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... Kai Meyer über Sturmkönige, 1000 und eine Nacht, Dschinns und Promotion

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... über Sturmkönige, 1000 und eine Nacht, Dschinns und Promotion

Kai Meyer lässt sich immer wieder etwas "Neues" einfallen, mit dem er seine Leser überrascht. Die vorerst neueste Veröffentlichung ist der erste Band der Trilogie der Sturmkönige mit dem Titel "Dschinnland". Wir trafen Kai Meyer das letzte Mal auf der Buchmesse, auf der wir kurz miteinander sprachen - und uns darüber unterhielten, dass er ganz offensichtlich alle drei Bände der Sturmkönige bereits fertig gestellt hat und sogar schon an seinem neuesten Projekt arbeitet. 

Vorerst beantwortete er uns einige Fragen zu den Sturmkönigen. 

Cover DschinnlandZauberspiegel: Ich hatte die Chance, den ersten Band der Sturmkönige vorab zu lesen und fand es interessant, dass Dschinnland kein All-Age-Buch ist - dabei ist das doch gerade ein Trend, oder? Die Gewaltszenen sind sicher nicht "überschießend", es gibt eine durchaus erotische Szene, die ich sehr ansprechend geschrieben fand. Wie kamst du zu der Entscheidung Abstand von dem Gedanken des All-Age zu nehmen?
Kai Meyer: All Age ist gerade so eine Modebezeichnung, und so ganz genau weiß eigentlich niemand, was das ganz konkret heißen soll. Eigentlich nur, dass ein Buch von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen werden kann, und das trifft auf die STURMKÖNIGE-Trilogie definitiv zu – wie überhaupt auf so ziemlich jeden Roman, der nicht explizit Gewalt verherrlichend oder pornographisch ist. 13- oder 14jährige lesen Stephen King, da werden sie auch DSCHINNLAND und die beiden Fortsetzungen überstehen, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen. Aber es sind natürlich keine Kinderbücher und werden auch nicht als solche vermarktet. Trotzdem scheinen viele Buchhändler sie auch in die Jugenbuchabteilungen zu legen, und interessanterweise verkaufen sie sich bei bol.de, wo sie bei den Jugendbüchern eingereiht sind, um ein Vielfaches besser als bei Amazon, wo sie unter normaler Belletristik laufen. Was im Fazit letztlich nur bedeutet: Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob und wie man diese Bücher kategorisieren sollte ...

 
 
 

 

 

Zauberspiegel: Wie kamst du zu der Idee, eine Fantasyserie im Reich von 1001-Nacht anzusiedeln? Du hast ja schon einige eher exotische Umgebungen für deine Romane gewählt.
Kai Meyer: Mir ist irgendwann klar geworden, dass wir heute eine Stadt wie Bagdad nur noch als Thema in den Nachrichten wahrnehmen. Gerade Kinder und Jugendliche assoziieren damit nur noch US-Solden, Panzerkolonnen und Attentate. Das war natürlich früher – noch vor zehn oder zwanzig Jahren – ganz anders. Bagdad und der Orient standen für märchenhafte Paläste, fliegende Teppiche, Haremsdamen und Flaschengeister. So kannten wir das früher aus Filmen und Büchern und Hörspielen. Der Krieg hat das völlig aus der aktuellen Wahrnehmung gelöscht, darum wollte ich da wieder hin. Der Orient aus Tausendundeiner Nacht ist historisch gesehen vollkommen fiktiv, aber zumindest in meinem Kopf – und ich vermute, in Millionen anderen genauso – war er immer auch sehr real und greifbar.

 

 

 

Ausschnitt aus der Website zu den SturmkönigenZauberspiegel: In welchem Maß haben dich die Erzählungen aus 1001-Nacht inspiriert?
Kai Meyer: Nur mäßig. Ich habe vorab einiges gelesen, aber ich wollte lieber mit den Bildern in meiner Erinnerung arbeiten und darauf etwas Neues aufbauen. Deshalb war auch von Anfang an klar, dass keine der bekannten Figuren wie Aladin oder Sindbad auftauchen würden. Nur den Kalifen Harun al-Raschid habe ich eingebaut, weil er die eine übergeordnete Gestalt ist, die Historie und Fiktion verbindet.
Ich denke, den größten Einfluss hatte mein persönliches „Gefühl“ von Tausendundeiner Nacht, und das speist sich vor allem aus Filmen wie „Der Dieb von Bagdad“ und Ray Harryhausens Sindbad-Reihe. Jemand, der den „Herrn der Ringe“ liest, hat ein sehr dreidimensionales Bild von Mittelerde im Kopf. Und so ging es mir mit meinem persönlichen Orient, der sich aus zahllosen Filmen, Büchern, alten Hörspielplatten und Comics zusammensetzt. Ich bin einfach wieder dorthin gereist und habe vor diesem Hintergrund meine eigene Geschichte erzählt.

 
 

Zauberspiegel: Wie groß war die Gefahr ungewollt aus 1001-Nacht zu "klauen"? Die Geschichten sind ja sehr bunt und umfangreich. Wie kann man das Kopieren vermeiden?
Kai Meyer: Indem man die Klischees auf den Kopf stellt oder variiert. Meine fliegenden Teppiche haben mehr mit Autokarambolagefilmen zu tun als mit Ali-Baba, meine Wüste mehr mit „Mad Max“ als mit den alten Karawanengeschichten. Meine Dschinne sind Ungeheuer mit einer ganz eigenen Motivation, und eine Flasche, in der, nun ja, „etwas“ gefangen ist, spielt in Band 2 und 3 eine Rolle, hat aber nichts mit den Märchen zu tun.

 
 
 
 

 

Ausschnitt aus der Website Die Sturmkönige

 

Zauberspiegel: Mit viel Aufwand wird Dschinnland promotet: Buchbotschafter zum Beispiel, Wettbewerbe mit Thalia, dann auch die aufwändige Website: Ist das heute notwendig um ein Buch entsprechend zu verkaufen?
Kai Meyer: Es ist hilfreich. Aber sicher kein Garant für einen Bestseller. Letztlich kaufen die Leute, was sie anspricht, und wenn sich herausstellen sollte, dass der Orient für die meisten derzeit kein Thema ist, dann hilft auch keine Werbung. Das beste Mittel, ein Buch zu verkaufen, ist und bleibt die Mund-zu-Mund-Propaganda.

 
 
 
 

Cover zu Band 3 Die Sturmkönige - GlutsandZauberspiegel: Anhand der Tatsache, dass es bereits die Titel und ich glaube auch Cover von Band 2 und 3 gibt, könnte man fast davon ausgehen, dass die beiden Bände bereits fertig sind. Stimmt das?
Kai Meyer: Ja, die Trilogie liegt schon komplett beim Verlag, alle 1300 Seiten. Ich bin mittlerweile schon 200 Seiten weit in meinem nächsten Roman für den Carlsen-Verlag.

 
 
 
 

Zauberspiegel: Ich habe von James A. Owen "Wo Drachen sind - Die Chroniken der Imaginarium Geographica" gelesen. (siehe auch Rezension des Buches auf Zauberspiegel-online). Ich habe gehört, dass du ein Freund - zumindest guter Bekannter - von James Owen bist. Er hat ja damals nach deinen Ideen 2002 bis 2004 die Mythenweltbücher verfasst. Warum hast du die Bücher damals eigentlich nicht selbst geschrieben? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit James Owen?
Kai Meyer: MYTHENWELT war von Anfang an als Vehikel für andere Autoren gedacht, eigentlich mehrere. Wir hatten nur Probleme, entsprechende Kandidaten in Deutschland zu finden. James war eigentlich nur für einen Band vorgesehen, der in Amerika spielen sollte. Statt dessen hat er Kurzexposés für sieben Bände vorgelegt, die sehr überzeugend waren. Daraufhin bekam er den Auftrag, die ganze Reihe zu schreiben. Was im Nachhinein betrachtet ein Fehler war: Die ersten vier Bände kamen sehr schnell, dann nichts mehr. Er hat zwar immer wieder behauptet, er arbeite daran, aber nach anderthalb Jahren Pause haben Frank Festa und ich das Ganze gestoppt. Ich war es auch ein wenig leid, mich permanent vertrösten zu lassen, so sehr ich James als Autor auch schätze.

 
 
 
 

Zauberspiegel: Immer wieder wird über den Sinn und die "Legitimität" von Fantasy diskutiert. Es scheint immer noch die Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur zu geben. Wie siehst du die Rolle der Fantasy heute?
Kai Meyer: Im besten Fall ist Fantasy Symbolismus, vermischt mit guter Unterhaltung. Manchmal ist sie nur das eine, manchmal nur das andere, und viel zu oft leider keines von beidem. Aber so ist das immer, wenn ein Genre erfolgreich wird. Es gibt gute und schlechte Thriller, gute und schlechte romantische Komödien. Das trifft genauso auf die Fantasy zu. Wenn die Qualität stimmt, muss man über Legimität nicht diskutieren.

Zauberspiegel: Vielen Dank für das bereitwillige "Frage-Antwort-Spiel" - wir freuen uns schon auf Band 2 - und sind gespannt darauf, was es mit dem neuen Projekt auf sich hat.

Copyright Foto von Kai Meyer: Lübbe/Horst Friedrichs.

 

Kommentare  

#1 blu 2008-11-21 01:08
Hach wie schön, ich wusste doch dass ich mich mit dem Dieb von Bagdad nicht geirrt hatte!

Tolles Interview mal wieder, vielen Dank! :)

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