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Die Hexe von Shipgrave - Leseprobe

LeseprobeDie Hexe von Shipgrave
Leseprobe eines Mysterythrillers

Nur wenige Meter entfernt stand Pater O'Keefe: Eine hagere, schwarze, hoch gewachsene Gestalt in einem weiten, altertümlichen Anzug, die an eine Vogelscheuche erinnerte. Auf dem Kopf trug er einen großen, schwarzen Predigerhut, unter dem graues Zottelhaar hervor wucherte. Seine Lippen war blutleer und schmal, seine Wangen eingefangen, doch seine schwarzen Augen leuchteten wie glühende Kohlen. Er war ein Fanatiker, ein Prediger des Bösen und der Gewalt.


Ullrich WegerichUllrich Wegerich stellt sich vor

Ich wurde 1955 in Mainz geboren und bin in dieser schönen Stadt auch aufgewachsen. Ich habe in Marburg und in Berlin Soziologie und Philosophie studiert und schließlich mit einer Arbeit über die kritische Theorie Max Horkheimers an der Freien Universität Berlin promoviert. Ich habe in diversen Jobs gearbeitet, unter anderem als Sozialarbeiter und als Heftromanautor. Mein erster Krimi “Berliner Blut” erschien im Jahr 2005 im Verlag “Königshausen und Neumann”, Würzburg, der Nachfolgeband “Berliner Macht” 2009 im gleichen Verlag. Ein Thema sind die gesellschaftlichen Verwerfungen der wirtschaftsliberalen Politik des vergangenen Jahrzehnts, die sich in der deutschen Hauptstadt besonders drastisch zeigen. Das E-Book “Schnee”, eine recht gewalttätige Geschichte über Gentrifizierung und soziale Ausgrenzung, erschien 2012, der Printband “Gut essen” zum Thema Lobbyismus und Manipulation von Lebensmitteln im Herbst 2013.

In seinen Händen hielt er einen groben Strick.

Elizabeth hörte, wie die Hexe gellend auflachte.

Im nächsten Augenblick war sie von Männern umringt, von feixenden, geilen, geiferenden Gesichtern. Sheriff Butcher war unter ihnen, ebenso wie Jeff Slave, Mrs. Fox Hausknecht und Diener. Und sie erkannte andere Menschen, die sie am gestrigen Tag in Shipgrave gesehen hatte.

Insgesamt waren es sicher fünfzehn Männer.

Aber sie trugen keine normale Kleidung.

Sie trugen Jacken, Hosen, Stiefel und Mützen, wie sie im 17. Jahrhundert gebräuchlich gewesen waren. Elizabeth erinnerte sich an alte Gemälde, die sie in New York im Museum gesehen hatte und auf denen die Menschen solche Kleidung getragen hatten.

„Da ist sie!“, rief Pater O'Keefe und wies mit ausgestrecktem Arm auf die nackte junge Frau. „Dort ist die Hexe!“

Die Männer umringten sie. Immer näher und immer bedrohlicher kamen sie heran. Immer gemeiner und ekliger feixten ihre Münder.

Elizabeth war nun von allen Seiten umringt. Der stechende Schweißgeruch der Männer drang in ihre Nase, nahm ihr den Atem und ließ Übelkeit in ihrer Kehle aufsteigen. Spucke traf ihre Wangen.

Sie wollte schreien, aber ihre Stimme versagte.

Sie hörte rüdes, raues Lachen.

Sie wurde von Fäusten und Ellbogen heftig hin und her gestoßen.

Zwei Männer hielten sie nun mit eisernem Griff fest und der Pater fesselte mit dem Strick ihre Hände auf ihrem Rücken zusammen. Wieder wurde sie bespuckt und getreten. Jemand versetzte ihr eine schallende Ohrfeige.

„Bringen wir sie nach Shipgrave!“, schrie O'Keefe triumphierend und schlang einen zweiten Strick um Elizabeths Hals. An diesem Strick zerrte er sie hin und her. „Auf sie wartet der Scheiterhaufen! Wir müssen die Erde reinigen! Wir müssen sie säubern mit Feuer und Blut!“

„Mit Feuer und Blut“, riefen die Männer ringsum.

O'Keefe führte die gefesselte Elizabeth an dem Strick hinter sich her. Sie gingen in den Wald.

Der Ort bestand in jenen Tagen aus nur wenigen, aus rohen Feldsteinen errichteten Häusern, deren Dächer mit grünem Moos bewachsen waren und die sich eng aneinander gelehnt unter die Klippen duckten. In der Mitte des Ortes gab es eine hölzerne Kirche. Um die kleine Ansiedlung war eine hohe, hölzerne Palisade gezogen, die sie vor den Angriffen der Mohawks schützen sollte. Ein Tor führte hinunter zum Hafen, wo zwei kleine Kutter vor Anker lagen und das Meer für alle Zeiten gegen den steinernen Kai schlug.

Elizabeth und ihre Häscher standen den Klippen oberhalb der Ortschaft. Vom Wals her krochen schwarze Schatten über die Ansiedlung und über dem grau schäumenden Ozean hingen schwarze Wolken.

Genau genau so musste es gewesen sein, als Margaret Ringwater aus dem Wald zurück nach Shipgrave geführt wurde.

Jetzt bin ich zur Hexe geworden, dachte Elizabeth. Nun hat sie endgültig Besitz von mir ergriffen.

Verwundert stellte sie fest, dass sie sich ohne jedes Widerstreben in ihr Schicksal fügte. Sie verspürte sogar eine gewisse Erleichterung darüber, dass sie nicht mehr fliehen und sich verstecken musste.

Der Pater zerrte sie an dem Strick um ihren Hals hinter sich her und die anderen Männer folgten ihre johlend und grölend nach.

„Jetzt bekommt sie, was sie verdient“, hörte sie rufen.

„So wird es auch ihren Freunden, den Mohawks, ergehen!“

„Sie muss brennen, damit wir leben können!“

„Die Hexe muss brennen!“

Der Scheiterhaufen war am Hafen, direkt am Meer aufgerichtet. Es war ein riesiger, mindestens zwei Meter hoher Holzstoß, in dessen Mitte ein dicker Pfahl empor ragte.

Der Pater - sein schmales, hageres Gesicht war zu einer schrecklichen Grimasse der Wut und des Hasses verzerrt – wandte sich zu der Gefangenen hin um. In seiner rechten Hand hielt er ein kleines, silbernes Kreuz.

„Verbrenne, du Hexe!“, schrie er gellend und presste das Kreuz gegen Elizabeths Stirn. Der beißende Geruch von verschmortem Fleisch ließ sie taumeln.

Die Hexe von ShipgraveVor Schmerzen schrie sie schrill auf, brüllte so laut sie nur konnte.

„Auf den Scheiterhaufen mit ihr!“, hörte sie rufen.

„Auf den Scheiterhaufen!“

Sie stand auf dem Holzstoß und die ersten Flammen leckten über die Scheite, während die Männer nackt um sie tanzten. Weiter vorn toste und brüllte das Meer. Dann schlugen die Flammen höher und höher empor, die Luft war erfüllt vom beißendem Qualm und Elizabeths Körper wurde von der sengenden Hitze des Feuers ergriffen. Es war grauenvoll. Verzweifelt riss und zerrte sie an dem Pfahl, an den sie gefesselt war.

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