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Brennender Mond - Eine Leseprobe

EineLeseprobeBrennender Mond
Eine Leseprobe

Kapitel 1: Moritz, Sandra und Joachim Landmann, Egenhausen
Die Nacht zum Tag der Deutschen Einheit, sollte für Joachim Landmann der größte Alptraum seines Lebens werden.

„Wenn er normal wäre, würde sich nicht alles um ihn drehen. Wir hätten so ein schönes, unkompliziertes und normales Leben gehabt. Wir hätten zum Beispiel normal in Urlaub fahren können.


Oder eine normale Konfirmation feiern können. Verdammt, sie liebt ihn mehr als mich. Verdammt warum ist alles so falsch gelaufen?“ fluchte Joachim als er in den Spiegel gaffte bis seine Augen brannten.

Er befand sich auf der Toilette und registrierte die kalten und weißen Fliesen unter seinen nackten Fußsohlen. Vor sich hatte er ein hellblaues Waschbecken. Durch die grauen Jalousien rechts von ihm drang das weiche, gelbe Licht der Straßenlampen.

Die Luft im Bad war leicht stickig. Sie roch nach Schweiß, Duschgel und Shampoo. Es war gerade noch so hell, dass er kein Licht anmachen musste. Joachim vernahm ein Auto leise an seiner Seite vorbeifahren. 

Sein Gesicht sah abgekämpft und müde aus. Der Arbeitsstress nagte an ihm. Die Ränder unter seinen Augen waren dunkel. Schwarze Bartstoppeln übersäten seine Kinn – und Wangenpartien. Joachims Gesicht hatte Ähnlichkeit mit dem von Elvis Presley. Dieselben Locken, ja sogar ähnliche Gesichtszüge. Allerdings hatte er nicht dieselben langen Kotletten, wie die des Sängers.

 „Alles dreht sich nur noch um Ihn. Moritz hier, Moritz da. Bla bla bla. Am liebsten würde ich ihn ...“ sinnierte er vor sich hin und verzog dabei das Gesicht. Seine Augen funkelten vor Bosheit und Zorn und seine Lippen wurden schmal.

„Was würdest du am liebsten mit mir machen?“ vernahm er eine hohe und zarte Kinderstimme aus dem Wohnzimmer. Sie hallte regelrecht durch sein Reich. Joachim erschrak sich fast zu Tode. Eine Sekunde lang glaubte er, sein Herz setzte aus. Er konnte sie keinem Kind, das er kannte, zuordnen. Wem gehörte sie?

Blitzschnell riss er seine Augen auf und war von einer Sekunde auf die Andere hellwach. Was war das gewesen? Sein Herz ratterte wie wild gegen seine Rippen. Woher kam plötzlich die Kinderstimme her? Wie war das Kind überhaupt in seine Wohnung gekommen? Er hatte die doch Wohnungstür abgeschlossen – oder nicht?

Joachim hatte einen hellblauen Schlafanzug an. Dieser roch den kalten Schweiß, der in ihm hing. Seine schwarzen Locken standen in alle Richtungen.

Unsicher huschte er  ins Wohnzimmer. Er hörte dabei ein leises Gluckern in der Heizung. Das Wohnzimmer hatte einen hellblauen Teppichboden, weiße Wände die im Mondlicht bläulich schimmerten, eine beigefarbige Sitzecke, einen schwarzen, rechteckigen  Flachbildschirm und einen Essbereich. Auf dem Tisch, am Fernseher, lagen ein zusammengefalteter, schwarzer  Laptop, eine Schachtel Marlboro und sein rotes Feuerzeug. 

Es war still, fast wie in einem Vakuum. Er hörte plötzlich die Knochen in seinen Füssen knacken. Das Geräusch hallte in Joachims Ohren. Im schummrigen Licht machte er den Umriss einer kleinen Gestalt aus. Er knipste das Licht an.  Es war grell und stach ihm in die Augen. Joachim musste sie einige Sekunden lang zukneifen, bevor sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sie taten kurz weh. Der Schmerz kraxelte ihm kurz ins Gehirn. Aber dann ging es.

Joachim hatte auf den Weg zur Toilette kein Licht anmachen müssen. Er schlug die Augen langsam wieder auf. Sie wurden immer größer und größer. Das was er sah, ließ ihm den Atem stocken.

„Das ist doch nicht möglich, “ japste er und spürte, dass das Blut durch seine Adern rauschte. Dabei riss Joachim seine Augen auf, dass sie aus seinen Augenhöhlen zu fallen schienen. Seine Knie und Lippen fingen an zu schlottern. Das Herz hämmerte so schnell, dass er glaubte hyperventilieren zu müssen.

Vor ihm stand ein dreijähriger Junge. Er hatte rabenschwarze Haare, die zu einem Seitenscheitel gekämmt waren und im Licht glänzten. Seine wässrig blauen Augen starrten Joachim an. Er war in einen gelben Schlafanzug und dunkle Pantoffeln gekleidet. Auf den Wangen seines puderweißen Gesichts prangten hellrote und apfelförmige Flecken.

Joachim kannte diesen Knaben. Er hieß Moritz. Seinetwegen war sein Leben aus den Fugen geraten.  Aber warum stand er jetzt in seinem Wohnzimmer, obwohl es eigentlich biologisch und physiologisch unmöglich war?

An der runden, modernen Wanduhr erkannte Joachim, dass es halb drei  in der Nacht war. Er bebte vor Angst am ganzen Körper. „Das kann doch nicht sein, “ nuschelte er und merkte, dass es ihm eiskalt den Rücken hinunter lief. Seine Lippen und sein Gaumen fühlten sich spröde an.

„Du wiederholst dich. Sag mir, was würdest du am liebsten mit mir machen? Was für kranke Gedanken hast du schon wieder? He!“ fauchte Moritz Joachim an. Joachim schwieg. Er war perplex und konnte nichts sagen.

„Es kann unmöglich Moritz sein, “ schoss es durch Joachims Kopf

Die blauen Augen, die Moritz von seiner Mutter und Großmutter geerbt hatte, formten sich zu Schlitzen und schienen  ihn aufzufressen. Joachim fühlte sich wie gelähmt. Es war, als hätten sie irgendeinen unsichtbaren Bann über ihn gelegt. Gleichzeitig strahlten sie eine tiefe Trauer aus. Joachim kannte er den Grund für sie. Durch sie wirkte das Gesicht des Sprösslings gebrochen. Er wusste, dass seine Gedanken der Grund waren, warum Moritz ihn so traurig ansah.

Die Lippen des Kleinen waren dünn wie Striche, weiß und hart. Das Gesicht wirkte

auf einmal kämpferisch und entschlossen. Joachim dagegen schien vor Angst fast

zu schrumpfen.

Er hatte keine Ahnung, was als nächstes kommen würde. Aber tief im Inneren wusste Joachim, dass Gott ihn bestrafen wollte. Und auch wofür.

„Ich weiß, dass du mich hasst und dass du mir früher oder später etwas antun willst.

Du kannst deinen Jähzorn vor der Welt einigermaßen verbergen. Aber nicht vor mir.  Ich kenne deine kranken und perversen Gedanken.

Ich werde verhindern, dass du mir etwas antun wirst. Und ich werde dich dafür bestrafen, was du hinter Mamas Rücken getan hast. Ich sage nur Nicolette alias Nicky, deine tschechische Prinzessin.“

Als Moritz den Namen „Nicky“ aussprach, spürte Joachim Scham. Er entsinnte sich kurz an den Sex in der Teeküche der Landmann GmbH.

Joachim beobachtete wie Moritz mit seiner rechten Hand aus der  Hosentasche seines Schlafanzuges ein Feuerzeug herausholte. Er ahnte, dass  der Junge seine neue Wohnung in Brand setzen wollte. Ihm blieb die Luft weg. Joachim schloss kurz die Augen. In dieser Zeit redete er sich ein, dass alles nur ein schlechter Traum war. Es konnte nur einer sein. Ein verdammt schlechter sogar. Er öffnete sie wieder. Moritz war immer noch da. Der Knabe hatte immer noch das entschlossene Gesicht und das Feuerzeug in seiner rechten Hand.

„Nein, du befindest dich in keinem schlechten Traum, “ sagte Moritz grinsend.

„Bitte, tu das nicht, “ bettelte Joachim und schlotterte dabei vor Angst am ganzen Körper.

 „Lass uns darüber reden, bitte, “ stammelte er.

„Mama hat dir jede Menge Chancen gegeben. Aber du ...“ fauchte Moritz. Die Augen des Jungens funkelten Joachim böse an.

Joachim wusste, dass er schnell handeln musste. Aber er konnte nicht. Seine Glieder fühlten sich wie Bretter an.  Es war unglaublich. Er konnte es sich selbst nicht erklären. Eigentlich wäre es so einfach, diesem kleinen Rotzlöffel das Feuerzeug aus der Hand zu reißen und den Hosenboden zu versohlen. Aber sein Körper streikte.

Moritz hatte ihn total unter Kontrolle und schachmatt gesetzt.

„Wach auf Joachim, “ befahl er sich. Doch er tat es nicht. Joachim überlegte, ob er sich selbst zwicken sollte. Er hielt es für kindisch und ließ es bleiben.

Er verfolgte mit seinen Augen wie Moritz das brennende Feuerzeug auf seinen Teppich fallen ließ. Eine Armee von gelben und heißen Flammen breitete sich um den Jungen herum aus. Sie eroberte auch die hellen Möbeln, den Laptop, den Boden und die  Wände. 

„Nein Moritz!“ keuchte Joachim mit aufgerissenen Augen. Seine Gesichtsfarbe war inzwischen weiß wie kalk.

„Verzeih mir. Hab´ Gnade,“ bettelte Joachim

Er roch den penetranten Gestank des Qualms, der dabei entstand und spürte die Hitze, die immer stärker wurde. Er starrte in das Gesicht des Jungens. Es leuchte jetzt gelb. Dabei entdeckte er die Tränen, die aus dessen Augen  kullerten. Sie glänzten und glitzerten auf seinen Wangen und im Licht des Feuers.

 Moritz weinte, weil Joachim ihm nicht das geben wollte, was er von ihm brauchte. „Wir hätten zu dritt so ein schönes Leben miteinander haben können, “ schluchzte Moritz. „Mama und ich wollten unser Leben mit dir teilen. Aber du ...“

Joachim fühlte, dass die Luft immer heißer und der Sauerstoff immer weniger wurde. Seine Lungen schrien nach Sauerstoff. Tränen füllten seine Augen. Er begann zu husten. Dabei kroch der Schleim in seinem Hals hoch. Schweiß trat aus jeglichen Poren seiner Haut Dann blickte er zur Tür. Scheiße! Das Feuer hatte ihm den Weg zu ihr abgeschnitten.

„Ich kann in deine Seele sehen. Sie ist krank und voller Hass, “ vernahm er Moritz Stimme. „Wenn es nach dir gegangen wäre, hätte Mama mich zur Adoption freigegeben. Das ist es was du wirklich gewollt hattest.“

Sein Blick fiel auf das Gesicht des Jungens. Ihm schien es überhaupt nichts auszumachen, dass es um ihn herum brannte. Die kleinen Feuerzungen machten einen riesigen Bogen um Moritz. Als wäre er der Herr über sie. Als wären die die Haustiere des Jungens 

Joachim schaute sich erneut um. Ein Meer aus Flammen und Qualm umzingelte ihn. Sein Blick eilte auf das Fenster. Es gab nur diese Fluchtmöglichkeit.

Er stürmte hin, riss es auf. Im Rucken spürte er durch seinen dünnen Schlafanzug

die Hitze des Feuers. Er hoffte, dass es nicht anfing zu brennen.

Joachim setzte sich auf den Fenstersims. Er blickte kurz in seine Wohnung. Es hatte sich in eine Flammen- und Rauchhölle verwandelt. Eigentlich wollte er seine Füße herausstrecken und vom ersten Stock auf den Gehweg springen. Aber er verlor das Gleichgewicht und pflatschte auf den Boden.

Bei der Landung auf dem harten, grauen Beton war Joachim die Luft so lange weg geblieben, dass er geglaubt hatte, er würde ersticken. Er hatte dabei die Augen geschlossen gehabt und abstrakte, rote, blaue und gelbe Blitze vor einem schwarzen Hintergrund gesehen.

Er fühlte dass er sich sämtliche Knochen im Körper gebrochen hatte und fing an vor Schmerzen zu wimmern.

Zum Glück war er nicht auf dem Kopf gelandet Sonst wäre er tot oder querschnittsgelähmt gewesen. Joachim registrierte, dass es sehr kalt war und sah die runden, gelben Flecken auf dem Beton, die von den Lichtern der Straßenlampen stammten und den dunkelblauen Nachthimmel. Er beobachtete, wie die gelben Flammen und der Rauch aus dem offenen Fenster seiner Wohnung stachen.

Die Leute strömten aus den benachbarten Häusern und eilten zu Joachim. Ihre Haare standen verzottelt in alle Richtungen. Sie hatten sich schnell einen Bademantel übergeworfen und waren mit ihren Füssen in dunkle Pantoffeln geschlüpft. Auf dem Weg zu Joachim klapperten ihre Zähne vor  Kälte aufeinander. Ihre bleichen Gesichter leuchteten im Licht des Mondes und im gelben Schein der Straßenlampen. Aus ihren Mündern quoll weißer Qualm. Hunde bellten aufgeregt, als würden sie fragen wollen:“ Hey, was ist da draußen bloß los?“

Mit aufgerissenen Augen umringten sie Joachim.

„Moritz hat meine Wohnung in Brand gesetzt, “ schlotterte Joachim vor Kälte. Speichel floss aus seinem Mund. Dabei starrte er auf das Fenster, aus dem er herausgefallen war. Seine gebrochenen Rippen schmerzten wie die Hölle. Er konnte kaum atmen. Keiner würde mir glauben, dachte sich Joachim. Er tat es selbst nicht. Aber es war die Wahrheit.

Niemand traute sich Joachim anzufassen oder zu bewegen. Vielleicht war sein Rückrat bei dem Sturz angebrochen? Und wenn sie ihm helfen oder ihn wegschaffen würden, würde womöglich die Wirbelsäule vielleicht ganz durchbrechen?



Die Anwohner späten zu dem  Fenster hoch, aus dem er gestürzt war. Sie entdeckten keine Flammen und rochen keinen Rauch. Und was Joachim behauptete, konnte niemals wahr sein konnte.

Moritz würde in seinem ganzen Leben - sofern man es als solches nennen konnte - weder eine Wohnung anzünden oder irgendetwas anderes tun können.

„Jürgen, schau mal ob das stimmt. Ich kann von hier aus kein Feuer sehen!“ sagte

 Annemarie Blechler, eine stämmige fünfzigjährige mit grauen kurzen Haaren. Sie hatte einen dunkelblauen Bademantel und schwarze Hausschuhe an.



Jürgen Kurz wohnte mit seiner Frau ein Stockwerk unter Joachim und hatte seinen Kopf aus dem Fenster gestreckt. Dabei starrte er mit aufgerissen Augen auf Joachim hinab. Er hatte ein bleiches Gesicht, war hochgewachsen, braunhaarig und schlank.

„Okay mache ich.“

„Pass aber mit den Flammen auf, “ rief Annemarie.

„Ich rufe den Krankenwagen, “ bot ein grauhaariger Nachbar an und stürmte zu sich Nachhause. „Joachim, beweg dich nicht.“



Zusammen mit seiner Frau düste Jürgen Kurz die Treppe hoch in den ersten Stock. Im Treppenhaus war es wesentlich kühler als in der Wohnung von Kurz. Beim Laufen spürten sie die raue und kalte Oberfläche der Holzstufen unter ihren nackten Fußsohlen.

Das Ehepaar war außer Atem, als es oben angelangt war. Ihre hastigen Atemzüge hallten durchs ganze Treppenhaus.

Sie hatten erwartet, dass das es hier nach Qualm stank. Aber Fehlanzeige. Das tat es überhaupt nicht. Jürgen war mit Joachim befreundet und hatte einen Schlüssel, für alle Fälle.

Mit zittrigen Händen schloss er auf, stieß gegen die Tür und sprang vorsichtshalber zurück, um von den Flammen nicht erwischt zu werden. Seine Frau war hinter ihm. Sie hatte die gleiche Haar- und Augenfarbe  wie ihr Mann. Sie war in ein weißes Nachthemd eingehüllt. Ihre Locken reichten bis zu den Schultern. Und sie war ein Kopf kleiner.

Er blickte in die Wohnung von Joachim. Seine Atemzüge waren kurz und flach. Sein Herz galoppierte. Jürgen hatte ein Meer aus Flammen und Qualm erwartet. Aber auch hier falscher Alarm.

„Siehst du Feuer?“ flüsterte Jürgen seine Frau.

„Nein, komischerweise nicht, “ hauchte sie. Jürgen spürte ihren warmen und feuchten Atem in seinem Nacken.

Das Licht war an. Das Fenster, aus dem Joachim gesprungen oder gefallen war, stand sperrangelweit offen.

„Warte hier, ich gehe rein, “ sagte Jürgen leise zu seiner Frau Daniela.  Obwohl er keine Anzeichen eines Brandes sah, vertraute Jürgen der Sache nicht.

„Schatz, sei bitte vorsichtig mit den Flammen“, hörte Jürgen die besorgte Stimme seiner Gemahlin. „Wenn es zu gefährlich wird, komm sofort raus. Geh keine unnötigen Risiken ein. Hörst du. Du wirst in sieben Monaten Vater.“

Jürgen nickte.

Mit pochendem Herz, zitternden Händen und Knien schlich er sich in Joachims Wohnung. Dann blickte er sich vorsichtig um.  Nirgendwo ein Feuer. Die roch leicht nach Nikotin, gebratenem Fleisch aber nicht nach Rauch.

Jürgen bewegte sich behutsam zur Küche. Er stieß die Tür auf und schlüpfte hinein Auch hier brannte es nicht. Er ging zum Herd und zum Backofen. Dabei spürte er die kalten Fliesen unter seinen Füssen. Heruntergefallene Brotkrümel piksten im in die Fußsohlen

Der Mond schien von rechts durch ein Fenster in die Küche und tünchte die weißen Wände in ein helles Blau. Jedes Küchengerät war aus. Jürgen legte seine Hand auf die Herdplatten. Sie waren kalt. Er blickte in den Kühlschrank. Nichts, außer Lebensmittel.

Jürgen ging vorsichtig ins kleine Bad. Hier war es etwas stickig, aber nichts brannte  Die Nachtluft, die durchs offene Fenster im Wohnzimmer strömte, kühlte allmählich Joachims Domizil aus. Jürgen machte den Sicherungskasten auf und überprüfte die Glühbirnen. Nichts.

Warum hatte Joachim dann geschrieen dass es brennen würde?

Jürgen eilte  durch die Wohnung ans Fenster. Dabei war er froh, dass er wieder den warmen und weichen Teppich unter seinen nackten Füssen spürte.

Er streckte den Kopf aus dem Fenster und sagte:“ Ich weiß nicht, was mit Joachim los ist, aber hier in seiner Wohnung brennt nicht.“

Dabei spürte er die kühle Luft auf seinem Gesicht, auf seinen feuchten Lippen und in seinen Lungen. Alle äugten auf Joachim hinab. Jürgen fing an zu frösteln

Was spielte Joachim bloß für ein Spiel?

Wenn es eins war, dann  war es ein verdammt Makaberes. Denn bei dem Sprung oder Sturz hätte sich Joachim das Genick brechen können.

Jürgen merkte, dass ihn ein kalter Schauer erfasste. Er kam nicht nur von der kalten

Luft, die durch das offene Fenster hereinwehte und leicht nach Holz, Kuhdüng getrockneten Laub und Gras roch.

Joachim blickte zu Jürgen hoch. Er fragte sich: Was soll das? Ich weiß doch was ich erlebt habe.

 

Allen Anwesenden war es unheimlich. Ihre Gesichter hatten sich vor Angst und Schrecken in weiße Masken verwandelt. Sie hatten zum Teil, durch einen Schnupfen rote Nasen.  Ihnen kam es so vor, als wäre Joachim von irgendeinem Dämon oder Geist befallen.

Instinktiv traten einige Leute zurück. Vielleicht hatte er eine ansteckende Krankheit? Vielleicht war es ein neuartiger Virus, der hier in Egenhausen zum erstenmal aufgetreten war? Oder hatte Joachim irgendwelche Drogen genommen?

Ihnen war nicht bekannt, dass Joachim welche nahm.

Obwohl, vielleicht spielte die Trennung von seiner Frau, Sandra Landmann, eine Rolle bei dem Sturz?

Vielleicht hatte er wegen der bevorstehenden Scheidung angefangen Drogen zu nehmen, die solche Halluzinationen verursachten?

Der weiße Krankenwagen brauste durch Egenhausen. Das rotierende Blaulicht wurde von den hellen Wänden und den geschlossenen Fensterläden reflektiert und das gefallene Laub vom Fahrtwind aufgewirbelt. Als er durch Pfützen fuhr, spritze das Wasser seitlich weg. Die Sirene hallte durchs ganze Dorf. Man hörte Hundegebell.

Vorsichtig wurde Joachim kurz darauf auf die Trage gelegt und stabilisiert. Und  danach fuhr der Krankenwagen in Richtung Krankenhaus. Die Haut auf seinem Rücken tat ihm so weh, dass es eine Qual für ihn war, ruhig liegen zu bleiben. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Sie flossen seitlich am Kopf hinunter auf die Trage.

Während Joachim auf den Boden gelegen hatte, hatte er sich nicht getraut sich zu bewegen. Er hatte mitbekommen, dass seine Nachbarn um ihn herum über durchgebrochene Wirbelsäulen und Querschnittslähmung gesprochen hatten. Das hatte ihn vor lauter Angst zur Salzsäule erstarren lassen.

Am dunkelblauen, fast schwarzen Nachthimmel funkelten die Sterne und der kalkweise Vollmond schien auf Egenhausen und den Schwarzwald hinab. Er hatte so eine magische Anziehungskraft, dass man glaubte, er würde einen ins Weltall saugen. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Man konnte den großen Wagen bewundern. Vor Kurzem hatten die Bürger hier nachts Sternschnuppen entdeckt.

Die Gemeinde lag am Rande des Nordschwarzwaldes, in der Nähe von Nagold. Das kleine Industriegebiet wirkte unter dem Nachthimmel wie die Kulisse aus einem Endzeitfilm. Schwarze Raben hatten sich auf einigen Dächern des Dorfes breit gemacht.

Die Grabsteine und Kreuze des Friedhofs hinter der Johanneskirche und die des Nazarenerfriedhofs schimmerten im Licht des Mondes.

Auf zwei standen Hildegard und Gerhard Steinert. Diese beiden Personen waren auf dem Friedhof hinter der Johanneskirche begraben und nicht auf dem Nazarenenfriedhof. Sie werden in der kommenden Geschichte eine tragende Rolle spielen.

Die Wände der kleinen Einfamilien-  der Fachwerkhäuser und der Holzschuppen

leuchteten im Licht des Mondes. Viele von ihnen waren mit weißen, übereinander

angeordneten  Holzschindeln bedeckt und hatten Fensterläden aus Holz. Mit ihnen waren viele Häuser im Schwarzwald bekleidet. Sie bildeten an den Wänden der Häuser waagrechte Parallelen.

Joachims Wohnung lag in so einem Haus.   Es hatte dunkelgrüne Fensterläden, die seitlich aufgeklappt waren. Die schneeweißen Wände der Johanneskirche strahlten besonders hell. Das Kreuz auf der Kirchturmspitze wirkte unter dem Nachthimmel mystisch.

Die großen Wiesen, die die Gemeinde umgaben, schimmerten im  Schein des Mondes. Er wurde auch von den Photovoltaikanlagen auf einigen Dächern reflektiert.

Ein kalter Wind brachte die zum Teil kahlen Bäume zum wanken und scheuchte die herabgefallenen und  Blätter über die Gehwege und die Strassen der Gemeinde. Sie schienen Wettrennen gegeneinander zu machen. Die blanken und geschwungenen Äste und Zweige ragten wie pechschwarzes Gerippe in die Nacht hinein. Sie tanzten rhythmisch im Wind.

Die knapp Zweitausendseelengemeinde war umgeben von Landwirtschaft,  Tannen – und Fichtenwäldern, Wiesen, Felder und Äckern, welche die Hügeln um Egenhausen bedeckten und in der Nacht pechschwarz waren. Schmale Wanderwege durchzogen die Landschaft.

Die kleine Ortschaft war in einer hügeligen Gegend eingebettet. Feiner und weißer Nebel lag wie eine dünne Decke über der bäuerlichen Landschaft. Er ließ die schwarzen, zum Teil kahlen Bäume gespenstisch und surreal wirken. Katzen durchstreiften die Nacht. Ihre Augen funkelten verstohlen in die Nacht.

Außerhalb der kleinen Ortschaft befanden sich zwei Bauernhöfe und eine kleine Mühle. Grüne Traktoren mit großen, dunklen Rädern standen bei den Bauernhöfen. Vereinzelt flatterten schwarze Vögeln durch die Nacht.

Die Blätter und die unendlich vielen Tannennadeln, die auf den Strassen und Gehwegen lagen, wurden von den Straßenlampen in einem warmen und weichen Gelb beleuchtet. Sie waren glitschig vom Regen, der am Tag davor auf das Dorf hinunter gekommen war.

Der Nebel, der die Straßenlaternen umgab, leuchtete in einem gelben Ton. In einigen Pfützen spiegelte sich ihr gelbes Licht.

Joachim registrierte, dass er während der Fahrt leicht durchgerüttelt wurde. Dabei vernahm er die Sirenen des Krankenwagens und spürte den stechenden und atemraubenden Schmerz seiner gebrochenen Rippen. Er lag auf der Bahre.

Als er aus dem Fenster des Wagens schielte, bildete er sich für eine Sekunde ein, der Mond würde brennen. Nachdem, was er in dieser Nach erlebt hatte, würde ihn das keines Wegs wundern.

Er spulte er das was ihm widerfahren war erneut ab. Wie war das nur möglich gewesen?

Links und rechts von ihm saßen die Sanitäter. Sie waren dunkelhaarig, etwa Mitte zwanzig, hatten jugendliche, fast knabenhafte Gesichter. Ihre Körper steckten in weiße Sanitätsanzüge und schwarze Schuhen.  Joachim schloss die Augen und seine Gedanken schweiften die Vergangenheit. Ihm kamen die Streitgespräche mit Sandra und seine Affäre mit Nicky wieder ins Gedächtnis.

In Joachim brodelte es, wie in einem Pulverfass. Er rekapitulierte auch seine Situation in der Landmann GmbH, in der er arbeitete. Im kam auch das letzte Gespräch, das er mit seinem Chef geführt hatte, wieder in den Sinn.

„Joachim. Ich weiß, dass du private Probleme hast. Das wirkt sich leider auch auf deine Arbeit aus. Du bist sehr unkonzentriert und machst viele Fehler. Aus diesem Grund werden wir die Stelle als stellvertretenen Geschäftsführer mit jemanden anderem besetzen.“

Der Krankenwagen parkte vor dem Krankenhaus, einem weißen Gebäudekomplex außerhalb von Nagold . Hinter dem ragten die dunklen Tannen des Schwarzwaldes in die Höhe. Unter dem Nachthimmel und im Schein des Mondes sah es wie eine bedrohliche Festung aus. Die  Wände schimmerten im Mondlicht und hoben sich von den schwarzen Bäumen ab. Gefallenes Laub lag vor dem Eingang.

Joachim wurde ausgeladen und hinein gebracht. Er nahm wahr, dass es draußen auch wesentlich kälter war, als im Inneren des Krankenwagens. Joachim spürte wieder den Schmerz seiner gebrochenen Rippen und biss sich auf die Zähne.

In den Gängen des Krankenhauses herrschte Stille.

Die Luft in dem Gebäude war leicht stickig und warm. Die Gerüche von Medikamenten, Pfefferminztee, Desinfektionsmitteln und anderen Chemikalien, die Joachim nirgendwo zuordnen konnte, drangen in seine Nase. Das Neonlicht an der Decke brannte in seinen Augen und er spürte den kühlen Zugwind als er gefahren wurde.
 
Noch in der gleichen Nacht stellten die Ärzte bei der Untersuchung fest, dass Joachim außer den gebrochen Rippen eine Rauchvergiftung und schwere Brandwunden auf seinem Rücken hatte. Er  war geröntgt worden und er erzählte den Ärzten, was ihm passiert war. Sie konnten ihm seine Geschichte nicht glauben, was er sogar selbst nicht tat.

Sandra Landmann Egenhausen Joachims (noch - ) Frau
Sandra Landmann schlug in der gleichen Nacht die Augen auf. Sie merkte, dass ihr neuer Lebenspartner Frank Nagel seinen rechten Arm um sie gelegt hatte, worüber sie sich freute. Sie spürte auch seine Achselhaare. Seine Bartstoppeln kitzelten auf ihrer Haut. Sein Atem ging gleichmäßig. Er roch leicht nach Bier, das er am Abend getrunken hatte und nach Zahnpasta. Mit der Hand strich sie ihm zärtlich über seine schwarzen Härchen, die seine Brustwarzen um zingelten. Sie merkte, dass ihre Blase drückte und schwang sich aus dem Bett.

Als sie Frank in ihrem Bett liegen sah, erinnerte sie an ihre Liebesnacht, in der sie sich dreimal animalisch, fast brutal geliebt hatten. Dabei musste sie grinsen. Bei seinem letzten Orgasmus, während der Doggy Style Stellung hatte Frank fast geschrien. Zum Glück waren die anderen Bewohner in diesem Mehrfamilienhaus ausgeflogen. Sie hatte immer noch das Quietschen ihres Betts im Ohr. Frank verstand es Frauen seelisch und körperlich glücklich zu machen. Vor allem mit der Zunge war er sehr gut. Viel besser als Joachim. Vor etwa einem Monat hatten sie sich in der Waschküche geliebt. Dabei hatte sich Sandra auf der Waschmaschine abgestützt und Frank hatte sie von hinten genommen

Eigentlich zählten die inneren Werte in einer gutfunktionierenden Partnerschaft. Das sagte sich Sandra immer wieder und das hatte sie auch nach ihrer gescheiterten Ehe  gelernt. Aber tief im Inneren musste sie sich eingestehen, dass Frank verdammt gut bestückt war und dass er mit seinem besten Freund verdammt gut umgehen konnte.

In der Luft lag der Geruch von Schweiß, den sie beim Sex ausgedünstet hatten. Obwohl sie eine tiefe Seelenverwandtschaft verband, machte es ihnen Spaß sich gegenseitig hin und wieder als Sexobjekte zu betrachten.

Frank Nagel war schlank, hatte längere, pechschwarze Haare und einen unregelmäßigen Dreitagebart und eine blasse, fast synthetisch weise Haut. Durch sie wirkte er immer kränklich, auch wenn er es nicht war. 

Sandra tappte leise Toilette. Was sie genau für Frank empfand wusste sie nicht. Sie mochte ihn sehr. Aber sie war nicht so extrem verliebt wie damals bei Joachim. Joachim war damals ihre erste große Liebe gewesen. Doch dann hatte sie sein wahres Ich kennen gelernt

Vielleicht war es zu früh gewesen, sich nach der Trennung von Joachim sich Frank zu angeln. Vielleicht hätte sie ihre Unabhängigkeit und ihre Selbständigkeit genießen sollen? Aber sie hatte nicht alleine bleiben wollen. Eine verbitterte, alte Einsiedlerin? Nee danke!

Frank liebte sie sehr, verwöhnte sie wo er nur konnte und unterstützte sie sehr in ihrem Alltag. Ihr Blick fiel auf die teureren Musical Karten zu „Das Dschungelbuch“ im SI Zentrum Stuttgart die er ihr geschenkt hatte. Sandra hatte schon immer ein Musical besuchen wollen, und war überrascht gewesen, als Frank ihr die Karten geschenkt hatte. Sie hoffte, dass sich dieses Gefühl der Verliebtheit noch einstellte.

Ihr kamen kurz die Konflikte, die sie mit Joachim gehabt hatte, wieder in den Sinn. Dabei schüttelte sie den Kopf.  Die Zeit war vorbei.

Sandra wohnte am Rand von Egenhausen, gegenüber von einer Turnhalle und einem Kindergarten, von dem es in der Gemeinde zwei gab.  Zu Fuß konnte sie innerhalb von wenigen Minuten den Kern der Gemeinde, als auch die Felder erreichen.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie traurig gewesen war, dass ihr Sohn Moritz nie in diesen oder in einen anderen Kindergarten gehen, niemals ein normales Leben führen und eine eigene Familie gründen würde. Sie hatte schwere Depressionen gehabt. Aber sie hatte sich damit abgefunden.

In der Schule war Frank Nagel in Sandra verliebt gewesen. Er hatte um sie geworben. Aber sie hatte sich in Joachim verknallt gewesen. Für sie war Frank damals ein guter Freund gewesen, mehr nicht. Frank hatte damals schrecklichen Liebeskummer deshalb gehabt. Schließlich war er mit einer Silke aus Gühlstein zusammen gekommen. Die Ehe war kinderlos geblieben. Nachdem ihre beiden Ehen gescheitert waren, hatte es zwischen Frank und Sandra gefunkt.

Sandra hatte ein extrem jugendliches Gesicht. Jeder, der sie nicht kannte, schätzte sie auf höchstens achtzehn Jahre alt. Dabei war sie siebenundzwanzig. Sie musste oft ihren Ausweis zeigen, damit die Leute sehen, dass sie tatsächlich auf die dreißig zuging.

Sie hatte schmale Lippen, eine glatte Haut, wässrig blaue Augen wie ihre Mutter und dunkelblonde, glatte  Haare. Dadurch, dass sie seit ihrer Kindheit regelmäßig joggte und andere Sportarten ausübte, war sie auch schlank und bewegte sich flink. Sie hatte kräftige Ober – und Unterschenkeln. Ihre große Hakennase, die sie ebenfalls von ihrer Mutter geerbt hatte, ragte aus ihrem Gesicht. Wegen ihr war Sandra in der Schule oft gehänselt worden.

Ihr Domizil war mit hellen Holzmöbeln, einem hellgrauen Flachbildfernseher und einer schwarzen Stereoanlage ausgestattet. An den orangefarbenen Wänden hingen Schwarzweißbilder von Moritz, ihrem Bruder Stefan Steinert und ihrer Mutter Hildegard Steinert. Sie waren verglast und hatten einen weißen Rahmen. Die von Joachim waren in den Müll gewandert.

Von der weißen Decke hingen moderne Lampen aus weißem  Stahl. Überall befanden sich hellgraue Babyfone. Die Wohnung hatte eine  betonierte Terrasse, auf der in den Sommermonaten oft gegrillt und gefeiert wurde. Am Abend düsten manchmal Mäuse über ihren Boden. Frank und Sandra, die zum rauchen auf die Terrasse gingen, störten sich nicht daran.

Im Wohnzimmer stand auf dem grauen Plattenboden ein Korb, in dem Charly eingerollt schlief. Sandra konnte den Hund schnarchen hören.  Er war ein Mischling aus Collie und Schäferhund. Man sagt, Schäferhunde seien aggressiv und überzüchtet. Charly war als Mischling das absolute Gegenteil: verschmust bis zum abwinken, trottelig und tollpatschig. Er hatte ein braunes Fell, nur sein Bauch, Hals und das Kinn waren weiß. Charly hatte das Gesicht eines Collys, dunkelbraune – fast schwarze Augen und die Größe eines Schäferhundes.   Das ganze Wohnzimmer duftete angenehm nach ihm. Gestern hatte Frank auf der Flöte gespielt. Der Hund hatte sich hingesetzt, den Kopf in die Luft gestreckt und gejault, um mitzusingen. Es war so putzig gewesen. Sandra hatte sich fast nicht mehr eingekriegt vor Lachen.

Es duftete aber auch ganz leicht nach verbranntem Bienenwachs. Frank und Sandra zündeten jeden Abend Kerzen, die auf den Tischen und Fenstersimsen standen, an.

Frank hatte den Hund mit in die Beziehung gebracht. Charly und Sandra hatten sich von Anfang an gut verstanden. Und was am wichtigsten war, Charly mochte ihren Sohn Moritz. Der Hund hatte ihn ins Herz geschlossen und war sehr zärtlich zu ihm. So, als hätte er ihn adoptiert.

Sandra war gläubig. Ihr Glaube hatte ihr über ihre schwere Ehekrise geholfen. An der Wand waren ein hölzernes Kreuz und Ferse aus der Bibel angebracht.

Sandra blickte auf den Kalender und dachte sich:“ Hoffentlich kann Joachim diesmal Moritz nehmen.“ Sie hatte keine Ahnung, was ihrem zukünftigen Exmann in dieser Nacht passiert war.

Sie musste in einer Bar arbeiten, und Frank hatte Wochenendschicht in seiner Speditionsfirma. Seine Firma musste Sonderschichten einlegen, da die Auftragslage so gut war und zwei Kollegen krank waren. Sandras beste Freundinnen Elke Heinz, Mina Eberbach und Meike Ramsch waren krank oder anderweitig verplant. Und Luise bekam Besuch von ihren Schwiegereltern.

Eigentlich widerstrebte es Sandra ihren Sohn nicht zu seinem Vater bringen. Aber leider hatte sie im Augenblick keine andere Wahl. Sie konnte sich nicht frei nehmen, da ihre Urlaubstage aufgebraucht waren.

Sie dachte kurz an ihren Erbanteil den sie nach dem Tod ihrer Mutter bekommen hatte. Dann seufzte sie, wenn sie damals mehr bekommen hätten, hätten Frank sie und Moritz es jetzt finanziell leichter gehabt – für eine Weile.

Ihr Bruder Stefan Steinert und seine Frau Marion Eikens Steinert hatten das Meiste geerbt. Aber Sandra drängte den Gedanken zur Seite. Geld war nicht alles im Leben. Sie hatte in Frank einen neuen liebevollen Partner gefunden. Das war für sie das Wichtigste. Dabei dachte sie an die Musical Karten. Ihr wurde es angenehm warm ums Herz.  Sie würden schon irgendwie über die Runden kommen.

Sandra schlich zu Moritz´s Zimmer, äugte vorsichtig hinein und vergewisserte sich, dass bei ihrem Kind alles in Ordnung war.  Die Wände waren ebenfalls orangefarben. An ihnen hingen viele Babyfotos von Moritz. Einige von ihnen zeigten ihn mit Sandras Mutter Hildegard Steinert. An der Zimmertür hatte Sandra die Geburtstags- und Weihnachtskarten geklebt, die man ihrem Sprössling zu Weihnachten und Geburtstagen geschrieben hatte.

Moritz schummerte tief und fest in einem Kinderbett aus hellem Holz. Er war in seiner weißen Decke eingemummelt. Sandra konnte den Atem ihres Sohnes hören und lächelte kurz. Sie schloss vorsichtig und leise die Tür zum Kinderzimmer. Dann bewegte sie sich wieder ins Wohnzimmer an den Tisch und blickte auf die Hochzeitskarte, die ihr Bruder Stefan Steinert  und seine Frau Marion Eikens Steinert  ihr geschickt hatten. Die Karte war weiß und enthielt ein Foto. Es zeigte ihren Bruder in einem grauen Anzug und Marion in einem Hochzeitskleid auf einer Wiese stehen.

Stefan und Marion wollten am letzten Wochenende im Oktober kirchlich in der Künkeles  Mühle in Bad Urach heiraten.

Bad Urach lag hinter Reutlingen bei der Schwäbischen Alb. Standesamtlich hatten sie in Amsterdam geheiratet. Marions Vater war Holländer und dort in der Nähe aufgewachsen.

Sandra hatte keine Ahnung, dass die kirchliche Hochzeit ihres Bruders in Bad Urach für sie und alle anderen Hochzeitsgäste in einer Katastrophe enden würde. Und sie wusste auch noch nicht, dass die ganze Hochzeitsgesellschaft am Abend der Hochzeit Zeuge übernatürlichen Mächten werden würde.


Joachim Landmann Krankenhaus Nagold
Joachim kauerte mit schmerzenden Brandwunden auf seinem Rücken im Bett und überlegte sich:“ Wie war das nur möglich gewesen?“

Zum Glück war er in einem Einzelzimmer gelandet. Das Mondlicht flutete von rechts durch die weiße Zimmergardiene sein Zimmer. Er hatte versucht seine Gedanken durchs Fernsehen schauen von abzulenken. Aber vergebens.

Er keuchte und merkte, dass er klatschnass geschwitzte war. Er fühlte auch seine Rauchvergiftung. Joachim bebte am ganzen Körper, der in einem hellblauen Schlafanzug des Krankenhauses steckte.

Tief im inneren rechnete er damit, dass Moritz wieder von einer Sekunde auf die Andere auftauchte und ihm weiter sein Leben zur Hölle machte. Aber das tat er nicht. 

Joachims Blick wanderte zum Fenster. Er ahnte aber nicht, dass das was er erlebt hatte, nur die Aufwärmübungen der übernatürlichen Kräfte gewesen war. Er wusste, dass er gegenüber diesen Mächten, die er wachgerufen hatte absolut machtlos war. Wie eine kleine Ameise gegenüber einer Sturmflut an der Nordsee. Ihm war zum heulen zu mute.

Draußen war der dunkelblaue Nachthimmel immer noch sternenklar. Die Berge

 und  Bäume des Schwarzwaldes schossen in die Höhe. In dieser Nacht machte Joachim kein Auge zu.

An der Wand hing ein Kreuz. Obwohl Joachim nicht gläubig war, bat er Gott darum ihm vor Moritz zu schützen. Tief im Inneren wusste er, dass er das nicht tun würde. Im Gegenteil, er würde Moritz antreiben ihn fertig zu machen.

In diesem Monat würden Dinge passieren, die keiner für möglich hielt. Einige Leute würden diesen Oktober ihr ganzes Leben lang nicht vergessen und es würden sich noch einige zwischenmenschliche und moralische Abgründe auftun.

Das Wunder bei Ehepaar Schneider
Joachims Sturz aus dem Fenster war nicht der einzige mysteriöse Fall in dieser Nacht im Schwarzwald. Der Zweite ereignete sich zur selben Zeit außerhalb von Altensteig.

Zwei große, maskierte Männer peilten zu Fuß langsam eine Villa an, die auf einem Berg stand.  Sie gehörte dem älteren Ehepaar Schneider, das ein Autohaus in Nagold leitete. Die Finger umklammerten ihre 1490 Euro teureren Schrotflinten. Es waren Winchester, Modell BDF, Kaliber 12/70, in dem Unternehmen „Sodia Jagdwaffen und Bekleidung“ in Salzburg hergestellt.  Durch Vitamin B hatten sie die Schießeisen zu einem günstigeren Preis bekommen.

Ihren Fiat hatten sie ganz in der Nähe geparkt, sodass sie es bei der Flucht schneller hatten. Er glänzte im Licht des Mondes. Die beiden Männer platzten fast vor Nervosität. Denn das war ihr erster Einbruch. Hoffentlich gelang ihrer besser als in dem Tatsachenroman „Kaltblütig“ von Truman Capote, aus dem Jahr 1965.

Der Raubmord an der  Familie Clutter geschah im Jahr 1959. Vor ihrem Einbruch hatten die beiden Männer Perry Smith und Dick Hickhok wegen anderer Delikte im Gefängnis gesessen. Dort hatten sie das Gerücht gehört, dass die Clutters einen Safe mit 10.000 Euro besäßen. Das brachte die beiden Männer auf die Idee sie zu überfallen und auszurauben. Sie hatten die Farmerfamilie gefesselt, bevor sie sie erschossen hatten. Nur das Gerücht war falsch gewesen. Die Familie hatte keinen Safe mit 10.000 Dollar besessen. Perry Smith und Dick Hickhok  waren gefasst und 1965 hingerichtet worden. Truman Capote hatte über Jahre hinweg immens viele Interviews geführt und aus denen den Tatsachenroman „Kaltblütig“ geschustert.

Trotzdem hatten sich Tobias und Kurt nicht abschrecken lassen. Sie hatten nicht vor, sich erwischen lassen und wollten es besser machen als Dick und Perry in Kaltblütig. Sie glorifizierten die Tat der beiden Männer.

Als sie die Villa anvisierten, versuchten sie sich vorzustellen, wie es sei, jemandem in den Kopf zu knallen. War es wirklich so, dass der Hinterteil des Kopfes weggesprengt  und dass das Gehirn mit dem Blut über den Raum verteilt wurde? Wie in den Filmen ? Eigentlich wollten die beiden Männer nur alles abstauben, was sie tragen und zu Geld machen könnten. Die Alten über den Haufen zu schießen war zwar nicht ihr Hauptziel, aber sie hatten keinen Skrupel davor.

 Wenn das Ehepaar Schneider tatsächlich so viel Asche hatte, dann gab es bestimmt eine Alarmanlage in diesem Haus. Also mussten sie sich beeilen.

Die Wände der Villa waren in einem grellen Gelb getüncht und reflektierten das Mondlicht, genauso wie die weißen Fensterrahmen.  An der gleichfarbigen Tür prangte ein Kranz. Neben dem Haus befand eine Garage. Das Dach war dunkel.

Eine gepflegte  Wiese umgab das Haus. Die wurde durch einen Weg zerschnitten, der aus Stein war und zur Garage führte. Von hier aus hatte man einen schönen Ausblick auf die alten Fachwerkhäuser und die Kirche von Altensteig.

Während sich Tobias Wagner und Kurt Ackermann sich leise und langsam ihrem Ziel näherten, sperrten sie die Ohren auf, ob sie nicht doch etwas hörten. Es war still. Sie schwitzten unter ihrer Maske ohne Ende. Der Gestank ihres eigenen Adrenalins und Testosterons raubte ihnen fast die Sinne.

Dabei bemerkten sie den kühlen Wind nicht. Neben der Tür befand sich ein Fenster, durch das sie in das Wohnzimmer spähen konnten.

Drinnen war alles mit Möbel im Biedermaier und Barockstil ausgestattet. Die Lehnen der rot gepolsterten Stühle und der Couch waren geschwungen. An den Wänden waren ältere Gemälde angebracht. An einer befand ein auch schwarzes Klavier. Auf dem Boden lagen rechteckige, antike Teppiche mit hellen Fransen. Vielleicht gab es da drin auch Bargeld? In dem Haus gab es jede Menge Sachen, die sie im Internet und im Ausland zu einem hohen Preis verscherbeln konnten. Kurt hatte seine Quellen. Das Haus war ideal platziert. Total einsam. Wenn sie das Ehepaar über den Haufen ballerten, würde es keiner mitkriegen. Jedenfalls nicht so schnell.

Sie pirschten sich an die Tür an. Tobias und Kurt blickten sich an. Dabei versuchten sie so leise und so flach wie möglich zu atmen. Beide waren schwarz gekleidet und hatten dunkle Lederhandschuhe über ihre verschwitzten Hände gezogen. Ihre Masken waren vom Schweiß getränkt und bebten an ihren Haaren und ihrem Gesicht fest 

Die Ganoven hatten vor, das Türschloss aufzuschießen und rein zu stürmen. Logischerweise würde das Ehepaar wach werden und in Panik geraten. Das heißt, sie mussten zuerst die alten Leutchen um umnieten und konnten sich dann auf ihren Raum konzentrieren. Ähnlich wie in Capotes Roman.

Perry Smith und Dick Hickhock bitte steht uns aus dem Jenseits bei, dachte sich Kurt Ackermann. Die beiden Männer standen sich gegenüber. Ihre Augen durchforsteten erneut die Umgebung. Es war alles okay.  Kurt begann mit den behandschuhten Fingern seiner rechten Hand von vier an rückwärts zu zählen. Tobias konzentrierte sich. Bei null sollte er auf das Schloss schießen, damit sie ins Haus stürmen konnten. Ihre Herzen galoppierten. Bald startete ihre Show.

 „Vier, drei, zwei…

„Eins!“ ertönte eine laute Kinderstimme neben ihnen. Kurt spähte ruckartig nach links und Tobias nach rechts. Ihre Blicke fielen auf Moritz. Er steckte  in einem gelben Schlafanzug. Sein Gesicht wurde vom Licht des Mondes erhellt. Die Hände des kleinen Jungens umklammerten ein schwarzes Gewehr, das so groß wie er war. Ein wirklich groteskes Bild. Ein Junge mit einem Babygesicht hielt ein Werkzeug des Todes. Blitzschnell schoss der Knips auf Kurt und Tobias. Sie sahen das helle Mündungsfeuer aus dem schwarzen Lauf blitzen. Kurt spürte einen grellen Schmerz in der Hüfte und Tobias in der Schulter.



Durch die Schreie wurden Dieter und Getrud Schneider wach.

 „Was ist da los?“ nuschelte Gertrud Schneider, die grauschwarze Haare und ein faltiges Gesicht hatte.

„Ich weiß es nicht, “ brummte ihr Mann und riss die Augen auf. Er rappelte sich auf, schleppte sich schlaftrunken zum Fenster und spähte hinaus. Dieter war klapperdürr, bleich und hatte feine, weiße Haare, die normalerweise zu einem Seitenscheitel gekämmt, aber in diesem Augenblick sehr verstrubbelt, waren. Er machte die beiden maskierten Männer aus, die vor dem Haus auf dem Boden lagen und sein Blick fiel auf ihre Schrotflinten, die im Mondlicht schimmerten. Seine müden und leicht geröteten Augen wurden mit einmal groß. Dieter Schneider war hellwach.

„Getrud. Ruf die Polizei, schnell!“ keuchte Dieter mit aufgerissenen Augen seiner Frau zu und fing an zu zittern. „Die zwei wollen einbrechen!“

Zum Glück hatten sie auch ein Telefon im Schlafzimmer. Dieter Schneider duckte sich vom Fenster weg – für den Fall, dass diese Gangster doch noch in ihr Zimmer schießen wollen.

„Was?“ fragte Gertrud.

„Mach schon. Schnell!“ Dieter Schneider hastete vom Fenster weg.

Dieter hatte keine Ahnung, warum die beiden Männer auf dem Boden lagen und schrien. Aber es war ihm auch egal.

Die Schmerzen, die Tobias und Kurt spürten, waren fast unerträglich. Schwer

atmend und schweißbedeckt spähten sie auf die Wiese. Der Junge war weg. Sie

konnten ihre Beine nicht bewegen und hörten, dass die Frau die Polizei rief.


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