen wert, so war der blutrote Edelstein, der wie eine Träne geformt war, und in ihr lag, von unschätzbarem Wert.

Es war nicht nur ein Edelstein, nein es war ein für die Hiberianer heiliger Gegenstand.

Man nannte sie die 'Träne Arwans'.

Dieser keltische Gott war mit Pluto, dem Gott der Unterwelt gleichzusetzen. Er herrschte über die Unterwelt, und die Seelen der Toten.

Diocletianus senkte nachdenklich den Kopf. Konnte es sein das Pluto selbst ihm diese Träume sandte. Forderte er diesen Stein für sich, als Symbol seiner Macht über die Toten Britannias und Hiberias?

Leise Schritte rissen ihn aus seinen dunklen Gedanken. Ein Prätorianer betrat den Raum.

Hatte er das Klopfen überhört?

"Ave, Cäsar!" Der Soldat nahm Haltung an. "Wir bringen dir den Gefangenen!"

"Führt ihn herein!"

Heute würde er ein Exempel statuieren. Nicht als Kaiser Diocletiannus. Nein, heute sprach er als höchster Priester und Sohn des Jupiters. Heute wurde Iovius Gericht über einen Verräter an den Göttern, dem Volk – und was noch schlimmer war – an ihm, der Kaiser halten.

Das Urteil konnte nur TOD heißen!

Vier grobschlächtige Legionäre schleiften einen zerschundenen jungen Mann vor Diocletianus, und warfen ihn brutal zu Boden.

Doch der Mann, der selbst eins Hauptamnn der Prätorianergarde war, zeigte keine Regung. Kein Laut des Schmerzens kam über seine Lippen.

"Sebastian", die Stimme des Kaisers klang kalt und unpersönlich. "Du wurdest dem schlimmsten Verbrechen überführt, dem Verrat an den Göttern, dem Volk und deinem Kaiser! Da du diesem Glauben nicht absagen willst, lässt du mir keine Wahl. Ich verurteile dich zum Tode!"

Der Kaiser legte eine kurze Pause ein. Doch Sebastian sagte auch nur kein Wort. Nur seine Lippen schienen sich lautlos zu bewegen, so als würde er ein stummes Gebet an seinen toten Zimmermann richten, den die Christen als Sohn Gottes verehrten.

"So soll es sein. Man binde ihn an einen Baum außerhalb der Mauern Roms. Eine Gruppe der treffsichersten numidischen Bogenschützen mit Pfeilen auf ihn schießen, bis das sein Leben aus ihm entwichen ist. Sein Körper jedoch soll dort zurückbleiben und den Vögel zum Fraß dienen. Als abschreckenden Beispiel für alle, die meinen diesem Christus folgen zu müssen. Dies ist der Wille der Götter, dies ist auch mein Wille!"

Gaius Aurelis Valerius Diocletians winkte den Soldaten zu, seinen Befehl auszuführen.

Als sich die große Tür hinter ihnen schloss, verließ auch der Kaiser durch eine Seitentür die Halle.

So konnte er nicht bemerken, wie eine Frau, die wie eine Dienerin gekleidet war, durch den Raum huschte und die Silberne Truhe an sich nahm.

Doch die Truhe war in diesem Moment nicht wichtig.

Die Unbekannte musste sich beeilen, und einen Weg durch die Abwassekanäle zu den Katakomben finden.

Die Führer der Christen mussten wissen, was mit Sebastian geschehen sollte.

So oft hatte er Ihresgleichen geholfen, ihnen Mut gemacht, sie gerettet. Er durfte nicht sterben.

Sie wusste nicht, dass sie auf taube Ohren stoßen würde. Denn die Furcht vor dem Kaiser, war bei vielen stärker als der Glaube.

Und in der Truhe leuchte für wenige Augenblicker die 'Träne Arwans' in einem dämonischen, blutrotem Licht, dass einem hämischen Lachen glich.

*

Die zwanzig numidischen Bogenschützen wandten sich von dem Mann ab, der leblos am Baum hing. Sein Blut rann aus unzähligen Wunden am Körper entlang.

Seine letzten Worte waren die, die Christus am Kreuz gesagt haben soll: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!"

Doch diese Worte sagten den Bogenschützen nichts. Und selbst wenn sie diese Worte gekannt hätten, hätte es nicht an dem verächtlichen Gelächter geändert, dass sie für den Sterbenden hatten.

Kaum das die numidischen Schützen hinter den Hügeln verschwunden waren, trat ein in schwarze Tücher gehüllte Frau aus einem Busch hervor, in dem sie sich versteckt hatte.

Nur sie alleine hatte die Rede der Sklavin bewegen können, die von Sebastians Hinrichtung berichtet hatte.

Doch alleine hatte sie die Hinrichtung des jungen Mannes nicht verhindern können.

Er, der sie nach dem Tod an ihrem Manne Castulus, dessen einziges Verbrechen es gewesen war Christ zu sein, getröstet und finanziell unterstützt hatte, war nun auch dem Wahn des Kaisers zum Opfer gefallen.

Irene näherte sich den Baum, an dem Sebastian noch immer mit Seilen gefesselt war. Selbst die Pfeile steckten noch in seinem Körper.

"Herr, nimm seinen Geist auf, und lass ihn den Reich schauen!" sprach die Frau ein einfaches Gebet, bevor sie vorsichtig einen der Pfeile aus dem Körper des Leblosen zog.

Langsam zog sie einen weiteren Pfeil heraus, als plötzlich ein leises Stöhnen über die Lippen des Mannes kamen.

Irene lief ein Schaudern über den Rücken. Hörte sie jetzt schon die Stimmen der Toten, die nach ihr riefen.

Erneut zog sie einen Pfeil aus Sebastians Körper, und wieder ertönte dieses Stöhnen.

Doch diesmal war es lauter.

War es möglich, das Sebastian den Pfeilhagel überlebt hatte? Hatte sein Gott seine schützende Hand über den römischen Soldaten gelegt, und ihn so vor dem Tode bewahrt?

Die Witwe zog den vierten Pfeil heraus. Sie musste ganz sicher sein, dass sie sich nicht täuschte. Denn wenn Sebastian noch lebte, dann musste er in ein sicheres Versteck gebracht werden, bevor der Kaiser erneut seiner habhaft werden konnte.

Erneut hörte sie diesen Schmerzenslaut, der über die Lippen Sebastians kam.

Irene rannte los.

*

An der Nordfassade der Domus Flavia, die sich auf dem höchsten Punkt des Palatin befand, stand Kaiser Diocletianus auf der Terrasse. Hier zeigte er sich dem einfachen Volk, bevor er in der Aula Regia Audienz hielt.

Gaius Aurelius Valerius Diocletianus ließ seinen Blick über den Pöbel streifen, der sich dicht an dicht gedrängt hatte um einen Blick auf den göttlichen Cäsar zu erhaschen.

Plötzlich kam Bewegung durch die Menge. Ein Mann bahnte sich seinen Weg nach vorne. Lautes Gemurmel brandete auf.

Selbst der Kaiser, der doch weit entfernt vom einfachen Volk stand, konnte einzeln Wort vernehmen, die jedoch keinen Sinn ergaben. Bis er den Mann erkannte.

Sebastian!

Endlich stand der junge Mann Diocletianus Angesicht zu Angesicht gegenüber. Nur die Prätorianer Garde, die sich vor der Terrasse aufgebaut hatte, trennte die Beiden von einander.

"Höre mich, Kaiser Diocletianus!" Sebastians Stimme war kräftig und klar. "Lass ab von deinem Tun. Es ist sinnlos, grausam und deiner nicht würdig."

Der ehemalige Hauptmann riss das Oberteil seiner Tunika auseinander, so dass jeder die Wunden sehen konnten, die die Pfeile der numidischen Bogenschützen hinterlassen hatten.

"Mein Gott hat mich errettet, um Zeugnis vor dir und der Welt abzulegen. Und so sage ich dir noch einmal: Lass ab von deinem Tun!"

Der Kaiser war für wenige Augenblicke sprachlos. Erschrecken machte sich in ihm breit. Konnte es sein, das die Götter höhnisches Spiel mit ihm trieben.

Nein, das war unmöglich. Er war Iovinus, vom Blute Jupiters. Er war Herr und Gott, und jeder der dem widersprach war des Todes. So war das Gesetz der Götter, so war sein Wille!

Grenzelose Wut brandete in ihm auf.

"Ergreift den Frevler!" gellte sein Stimme über den ganzen Platz! "Ergreift ihn!"

Wie ein Mann schritten die Prätorianer vor. Doch Sebastian bewegte sich nicht. Er blieb stehen, wo andere ihr Heil in der Fluch gesucht hätten.

"Dein Wille geschehe, oh Herr!" Doch nur die Menschen die in der ersten Reihe hinter ihm standen hörten seine Worte.

Dann ergab er sich seinem Schicksal.

"Du sollst im Hippodrom zu Tode gepeitscht werden, zur Abschreckung und Warnung an all die, die sich Christen nennen. Nach deinem Tode – und sei gewiss, dass dieser geprüft wird – soll dein lebloser Körper in die cloaca maxima geworfen werden, so dass der Tiber dein ewige Grab wird. Niemand wird dich jemals finden, niemand kann dich ehrenvoll bestatten! So sein mein Urteil, so soll es geschehen!"

Der Kaiser winkte den Soldaten zu Sebastian der Vollstreckung zu zuführen. Dann drehte er sich herum und ging zurück in den Palast.

*

Seit sie diese silberne Truhe gestohlen hatte, fand Lucina fast keine Schlaf mehr. Die Truhe hatte sie bei einem Schmid einschmelzen lassen, der seinen Mund halten konnte.

Das geschmolzene und in Stäbe gegossene Silber hatte Lucina bei einem 'Händler' in den dunklen Gassen Roms verkaufen können, der ihr einen guten Preis gemacht hatte.

Lucina hatte sogar das Glück einige Aureus behalten zu haben, während sie dem Schmid einen Batzen Denare und Sesterzen für sein Schweigen gegeben hatte.

Dennoch hatte sie das Gefühl, als hätte der Händler das beste Geschäft von ihnen allen gemacht. Doch das war ihr egal, denn mit diesem Geld konnte sie ihren Glaubensbrüdern und -schwestern helfen, die vor der Verfolgung Diocletianus in den Katakomben Zuflucht gefunden hatten.

Nur den blutroten Edelstein, der wie eine Träne geformt war, hatte sie aus einem ihr unerfindlichem Grund behalten. So als hätte der Stein ihr es zugeflüstert, und sie hatte gehorcht.

"Luciana..." Eine dumpfe Stimme klang an ihr Ohr. "Luciana..."

Unruhig wälzte sich sich auf ihrem Bett hin und her.

"Luciana!" erklang die Stimme diesmal klarer.

"Wer bist du? Was willst du?"

Der Traum war so real, dass die junge Frau sogar ihre Stimme hören konnte, mit der sich sprach.

"Ich bin Sebastian, den Kaiser Diocletianus heute hinrichten ließ. Mein Körper treibt in der cloaca maxima, dem Hauptabwasserkanal, der zum Tiber führt."

Die Stimme schwieg kurz.

"Doch Gottes Wille ließ von einem Steinquader, der im Kanal liegt, meinen Körper festhalten. Komme und hole meinen Leichnam, so dass er würdevoll bestattet werden kann!"

Die Stimme Sebastians verstummte.

Schweißgebadet wachte Lucina auf.

War das eben nur ein Traum gewesen. Oder war das einer dieser Träume, die Gott seinen Kinder sandte, damit sie seinen Willen erfüllen konnten.

Es musst so sein.

Die junge Frau zog sich schnell an. Sie musste sich eilen, den in wenigen Stunden würde die Sonne aufgehen, und dann hätte sie keine Möglichkeit mehr die Leiche Sebastians an einen sicheren Ort zu bringen

Im Vorbeigehen steckte sie den blutroten, tränenförmigen Edelstein ein, der in einem seltsamen Licht pulsierte. Doch das bemerkte die Frau, die wie in Gedanken versunken das Haus verließ nicht.

*

Man hatte den Leichnam Sebastians gereinigt und mit Ölen und Kräutern eingerieben, so dass der Geruch der Abwässer gänzlich verschwunden war.

Hier in den Katakomben, die sich an der Via Appia befanden, würde Sebastian hier im Coemeterium seine letzte Ruhe finden. Hier, wo auch Petrus, der Jünger Jesus und auch Paulus ihre Ruhe gefunden hatten.

Irena, die Witwe des Castulus, hatte auf Sebastians Brust die Pfeile gelegt, die sie aus seinem Körper gezogen hatte. Aus irgendeinem für sie unersichtlichen Grund, hatte sie sie aufgehoben.

Nach einem gemeinsamen Gebet und dem Totensegen verließen die wenigen Christen, die sich gewagt hatten zu kommen, diesen Ort der Toten.

Nur eine junge Frau, die sich in eine dunkle Nische zurückgezogen hatte, und jetzt heraus kam, war zurück geblieben.

Lucina.

Schweigen, und mit regungsloser Miene, so als wäre sie eine willenlose Puppe, trat sie an den Toten heran.

In ihren Händen lag ein blutroter, pulsierend glühender Edelstein - die 'Träne Arwans'

Mit einer mechanischen Bewegung legte die Frau den Edelstein auf die Brust des Toten.

"Dies sein mein Geschenk an dich. Von nun an soll dieser kostbare Edelstein die 'Träne des Sebastian" heißen!"

Ihre Stimme war monoton, so als würde Jemand oder Etwas ihren Mund benutzen.

Dann drehte sich Lucina um und verließ die vorerst letzte Ruhestätte Sebastians. Den Edelstein hatte sie längst vergessen. Es war, als hätte eine unsichtbare Macht, jegliche Erinnerung an ihn gelöscht.

In diesem Augenblick hörte das pulsierend Leuchten auf, und die 'Träne des Sebastian' sah wie ein ganz normaler Edelstein aus

Erneut würden Jahrhunderte vergehen bis das Herz Mandurugos den Weg zu seinem eigentlichen Zielort fand.

Doch die Mächte der Finsternis hatten Zeit. Sehr viel Zeit.

Ende Teil 5
 

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