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... Linda Stewart über Nick Carter, Sam und ihre Pseudonyme

Linda Stewart... Linda Stewart ...
... über Nick Carter, Sam und ihre Pseudonyme

to the English versionWährend meiner  Recherchen über die Buchserie "Nick Carter - Killmaster" stieß ich im Internet auf die Autorin von Linda Stewart, die von 1973 bis 1975 zwei Carter Romane schrieb. Daraufhin nahm ich Kontakt zu der Autorn auf, die schnell antwortete, und sich in seiner Mail freundicherweise bereiterklärte, mir einige Fragen zu beantworten. Aus diesen Fragen entstand nachfolgendes Interview...

Linda StewartZauberspiegel: Wie kamst du in Kontakt zu Merit and Award Books, wo dein erster Nick Carter Roman "The Peking Dossier" erschien?
Linda Stewart: Vor "Peking" hatte ich immer nur Gedichte, Entwürfe für Kabarett, Werbung für Print und Fernsehen und journalistische Artikel für Zeitschriften geschrieben (und vieles davon gleichzeitig). Als Reaktion auf letzteres kam ein Agent einer größeren Agentur auf mich zu. Er erzählte mir, dass eine Fernsehserie nach Autoren suchte. Ich reichte eine Geschichte ein, die angekauft wurde, und für die ich das Skript verfasste. Ein paar Monate später rief er an und erzählte, dass er für die Serie "Nick Carter, Killmaster" auf der Suche nach Geschichten war. Er fragte mich, ob ich schon jemals in Romanform geschrieben hätte (was ich nicht getan hatte), oder ob ich zumindest schon mal Kriminal- oder Spionageromane gelesen hätte (ja, das hatte ich mein ganzes Leben lang schon gemacht und liebte es). "Okay", sagte er "versuch es".
Als Bewerbung musste man den Entwurf einer Geschichte sowie 35 Seiten Probetext vorlegen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade erst einen Artikel über Klonen gelesen, damals das große Thema, und ich dachte, es wäre ein tolles Thema für einen Thriller (in der Tat war ich damals der Erste, der diese Idee umsetzte, und schlug Ira Levin "Boys from Brazil" um drei Jahre).
Ich setzte mich dann also mit der Chuzpe der Jugend hin und schrieb die ersten 35 Seiten in zwei Tagen herunter (ein Kunststück, das mir übrigens seitdem nicht mehr gelungen ist).
Mein Entwurf las sich in etwa so: "Dies ist der Aufbau, ich weiß nicht wirklich, was danach passiert". Heute käme man damit nicht mehr durch, damals war es noch was anderes.
Tatsächlich war "Peking Dossier" (über die Klone) nicht nur der erste Roman, den ich veröffentlichte, es war überhaupt der erste Roman, den ich schrieb. Es war so etwas wie ein Hit (ich glaube, in einem akadmischen Artikel wurde der Roman als "der definitve Carter" bezeichnet). Also fragte man mich, ob ich einen zweiten schreiben wollte.

Zauberspiegel: Warum hast du nach "The Jerusalem File" keine weiteren Carter-Romane mehr geschrieben?
Linda Stewart: Warum es keine mehr gab? Ich hatte beim ersten Roman eine tolle Lektorin - das bedeutet, sie hat praktisch nichts an der Geschichte oder der Prosa verändert - allerdings verließ sie den Verlag, also wurde der zweite - die "Jerusalem Files" - von einem anderen Lektor betreut. Zu meinem Horror hatte sie einige kleinere Textstücke quer durch die Geschichte ziemlich hölzern umgeschrieben (man hatte deswegen niemals Rücksprache mit mir genommenm und ich sah den Text erst, als er offiziell herausgebracht worden war). Es war eine gute Geschichte, aber mir schien, ihr plattes und unnötiges Umschreiben hatte sie ruiniert. Also weigerte ich mich, nochmal für sie zu arbeiten.

Linda StewartZauberspiegel: Hast du nach deinem letzten Carter Roman noch weitere Spionage- oder Kriminalromane geschrieben?
Linda Stewart: Ja, ich habe im Anschluss viele Kriminalromane geschrieben, wie "Payback" meistens als Sam Stewart. Im Moment schreiben ich Romane unter einem anderen männlichen Pseudonym - und nein, ich werde nicht verraten, welches.
Der einzige Krimi, den ich unter meinem eigenen Namen geschrieben habe, war "Panic on Page One", der in der New York Times Sunday Book Review positiv besprochen wurde. In einigen anderen Medien ebenfalls. "Payback" wurde 1987 bei Simon and Schuster als Hardcover veröffentlicht, als eBook wurde es vor kurzem wieder aufgelegt. Unter diesem Link kann man nachlesen worum es geht

Linda StewartZauberspiegel: Warum hast du "Payback" unter dem Pseudonym Sam Stewart geschrieben?
Linda Stewart: Warum als Sam? Meine Krimis für Erwachsene sind harter Stoff, und ein Lektor von Delacorte sagte mir schon recht früh, dass sie sich besser unter einem männlichen Namen verkaufen würden.
Ich stimmte zu. Wenn ich, als Leser, einen Kriminalroman sah, der von einer Frau geschrieben war, ging ich davon aus, es sei nur eine nette Detektivgeschichte (und kaufte ihn deshalb nicht). Ich nahm also an, dass viele der Frauen, die meinen Roman kaufen würden, wären entweder enttäuscht oder geschockt von der Härte der Sprache und der Geschichte, und viele Männer (denen er gefallen würde) hätten ihn nicht gekauft.
Zu großen Teilen haben sich diese Stereotype über weibliche Kriminalautoren erledigt, aber ich glaube, zu einem gewissen Teil treffen sie immer noch zu.
Übrigens, wenn man bei Google nach meinem echten Namen oder meinen verschiedenen (ich glaube, es sind vier) Pseudonymen sucht, wird man verwirrt feststellen, dass es auch andere Autoren mit all diesen Namen gibt, und ich manchmal für Veröffentlichungen Lob erhalte (oder kritisiert werde), die ich gar nicht geschrieben habe, beziehungsweise keine Anerkennung für jene Dinge erhalter, die ich geschrieben habe.

Linda StewartZauberspiegel: 1993 wurde dein erster Roman Sam the Cat veröffentlicht. Woher kam der Charakter Sam? Sind die Romane mit Sam the Cat eine Art Hommage an den Film Noir und die klassischen Detektivromane?
Linda Stewart: Unter den Büchern, die ich als Sam geschrieben habe, war eine Romanumsetzung eines Films meines früheren Ehemannes, Jackson County Jail, obwohl diese persönliche Verbindung mit dem Stoff nichts mit meinen Aktivitäten dabei zu tun hatte. Wir sind lebenslange Freunde geblieben, und er liebte meinen Roman, wie ich sein Script liebte.
Sam the Cat wurde durch meine Katze Sam inspiriert, den ich als Tribut an mein Lieblingspseudonym Sam genannt habe. Und ja, die Romane, zumindest stilistisch, waren eine Art von Hommage an Raymon Chandler. In einer frühen Rezension stand, "wenn Philip Marlowe als Kater zurückkommen würde, wäre er als Sam zurückgekehrt".

Linda StewartZauberspiegel: Ein Jahr später wurde "Sam the Cat Detective" (Anmerkung: Erschien 1994 unter dem Titel "Sam und die Jadekette"  im Heyne Verlag) " für den Edgar Award in der Kategorie bestes Jugendbuch nominiert. War es eine große Überraschung für dich dass dein Roman für diesen Preis nominiert worden ist?
Linda Stewart: Es ist immer eine Überraschung, für einen Award nominiert zu werden. Ein paar Jahre später wurde "The Maltese Kitten" (der dritte Band in der Serie) für einen Agatha Award nominiert ... im Moment zweifle ich daran, dass ich noch mehr Sam Romane schreiben werde. Ich hatte zu Beginn darüber nachgedacht, jedes Buch in einer anderen Jahreszeiten spielen zu lassen. Das vierte, "The Great Catsby" (sollte für den Frühling stehen), sollte die Reihe abschließen. Aber danach ... wer weiß?

Zauberspiegel: Stimmt es, dass du auch Kurse für Schreiben und Literatur an der School of Visual Arts in New York City gegeben hast?
Linda Stewart: Ja, alles biographisches Material ist wahr (du hast wirklich deine Hausaufgaben gemacht!) Ich habe etwa zehn Jahre lang SVA-Kurse gehalten: einer hieß "Spies and Eyes", handelte von Hammett bis zu Elmore Leonard und die Spionagegeschichten von Graham Greene bis über Condon bis zu Le Carre.
Ich hielt auch einen Kurs in allgemeiner amerikanischer Literatur des 20. Jahrhunderts - Fitzgerald bis zu Robert Stone. Und die Kurse über literarisches Schreiben zielten eher auf praktisches nichtfiktionales Schreiben ab. Daraus entstand ein Buch unter einem weiteren Pseudonym.
Und ich schrieb verschiedene Episoden für die TV Dokumentationserien G.I. Diary (CBS) und Spies (A&E Cable).

Zauberspiegel: Was ist deine Meinung zu dem Krimigenre heute? Findest du nicht, dass sich der Lesegeschmack der Leute bei Kriminalromanen heutzutage ziemlich geändert hat, da viele verschiedene Kriminalschriftsteller vorhanden sind?
Linda Stewart: Ich glaube, die meisten Kriminalromane heute sind nicht so gut wie die Kriminalromane früherer Zeiten. Kerle wie Leonard und Ross Thomas scheinen der Höhepunkt gewesen zu sein.
Hinzu kommt, dass sich vielleicht der Geschmack geändert hat - Leser (und Verlage) legen weniger Wert auf Prosastil und den Charakter (jene Dinge, um die ich mich am meisten bemüht habe), dafür gibt es einen gesteigerten Bedarf an frauenorientierten Kiminalromanen, entweder im Stil von die-Frau-ist-in-Gefahr oder mit einer Rolle wie Wonder Woman. Da ich Romantikerin geblieben bin, schreibe ich gerne männliche Helden, obwohl ich mich immer mit dem Mädchen identifiziere, in das sie sich verlieben.

Zauberspiegel: Linda, vielen Dank für deine Antworten!

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-10-01 11:21

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