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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Treibjagd auf den Mafia-Boß (Franco Solo 19)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Treibjagd auf den Mafia-Boß«
Franco Solo 19 von ???

Humor, Trash und straighte Krimis, in meiner kleinen, polizeilich ermittelnden Runde durch die Heftromanszene war so gut wie alles dabei, was ich erwartet hatte, vor allem sehr viele deutsch-britische Einflüsse.

Nun zum Abschluss also noch „Franco Solo“...

Franco Solo, dessen 258 Abenteuer in mehreren Auflagen schon ein wenig aus der Sicht geraten sind, wenn man das Ganze historisch bewertet. Heute kräht kaum noch ein Hahn nach der Serie, die damals aufgrund ihrer recht rabiaten Härte wohl bei der Presse nicht gut gelitten war.

Was schade ist, denn nicht nur scheint die Serie wie eine zufällige Blaupause von in den 80ern sehr erfolgreichen TV-Serien wie „Allein gegen die Mafia“, es ergab sich auch ein unerwartetes Lesevergnügen, denn wo sonst der Plot in leicht ausgelatschten Angeln hing, weil bei der Romanheftschwemme eine Drehtür eh besser gewesen wäre, herrscht episodischer Charakter mit einem Hauch von Fortsetzung, dann aber direkt auf die Zwölf.

Der Plot des vorliegenden Romans (meine Veröffentlichung ist von 1977 und somit, wie ich vermute, eine Neuauflage), ist gar nicht mal so besonders umfänglich, es ist sogar der kürzeste Plot, dem ich seit langem über den Haufen gelaufen bin. Und der Grund dafür ist ganz einfach: es geht eigentlich nur um Action.

Die Figuren sind ständig in Bewegung, die Ziele sind bekannt, die Figuren auf dem Brett aufgestellt und es gibt nur wenige Joker, die während des Geschehens noch gezogen werden.
Franco Solo ist der harte, einsame Hund, der alles allein macht: die Bösen erschießen, die Frauen betören, die Rache vollenden. Wie es schon „Last Boy Scout“ hieß: „Was würde Joe tun? Joe würde alle umlegen und ein paar Zigaretten rauchen.“ Jupp, das ist es.

Wie gut, dass die Gegenseite hier offensichtlich ähnlich schlicht gestrickt ist, wie ein B-Movie-Actioner aus den seligen 80ern: die Bösen sehen alle finster und diabolisch drein und weil sie bei der Mafia bzw. dem „Mob“ sind, laufen hier überall nur gedungene Meuchelmörder rum. Und Solo schaltet sie alle aus, mit dem kleinen moralischen Anhängsel, eben nur die umzulegen, die ihn gerade aktuell umlegen wollen. Zum Glück wollen das alle, sogar das FBI.

Da reicht der Platz kaum zum Geschlechtsverkehr: einmal lädt er eine attraktive Dame aus der käuflichen Abteilung ein, die ihm dann den Kühlschrank einräumen muss, für einen Hunderter. Das ist jetzt keine Metapher für Oralverkehr, sondern wirklich: sie räumt ihm die Einkäufe ein, kriegt einen Drink und kann für den Tag Feierabend machen. Mit der nächsten Bekanntschaft tanzt er eine Runde, aber Flachlegen geht erst, wenn er alle tot gemacht oder verhaftet hat (nicht eben in der Reihenfolge, mitunter auch wild durcheinander). Das ist ja auch mal ganz nett, der ganze Sex laugt nur aus, gerade wenn die Attentate hier im Stundentakt durchgeführt werden.

Das also ist eine Serie, die sich ganz auf ihren zentralen Auftrag konzentriert.

Es gibt eine Backstory – die bei Nr. 19 natürlich noch halbwegs frisch war – aber die ist rudimentär und später gab es bestimmt überall sonst noch Mafiosi (vermutlich auch beim Bäcker und in der Eisdiele), die einen Welteroberungsplan hatten, insofern hat der Held immer gut zu tun.

In einem grellgelben Sternchen auf dem Cover prangt der Verweis „Die knallharte Krimi-Serie“ und hier stimmt das sogar mal, auch wenn ich an anderer Stelle noch exzessivere Gewaltdarstellungen gelesen habe, doch angesichts der Manstopper Kaliber .357, die Solo hier verteilt, bleibt nur wenig übrig für das Folter-Kleinklein.

Ich breche die schmale Story mal für euch runter…

Treibjagd auf den Mafia-Boß»Sieht so aus, als ob du ein nettes Mädchen bist!« - »In jeder Beziehung, Darling. Ich bin so verdammt nett, dass es dich glatt aus den Schuhen hebt!«
In New York, am Hafen, bricht gleich mal wieder die Hölle los.

Dort verbirgt sich, in irgendeinem Schuppen, der Mafia-Consigliere Gioacchino Lombata, der dummerweise ein paar Fehler in seiner Buchhaltung nicht bemerkt hat, weswegen die Ordnungsmächte ihm in die Tasche gestiegen sind.

Auch Franco Solo will den Buchhalter einkassieren, weswegen er auf einen echten Bruce-Willis-Plan verfällt: mit dicker Knarre im Dunkel über den Zaun und trotz Alarmanlage einfach mal bis zum Ziel ranpirschen. Klappt natürlich nicht, weil sofort sechs Schläger/Killer von Aufpasser Jake Belluno ausschwärmen. Es werden also Haken geschlagen und zwei der Killer abgeschossen, ehe es für Solo ausweglos wird. Eine Kugel hat er auch schon in der Schulter.

Lombata hat nun aber Muffensausen bekommen und verabschiedet sich auf eigene Gefahr Richtung Flughafen, um sich nach Venezuela abzusetzen.

Im Schuppen wird aus Franco erst mal die Scheiße rausgeprügelt, als dankbarerweise von draußen per Megafon das FBI unerwartet Ansprüche anmeldet. Die Gelegenheit nutzt Solo, möbelt seine Verprügeler schnell zusammen und hetzt aus der Baracke, quer durch das Dauerfeuer der Staatsbeamten und rein in das Hafenbecken.

Inzwischen ist Lombata in Caracas angekommen und begibt sich in die Obhut des dortigen Bosses Pietro Castoro, der ihm in guter Zusammenarbeit mit Lombatas Boss, Don Enzo Scatola, einen Unterschlupf bieten will.

Solo kontaktiert seinen eigenen Boss, Colonel Warner von „Counter Syndicated Crime Service“, genannt Counter Mob, der seine ungeheuren Gehaltsschecks ausstellt, doch Lombata ist und bleibt verschwunden.
Wie gut, dass die Gegenseite sofort zwei neue Killer auf ihn angesetzt hat, die ihn schon erwarten, als er das Postamt verlässt, in dem er gerade telefoniert hat.
Per Taxi lässt er sich also zum Hafen runter bringen, vergewissert sich, dass die Männer ihm folgen und lockt sie dann in eine zugemüllte Lagerhalle, wo die drei sofort ein kleines Belagerungsgefecht abhalten. Diverse Magazine später ist einer der Männer tödlich verwundet, der Andere flieht.

Zeit für einen Rückblick auf die Backstory: Solos Papa Ernesto war einst auch Killerchef der Mafia, doch dann hatte er ein paar Fragen zu viel gestellt und wurde umgelegt. Die Schwester Louisa gleich mit. Blieb also nur noch Franco, der von Warner angeheuert wurde, die südkalifornische Mafia zu zerschlagen. Was er dann auch geschafft hat…

...naja, beinahe. Einer, der ihm noch grollt, ist der infernalische Angelo Agostini, der Nachfolger seines Papas, der die offene Rechnung gerne abschließen würde.

Weil er sonst nichts Genaues nicht weiß, mietet sich Solo in einem Mittelklassehotel ein, lässt sich von einer Prostituierten den Kühlschrank einräumen (wie schon erwähnt) und observiert ein paar untere Ränge der örtlichen Mafia.

Derweil kriegt Castoro in Caracas einen Anruf von Scatola, der ihm eröffnet, dass er Lombata gern die Lichter ausknipsen lassen würde, schon wegen der Sicherheit der Konten und so. Ich weiß nicht wieso, aber Castoro soll das nicht selbst machen, stattdessen will Scatola ein Killerteam unter der Leitung von Chico Venuti (hihi…) entsenden…

Solo hat inzwischen sein Ziel gefunden: er überwältigt einen Mafiosi namens Rocco Chincagliere und erpresst ihn, Details über Lombata zu verraten. So erfährt er auch von Venuti und Castoro.

Kurz darauf sichert er sich ein Ticket nach Caracas, holt sich einen Kontakt bei Warner ab und düst südwärts nach Venezuela. Dort angekommen sucht er sofort besagten Kontakt namens Jorge Pacora (ein Inder?) auf, der ihm Infos und eine Waffe verschafft (natürlich genau sein Kaliber!). Nebenbei darf er noch mit einer gurrenden Barbara John aus Deutschland schwofen.

Solo fährt nun zu Castoro und gibt sich dort als Venuti aus, um Lombata möglichst bald zu liquidieren (hochzunehmen). Leider meldet sich just im Gespräch der echte Venuti vom Flughafen und Solo sieht sich genötigt, Castoro als Geisel und Fahrer zu nehmen, um zu Lombatas Hütte zu kommen.

Die Fahrt geht solange gut, bis aus einem Auto in der Wildnis plötzlich das Feuer aus Maschinenpistolen eröffnet wird, in deren Folge beide Autos teilweise crashen. Castoro kann Solo ausknocken und die Angreifer erweisen sich als Agostini und zwei Komplizen, die natürlich gern Rache nehmen wollen.

Castoro fährt zurück, um den wahren Venuti daheim zu empfangen, den er sofort in Marsch setzt.

Agostini bräuchte Franco jetzt nur noch zu erschießen, doch Solo überwindet alle Unfallverletzungen binnen Zehntelsekunde und spritzt einfach im Kugelhagel davon. Dann spielt man im Dunkel (Solo nur mit Taschenmesser!) solange Katz und Maus, bis einer der Kumpane tot, der Andere überwältigt und Agostini angeschossen und im Kofferraum gelandet ist.

Solo düst in der Folge in Hochgeschwindigkeit zu Lombatas Wildhütte und kann das Killerkommando gerade noch davon abhalten, Lombata zu liquidieren, der sich, angesichts der Pläne seiner verehrten Mafiosi, aufgrund des Schutzes seiner Familie dann doch lieber in die Obhut der amerikanischen Behörden begibt.

»Es gibt Ehen, die man nur noch als Interessengemeinschaft bezeichnen kann!« - »Auf dem Gebiet bin ich unerfahren!«
Franco Solo weiß zwar, was er tut und legt sich auch entsprechende Pläne gut durchdacht zurecht, doch er ist weder extremst vorausschauend, noch scheint er zu realisieren, dass er sich ja ständig wieder in die Scheiße reitet.

Seine Vorgehensweise ist minimal hoch riskant, maximal selbstmörderisch und häufig laufen seine Pläne darauf hinaus, entweder zu improvisieren oder einfach querfeldein zu laufen und zu hoffen, dass ihn niemand trifft. Das geht allerdings immer wieder schief, mit der typischen Folge, dass man ihn daraufhin ausquetschen will (was für die Gangster schief geht) oder man ihn eben so lange vollredet, bis er wieder wegläuft. Im Umkehrschluss ist er aber ein großer Anschleicher, der notfalls eben zum notgedrungenen Schlagetot taugt, um voran zu kommen.

Was fehlt, ist Raffinesse. Sowohl Solo selbst, als auch der Plot kommt praktisch ohne die besondere Findigkeit aus, sondern entspricht einem Rammbock, auf dem „Klopf Klopf!“ steht und entsprechend entwickeln sich die Dinge dann eben. Notfalls müssen die Bösen bei all den Schwierigkeiten, die Mafiosi nun mal so machen, auf extremst depperte Schlingerkurse gehen, damit der Häscher sie noch einholen kann (Lombata nach Venezuela entkommen lassen, ihn dort in der Wildnis ausquartieren, nicht liquidieren, dann nochmals verlegen, dann ein Liquidationsteam einfliegen lassen, als ob die Mittelamerikaner in Caracas das nicht allein könnten…).

Was sonst noch auffällt – neben nicht eben übermäßig viel Dialog – ist der respektvolle Umgang mit schönen bis lasterhaften Frauen, die Solo alle freundlich an sich abperlen lässt – keine Bettgeschichte zwecks Stressabbau eingeplant.

Was aber positiv auffällt, ist die sehr atmosphärische Geschlossenheit, mit der der Autor hier an seine Situationsbeschreibungen herangeht. Wenn die Kampfszenen noch etwas detaillierter ausgefallen wären und die Vorgehensweise des Helden – wie gesagt – etwas raffinierter ausfallen würde, ergäbe das einen echt positives Werk.

Aber so haben wir eben einen Helden, der seine Verfolger bemerkt, sie hinter sich herlockt, an einem Ort versammelt, um dann dort aufgrund von mäßiger Planung total in die Defensive gerät.
Und Mafiosi, die auch in den 70ern immer noch im Auto mit Tommyguns unterwegs sind.

Aber bleiben wir ruhig bei Knarren und Drinks und wenden uns jetzt erst mal dem Wilden Westen zu, wie er kracht und zischt...und falls jemand irgendwann mal einen Heimat- oder Arztroman bestellen möchte, kann er sich ja melden...

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Kommentare  

#1 Feldese 2017-11-20 08:07
Man könnte noch daran erinnern, dass "Franco Solo" auf ein völlig abgekupfertes Konzept gründete: Don Pendletons "The Executioner"-Serie mit Mack Bolan (dt. "Der Mafia-Killer" mit Mark Bolan als Heyne-TB).
#2 Andreas Decker 2017-11-20 15:48
Solo lief von 76-81.

Mafia-Selbstjustizthriller waren damals ja fast schon eine kleine Industrie in Amerika. Zig Serien. Und dazu kamen die italienischen Kinofilme. Insofern wundert es nicht, dass Pabel auf den Zug gesprungen ist.

Aber ich konnte mit FS wenig anfangen. Vielleicht lag es daran, dass ich zu der Zeit angefangen habe, Krimis aus dem Buchhandel zu lesen. Zwar gab es auf Deutsch nur wenige Prozent der Originalserien, aber die waren trotz Bearbeitungen allesamt besser. (Auch wenn sie größtenteils schlecht gealtert sind.)

Vor ein paar Jahren habe ich noch mal in paar Hefte der höheren Nummern reingelesen, aber ich fand es größtenteils einfach nur abstrus. Die Verrenkungen, die die Autoren machen mussten, um sich von den Vorlagen zu distanzieren im Sinne von Gewalt und Sex, waren lächerlich.

"Solo" ist in dieser Hinsicht etwas wie "Ronco". Da wurden anfangs ja auch die Italowestern beschworen, was sich dann eigentlich aufs Cover reduzierte.

Immerhin gab es bei Solo eine nette LKS, die gab es sonst weder bei KX noch bei der Fledermaus.
#3 Harantor 2017-11-20 16:00
zitiere Andreas Decker:

"Solo" ist in dieser Hinsicht etwas wie "Ronco". Da wurden anfangs ja auch die Italowestern beschworen, was sich dann eigentlich aufs Cover reduzierte.


Hier sollte man sagen, dass die inhaltliche Abkehr vom Italo-Western bei Ronco eher dem Mastermind Kuegler geschudet war, der, nachdem er die Serie übernommen hat, eine Kurswende vornahm
#4 Harantor 2017-11-20 17:32
Über den Executioner hat Andreas Decker im Zauberspiegel geschrieben: THE EXECUTIONER - 40 Jahre Paperback Originals (www.zauberspiegel-online.de/index.php/krimi-thriller-mainmenu-12/gedrucktes-mainmenu-159/9113-the-executioner-40-jahre-paperback-originals)

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