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DAN SHOCKER's KAPHOON - Teil 2: APOKALYPTAS – TODESFALLE

Dan Shocker's KaphoonDAN SHOCKER's  KAPHOON
APOKALYPTAS – TODESFALLE
Teil 2

Die Menschen waren bewaffnet, mit Stangen und Schwertern, mit Äxten und Beilen, mit Speeren, Pfeil und Bogen. Die meisten der Angekommenen waren in einfache, zerfetzte Kleider gehüllt, trugen oft nur noch Lumpen am Leib und wirkten ärmlich und im wahrsten Sinne abgerissen. Keiner von ihnen war beritten. Bis auf einen. Der führte einen prachtvollen Schimmel am Zügel und ging der Gruppe voran.


Der Mann war blond, sauber gekleidet und sah aus wie ein schöner Barbar.

KAPHOON!

Endlich hatte er die Menschen überzeugen können, Apokalyptas Schloss anzugreifen, um die Schreckensherrschaft der Dämonin zu beenden. Neuer Mut hatte die Menschen erfasst, als Kaphoon sich anbot, sie in den Kampf zu führen. Zögernd zuerst, dann immer freudiger hatten sie sich ihm angeschlossen. Mit ihm an ihrer Seite würden sie endlich die Freiheit wiedererlangen, so hofften sie.

Kaphoon brannte darauf, die Dämonin zu besiegen, zu vernichten und aus dem Schloss zu vertreiben, dass einst seinen Eltern gehört hatte, von denen jede Spur fehlte.

Er schüttelte diesen Gedanken ab. Er musste einen klaren Kopf bewahren, wenn er diesen auf den Schultern behalten wollte.

Kaphoon hob die Hand und wollte gerade den Befehl zum Angriff geben. Als seine Augen eine Bewegung wahrnahmen.

Das große Tor des Schlosses öffnete sich...

***

Ein Mann preschte aus dem Tor der Burg auf Kaphoon zu. Auch er hatte ein weißes Pferd, war in Statur und Aussehen dem Sohn des 'Toten Gottes' gleich. Und er schwang ein Schwert, das der Zwilling dessen war, dass Kaphoon trug.

Am Horizont tauchte etwas auf. Es war groß wie ein Haus, und im näherkommen wuchs es zur gewaltigen Größe heran, so dass es die Menschen, die dort zu tausenden herbeieilten, zu winzigen Punkten zusammenschrumpften.

Was sich da näherte, war - ein Reittier besonderer Art. Es handelte sich um eine gigantische Echse, die wie Pferd lief und einen langen, peitschenden Schwanz hinter sich herzog. Auf dem ungewöhnlichen, riesigen Reittier saß eine Frau von faszinierender Schönheit. In Siegerpose, beide Arme ausgestreckt, den Oberkörper hoch und stolz aufgerichtet, preschte sie heran. Sie schien mit diesem ungewöhnlichen Wesen förmlich verwachsen.

Die Frau hatte langes Haar und das Gesicht einer Göttin. Ihr ganzer Körper war in eine hauteng anliegende, stählerne Rüstung geschmiedet, und von ihren Armen aus spreizten sich stählerne Flügel, so dass sie aussah wie eine bizarre, furchteinflößende Fledermaus.

Apokalypta - die 'ewige Unheilbringerin', kannte kein Pardon.

Sie raste in die Menschenmenge. Hunderte wurden niedergetrampelt, blieben verletzt oder tot liegen, andere schlugen mit Knüppeln nach dem Reittier, dritte wiederum warfen ihre Lanzen auf es, die anderen schossen ihre Pfeile ab.

Doch alles war nutzlos. Ebensogut hätten sie versuchen können, mit diesen Waffen in einen Fels einen Tunnel zu graben.

Das schuppige Tier war nicht zu verwunden. Speichel troff von seinem Maul. Mehrere Zahnreihen standen dicht, sein Kopf stieß immer wieder nach vorn und schnappte nach den Opfern. Mit dem Schädel warf das Wesen seine Opfer beiseite oder erwischte sie ganz und gar mit den Zähnen.

Für die Unglücklichen gab es keine Rettung.

Mit dem furchteinflößenden Reittier verschaffte sich Apokalypta sich Raum, und in hellen Scharen liefen die Menschen davon, die gehofft hatten, die Burg zu stürmen.

"Ihr werdet es nie Schaffen! Nie!" höhnte die Stimme der Unheilbringerin auf dem Reittier weit über das Land, und es hörte sich an, als ob eine grausame Göttin über ihnen spräche. "Wo jetzt eure Felder, eure Wälder, eure Äcker, Städte und Dörfer liegen, wird meiner große Stadt entstehen, auf deren Rückkehr ich bis auf den heutigen Tag gewartet habe. Ihr werdet nicht verhindern, dass Gigantopolis wieder dorthin kommt, wo es einmal gestanden hat. Und auch euer armseliger Kaphoon wird das nicht verhindern!"

Kaphoon war der einzige, der nicht floh.

Verzweifelt schrie er nach den anderen, nicht aufzugeben und zu begreifen, dass es hier nicht um ein Wesen aus Fleisch und Blut handelte, sondern um eine Vision Apokalyptas handele.

"Sie schickt euch Trugbilder!" hallte seine Stimme über das Schlachtfeld. "Sie ist keine Gigantin, nicht so, wie sie sich hier zeigt! In Wirklichkeit steht sie dort oben auf dem Balkon des mittleren Turmes und blickt auf euch herab. Sie amüsiert sich über eure Angst und euer Grauen. Lauft nicht davon! Seht ihr sie denn nicht!"

Nein, die da liefen, sahen sie nicht. Für sie war Apokalypta unsichtbar.

Dann waren nur noch Kaphoon und der Fremde, der ihm wie auf's Haar glich auf dem Schlachtfeld. Kaphoon hatte sich auf sein Pferd geschwungen und preschte seinem Gegner mit gezückter Waffe entgegen, der mit jeder Geste seines Körpers und seinen spöttischen Worten ihm zeigte, wie viel er von dem Mann hielt, der es wagte an Apokalyptas Thron zu rütteln.

"Komm schon her, du Feigling" hörte er seine eigene Stimme aus dem Mund des anderen durch die klare Luft hallen. Das Schlachtfeld war leer. Die vorhin noch jeden Quadratzentimeter Boden bedeckt hatten, waren in Panik geflohen. Die Kriegsherrin Apokalypta, in deren Adern reines Dämonenblut floss, löste sich von einem Augenblick zum anderen wie ein Schatten auf.

Der Kampf zwischen Kaphoon und seinem Ebenbild nahm seinen Anfang. Zwei gleichwertige Gegner fielen übereinander her.

Vor dem Burggemäuer entbrannte ein erbitterter Kampf. Die Schwerter schlugen aufeinander, Funken sprühten, und das helle Singen der Klingen erfüllte die Luft.

Es hieß, Kaphoon sei ein hervorragender Kämpfer, doch sein Gegner schien, ihn in Eleganz und Brillianz überbieten zu wollen. Er schlug die tollsten Kapriolen und führte sein Schwert mit Bravour. Kaphoon hatte Mühe, den kraftvoll geführten Schlägen auszuweichen. Der Fremde schien unerschöpfliche Kräfte zu haben, denn er rochierte ständig.

***

"Er wird ihn schaffen", murmelte Apokalypta ihrem Begleiter zu. "Er wird Kaphoon schlagen und damit die Seele auslöschen, die sein späteres Leben in einer anderen Zeit und auf einem anderen Kontinent bestimmen wird.

Zwei Menschen, die durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall eine Reise in die Vergangenheit gemacht hatten, harrten ungeduldig in ihrem Versteck aus und hörten die Worte der Dämonin. Sie konnten nicht eingreifen, nicht den Kampf verhindern, der ihrem Freund das Leben kosten konnte. Ihm - der wie sie aus der Zukunft kam, sich aber nicht daran erinnerte, weil er in Apokalyptas Bann stand - und Kaphoon, deren Schicksale auf wunderbar seltsame Weise miteinander verknüpft waren. Sie konnten nur zuschauen und hoffen, dass keiner der beiden starb. Die Folgen würden fatal werden - ein Zeitparadoxon würde entstehen.

***

Der Kampf zwischen den beiden Kämpfern entwickelte sich zu Kaphoons Ungunsten. Dieser hatte schon mehrere Verletzungen davongetragen und sah schließlich seinen Vorteil nur noch darin, die Flucht zu ergreifen.  Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte in hohem Tempo davon.

Aber auch jetzt ließ der unheimliche Doppelgänger nicht los. Mit hochgerissenem Schwert verfolgte er den Verletzten und setzte sich auf dessen Fährte.

Die beiden Kämpfer, die sich wie ein Ei dem anderen glichen, verschwanden hinter einer Bodenwelle.

In Dunst des Horizonts konnte man die schemenhaften Umrisse einer unwirklichen Stadt mit zahllosen Türmen, mit lanzenartigen, spitzen Säulen, um die spiralförmig gewundenen, schimmernde Bänder liefen, als handele es sich um Straßen, die sich aus der Tiefe in die Höhe des Himmels an den säulenhohen Türmen entlangliefen.

Riesige, geierartige Vögel, die langgezogen und spitz aussahen, umkreisten die seltsame Silhouette.

Auf diese ferne, aus dem Dunst sich schälende, Stadt bewegten sich Kaphoon und der Mann, der sein Ebenbild war, zu.

***

Apokalypta lachte leise. "Es kommt, wie es kommen musste. Gigantopolis, die Stadt der Alpträume, wird sich hier herabsenken auf das Tal und das ganze Gebiet beherrschen, wie es zu Anbeginn der Zeiten gewesen ist. Xantilon hat keine Zukunft mehr, Tantor..."

Der Angesprochene atmete tief durch. "Es scheint, Herrin, dass du recht behältst..."

Mit einem sardonischen Grinsen wandte sich Apokalypta um, den Blick auf zwei Männer gerichtet, die die Vorhänge beiseite gedrückt hatten und sie entsetzt ansahen.

"Ich weiß die ganze Zeit schon, dass ihr hier seid", sagte sie zu den Erstarrten, von denen einer eine silberne, der andere eine braune Haut hatte.

"Glaubt ihr, dass Apokalypta so einfach zu hintergehen ist?"

Sie sah, das sich die Körper der beiden Männer noch mehr versteiften.

"Ihr habt gelauscht. Nun gut. Dadurch wird sich nicht viel verändern. Denn ihr beide werdet keine Gelegenheit mehr haben es auszuplaudern. Tantor und ich werden Kaphoon und Björn Hellmark folgen, um den Endkampf zu erleben, der in Gigantopolis stattfinden wird. Und ihr beide werdet hier warten, bis ich zurückkehre. Und dann werde ich wohl oder übel euren Anblick als Steinsäulen ertragen müssen..."*

***

Noch immer jagte der Fremde dem Sohn des 'Toten Gottes' hinterher. Kaphoon hielt sich an der Mähne seines weißen Pferdes fest. Ständig verringerte sich der Abstand zwischen den beiden Männern, die sich wie ein Ei dem anderen glichen.

Im Hintergrund - wie eine riesige, groteske Projektion - zeichneten sich die Umrisse der Hauptstadt des Grauens - Gigantopolis - ab.

Kaphoon warf einen erschreckten Blick auf die schemenhafte Stadt, die sich ihm darbot, als würde sie aus wirbelnden Nebeln erst langsam entstehen.

Dies war Apokalyptas Reich. In dieser Stadt war sie zu Hause, die Stadt sollte für alle Zeiten auf Xantilon erstehen und den Palast ablösen, in dem sie sich widerrechtlich aufhielt und aus dem die rechtmäßigen Herrscher vertrieben oder getötet worden waren.

Mit jener Stadt untermauerte Apokalypta ihren Anspruch auf die Macht in diesem Teil Xantilons.

Kaphoon atmete schnell. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und der junge Kämpfer, der aussah wie ein schöner Barbar, war in Schweiß gebadet.

Über seinen Oberarm und seine Schultern lief Blut. Dort war er von der Waffe seines Gegners getroffen worden.

Was für ein Wahnwitz!

Kaphoon, der Sohn des 'Toten Gottes', der gekommen war, um Apokalypta zum Kampf zu stellen, wurde jenem Mann empfindlich verletzt und in die Flucht geschlagen, der er einmal selbst sein würde.

Dabei wollten beide das gleiche. Den Einfluss der bösen Mächte eindämmen und zunichte machen. Es stand schlecht um Xantilon. Durch die Macht der schwarzen Priester, geführt durch den Obersten der Kaste, Molochos, stand das Land nahe vor dem Untergang. Es gab keine Stadt mehr, keinen Ort, wo nicht erbittert gekämpft wurde. Es war der Kampf zwischen Dämonen und Mensch und zwischen den Menschen selbst, die überzeugt davon waren, auf der Seite der Dämonen kämpfen zu müssen. Viele taten es freiwillig, andere wurden gegen ihren Willen gezwungen. Sie wussten nicht, was sie taten.

Kaphoon sah den Mann, der eigentlich sein Freund hätte sein müssen, um hier im Kampf gegen das Böse zu unterstützen, mit erschreckender Geschwindigkeit näherkommen.

Durch die Verletzung wagte er es im Moment nicht, sich erneut dem Gegner zu stellen. Dann würde Apokalypta zu dem Triumph kommen, auf den sie nur wartete.

Kaphoons Atem flog. "Lauf... lauf, Anyxa...", entrann es seiner trockenen Kehle. "Auf dich setze ich meine ganze Hoffnung.... du musst es einfach schaffen... lauf nicht nach Gigantopolis! Dort wird sie erreichen, was sie will... die schreckliche Dämonin ist ganz nahe ihrem Ziel... Lauf, Anyxa, lauf!"

Seine Stimme klang gebrochen und schwach. Der starke Blutverlust machte sich bemerkbar. Jeder Schritt, den Anyxa, die Schimmelstute, macht, wurde für ihn zur Qual.

Doch er hielt durch, biss die Zähne zusammen und forderte von seinem geschwächten Körper äußerte Kraft.

Mit leichtem Schenkeldruck war es ihm möglich, das kluge Tier auf das, was wer wollte, aufmerksam zu machen. Immer wieder flüsterte er leise auf es ein, und es schien, als würde das Pferd die Ohren spitzen und genau zuhören.

"Nicht nach Gigantopolis... links, Anyxa... lauf links...", flüsterte er unaufhörlich.

Mit fiebernden Augen war er noch mal den Blick zurück und musste zu seinem Erschrecken feststellen, das der Abstand sich weiter verringert hatte. Hinter ihm folgte sein 'Zukunfts-Bruder', der nur von dem Gedanken besessen war, ihn als Feind auszumerzen, um Apokalypta den größten Gefallen ihres Lebens zu tun und schließlich an ihrer Seite in jener aus dem Nichts entstehenden Stadt zu herrschen.

Es passte genau zur Prophezeiung.

Die besagte, dass eines Tages einer kommen werde, der ihm ähnlich sehe wie ein Ei dem anderen. Sie würden sein wie Zwillinge - und doch bis auf den Tod verfeindet. Auch der Grund, weshalb jener andere kam, der ihm so ähnlich sah und der er in einer fernen Zeit einmal sein würde, war ihm klar. Er kannte sogar seinen zukünftigen Namen. Doch darüber wollte Kaphoon jetzt nicht nachdenken, weil unzählige andere hektische Gedanken seinen Kopf erfüllten.

Anyxa reagierte!

Er nahm es nur ganz schwach und wie im Einschlafen wahr. Er war zu erschöpft, um seine Umgebung und das, was sich ereignete, mit vollen Sinnen aufnehmen zu können.

Wie hinter wirbelnden, blutroten Nebeln, gewahrte er die Umrisse von Gigantopolis, die sich schärfer aus dem Nichts heraushoben.

Apokalypta ließ die Stadt, in der sie wirklich zu Hause war und die absolute Herrschaft ausübte, aus dem Nichts entstehen.

Kaphoon bemerkte, wie sich wieder misstrauische, analysierende Gedanken bemerkbar machten, die immer dann aufkamen, wenn es um Gigantopolis ging. Er fragte sich, ob die dämonische Kriegsherrin nicht, wie in so vielen Fällen, falsche Tatsachen vorspiegelte, eben einen großen Bluff veranstaltete - sondern ob sie wirklich imstande war, jenes Reich einfach verschwinden zu lassen, in das sie ursprünglich gehörte.

Bis zur Stunde war es ihm nicht gelungen, das herauszufinden.

Dabei wusste er, dass er den Schlüssel zu dem Geheimnis in seinem Bewusstsein trug. Doch der Weg dorthin war ihm auf eine rätselhafte Weise verwehrt.

Anyxa jagte wie von Sinnen davon.

Das wellige, hüglige Land fiel sanft zum Meer hin ab. Eine frische Brise wehte dem Erschöpften in das heiße fiebrige Gesicht.

Unwillkürlich und ohne dass es ihm bewusst wurde, öffnete er den Mund und atmete gierig die klare Luft.

Das weiße Pferde schlug Haken wie ein Hase. Selbst jetzt, nach diesem hastigen Tempo, waren Anyxas Kräfte kaum in Mitleidenschaft gezogen. Ihr Atem war nicht beschleunigt, ihr Herz schlug ebenfalls nicht schneller. Es war gut, dass dieses Tier noch solche Kraftreserven aufbrachte.

Anyxa verschwand hinter einem hohen Hügel, der bewaldet war. Kaphoon bekam dies nur beiläufig mit.

"Halte durch..." stieß er heiser hervor. "Du weißt, worauf's ankommt... führe mich weg aus dieser Gefahr. Ich darf ihm nicht - zumindest nicht unter diesen Vorzeichen - noch mal begegnen. Es geht hier nicht um meinen Tod in dieser Zeit - es geht dabei um viel mehr. Aber er kann das nicht mehr erkennen. Lauf, Anyxa, lauf!"

Immer wieder diese gleich klingenden Worte, die er in einem bestimmten Rhythmus sprach.

Anyxa war auf den Tonfall dieser Worte dressiert. Nur im Augenblick höchster Gefahr, und wenn Kaphoon keinen Ausweg mehr aus der Situation wusste, macht er von diesen Worten Gebrauch.

Sie hörten sich an wie eine Beschwörung.

Hinter dem hohen Hügel begann eine beinahe liebliche Landschaft. Sie wirkte unberührt und verträumt. Bäume bildeten eine regelrechte, naturgewachsene Mauer.

Kaphoon klammerte sich an die Mähne und presste seine Schenkel, so gut es ging, gegen den warmen Leib des Tieres.

Anyxa lief genau in die Wand aus Blättern hinein. Die weichen Äste gaben nach wie eine Wand aus Gummi. Es entstand fast kein Geräusch.

Das Blattwerk berührte seinen Körper wie streichelnde Hände.

Kaphoon kämpfte gegen die Ohnmacht, die ihn zu besiegen drohte. Er war zu schwach, um auch Anyxa noch jene Worte zuzuflüstern, die den Lauf und die Richtung des Pferdes bestimmten.

In vielen Versuchen war es hundertprozentig gelungen. Nun - im Ernstfall - würde es sich zeigen, ob sein treuer, vierbeiniger Begleiter begriff, worauf es für ihn ankam.

Wo Anyxa die niedrigen Stauden niedertrampelte, richteten sie sich Sekunden später zu voller Größe und unbeschädigt wieder auf.

Diese besondere Art der Pflanzen kam seinem Vorhaben entgegen. Dies war ein Grund, weshalb Kaphoon sich in diesem Winkel der Insel, nahe der Burg, die von Apokalypta im Handstreich erobert worden war, ein bisher unbekanntes Versteck geschaffen hatte.

Doch sein Verfolger war ihm auf den Fersen. Und auch dieser tapfere, mutige Mann, dem man nicht verübeln konnte, dass er durch seine Verblendung, durch die Irreführung, in ihm den Todfeind sah, erkannte seinen Fluchtweg.

In gestrecktem Galopp lief dass weiße Pferd des Schwerverletzten in die Talsenke jenseits der Hügel.

Erst jetzt wurde auch das leise Gurgeln und gleichmäßige, monotone Rauschen hörbar, für das es zunächst keinen sichtbaren Grund zu geben schien.

Doch der Eindruck täuschte.

Hinter einer Baumreihe, die so gleichmäßig war, als hätte einst ein Gärtner jeden einzelnen Stamm gesetzt, plätscherte ein gurgelnder Bach den sanften Abhang hinab.

Die Landschaft war romantisch und schien ein Teil des Paradieses widerzuspiegeln.

Es war kein Bach, der einer Quelle der großen Felsen entsprang, die wie Fremdkörper kahl und glatt aus dem Boden wuchsen, sondern aus einer höher gelegenen Mulde stammte, in der nur ein handbreiter Riss vorhanden war. Aus dem ergoss sich ständig Wasser über die Felswand nach unten, sprang über die Steine und wurde schließlich zu einem gurgelnden, rasch fließenden Bach, in dem sich buntschillernde Fische und sonstiges kleineres Wassergetier tummelt.

Ein schmaler, steiniger Pfad führte links um den Felsen herum und ging steil aufwärts.

Die Steine saßen fest im Boden. Selbst unter dem Trommeln der Pferdehufe löste sich nicht ein einziger.

Vom Felsen herab sprangen viele Kaskaden in die Tiefe und wurden in breiten, durch die Natur geformte Mulden in den Steinen aufgefangen.

Das Wasser, das sich in den Behältnissen sammelte, schwappte nicht über die Ränder, sondern versank darin auf rätselhafte Weise wieder im Gestein, als wäre es porös oder befände sich darin ein unterirdischer Ablauf.

Außer den vielen kleinen Wasserfällen gab es einen großen, der seine gischtenden Massen in die Tiefe schickte. Unten in der Felsmulde vermischten sich die herabkommenden Mengen mit dem Auffangwasser, und es entstand nur ein leises, gurgelndes Geräusch, das im Rhythmus genauso zum Fliesen des Baches passte.

Anyxa, Kaphoons Schimmelstute, jagte den schmalen Pfad hoch. Das riesige Felsengebilde, von dem es mehrere in dieser Gegend, nahe einer Bucht, gab, war Kaphoons Versteck und Zufluchtsort.

Bei Anyxas strammen Lauf lockerte sich der Griff des tapferen Kämpfers, und Kaphoon begann langsam vom Pferderücken zu gleiten.

Zwischen dem Plateau, wo die Schimmelstute ankam, und dem Wasserfall, der sanft und gleichmäßig aus der Höhe plätscherte, befand sich ein breiter, wassergefüllter Graben, der unmöglich auf einfache Weise zu überwinden war.

Selbst Anyxas Sprungkraft reichte nicht aus, dies zu vollbringen.

Die Stute drückte mit ihrer feuchten Schnauze auf einen bestimmten Felsteil, der sich genau in Augenhöhe links neben ihr befand.

Etwas Eigenartiges geschah...

Wie Stempel drückten sich große, dunkle Felsenflächen aus der Tiefe und bildeten eine mehrfach unterbrochene Brücke, die von diesseits bis jenseits des Grabens reichte.

Noch ehe der Untergrund sich ganz hervorgehoben hatte, lief Anyxa schon über den Rand des Grabens und benützte geschickt die ovalen Felsstempel, um auf die andere Seite zu gelangen.

Der Wechsel währte nur wenige Augenblicke.

An der gegenüberliegenden Felswand - direkt neben dem Wasserfall - angekommen, wandte das Pferd wie unter innerem Zwang, als würde es aus dem Unsichtbaren aufgefordert, ruckartig den Kopf und stieß mit der Schnauze, ebenfalls in Augenhöhe, gegen den Felsen.

Die Felsbrocken im Wassergraben sanken im gleichen Augenblick lautlos in die Tiefe.

Man konnte sie nicht mehr sehen.

Anyxa trabte um den Felsvorsprung herum, und Kaphoon hing schon bedrohlich an ihrer Seite. Seine kraftlosen Hände waren kaum noch imstande, das Gewicht oben zu halten.

Von alledem bekam er nichts mit.

In der Ohnmacht noch krallte er sich instinktiv in Anyxas Mähne, um den Sturz zu verhindern.

Da tauchte die Schimmelstute in den Wasservorhang ein. Im Nu waren Fell und die geringfügige Kleidung des bewusstlosen Kaphoon förmlich durchnässt.

Anyxa verschwand hinter dem Wasservorhang, und durch den Druck der herabfließenden Fluten wurde Kaphoon förmlich vom Rücken der Stute gespült.

Er stürzte jenseits des Wasserfalls auf den Boden.

Die Höhle dahinter schien sich bis ins Unendliche auszudehnen und war von außerhalb des Wasservorhangs nicht einsehbar.

Anyxa blieb wie erstarrt neben dem blonden, bewusstlosen Mann stehen, senkte ihren Kopf und blickte mit traurigen Augen auf den Reglosen zu ihren Füßen.

***

Draußen in der Senke zwischen den beiden gleichartigen Hügeln tauchte in diesen Sekunden der verfolgende Reiter auf.

BJÖRN HELLMARK!

Aufmerksam blickte er sich in der Runde um. Er verhielt im Schritt und lauschte.

Außer dem Sprudeln des Wassers lag kein weiteres Geräusch in der Luft.

Doch... aus der Ferne näherte sich Pferdegetrappel. Gleich darauf tauchten Apokalypta und Tantor, ihr Begleiter, auf.

Gemeinsam durchsuchten die drei die Ebene, die Umgebung der Hügel und das hügelige Hinterland.

Hellmark war es, der aus einer Laune heraus plötzlich auf den Gedanken kam, auch auf dem glatten, kahlen Felsen mit den zahlreichen in den Mulden entstandenen Seen einmal nachzusehen.

Doch Apokalypta winkte ab. "Da hinauf wird er sich in seinem Zustand wohl nicht gewagt haben", lautete ihr Kommentar.

"Da hast du recht, Herrin", nickte Tantor. "Er muss sich irgendwo hier hinter Büschen, Bäumen oder Hügeln verbergen..."

Also suchten sie dort weiter. Aber ihr Bemühen blieb ergebnislos. Kaphoon war verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Apokalypta rechte ihren Kopf, und trotz des enttäuschenden Vorgangs zeigte sich ein triumphierender Zug in ihrem Gesicht. "Vielleicht schlägt er mich mit meinen eigenen Waffen", bemerkte sie leise, ohne weiter darauf einzugehen. "Aber damit wird er nicht weit kommen. Wir werden ihn schon noch finden. Wenn nicht jetzt... dann eben später." Sie lenkte ihren Blick auf Hellmark. "Auf dich kann ich mich verlassen, Geliebter", fügte sie hinzu. "Du hast mir doch versprochen, mir seine Leiche zu Füßen zu legen, nicht wahr?"

Der Mann aus der Zukunft nickte. "Du bist meine Gebieterin, und ich werde alles für dich tun, was dir nützen wir", entgegnete er. Nochmals blickte sie sich in der Runde um und ließ ihren Blick in die scheinbar endlos wirkende Bucht schweifen.

"Bist du dir ganz sicher, Björn, dass Kaphoons Weg hierher geführt hat? Kann es nicht auch so sein, dass er an Gigantopolis vorbeigeritten ist - oder ganz und gar durch eins der sieben offenen Tore in die Stadt geflohen ist? Du bist der erste und einzige gewesen, der sich ihm sofort an die Fersen heftete. Vielleicht ist dir in der Eile doch etwas entgangen..."

Sie suchten daraufhin nochmal die ganze Umgebung ab, ritten bis zur Bucht vor, konnten aber hier keine Spuren feststellen.

Da verließen sie schließlich das kleine Land hinter den Hügeln und ritten hinaus in die freie Ebene, wo sich Gigantopolis inzwischen materialisiert hatte.

Gewaltig und unüberschaubar groß in ihren Ausdehnung breitete sich die rätselhafte Stadt vor ihnen aus.

Ein gleißender Schimmer lag um ihrer Türme, gewundene Brücken und spiralförmige Aufgänge, die sich an den säulenartigen Gebäuden emporrankten.

Die Türme standen so dicht beieinander, dass es unmöglich war, von hier aus zu erkennen, dass es sich um einzelne Gebilde handelte.

Ein geheimnisvolles Raunen und seltsame Töne drangen aus Gigantopolis her den Dreien entgegen.

Die Stadt war völlig materialisiert, und doch machte sie den Endruck, als läge ein seltsames Schimmern über ihr, und sie würde wieder in der Welt des Unsichtbaren, aus der sie kam, verschwinden.

Hellmark blieb eine Pferdelänge hinter der Frau zurück, von der er meinte, sie zu lieben, weil Apokalyptas hypnotischer Bann in ihm diese Gefühle weckte.

Tantor und die Dämonin ritten nebeneinander zu einem der Eingänge, die aussahen, als wäre dort ein riesiges Ei halbiert.

Die Öffnung bildete den Eingang - einen der Zugänge in die unheimliche Stadt.

Tantor und Apokalypta ritten nebeneinander her.

"Es hat nicht so geklappt, wie du es gern haben wolltest", musste sich die 'ewige Unheilbringerin' gefallen lassen. "Mir gefällt das Spiel nicht, dass du eingeleitet hast..."

Sie lachte leise, und es hörte sich an wie das Gurren einer Taube. "Deine Zweifel sind nicht gerechtfertigt, Tantor. ich habe mir seinen Untergang genau verstellt."

"Lass es nicht zu deinem werden, Apokalypta..."

"Du siehst die Dinge zu schwarz."

"Ich mache mir Gedanken - und Sorgen."

"Das brauchst du nicht, Tantor. Ich weiß genau, was ich tue. Dieser Mann wird an meiner Seite herrschen, und er wird genau das Gegenteil von dem tun, was er sich ursprünglich vorgenommen hat. Es gibt Mittel und Möglichkeiten auch jene vom Weg abzubringen, den sie meinen gehen zu müssen..."

"Nicht bei ihm, Apokalypta."

"Andere haben versucht, ihn mit anderen Mitteln zu Fall zu bringen. Molochos ist bis jetzt gescheitert. Sein Stand ist nicht einfach. Wenn Ra-T-N'my zürnt, wird er es zu spüren bekommen. Er hat seine Chance verpasst. Nun liegt es an mir, das Interesse und die Aufmerksamkeit unserer großen Göttin auf mich zu ziehen. Hier auf Xantilon, hier in der Vergangenheit der legendären Inselwelt, kann es zum Zusammentreffen Kaphoon-Hellmark kommen... Nein, es muss zu einer Begegnung kommen."

"Es kann", verbesserte Tantor sie.

Nein - es muss!" Die dämonische Kriegsherrin schüttelte heftig den Kopf und beharrte auf ihrem Standpunkt. "Kaphoon kennt das Geheimnis. Sein Auftrag ist es, dieses Geheimnis an Hellmark weiterzugeben. Davon aber ahnen beide nicht das Geringste. Erst bei der Begegnung, die unter besonderen Umständen stattfinden muss, kann es dazu kommen.  Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere jedoch - ist Kaphoons Tod und damit wird die Möglichkeit eingeschränkt, dass er sein Geheimnis an Hellmark und dessen Zeit weitergeben kann, um damit eine unheilvolle Entwicklung abzuwenden. Und das, Tantor, wollen wir doch beide nicht, nicht wahr?"

Sie sprach leise. Nur der Mann neben ihr konnte sie verstehen. Hellmark schräg hinter ihr, bekam nicht ein einziges Wort mit.

"Genau die Begegnung ist das Risiko, vor dem ich dich stets gewarnt habe", sagte Tantor. "Du willst eine Welt gewinnen - und doch kannst du alles verlieren. Denk an Gigantopolis... denke an deine lieben Helfer, die ihren Ritt begonnen haben - denk an - dich!"

"Ich habe alles bedacht. Und du wirst sehen, dass ich zum Schluss recht behalten werde."

Mit diesen Worten schien sie das Gespräch als beendet zu betrachten.

Dann gab sie dem Reittier einen kaum merklichen Schenkeldruck und wenig später erreichten die drei Reiter einen der sieben Eingänge der Stadt und verschwanden durch ihn ins Innere von Gigantopolis.

***

Langsam kam Kaphoon wieder zu Bewusstsein. Er war noch zu geschwächt, um aufzustehen. Zentimeter um Zentimeter kroch er in das Innere der Höhle. Immer wieder musste er warten, neue Kräfte sammeln, um dann zu seinem Ziel weiter zu kriechen.

Er konnte nachher nicht mehr genau sagen, wie lange es gedauert hatte, bis er sein Lager erreicht hatte und sich der Heilkräuter bedienen konnte, die er für solche Fälle gelagert hatte. Die Wirkung der Pflanzen setzte augenblicklich ein. Sie wirkten so schnell, dass innerhalb einer halben Stunde die Wunden verheilt waren, so dass man nur noch verkrustete Stellen sehen konnte, wo das Schwert seines Doppelgängers getroffen hatte.

"Ich muss ihn finden und in diese Höhle bringen. Unter dem Einfluss der drei Manja-Augen, wird er erkennen und frei sein vom Bann Apokalyptas."

Er hatte inzwischen Anyxa gefüttert und getränkt. Draußen war es Nacht geworden. Er musste seinen 'Zwilling' finden, koste es was es wolle.

Er dachte nach. Die Prophezeiung sprach, dass noch fünf Gefährten seines 'Zukunft-Bruders' kommen würden. Vielleicht waren sie schon angekommen und - hoffentlich - frei vom Bann der Dämonin.

Kaphoon stieg auf und verließ sein Versteck auf dem gleichen Weg, wie er es betreten hatte.

***

Carminia Brado war auf der Flucht. Und nicht nur sie alleine. Pepe, ihr und Björn Hellmarks Adoptivsohn, Jim, der Guuf und zwei Männer - Rani Mahay und Arson, der Mann mit der Silberhaut *. Erst wurde sie, Pepe und Jim in die Vergangenheit nach Xantilon verschlagen, wo Rani und Arson wie Steinfiguren in einem Palast Apokalyptas standen. Dann, als sie es geschafft hatte, die beiden aus dem Bann zu lösen, wurden sie von Amazonen angegriffen und konnte mit Not und Mühe aus dem Schloss entkommen. Hinter einem Hügel hatten sie Rast gemacht und gesehen, wie sich die Altraumstadt Gigantopolis der Zeit anpasste, in der sie sich befand und die sieben Reiter der Apokalypta, die neues 'Material' in die Stadt brachten, um neue Monster zu erschaffen. Gleich darauf verließen die Reiter die Stadt wieder und verschwanden hinter den Wolken.

Sie standen dicht beisammen und starrten in den Himmel. Eine neuere Auseinandersetzung konnten sie sich nicht leisten, wenn sie jemals Björn Hellmark aus den Klauen des Bösen befreien wollten.

Jim, der Guuf stand ganz rechts und etwas weiter vorne am Hügel. Seine großen, runden und wimpernlosen Augen nahmen auch Dinge wahr, die sich nicht direkt innerhalb seines Blickfeldes befanden. Deshalb sah er die Gestalt zuerst.

"Björn!", stieß er plötzlich erregt hervor. "Da vorne ist... Björn."

Wie ein Wesen wirbelten die anderen herum. Ihre Augen richteten sich auf den Punkt, auf den Jim mit ausgestreckter Hand deutete. Ein Mann stand in Dunkelheit zwischen den düsteren Hügeln - offensichtlich mit seinem Pferd auf einem Felsplateau stehend und nur einen Steinwurf entfernt.

"Björn!" entrann es auch Carminias Lippen und ehe es jemand verhindern konnte preschte sie los und folgte der Gestalt, die jetzt ihr Pferd herumriss und davon galoppierte.

***

Kaphoons Herz schlug für einige Augenblicke höher, als er die kleine Gruppe von fünf Leuten beobachtete, die hinter einem Hügel standen und die Reiter der Apokalypta beobachteten, die hinter den Wolken verschwanden. Die Frau, sie kam ihm so bekannt vor.

Loana!

"Nein, das kann nicht sein!" murmelte er vor sich hin. "Sie ist tot." Es musste die Gefährtin seines 'Bruders' Björn Hellmark sein, die dort unten mit ihren Freunden rastete. Das unter ihnen ein Guuf war, störte Kaphoon nicht. Im Gegenteil. Es bedeutete nur, dass dieser Guuf auf der Seite des Guten stand.

Dann vernahm sein geschärftes Gehör einen unterdrückten Schrei und der Guuf deutete auf ihn. Sekunden passierte nicht, doch dann löste sich die Frau aus der Gruppe und ritt auf ihn zu.

Der Sohn des 'Toten Gottes' riss sein Pferd herum und preschte davon. Jetzt kam es darauf an, ob er sich getäuscht hatte oder nicht. Das Schicksal der Welt hing davon ab.

***

Ihr Herz schlug wie rasend, als sie den steilen, steinigen Pfad empor ritt, Sie hatte den Mann, der Björn Hellmark zu sein schien bis hierher verfolgt.

Carminia Brado erreichte den breiten Wassergraben über den ein normales Pferd normalerweise nicht hinwegspringen konnte. Aber da gab es zum Glück ovale Steine, die in unregelmäßigen Abständen das Wasser durchsetzten und für sie damit zu einer Art Steg wurde.

Die Brasilianerin kam in Höhe des Wasserfalls an.

Da ereignete sich etwas Sonderbares.

Der halbmondförmige Anhänger aus den Gärten des Hestus fing leicht an zu leuchten, und der Schein wurde stärker, je mehr sie sich der Mitte des Wasserfalls näherte.

Was hatte das zu bedeuten?

Carminia war furchtlos. Noch ehe ihre Freunde das Felsplateau erreichten, durchstieß sie mit ihrem Reittier den Wasservorhang, um zu sehen, wohin sich der Reiter begeben hatte.

Es wies alles daraufhin, dass sich dort ein Versteck befand.

Das halbmondartige Objekt aus dem glasfaserfeinen Gespinst an der Schnur um ihren Hals leuchtete so intensiv, dass ihr Ausschnitt und Gesicht in hellen Schein getaucht waren.

Mit der Zunahme der Helligkeit wurden Angst und Zweifel weit zurückgedrängt. Sie registrierte das mit Erstaunen.

Gab es zwischen der weißmagischen Wirkung jenes harmonischen Geistes der zur Materie geworden war, und dem, was hier oben geschah, einen Zusammenhang?

Es konnte eigentlich nicht anders sein.

Sekunden später schon erhielt sie Aufklärung.

Aus der dämmrigen Höhle, die sich hinter dem Wasserfall befand, trat eine Gestalt. Sie führte den Schimmel an der Hand.

Aus allernächster Nähe, wo der Widerschein aus ihrem halbmondartigen Anhänger auch den Körper des blonden Mannes erreichte, konnte sie mehr erkennen, als vorhin aus der Ferne.

Carminia Brado stand - Kaphoon gegenüber.

***

Kaphoon wartete in Schatten der Höhle, die Frau würde ihn finden. Er hatte den versteckten Übergang durch das Wasser nicht wieder zurückgleiten lassen. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt. Nach seiner Verletzung war das Risiko in Apokalyptas Gewalt zu gelangen größer als je zuvor.

Schritte... Hufgetrappel... Sie kam. Jetzt würde es sich zeigen, ob er recht hatte.

Ein helles Leuchten drang zu ihm durch. Er konnte das Gesicht der Frau genau erkennen. Ja, sie sah Loana wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Die selben Bewegungen, die gleiche Haltung, und doch - es war nicht Loana.

Kaphoon trat aus dem Schatten heraus.

"Es wird alles gut" sagte er zu ihr.

Die Frau atmete tief durch. Sie schien nun zu verstehen, das er nicht der war, für den sie ihn zuerst gehalten hatte.

"Wir kennen uns beide - und doch sind wir fremd füreinander", fuhr der Sohn des 'Toten Gottes' fort. "Ich musste zuerst ganz sicher gehen und habe alles auf Spiel gesetzt. Nach dem Kampf und den Verletzungen, war die Gefahr sehr groß, sich in Apokalyptas Netzen zu verstricken."

Er bemerkte, dass Lornas Ebenbild die Stellen auf seiner Haut ansah, an der ihn Hellmarks Schwert getroffen hatte. Er konnte ihre Gedanken erraten.

Kaphoon lächelte. "Ich habe mir hier ein Versteck geschaffen, das eine wahre Barriere gegen die magisch-hypnotischen Kräfte der Dämonin darstellt. Doch das ist nur eine von vielen Schutzmaßnahmen, die ich treffen musste, nachdem zu erkennen war, dass Molochos' Kraft und die seiner dämonischen Schergen mehr und mehr hier auf Xantilon wächst. Es gibt kaum ein Dorf, kaum eine Stadt, in der nicht Menschen durch die kriegerischen Ereignisse zu Tode kommen. Fast stehe ich alleine auf weiter Flur da, und habe den Kampf in der Hoffnung aufgenommen, Mittel und Wege zu finden, doch noch ein Bollwerk gegen das Grauen zu errichten, das sich von einem Ende zum anderen dieses Kontinentes wälzt. Hier, in dieser Höhle schützt mich die geballte Kraft von drei Augen des heiligen Vogels, und ich habe darüber hinaus einen Vorrat von heilkräftigen Pflanzen und Essenzen angelegt, der mir gerade heute nach dem Zusammenstoß mit ihm - Hellmark - zugute kam."

Er berichte Carmina Brado, die ihm mittlerweile ihren Namen genannt hatte, von dem Kampf und ließ sie wissen, was sich alles nach seiner Flucht hier ereignet hatte.

Kaphoon musste in diesem Moment eine unheimliche Beherrschung aufbringen. Er sah in der Frau Loana. Aber er wusste, dass es sich nicht um die Loana handeln konnte, die um diese Zeit in der Vergangenheit für die ihn als Gefährtin maßgebend geworden war.

Sie sprachen auch darüber.

"Als ich euch vorhin alle da drüben in der Senke beobachtete und dich sah - da begann mein Herz schneller zu schlagen", kam es über seine Lippen, bevor er es verhindern konnte. "Aber dann hielt ich mir vor Augen, dass es nicht sein kann."

Carminia sah das Trauer kurz in seinen Augen aufleuchtete.

"Loana ist tot. Ich habe sie verloren. Auf Kh'or Shan in jenen Tempeln, wo unser Bündnis besiegelt werden sollte. Ich habe alles darangesetzt, sie noch zu retten - doch es war vergebens. Bleibt nur die Hoffnung, ihr wieder zu begegnen, in einem anderen, zweiten Leben..."

"Oder in einem dritten oder vierten...", gab die Brasilianerin zur Antwort.

Kaphoon wandte kurz die Augen von ihr. "Deine Freunde kommen", kündigte er an. "ich höre ihre Schritte..."

Durch den Vorhang aus Wasser bahnten sich zwei Männer mit gezückten Schwertern den Weg, gefolgt von einem Jungen und einem jungen Guuf. An den Hälsen der beiden Jungen glühten die selben halbmondartigen Anhänger, den auch Carminia Brado trug.

Kaphoon gab dafür eine Erklärung. "Dies weißt euch als tatsächliche Freunde aus, und nicht als Feinde oder visionäre Puppen Apokalyptas. Die Kraft des 'Schwarzen Manja' spiegelt sich wieder im reinen Geist jener, die dafür auserkoren waren, jene Gebilde zu schaffen. Sie mussten sich überwinden und eins werden mit dem großen Schöpfergeist der Universen... ich will es euch zeigen."

Gleichzeitig hatte er die leeren Handflächen nach außen gerichtet, um den beiden Männern zu zeigen, dass sie als Freunde Carminias - Loanas - keinen Feind in ihm hatten.

Die Beiden hatten verstanden und steckten ihre Schwerter ein. Dann erfuhr er ihre Namen.

Kaphoon führte sie zu seinem Aufenthaltsbereich. Im Boden, direkt neben seiner Liegestatt, befand sich eine Mulde, die er mit dunkelblauem, samtartigem Stoff ausgelegt hatte. Und darin - drei faustgroße, rubinrote, augenförmige Steine, die allesamt aussahen, als wären es ungeschliffene Edelsteine - die Augen der Manja.

"Ihr seid aus einem Körper und einer Seele entstanden", bemerkte Carminia Brado. "Und gemeinsam könnt ihr euch ergänzen im Kampf gegen die Mächte, die sich anschicken, die Erde zu erobern, wobei Gut und Böse als Werkzeug dienen..."

Kaphoon nickte. "Es gibt die Schriften der Propheten", erwiderte er auf die Bemerkung der Brasilianerin. "Diese Schriften kennen auch unsere Feinde. Daraus geht hervor, das ein natürliches Zusammentreffen zwischen Kaphoon und dem zweiten Kaphoon, der als Björn Hellmark wiedergeboren wurde, unbedingt herbeizuführen sei. In dieser Zeit sind die Tage nicht reif, um erfolgreich gegen Molochos, Rha-Ta-N'my, Apokalypta - und wie sie alle heißen - zu wirken. In ferner Zeit aber werden sich die Erkenntnisse und Entdeckungen dieser Tage für einen lohnen, in dessen Adern das Blut der alten Rasse Xantilons fließt. Ich selbst werde dies sein, ohne zu begreifen, warum das so ist, und weshalb ich auserkoren wurde, den Weg noch mal zu gehen. Kaphoon und Hellmark bilden in diesen Tagen eine Einheit. Aber einer weiß es nicht: das ist Björn Hellmark. Er ist zu meinem Feind geworden, er will mich auslöschen. Damit vernichtet er aber seine Eigene Existenz in jener Zeit aus, in die er gehört und wo die wahren Probleme auf ihn warten. Die Dämonen und ihre Schergen versuchen immer wieder, ihn in andere Reiche, Paralleluniversen und Welten der Finsternis zu locken, um freie Hand in der Welt zu haben, wo sie wirklich noch nicht fest Fuß gefasst haben. Die ist eins, was ich ihm sagen muss. Sein Platz ist auf der Erde und in der Zeit, in die er hineingeboren wurde. Die Umstände und die geschickten Manipulationen der Finsteren sind bisher dafür verantwortlich zu machen, dass Hellmark sich nun an einem Punkt befindet, wo seine Existenz aufs höchste gefährdet ist... doch noch ist nichts verloren. Die Begegnung muss zwischen uns stattfinden. Ich muss ihm den Schlüssel übergeben. Das ist aber nur möglich, wenn Björn Hellmark sich vollkommen aus Apokalyptas Einflussbereich gelöst hat. Aus eigener Kraft jedoch ist ihm das bis her nicht geglückt. Als gibt es nur den einen Weg, nach Gigantopolis eindringen und ihn dort in einem Handstreich herauszuholen. Alles andere wird sich dann hier in dieser gereinigten Atmosphäre wie von selbst erledigen..."

Die anderen stimmte ihm zu. Es war für sie ein Erlebnis, das sie nicht in Worte fassen konnten. Sie trafen den Original-Kaphoon, von dem Björn in seinen Erinnerungen an sein früheres Dasein die ein oder andere Erinnerung berichtet hatte. Doch dies hier war etwas ganz anderes.

Kaphoon hatte schon mehr als einmal den Plan gefasst, in die Alptraumstadt einzudringen. Aber der junge Kämpfer wusste auch, was für Schwierigkeiten damit verbunden waren und bis jetzt hätte es für ihn auch nichts gebracht. Nun, da sich Hellmark dort befand, der Mann, der er einmal in ferner Zukunft sein würde, lohnte sich das Risiko, etwas zu unternehmen.

Das Erscheinen der fünf Freunde Hellmarks war gerade zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.

"Es passt in die Prophetie, die nur bildhaft zu begreifen ist", erklärte er. "Es heißt, dass einer dabei sein wird, mit dessen Hilfe sich die Tore von Gigantopolis lautlos öffnen lassen."

Zunächst verstand dies keiner so recht von den Freunden Hellmarks, doch dann, als sie alle ihre Fähigkeiten überdacht hatten, kamen sie schließlich darauf, dass es Pepe sein könnte, der diese Person verkörperte, die von einem weisen Propheten schon in fernster Vergangenheit in hellsichtiger Schau gesehen worden war.

Das gemeinsame Zusammentreffen und die Erkenntnis, dass sie alle am gleichen Strang zogen, veranlasste sie, die Befreiungspläne sofort zu erörtern.

"Sicher ist die Dunkelheit ein großer Schutz für unser Vorhaben", meinte Arson, der ebenfalls großen Wert darauf legte, das Geheimnis der Alptraumstadt zu ergründen, um ihr Auftauchen in der Zukunft der Erde zu verhindern.

"In der Stadt selbst herrscht immer Dunkelheit", klärte Kaphoon ihn auf. "Was ich darüber weiß, ist dies: in Gigantopolis liegt das das Geheimnis, dass es Apokalypta ermöglicht, in jede Welt einzudringen, ohne selbst jemals am Ort zu sein. Und dort liegt auch das Geheimnis der sieben schwarzen Todesboten, die sie auf Schritt und Tritt begleiten und die außerhalb ihres Herrschaftsbereiches den Pfad ebnen, um ihre Macht zu vergrößern.

Carminia Brado teilte Kaphoon mit, dass die sieben schwarzen Todesboten sich zur Zeit auf der Erde aufhielten und von Björn Hellmark gesehen worden waren.

Es kam heraus, dass in Apokalyptas schwarzen Rittern zerstörerischer Geist wirkte, dem sie Gestalt verliehen harre. Sie hatte diesen Geist in die magischen Rüstungen gezwungen, und die schwarzen Pferde stammten aus den Höllenställen von Ustur, dem Unheimlichen, der sie ihr einst als Geschenk gemacht hatte.

Pferd und Reiter bildeten seitdem eine Einheit und erfüllten Apokalyptas Wille seit ihrer Wiederkunft in der Welt. Sie konnten praktisch an jedem Punkt der Erde auftauchen und dort Unheil anrichten. Kaphoon wusste, dass die sieben Todesboten auszogen, um 'Tote zu bringen'...

"Und in Gigantopolis, der Stadt des Grauens, werden sie dann zu Apokalyptas Eigentum, nachdem sie keine Seelen mehr haben", sagte er abschließend.

Sie beschlossen, gemeinsam durch die Dunkelheit zu ziehen, um zu nächst so nahe wie möglich an Gigantopolis heranzuschleichen.

Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, zumal damit zu rechnen war, dass Apokalypta nach all den Ereignissen in der jüngsten Vergangenheit wohl kaum annahm, dass noch einer von ihnen die Kraft fand, etwas zu unternehmen.

"Bis wir genau wissen, wo sich Hellmark aufhält, müssen wir durch die Stadt streifen", machte Kaphoon sich nochmal bemerkbar. "Aber dort gibt es keine Menschen mehr. Nur - Monster, Wesen, deren Anblick einem schon das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und unter ihnen müssen wir uns bewegen. Doch sie dürfen uns nicht als Menschen erkennen.

"Dann müssen wir uns wohl maskieren", konnte Mahay sich nicht die Bemerkung verkneifen.

Kaphoon nickte. "Mit einer Verkleidung müssen wir uns schon zufrieden geben."

Er holte aus einem Versteck lange, dunkle Gewänder. Dann nahm er aus der Bodenmulde die drei Manjaaugen, reichte eines Rani, das zweite Arson, das dritte steckte er sich selbst in den Gürtel und verschnürte es fest, um es nicht zu verlieren.

"Das dürfte als Schutz ausreichen, wenn es brenzlich werden sollte", erklärte er. "Und ihr...", damit blickt er Pepe, Jim, den Guuf, und Carminia an, "seid durch die Geisteramulette der Weisen bestens behütet."

Sie machten sich nicht sofort auf den Weg. Kaphoons Versteck enthielt genügend Lebensmittel und Getränke, die allen zugute kamen und nach den zurückliegenden Abenteuern entsprechend schmeckten.

Bei dieser Gelegenheit kam eine freundschaftliche Atmosphäre auf.

Sie erörterten nochmals in allen Einzelheiten ihr Vorhaben, und Kaphoon kam auf das Leben in Gigantopolis zu sprechen, das von besonderer Art sein musste und doch irgendwie seltsamerweise menschliche Züge aufwies.

Während Mahay den Umhang um seine Glatze drapiere, meinte er: "Fehlt nur eine richtige Dämonenmaske. Dann erkennt mich kein Monster dort..."

"Das hab' ich ja nicht nötig", warf Jim, der Guuf, ein. "Ich bin ja dann gerade an der richtigen Stelle. Ich tauche als Original dort auf. Eine bessere Verkleidung kann man sich nicht wünschen. " Er grinste von einem Ohr zum anderen.

Trotz des Ernstes der Lage, mussten sie bei dieser Bemerkung lachen.

***

Der Weg zu den Außenmauern war nicht weit.

Ohne einen Zwischenfall kamen sie dort an.

Die Dunkelheit hüllte sie ein.

"Die Nacht ist besonders günstig", ließ Kaphoon sich flüsternd vernehmen. "Auf den Plätzen werden sich die meisten aus Gigantopolis versammelt haben, um die Ankunft der Todesboten zu beobachten. Das schien jedes mal ein besonderes Schauspiel zu sein. Es hat heute Nacht schon zweimal stattgefunden, wie ich beobachten konnte..."

Sie ließen die Pferde hinter einem Erdhügel zurück. Dort banden sie die Zügel an Pflöcke, die sie in die Erde rammten und legten dann die letzten zweihundert Meter zur Ringmauer zurück.

Das grobe, klobige Gestein ragte unbehauen vor ihnen empor.

Rani Mahay schätzte die Mauer auf mindestens dreißig Meter Höhe...

Dahinter ragten die schmalen, bizarren Türme in die Höhe. Nichts mehr von dieser rätselhaften Stadt erinnerte mehr an die blanken, glatten Flächen, die sie zu allererste im geheimnisvollen Schimmer wahrgenommen hatten. Die gewaltigen Ansiedlungen hinter den Zyklopenmauern sah aus wie eine einzige, gigantische Burg mit tausend Türmen, Erkern und Zinnen. Vom Gemäuer ging ein dumpfer, modriger Geruch aus.

Die Tore waren riesig. Als die Menschen davor standen, kamen sie sich winzig und verloren vor.

Es handelte sich um massive Holztore, dick wie Baumstämme und mit breiten Eisenstreifen versehen.

Da kam man nicht so einfach durch, ohne eine größere Aktion auszuführen.

Doch der Geist vermochte manchmal mehr als der Körper.

Das bewies Pepe.

Ein kurzer, konzentrierter Gedanke. In dem Schloss gab es ein kaum hörbares, dumpfes Knirschen. Dann lief ein Zittern durch die Tür.

Danach war alles vorbei.

Kaphoon machte die Probe auf Exempel. Vorsichtig drückte er einen Flügel nach innen. Mit einem Quietschen verbreiterte sich der Spalt . Kaphoon kam nicht umhin, in Gedanken Pepe ein Lob auszusprechen. Dann betrat er die finstere Stadt.

Dann winkte er den anderen ihm zu folgen.

Zum ersten Mal blickten sie hinter das massive Tor. Labyrinthartig zogen sich an erschreckend dich stehenden Häusern und Türme schmale Straßen und Gassen vorbei, die nur so breit waren, dass nicht mal zwei Menschen nebeneinander gehen konnten.

In den dunklen, aus unbehauenen Steinen bestehenden Häusern nahmen sie finstere, scheibenlose Fenster wahr, die sie wie tote Augen anstarrten.

Eine Atmosphäre des Zerfalls. Modergeruch...

Die Luft roch streng und gleichzeitig seltsam süßlich.

Sie drückten hinter sich das Tor wieder zurecht, wie sie es angetroffen hatten, und Kaphoon schärfte ihnen ein, sich die Stelle genau zu merken, für den Fall, dass sie fliehen mussten.

Der Sohn des 'Toten Gottes' ging ihnen voran. Der Boden unter ihren Füßen war grob gepflastert und holprig.

Weit und breit gab es nicht die Spur einer Vegetation zu sehen.

Nur klobige Steine, die dunkel, bizarre Gebäude und Türme formten.

Als sie die nächste Straßenecke erreichten, wurden sie zum ersten Mal auf das seltsame Flackern aufmerksam, das aus dem Boden unter ihren Füßen zu kommen schien.

Kaphoon, der den anderen vorausging, merkte, wie Carminia erschrak.

Es ist die Kraft des Feuers, die unter unseren Füßen spielt und aus der alles geworden ist", sagte er leise zu ihr. "Es geht ein Gerücht um, dass Apokalypta wie eine Nymphe einst aus der glutflüssigen Magma mit der entstehenden Erde stieg und seitdem als Legende durch die Hirne der Menschen spukt. Aber dass sie keine Legende ist, haben wir ja am eigenen Leib verspürt... aber die Glut der Kräfte, die die ganze Stadt erfüllt, wird uns nicht umbringen, wenn wir nicht einen schrecklichen Fehler begehen. Solange die Stadt noch steht, solange Apokalypta noch existiert und die sieben schwarzen Todesboten von hier aus hervorgehen - solange kann uns eigentlich nicht passieren.

Trotz dieser tröstenden Worte war es Carminia unheimlich zumute. Das Flackern unter ihren Füßen machte sie nervös.

Das stumpfe, glimmende Licht war manchmal auch an den Wänden und an den Türmen und Minarette zu sehen, so dass der Eindruck erweckt wurde, als würde unten in der Erde das Feuer besonders prasseln.

In den Straßen von Gigantopolis war die Luft heiß und stickig.

Schnell rann allen der Schweiß aus den Poren, und sie hatte Mühe mit dem Atmen.

Kaphoon tastete sich im wahrsten Sinne des Wortes Gasse für Gasse nach vorn, als er plötzlich in der Bewegung verhielt.

"Es ist nicht umsonst so ruhig", wisperte er. "Dort oben - ist der Grund..."

Er richtete den Blick aufwärts in den düsteren Himmel, aus dem sie herabkamen - die sieben schwarzen Todesboten der Apokalypta.

Gespenstig schwebten sie über der Stadt und kamen in die Tiefe. Vom Standpunkt der Freunde aus war dieser Ort nur wenige hundert Meter entfernt.

Die Beobachter sahen, dass die schwarzen Todesritter ihren unheimlichen Transport nach Gigantopolis brachten. Tote Pferde und Menschen...

Ein dumpfes Murmeln und Raunen lag in de Luft. Das kam von dort drüben, wo die Reiter jetzt aus ihrem Blickfeld entschwanden.

"Sie werden gebührend empfangen", murmelte Kaphoon. "Nachschub für Gigantopolis, Nachschub für die Armee des Grauens... vielleicht ist derjenige, den wir suchen, ganz und gar unter der Menge und nimmt an der Empfangszeremonie teil. Das würde uns kostbare Sucharbeit ersparen."

Er wollte weitergehen, blieb jedoch wie von einer unsichtbaren Hand getroffen stehen.

Es kam jemand aus der schmalen Gasse von links...

***

Sie reagierten fast zu gleicher Zeit.

Die in der dunklen Gasse von Gigantopolis eingedrungenen Menschen pressten sich dicht an das klobige, warme dunkle Gemäuer und zogen unwillkürlich die dunklen Gewänder weiter über den Kopf, so dass ihre schattengleichen Körper eins wurden mit der Dunkelheit in der Gasse.

Von links hörte man ein schweres Atmen, ein dumpfes Schlürfen, als ob jemand Mühe damit hätte, seinen massive Körper zu bewegen.

Kaphoon und seine Begleiter hielten den Atem an.

Dann sahen sie die düstere, plumpe Gestalt, die sich durch die schmale Gasse wälzte.

Sie hatte einen Leib wie eine etwas zu dick geratene Schlange. Der Oberkörper war steil aufgerichtet und ging über in einen ballonartigen, plumpen Schädel, der unendlich langsam hin und her schwang, so dass die Bewegung kaum wahrzunehmen war.

Dieses bizarre, alptraumartige Wesen hatte nur noch entfernte Ähnlichkeit mit einem Menschen. Das war der Kopf. Er war kahl und klobig und die Sinnesorgane darin tief eingesunken wie Druckstellen in einem zähen Brei.

Die Haut war grau-grün und blubberte, als ob unmittelbar darunter wie in einem Sumpf dicke Blasen entstehen und ständig platzten.

Dieses eigenwillige, unheimlich wirkende Geschöpf schob sich in der Dunkelheit an ihnen vorbei und wandte den Kopf nach rechts, so dass es genau in die entgegengesetzte Richtung blickte und die Beobachter nicht wahrnahm.

Das Monster bewegte sich fort, dass es sein verdicktes Hinterteil einzog, seinen Oberkörper dann dagegenstemmte und sich nach vorn drückte. Dabei gab es jedes mal einen dumpfen, zischenden Laut, als würde jemand seinen schweren Fuß auf den Boden setzte.

Ohne Zwischenfall glitt das Geschöpf aus der Alptraumstadt an ihnen vorbei.

Als sie es nicht mehr wahrnahmen, atmeten sie alle merklich auf.

"Das ist nur einer der Bewohner von Gigantopolis", weihte Kaphoon sie ein. "Einer, der noch verhältnismäßig, harmlos aussieht. Von dieser Sorte gibt's nur einige hundert hier. All die Tausende, viele Tausende, die in Gigantopolis auf ihre große Stunde warten, haben ein anderes Aussehen..."

Wenig später bekamen sie auch die zu Gesicht.

Der Weg bis zum Platz, wo sie die sieben Todesboten aus dem Himmel herabkommen sahen, waren nicht mehr weit.

Sie nützten die düsteren Toreingänge, die Nischen und Ecken zwischen den dunklen Gebäuden und Turmbauten, um sich dem Platz zu nähern, von dem her die Geräusche die die ganze Zeit über an ihr Gehör gedrungen waren.

Auch jetzt noch hielten sich Kaphoon und seine Begleiter sich in der Dunkelheit auf und machten nicht auf sich aufmerksam.

Der Sohn des 'Toten Gottes' hatte recht, wenn er behauptet, dass es mit dieser Nacht etwas ganz Besonderes auf sich habe. Der Zeitpunkt, den sie zum Eindringen nach Gigantopolis wählen war ideal. Die ganze Stadt war auf den Beinen, und mit einem Zwischenfall, wie Kaphoon ihn inszeniert hatte, hatte offensichtlich niemand gerechnet.

Lange Zeit, so begriffen sie jetzt, war die Aktivität dieser grausamen Stadt eingeschränkt gewesen. Apokalyptas Geist, der in den sieben Todesboten wirkte, war ganz auf Gigantopolis und die Kämpfe in diesem Teil Xantilons konzentriert gewesen und hatten erst durch das Lösen der sieben Siegel im Thronsaal des Sequus*  wieder eine Freiheit errungen, die für sie alle maßloses Erschrecken bedeutete.

Die sieben Todesboten waren gleichbedeutend mit dem leben dieser Stadt, mit dem Umfang der Macht, die sie für sich in Anspruch nahm.

Sie blieben in der Nähe der Mauer stehen und starrten hinüber zu dem riesigen Platz, der sich zwischen den Türmen ausdehnte.

Tausende von Gigantopolis-Bewohnern waren dort versammelt. Die Ansammlung der grauenvollen Gestalten ließ eine Gänsehaut auf den Rücken der Beobachter entstehen.

Nur eine Steinwurfweite von Kaphoon, Carminia, Rani, Arson, Pepe und dem Guuf entfernt, standen mehrere unförmige Kolosse zusammen, die aus atmendem Plasma zu bestehen schienen. Sie wirkten wie große Quallen, in denen an verschiedenen Stellen kugelrunde Augen mit menschenartigen Pupillen verteilt waren. Sie befanden sich in ständiger Bewegung.

Es gab echsenartige Ungeheuer, die auf zwei stämmigen Beinen wie Menschen gingen, denen man ihre menschliche Herkunft noch ansah.

Ein scharfer, ätzender Geruch lag in der Luft, und den Beobachtern fiel es schwer durchzuatmen.

Der Platz lag etwas erhöht, und Ranis Augen verengten sich, als er sah, was diese riesige, von Ungeheuern umstandene Fläche auszeichnete.

Ein Krater!

In ihm glomm es rötlich wie in einem riesigen Auge. Und in dem Glühen zeichneten sich düstere, bizarre Schatten ab, die an groteske Gebäude und Türme erinnerten. Es sah gerade so aus, als ob sich im Inneren des Kraters eine Stadt befände.

Im gleichen Augenblick musste Rani Mahay an die Vision denken, die er gehabt hatte, als er sich von dem zerstörten Schiff sprang, um sich vor den Gewalten und dem Angriff der Ursen in Sicherheit zu bringen.*  Bei dieser Gelegenheit nahm er - aus dem Meer steigend - einen Vulkankegel wahr, in dem eine seltsame Stadt sich befand.

Mahay begann, die Dinge plötzlich in einem neuen Licht zu sehen. Zeichnete sich schon damals Apokalyptas Einfluss ab? Gab sie zu verstehen, dass sie nicht gewillt war, Sequus alleine das Feld zu überlassen?

Er sah, wie die Reiter um den riesigen Krater kreisten und dann die Tierkadaver und die Toten, die sie mitgebracht hatten, kurzerhand in ihn hineinfallen ließen.

Was für eine gespenstische Szene!

Durch die Reihen der Monster ging Bewegung. Sie waren ganz auf das Geschehen hier, auf dieses unheimliche Ritual konzentriert, dass sie noch gar nicht auf die ungebetenen Gäste aufmerksam geworden waren, die es verstanden hatten, in dieser Nacht nach Gigantopolis zu kommen und Zeugen dieser Spukzeremonie wurden.

Die Geschöpfe, die dort vor ihnen versammelt waren, passten in ein Panoptikum des Grauens. Schauerlich anzusehende Gestalten, die kaum noch etwas Menschliches an sich hatten. Und doch musste Carminia ständig daran denken - waren diese Geschöpfe aus den Toten geworden, die man aus der dritten Dimension ihrer Gegenwart hierher nach Gigantopolis schaffte.

Kaphoon gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf, doch er ließ sich nicht anmerken. Die früheren Menschen waren jetzt zu tödlichen Gegnern geworden, mit denen man kein Mitgefühl mehr haben durfte.

Apokalyptas unheimlicher Geist war zu Umfangreicherem fähig, als sie alle gedacht hatten.

Hier kam es darauf an zu töten, weil der Tod wiederum für sie Vorteile brachte.

Gleich darauf sahen sie, auf welche Weise sich dies bemerkbar machte.

Wie die Geister kamen die Verwandelten aus dem Krater heraus.

Sie schienen von unsichtbaren Händen aus der Tiefe empor gedrückt zu werden, krochen über den Rand und landeten auf einer der großen, blau-schwarzen Fläche, die aussah wie eine wabbelnde Puddingmasse.

Die toten Menschen und Pferde, die man zuvor dem geheimnisvollen Vulkan übergeben hatte, waren nun nicht mehr reglos - jetzt bewegten sie sich. Aber ihre Körper hatten keine Ähnlichkeit mehr mit denen, die sie vorher waren.

Es waren unförmige, graue, plumpe Säcke, die wie eine Ansammlung von Fellen aus dem Krater krochen und sich außerhalb eine neue Form gaben.

Es wurde nicht ersichtlich, ob das Gestaltwerden durch die geistige Ausstrahlung der beobachtenden Massen ringsum, durch Apokalypta, die in diesem Augenblick nirgends zu sehen war, oder ganz und gar durch einen noch vorhandenen Rest Bewusstseinsinhalt aus der Tiefe der Vorzeit in den Körpern direkt bewirkt wurde.

Aus den formlosen Zellansammlungen, in den kein Geist und keine Seele mehr vorherrschte und die dennoch lebten, schoben sich wulstige Auswüchse und entstanden plumpe Gliedmaßen, vollkommene neue Wesen wuchsen unter den Augen derer, die um diese Stunde Zeuge wurden.

Die Monster aus der Alptraumstadt brachen in Beifall aus, wenn eine neue Frankensteingestalt sich zu ihnen gesellte, und ein schauriges, triumphierendes Gebrüll hallte durch die schmalen Gassen dieses unheimlichen Wohnortes.

Grunzende Laute ertönten, Kratzen und Raunen und das dumpfe Klatschen, wenn die unförmigen Hände auf die glitschigen Leiber herabfuhren oder ein trockenes Schaben, wenn Chitinpanzer aneinanderreiben.

"Da!" Nur dieses eine Wort entfuhr Carminia Brado plötzlich.

Die Augen der anderen folgten ihrem Blick.

Zwischen den gespenstigen Unwesen erblickten sie einen Mann, dessen blondes Haupt sich deutlich aus dem Gewirr der gespenstigen Geschöpfe abhob.

BJÖRN HELLMARK!

Er war mitten unter ihnen und - so entsetzlich und seltsam dies auch wahr - schien sich da offensichtlich wohl zu fühlen.

Er war allein. Weder Apokalypta noch Tantor begleitete ihn.

Hellmark gehörte hierher in die Stadt, in die ihn Apokalypta ihn gebracht hatte.

"All die Dinge, die er in der Zwischenzeit sah und in sich aufgenommen hat, können für uns von Bedeutung werden!, murmelte Rani Mahay. "Er ist ein Gefangener und doch auf eine erschreckende Weise vollkommen frei. Wenn es gelänge..."

Er sprach nicht weiter. Jeder wusste, worauf es ankam.

Kaphoon nickte. "Es muss gelingen" meinte der Sohn des 'Toten Gottes'. "Schließlich müssen wir uns kennen lernen..."

Kaphoon lächelte kaum merklich. Es war erstaunlich, dass er hier in dieser ernsten Situation noch eine solche Art Humor mitbrachte.

Das war typisch auch für Björn Hellmark, dass wussten die Freunde aus der Zukunft aus eigener Erfahrung.

Die Gruppe teilte sich auf. Kaphoon ließ Carminia als Bewacherin für Pepe und Jim, den Guuf zurück, während er mit Rani Mahay und Arson  sein zukünftiges Ich verfolgte. Geduckt liefen sie an der Mauer entlang, um näher an die Monstermenge heranzuschleichen, zwischen denen sich Hellmark wie ein Fremdkörper befand.

Er kam jetzt weiter nach außen und verschwand in einer dunklen Gasse, die wenige Schritte von Kaphoon und Rani entfernt war.

Die drei Freunde blieben ihm auf den Fersen.

"Manchmal entwickeln sich die Dinge genau so, wie man sie gerne hätte", freute sich Kaphoon. "Ein andermal ist es so, dass die Pechsträhne nicht abreißen will..."

Sie mussten die besondere Situation in dieser Nacht, da de sieben Todesboten so 'erfolgreich' ihre schreckliche Arbeit verrichteten, voll und ganz ausnutzen.

Die Todesreiter schwangen sich erneut in die Lüfte und entschwanden dem Blick der Monster und Menschen in Gigantopolis und einige auf dem großen Platz mit dem riesigen Vulkankegel lösten sich aus dem Verband der Monster und näherten sich den schmalen Gassen, um ihre höhlenartigen Wohnungen aufzusuchen.

Kaphoon wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Wenn sich jetzt die Gassen belebten, würde es schwierig.

Die halbmondförmigen Amulette und die Augen des schwarzen Manja, die sie mitgenommen hatten, würden einen gewissen Schutz sichern, aber wenn massierte Angriffe erfolgten, dann würde hier in der Stadt des Grauens wohl auch nicht mehr viel von ihnen übrig bleiben.

Doch was sie eingleitet hatten, mussten sie auch zu Ende bringen. Nach Möglichkeit zu einem guten.

Auf Zehenspitzen liefen sie Björn Hellmark nach, der offensichtlich einen anderen Stadtteil aufsuchte, wo seine Unterkunft lag, wo sich möglicherweise auch Tantor und Apokalypta aufhielten. Man war hier nur auf Vermutungen angewiesen. Kaphoon wusste zwar viel über Gigantopolis - aber er wusste nicht alles.

Dieser erste Versuch, mehr darüber zu erfahren, war bis zu diesem Augenblick gelungen. Was weiter daraus werden würde, blieb abzuwarten.

Dann griffen sie an.

Kaphoon und Rani warfen sich wie ein Mann auf Hellmark. Der war von dem Angriff so überrascht, dass er nicht mal mehr dazu kam, sein Schwert zu ziehen.

Mahays Rechte kam nach vorn. Er traf Björns Kinnspitze, und sein Freund kippte lautlos wie ein Sack in die Knie.

"Tut mir leid", murmelte der Inder. "Aber manchmal muss man einem Menschen, den man gern hat, auch weh tun, um ihm zu helfen... ich übernehme ihn, Kaphoon. Er steht unter meinem persönlichen Schutz. Das bin ich ihm schuldig."

Kaphoon nickte.

Der Koloss von Bhutan warf sich seinen Freund wie einen Sack über die Schultern und begann zu rennen. Im gleichen Augenblick tauchten hinter ihnen die erste Monster aus Gigantopolis auf.

Der Sohn des 'Toten Gottes' hörte, wie sich erschrecktes Piepen und aufgeregte Stimmen in der selben Sekunde bemerkbar machte.

Man hatte sie gesehen. Die Eindringlinge waren entdeckt.

"Weg hier!", rief er Mahay zu.

Jetzt konnte nur noch schnelle Flucht helfen.

Rani lief zum Ende der Gasse und bog dann nach links ab, um den Weg wieder zurückzukommen, wo Carminia, Pepe und Jim, der Guuf warteten.

Kaphoon und Arson blieben dicht hinter ihm. Aus allen Richtungen kamen nun die Monster. Manche waren so breit, so gewaltig, dass sie nicht durch die schmalen Straßen passten und an der Seite stehen bleiben mussten, um anderen die Möglichkeit zu geben, die Verfolgung aufzunehmen.

Schlangengleiche Wesen mit verformten Menschenköpfen, echsenartige Tiere mit Schuppen und grotesken Auswüchsen waren ebenso hinter ihnen her wie gespenstig aussehende Figuren, die ein Maler nicht besser hätte auf die Leinwand bringen können.

Die Freunde kamen sich nun wahrhaftig vor wie in einen Alptraum versetzt.

Eine solch schauderhafte Wirklichkeit konnte sich niemand von ihnen Vorstellen. Die Spukgestalten drangen von allen Seiten auf sie ein. Von einer Seitengasse löste sich aus dem Schatten eine hohe Gestalt, die über zwei lange, schlangengleiche Arme verfügte und die blitzschnell durch die Luft schob, ruckartig gegen Kaphoon vorstieß, um diesen zu Fall zu bringen.

Doch instinktiv hatte der Sohn des 'Toten Gottes' die Gefahr erkannt.

Zischende kam sein Schwert in die Höhe.

Er durchbohrte den Angreifer, der sich in einer gelben, nach Schwefel riechenden Wolke auflöste und den ätzenden Gestank um sie herum noch verstärkte .

Und weiter ging es...

Rani erreichte das Ende der Gasse und brüllte Carminia, die weiter vorn wartete, einen Befehl zu.

Die Brasilianerin begann sofort zu laufen. Pepe und Jim rannten ihr voraus, auf Rani zu.

Den Weg zurück zum Tor, das sie offen gelassen hatten und in dessen Nähe sich ihre Reittiere befanden.

Im Bruchteil von Sekunden hatten sich die Dinge zugespitzt, und nun kam es darauf an, das Beste für alle daraus zu machen.

Kaphoon und Arson konnten vier weitere Monster erlegen und erreichten dann das Tor, das Pepe mit parapsychischen Kräften weit aufschwingen ließ, damit sie gleich ins Freie konnten. Dadurch gewannen sie wertvolle Sekunden.

Hunderte, tausende von Ungeheuern wälzten sich durch die engen Gassen, und die ganze Stadt schien in diesen Sekunden zu unheimlichem, unwirklichem Leben zu erwachen.

Sie waren alle hinter ihnen her, aber ihr Weg führte sie nur bis zum Tor. Nicht weiter.

Erschöpft erreichten die Freunde die Senke hinter dem Hügel, warfen sich auf die Pferde und jagten davon.

Ihr Ziel war Kaphoons Versteck.

Unbehelligt kamen sie dort an.

***

Der Morgen graute, als Björn Hellmark, der auf Kaphoons Bett lag, zum ersten Mal die Augen aufschlug.

Anfangs begriff er nicht, wo er sich befand, und meinte, in einen Spiegel zu sehen, als er Kaphoon gegenüberstand.

Kaphoon konnte seine Reaktion verstehen. So hatte er auch Gefühl, als er ihn aus dem Tor des Schlosses kommen gesehen hatte. Trotzdem war Björn Hellmark noch nicht vom Bann des Bösen befreit. Der Sohn des 'Toten Gottes' nickte Carminia zu, als diese ihm einen fragenden Blick zuwarf.

So begann die Brasilianerin mit der Aufklärung Hellmarks. Durch ihr geschicktes Verhalten und der gereinigten Atmosphäre in diesem Versteck schwand der Bann, den Apokalypta in Björn eingepflanzt hatte.

Für Hellmark, für den alles wie ein Puzzlespiel gewesen war, setzte sich alles zu einem Ganzen zusammen.

"Der Kreis schließt sich", sagte er nach langer Zeit und vielem Zuhören. "Die Begegnung zwischen Kaphoon, der ich mal war, und mir zeigt, dass ein Punkt erreicht ist, wo wir alle lernen müssen, umzudenken. Jetzt weiß ich, warum es mich immer in die Vergangenheit zurückzog, weshalb ich immer etwas suchte, ohne es jedoch in Worte fassen zu können. Es war - Kaphoon, denn er weiß um die Ereignisse, die Rha-Ta-N'my und Molochos in die Wege geleitet haben."

Kaphoon nickte. Hellmark hatte recht. "Auch für mich schließt sich der Kreis. Ich werde die Gelegenheit nützen, dir diese drei kostbaren Manjaaugen zu überreichen, mit deren Besitz du Molochos bezwingen kannst. Doch nicht hier in dieser Zeit, sondern in der, in der dein Leben sich abspielt. Du wirst sie nötiger haben als ich, der seinen Aufenthalt hier beenden wird. Wir sind keine Feinde, sondern Freunde, obwohl Apokalypta uns gegeneinander aufhetzte. Sie weiß auch sehr gut warum. Unsere gemeinsame Begegnung wird ihr Ende bedeuten. Denn gemeinsam sind wir stärker als sie und die Armee der Schrecklichen, die sie um sich versammelt hat. Dies ist unsere erste, bewusste Begegnung. Was ich weiß, sollst du wissen, und so wird es nicht mehr nur mühselig durch die Erinnerung getragen, sondern dir auf schnellstem Weg bewusst werden, um dich zu unterstützen bei dem Kampf, den ich nicht beenden, den du jedoch zum Abschluss bringen musst..."

Vom Plateau vor dem Wasserfall aus konnten sie weit ins Tal sehen, wo Gigantopolis unter der aufgehenden Sonne lag.

Die Stadt wirkte unter dem roten Licht der sich hinter dem Horizont erstehenden Sonne wie eine groteske, phantastische Festung, die Angst und Grauen und ein großes Geheimnis barg.

Alles dort drüben war still. Unheimlich still!

War es die Ruhe vor dem Sturm?

Alle, dir hier oben in Kaphoons Versteck versammelt waren, wussten, dass der Gang nach Gigantopolis keine Episode gewesen war. Mindestens noch ein weiterer musste sich anschließen."

"Denn", ließ sich Kaphoon vernehmen, "die sieben schwarzen Todesboten der Apokalypta sind nur in der Stadt selbst zu vernichten. Gigantopolis besteht aus sieben Teilen und ist wie ein Puzzlespiel zusammengesetzt. Es gibt sieben solcher riesigen Plätze, wo die Monster sich versammeln, wo aus dem Tod neues, dämonisches Leben wird, das keinen Geist und keine Seele besitzt..."

"Wir werden sie besiegen! Ich haben große Zuversicht, Kaphoon", nickte Hellmark. Er war wieder ganz der alte.

"Wenn Apokalypta ihr Ziel nicht erreicht, wird das auch die anderen zurückwerfen. Und dies kann zur Folge haben, dass der magische Kreis im Palast deines - 'unseres' Vaters", verbesserte er sich, "wieder so wirkt, wie Carminia es erwartet und wie es für uns alle das Beste ist..."

Sie wussten, dass sie schon bald wieder dort drüben in Gigantopolis sein würden, um die Dinge zu tun, die getan werden mussten.

***

Sie waren frei - und doch Gefangene.

Björn Hellmark, der Mann, der an zwei Orten gleichzeitig sein konnte, und seine Freunde befanden sich in der Vergangenheit der Erde - in Xantilon.

In Kaphoons Höhle, die uneinnehmbar war für jeden, der nicht guten Willens war, hatten sie Unterschlupf gefunden. Weißmagische Schranken waren errichtet, die durch die Anwesenheit von drei Augen des 'schwarzen Manja' aufrecht erhalten wurden. erhalten wurden.

Kaphoon lebte hier schon seit geraumer Zeit, und es war seine Aufgabe, die hier versprengt lebenden Aufständigen zu sammeln, um gegen Apokalypta ins Feld zu ziehen.

Doch mit ihrer unheimlichen Magie hatte sie bisher all diese Gegenschläge zunichte gemacht.

Aber seit der Sohn des 'Toten Gottes' Hellmark mit Hilfe dessen Freunde aus Gigantopolis und vom Bann Apokalyptas befreit hatte, war eine Situation geschaffen worden, die sie nun dazu zwang, das Begonnene fortzuführen, um der Dämonin nicht die Möglichkeit zu geben, sie alle ins Verderben zu locken.

Viele Pläne wurden erörtert. In ihrem gemeinsamen sicheren Versteck kam Hellmark zu dem Schluss, dass jedoch nur ein einziger wirklich ausführbar war und darüber hinaus einen Erfolg versprach.

"Unser erster Gedanke war der richtige", sagte Björn Hellmark, dem man nichts mehr davon anmerkte, dass er geraume Zeit vollkommen unter der geistigen Zwangsherrschaft Apokalyptas gestanden hatte* . "Wir müssen nochmal nach Gigantopolis. Dort liegt laut Kaphoons Angaben  das Geheimnis, das Apokalypta am Leben erhält und ihr ermöglicht, die sieben schwarzen Todesboten wann und so oft sie will in die Welt zu schicken, aus der wir kommen. Dort verbreitet sie Angst uns Schrecken und - den Tod..."

Kaphoon nickte. In seinem Aussehen war Björn Hellmark sein Spiegelbild. Nur dessen Kleidung war anders.

"Was du sagst, Björn, ist unsere einzige Chance. Ich hab' inzwischen erkannt, dass es mir als einzelnen nicht gelingt, Apokalyptas Treiben ein Ende zu bereiten. Die 'ewige Unheilbringerin' hat es geschafft diesen Teil Xantilons ganz unter ihre Gewalt zu bringen, und es ist ihr sogar gelungen, Gigantopolis, die Stadt aus Raum und Zeit, wann immer sie will auftauchen zu lassen. Es ist der Dämonin erklärtes Ziel, ihre Stadt zu erweitern und auch diesen Teil Xantilons zu besitzen. Der Palast meines Vaters ist ihr bereits in die Hände gefallen, sie hat alle männlichen Bewacher getötet und die weiblichen Helferinnen im Schloss in ihre kriegerischen Dienst gezwungen. Die Amazonen, die dort kämpfen, sind zu Mörderinnen geworden..."

Carminia Brado nickte.

Sie alle - außer Hellmark - hatten die todesmutigen Kämpfenden im Palast dort kennengelernt.

"Und ausgerechnet der Palast des 'ehemaligen Herrschers' soll zum Zentrum ihres Herrschaftsbereiches werden", fuhr Kaphoon fort. "Dort, von wo ein gutmütiger Herrscher für Frieden und Harmonie im Land sorgte, will eine Dämonin mit dem Zepter des Grauens und Todes regieren. Apokalypta ist nur eine der sieben Hauptdämonen, die gemeinsam mit Rha-Ta-N'my, der Dämonengöttin, einst über die ganze Erde herrschen wollen... es steht geschrieben, dass ihr Versuch in einer fernen Zeit nochmal durchgeführt wird und die Ereignisse der Zukunft zurückschlagen werden in die Tage, als Xantilon unmittelbar vor dem Untergang steht und ich allein im äußersten Zipfel des Nordteils vor dem Problem stehe, nochmal ganz von vorn zu beginnen oder den Unheimlichen das Feld zu überlassen. In der Vergangenheit - von hier aus gesehen - so steht es verschlüsselt im Buch der Propheten, werden neue Impulse ausgehen, die demjenigen helfen, der ich einst sein werde, wenn die Zeit meiner Wiedergeburt gekommen ist.

Der verschlüsselte Text lässt leider keinen Schluss zu, welche außergewöhnlichen Situationen eintreten werden, bis es zu meinem Tod kommt. Aber das ist wohl ganz gut so."

Er lächelte verloren und blickte sich in der Runde um.

Seine neuen Freunde gefielen ihm, sie waren mutig und hatten das Herz auf dem rechten Fleck.

"Tödliche Gefahren gibt es schon direkt in Gigantopolis", warf Rani Mahay, der Koloss von Bhutan, unvermittelt ein. "Da wir uns alle einig sind, dass es nicht ohne einen neuerlichen Besuch dort geht, müssen wir uns auch im klaren darüber sein, dass wir so, wie wir das erste Mal dort eingedrungen sind, nicht nochmals hineinkommen."

Die Freunde nickten.

Das erste Mal war es dank Pepes parapyschischer Fähigkeit gelungen, eines der Stadttore aufzubrechen und in Verkleidung in die düstere Stadt einzudringen.

Dies war zu einem Zeitpunkt geschehen, als die unheimlichen Besucher an der Rückkehr der sieben schwarzen Todesboten der Apokalypta wie an einem Ritual teilnahmen.

Kaphoon hatte Hellmark und dessen Freunden von der direkten Verbindung zwischen Apokalypta, den Todesboten und dem geheimnisvollen Krater berichtet, wohin tote Menschen und Tiere geworfen wurden, wie in eine Gruft.

Aber dann kamen sie wieder heraus. Jedoch nicht mehr so, wie sie einst gewesen waren, sondern als furchteinflößende Monster, die nichts Menschliches mehr, nicht mal etwas Tierisches an sich hatten. Die vielen tausend und abertausend Bewohner von Gigantopolis, der Alptraumstadt, schienen mit ihren Gedanken offensichtlich mit ausschlaggebend dafür zu sein, dass die noch nicht völlig abgestorbenen Zellen sich neu formten und mutierte Geschöpfe bildeten.

Unablässig waren die schwarzen Ritter damit befasst, aus der Welt, woher auch Björn und seine Freunde stammten, neues 'Material' zu beizuschaffen, um Apokalyptas Machtanspruch zu unterstützen. Mit Hilfe ihres Geisterheeres wollte sie schließlich auch in die Welt der Zukunft eindringen, um sie für sich weitere Eroberungen zu  machen.

Wieder einmal zeigte sich, dass die Welt der Dämonen keineswegs in Ordnung war. Ihre innere Zerrissenheit trat klar zutage. Jeder wollte siegen, jeder wollte herrschen. Sie alle zusammengenommen bildeten eine große Gefahr für das menschliche Leben, aber in dieser Gefahr steckte auch eine Chance für die Bedrohten.

Wenn die Finsteren sich untereinander nicht einig waren, konnte man sie gegeneinander aufhetzen. Der eine suchte dem anderen gegenüber nur seinen eigenen Vorteil.

Dies zumindest stimmte, was die niederen oder rangschwachen Dämonen anbelangte. Von den sieben Hauptdämonen, die in direkter Verbindung zu Rha-Ta-N'my standen, konnte man dies nur vermuten - aber eine Gewissheit hatte man da nicht.

"Ich seh' mich dort um", sagte Björn Hellmark. "Aber nicht mit meinem Körper aus Fleisch und Blut - sondern als Macabros..."

Kaphoon nickte.

Das war die Lösung...

Niemand von ihnen brauchte sich im Moment zu verausgaben oder in Gefahr zu bringen, um Apokalyptas Alptraumstadt näher zu ergründen.

Wenn Hellmarks Zweitkörper als Botengänger dort recherchierte, würde dieser all das mitbekommen, was sie zu erfahren hofften. Und für den Fall, dass es schief ging, bestand überhaupt kein Risiko für ihn. Macabros war nicht auslöschbar, war nicht zu töten. Er war nur ein Leib aus einer feinstofflichen Substanz, ein Ätherkörper...

Sie waren alle einverstanden. Macabros sollte sich ein umfassendes Bild von der Stadt und der Gefahr machen und vor allen Dingen von der Stimmung, die dort herrschte. Nach dem Eindringen Kaphoons und seinen Begleiter musste dort drüben jetzt sicher Vorbereitungen getroffen werden, die ihnen allen hier im Versteck möglicherweise den Tod brachten.

"Ich werde sogar noch einen Schritt weitergehen", fuhr Björn Hellmark unbeirrt fort. "Ich werde versuchen, an meinem Leben in Gigantopolis wieder dort anzuknüpfen, wo es endete, als ihn mich befreit habt. In wieweit Apokalypta und Tantor, ihr Berater, bis jetzt über alle Einzelheiten informiert sind, weiß niemand von uns zu sagen. Vielleicht kann ich so tun, als wäre ich nicht niedergeschlagen und entführt worden; oder man hätte mich dann schließlich doch irgendwo in einer dunklen Gasse gezwungenermaßen zurücklassen müssen, als die Ungeheuer aus Gigantopolis auftauchten. Jetzt kann ich wieder auf der Bildfläche erscheinen und scheinbar Apokalyptas allmächtigen Willen erfüllen und ihre Puppe sein, die sich einsetzen will, um Kaphoon zu vernichten."

Der Plan war hervorragend.

Sie wünschten ihm alle Glück.

Hellmark ließ seinen Zweitkörper entstehen. Für einige Sekunden befand sich deshalb eine dritte Person mitten unter ihnen, die Kaphoon und Hellmark aufs Haar glich.

Das war Macabros, Hellmarks Doppelkörper, bestehend aus einer feinstofflichen, geistigen Substanz, die er durch reine Gedankenkraft einige Male weit hinter die Mauern der dunklen Stadt versetzte, die Gigantopolis hieß und im Moment Apokalyptas Herrschaftszentrum darstellte...

Die Eindrücke, die Macabros mit allen seinen Sinnen empfing, wurden auch zum Bewusstseinsinhalt Björn Hellmarks.

So wusste er ständig, was Macabros sah und hörte, in welcher Situation er sich befand. Und genau berichtete er auch Kaphoon und den anderen Gefährten.

***

Kaphoon hörte wie gebannt Björn Hellmarks Schilderungen zu, die er durch die Sinne seines Zweitkörpers empfing. Es war phantastisch, mit dieser Fähigkeit konnte man an zwei Orten gleichzeitig sein. Das hätte ihm in früheren Kämpfen gegen die Dämonen sehr nützlich sein können.

Kaphoon schob diesen Gedanken zur Seite.

"Was? Ich höre 'was... das klingt wie... wie menschliches Stöhnen." Macabros hatte etwas entdeckt.

Björn Gesicht zeigte einen Anflug von Besorgnis. "Es ist ein Mann!" Er beschrieb ihn, doch er war in Gedanken ganz woanders.

"Er hat Fieber, Kaphoon. Jetzt sagt er etwas. Er heißt Jim Conetti. Er stammt aus meiner Zeit..."

"Bring ihn híer her, ich bereite alles vor", Kaphoon deutete auf sein Lager. "Heilkräuter sind genügend hier..."

"Gleich... Ich sehen nach, ob es noch andere Überlebende gibt!"

Wenig später materialisierte Macabros mit Jim Conetti in der Höhle und legte ihn vorsichtig auf Kaphoons Lagerstatt.

"...Farm... mein Gott. Jennifer... nicht... nicht töten... die schwarzen Reiter... wo kommen nur all die schwarzen Reiter her... Tony... aß auf... da sind sie..." murmelte Conetti fiebrig.

Kaphoon, der vieles von der Heilkunst verstand, kümmerte sich um den Fiebernden.

Zuerst entfernte er ihm das blutverkrustete Hemd von der Brust, riss es in breiten Streifen von seinem Körper, wusch mit einer herb riechenden Flüssigkeit die Ränder der Wunde ab und legte dann heilende Kräuter darauf, von denen er einen großen Vorrat in seiner Höhle hatte.

Dann verabreichte er Jim Conetti ein heißes Getränk, das der Patient nur mühsam schlucken konnte.

Kaphoon nickte. "Mehr können wir vorerst nicht für ihn tun. Nun heißt es abwarten..."

"Alles weißt darauf hin, dass er einen Zusammenstoß mit den Todesboten Apokalyptas gehabt hat. Mich würde interessieren, weshalb man auf ihn eine Kugel abgeschossen hat, während alle anderen mit einem Schwerthieb zu Tode gekommen sind* . Jim Conetti hatte Glück", sagte Björn Hellmark. "Die Kugel drang genau oberhalb des Herzens in seine Brust. Ein paar Millimeter tiefer, und es würde nicht mehr schlagen..."

Dann konzentrierte sich der Mann aus der Zukunft wieder und schickte Macabros zurück nach Gigantopolis. Dort wollte er seinen Plan einleiten, der dringend notwendig war, um ihnen die Rückkehr in ihre Welt zu ermöglichen. Denn Hellmark und seine Freunde waren Gefangene in einem anderen Raum, einer anderen Zeit.

Björn Hellmark setzte seine Beschreibungen fort, die er seit der Rettung Conettis unterbrochen hatte...

***

Macabros kehrte als erstes nochmal auf den Grund des Kraters zurück und sah sich in der düsteren und offensichtlich unbewohnten Felsenstadt in ihrem Inneren um.

Aus der Tiefe dieses Kraters waren die Gespenster die 'neugewordenen' Monster geworden, die ihre Geburt nur der Anwesenheit von Zellen verdankten, die aus einer anderen Welt durch die Tore herbeigeschafft worden waren.

Aus allernächster Nähe sah er nun, was er vorhin noch nicht bemerkt hatte, weil seine Aufmerksamkeit plötzlich von Jim Conetti in Anspruch genommen worden war.

Die rote Farbe in Inneren des aufgemalten Kreises war verschiedenartig abgetönt und schien seit seiner Abgang an Stärke und Intensität noch zugenommen zu haben.

Im Inneren des gemalten Kreises registrierte er ein auf- und abschwellendes Licht, so dass es aussah, als ob der 'Krater' atmen würde wie ein Lebewesen.

Die Kräfte, die die Monster formten, stiegen wie unsichtbare Finger aus der Tiefe und durchsetzten die Körper, die hier zwischen den ungezählten Reihen lagen und nicht in Verwesung übergingen.

Es wurde Macabros jetzt auch klar, dass alle anderen, die in jener Stunde, als das Ritual über die Bühne ging, aus dem Krater gekommen waren, ebenfalls eine längere Warteperiode hinter sich gebracht haben mussten.

Die 'Monster', die zu Apokalyptas Armee zählten, konnten erst einen Krater verlassen, wenn sämtliche Flächen, sämtliche 'Warteplätze' zwischen den Reihen belegt waren.

Und das schien dann jene Stunde zu sein, wo all die anderen, die bisher in der Alptraumstadt ihr neues Leben begonnen hatten, kamen, um an dem 'Geburtsritual' teilzunehmen.

Da fiel ein Schatten von oben auf ihn herab.

Macabros riss den Kopf hoch und sah, wie einer der schwarzen Reiter in die riesige Krateröffnung tauchte und blitzschnell nach unten vorstieß.

Macabros reagierte sofort.

Er durfte in diesem Augenblick auf keinen Fall entdeckt werden. Das würde seine ganzen Pläne über den Haufen geworfen werden.

Macabros schnellte wie ein Raubtier nach vorn, tauchte ein in den Kernschatten eines der turmartigen Gebäude und presste sich mit dem Rücken gegen die raue, dunkle Mauer. Er harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Der in voller Montur steckende Ritter erreichte den Mittelpunkt des roten Kreises, zog den Toten, der quer vor ihm über dem Pferderücken lag, hart und kraftvoll in die Höhe und warf ihn dann auf eine Fläche zwischen zwei 'Zähnen'.

Alles war anders als das erste Mal. Der schwarze Ritter kümmerte sich überhaupt nicht weiter um die Angelegenheit, machte kehrt und ritt dann auf den mittleren der schlanken, hochragenden Türme zu.

Macabros hatte das Glück, von seinem Beobachtungsplatz aus jede Einzelheit genau verfolgen zu können.

Der schwarze Ritter verschwand im mittleren Tor. Da erst sah Macabros, dass die Wandfläche dort durchlässig war wie Nebel. Es gab keine Türflügel, die zurück hätten weichen müssen.

Der Reiter ritt in die Dunkelheit hinein, und Macabros löste sich im gleichen Augenblick, als er ihn nicht mehr wahrnahm, von der Mauer und materialisierte in unmittelbarer Nähe des beobachtenden Durchlasses.

Vorsichtig steckte er seine Hand nach vorn. Normalerweise hätte man damit rechnen müssen, dass seine Fingerkuppen gegen die graue und rau wirkende Toroberfläche stießen. Doch seine Hand tauchte ein wie in einen Wasserspiegel.

Bevor Macabros sich dazu entschloss, dem schwarzen Ritter zu folgen, kümmerte er sich erst um den Fremden, der von dem schwarzen Todesboten hierher gebracht worden war.

Es war sofort zu sehen, dass der hagere Mann mit dem rotblonden Haar tot war. Er war von einem Schwert durchbohrt worden...

Danach tauchte Hellmarks Doppelkörper in das durchlässige Tor ein, und im nächsten Augenblick war er umgeben von einem grauen, wallenden Nebel, der sich lautlos wie eine Spirale um sich selbst drehte.

Macabros passierte einen langen, engen Gang, in dem ein seltsam graues, fahles Licht herrschte, und gelangte auf diese Weise in einen großen, runden Raum, der im ersten Moment aussah wie ein Tempel.

Schlanke Säulen ragten in die Höhe, verloren sich im Turm, der sich scheinbar unendlich über ihm im Nichts verlor, und inmitten des Kreises, den die Säulen bildeten, befand sich - wie außerhalb - dieses große, rote und gezackte Auge, um das draußen die Leichen der Menschen und Tiere gruppiert lagen.

Die eine Seite der Säulen wurde begrenzt von einer halbkreisförmigen Mauer, die aussah wie eine Leinwand und eine Ausdehnung von mindestens vierzig Meter Länge hatte.

Diese helle Wandfläche zeigte eine stumpfe, triste Landschaft, die sich scheinbar in die Ferne verlor, eins wurde mit dem Horizont und in ihrer Leblosigkeit und Öde ihresgleichen suchte.

Die Landschaft sah aus wie auf einem fernen, deren Sonne zu nahe geratenen Stern, auf dem nichts wachsen konnte, der niemals Leben tragen würde.

Zwischen den schroffen, schwarzen Felsen und düsteren Tälern gab es jedoch einen Platz, der von megalithartigen Steinen umringt war, als würde hier gezeigt werden, dass es sich um einen besonderen Ort zur Anbetung eines schaurigen Götzen handelte.

Im Näherkommen schon erblickt Macabros, dass die riesigen Megalithblöcke breite, fratzenhafte Gesichter bildeten, die an überdimensionale Vögel erinnerten. Wer auch immer diese steinernen Abbildungen geschaffen hatte - er war ein Meister seines Fachs gewesen, auch wenn es sich noch so schaurig ausnahm und das Vogelähnliche darin auf eine dämonische Weise verzerrt war.

Macabros glaubte jedoch sofort zu wissen, wen diese Steine darstellen sollten.

Rha-Ta-N'my!

Die Dämonengöttin war denen, die von ihr wussten, bekannt dafür, dass sie es liebte, sich in der Gestalt eines Vogel zu zeigen.

Der von Blöcken umringte Platz diente dem schwarzen Ritter, der darauf zutrabte, offensichtlich als Ziel.

Hier in Inneren des eigenartigen Turmgebäudes schienen Raum und Zeit auf seltsame Weise verschoben zu sein. Macabros hätte nicht zu sagen vermocht, wie weit die helle, mit der düsteren Landschaft bemalte Wand von ihm entfernt lag und wie lange er sich schon hier aufhielt.

Der schwarze Ritter wurde im nächsten Augenblick eins mit der Wand und erstarrte in der Bewegung.

Er sah aus wie eine Zeichnung, die von unsichtbarer Hand genau auf den freien Platz zwischen den mit vogelfratzigen Steinen versehenen Blöcken hingepinselt worden wäre.

Mitten in der Landschaft ein einsamer schwarzer Ritter, den Kopf hoch nach oben gereckt, in gerader Haltung, auf dem mächtigen Pferd sitzend, schien er über die wie von einem Zauberer geschaffene Landschaft hinwegzublicken, in eine unbestimmte Ferne und irgend etwas zu erwarten.

Vorsichtig kam Macabros näher, den wallenden Nebel und die Säulen um ihn herum geschickt als Tarnung nutzend.

Er hatte eine Idee und fand sie beim Näherkommen bestätigt.

Der schwarze Ritter sah nicht nur mehr aus wie ein Bild - er war eines!

Er war zu einem Teil der gemalten Landschaft geworden, in die er geritten war und wo die vogelfratzigen Megalithblöcke, die fast so hoch waren wie das Pferd, ihn bannten.

Der geheimnisvolle Todesbote der Apokalypta rührte sich nicht mehr, und Macabros konnte ihn aus allernächster Nähe beobachten.

Mit dem Erstarren des zurückgekehrten Reiters, der hier seine magische Heimat zu haben schien, ereignete sich ein weiterer Vorfall.

Das große, runde und gezackte Auge zwischen den Säulen auf dem Boden schien in dem Augenblick, als der Ritter sich nicht mehr bewegte, zu einer Art eigenständigem Leben zu erwachen.

Seltsame dunkle Schatten huschten darüber hinweg, und dann zeigte sich ein sinnverwirrendes Bild, das aus einzelnen Teilen wie ein Puzzle zusammengesetzt war.

Aus dem, was sich dort - nur einen Schritt von ihm entfernt - dem Beobachter darstellte, glaubte Macabros eine Art Bilderrätsel für sich zu erkennen zu können.

Hier wurde allegorisch das Bild Apokalyptas gezeigt.

Die 'ewige Unheilbringerin' war wie ein gewaltiger Schatten im Hintergrund, der alles mit offenen Armen umspannte, und die Türme und bizarren Gebäude im Inneren des rotglimmenden Kreises waren genau jene Stadt, die Macabros im Inneren des Vulkans gefunden hatte.

Da musste er an die Worte denken, die Kaphoon, der Sohn des 'Toten Gottes' zu ihm gesprochen hatte.

Die geheimnisvolle Zauberstadt Apokalyptas besteht aus sieben Teilen, hatte Kaphoon gesagt. Jedes einzelne Teilstück ist autonom. Jedes einzelne Stück ist ein Teil ihres Geistes und wird von einem ihrer sieben schwarzen Ritter gewissermaßen verwaltet. Die Schwarzen, in denen ihr Geist herrscht, sind abhängig von ihr - sie ist aber auch abhängig von ihnen. Gigantopolis ist nur zu vernichten, wenn zur gleichen Zeit alles sieben schwarzen Todesboten ausgelöscht werden können. Ich verfüge nur über zwei Arme..."

Macabros gab sich einen Ruck...

Er war vorsichtig, riskierte es dennoch, bis an die Wand mit der eigenartigen, bedrückenden Landschaft heranzutreten und seine Hand über die glatte Fläche zu führen.

Sie fühlte sich warm an und weich wie eine durchblutete Haut, durch die ein Geflecht von Adern führt.

Der Ritter war ein Teil des Gemäldes, hob sich davon nicht einen einzigen Millimeter weiter ab, sondern war Fläche wie die Berge, die Täler, dieser düstere Himmel, der Schattenhorizont, der dunkel und bedrohlich glomm.

Die ganze Bildfläche jedoch schien unter Macabros' Berührung sanft und kaum merklich zu vibrieren.

Macabros wäre bereit gewesen zu kämpfen, wenn die Situation es erforderte. Doch er war froh, dass es nicht zu einem Zusammenstoß kam, dass der Ritter aus seiner zweidimensionalen Existenz nicht erwachte.

Eine Auseinandersetzung hier auf dem Grund des rätselhaften Kraters hätte ihm nichts genützt. Er selbst war nicht verwundbar und musste nicht riskieren, dass irgend etwas mit ihm geschah. Aber es war kaum anzunehmen, dass er dann noch seinen Plan hätte ausführen können.

Auch jetzt musste er fürchten, dass es vielleicht doch geheimnisvolle Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Apokalypta und dem Ritter gab, über die er nicht das geringste wusste.

In diesem Fall musste sowieso sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt sein.

Doch andererseits, wenn dieser Todesbote auf der Wand nur eine Art Marionette war und seine Lebensfähigkeit von Zeit zu Zeit unter Beweis stellte, konnte dies wiederum bedeuten, dass er jetzt in der Tat nicht mehr war als ein Bild, das weder denken, fühlen, noch handeln konnte...

***

Hellmark, der seinen Freunden und Kaphoon berichtet hatte, was sein Doppelkörper sah und erlebte und trotzdem mit größter Aufmerksamkeit Macabros lenkte, entschied ein weiteres Unternehmen zu starten, um die seltsame Stadt Apokalyptas im wahrsten Sinne des Wortes zu sondieren.

Er versetzte Macabros in einen anderen Stadtteil, wo sich ebenfalls ein Krater befand, der demjenigen, in dem sich der sein zweites Ich soeben aufgehalten hatte, wie ein Ei dem anderen glich.

Dabei vergaß er keinen Augenblick, das Erlebte weiter zu geben...

***

Auch hier entdeckte Macabros einen der Todesboten inmitten von sieben gewaltigen Felsblöcken, die vogelfratzig gestaltet waren, hoch aufgerichtet auf einem schwarzen Pferd, das aussah, als würde es jeden Augenblick von der Bildfläche springen.

Auf der großen, gezackten Fläche zwischen den schlanken Säulen war ebenfalls die Kraterstadt nochmal als Bild vorhanden und bei genauem Hinsehen entdeckte Macabros jetzt etwas, was ihm bei der ersten Begegnung entgangen war.

Genau das Zentrum des Bildes war der Mittelpunkt des roten, glimmenden Auges auf dem Boden.

Und als er sich ganz hinabbeugte, um diesen roten Punkt, der seltsam pulsierte wie der Schlag eines Herzens, näher in Augenschein zu nehmen, sah er darin das Bild eines schwarzen Ritters, der in eine endlos wirbelnde Tiefe gerissen wurde, jedoch aus der Tiefe wie von einem Stempel empor gedrückt immer wieder auftauchte. Plötzlich sah Macabros von der Seite das Schwert zucken und den Ritter berühren. Es sah aus, als ob die Zunge eine Chamäleons blitzschnell nach vorne käme und den Todesboten aus dem Sattel hebe.

In diesem Augenblick erfüllte sich das Schicksal.

Der schwarze Schatten des Pferdes und des Reiters schrumpften zusammen und wurden in die Tiefe gesogen.

Dann stieg gleißende Helligkeit in der Tiefe hoch, als ob eine neue Sonne geboren würde.

Aber die Helligkeit blieb nicht lange. Es war ständig das gleiche Spiel, das sich hier ablief. Es wiederholte sich offensichtlich so lange, wie die zweidimensionalen Reiter gefangen waren zwischen den magischen Blöcken von Rha-Ta-N'mys Gesichtern.

Eines ihrer Gesichter  - verbesserte Macabros unwillkürlich in Gedanken. Rha-Ta-N'my war die Mutter der Dämonen, die Göttin der tausend Gesichter, von der man nicht wusste, wie sie wirklich aussah...

***

All die Entdeckungen Macabros' in Gigantopolis wurden auch zu Björn Hellmarks Bewusstseinsinhalt, der sie umgehend weitergab und auch Kaphoon zu Rate zog, der wie kein zweiter über die wahren Hintergründe der geheimnisvollen Zauberstadt informiert war.

Der Sohn des 'Toten Gottes' bestätigte nur, das diese Bilder nichts weiter sein konnten als die Tatsache, dass im Krater so etwas wie Apokalyptas geistiges Herz schlug und jene Dinge am Leben erhielt, mit denen sie die Welt erobern wollte.

Dieser Teil Xantilons war bereits in ihren Besitz übergegangen und sie hatte damit ein Signal für andere Dämonen gesetzt.

Doch auch Apokalypta war nicht unverwundbar, wenn man es richtig anfing.

Und wieder zeigte sich, dass Hellmarks Gedanke, Gigantopolis zu ergründen, genau der richtige war.

Apokalypta war angewiesen auf Gigantopolis und auf die sieben schwarzen Ritter. Und sie war angewiesen auf Björn Hellmark, von dem sie hoffte, dass er als einziger Kaphoon, dem Namenlosen, ebenbürtig war, um ihn zu vernichten. Wenn Kaphoon nicht mehr war, dann gehörte Xantilon praktisch ihr.

Die Dinge, die vor rund zwanzigtausend Jahren - nein, man musste ja jetzt sagen, in dieser Stunde, verbesserte sich Macabros in Gedanken - sich ereigneten, waren ausschlaggebend für die Vorkommnisse in der Gegenwart und Zukunft der Erde. Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren eins... eines konnte ohne das andere nicht sein, eines ohne das andere sich nicht entwickeln...

Macabros informierte sich darüber, dass es tatsächlich sieben gleiche Krater in der Stadt gab und sieben Stadtteile, die mit diesen Kratern verbunden waren.

Die ganze Stadt war in der tat wie ein Puzzle zusammengesetzt.

Und wenn jemand ordentlich schüttelte - da an der richtigen Stelle -, so stellte er es sich jedenfalls vor, dann würde dieses Puzzle auch auseinanderfallen in seine Einzelstücke, und wenn er die Hand abschlug, die imstande wäre, Gigantopolis neu entstehen zu lassen, um aus Tier- und Menschenleichen neue Monster zu formen, dann würde für alle Zeiten so etwas möglich werden, und er war seinem Ziel näher, den Geschöpfen der grausamen Finsternis das Handwerk zu legen, einen bedeutenden Schritt näher.

Kurze Zeit später tauchte Macabros in das Dunkel der engen, verwinkelten Gassen ein und hielt sich absichtlich in der Nähe jener Stelle auf, wo es zum Zusammentreffen mit Kaphoon, Arson und Rani Mahay gekommen war und wo sich ihre Flucht nach draußen ereignet hatte.

In der allgemeinen Aufregung, im Gewirr der tausend und abertausend von Alptraumgestalten, konnte es ohne weiteres sein, dass Apokalypta in dieser Stunde tatsächlich nicht über den wahren Verlauf der Dinge informiert war.

Er musste es darauf ankommen lassen...

Abseits der großen Plätzen herrschte in einigen Gassen erstaunlicherweise noch Leben.

Macabros nahm einige Monster wahr, die eine dunkle Ecke durchsuchten. Sie waren dabei nur auf ihre Augen und ihre Tastsinne angewiesen. So etwas wie ein künstliches Licht - eine Kerze oder Taschenlampe - gab es hier in Gigantopolis für sie nicht.

Macabros verschwand lautlos wie ein Schatten in einer dunklen Ecke, wo zwei Häuser zusammenstießen und die steil nach unten abfallenden Straße in einer Art Graben endete, wo sich dunkles, übelriechendes Wasser in die unbekannte Finsternis bewegte.

Genau hier nahmen die Dinge ihren Ausgang.

Er zerriss sein Hemd, fuhr sich durch die Haare, dass sie wirr und zerzaust aussahen, legte sich dann in seltsam verkrümmter Stellung in unmittelbarer Nähe des träge fließenden Kanals, ließ eine Hand hineinbaumeln und lag so in der Dunkelheit, der Dinge harrend, die da kommen sollten.

Bestimmt hätte man ihn wieder übersehen, wäre er nicht auf den Gedanken gekommen, mehrere Male leise zu stöhnen und damit auf sich aufmerksam zu machen, als die Unheimlichen in der engen Gasse auftauchten.

So wurde er gefunden.

Plötzlich hörte er eine Stimme...

"Hörst du das? Da ist doch etwas..." Die Stimme klang dunkel und grollend und kam aus dem Mund einer Gestalt, die ein breites Gesicht hatte, schwarze, klebrige Haare trug, die mehr an ein Fell erinnerte und scharf und ätzend rochen, und mitten im Gesicht ein rüsselartiges Anhängsel besaß, aus dem die Laute kamen.

 Drei seltsam geformte Gestalten, die nur in einen Alptraum passten, kamen die dunkle, abfallende Straße herunter und entdeckten Macabros abgekämpft und erschöpft, wie es schien, am Rande des Kanals, in den er, als er sich bewegte, zu rutschen drohte.

Da war das eines der Monstergeschöpfe heran und riss ihn mit harter Hand zur Seite.

"Die Suche hat sich gelohnt"", sagte der mit dem Rüssel und legte seine breiten, mit Schwimmhäuten versehenen Hände auf Macabros' Schultern und zog ihn völlig empor.

Macabros öffnete kaum die Augen, murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und sagte, dass er Schmerzen empfände.

Er tat so, als bekäme er das, was sich um ihn herum abspielte, nur mit halben Sinnen mit.

Doch genau das Gegenteil war der Fall.

Macabros' Sinne waren aufs äußerste gespannt.

Er gab sich in die Hände derjenigen, die eigentlich seine Feinde waren und ihn zu jenem Turm brachten, der das Zentrum der aus sieben Teilen bestehenden Stadt Gigantopolis bildetet, wo Apokalypta und Tantor benachrichtigt wurden.

Die schöne Frau mit dem rot-schwarzen Gewand, das ihre vollendeten Formen kaum verhüllte, saß an seinem Bett und streichelte mit zarter Hand seine Stirn.

Ihre dunklen Augen waren auf ihn gerichtet, und ihr ebenmäßiges Gesicht, das dem Vergleich mit einer Göttin standhalten hätte, war ihm zugewandt.

"Björn... Geliebter", murmelte sie. "So haben wir dich doch endlich gefunden. Niemand hat diesen Zwischenfall in Betracht gezogen. Es muss Kaphoon, dem Scheußlichen gelungen sein, Feinde um sich zu scharen, deren Eindringen in der Zeit der allgemeinen Verwirrung nicht verhindert werden konnte. Aber du, der starke, mutige Kämpfer, den ich für mich gewonnen habe und der mein Leben, wie er geschworen hat, verteidigen wird - du wirst dem allen ein Ende machen, wenn du erst wieder gesund bist...

Björn, Geliebter... kannst du mich hören?"

Er spielte das Spiel mit, von dem sie offensichtlich nicht wusste, dass es eines war.

Mit ihrer magischen Hypnosegewalt hatte sie seinen Willen  bezwungen und zu ihrem gemacht. Er war nicht als ein Spielzeug gewesen, das man nach Bedarf holte und weglegte, sobald es seinen Zweck erfüllt hatte.

Sie legte ihrer zarte, kühle Hand auf seine Stirn.

Sie fühlt such heiß und fiebrig an, und das kam Macabros zugute. Er konnte nach Bedarf die Temperatur in seinem Körper ansteigen oder fallen lassen.

Er spielte seine Rolle ausgezeichnet.

Es war beinahe rührend, wie Apokalypta sich um ihn kümmerte.

Hier im Zentrum der Macht, in diesem Palastturm, war alles von einem Prunk und einem Luxus, dem man in dieser unheimliche aussehenden Säulenstadt nicht vermutete.

Macabros wurde verwöhnt.

Speisen und Getränke wurden ihm gebracht, und Apokalyptas Dienerinnen lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab.

Macabros unterhielt sich ganz 'natürlich', wie Apokalypta es offensichtlich von ihm erwartete. Er sah in ihr nach der ersten Begegnung schließlich nicht die Feindin, sondern die Geliebte, die er erretten und an derer Seite er sein Leben verbringen wollte.

Apokalypta hatte Großes vor mit ihm.

"Dir wird es bald besser gehen, Geliebter", flüsterte sie, und es klang sogar überzeugend. "Du wirst nicht sterben... weil ich dich noch brauche. Und auch dann, wenn du deine Aufgabe erfüllt hast, wirst du an meiner Seite bleiben, um jenes Land zu regieren, dass du ursprünglich von mir und meinesgleichen befreien wolltest." Sie lachte leise. Es klang triumphierend.

Macabros bestätigte ihr das. Er war - scheinbar - wieder ganz der Alte, wieder ganz der Mann, zu dem sie ihn durch ihre dämonische Hypnose gemacht hatte.

Macabros war zufrieden. Er wollte die nächste Zeit das Spiel so weiterführen, um die bestmögliche Ausgangsposition für den Gegenschlag, den er und Kaphoon geplant hatten, zu haben.

Gigantopolis sollte ein für allemal verschwinden, nie wieder irgendwo in einem anderen Raum auftauchen können oder einer anderen Zeit. Die Alptraumstadt sollte durch die Vernichtung der sieben schwarzen Todesboten dem ewigen Vergessen anheim fallen.

Er legte sich zufrieden zurück.

Es sah so aus, als würde er sich nur so fühlen, weil er wieder in dieser Umgebung, in der Nähe der 'Geliebten' weilen konnte, um mit ihr gemeinsam die Pläne schmieden zu können, die ihr am Herzen lagen.

Dann fiel er in einen leichten Schlummer.

***

Apokalypta verließ das Ruhezimmer, drückte die Tür langsam hinter sich zu und durchquerte den ovalen Palastsaal, in dem flammenrote, wallende Vorhänge an den Wänden hingen und ihn eigenartig drapierten.

Aus dem zwielichtigen Hintergrund löste sich ein hagerer Mann, der vollkommen in Schwarz gekleidet war.

Das war Tantor, ihr Berater.

"Nun?" fragte er mit dumpfer Stimme.

Apokalypta antwortete nicht gleich. Sie ging an ihm vorüber und ließ ihn mit einem leichten Nicken wissen, dass er folgen sollte, und schritt zu dem großen, fischaugenförmigen Fenster, durch das man einen Blick über die ganze düstere Stadt hatte.

"Ich glaube, ich weiß, weshalb er zurückgekommen ist", sagte sie leise, als Tantor neben ihr stand. Die schöne Frau mit den dunklen Augen, dem sinnlichen Mund und dem Körper einer Göttin wandte nicht den Blick. "Er scheint der Überzeugung zu sein, dass wir nicht wissen, dass er nicht mehr derjenige ist, für den er sich ausgibt. Ich habe mich ganz auf sein Spiel eingelassen, Tantor. Und ich werde ihn vernichten..."

"Wie, Herrin?"

"Ein für allemal mit der ganzen Brut, die mit ihm zu tun hat", lautete die scharfe Erwiderung. "Ich gebe mich nicht mehr mit seiner Vernichtung zufrieden, ich werde sie alle auslöschen, alle... An der Spitze steht Kaphoon, der Sohn des 'Toten Gottes', gefolgt von Hellmark, der der gleiche ist und auch ein anderer, es werden darunter sein Rani Mahay, den man den Koloss von Bhutan nennt, Arson, der Mann mit der Silberhaut, Carminia Brado, die in sich ihr Leben als Loana entdecken wird, der Knabe Pepe und Jim, der Guuf... Eine magische Zahl. Die magische Zahl von Gigantopolis, die Stadt der sieben Krater, die Stadt der schwarzen Todesboten, die mir und nur mir gehorchen wird und keinem anderen... Merkst du, wie die Konstellation ist, Tantor?"

Der Mann mit dem blassen Gesicht und den tiefliegenden Augen nickte kaum merklich. "Ich sehe, du hast dich gewandelt..."

"Ich habe mich nicht gewandelt, sondern lediglich auf die neue Situation eingestellt. Hellmark hat seinen Zweitkörper Macabros hierher geschickt und glaubt mich damit zu täuschen. Er soll in diesem Glauben bleiben - und damit seinen eigenen Untergang herbeiführen! Sieben können das Verderben bringen. Und sie sind zu siebt... lass' dir die Liste der Namen, die ich dir eben sagte, nur noch mal durch den Kopf gehen, Tantor! - Die alte Prophezeiung, die zu Anbeginn der Zeiten ausgesprochen wurde und die uns ängstigen sollte - sie scheint sich zu erfüllen. Doch nur scheinbar... wir sind gewarnt... und ich werde handeln... Macabros weiß: er kann nur dann etwas in die Wege leiten, wenn er all die anderen hierher in die Stadt gebracht hat und wenn sie zu gleichen Zeit zuschlagen. Und in dem Augenblick werde ich ihm zuvorkommen. Gigantopolis wird verschwinden! Es ist schmerzlich auf sie zu verzichten. Doch es kann jederzeit ein neues Gigantopolis entstehen im Palast des 'Toten Gottes', der uns in die Hände gefallen ist. Ein neuer Anfang ist besser als gar keiner, nicht wahr? Gigantopolis wird in einem neuen Raum, einer anderen Zeit verschwinden, noch ehe Hellmark, Kaphoon und die fünf anderen zuschlagen können. Sie werden von Stund an Gefangene in jener Welt sein, in die sie gekommen sind, um auszurotten... dies alles wird geschehen, Tantor. So wahr ich Apokalypta bin..."

***

Niemand in der Höhle, wo sie sich geborgen fühlten, ahnte etwas von den Worten, die die kriegerische Dämonin zu Tantor sprach.

Gemeinsam besprachen Kaphoon, Björn Hellmark und seine Freunde, nach der scheinbar sicheren Rückkehr Macabros nach Gigantopolis, ihr weiteres Vorgehen.

Durch die direkten Hinweise, die Björn durch Macabros empfangen hatte, stand fest, dass Kaphoons Vermutungen der Wahrheit entsprachen.

Kaphoon betrachtete die Skizze, die Björn angefertigt hatte. Es waren alle Stadtteile Gigantopolis eingezeichnet, die Macabros' aus großer Höhe gesehen hatte.

"Es ist an der Zeit, das Unternehmen so schnell wie möglich zu starten!", sagte der Sohn des 'Toten Gottes'.

Alle Anwesenden waren derselben Meinung.

"Apokalypta ist noch ganz mit der Rückkehr ihrer scheinbaren Marionette befasst", meinte Kaphoon. "Wir sollten das Überraschungsmoment ausnutzen."

"Da sind allerdings einige Fragen ungeklärt", wandte Björn Hellmark ein. "Gibt es Hinweise darauf, was sich im einzelnen ereignen wird, wenn die Schattenbilder der schwarzen Ritter in den Türmen auf dem Grund des Kraters ausgelöscht werden?"

"Es gibt Vermutungen - leider keine Gewissheit", entgegnete Kaphoon. Wieder einmal bemerkte der Krieger, das Hellmarks Stimme seiner identisch war. Sogar der Gesichtsausdruck des blonden Mannes aus der Zukunft, den das Schicksal zu einem eigenartigen Abenteurer hatte werden lassen, war gleich. "Aber das, Björn, werden wir ja spätestens in dem Augenblick erfahren, da wir aktiv werden..." Er lachte gewinnend.

"Und dann, werter Hellmark", konnte sich Rani Mahay, der Koloss von Bhutan, sich nicht verkneifen, "kann es unter Umständen auch schon zu spät sein. Bevor wir etwas unternehmen, müssen wir wir uns zumindest über unseren Rückzug im Klaren sein..."

Da hatte er recht.

Doch Kaphoon zerstreute seine Bedenken. "Wenn ich die Schriften der Weisen richtig deute, dann lassen sich die sieben schwarzen Ritter nur gemeinsam und zur gleichen Zeit von sieben verschiedenen Angreifern auslöschen. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich von Björn nicht wusste, in welcher Gestalt sich die Ritter in Gigantopolis aufhalten, war es mir unklar, wie man eine solche Situation herbeiführen kann. Doch nun ist das Rätsel ja gelöst. Die Ritter sind, während sie sich in Gigantopolis aufhalten, nur ein zweidimensionales Gemälde, in das Apokalyptas magischer Geist schlüpfen kann. Wir werden die Hüllen deshalb ohne größere Gefahren auslöschen können, da wir in der Tat zu siebt sind und nicht befürchten müssen, auf irgendeine Weise angegriffen zu werden."

Kaphoon blickte sich in der Runde um.

Arson, der Mann mit der Silberhaut nickte. "Voraussetzung natürlich ist, dass wir in der Tat einen Zeitpunkt erwischen, wo die Reiter nicht selbst aktiv sind. In diesem Moment nämlich, wenn die nicht der Fall ist, lässt sich überhaupt nichts durchführen."

"Um so wichtiger ist es, so schnell wie möglich zu handeln", schaltete Carminia Brado sich in das Gespräch ein. "Wie sieht's aus, Björn?" fragte sie mit einem Seitenblick auf den Mann, den sie liebte. "Können wir es riskieren? Können wir sofort zuschlagen?"

"Apokalypta und Tantor befinden sich außerhalb des Ruheraumes, in dem sie mich zurückgelassen haben", erklärte Björn Hellmark. "Sie sind der Überzeugung, dass ich schlafe. Als Mensch hat man nach dem aufregenden Abenteuer und all den Anstrengungen, wie ich sie hinter mich gebracht habe, das Bedürfnis zu schlafen. Macabros aber liegt hellwach und kann seine Umwelt wahrnehmen. Es ist alles unverändert..."

Kaphoon wusste, wenn die sieben schwarzen Todesboten ausgeschaltet waren, war Apokalypta merklich geschwächt. Zumindest war sie nicht mehr imstande, in der Zeit, aus der Björn Hellmark und seine Freunde kamen, weiteres Unheil zu stiften. Die todbringenden Ritter würden zumindest für die Zukunft der Erde nicht mehr von Bedeutung sein.

Für Hellmark war gerade das ein wichtiger und ausschlaggebender Punkt. Björn fragte sich, welche Folgen es wohl haben würde, wenn er hier in dieser Zeit eine Situation verhindern würde, die offensichtlich in seiner Zeit normalerweise Bedeutung gewonnen hätte.

Würde sich dann all das, was jetzt bereits mit Rani., Arson, Pepe, Jim, dem Guuf und Carminia erlebt worden war, auf irgendeine Weise wiederholen? Konnte es sogar so sein, dass Sequus wieder auferstand und die schwarzen Ritter der Apokalypta, von denen der König de Ursen zum ersten Mal gesprochen hatte, wieder als drohende Gefahr im Hintergrund lauerten und wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Menschen schwebte?

Aus persönlichem Erleben und aus den Texten aus dem 'Buch der Gesetze' wusste Björn, dass die vielen Siege, die in der Vergangenheit scheinbar schon über die Mächte der Finsternis errungen worden waren, in Wirklichkeit nur eine Farce waren.

Kaphoon, der Björns Gedanken erahnte, trat auf den Mann zu, der er selbst mal sein würde. "Ich weiß, was in dir vorgeht. Doch ich denke, dass deine Befürchtungen unnötig sind. Was in der Vergangenheit entschieden wird - hat auch für die Zukunft Bedeutung. Selbst, wenn die Zukunft in die Vergangenheit greift..."

Das Ganze hörte sich paradox an. Und doch war es die Wahrheit.

Es war, als sei seine Wiedergeburt in Björn Hellmark notwendig gewesen, um das, was sie vorhatten, in Gang zu bringen. Auch die Tatsache, dass Björn über die Fähigkeit verfügte, seinen Originalkörper zu verdoppeln und an jeden anderen Ort der Welt zu schicken, war ein ausschlaggebender Faktor, um jetzt unbemerkt in die Alptraumstadt einzudringen.

Auf eine andere Weise wäre es nicht möglich gewesen. Die bösen Geister und Dämonen, die in dieser Zeit zum Angriff rüsteten, hatten vielen Eventualitäten vorgebeugt, um im Vorteil gegen die Männer und Frauen zu sein, die sich ihnen entgegenstellten und denen sie immer mehr Macht, Land und Leben wegnahmen.

Carminia, Rani und Arson wurden zusätzlich mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, weil Kaphoon der Meinung war, dass es eventuell besser sein würde, die schwarzen Ritter aus einer gewissen Entfernung zu attackieren, ehe der Angreifer ihnen möglicherweise zu nahe kam, und ihn in einen Schwertkampf verwickelte, in dem er mit Kraft und vom Rücken des Pferdes aus von Anfang an überlegen war.

Und dann ging es los...

***

Björn Hellmark holte zum ersten Mal Macabros aus dem Ruheraum von Apokalyptas Turmpalast und versetzte zu allererst seinen Freund Rani in einen der Krater. Mahay blieb abwartend hinter der Säule stehen, von der aus er einen vortrefflichen Blick auf die gebogene Wand vorne hatte, wo die öde Gespensterlandschaft mit dem schwarzen Ritter vor seinen Augen ausdehnte.

Macabros kehrte zunächst wieder in den Ruheraum zurück, um ganz sicher zu sein, dass seine nur Sekunden währende Abwesenheit noch nicht bemerkt worden war.

Alles war so wie vorher...

Innerhalb von zwei Minuten schaffte er die anderen sechs Personen aus der Höhle in die restlichen sechs Kraterstädte.

Mahay hatte den Auftrag bekommen, unmittelbar nach seiner Ankunft langsam von hundertzwanzig auf ein herunterzuzählen und dann seinen Pfeil abzuschießen. Carminia, die in der zweiten Kraterstadt ihren Auftrag erfüllen sollte, wurde angehalten, bei hundert zu beginnen. Arson, der Mann mit der Silberhaut bei achzig, und so ging es fort über Pepe, Jim, den Guuf, Kaphoon und schließlich zuletzt Björn Hellmark.

Nur auf diese Weise war es möglich, einigermaßen den Zeitpunkt zu erwischen, an dem sie fast alle gleichzeitig zum Handeln kamen.

Nur Bruchteile von Sekunden würden sie eventuell bei diesem Vorgehen voneinander trennen.

Macabros lag wieder im Ruheraum, atmete tief durch und hielt die Augen geschlossen.

Totenstille umringte ihn.

Apokalypta, Tantor und die Dienerinnen, die sie hier im Palast zu ihrer Verfügung hielt, respektierten seinen Wunsch, allein zu sein.

Er hatte dies schläfrig und sehr erschöpft mitgeteilt und schien offensichtlich auch überzeugt zu haben.

In einem einzigen Versuch im Inneren der Höhle Kaphoons hatten sie Ihr Zähltempo aufeinander abgestimmt, um so dich wie möglich in ihren Handlungen zusammenzuwirken.

Noch zehn Sekunden...

Sie waren alle mit dem Zählen dicht beisammen. Jeder war auf sich gestellt, und jeder hatte nur einen einzigen Versuch, um das in Gang zu bringen, was getan werden musste.

Niemand ahnte in diesem Augenblick, dass Apokalypta und Tantor sich schon nicht mehr in Gigantopolis aufhielten.

Die 'ewige Unheilbringerin' und ihr rätselhafter Berater hatte die Alptraumstadt heimlich verlassen.

Das eigenartige Paar befand sich nun zwischen zwei Hügeln, von denen aus sie die Stadt vor sich erblickten.

Ein diffuser Dunst lag über Gigantopolis und hielt das ewige Zwielicht fest, das dort herrschte

Apokalypta saß auf ihrem Pferd, aufrecht und kerzengerade wie eine Königin und ein kalter, abweisender Zug lag auf ihrem Gesicht. Sie bewegte kaum merklich die Lippen, als sie sprach. Ihre Stimme klang leise und gefährlich. "Noch wenige Sekunden - und alles wird anders sein, als er es sich, aber ich es mir vorgestellt habe. Wenn die Wesen, die meinen Geist in die andere Welten getragen haben, nicht mehr sein sollen, dann sollen auch die nicht mehr sein, die dafür verantwortlich zu machen sind. Ich werde im Handstreich meine Welt auslöschen und damit Hellmark und seine Begleiter. Sie sollen einkehren in das Nichts des Vergessens, aus dem es für niemanden mehr eine Rückkehr gibt..."

Noch fünf Sekunden... noch vier... noch drei...

Die Spannung stieg ins Unermessliche.

Apokalypta und Tantor konnte nur warten und spürten instinktiv, dass es jeden Augenblick zu Explosion kommen musste...

Sie konnten nicht in die einzelnen Kraterstädte sehen, wo sich Hellmark und seine Freunde sich aufhielten.

Jeder dort hatte seinen Bogen gespannt und sein Ziel fest im Auge.

Carminia Brados Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Sie war ganz auf ihre Aufgabe konzentriert und zählte in Gedanken die letzten Sekunden.

Zwei... eins...

Da ließ sie los.

Der Pfeil schnellte von der Sehne, jagte kerzengerade durch die Luft und direkt auf den mannshohen Reiter zu, der auf dem schwarzen, massigen Pferd hockte.

In dieser Sekunde schnellten sechs weitere Pfeile von der Sehne, in dieser Sekunde warteten auch Rani, Kaphoon, Björn, Arson, Pepe und Jim auf das, was daraus werden würde.

Fiebrige Blicke verfolgten den Pfeil.

Der erste traf.

Es war der Kaphoons.

Die Spitze bohrte sich genau in Hüfthöhe, wo ein breiter, elastischer Ledergurt Ober- und Unterteil der metallenen Rüstung miteinander verband.

So war es abgesprochen.

Der Pfeil bohrte sich knirschend in die Wand.

Kaphoon hielt den Atem an.

Der Ritter riss die Arme empor, bracht seine Rechte noch um den Griff des Schwertes in seiner Scheide, spannte es und riss es heraus.

Pferd und Reiter blähten sich im nächsten Augenblick auf wie ein Luftballon, der lautlos aufgeblasen wurde.

Der Reiter riss seine Pferd herum, griff mit der einen Hand nach dem Pfeil, der in seinem Leib steckte, zog ihn mit einem Ruck heraus und schleuderte ihn in die weite, mit Säulen bestandene Halle, so dass er klirrend gegen eine solche flog und dort abbrach.

Schon legte Kaphoon einen neuen Pfeil auf die Sehne.

Doch es war nicht mehr nötig, den noch abzuschießen.

Die Dinge überstürzten sich.

Ein lautes Zischen, ein Fauchen lag plötzlich in der Luft. Das Geräusch kam direkt aus dem Körper des schwarzen Ritters.

Eben noch schien es, als ob er auf Kaphoon zupreschen wollte. Er hatte seinen Platz zwischen den Megalithblöcken verlassen und befand sich mitten im Raum vor dem Sohn des 'Toten Gottes', als es plötzlich wie ein Ruck durch seinen Körper ging.

Er drehte sich einmal um seine eigene Achse und war im nächsten Moment unfähig, auch nur noch einen einzigen Zentimeter auf Kaphoon zuzukommen.

Alle anderen - Hellmark, Rani, Arson, Carminia, Pepe und Jim -, das war Kaphoon klar, erlebten in diesem Moment genau das gleiche.

Der schwarze Ritter war zu Tode getroffen, und der Auflösungsprozess des finsteren Geistes der Apokalypta war durch nichts mehr aufzuhalten.

Wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitt, fielen Ross und Reiter in sich zusammen. Ein scharfer, penetranter, kaum erträglicher Gestank wehte ihnen entgegen und raubte ihnen den Atem.

Es raschelte, als ob der Wind in trockenes Laub fahre.

Reittier und Ritter blubberte im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden und blieben dort als Hüllen liegen.

Kaphoon machte einen schnellen Schritt nach vorn, mechanisch das Schwert zur Hand nehmend, um sich zur Wehr zusetzen, falls die eine Falle sein sollte.

Doch es war keine.

Von dem Pferd und Reiter lag etwas weiches,  verschrumpeltes, Schwarzes auf dem Boden, das aussah, als hätte jemand dort einige zusammengeknüllte Lappen hingeworfen.

Apoklayptas todbringender Geist erfüllte nicht mehr die leeren Hüllen, die vollkommen formlos vor Kaphoons Füßen lagen. Die anderen lagen genauso vor Björn Hellmark und dessen Freunden.

Kaphoon hob die weiche, schwarze Masse mit dem Schwert auf und ließ sie über die Klinge gleiten, so dass sie wiederum raschelnd zu Boden fiel.

Wie einfach doch oft manches war, dachte er bei sich. Man muss nur die Zusammenhänge kenne.

Da lief das Zittern durch den Fußboden, das Knirschen durch die Decken und Wände.

Ein ungeheurer Lärm brach los, als ob Riesenhände den Turm, in dem er sich befand, schüttelten.

Die Luft um ihn herum verfärbte sich. Rotglühende Nebel stiegen aus dem Boden, wurden von den Wänden herabgeblasen, als würden sich unsichtbare Düsen öffnen, die dort eingebracht waren.

Eine ungeheuere Fliehkraft trat auf.

Kaphoon kam es vor, als wäre er von einen gigantischen Katapult empor geschleudert worden und befände sich jetzt auf dem Weg zu den Sternen.

Sein Atem flog.

Der blonde Barbar lag am Boden und war außerstande sich zu erheben. Die Fliehkräfte drückten ihn herab, und er hatte das Gefühl, als wäre seine Brust zwischen zwei Mühlsteine geraten, die sich immer dichter an ihn pressten.

Pfeifend entwich die Luft seinen Lungen.

Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, sein Herz jagte.

Der rote Schein verstärkte sich, und er war völlig darin gebadet.

Schemenhaft nur noch nahm er seine Umgebung war.

"Apokalypta...", stieß er keuchend hervor, dann warf ihn ein gewaltiger Sog gegen die Wand.

Das Bewusstsein verließ ihn.

***

Björn Hellmark ging es nicht besser. Verzweifelt versuchte er sich aufzurichten, doch auch er wurde von den unglaublichen Kräften zu Boden gepresst.

Macabros, nur Macabros war es noch Möglich sie zu retten!

Schemenhaft nahm Hellmark seine Umgebung wahr, als er sich auf seinen Doppelkörper konzentrierte und ihn in den Krater sandte, in dem Pepe sich befand. Es war ihm egal, ob Kaphoons und seine Pläne jetzt über den Haufen geworfen würden. Jetzt zählte nur noch eines - ihr aller Leben zu retten!

Macabros materialisierte bei Pepe und geriet gleich in den Sog, der auch alle anderen erfasst hatte. Wie ein welkes Blatt, das in einen tosenden Orkan geraten war, flog er über den Boden, versuchte noch Pepe zu greifen, verfehlte ihn um Haaresbreite und prallte gegen eine Säule, die rot glühte, als bestünde sie aus kochender Lava.

Auch Hellmark wurde vom Boden abgehoben und gegen eine Säule geworfen. Doch im Gegensatz zu Macabros verlor er die Besinnung. Damit hatte er keine Kontrolle mehr über seinen Äterkörper. Doch sein Zweitkörper würde auch unabhängig weiter agieren.

Dann verlor Björn Hellmark sein Bewusstsein.

Macabros wollte die Alptraumstadt verlassen, wissen was eigentlich los war. Doch genau wie die anderen war er ein Gefangener.

Doch nicht nur die ungeheuren Fliehkräfte waren schuld, sondern einzig und allein die Tatsache, dass Gigantopolis die Dimension verlassen hatte, in der sie sich befunden hatten.

Macabros schwebte inmitten eines diffusen Nebels, der sich wie ein Mantel über der Stadt befand. Er konnte aus der Höhe die schwankenden Türme erkennen, die aussahen, aus beständen sie aus einer gummiartigen, schwabbligen Masse. Alles schien zu zerfließen.

Alles war perspektivisch verzerrt, nicht stimmte mehr überein.

Die unheimlichen Geschöpfe, die diese Stadt mit Leben erfüllten, wankten durch die engen Gassen, fielen aus den Fenstern und Türen und gaben seltsam klingende Laute von sich, die in die Luft stiegen, in der sie wie unsichtbare, irregeleitete Vögel schwebten.

Und jenseits der roten Nebel - war das Nichts.

In dieses Nichts stürzte die riesige Stadt und fiel wie in ein Loch ohne Ende...

Gigantopolis wurde zum Schemen - Macabros wurde es.

***

Die beiden Beobachter am Rande des Tals blickten der Stadt nach, die immer mehr zu schrumpfen schien und sich dabei mit ungeheurer, unmessbarer Geschwindigkeit in das Nichts voranbewegte.

Es gab einen Knall, als ob zwei Berge zusammenstießen, als die Luft wieder in das nun entstandene Vakuum strömte.

Die Turbulenzen waren selbst von Apokalypta und Tantor zu spüren, und der Boden rings um die riesige Fläche, die Gigantopolis eingenommen hat, wurde aufgewirbelt.

Riesige Staubwolken dehnten sich aus und hüllten die Dämonin und deren Begleiter ein.

"Hinein ins Vergessen... wir werden sie nie wiedersehen, Tantor..."

Der Staub legte sich langsam, und unendliche Stille breitete sich aus in dem verlorenen Tal.

So weit das Auge reichte, dehnte sich die wellige Ebene vor Apokalypta und ihrem Begleiter aus.

Wo vor wenigen Minuten noch die riesige Stadt Gigantopolis gestanden hatte, gab es nichts mehr.

Nicht mal Spuren wiesen darauf hin, dass die Alptraumstadt einst hier gestanden hatte.

Gigantopolis jagte in Zeit und Raum, wohin der Geist der 'ewigen Unheilbringerin', deren Existenz in allen Zeiten und Räumen nachweisbar war, es bestimmte.

Apoklayptas Alptraumstadt befand sich nicht mehr in Xantilon, wo in jenen Tagen die unheilvollen Heere der Finsternis über das Land zogen und Hunderttausende ihr Leben verloren.

Apokalyptas Alptraumstadt war jedoch nicht wirklich verschwunden.

Sie befand sich nur auf einer langen Reise, deren Ziel nur die 'ewige Unheilbringerin' selbst kannte.

"Lass uns gehen, Tantor", sagte die finstere Göttin ohne sich zu ihrem Begleiter umzudrehen. "Es wird Zeit, das Schloss des 'Toten Gottes' nach meinen Wünschen zu formen, auf das ein neues Gigantopolis entstehe!"

Ohne Tantors Reaktion abzuwarten, wissend, dass er ihr folgen würde, preschte sie in Richtung des Schlosses fort.

***

Die riesige Stadt tauchte über den weißen, zuckerhutartigen Gebilden auf wie ein Schemen, der aus einer fremden Welt hervorpreschte.

Und genauso war es...

Gigantopolis, Apoklayptas Alptraumstadt, rutschte aus einem anderen Zeitraum hinein in jene Zeit, in jenen Raum.

Hätte es jetzt in dieser von einem Orkan gepeitschten Einöde einen Beobachter gegeben, er wäre Zeuge geworden des unfasslichsten Moment seines Lebens.

Gigantopolis schien in dieser Sekunde auseinander zu fallen. Ein starkes, unerklärliches Vibrieren erfasste die ganze Stadt, und die Türme, Minarett, Säulen und Brückenverbindungen fielen auseinander, als bestünden sie aus Gummi, der nun durch die Hitze aufgeweicht wurde.

Zwei Faktoren trafen in diesem Moment zusammen, die auch Apokalypta nicht berücksichtigen konnte, weil sie zuvor keine Ahnung davon gehabt hatte.

Ungeheure Kräfte prallten aufeinander.

Da war die aus einem unerfindlichen Grund angestiegene Aktivität elektro- und erdmagnetischer Bewegung in der Zeitatmosphäre, da stieß die Alptraumstadt in ihrer Bewegung zwischen den Dimensionen und Räumen auf einen solchen Gürtel, und alles was Apokalypta vorgesehen hatte, misslang.

Ihr Ziel war es gewesen, Kaphoon mitsamt Hellmark und seinen Freunden in das Vergessen zu opfern und vollkommen neu anzufangen.

Im Prallfeld der Gewalten zerfiel die Stadt in sieben Teile, versackte in verschiedenen Dimensionen, Parallel- oder Zeiträume und riss die mit sich, die Apokalyptas schwarze Ritter getötet und danach zu furchteinflößenden Monstern gemacht hatten.

Die Zellen, die am Leben waren und normal funktionierten, sprachen auf die Kräftefelder anders an.

So kam es, dass Kaphoon und alle anderen aus Fleisch und Blut aus dem Gefüge herausgelöst wurden.

Während über den Eistürmen der Himmel seltsam flackerte, als hätte jemand ein riesiges, gespenstiges Licht entzündet und sich die Schemen von Gigantopolis gummiartig verzogen, wurden die Bewusstlosen in eine andere Stadt geworfen, wo der eisige Sturm über sie hinwegfegte.

Als Kaphoon aus seiner Ohnmacht erwachte, sah er das Björn Hellmark, Carminia Brado und Rani Mahay schon auf den Beinen waren und sich um die anderen kümmerten.

Wo, bei allen Göttern Xantilons waren sie gelandet. Der Sohn des 'Toten Gottes' wandte sich an seinen 'Zeit-Zwilling', doch auch Björn Hellmark wusste es nicht.

Außerdem war es seltsam, dass sie alle fast auf Sichtweite zueinander auf der gleichen Stelle angekommen war, wo sie doch in Gigantopolis recht weit auseinander waren.

Hatte sich Gigantopolis verwandelt?

Die weißen Türme aus blankem Eis mit den zahllosen Fensterlöchern und der schneckenförmig nach oben windenden Galerie hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit der Alptraumstadt.

Sie kamen nicht mehr dazu, die Dinge zu erörtern, denn sie waren gezwungen zuerst einen Unterschlupf zu finden, der sie gegen die Kälte schützte.

Doch dazu kam es nicht mehr.

Wie aus dem Nichts kamen plötzlich gestalten auf sie zu.

Es waren Hunderte oder gar Tausende. Man konnte sie nicht zählen.

Die Gestalten waren nur wenig größer als sie, die Menschen, hatten zwei Beine, Arme und einen Kopf, wie Menschen, gingen aufrecht, aber es war auch auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie keine Kleidung trugen, sondern ein Fell, wie es Tieren eigen war.

In den Straßen ringsum tauchten plötzlich riesige Echsen auf, die sich schwerfällig wie Panzer auf die Eindringlinge zuwälzten.

Sie waren vom Regen in die Traufe geraten...

Swap.. swap.. swap..., machte es.

Es knallte hell, als die gedrehten Lederschnüre der Peitschen durch die vor Kälte klirrende Luft geworfen wurden und mit traumhafter Sicherheit ihr Ziel fanden.

Es nutzte nicht, dass sie sich zur Wehr setzten, es ging alles zu schnell. Sie wurden förmlich überrumpelt.

Die eisige Kälte fügte ihren Teil dazu bei, ihre Abwehrbereitschaft im wahrsten Sinne des Wortes einzufrieren. Ihre Bewegungen erfolgten wie gelähmt, und ehe sie die Schwerter durch die Luft schwangen, waren sie schon von ihren unheimlichen Gegnern mit den Lederschnüren umhüllt.

Die seltsamen Krieger machten sich nicht die Mühe ihrer Gefangenen emporzuziehen auf die Drachen, sondern schleiften ihre Opfer einfach über den Kalten, rauen Boden.

Halb bewusstlos vor Kälte und Schmerzen gelangten sie so in eine große Halle, wo sie gefesselt zu Füßen eines riesigen, qualligen Monsters gelegt werden. Dem Herrscher der Wesen.

Kaphoon sah, wie Hellmark gegen die tödliche Schwäche ankämpfte, ebenso wie er selbst.

Sie durften nicht ohnmächtig werden.

Aus halbgeöffneten Augen blickte er über den Rand des Sees hinweg, der im Leben dieser primitiven Geschöpfe, die offensichtlich auf einer Stufe vom Tier zum Menschen standen, eine große Rolle spielte.

Darin befanden sich riesige Echsen, die hier wie Haustiere gehalten wurden und zentrale Bedeutung in der Naturreligion dieses Volkes hatten.

Zwei Menschen lagen in den ausgehöhlten Schalen, die wie eine Rutschbahn in das runde Becken führten und warteten auf ihre Hinrichtung.

Es waren zwei - Menschen...

Eine junge Frau, dunkelhaarig, ein Mann, ebenfalls von dunkler Haarfarbe.

Die Primitiven aus der Eiswelt standen in ihrer Nähe, und an ihrer Haltung war zu erkennen, dass sie nur auf einen Zuruf ihres Herrschers warteten, um die Beiden den Bestien im Wasser zu opfern.

Das es eine Opferung werden sollte, war dem Sohn des 'Toten Gottes' sofort klar. Und ihnen war das gleiche Schicksal bestimmt, wenn nicht noch ein Wunder geschehen wurde.

Dann sah er, dass sich Björn Hellmarks Körper plötzlich versteifte.

***

Urplötzlich, wie aus dem Nichts, erschien Macabros neben Hellmarks Freunden, befreite sie von den Fesseln. Dann erlösten Arson und Macabros Kaphoon.

Da hatten die Echsenwesen die Situation erfasst.

Während sich Macabros ins Kampfgetümmel stürzte, überall gleichzeitig zu erscheinen schien und so die Angreifer in heillose Verwirrung stürzte, lösten Kaphoon und Arson Hellmarks Fesseln.

Es ging drunter und drüber.

Kaphoon und Hellmark, die beiden Männer aus verschiedenen Zeiten, die trotzdem ein und derselbe waren, hatten ihre Waffen ergriffen - dem Schwert des 'Toten Gottes'.

Mit lauten Brüllen griff der Drachenkönig ein. Er richtete sich zur vollen Höhe auf, und seine riesige Peitsche knallte durch die Luft.

Da war Macabros heran. So wie Björn Hellmark das Schwert des 'Toten Gottes' in der Hand hielt, so hielt  auch er es in seinen Händen und wehrte die Peitsche ab.

Aber die Menschen waren den Doppelkörper keine große Hilfe. Die Kälte hatte ihnen allen schwer zugesetzt. Ihre Bewegungen waren zu langsam.

Allein hätten sie es auch schwerlich geschafft. Wenn da nicht noch etwas anderes gewesen wäre.

Mehre Angreifer wurden förmlich durch die Luft gewirbelt, obwohl niemand Hand an sie legte.

Es schien, als würden unsichtbare Hände sie an Peitschen und Peitschenschnüren packen, herumschleudern, gegen die Wände und den Boden schleudern.

Es herrschte ein regelrechtes Durcheinander.

"Al Nafuur!" brüllte Björn und schien über das ganze Gesicht zu grinsen* .

Es wurden förmlich Lücken in die Massen der Angreifer gerissen, die ihnen das Leben zur Qual machten.

Mit Rani Mahay und Björn Hellmark kümmerte sich der Sohn des 'Toten Gottes' und die beiden Menschen, die immer noch in den Schalen lagen und langsam in den eiskalten See zu rutschen drohten, ohne die Möglichkeit zu haben, sich aus eigener Kraft etwas für sich tun zu können. Die Fesseln hinderten sie daran.

Die drei Freunde befreiten sie und setzten ihre Flucht mit den beide Menschen fort, die wieder etwas Hoffnung geschöpft hatten.

Es war eine Flucht, die sich nur schleppend vollzog.

Hellmark trieb sie zur Eile an. Es war, als würde ihm eine unsichtbare, unhörbare Stimme sagen, was zu tun war.

Macabros tat sein äußerstes, um den Menschen den Rückzug zu decken.

Pepe und Jim erreichten zuerst den Ausgang. Die Kälte raubte ihn den Atem. Am liebsten hätten sie sich hingelegt, nur von dem Wunsch beseelt, endlich auszuruhen, tief und lang zu schlafen.

Kaphoon wusste, es wäre ihr Tod gewesen.

Da tauchten die ersten Riesenechsen zwischen den Eistürmen auf.

"Lauft! Lauft, so schnell ihr könnt!" rief jemand.

Macabros!

Er stand vor der Riesenechse und stieß das Schwert des 'Toten Gottes' tief unterhalb des hornartigen Nackenrings in die Brust direkt ins Herz. Wie vom Blitz gefällt fiel das Ungetüm zu Boden.

Diese Gefahr war beseitigt.

    Noch hundert Meter bis zu der Stelle, die Hellmark genannt hatte. Hundert Meter bis zu dem metallenen Schiffswrack. Hundert Meter - die zur Ewigkeit wurden...

Ein unruhiges Flackern war zu sehen, dass unmittelbar über dem Wrack in der Luft lag und sich langsam zu Boden senkte.

Jedermann wusste, dass es das Ziel war.

Pepe, Jim, der Guuf und Carminia Brado erreichten zuerst das Magnetfeld und verschwanden darin.

Kaphoon, der mit Rani Mahay die beiden fremden Menschen mitzerrte, sah, wie Björn Hellmark zu Boden ging.

Arson, der Mann mit der Silberhaut, riss Hellmark vom Boden und taumelte auf das Feld zu.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kaphoon es erreicht und zog mit dem Inder den Mann und dessen Begleiterin mit in das Flimmern.

Wie im Traum sah er noch, dass Macabros Björn und Arson aufhob, spürte, dass er sich auflöste.

***

Übergangslos fand Kaphoon sich in einer weiten, welligen Ebene wieder.

Xantilon!

Er war wieder zu Haus, wieder in seiner Zeit und der ihm bekannten Welt.

Der Sohn des 'Toten Gottes' atmete tief durch. Er wusste, dass es seinem 'Bruder' Björn dessen Freunden - nein, es waren nun auch die seinigen - ebenso ergangen war. Auch sie waren nun zu Haus.

Der blonde, muskulöse Barbar sah sich um. Nirgends eine Spur von Apokalypta und ihrem Lakai Tantor.

Kaphoons Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Die Dämonin hatte ihre Stadt und deren Wesen bewusst geopfert, um sich so Björn Hellmark, dessen Gefährtin Carminia Brado, Rani Mahay, Arson, Pepe, Jim, den Guuf und auch ihn - Kaphoon - vom Hals zu schaffen.

Die 'ewige Unheilbringerin' konnte nicht ahnen, dass ihr Plan nicht so funktioniert hatte, wie sie es gewollt hatte. Gigantopolis und seine unheimlichen Bewohner waren zwar zerstört, aber die, die sie sie eigentlich vernichten wollte hatten überlebt und waren lebend in die Zeit zurückgekehrt, aus der sie stammten.

Der Sohn des 'Toten Gottes' blickte zu den Hügeln. Hatte sich dort nicht etwas bewegt?

Das Licht der aufgehenden Sonne erhellte den Himmel. Ein neuer Tag begann. Vielleicht war es ein neuer, besser als die letzten. Kaphoon wusste es nicht.

Immer noch starrte der Barbar auf den Hügel. Er wusste jetzt, was dort wartete.

Kaphoon stieß einen lauten, durchdringenden Pfiff aus.

Ein lautes Wiehern antwortete ihm.

"Anyxa!"

Die weiße Schimmelstute galoppierte auf ihn zu. Immer wieder stieß sie ein lautes Wiehern aus, dass ihre Freude zeigte. Dann war sie auch schon bei dem xantilonischen Krieger und rieb ihre Nüstern an seinem Gesicht.

"Anyxa... ist gut, Mädchen... ist schon gut... ich bin ja auch froh!" versuchte Kaphoon das Pferd zu beruhigen.

Doch das dauerte ein paar Minuten. Dann saß er auf. "Es wird Zeit, unser Lager hier abzubrechen, Anyxa. Gigantopolis, das Ziel unseres Kampfes ist nicht mehr, aber Apokalypta, die kriegerische Dämonin lebt noch. Ich wette, dass sie sich in Schloss meines Vaters zurückgezogen hat, um eine neue Stadt des Grauens zu schaffen. Das muss verhindert werden!"

Dann gab Kaphoon mit einem Schenkeldruck Anyxa zu verstehen, dass er von diesem Platz verschwinden wollte. Der Sohn des 'Toten Gottes' schlug den Weg zu seinem Versteck ein. Er wollte die Kräuter und Mixturen, die dort noch waren holen. Man konnte nie wissen, wann man sie brauchen konnte...

***

Kaphoon verzichtete darauf, Anyxa in ihre Stallung zu bringen. Er ließ die weiße Stute einfach in der Vorhöhle stehen. Es würde nur wenige Minuten dauern, die Kräuter, Tränke und die Lebensmittel zu holen. Danach würde er diese Höhle nicht mehr benutzen. Die Gefahr, dass Apokalypta sie entdeckt hatte, war zu groß.

Der Sohn des 'Toten Gottes' betrat den kleinen, natürlichen Höhlenraum, in dem er seine Kräuter und seine Schlafstätte hatte.

Wie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen blieb er stehen. Seine Augen, sein Verstand wollten nicht glauben, was er sah. Auf seinem Lager lag ein Mann, der gerade zu Bewusstsein kam.

Der Mann aus der Zeit Hellmarks - Jim Conetti, so hatte Björn ihn genannt - , er hatte in all der Aufregung und den Geschehnissen der letzten Stunden vergessen, dass der Mann noch in seiner Höhle lag, wo hin Macabros ihn gebracht und Kaphoon ihn behandelt hatte und auch Björn Hellmark und dessen Gefährten hatten vergessen, das sich Conetti noch in Xantilon befand.

Kaphoon schüttelte den Kopf. Sein Mund verzog sich schmerzlich. Selbst wenn sie alle daran gedacht hätten, dass der Mann, der Gigantopolis und die Todesreiter überlebt hatte, noch in Xantilon war, hätten sie ihm nicht helfen können. Das Tor im Reich des Drachenkönigs hatte jeden in die Zeitperiode gebracht, wohin er gehörte. Sie hatte keine Wahl gehabt zurückzukehren und Conetti abzuholen. Für den Erwachenden gab es keinen Weg zurück in seine Welt, in seine Zeit.

"Wo bin ich... wer sind Sie...?" Jim Conetti war vollends erwacht.

"Ich bin Kaphoon", antwortete der blonde, muskulöse Barbar und wunderte sich, dass er den Mann aus einer anderen Zeit so mühelos verstand. War etwa das Sprachwissen seines 'Zeit-Bruders' auf ihn übergegangen? "Sie liegen in meiner Höhle - in Sicherheit!"

Conetti sah sich um und versuchte sich aufzurichten. Dann wandte er sich wieder an Kaphoon.

"Was ist passiert? Ich erinnere mich noch an einen Mann... er sah aus wie Sie. Sein Name... Björn Hellmark, glaube ich. Er brachte mich aus der Stadt..." Der Mann schüttelte sich vor Grauen. "Ist er hier? Ich würde ihm gerne danken!"

"Nein", Kaphoon schüttelte den Kopf. "Hellmark ist nicht mehr hier. Mein 'Zeit-Zwilling', so kann man sagen ist zurück in die Zeit, aus der er kam. Irgendwann werde ich in ihm wiedergeboren werden. Doch das dauert noch sehr lange.

Der Sohn des 'Toten Gottes' wusste nicht, warum er dem Fremden all dies anvertraute. Doch er wusste, dass es Jim Conetti helfen würde, wenn auch nur wenig, über sein Schicksal hinwegzukommen.

Conetti überlegte kurz. "Ich nehme an, das ich diesen Weg zurück nicht gehen kann?"

Kaphoon nickte stumm.

"Dachte ich mir. Vielleicht ist es auch besser so. Meine Familie ist tot. Meine Freunde auch. Diese schwarzen Ritter töteten alle!" Er starrte lange zu Boden bis er den Blick wieder hob und in Kaphoons Augen blickte. Dann begann er seine Geschichte zu erzählen*.

Kaphoon hatte schon Geschichten über die schwarzen Todesreiter der Apokalypta gehört. Aber es waren Geschichten, die auch diejenigen nur vom Hörensagen kannten, die es berichteten. Zum ersten mal hörte er sie von einem Menschen, der dieses Zusammentreffen durch ein Wunder überlebt hatte.

Dann berichtete Kaphoon von der Vernichtung der Todesreiter und der Stadt. Und von dem Erlebnis in der Eiswüste, wohin sie durch die Reise Gigantopolis' hin verschlagen worden waren.

"Dann rannte ich in das Zeitportal und landete hier. Den anderen erging es genauso."

Jim Conetti hatte atemlos zugehört.

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann ergriff Conetti das Wort.

"Ich werde mich dem Kampf gegen dieses Dämonenweib anschließen. Apokalypta soll für das büßen, was sie mir und meiner Familie angetan hat, und für das, was andern passiert ist. Wir müssen sie vernichten!"

Er streckte seine Rechte vor. Kaphoon ergriff sie. Es war gut einen neuen Verbündeten gefunden zu haben.

"So sei es, Jim."

***

Kaphoon hatte sich aus den Pferden, die Hellmarks Freunde erbeutet hatten, als sie vor den Amazonen der Apokalypta aus dem ehemaligen Herrscherschloss geflohen waren, das kräftigste, ausdauerndste herausgesucht und die anderen in der Ebene freigelassen.

Jim Conetti saß auf der Fuchsstute. Wie Kaphoon durch dessen Erzählung wusste, war Jim ein Bauer in seiner Zeit gewesen, wenn er auch einen anderen Begriff dafür verwandt hatte. Er hatte von Kind auf reiten gelernt und das würde ihm jetzt nutzen. Kaphoon hatte ihn mit einem Kurzschwert und einem Messer ausgestattet. Bei der nächsten Gelegenheit würde er andere Waffen bekommen.

Kaphoons Gedanken wanderten zurück zu Carminia Brado, der Frau, die seiner Geliebten Loana glich, die von Dämonen gemeuchelt worden war. In der Zukunft waren sie wieder zusammen, nicht mehr getrennt. Loana war Carminia geworden und Kaphoon Björn Hellmark. Die Prophezeiung der Weisen Xantilons hatte sich erfüllt. Oder wird es noch tun, dachte Kaphoon ironisch.

"Alles Gute, mein Bruder", sagte er leise und blickte zur Sonne. "Alles Gute!"

Dann gab Kaphoon das Zeichen zum Aufbruch. Es wurde Zeit, dass er die verstreuten Menschen sammelte und zu einem neuen Heer zusammenfügte. Nur so konnte er Apokalypta die Stirn bieten. Der Sohn des 'Toten Gottes' wusste, es würde ein langer, harter und blutiger Kampf werden. Doch er musste ausgefochten werden, denn nur so konnte der Samen gelegt werden, der in ferner Zukunft zum Sieg über die Dämonen führen würde.

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