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Vertrau mir! - Prophezeiung - Leseprobe

LeseprobeVertrau mir! - Prophezeiung
Leseprobe

6. Prüfungen
Cassandra wurde durch eine federleichte Berührung an ihrer Stirn geweckt. Sie öffnete die Augen und sah Noels Gesicht ganz nah an ihrem.

»Es tut mir leid, aber es ist Zeit aufzuwachen.« Sie hörte seine Stimme in ihrem Kopf und es fühlte sich ungewohnt, aber nicht unangenehm an.


Vertrau mir! - ProphezeiungWie zum Test dachte sie: «Ich liebe dich Noel.» Seine Antwort kam direkt: «Und ich liebe dich Cara.» Laut sagte er:

»Wir haben noch eine Viertelstunde, bis wir abgeholt werden. Du musst noch etwas essen und trinken.« In seinen Gedanken konnte sie lesen, dass er sich Sorgen um sie machte, weil sie so blass war. Sie setzte sich auf und Noel musste sie stützen, denn ihr wurde sofort schwarz vor Augen. Vorsichtig fasste sie mit ihrer Hand an die Stelle an ihrem Hals, an der sie ein unangenehmes Pochen verspürte. Als sie die Wunde berührte, zuckte sie zusammen.

»Es tut mir so leid, Cara.« Sie strich ihm sanft mit dem Handrücken über die Wange und nahm sich vor, in Zukunft alle Gedanken an Schmerz und Angst vor ihm zu verbergen, zumindest soweit ihr das möglich war.

Als sie gemeinsam zum Tisch gingen fiel ihr auf, dass er wieder seine menschliche Gestalt angenommen hatte. Jerry und Maximilian hingegen schienen sich nicht die Mühe gemacht zu haben, sich zurückzuverwandeln.

»Ich dachte, sonst würdest du dich vielleicht erschrecken«, erklärte Noel, der ihre Gedanken gehört hatte. Cassandra schüttelte den Kopf und fügte laut hinzu:

»Für mich bist du immer mein Noel, egal wie du aussiehst.« Er blickte sie an, kreuzte die Unterarme vor seiner Brust und verwandelte sich.

»Jetzt kommt ihr aber essen!« Maximilian schaute auf seine Uhr und Cassandra fiel auf, wie seltsam seine Menschenuhr an ihm aussah. Schnell setzte sie sich hin und nahm dankbar einen Becher mit einer Flüssigkeit entgegen, die wie Brühe roch. Der Becher fühlte sich angenehm warm an in ihren kalten Händen. Der Inhalt des Bechers schmeckte auch wie Brühe, nur mit einem leicht scharfen Nachgeschmack. Schon nach dem ersten Schluck fühlte sie sich besser.

»Was ist das? Das tut gut.«

»Ich weiß nicht, ob du wirklich wissen willst, was genau das ist« meinte Jerry mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Noel und Maximilian warfen ihm ärgerliche Blicke zu. Cassandra zog ein Gesicht und trank den Becher dann mit einem Zug und ohne zu zögern aus. Sie fühlte sich plötzlich ausgeruht und hungrig und nahm sich ein Stück Brot und Käse. Scheinbar hatte sie so tief und fest geschlafen, dass sie nicht gemerkt hatte, wie das Essen hereingebracht wurde. Sie nahm sich noch ein Stück Brot und dieses Mal auch ein Stück Fleisch und aß hungrig.

»Was?«, fragte Cassandra als sie merkte, dass die Männer sie grinsend beobachteten.

»Nichts Tochter, iss, du brauchst Kraft.«

Als es an der Tür klopfte, stand Maximilian auf und öffnete. Ein Ratsdiener informierte sie, dass der Rat sie erwarten würde. Cassandra war alles andere als bereit und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als eine Dusche, um einen klaren Kopf zu bekommen. Noel grinste in sich hinein und Cassandra konnte das Kichern in seinen Gedanken hören.

»Mach dich nicht über mich lustig!« Noel antwortete in Gedanken:

»Andere würden sich Gedanken machen, ob sie die Prüfung überleben und du denkst an eine Dusche.«

»Vielleicht sterbe ich halt lieber geduscht«, erwiderte sie laut. Sie wandte Noel den Rücken zu und ging zu Maximilian. Jerry knuffte Noel in die Seite und grinste; wie so oft in den letzten Stunden. Noel schüttelte nur den Kopf und folgte seiner Familie.

Der Rat erwartete sie im großen Ratssaal. Sie traten vor die Empore und knieten nieder.

»Erhebt euch.« Sie standen auf und blickten zum Rat hinauf. Jerry sah draufgängerisch aus wie immer. Er freute sich über jede neue Herausforderung. Maximilians Blick war genauso undurchsichtig wie Noels, und Cassandra war sich sicher, dass der Rat in ihren Augen ihre Angst und Nervosität lesen konnte.

»Maximilian, dein Clan wird nun in die Höhle der Wahrheit geführt. Sie wird euch Dinge zeigen und ihr werdet Entscheidungen treffen müssen. Wenn ihr den Ausgang auf der anderen Seite erreicht, gilt die Aufgabe als erfüllt.« Auf Maximilians Stirn war eine steile Falte zu sehen. Jerry hob eine Braue und sah ihn fragend an. Noel blickte noch genauso undeutbar wie zuvor.

»Kleidet euch nun in eure Kampfgewänder, die Aufgabe beginnt in Kürze.« Der Rat wandte sich um und verließ den Saal. Der Ratsdiener führte sie wieder in den Raum, in dem sie die letzten Stunden verbracht hatten. Auf ihren Ruhebetten lagen Bündel mit Kleidern. Enge Hosen, an diversen Stellen durch Leder verstärkt und eng anliegende Hemden, mit Schlitzen am Rücken – natürlich für die Flügel, dachte sie. Dazu eine Art Rüstung, bestehend aus Brustschutz und Armspangen. Alles in Schwarz. Ihre Kleidung unterschied sich nicht von der der Männer. Die Oberteile waren so gearbeitet, dass die Schlitze kaum auffielen, wenn die Fallen ihre menschliche Form annahmen. In einer Ecke stand ein Paravent, hinter den sich Cassandra zurückzog, um sich und den Männern etwas Privatsphäre zu lassen. Sie warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Ihre Augen waren dunkler als sonst, durch den Stress der letzten Stunden hatten sich zusätzlich dunkle Ringe darunter gebildet. Ihre Haare hatte sie zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Die Wunde an ihrem Hals sah nicht so schlimm aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Dafür konnte sie sie deutlich spüren. Ihr Fazit: Sie sah müde aus, aber ansonsten ganz annehmbar. Cassandra fasste sich ein Herz und trat hinter dem Paravent hervor. Die Männer erwarteten sie schon und sie wollte endlich wissen, was es mit der ›Höhle der Wahrheit‹ auf sich hatte.

»Was ist die Höhle der Wahrheit?«

»Die Höhle der Wahrheit oder auch Seelen, kenne ich nur aus unserer Mythologie. Es ist der Ort, an den die Seelen gehen, wenn sie noch nicht bereit sind, aufzusteigen«, antwortete Maximilian.

»Es gibt dort suchende Seelen, die noch Aufgaben in dieser Welt haben, die sie erfüllen müssen bevor sie aufsteigen können. Aber auch böse Seelen, die sich mit der Tatsache, dass sie ihren Körper unrechtmäßig verloren haben, nicht abfinden können. Die Geschichte, die mir im Gedächtnis geblieben ist, ist die über die Seelenwächter. Ihre Aufgabe ist es, den suchenden Seelen bei ihrer Suche zu helfen, damit sie erlöst werden können. Es ist auch ihre Aufgabe, die bösen Seelen einzufangen und zu verwahren. Die Gruppe der Seelenwächter besteht aus den Stärksten der Fallen, denn die bösen Seelen versuchen alle körperlichen Wesen die in die Höhle kommen zu überwältigen, um sich einen neuen Körper anzueignen. Ich dachte immer, dass es sich nur um eine Sage handelt oder ein Märchen, das den Kindern erzählt wird, um ihnen den Wert des Lebens zu erklären. Aber ich dachte nicht, dass es die Höhle der Seelen wirklich gibt.«

Der Wächter kam sie, wie auch die Male zuvor, abholen. Sie wurden erneut in den Ratssaal geführt, doch in der Mitte des Raumes stand nun eine Art Türrahmen ohne Tür.

»Das Portal wurde für euch ausgerichtet«, erklang es von zwölf Stimmen gleichzeitig.

„Es wird euch direkt zum Eingang der Höhle der Wahrheit bringen. Am Ende der Höhle wird euch ein weiteres Portal erwarten, welches euch zurück an diesen Ort transportieren wird. Geht jetzt.« Der Rat wandte sich ab und verließ durch seine spezielle Tür den Saal. Maximilian ging ohne zu zögern auf das Portal zu und die anderen folgten ihm. Dieses Mal war kein Blut nötig, denn das Portal war bereits geöffnet. Ohne sich nach ihnen umzuschauen trat Maximilian durch das Portal. Noel folgte ihm mit Cassandra an der Hand und als letzter trat Jerry hindurch.

Eine gefühlte Sekunde später standen sie auf einer Klippe. Um sie herum flogen Möwen und mindestens 100 Meter unter sich konnte Cassandra das Meer sehen. Der Wind war böig und stark und sie hatte einen leicht salzigen Geschmack auf den Lippen. Sie fröstelte und Noel nahm sie in den Arm.

»Ich weiß auch nicht, was uns in der Höhle erwarten wird. Das Einzige was ich weiß ist, dass wir - egal wie - die Höhle durchqueren müssen.« Cassandra wandte sich um und verstand warum. Das Portal durch das sie gekommen waren, war verschwunden.

»Na, allerdings muss ich durch die Höhle GEHEN. Ihr könntet fliegen.« Sie erntete ein Kopfschütteln von Noel.

»Cara, als ob ich dich nicht mit mir nehmen könnte. Aber das löst noch nicht die Aufgabe, die uns der Rat gestellt hat.« Sie runzelte die Stirn und schaute nachdenklich zu Noel. Plötzlich grinste er.

»Du willst es wirklich wissen, oder?« Er machte einen Schritt auf sie zu, nahm sie schnell in den Arm und sprang mit einem Satz von der Klippe. Sie fielen einige Meter in die Tiefe, bevor Noel seine Flügel ausbreitete und sie flogen. Cassandra war während des Falls die Luft weggeblieben. Nun staunte sie und genoss das Gefühl der Schwerelosigkeit. Noel lächelte zufrieden, als er merkte wie sehr sie das Fliegen genoss und zog große Kreise am Himmel. Nach einem weiteren, kürzeren Sturzflug, flog er so dicht über dem Wasser, dass Cassandra die Fische unter der Wasseroberfläche sehen konnte. Sie sahen nicht aus wie die Fische, die sie kannte. Sie waren bunt, schillerten in allen Regenbogenfarben und sahen unwirklich aus. Sie waren also nicht in ihrer Welt. Noel gewann wieder an Höhe und setzte sie kurze Zeit später wieder auf der Klippe ab. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und küsste ihn stürmisch.

»Danke! Das Gefühl werde ich nie vergessen.« Noel strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte sie an.

»Bald kannst du selbst fliegen.« Dieser kleine Satz bedeutete so viel. Sie sahen sich tief in die Augen.

Maximilian und Jerry hatten auf sie gewartet und von ihren Gesichtern konnte sie ablesen, dass sie ihnen die kleine Auszeit gegönnt hatten. Sie griff nach Noels Hand.

»Lasst uns gehen. Je schneller wir hinein gehen, desto schneller sind wir hoffentlich wieder draußen«, sagte Noel und ging auf den Höhleneingang zu.

Sie traten durch den Eingang und alles veränderte sich von einer Sekunde zur nächsten. Die Geräusche des Meeres verstummten. Es roch muffig und Cassandra wünschte sich den frischen Wind von der Klippe zurück. Das Schlimmste für sie war allerdings die Dunkelheit. Sie konnte die Hand nicht vor Augen sehen, geschweige denn Noel, Maximilian oder Jerry. Panisch blieb sie stehen. Das Einzige, was ihr Halt gab, war Noels Hand, die ihre fest umschlossen hielt.

»Es ist alles in Ordnung, Cara, wir sehen im Dunkeln genau so gut wie im Hellen, vielleicht sogar noch etwas besser.« Noel drückte ihre Hand.

»Lass um keinen Preis der Welt meine Hand los und bleib dicht bei mir.« Warum war es schlagartig so dunkel? Das war doch nicht normal. Normal wäre es gewesen, wenn es langsam dunkler geworden wäre, je weiter sie sich vom Eingang entfernt hätten. Noels Gedanken bestätigten Cassandras schlimmste Vermutung: der Eingang war verschwunden. An seiner Stelle befand sich nun fester Fels, genau wie über und unter ihnen. Panik. Doch dann spürte sie wieder die Wärme Noels.

»Ich bin bei dir, wir sind bei dir. Unser Weg führt nicht zurück, sondern nach vorn!« Obwohl er versuchte, für sie entspannt und ruhig zu wirken, spürte sie doch die Anspannung, die in ihm wuchs. Als etwas ihre ausgestreckte Hand streifte, zuckte sie zusammen.

»Was seht ihr?« Sie stolperte an Noels Arm durch die Dunkelheit.

»Spinnen, die so groß sind wie mein Handteller. Die sind überall.« Jerry klang überhaupt nicht begeistert.

Eine Zeit lang gingen sie schweigend durch die Höhle. Cassandra dachte nach. Sie waren in der Höhle der Seelen, was könnte die Aufgabe sein, die sie hier erfüllen mussten? Weiter vorn konnte sie nach einiger Zeit einen Streifen Licht erkennen. Konnte das schon der Ausgang sein? Das wäre zu schön um wahr zu sein. Sie hatte schon wieder Hunger.

»Ich glaube eher nicht, Cara.« Noel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Man darf doch mal hoffen, oder nicht? Cassandra konnte nun die Felswände sehen und sah auch die Spinnen, die träge in ihren Netzen hingen und rümpfte die Nase. Der enge Höhlengang wurde immer breiter und hinter einer scharfen Biegung hatte die Höhle plötzlich die Ausmaße eines Saales. Cassandra stockte der Atem. Das Licht kam von einer Art Moos, welches überall an den Wänden wuchs. Es schillerte in den Farben des Regenbogens. Die Leuchtkraft des Mooses wurde durch die vielen Kristalle verstärkt, die wie Tropfsteine von der Decke hinab wuchsen. Sie schätzte die Deckenhöhe auf etwa zehn Meter und die größten Tropfsteine endeten wenige Zentimeter über ihren Köpfen.

»Ich habe euch bereits erwartet.« Cassandra zuckte vor Schreck zusammen. Sie hatte den männlichen Fallen vorher nicht bemerkt. Für einen Fallen hatte er ungewöhnlich kurze, braune Haare, aber die gleichen leuchtenden blauen Augen. Er war ein Stück größer als Noel und hatte genauso breite Schultern wie Mick.

»Mein Name ist Michael, ich werde euch erklären, welche Aufgabe ihr erfüllen müsst und euch bei der Erfüllung dieser Aufgabe unterstützen. Folgt mir.« Er führte sie durch die große Halle in eine Nische, die vom Eingang nicht einzusehen war. Da musste er hergekommen sein, dachte Cassandra, die schon an ihren Augen gezweifelt hatte. Sie ließen sich an dem Tisch in der Nische nieder und warteten auf Michaels Erklärung.

»Ihr kennt sicherlich die Geschichten über die Höhle der Seelen. Es ist tatsächlich so, dass die Seelen hierher gebracht werden, die noch nicht bereit sind, in den Himmel aufzusteigen. Ich bin ein Seelenwächter, einer von vielen. Unsere Aufgabe ist es, diese verlorenen Seelen einzufangen und dafür zu sorgen, dass sie in der Welt der Menschen kein Unheil anrichten. Eine weitere Aufgabe von uns ist es herauszufinden, was die Seelen davon abhält, die menschliche Welt zu verlassen. Wir helfen ihnen, ihre ungelösten Probleme zu lösen, so dass sie ›loslassen‹ können.« Michael sah sie alle nacheinander an, dann fuhr er fort:

»Es gibt hier eine männliche Seele, die schrecklich unter dem Schicksal seiner Verlobten leidet. Eure Aufgabe wird sein, es der Seele zu ermöglichen, seine Verlobte zu finden und ihr Schicksal umzukehren.« Plötzlich wurde Cassandra ganz flau im Magen. Sie hatte so eine Vermutung, dass  ihr diese Seele nicht unbekannt sein würde und im gleichen Moment wünschte sie sich, dass ihre Vermutung falsch war. Noel schaute sie an und streichelte ihr über den Arm. Cara, er muss es nicht sein. Und wenn er es ist, dann werden wir ihm helfen. Sie nickte nervös.

»Ich werde euch jetzt zur eigentlichen Höhle der Seelen bringen. Dort werdet ihr auf die Seele treffen.« Er erhob sich und ging in die entgegengesetzte Richtung als die, aus der sie gekommen waren. Seit Michael aufgetaucht war, hatten sie kein Wort mehr gesprochen. Auch jetzt folgten sie ihm schweigend. Noel hielt noch immer Cassandras Hand. Sie gingen weiter und sie fragte sich, wie groß diese Höhle wohl noch sein konnte. Hinter der nächsten Biegung musste sie blinzeln, denn sie wurde von einem grellen Licht geblendet. Es dauerte einige Zeit, bis sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten. Erst dann erkannte sie, dass es ein Wasserfall aus Licht war. Michael blickte sich kurz nach ihnen um und trat dann hindurch. Als sie durch das Licht trat, fühlte Cassandra ein unangenehmes Prickeln, welches bei ihr eine Gänsehaut auslöste. Sie spürte, dass es für Noel ebenfalls ziemlich unangenehm war. Hinter dem Vorhang aus Licht erweiterte sich der Weg wieder, bis er in einem hohen Raum endete. Der Raum war so hoch, dass man die Felsendecke nur noch erahnen konnte. Als sie nach oben schaute, wurde ihr fast schwindelig. In den grauen Felswänden glitzerten Kristalle in verschiedenen Farben. Wenn sie unter anderen Umständen hierhergekommen wäre, hätte sie das alles wohl viel mehr bewundert. Momentan war sie einfach viel zu nervös, um die Schönheit dieses Ortes richtig genießen zu können. Der Raum war scheinbar eine Sackgasse. Es war keine Tür zu sehen, oder ein Weg, der hinaus führte. Michael stand nun mit dem Rücken zu ihnen vor der Höhlenwand und legte beide Hände an den Fels. Er sprach ein paar Worte in seiner Sprache und die Wand wurde fast so durchsichtig wie Glas, nur die Felsstruktur verriet, dass es kein Glas war. Hinter der Wand befand sich ein Raum, der dem, in dem sie sich gerade befanden, sehr ähnlich war. Nur dass dieser Raum voll von silbernen Lichtern war, die sich langsam in diesem Raum bewegten. Jerry stand fasziniert vor der Wand.

»Sind das alles Seelen? Das müssen tausende sein.« Michael nickte.

»Es sind Seelen und es sind tausende. Wir schaffen es kaum, die Anzahl an Seelen, die wir am Tag einfangen, auch an einem Tag zu erlösen.« Maximilian schaute ebenfalls fasziniert den Seelen zu, die aussahen wie ein Schwarm von übergroßen Glühwürmchen.

»War das nicht immer so?«, fragte Maximilian.

»Nein, das Phänomen tritt erst seit ein paar Monaten auf. Die Naturkatastrophen häufen sich. Erdbeben, Tsunamis, Flutkatastrophen und Erdrutsche sind fast an der Tagesordnung. Aber auch die durch Dämonen verursachten Todesfälle häufen sich. Es trifft die Menschen meist unvorbereitet und ein großer Teil kann nicht loslassen, da es in ihrem Leben noch viel zu viele unerledigte Dinge gab, die ihnen keine Ruhe lassen.« Maximilian schaute besorgt, fragte aber nicht weiter. Noel war ebenfalls besorgt, das konnte Cassandra deutlich spüren.

»Es sind so viele Seelen, wie ist es möglich, die einzelnen Seelen zu unterscheiden?« Cassandra konnte den Blick ebenfalls nicht von den Seelen lösen. Michael trat neben Cassandra.

»Die Seelen sprechen zu uns. Wir Fallen können sie verstehen, denn obwohl wir Dämonenblut in uns haben, sind wir doch ebenfalls mit den Engeln verwandt. Die Seelen können nicht lügen, so sind wir sicher, dass das was sie uns sagen, auch der Wahrheit entspricht. Die meisten Seelen sind harmlos. Sie sind oft außer sich vor Trauer und Sorge und wollen nichts sehnlicher, als ihre ungelösten Probleme lösen. Die Seelen, die voll Wut sind und Rache nehmen wollen, sind zum Glück in der Minderzahl. Die Erlösung dieser Seelen ist bei weitem schwieriger als die Erlösung der anderen.«

Es war ihnen in diesem Moment allen klar, dass sie wohl keinen der einfachen Fälle bekommen würden.

»Tretet nun zurück. Ich werde nun die Seele zu euch bringen. Cassandra, da du der einzige Mensch hier bist, wirst du sie aufnehmen.« Alle schauten ungläubig auf Michael und Cassandra machte automatisch einen Schritt zurück, während Noel, Maximilian und Jerry sich schützend vor sie stellten.

»Ich dachte es wäre klar, dass Cassandra die Seele in sich aufnimmt. Das können nur Menschen machen. Wir Seelenhüter arbeiten täglich mit besonderen Menschen zusammen, die für uns als Seelengefäße dienen. Nur so können wir den Seelen ermöglichen, selbst zu ihrer Erlösung beizutragen.«

Noel, Maximilian und Jerry berieten sich kurz. Noel diskutierte mit seinem Vater und seinem Bruder, aber irgendwann nickte er nur und schloss die Augen. Dann nahm er Cassandra in den Arm und sie schmiegte sich schutzsuchend an ihn. Er versuchte sie zu beruhigen.

»Der Rat würde nichts tun um dich direkt zu gefährden. Wenn es nicht funktioniert, oder die Seele dir Schaden zufügen möchte, werden wir jeder Zeit in der Lage sein, die Seele aus dir heraus zu zwingen.« Sie sah Noel an und nickte dann zur Zustimmung in Michaels Richtung. Vor Angst war sie nicht fähig zu sprechen. Die Ungewissheit setzte ihr zu. Was, wenn es sich wirklich um Paul handelte, was, wenn es einerseits Pauls Seele wäre, aber von dem alten Paul nichts übrig geblieben wäre außer der Wut über den Verlust der Freundin?

»Wie wird das für den Aufnehmenden sein, eine fremde Seele in sich aufzunehmen und was bedeutet das für den Menschen, der sie aufnimmt?« Noel stellte Michael diese Fragen und wunderte sich, dass Cassandra dies noch nicht getan hatte. Eigentlich hatte er diese Frage von ihr erwartet. Er machte das emotionale Durcheinander dafür verantwortlich, dass sie diese Frage nicht selbst gestellt hatte.

»Ich kann nur das wiederholen, was uns unsere menschlichen Helfer über ihre Erfahrung berichtet haben. Sie sagen, dass das Gefühl bei der Aufnahme der Seelen nicht sehr angenehm ist. Einen Moment hat man das Gefühl, keine Luft zu bekommen, aber das geht vorüber. Danach ist es wie ein permanentes, leichtes Schwindelgefühl, man selbst merkt, dass man nicht alleine in seinem Körper ist. Es ist möglich, im Geiste mit der anderen Seele zu kommunizieren und manchmal übernimmt die fremde Seele die Macht über den Körper des Wirtes. Dies geschieht normalerweise aber nur mit Zustimmung des Aufnehmenden.« Noel schaute zu Cassandra und sie nickte. Er merkte, dass sie versuchte, ruhig zu atmen und sich zu konzentrieren. Sie wandte sich an Michael.

»Ist es mein Bruder?! Ist es mein Bruder Paul?« Michael schaute sie wissend an und antwortete mit einem kurzen:

»Ja«.

Cassandra merkte, wie ihr zwei einzelne Tränen über die Wangen liefen und legte ihren Kopf an Noels Schulter. Noel spannte seine Muskeln an. Er konnte ihren emotionalen Schmerz fast körperlich spüren.

***

Sie dachte an den Abend, an dem Paul gestorben war und Mia verschwand. Jahre hatte sie geglaubt, dass sie in Dinos Restaurant Opfer eines Angriffs der Mafia geworden waren, aber Noel hatte ihr erst vor ein paar Stunden erzählt, dass es nicht so gewesen war, wie sie es die ganze Zeit gedacht hatte. Es war kein normaler Überfall mit Geiselnahme gewesen, sondern ein Racheakt eines Vampirclans, der noch eine alte Rechnung mit Noels Familie offen hatte. Sie waren an diesem Abend alle im Dinos, einer Pizzeria die einem Freund von Mick gehörte, zum Essen verabredet gewesen. Eigentlich wollten Noel und sie an diesem Abend ihre Verlobung bekanntgeben, deshalb hatten sie Noels Eltern, Cassandras Vater, Noels Geschwister und natürlich Paul, Mia und Tom, ihren besten Freund, ebenfalls eingeladen und das ganze Restaurant reserviert. Cassandras Vater hatte kurzfristig abgesagt, da er an einem wichtigen Fall arbeitete. Deshalb hatten sie sich nur mit den anderen getroffen um gemütlich zusammen zu essen. Tom und Aline waren relativ früh aufgebrochen, da sie noch zusammen tanzen gehen wollten. Sie hatten so viel Spaß zusammen, bis es auf einmal laut krachte. Ab da waren ihre Erinnerungen lückenhaft. Sie wusste noch, dass Noel sie vom Stuhl riss und hinter die Bar brachte und dann folgte eine große Lücke. Das Nächste, woran sie sich erinnern konnte war, dass sie neben dem Körper ihres Bruders kniete, der über und über mit Blut bedeckt war und daran, dass sie weinte.

***

Heute wusste sie genau was damals geschehen war, auch wenn sie sich nicht an die genauen Abläufe erinnern konnte. Die Vampire griffen an, Noel und seine Familie kämpften gegen die Vampire, die allerdings in der Überzahl waren. Rowena versuchte, Paul und Mia ebenfalls in Sicherheit zu bringen. Paul war allerdings noch nie jemand, der einem guten Kampf aus dem Weg gegangen wäre, also kämpfte er mit und wurde von einem Vampir getötet. Im Nachhinein war sie froh, dass er nicht das gleiche Schicksal geteilt hatte wie Mia. Als die Vampire merkten, dass sie keine Chance hatten, waren sie geflüchtet und hatten Mia, die verwundet war, mitgenommen. Jerry und Maximilian waren ihnen noch gefolgt, konnten sie aber nicht mehr einholen. Sie waren verschwunden. Danach blieb ihnen nur noch, die Spuren des Vampirangriffes zu vertuschen und auf die Polizei zu warten. Cassandra wusste inzwischen, dass Noel ihre Erinnerung an diesen Abend verändert hatte, sie konnte ihm aber nicht böse sein. Er hatte es nur zu ihrem Schutz getan. Mit der Polizei kam damals auch ihr Vater. Ab da war nichts mehr wie vorher. Mia blieb verschwunden und ihr Vater zog sich nach Pauls Tod völlig in sich zurück. Er gab Noels Familie die Schuld an allem, was passiert war. Er behauptete sogar, dass sie Verbindungen zur Mafia hätten, da es schon mehrfach vorgekommen war, dass ein Familienmitglied Noels zufällig an einem Ort des Verbrechens anwesend war. Allerdings war es der Polizei bis dahin niemals gelungen, einem Familienmitglied direkte Kontakte zur Mafia nachzuweisen.  Selbst nach dem aktuellen Vorfall nicht. Er verlangte, dass sie sofort den Kontakt zu Noel und seiner Familie abbrechen sollte und sie zerbrach fast daran. Sie war zu diesem Zeitpunkt fast eineinhalb Jahre mit Noel zusammen und sie konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Noel und Maximilian suchten den Kontakt zu Cassandras Vater, aber er blockte alles ab. Irgendwann kam der Tag, an dem Cassandra ihren Vater vor vollendete Tatsachen stellte und ihm mitteilte, dass sie zu Noel ziehen würde. Sie konnte diese Situation nicht länger ertragen. Den Streit den sie danach hatten, würde sie niemals vergessen. Er beschuldigte sie, mit den Mördern ihres Bruders gemeinsame Sache zu machen und nachdem sie doch auf ihren Auszug bestand, sagte er, dass er nun auch keine Tochter mehr hätte. Noels Familie hatte sie damals mit offenen Armen aufgenommen. Sie zog es niemals in Erwägung, dass sie Verbindungen mit der Mafia hatten und schob die ganze Sache auf einen Racheakt, der auf ihre Tätigkeit im Security-Business begründet war. Einen Tag vor der Hochzeit erhielt sie einen Brief ihres Vaters, in dem eine Nachricht war, die nur für sie bestimmt war. Er wünschte ihr viel Glück und schrieb, dass, sollte sie jemals ihre Meinung ändern, sie sich bei ihm melden sollte. Zu diesem Zeitpunkt dachte sie noch, dass dies niemals passieren würde, bis zu dem Tag, an dem sie versehentlich das Telefongespräch zwischen Noel und seinem Vater mitgehört hatte …

Klappentext
Kennt ihr auch diese Tage, an denen alles anders kommt als gedacht?
Nach einem perfekten Start in den Morgen mit einem Frühstück in ihrem Lieblingscafé erwartet Cassandra bei ihrer Heimkehr eine böse Überraschung. Ihre Vergangenheit, in Gestalt ihres Noch-Ehemanns Noel, hat sie nach Jahren der Flucht eingeholt. Sie ist sich sicher, noch heute wird sie durch seine Hand sterben. 
Doch plötzlich steht ihre Welt Kopf. Nicht nur, dass Noel ihr eröffnet, dass er ein gefallener Engel ist, er stellt Cassandra auch vor eine Entscheidung, die ihr Leben von Grund auf verändern wird.
Auf der einen Seite wartet auf sie der sichere Tod. Auf der anderen Seite die ungewisse Chance auf eine Zukunft, die sie schon verloren geglaubt hatte.

Jeannine RemlingerJeannine Remlinger
Jeannine Remlinger wurde 1973 geboren. Sie lebt mit Mann und Kindern in der Nähe ihrer Geburtsstadt Trier. Unter dem Pseudonym Parker Jean Ford ist sie, neben ihrem Beruf als IT-Projektleiterin, Autorin aus Leidenschaft.

Gute Bücher zeichnen sich für sie dadurch aus, dass diese zu guten Freunden werden, die man immer wieder gerne zur Hand nimmt. Man freut sich mit den Protagonisten, leidet mit ihnen, und am Ende des Buches weint man ihnen zum Abschied vielleicht die ein oder andere Träne nach.

„Vertrau mir! Prophezeiung“ ist der erste Roman der Autorin und im Elvea Verlag erschienen. Der zweite Teil: „Vertrau mir! Erfüllung“ ist zurzeit in Vorbereitung.

Des Weiteren sind zwei Kurzgeschichten der Autorin in der Thriller-Anthologie "Erster Augenaufschlag" und der Charity-Anthologie "Die sieben Todsünden" erschienen und sie wirkt aktiv beim Projekt "Die geheime Invasion" des Elvea Verlags mit.

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