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Welcher Roman ist das? - Voyna i Mir

TolstoiWelcher Roman ist das?

Drei Familien sehen sich dem Schicksal gegenüber. Während diese privilegierten Familien ihre diplomatischen, menschlichen und emotionalen Spiele spielen und Intrigen spinnen, bricht aus dem Westen der Feind in die Grenzen des Landes ein. Es folgt der unvermeidliche Krieg gegen den Agressor, der sich über Jahre hinzieht. Zurück bleiben Tote, zerbrochene Familien, ein zerstörtes Land und Leid. Und am Ende erkennt man: Letzten Endes ist jeder nur eine Schachfigur in den Händen des Schicksals.


Eine - ich gebe es zu - ausgesprochen dürre Beschreibung für eines der größten Epen der Literaturgeschichte.

Krieg und Frieden (1865-69) -  Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Hand aufs Herz: Wer hat Krieg und Frieden von Tolstoi wirklich schon gelesen? Wer hat sich schon durch die ganzen 1.600 Seiten gekämpft? Ich muss gestehen, dass ich es nicht "geschafft" habe. Ich habe als Jugendliche leider aufgegeben.

TolstoiZum Autor: Lew Nikolajewitsch Tolstoi wurde am 9. September 1828 in Jasnaja Poljana geboren, einem Landgut im Gouvernement Tula. Er stammte aus einem alten, in keinster Weise wirklich bedeutendem staatstragenden russischen Adelsgeschlecht.

Mit zwei Jahren verlor der Junge seine Mutter, im Alter von neun Jahren wurde er Vollwaise. Daraufhin erzogen ihn Verwandte, bis er 1844 mit 15 Jahren mit dem Besuch der Universität Kasan begann. Dort studierte er zunächst orientalische Sprachen, danach Jura. 1848 kehrte er auf das Gut zurück. Ähnlich Bismarck und viele andere junge Adelige seiner Zeit verbrachte er die kommenden Jahre mit dem Genuss des Lebens als vermögender Erbe eines Gutes und machte Spielschulden.

1851 trat Tolstoi in die Armee ein und ging als Fähnerich in den Kampf gegen die Tschetschenen in den Kaukasus. Zu dieser Zeit begann Tolstoi zu schreiben. Seine ersten Erzählungen (z.B. „Der Überfall“) wurden ab 1852 veröffentlicht und machten ihn bekannt. Weitere fünf Jahre diente Tolstoi, weigerte sich beharrlich sich zum Offizier befördern zu lassen und quittierte 1865 den Dienst. Die Erfahrungen, die er im Kaukasus und auf der Krim sammelte, verarbeitete er in „Krieg und Frieden“. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte er sein Gut aufgrund von Spielschulden bereits verkaufen müssen, und aus dem unzufriedenen Gutsherren wurde ein zielloser Reisender: Deutschland, Frankreich, Italien und die Schweiz, ein Aufenthalt in Moskau. 

Erst 1862 entschloss sich Tolstoi zur Heirat. Zu der Zeit lebte er bereits wieder in Jasnaja Poljana, dem Ort in dem sein Gut gelegen hatte. Dort hatte er ein Haus gekauft und eine Schule für Bauernkinder eröffnet. Ein Jahr später begann Tolstoi mit der Arbeit an seinem Roman „Krieg und Frieden“. Zunächst trug dieser den Arbeitstitel „Das Jahr 1805“, jedoch erst 1869 erschien das Komplettwerk. Erste Teile wurden vorab bereits 1865 veröffentlicht.

Das Familienleben der Familie Tolstoi gestaltete sich schwierig. Von den dreizehn gemeinsamen Kindern überlebten „nur“ acht, und Tolstoi war wie ein Besessener mit sich und seiner Arbeit beschäftigt. 

Sein ganzes Leben lang kämpfte Tolstoi, und wie es schien zu einem großen Teil mit sich selbst. Er suchte nach moralischen Werten, die ihm seine Welt erklärbar machten und Halt gaben, den er in der Kirche nicht entdecken konnte. Ständig war Tolstoi dabei sich selbst zu analysieren und seine Gedanken in Tagebüchern festzuhalten, bis zu seinem Tod. 

Nach einer solchen extremen Krise entschloss sich Tolstoi zu einer vollständigen Veränderung seines Lebens. Er begann sich wie die einfachen Arbeiter zu kleiden, als Bauer auf den Feldern schwerste körperliche Arbeit zu leisten. Der innere Friede, den er sich erhofft hatte, blieb jedoch aus. Die Situation spitzte sich zu, als Tolstois Familie von seinen Plänen erfuhr, seinen gesamten Privatbesitz und die Verwertungsrechte an seinen Werken in die Hände der Allgemeinheit zu geben. Um der „Überwachung“ durch seine Familie zu entgehen floh Tolstoi mit 82 Jahren. Diese Reise sollte seine letzte sein. Er starb während der Reise im November 1910 auf einem Bahnhof.

 

Deckblatt der russischen Originalausgabe"Krieg und Frieden" ist eines der vielen großen Werke von Tolstoi. Vermutlich ist es auch das bekannteste Buch von ihm.


Die neueste vierteilige Verfilmung, deren erster Teil heute um 20.15 Uhr im ZDF an den Start ging, ist nicht der erste Versuch, die Opulenz der Geschichte in eine filmische Form zu fassen.
Auch wer das Buch, das eigentlich aus vier Bänden besteht, noch nicht gelesen Filmplakat des US-Films von 1956hat, wird wahrscheinlich einen Teil des monumentalen Filmwerkes "War and Peace" aus den USA von 1956 kennen. Damals wurde eine Riege erstklassiger Schauspieler aufgeboten: Audrey Hepburn, Henry Fonda oder Mel Ferrer. Eine andere grandiose Verfilmung ist die englische Miniserie mit Anthony Hopkins, die 1972 erstmals gesendet wurde. Weniger bekannt ist die erste Verfilmung überhaupt, ein russisches Werk aus dem Jahr 1915, die Verfilmung von 1967 aus der UdSSR, die damals mit einem Oskar und dem Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde oder eine Russisch-englische Gemeinschaftsarbeit aus dem Jahr 1991.

Mit 360 Minuten Film und rund 27 Millionen Euro Kosten ist die Neuprduktion der Serie "Krieg und Frieden" eher preiswert - zumindest nach amerikanischem Standard. Dennoch gibt das Marketing an, "mit Stars, prachtvollen Kostümen und imposanten Schlachtenszenen" aufzuwarten. Reichlich opulent ist denn auch die Behauptung des designierten deutschen Produktionssenders, des ZDF, für die europäische Ko-Produktion.

Sieben europäische Sender haben sich zusammen getan um die Serie zu produzieren. Gedreht wurde bereits 2006 in St. Petersburg und Litauen, die Postproduction fand im vergangenen Jahr statt. So umfangreich wurde diese dadurch, dass aufgrund der internationalen Besetzung die Serie in Englisch produziert und vollständig nachsyncronisiert wurde, vermutlich insgesamt 500 Minuten Dreh begutachtet und geschnitten werden mussten, und die Musik zur Serie erst nachträglich komponiert wurde.

 

Malcolm McDowellDer Regisseur Robert Dornhelm legte Wert auf die Schöpfung eines aufwändigen Historiengemäldes. Es soll prachtvolle Kostüme geben, imposante Schlachtenszenen (digital bearbeitet) und aus allen beteiligten Ländern entsprechende Stars. Eindeutig der bekannteste Star dürfte Malcolm McDowell sein, der in Serien wie "Law & Order" oder "Monk" ebenso auftauchte wie in Kubricks Kultfilm "Clokwork Orange", "Caligula", einem der Star Trek-Filme, bei Batman oder in dem Film "Cat People" zusammen mit Nastasja Kinski. Aber auch Hannelore Elsner dürfte dem deutschen Fernsehpublikum nicht unbekannt sein.

 

Auf dem SchlachtfeldDer Beitrag des ZDF für diese Produktion soll die Summe von vier Millionen Euro unterschritten haben, ein gutes Geschäft, wenn die Gunst des Publikums den Erwartungen der Macher entspricht. Die Premiere in Italien (Cinecitta) war jedenfalls ein voller Erfolg, wenn man den Worten von Alexander Beyer Glauben schenkt. Alexander Beyer ist der Darsteller des illegitimen Pierre Besuchow, eine der Hauptrollen des Tolstoischen Roman.

Der erste Teil des Filmes beginnt mit einem Ball zu Ehren des Namenstages einer hochherrschaftlichen Tochter, und wird unterbrochen von der Kriegserklärung Russlands gegen Napoleon. An der Seite Österreichs wird man in den Krieg ziehen. Die Geschichte entfaltet sich langsam, mit wenig Action - kein Wunder angesichts der großen Aufgabe, die verschiedenen Charaktere in die Handlung einführen zu müssen - und dem Aufbau der verschiedenen Konflikte, die sich ungeachtet der näher kommenden Truppen entfalten.

Die russische Armee befindet sich in dem fatalen Irrtum, dass sie noch viel Zeit habe und es dem französischen Eindringling nicht gelingen würde, sie zu besiegen. Umso entsetzter sind sie, als ein verwunderter Bote eintrifft und mitteilt, dass die Franzosen bereits da sind. Die Nachhut, in der die Protagonisten gerade angekommen sind, erhält den Befehl "Rückzug". Dabei sollen sie sicherstellen, dass alle Brücken zerstört werden um dem Feind den Weg so schwer wie möglich zu machen. Auch bei Austerlitz unterschätzen sie die Geschwindigkeit der französischen Truppen. Noch während der russische Zar vor Ort ist um die Truppen zu inspizieren, greifen die Franzosen an.

Bei der Verfilmung eines solchen Romans gibt es mehrere Aufgaben:

Es gilt die drei Handlungsstränge miteinander zu einer Einheit zu verbinden, was aufgrund der sehr unterschiedlichen Tempi der Stränge nicht leicht ist. Für die Begrenztheit der Fernsehröhre müssen die großen Szenen (z.B. Schlachten) inszeniert werden. Und nicht zuletzt war den Machern daran gelegen, eine große Nähe zum Roman zu bewahren. 

 

Die Aufgabe gelingt: Es ist eine dichte Verfilmung, mit schönen Aufnahmen, Originalzitaten aus dem Roman (was ich sehr schätze) und einer wunderbaren Kostümierung und Ausstattung (dank der Experten aus Cinecitta).

Sehr gefreut hatte ich mich auf die Szene, in der sich Napoleon und der russische Zar auf einem FLoß mitten in der Memel treffen, um über die weiteren Geschicke Europas anläßlich des Frieden zu Tilsit zu verhandeln. Sie erscheint in dem Aufmacher der Serie und verspricht viel. Allerdings war diese wundervolle Szene den Machern nur einen winzigen Moment wert. Was hätte man aus dieser grandiosen Szene alles machen können. Wie schade!

Was der erste Teil (und auch die vertane Chance dieser Szene) auch andeutet: Es wird kein monumentales Werk sein. Dies ist mit der vergleichsweise geringen Summe wohl auch kaum möglich. Es ist europäisch, im besten Sinn der Bedeutung. 

"Nach diesem Film wird jeder glauben, dass Sie das Buch gelesen haben", wirbt das ZDF für den neuen Vierteiler.

Ziemlich störend finde ich diese reichlich "Pseudobildungsbürger"-Werbung des ZDF, die mit der Idee einer gesunden Halbbildung wirbt. Der Werbespruch kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es sicher nicht reichen wird den Fim zu sehen - das Buch zu lesen ist der einzige Weg, den wahren Zauber dieses großen russischen Romans einzufangen.

Quelle der Serienfotos: ZDF, DPA

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