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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Tatort: Carnaby Street (Crash – Internationale Krimis Nr. 13)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Tatort: Carnaby Street«
Crash – Internationale Krimis 13 von John Fletcher (???)

Einmal mitreißend, einmal bemitleidenswert – dieser Ausflug ins Krimi-Genre ist genauso Achterbahnfahrt wie alles Bisherige, was ich in Sachen Spannung vor die Nase bekommen hatte. Und obwohl mir der Ausflug in den Leihbuchbereich kurz nach dem zweiten Weltkrieg nicht eben gut bekommen war, muss ich jetzt offenbar schon wieder so eine Flöte durchstehen.

Tatort: Carnaby StreetWer sich über die Serienangabe wundert – besser ist es nicht zu betiteln. Die Serie ist aus dem Kelter-Verlag, was an sich ja schon für eine Zweit-, Viert- oder Neuntverramschung spricht und kam in zweifacher Auflage jeweils auf 28 Romane. Sie ist so marktkompatibel aufgemacht, dass es im Heft nicht mal irgendwelche Werbung zu finden ist – dass der Innenumschlag komplett weiß gelassen wurde, hab ich auch selten gesehen. War wohl so eine Direct-to-Woolworth-Grabbeltisch-Auflage.

John Fletcher gibt als Recherche-Objekt leider nicht sonderlich viel her – er wird eben als Autor der Drummond-Romane verschiedentlich genannt, teilweise stand auch der Name Drummond als Autor selbst oben drüber.

Ob ich es nun mit einem deutschen Rundumschlag, einer Übersetzung oder irgendeinem Zwittermischmasch zu tun habe, weiß ich leider nicht ganz so bestimmt, denn die Romane erschienen damals im Paul-Feldmann-Verlag, der zwischen den 50ern und 70ern seine Veröffentlichungen in so dichter Frequenz rauskübelte, dass man nie ganz wissen konnte, woran man war.

Paul Drummond war angeblich ein Pseudonym für verlagsinterne Autoren, vor allem für den klassischen Viel-Autor Hans Joachim von Koblinski, bei dem ich mir jetzt natürlich nicht mehr sicher sein kann, ob er hier selbst gesponnen oder eine Drei-Groschen-Übersetzung hat angedeihen lassen.

Wenn die Hauptfigur hier den Satz ablässt: „Sam hat den Kübel umgeworfen?“, weil er Unglauben darüber heuchelt, dass sein Partner-in-crime in den Besteckkasten gegriffen hat, dann ist das eine unglaublich dreiste Eindeutschung von „kicking the bucket“ (und hätte demzufolge „…den Löffel abgegeben?“ heißen müssen) oder schlichtweg das Versehen eines Übersetzers, der einfach keine Zeit für Feinheiten mehr hatte. Oder jemand mit guten Englisch-Kenntnissen ist einfach mal über ein paar Gewohnheitshürden der Umgangssprache gestolpert. Eine Handvoll von diesen Verbalunfällen ziert die Story.

Wann die Romane geschrieben wurden, ist auch schwer zu bestimmen, die meisten entstammen aber den späten 60ern und frühen 70ern, wobei ich eher zu ersterem tendiere, da das „Swinging London“ ein wenig bereits durchklingt und noch fleißig von Beatmusik gesprochen wird, was in der zweiten Hälfte der 60er langsam aber sicher nicht mehr die korrekte Titulierung war und vermutlich als schon halber Anachronismus den Autoren geschuldet war. Dass vornehmlich mit den typischen Drogen und der nötigen Freizügigkeit gedealt wird, unterstützt das noch.

Angesichts des Titelbilds aus der „Crash“-Reihe hatte ich eher mit einem Witzchen-Krimi von der Marke „Die Zwei“ gerechnet, schaut der frisch frisierte Sportkarrenklopper auf dem Cover offensichtlich wie das Lichtdouble von Roger Moore. Aber schlussendlich verortet der Titel den Roman nur in der damaligen In-Moderne, das Titelbild zeigt eh die branchenfreundliche Tower Bridge, die von der Carnaby Street dann noch ein Stückchen entfernt ist.

Auf jeden Fall: der Autor war mit gebührendem Ernst am Werke und Paule Drummond ist nicht nur ein kerniges Kerlchen, sondern versteht notfalls auch keinen Spaß. Was auch nötig ist, denn hier sterben die Zeugen gleich reihenweise…

Tatort: Carnaby Street»Unternehmen Sie nichts gegen Ling Fu…den Chink kriegen wir noch früh genug!«
Wie schon erwähnt, ist Paul Drummond ein Detektiv, ein privater. Kaum hat er irgendwas oder irgendwen in Glasgow erledigt, wird er daheim auch schon wieder um seine Dienste angerufen: die rassige Brenda Foletti, Mitinhaberin des Clubs „The Liverpoolers“ bittet um Pauls Mitarbeit, weil sie gerade ihren Bruder Nico mit Herzschuss in dessen Büro über dem Club gefunden hat.

Paul lässt sich von viel Kohle anlocken und die schöne Brenda ist auch ganz appetitlich. Ganz der Fachmann, vermutet Drummond angesichts der Schusswunde sofort ein 22er-Kaliber, was auf eine Frau als Schütze vermuten lässt. Die Polizei ist da noch gar nicht informiert, aber Paul erfährt dennoch, dass Nico Foletti offenbar erpresst wurde, zweimal zahlte und einmal nicht. Die letzte Rechnung wurde dann nicht mit Geld bezahlt.

Bekannt ist Drummond durch seine Beziehung mit Mr. Hillary vom Geheimdienst (dessen Boss ominös „Mr. Number One“ betitelt ist, was an sich schon mal einen Knaller darstellt), deswegen wurde er informiert. Dienstbeflissen studiert er auch die Erpresserbriefe, die mit „The Rangers“ unterschrieben sind. Da vermutet auch der Dümmste sofort Amerikaner als Bösewichter. Dann informiert man endlich Scotland Yard.

Der Yard rückt auch sofort in Gestalt von Chefinspektor Henderson an, der auf Drummond a) gar nicht gut zu sprechen ist, b) ihm seine Erfolgsquote neidet, c) ihn doch irgendwie schätzt und d) wohl einfach nur neidisch oder sexuell frustriert ist. Für Henderson ist Foletti nach einem TV-Produzenten schon das zweite Opfer so einer mörderischen Erpressung.

Und ein drittes Opfer ist nicht fern: Henry Rathcliff, CEO von einer Flugzeugfirma, die Bezüge zum Militär hat, ist der Nächste, der Post bekommt. Zwar wird das Thema „Polizei“ von ihm und seiner hübschen Tochter Phyllis zwar diskutiert, aber generell will er lieber zahlen. Dazu muss er nur eine Anzeige in der Times aufgeben. Als er das tut, reagiert die „Times“ höchst interessant: sie alarmiert Scotland Yard wegen dieser Erpressergeschichte! Gleichzeitig informiert Phyllis noch zusätzlich Drummond von der Erpressung. Das bringt wiederum Drummonds Moneypenny, die gute Ginny Lawson auf die sexuell frustrierte Palme.

Derweil sind die Verbrecher mit ihrem Grossplan – schnell viel Geld!!! – selbst vom Erfolg ihrer Masche nicht mehr überzeugt. Sie wollen ersatzweise auch noch ein paar üble Typen anheuern, die London mit einer Verbrechenswelle überziehen sollen. Mit möglichst ein paar Toten extra!

Gesägt, tun, getan – alsbald geht die Jobsuche quer durchs Internet, licensed to kill gewünscht. In einer Halbweltkneipe lässt sich – zunächst noch unerkannt – auch Drummond in Verkleidung von einem gewissen Waxman anheuern. Als die Polizei das Lokal kontrolliert, müssen die beiden gemeinsam fliehen und Drummond arrangiert es so, als würden sie beide verhaftet werden. Er hat aber nur erfahren, dass die eigentlichen Erpresser Amerikaner sind und dass die angemieteten Bösewichter sich in einer Kneipe des sinistren „Ling Fu“ treffen werden.

Bevor er incognito also weiter macht, besucht er aber nochmals Foletti‘s Club, wo er kurz mit einem amerikanischen Mädel namens Angie White schäkert, bevor er Brenda trifft. Zu spät kommt er auf die Idee, dass sie eventuell die Schützin in den Mordfällen sein könnte.

Kaum wieder auf der Straße mal schnell einem netten Mädchen beim Reifenwechsel geholfen und schon steht Drummond vor einem vierten Erpresserfall: dem von Joan Litel. Er hält sie davon ab, den Yard aufzusuchen, informiert dann aber Henderson, um das Postfach für das Lösegeld zu überwachen.

Henderson bereitet derweil die Geldübergabe der Rathcliffs vor, die die Kohle in einem Kanister von einer Brücke befördern sollen. Wie durch Zufall sollen aber die „Königlichen Pioniere“ in der vermeintlichen Auffischgegend ein Manöver durchführen und alles im Auge behalten. Das wiederum funktioniert zur betreffenden Zeit leider viel zu gut, denn nicht nur werden die Pioniere auf einen der Gangster aufmerksam, sondern der riecht im letzten Moment Lunte und kann davonrasen.

Ergo geht Drummond wie beabsichtigt in Ling Fus Kneipe, die als Besonderheit einen versenkbaren Boden zu bieten hat, wenn die Bösen sich vor der Polizei verstecken müssen. Er trifft zwar den ganzen Mob, allerdings wird er auch selbst wiedererkannt und als Spitzel verdächtigt. Seine bereit gelegte Story überzeugt leider keinen der Anwesenden (mich übrigens auch nicht!) und er wird von den Gangstern einkassiert. Man fesselt ihn und transportiert ihn ins Unbekannte, doch anhand verschiedener Umgebungsgeräusche kann Drummond folgern, wo er sich ungefähr befindet. (Die alte Fledermaus!)

Die Ganoven beabsichtigen übrigens einen Geldboten der Post zu überfallen und sind samt und sonders mit CO2-Pistolen ausgerüstet, die sie auch gebrauchen sollen. Gleichzeitig werden auch noch an anderen Stellen Juweliere, Hehler und andere Leute überfallen und dabei recht kaltblütig ermordet.

Am nächsten Tag soll Drummond dann zu seinem finalen Verhör transportiert werden, doch er schafft es – obschon die Fesselung zu gut ist – sich noch verschnürt aus dem Kofferraum bei einem Halt zu befreien und wird glücklicherweise nicht vom nachfolgenden Lastwagen überrollt. Seine Entführer merken nichts davon.

Derweil hat Henderson diverse Fahndungserfolge und steht kurz vor dem Zugriff bei dem Angriff auf den Geldboten, doch der wird überraschenderweise einfach niedergeschossen und man verhaftet nur einige der Gangster, die Amerikaner können entkommen.

Während die mit den Anschlägen jetzt selbst weitermachen, kommt Drummond aus dem Gefängnis und folgert sich angesichts seines vermuteten Aufenthaltsorts bei den Gangstern und anderen vorher nicht beachteten Infos eine Identifizierung eines der Gangster zusammen. Dort können die Beamten einen der Gangster verhaften, der Andere liefert sich allerdings noch ein heftiges Feuergefecht mit den Einsatzkräften, bevor man ihn schließlich sauber durchlöchert (und seine unschuldige Freundin gleich mit).

Bleibt nur noch Angie White, die Drummond schon mit der 22er daheim erwartet, doch selbst ein müder und versehrter Detektiv schafft es noch in ein Handgemenge, bei dem sich die Böse selbst richtet (versehentlich natürlich).

»Hoffentlich hat er sie dann nicht bereits zu einem wohlschmeckenden chinesischen Fleischgericht verarbeitet!«
Ich denke mal, es schon am Unterton zu spüren: ich hab hier weder enorm viel zu meckern, noch kann man sich in größerem Umfang amüsiert echauffieren. Das ist ein grundsolider Leihbuchkrimi und nach zweimaliger Lektüre ahne ich dann doch, dass das ein deutscher Autor abgetippt haben muss, wer immer das geschrieben hat, wusste weder wirklich viel von britischen noch von amerikanischen Detektiven und Polizisten. Die eingestreuten Anglizismen, etwa wie der stete Gebrauch des Begriffs „patrol car“ für Streife soll wohl nur das entsprechende Kolorit liefern.

Die amerikanischen Gangster sind nie so ganz amerikanisch, bzw. wird nie geklärt, woran es ihnen denn so mangelt, derweil sind die britischen Polizisten dann ziemliche Abziehbilder von entsprechenden Figuren aus…ja…britischen Filmen eben.

Dazwischen wandelt eben das kernige Kerlchen Drummond, der hart und schlau zugleich ist, Schlag bei Frauen hat, aber nie eine flach legt, kaum mal was trinkt und eigentlich selbst nie Gewalt ausübt, gleichzeitig mit seiner Sekretärin den Anti-Bond geben darf. Leider ist der Autor nicht sehr gut darin gewesen, dem Ganzen auch noch eine Humorinjektion zu verpassen.

Der Plot ist etwas holprig, vielleicht wurde das ursprüngliche Leihbuch auch etwas zusammen gestrichen – auf jeden Fall verschwinden verschiedene Stränge, wie etwa die erpresste Joan Litel ins Nirgendwo. Wie und wo sich Inspektor Henderson mit seinen Männern die Verdächtigungen zu Verhaftungen verknüpft, ist größtenteils vage untergebracht und die Auflösung zwingt einen in ihrer scheinbar aus dem Nichts kommenden Deduktionsarbeit praktisch dazu, noch mal ganz vorne anzufangen – alles nicht ganz so geschickt, aber noch lange kein Grund  zur Aufregung.

Das einzig Radikale an dem Roman ist der Umgang der Gangster mit ihren „Zielen“, wer auch immer überfallen wird, wird auch immer gleich erschossen, egal ob er hilfreich ist oder nicht (manchmal lässt man ihn auch gar nicht erst dazu kommen, hilfreich zu sein).

Welches diese Ziele sind, entbehrt nicht einer gewissen Flexibilität: die Gangster werden irgendwo in den USA gesucht, wirken am Anfang eher unsicher mit ihrem altbackenen Plan, haben eben „nur viel Geld und das recht schnell“ im Blick, um dann einen halben Roman später davon zu sprechen, dass sie sich die Eroberung und den Umbau der britischen Unterwelt (jaja, die Engländer, alles Amateurkriminelle!) wesentlich leichter vorgestellt hatten. Das nenne ich mal eine motivatorische Modifikation. Immerhin treten sie hier aber auch mal gegen ein Scotland Yard an, das durchaus kompetent ist – fast verkompliziert Drummond den Fall nur noch durch sein Eingreifen!

Ansonsten: keine großen Sexismen, kein Rassismus (der einzige Fall rahmt den Inhalt-Teil weiter oben ein) und nur die Transfer-Kuriosa (wollte man den Lesern nicht zutrauen, „Chop Suey“ zu kennen?), das ist ja fast schon klinisch rein!

Fazit: es gibt auch Leihbücher, die man ertragen kann.

Als Nächstes versuche ich mich mal an einem von diesen gefühlt 60.000 „Kommissar X“-Romanen, die ich eigentlich nur von den albernen Filmen aus den Spätsechzigern kenne („Drei Blaue Panther“ und ähnliches Drei-Getier), da krieg ich dann bestimmt auch meinen Humor-Fix…

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Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-11-07 09:55
Weigand ordnet "John Fletcher" als persönliches Pseudonym dem genannten Koblinski zu; allerdings soll auch Hans Hermann Falk darunter geschrieben haben.
#2 Andreas Decker 2017-11-07 10:09
Interessanter Fund. Die sind mir noch nirgendwo untergekommen.

Zitat:
ich hab hier weder enorm viel zu meckern, noch kann man sich in größerem Umfang amüsiert echauffieren.
Nein, es klingt einfach nur dämlich. Von dem abgekupferten Namen Drummond - Der britische Detektiv Bulldog Drummond von Sapper, das kann kein Zufall sein - zu diesem völlig unrealistischen Schlachtfeld London. Immerhin ist die Logik "Kaliber 22, muss eine Frau sein" einen guten Lacher wert.

Zitat:
Als Nächstes versuche ich mich mal an einem von diesen gefühlt 60.000 „Kommissar X“-Romanen, die ich eigentlich nur von den albernen Filmen aus den Spätsechzigern kenne („Drei Blaue Panther“ und ähnliches Drei-Getier), da krieg ich dann bestimmt auch meinen Humor-Fix…
Das kommt auf die Dekade an. Und den Verfasser. Die Romane sind da doch sehr unterschiedlich. Aber im Gegensatz zu den sehr auf Jux getrimmten Filmen haben die sich immer sehr ernst genommen.
#3 JLo 2017-11-07 21:13
Das Leihbuch-Lexikon von Kalbitz & Kästner schlüsselt die 11 Paul Drummond-Romane Herrn von Koblinsky zu, so auch diesen Roman. Zu den übrigen 18 John Fletcher heißt es: "gelegentlich auch von Hermann Ernst Falk".

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