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Wie kommt der Kaiser in den Berg?

Wie kommt der Kaiser in den Berg?Wie kommt der Kaiser in den Berg?
Die Kyffhäuser- Sage

1. Einleitung: Helden von heute

Wenn ein Sender einmal zu wenig Geld hat um ein fesselndes Samstagabend-Programm zu gestalten, läßt man die Angestellten in den Archiven kramen, lädt ein paar D- oder E-Promis als Kommentatoren ein, die gerade wieder etwas Fernsehpräsenz benötigen (und daher billig sind), und stelle eine Sendung zusammen, deren Titel mit „Die 50 (bzw. 20 bzw. zehn) besten…“ beginnt.


So geschehen am 28. November 2003 im ZDF, und unter dem Titel „Unsere Besten“ ging es um nichts Geringeres, als die 100 bedeutendsten Deutschen zu ermitteln. Wie zu erwarten war, fanden sich auf den vorderen Plätzen einige Staatsmänner, deren Abschneiden mehr auf Generationenkonflikte, auf nostalgische und ideologische Gründe zurückzuführen ist, so etwa Konrad Adenauer (Platz 1) und Helmut Kohl (Platz 9?). Recht abgeschlagen, hinter solch weltgeschichtlichen Größen wie Daniel Küblböck (Platz 16), Thomas Gottschalk (Platz 24), Dieter Bohlen (Platz 30) und Beate Uhse (Platz 87), tauchte auf Platz 94 ein „Friedrich II.“ auf. „Ah, der alte Fritz!“, wird da manchem einfallen, aber jener Preußenkönig war gar nicht gemeint; der hatte es nämlich immerhin noch auf Platz 42 geschafft. 

Nein, es ging um einen deutschen Kaiser des Mittelalters, und er war der Einzige, der überhaupt in der Liste aufgetaucht ist. Sollten künftige Generationen einmal einen Blick auf sie werfen, sie könnten den Eindruck gewinnen, es hätte vor 1949 kein Deutschland gegeben, allenfalls ein paar Sagengestalten von untergeordneter Bedeutung, die man mehr der Form halber mit berücksichtigt hat. Deren Wirken jedoch hoffnungslos verblaßt angesichts der epochalen Leistungen eines Herrn Gottschalk.

Nun haben „Charts“ nicht unbedingt den Anspruch, unbestechlich Tatsachen darzustellen; ihre Aufgabe ist es mehr, Stimmungsbilder und Verkaufsinteressen widerzuspiegeln. Wenn es in der Sendung beispielsweise um Musik geht, kann man davon ausgehen, daß eine dazu gehörige CD im Handel ist. Mit Liedern jedoch sind Vermarktungsrechte verbunden, und sind die nicht zu kriegen, fällt das entsprechende Stück eben einfach aus der Wertung. Und egal wie erfolgreich Beatles, Stones oder Elvis gewesen sein mögen, der Ausgewogenheit (und Tantiemen) halber werden sie jeweils höchstens einmal pro Auswahl vertreten sein.

Beim Fernsehen muß man auf die Zuschauerzahlen achten, und da wäre es für den Erfolg einer Sendung verheerend, würde sie sich auf Persönlichkeiten beschränken, die der BILD-Zeitung noch nie Schlagzeilen beschert haben.
„Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht“, lautet ein Sprichwort, also müssen eben die Herren Küblböck und Bohlen als Repräsentanten der Deutschen Geschichte herhalten. Gestalten, die auch jene Mitbürger kennen, die einem die „größten Kartoffeln“ in Form von hohen Einschaltquoten bescheren.

Und mit den „Kartoffeln“ kommen wir auch schon zu den Friedrichen, die in unserer Vergangenheit eine Rolle gespielt haben. Friedrich II. von Preußen nämlich soll die Knollen in seinem Staat eingeführt haben, indem er sie seinen Landwirten erst mal „verboten“ hat. Anschließend ließ er sie aber dann nachlässig genug bewachen, daß genügend Erdäpfel gestohlen und eingepflanzt werden konnten. Friedrich II., ein militaristischer Abenteurer, der es gerade mal einem Thronwechsel in Rußland zu verdanken hat, daß er und sein Staat nicht ausgelöscht worden sind – Ausgerechnet ihm hat man den Beinamen „Der Große“ verliehen!

Aber man sollte nicht denken, sein Jahrhundert wäre weniger gegenwartsbezogen gewesen, als wir es heute sind. An Friedrich, der sich mehrfach gegen eine Übermacht behauptet hatte, entzündete sich ein deutsches Nationalgefühl, obwohl auch das Deutsche Reich zu seinen Gegnern gezählt hatte. Jede Bewegung aber braucht ihre Gallionsfiguren, und da die jüngere Geschichte des Landes eher arm an Lichtgestalten war, wurde eben dem Hohenzoller die Ehren zuteil. Er wurde auf den Schild der Volkstümelei gehoben, auf dem er sich als Bewunderer der französischen Kultur gewiß nicht wohl gefühlt hätte.

Er war nicht der Erste, dem dies widerfuhr. Auch nicht der Erste mit dem Namen Friedrich. Aber er lebte in einer Zeit, in der man alte Burgen schleifte oder verfallen ließ, und sich allgemein wenig um vergangene Jahrhunderte scherte. Erst die Romantik sollte seine Namensvettern wiederentdecken… und für die selben Zwecke mißbrauchen. Aber wenn sie nicht gestorben sind, so haben sie sich inzwischen wohl daran gewöhnt…

Wenn sie nicht gestorben sind… Schon taucht das Bild jener langbärtigen Schlafmütze im Kyffhäuser auf. Was hat es mit ihr auf sich? Und wieso hat man gerade sie als rettende Lichtgestalt auserkoren, die sie doch seit Jahrhunderten schon keinen Bezug zur aktuellen Politik mehr hat?

2. Friedrich I. Barbarossa
 „Als Kaiser Rotbart lobesam zum heil‘gen Land gezogen kam,“ beginnt jenes Gedicht von Uhland, das so mancher Schüler in nationalistischeren Tagen Deutschlands auswendig lernen mußte. Wo heute (mit Ausnahme von Heinrich IV. und vielleicht Friedrich II.) nahezu jeder einheimische Monarch des Mittelalters in Vergessenheit geraten ist, können die meisten Deutschen zumindest mit seinem Spitznamen noch etwas anfangen.

Da stellen sich natürlich zwei Fragen.
Erstens: Was hat den Kerl so besonders gemacht? Und zweitens: Hat es auch noch Auswirkungen auf die Gegenwart?

Kino und Fernsehen helfen da nicht weiter; wenn man denen Glauben schenkt, wären die wichtigsten Gestalten jener Ära durchweg Engländer (Arthus, Richard I. Löwenherz, Prinz John, Edward „Longshanks“ I., Henry VIII., Elisabeth I. etc. pp.) – Freilich sind die Unterhaltungsmedien in den seltensten Fällen objektiv. Über die Herrschaft der Päpste etwa erfährt man aus ihnen ebenso wenig, wie über die kulturelle Vorreiterrolle Frankreichs oder die wissenschaftlichen Fortschritte in den islamischen Staaten. Aber wo die Mehrzahl der Filme im anglo-amerikanischen Raum produziert werden, hat man natürlich auch primär den anglo-amerikanischen Zuschauer (bzw. dessen Geldbörse) im Auge. Und der hat natürlich seine eigenen, national eingefärbten Prioritäten.

Was für die heutigen Quellen gilt, gilt natürlich auch für die damaligen. Die Beurteilung eines Kaisers hängt letzten Endes immer davon ab, in wessen Auftrag der Schreiber arbeitet. So fällt es zum Beispiel auf, daß die verrufensten Herrscher Roms in der Regel diejenigen sind, die sich gegen den Senat (oder später gegen die Kirche) gestellt haben – Und ein Großteil der Chronisten stand in Diensten eben dieses Senats .

Mit einer vergleichbaren Vorsicht muß man auch das bewerten, was uns von den Kaisern des Mittelalters überliefert wird. Und gerade in Bezug auf die Staufer gilt es, nationalistische Überhöhungen ebenso auszufiltern wie papistische Schmähungen.

Was also bleibt von Friedrich I., den man in Italien „Barbarossa“ („Rotbart“) nannte?

Er muß ein außerordentlich beliebter, volkstümlicher Monarch gewesen sein. Dafür spricht auch sein Zitat, daß er trotz der „Würde eines römischen Cäsaren“ immer noch „ein Mensch geblieben“ sei, „der irren kann“. Dementsprechend scheint Ehrfurcht, aber nicht Furcht, das Verhältnis der Untertanen zu ihm bestimmt zu haben. So wurde ihm ein außerordentlicher Gerechtigkeitssinn bescheinigt, allerdings mit dem Zusatz, daß ihn das „leichtgläubiger als ein Pferd“ mache. Gleichfalls wird zwar sein Kampfesmut gerühmt, aber der Chronist Gislebert spöttelt: „Wenn er auch an Größe und Schönheit nicht alle übertraf, so führte er doch seinen Schild vorzüglich.“

Zu den inneren Vorzügen gesellten sich auch äußere, so daß man bei mancher Schilderung glaubt, es ginge um einen Popstar. Der Chronist Rahewin versteigt sich gar ins Erotische, wenn er etwa meint, der Staufer habe an der Kehle einen Teint, der „milchwei߅, bisweilen von jugendlicher Röte übergossen“ wäre, oder aber Schenkel, die „ruhen höchst ansehnlich auf kraftstrotzenden Waden.“

Und einen roten Bart hat er selbstverständlich auch getragen.

Nun mag man denken, als Kaiser ist man automatisch populär – Das allerdings war in Zeiten der Streitigkeiten mit Kirche und rivalisierenden Fürsten meist nicht der Fall. Dabei ist dieses Amt einmal mit großer Macht verbunden gewesen. Der Salier Heinrich III. hatte es sich leisten können, „katholischer als der Papst“ zu sein, indem er zwei Nachfolger Petri vertrieb, und einen dritten einsetzte. Allein, er starb vor seiner Zeit, und es war weder das erste, noch das letzte Mal, daß ein früher Tod dem Thron Schaden zufügte. Bei Barbarossas Amtsantritt war es nach dem Wormser Konkordat jedem weltlichem Fürst – auch dem Kaiser – untersagt, Kirchenämter mit eigenen Kandidaten zu besetzen. Ohne die Reichsbischöfe jedoch, die keine dynastischen Interessen hatten (im Gegensatz zum Adel), war jeder Monarch nur so stark wie seine Hausmacht . Die Folge waren Fehden und Zwistigkeiten der führenden Geschlechter untereinander, die das Imperium als Ganzes schwächten.

Die Auseinandersetzungen zwischen Welfen und Staufern waren so ein Konflikt, und Friedrich I. war primär deshalb gewählt worden, weil er nicht nur Staufer, sondern auch Neffe eines Welfen war. Tatsächlich sorgte er erst einmal innenpolitisch für Ruhe, indem er bei der einen oder anderen Provinzvergabe die Letzteren bevorzugte, und hier und da auch mal ein Auge zudrückte.

Aber diese Ruhe brauchte er auch, stand es doch ausgesprochen schlecht um das Reich: Burgund hatte sich fast schon losgelöst, und die reichen Städte Norditaliens zahlten keine Steuern mehr. Wer daran etwas verändern wollte, drohte entweder, aus Mangel an Kompetenzen zu scheitern, oder aber, gegen die päpstlichen Beschränkungen und Interessen zu handeln. Schon Heinrich IV. hatte sich hier mehr als nur eine blutige Nase (bzw. Frostbeulen an den Füßen) geholt.

Friedrichs große Gabe war es, das Machbare zu erkennen und auszureizen. So heiratete er die Erbin Burgunds, das somit wieder fester Bestandteil des Reiches wurde. Und er verstand es, das Wormser Konkordat zu seinem Vorteil auszulegen: Wo immer zwei Kandidaten ein geistliches Amt anstrebten, besaß der Kaiser das Ehrenrecht, auszuwählen – Er nutzte dies oft genug aus, um an Stelle der beiden einen dritten, eigenen Prätendenten einzusetzen.

Außerdem festigte er das Lehnssystem, und wo er sich der Unterstützung des Adels nicht sicher sein konnte, bediente er sich der leibeigenen Reichsministerialen. Unter seiner Herrschaft erfuhren sie ihre Blütezeit, und stellten schließlich den größten Teil der Ritterschaft. In den drei Jahrzehnten, die er brauchte, um die Reichsrechte in Italien wieder herzustellen, benötigte er wahrhaftig viele Krieger. Zumal es da noch zu einem spektakulären Verrat kam…

„Leichtgläubiger als ein Pferd“ – Es gibt immer Charaktere, die alles nicht Egoistische als Schwäche auslegen, die es auszubeuten gilt. Heinrich der Löwe – führender Welfe und Herzog von Sachsen und Bayern – war ein solcher, und er schreckte nicht davor zurück, anderen Fürsten des Reiches Gebiete oder Abgaben abzupressen. Das solche Soziopathie auch positive Folgen hat, liegt nur in der Natur der Sache. Hätte er nicht die Zollbrücke des Freisinger Bischofs zerstört und die Handelswege umgeleitet, wäre sein München wohl nie zur Stadt geworden. Eine ähnliche Blüte erlebte Lübeck, das er den Schauenburgern Holsteins einfach wegnahm. Und seine Eroberung von Mecklenburg und Vorpommern hatte eine Besiedlung von deutschen Kolonisten zur Folge, die sich friedlich mit den einheimischen Slawen mischten.

Barbarossa ließ ihn lange gewähren, war er doch über zwei Jahrzehnte in Italien beschäftigt. Doch Heinrich überspannte den Bogen und erpreßte den Kaiser selbst: Lehnsfolge wollte er nur leisten, wenn er dafür die Reichsstadt Goslar mitsamt der Silberminen erhielt. Friedrich brauchte die Unterstützung, doch den Preis wollte er nicht mehr zahlen. Prompt verlor er die Entscheidungsschlacht bei Legano. Ja, er wurde sogar verwundet, und konnte der Gefangennahme nur durch eine abenteuerliche Flucht entgehen. Inkognito schlug er sich nach Pavia durch, und war dabei schon für tot gehalten worden.

Letztlich gelang es ihm doch noch, über Verhandlungen seine wichtigsten Ziele durchzusetzen, sich mit dem Papst zu versöhnen, und Norditalien wieder fest ins Reich einzugliedern. Endlich hatte er die Muße, sich um Heinrich, den Löwen, zu kümmern – Barbarossa hatte international dermaßen viel Achtung erworben, daß der Welfe nirgends mehr Verbündete fand. Fünfmal wurde er vorgeladen, und fünfmal erschien er nicht – Er wurde verbannt und seiner Lehen verlustig erklärt.

Damit befand sich Friedrich I. auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er ließ seinen Sohn noch als Kind zum König krönen, und die Erbin des Normannenreiches Sizilien ehelichen. Auch das endlich befriedete Imperium nahm einen Aufschwung, der den Menschen noch lange im Gedächtnis blieb. Und es war ein beeindruckend großes Imperium. Eines, das nahezu das ganze heutige Deutschland umfaßte (Die Mark Schleswig war anderthalb Jahrhunderte zuvor als „Hochzeitsgeschenk“ an Dänemark gefallen), aber auch die Benelux- Staaten, den Osten Frankreichs, die Schweiz, Liechtenstein, Österreich (ohne „Transleithanien“), die Nordhälfte Italiens, Slowenien, Tschechien, Pommern und (je nach Interpretation) ab 1163 auch ein bis kurz vor Krakau reichendes Schlesien.

Dieses Imperium freilich war das ehemalige „Ostfränkische Reich“, das erst durch Barbarossa die Bezeichnung „Heiliges Reich“ erhielt. Ein Kaiserreich, von dem das Königreich Deutschland nur ein Teil war, auch wenn der dort gewählte Monarch automatisch Herrscher von Burgund und Norditalien war. Ein Kaiserreich, das sich in der Tradition des Römischen Imperiums nach der Christianisierung sah. Das den Anspruch hatte, die gesamte (katholische) Christenheit zu repräsentieren. Dementsprechend war ein Kaiser nicht einfach nur ein Großkönig, sondern ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Darum brauchte es auch den Papst, ihn zu krönen. Was in Europa geschah, geschah im Namen des Christentums oder im Interesse einer Dynastie; so etwas wie Nationalbewußtsein kam im Mittelalter erst ganz allmählich auf.

Aber es waren nicht nur die militärischen und diplomatischen Erfolge, in deren Glanz sich Barbarossa nun sonnen konnte. Denn allen Auseinandersetzungen zum Trotz ging es dem Land gut unter den Staufern – Das ist nicht nur daran zu sehen, daß man in der Architektur von der düster gedrungenen Romanik zur imposanten Gotik überging. Auf einmal kannte man Gewürze, und Papier ersetzte das Pergament. Kleidung und Waffen wurden prunkvoller, und es wurde Schach gespielt. Überall entstanden oder gediehen Städte und Burgen, und die Wohnkultur selbst gewann an Komfortabilität.

Vor allem die Kreuzzüge sorgten für Fortschritte in der Waffentechnik. Kettenhemden wurden zur üblichen Kampfausrüstung; Schlachtrösser und Topfhelme gewannen an Bedeutung. Auch bei Belagerungstechnik, Schiff- und Festungsbaubau machte man enorme Fortschritte, ja, es wurden sogar erstmals Sprengstoffe eingesetzt.

Der Kontakt mit den Arabern sorgte aber auch für Fortschritte in den Wissenschaften. So wurde das indische Ziffernsystem eingeführt, und man lernte indische und persische Literatur kennen. Universitäten lösten die Klosterschulen ab, daß man nun neben der Theologie auch römisches Recht und Medizin lehrte. Der Minnesang fand Verbreitung, und nicht nur wurde die Musik als Kunstform anerkannt, auch nahmen die Dichter Einfluß auf die Politik. In Folge kam es zu einer eigenen deutschen Literatur, wie man sich überall in Europa nationaler Eigenheiten bewußt wurde. Und wo vorher mehr stadardisiert wurde, entdeckte man jetzt das Individuelle.

Es ging den Menschen gut, zumindest für mittelalterliche Verhältnisse. Und auch schon damals wurde immer wieder gern die Politik für die herrschenden Verhältnisse verantwortlich gemacht – Also stand Barbarossa für „des Reiches Herrlichkeit“.

Schlußendlich war es ihm gelungen, aus dem schon im Untergang befindlichen „Heiligen Römischen Reich“ noch einmal den mächtigsten Staat Europas zu machen. So galt es als selbstverständlich, daß er den dritten Kreuzzug als Haupt der Christenheit anführen würde.

Die Welt blickte auf ihn; selbst fremdländische Geschichtsschreiber priesen ihn gleichsam als „ihren“ Kaiser. Für die Armenier beispielsweise war er von „mystischem Glanz“ umgeben, und würde bald „mit gewaltiger Kraft“ die Weltherrschaft errichten. Ja, er wurde auch schon als „Herrscher der Endzeit“ bezeichnet, gemäß der Vorstellung, daß ein großer Herrscher die Christenheit unmittelbar vor dem Jüngsten Gericht einen würde.

Entsprechend gefürchtet wurde er von seinen arabischen Gegnern. Und das mit Grund, denn sein vernichtender Sieg über die Rum- Seldschuken 1190 bei Ikonium machte deutlich, mit welcher Heeresmacht man im Heiligen Land zu rechnen hatte. Schon bildeten sich Legenden, einer der Feinde sei mit einem einzigen Schwerthieb in zwei Teile gehauen worden. Ein oder zwei weitere Jahre, ein Sieg im Nahen Osten, hätten den Monarchen wohl mächtiger als den Papst gemacht.

Aber dann, am 10. Juni des Jahres, ging er baden, und mit ihm auch der deutsche Beitrag zum Kreuzzug. Wohl überhitzt sprang er in den Fluß Saleph, ein Mann von fast siebzig Jahren, und es war vermutlich das Herz, das nicht mehr mitmachte.

Der Chronist Albert von Stade läßt den ertrinkenden Kaiser ein Stoßgebet sprechen: „Gelobt sei der gekreuzigte Gottessohn, der mich durch jenes Wasser aufgenommen hat, das mich in der Taufe zu neuem Leben erweckt hat; möge mich jenes Wasser, das mich zum Christen gemacht hat, nun zum Märtyrer machen. “

Die Nachricht seines Todes löste in der Christenheit ungläubige Bestürzung und Trostlosigkeit aus. Als Beispiel für viele sei hier ein Troubadour aus Venedig genannt, der sang: „Warum geht die Welt nicht unter? Warum verdunkelt sich die Sonne nicht, nachdem so Furchtbares geschehen?“

Bei den Arabern jedoch galt dies als „göttliches Wunder“, was gleichfalls zu Friedrichs später Überhöhung beitrug. Der fortgesetzte Kreuzzug glich einem Leichenbegängnis: Friedrichs Eingeweide wurden in Tarsus bestattet, der fleischliche Leib in Antiochia und die Knochen in Tyrus oder Aeri, als die Heilige Stadt (Jerusalem) nicht erreicht wurde.

Nur noch wenige deutsche Ritter nahmen an den weiteren Kriegshandlungen teil, aber immer noch genug, daß der Deutsche Orden gegründet werden, und sich Richard Löwenherz Herzog Leopold von Österreich zum Feind machen konnte.

An sich waren damit die besten Voraussetzungen gegeben, um Barbarossa in den Bereich des Mystischen zu entrücken. Der Traum vom Sieg der Christenheit, verkörpert in seiner Gestalt – Allein, nichts dergleichen geschah! Denn auf seinen Tod folgten turbulente Zeiten, daß man sich erst einmal mit anderen Dingen beschäftigte.

Aber immerhin tauchten in Deutschland Prophezeiungen über einen künftigen Friedrich auf, der als Kaiser der Endzeit das unfertige Werk zu Ende führen werde.

3. Heinrich VI. und der Bürgerkrieg
 „Länder und Reiche sind mir untertan, wenn ich bei ihr, der Lieblichen bin,
doch muß ich scheiden von ihr sodann, ist meine Macht und mein Reichtum dahin.
Verlöre ich sie, was hätte ich dann?
Nichts taugte ich zur Freude mehr für Frau noch Mann…
Ehe ich auf sie verzichte, verzichte ich lieber auf die Krone.“

Dies sind die Worte eines begabten und zartfühlenden Minnesängers, zart von Gestalt, blaß und kränklich. Doch welcher „Süßen“ („Suizen“) auch immer seine schmachtenden Verse gegolten haben mochten, heiraten durfte er sie nicht. Denn er war Heinrich VI., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und als Braut war ihm die zwölf Jahre ältere Konstanze bestimmt, Erbin des Normannenreichs auf Sizilien, die sich zudem später noch als nationalistische Patriotin entpuppen sollte.

Es war nicht das einzige Unglück, das er zu verarbeiten hatte.

Kaum hatte er sein Amt angetreten, rebellierten im Norden die Welfen, und im Süden – von Richard Löwenherz angestachelt – die Normannen. Sein Heereszug wurde in Italien von einer Seuche dahingerafft, und es ging ihm auch noch das Geld aus. Keine idealen Voraussetzungen für eine eher sensible Natur, um sich an der Macht zu halten! Eigentlich bleibt einem nur die Wahl, zu zerbrechen, oder zu verbittern. Zerbrochen ist Heinrich nicht… zumindest nicht nach außen hin.

Doch schon während seines Machtantritts zeigte er sich bereit, mit dem Leben so umzuspringen, wie es das mit ihm tat. Die Kaiserkrone war ihm fest zugesagt worden, doch wo er nun an allen Ecken und Enden um sein politisches Überleben kämpfte, glaubte sich die Kurie stark genug, das Versprechen ungestraft brechen zu dürfen. In der Tat hatte er nicht die Macht, seine Ansprüche durchzusetzen – aber die Einwohner Roms hatten es. Sie alle zu bestechen, hätte freilich seine Mittel überstiegen! Also gab er ihnen das ihm treue Örtchen Tusculum zur Plünderung frei. Nun hatte sein Vater zwar selbst ganze Städte niedergebrannt (Mailand und Crema), aber da hatte es sich um Feinde, nicht um Verbündete gehandelt. Heinrich erreichte sein Ziel, und das schien ihm wichtiger zu sein als ein guter Leumund. Die beliebtesten Herrscher sind beizeiten eben auch die schwächsten  Sein Großonkel und dessen Vorgänger hatten sich dem Papst gegenüber stets gefällig gezeigt, und darüber das Reich mehr und mehr vor die Hunde gehen lassen.

Nun brauchte der Staufer dringend Geld. Schon hatte er Reichsgüter verscherbelt, um sich wenigstens gegen die Welfen behaupten zu können – Aber zur Durchsetzung seiner Rechte reichte es immer noch nicht. Aber immerhin konnte er 1192 ein Lösegeld von 50.000 Silbermark aussetzen auf jemanden, der sich nach einem Schiffbruch bei Aquileia irgendwo in seinem Reich aufhalten mußte.

Richard I. Löwenherz hatte sich auf dem dritten Kreuzzug viele Feinde gemacht, und das nicht nur bei den Sarazenen, als er einfach mal 3500 Kriegsgefangene abschlachten ließ. Er reizte einen Mitstreiter nach dem nächsten, und auf Phillip II. August, König von Frankreich, soll er gar mehrere Giftanschläge veranlaßt haben. Eine Nation allerdings schien es ihm besonders angetan zu haben, nannte man ihn doch den „Deutschenfresser“. So schloß er die Deutschen von der Verteilung der Kriegsbeute aus, und das Banner Leopolds V., Herzog von Österreich, der sich beim Sturm auf Akkon ausgezeichnet hatte, ließ er abreißen und in die Kloake werfen.

Er hatte also gute Gründe, sich zu verkleiden und verborgen zu halten, als er sich gezwungen sah, den Rückweg zu Lande fortzusetzen. Nur, wenn man inkognito unterwegs ist, sollte man nicht den Fehler begehen, seinen vorgeblich armen Knecht mit schwerem Gold bezahlen zu lassen! Und das auch noch in Wien, der Hauptstadt Leopolds… Dem beleidigten Herzog muß dies als ausgleichende Gerechtigkeit vorgekommen sein! Zumal er für die Ergreifung die ausgesetzte Belohnung kassieren durfte.

Heinrich aber hatte vor allem zwei Gründe, den König von England dingfest zu machen: Den Aufstand in Sizilien und die Anmaßung kaiserlicher Rechte auf Zypern. Im Mittelalter war es gängige Praxis, den Gegner gefangen zu nehmen, und erst nach Zahlung eines Lösegeldes wieder auf freien Fuß zu setzen. Selbst Entführungen galten nicht als unschicklich; Otto II., Otto III. und Heinrich IV. hatten dies am eigenen Leibe erfahren müssen. Insbesondere traf dies für Kriegsgefangene zu, konnte man so doch die eigene Kriegskasse wieder auffüllen. Bei hochrangigen, aber minderjährigen Geiseln kam noch hinzu, daß man als deren Vormund auftreten, und damit in deren Namen sprechen konnte.

Doch der britische Monarch war nicht unmittelbar nach einer Schlacht aufgegriffen worden, er war ein heimkehrender Kreuzfahrer – Und damit in den Augen der christlichen Welt ein Krieger Gottes.

Heinrich stellte eine Forderung von 100.000 Mark, und mußte feststellen, daß die Briten ihren König weniger mochten, als er wohl gedacht hatte: Statt der geforderten Summe kam nur die müde Antwort, Löwenherz möge doch einfach zehn seiner besten Besitzungen verkaufen, und sich somit selbst auslösen.

Den eigenen Kopf hinzuhalten (und für seine Taten in Sizilien zu büßen), das kam für den englischen Monarchen freilich nicht in Frage. Ohnehin scheint er unter seiner Gefangenschaft nicht allzusehr gelitten zu haben, erwarb er sich doch den Ruf, seine Bewacher samt und sonders unter den Tisch trinken zu können.

So fing man jenseits des Kanals an, eine allgemeine Landessteuer zu erheben, an der sich auch der einfache Mann mit einem Viertel seines Jahreseinkommens beteiligen durfte. Auf diese Weise aber füllten sich die Kassen nur langsam – Daß der Staufer den Betrag zur Strafe auf 150.000 Mark erhöhte, konnte daran auch nichts ändern. Aber er brauchte das Geld. Brauchte es gegen die Fürstenrevolte im Norden, und brauchte es gegen den Aufstand in Sizilien! Lange Verzögerungen konnte er sich nicht mehr leisten, und so bot er an, sich mit einer Teilzahlung und der Stellung von Geiseln zufrieden zu geben.

Das aber paßte nicht in die Pläne von Richards Bruder und Statthalter, Prinz John. Der nämlich fühlte sich ganz wohl auf dem englischen Thron… Und da gab es auf einmal noch jemanden, der mitbieten wollte: Phillip II. August, König von Frankreich! Die Briten kontrollierten weit mehr Land in seinem Reich, als er selbst, und stellten seine Oberhoheit offen in Frage. Ständig kam es zu Feindseligkeiten, auch während des Kreuzzugs, und Phillip und Richard waren geradezu Intimfeinde. Hinzu kam, daß John Phillip als Herrn anerkannt hatte.

Die beiden boten dem deutschen Kaiser je 1000 Mark für jeden weiteren Monat, den Löwenherz in Gefangenschaft verbrachte.

Der Staufer freilich brauchte schnelle Erfolge. Also stellte er den Inhaftierten vor die Wahl, entweder ihn als Lehnsherrn über England anzuerkennen, bei einem Jahreszins von £ 5.000 Sterling, oder aber an Frankreich ausgeliefert zu werden. Richard wollte nicht nach Frankreich, und Heinrich ließ es sich nicht nehmen, seinen frisch gebackenen Lehnsmann noch schnell mal für die eigenen Zwecke einzuspannen: Richard wurde genötigt, zwischen dem Kaiser und dem eigenen Schwager, Heinrich dem Löwen, zu vermitteln. Man traf sich in Tilleda am Kyffhäuser, und der von dem Welfen geleitete Adelsaufstand fand zu seinem Ende. Löwenherz kehrte im Frühjahr 1194 nach England zurück, und Heinrich war auf einen Schlag die meisten seiner Probleme los: Er hatte Frieden im Norden, Machtgewinn im Westen und Geld für einen Feldzug nach Süden!

Freilich blieb die Entführung nicht ohne Echo. Auch Löwenherz hatte seine Jugend im Kreis von Troubadouren verbracht, und aus seiner Gefangenschaft ist sogar ein kleines Gedicht aus seiner Feder überliefert. Zu Ende des 12. Jahrhunderts stand der Minnesang in voller Blüte, da verstand es sich nahezu von selbst, daß er zum Märchenkönig britisch- angevinisch gesinnter Künstler avancierte. Die Sage von Robin Hood ist da nur das prominenteste Beispiel! Weiland recht populär war auch die Mär von dem umherziehenden Spielmann Blondel, der allerorten eine Weise für seinen vermißten König anzustimmen pflegte. Eines Tages soll es der Gesuchte in seinem Turmverlies vernommen, und gleichfalls mit Gesang geantwortet haben. Anschließend kommt Richard auf die geistreiche Idee, er könne doch im Alleingang mal schnell die Burgbesatzung niedermachen, und zu guter Letzt reitet er mit dem Musikus in den Sonnenuntergang (in Richtung Heimat) .

Die Deutschen und ihr Herrscher freilich kamen ungleich schlechter weg. „Rohes Volk“ wurden sie von vielen Spielleuten genannt, von „kleinen Tugenden“ und „stumpfer Rechtlichkeit“. Umgekehrt aber verband sich mit dem Triumph des Staufers auch mehr und mehr ein aufkommender Patriotismus, der sich wiederum bei den deutschen Troubadouren bemerkbar machte.

Was Seine Majestät selbst anbelangte, so hatte er zu viele Taten überstanden, um sich vor Worten zu fürchten. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Er rüstete ein Heer und zog nach Sizilien. Bis Jahresende hatte er es erobert.

Obwohl schon Karl der Große mit dem Gedanken gespielt hatte, sein Imperium auch zu einer Seemacht zu machen, hatte das Heilige Römische Reich nie über eine eigene Flotte verfügt. Wohl aber einzelne Handelsstädte, die eben Teil dieses Reiches, und damit Untertanen waren. Und so, wie man von seinen Lehensfürsten Ritter fordern konnte, meinte Heinrich auch, von ihnen Schiffe beanspruchen zu dürfen. Genua und Pisa entsprachen seinem Wunsch, und ohne ihre Unterstützung wäre ihm die Rückgewinnung Siziliens wohl nicht gelungen. Doch kaum war der Feldzug abgeschlossen, forderten sie Häfen und Privilegien, die ihnen versprochen worden wären – An sich eine Unverschämtheit, wenn man nur ein einfacher Untergebener ist! Dementsprechend lehnte Heinrich ihre Forderungen ab, und fügte spöttisch hinzu, sie hätten dafür die Unterstützung des Reiches, sollten sie zum Ersatz Gebiete an der spanischen Küste erobern wollen.

Freunde erwarb er sich damit keine. Aber daß es riskant war, sich auf den Gehorsam der italienischen Provinzen zu verlassen, hatten schon Heinrichs Vorgänger erfahren müssen: Bekanntlich tanzen die Mäuse gern, sobald die Katze aus dem Haus ist. Gleiches galt für die Treue von Fürsten, deren Güter erblich geworden waren, und denen der König so nur wenig wegnehmen konnte.

Heinrich hatte seine Lektionen gelernt, und so vertraute er auf seine deutschen Ministerialen – zum Kriegsdienst herangezogene Dienstmannen, deren Besitzungen nur verliehen, also eben nicht erblich waren. Daß er dies auch in Italien tat, sorgte für weiteres böses Blut in der einheimischen Bevölkerung.

Eher nebenbei fiel ihm bei der Eroberung die Verlobte seines Widersachers in die Hände: eine byzantinische Prinzessin! Er kannte das Pech zu gut, um diesen Glücksfall nicht auszunutzen, und verheiratete sie mit seinem Bruder Phillip. Damit konnten die Staufer Anspruch auf die Thronfolge im oströmischen Imperium erheben – Es boten sich unerwartete Ausblicke, von denen man zu Regierungsantritt noch nicht einmal hätte träumen dürfen!

Alles stand und fiel allerdings mit der Zukunft seines Geschlechts. Gewiß, in vielen Ländern – so England und Frankreich – wanderte die Krone vom Vater zum Sohn (oder nächstem Verwandten), und auch in Sizilien war es nicht anders. In Deutschland selbst jedoch mußte der neue König erst einmal gewählt werden. Dynastische Vorhaben waren unter solchen Bedingungen nicht zu verwirklichen. Also arbeitete Heinrich einen Plan aus, Adel und Klerus für eine Erbmonarchie zu errichten

Erstere freilich waren auf dem Reichstag zu Würzburg wenig gewillt, seinen Wünschen zu entsprechen. Bislang war es immer so gewesen, daß jeder künftige Monarch seine potentiellen Wähler mit zusätzlichen Rechten und Privilegien bestach. Was Heinrich ihnen anbot (z. B. die Erblichkeit auch in weiblicher Linie), würde man ihnen beim nächsten oder übernächsten Thronwechsel ohnehin zusprechen; sollte die Krone jedoch erblich werden, würden Geschenke und Machtposition wegfallen. Dementsprechend sah sich der Staufer genötigt, überzeugendere Argumente aufzufahren. Und welches ist stichhaltiger, als der Anblick mehrerer Reichsministerialen, die einen auf die Schwerter gestützt angrinsen? Von Heinrichs Gefolgsleuten umzingelt, hatten die Fürsten auf einmal wenig Probleme damit, dem Kaiser die Erblichkeit des Amtes zuzugestehen, die ihnen selbst längst schon gewährt worden war.

Blieb noch der Papst, und die Gelegenheit war eigentlich gar nicht so ungünstig, war der Kirchenstaat doch so schwach wie selten im Hochmittelalter. Gerade mal auf Latium beschränkt, hatte es sich Heinrich schon ungestraft erlauben können, dort die Reichsrechte auszuüben. Doch was er der Geistlichkeit an Rechten anbot, war von denen ohnehin nie akzeptiert worden, oder aber bedrohte ihre weltliche Macht, und so stieß er hier ebenfalls auf Ablehnung. Also zog er in Richtung Rom, und je näher sein bewaffneter Zug der Stadt kam, um so aufgeschlossener zeigte man sich seinem Ansinnen gegenüber.

Dafür aber fingen nun nördlich der Alpen die Mäuse zu tanzen an, und die Fürsten zogen ihr in Würzburg gegebenes Einverständnis zurück. Ohne diesen Rückhalt aber hatte er nichts, worauf er sich dem Heiligen Stuhl gegenüber hätte berufen können. Er erreichte gerade mal, daß sein noch nicht zweijähriger Sohn zum König ausgerufen wurde.

Aber Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben, und so beschloß er, sich erst einmal um seine Ausgangsbasis zu kümmern: Einen Kaiser mochte man als Adeliger oder Papst noch als Werkzeug betrachten, einen Helden und Oberhaupt der Christenheit jedoch weniger. Vielleicht hatte ihn die internationale Schelte nach der Gefangennahme Richard Löwenherz‘ inspiriert, vielleicht auch das übermächtige Vorbild seines Vaters, dem es zu entsprechen galt, auf jeden Fall ließ er zum Kreuzzug rüsten.

Doch mitten in den Vorbereitungen erfuhr er von einem (mit Billigung des Papstes) geplanten Attentat. In aller Eile sammelte er seine Ministerialen und ein paar frisch eingetroffene Kreuzfahrer ein, und stürmte die Burg der Verschwörer. Seine eigene Frau war unter ihnen. Konstanze, Erbin des sizilianischen Normannenreichs, die früher schon (als Geisel) Zeit an der Seite einheimischer Rebellen verbracht hatte. Konstanze, die ihren Sohn Friedrich Roger in aller Öffentlichkeit hatte zur Welt bringen müssen, weil man sie verdächtigte, seiner Majestät einen Bastard unterschieben zu wollen. Geliebt hat sie ihren Gemahl gewiß nicht, und das dürfte auf Gegenseitigkeit beruht haben.

Er bestrafte sie nicht für ihre Beteiligung, aber er zwang sie, der Hinrichtung ihrer Komplizen beizuwohnen. Und wo er bislang eher maßvoll mit seinen Gegnern umgegangen war, wütete er nun zügellos. Es wurde geschleift, gesägt, gepfählt, lebendig begraben, geteert angezündet und kopfüber aufgehängt, und dem gewählten Gegenkönig ließ er mit glühenden Nägeln eine Eisenkrone an den Schädel hämmern. Barbarische Grausamkeiten waren sowohl in der Vergangenheit, als auch in anderen Teilen Europas (insbesondere im Osten) nichts Ungewöhnliches, doch Heinrichs Ruf war inzwischen dermaßen schlecht, daß es leicht war, ihn zu einem Oberbösewicht hochzustilisieren. Insbesondere, wo er sich anschickte, zum Haupt der Christenheit aufzusteigen. Zwei, vielleicht drei Jahre nur hatten seinem Vater gefehlt, um als Anführer eines Kreuzzugs einen solch „gottgesandten“ Status zu erlangen. Den Sohn jedoch erkannten bereits die Almohaden in Spanien und Nordafrika als Oberherrn an. Schon baten Armenien und Zypern darum, ins Reich aufgenommen zu werden, schon zahlte Byzanz Tribute… Alles schien nurmehr eine Frage der Zeit zu sein!

Barbarossa war mit 68 Jahren bereits ein alter Mann gewesen, als er den Tod gefunden hatte; Heinrich war noch nicht einmal 33, so daß mit einem plötzlichen Ableben eigentlich nicht zu rechnen war. Es kam trotzdem, und das unter nie so recht geklärten Umständen. Wenige Monate nur nach seinem Blutgericht zu Palermo erlag er etwas, daß mal als pestilencia, mal als Malaria oder Ruhr, mal aber auch als „Erkältung“ bezeichnet wird. Zeugenaussagen allerdings berichten von einem schleichend wirkendem Gift, das der Malaria ähnliche Symptome hervorruft. Die Kaiserin selbst soll es ihm verabreicht haben, aus Rache für sich und ihr Volk.

Es gab einige Gegenden in Europa, wo man sein Dahinscheiden mit Erleichterung aufnahm; in Deutschland jedoch war man geschockt. Stellvertretend für viele sei hier der Chronist Otto von St. Blasien zitiert, der lamentiert: „Seinen Hingang mögen die Deutschen in Ewigkeit beklagen, denn er hat sie erhoben durch die Schätze der anderen Länder, hat ihren Namen mit dem Schwert in das Gedächtnis der Völker eingegraben, hat bewiesen, wie überlegen sie allen anderen sind.“

Uns, die wir um die unselige Führerrolle eines anderen Künstlers in der deutschen Geschichte wissen, kommen diese Worte mit Recht gruselig vor.

Aber so unbestreitbar es ist, daß in seinem Namen Verbrechen und Greueltaten begangen worden sind, so sehr müssen wir ihn auch im Kontext seiner Zeit sehen. Beispielsweise zeigt sein Briefwechsel mit dem Papst, daß sich beide Seiten Grausamkeiten vorzuwerfen hatten. Letzten Endes findet sich kaum ein Monarch des Mittelalters, der nie durch Blut gewatet ist. Es spricht für den Geist oder Ungeist der Zeit, daß ihm die Gefangennahme eines Kreuzfahrers und die Bevorzugung deutscher Unfreier über italienische Fürsten weit mehr vorgeworfen worden sind, als die bestialischen Hinrichtungen in Palermo.

Auch Großmachtsphantasien und „Cäsarenwahn“ sind ihm nachgesagt worden, doch bei Licht betrachtet handelt es sich dabei nur um den Anspruch des universalen Kaisertums, den alle Herrscher des Heiligen Römischen Reiches vertreten haben. Mag sein, daß er als ehemaliger Minnesänger für das theoretisch Mögliche geschwärmt haben mochte, doch letztendlich hatte auch er sich an dem orientiert, was praktisch umsetzbar war. Was bleibt, ist ein Monarch, der polarisiert hat. Mögen wir es ihm mit ein wenig Sinn für Romantik wünschen, daß er nach seinem Ende doch noch zu seiner „Suizen“ gefunden haben mag.

Alles stürzte in sich zusammen mit seinem Tod. In ganz Italien brachen Aufstände los, und zu viele deutsche Ritter befanden sich auf dem Kreuzzug, als daß sie ihn hätten niederschlagen können. Der Papst hatte keinerlei Probleme damit, das Gebiet des Kirchenstaats mittels „Rekuperationen“ mal schnell zu verdreifachen, daß es keine Landgrenze mehr gab zwischen dem Reichs- und dem sizilianischen Italien. Die Kaiserwitwe Konstanze verzichtete auf sämtliche königlichen Ansprüche ihres Sohnes im Imperium, und gab ihn in päpstliche Vormundschaft – Der normannischen Patriotin schien alles lieber zu sein, als eine erneute Oberhoheit Deutschlands.

Auch nördlich der Alpen wurde es turbulent. Otto IV., Sohn Heinrichs, des Löwen, ließ sich zum König ausrufen, und für die Kaiserkrone gewährte er der Kurie die Rechte, für die Heinrich VI. noch die Erbfolge hatte haben wollen. Zudem gab er auch noch das Wormser Konkordat auf. Die gegnerische Partei dagegen hob Phillip, Bruder Heinrichs VI., auf den Thron – Er gewann tatsächlich die Oberhand, doch wie es das Schicksal der Staufer zu sein schien, starb er kurz vor Erreichen seines Ziels, und zwar durch Mörderhand, aufgrund einer eher lächerlichen Fehde.

Otto IV. widerrief alle Zugeständnisse an die Kirche , und nahm im Interesse des Reiches die Politik seiner Vorgänger auf. In der Tat gelang es auch ihm, ein Gefühl allgemeinen Nationalstolzes auszulösen, und an der Spitze seines Heeres gelangte er bis an die Stiefelspitze Italiens. Doch just, als er nach Sizilien übersetzen wollte, zwangen ihn andere Ereignisse dazu, den Feldzug abzubrechen. Zu diesem Zeitpunkt nämlich betrat ein neuer Friedrich die Geschichte.

Was aber ist geblieben von Heinrich VI.? Und was hat er überhaupt zu schaffen mit einer Sage, die sich doch um seinen Vater rankt? Schließlich ist es nicht sein Bart, der im Inneren eines thüringischen Berges durch einen Tisch wachsen soll! Nun, auf den ersten Blick ist da nicht viel. Doch dann wiederum sind mit seiner Person Dinge verknüpft, die man weder bei Friedrich I., noch bei Friedrich II. findet, und die doch zu wesentlichen Charakteristika der Legende werden sollen.

Da ist zuoberst der Ungeist des Chauvinismus. Heinrich selbst hatte sich zwar zu sehr der Idee des universalen Kaisertums verschrieben, um als Nationalist gelten zu können, doch seine Bevorzugung der Deutschen (insbesondere in Italien) sorgte für ein entsprechend patriotisches Volksbewußtsein. Sein Imperium war das größte, das je ein deutscher Monarch regiert hatte, und selbst als einfacher Dienstmann konnte man in höchste Positionen aufsteigen – Klar, daß er derjenige unter den Reichsherrschern war, der am meisten für „vaterländische“ Größe stand!

Als ob dies noch nicht reichen würde, lebte er auch noch zur Zeit der Hochblüte des Minnesanges, ja, hatte diese Kunst in jungen Jahren sogar selbst ausgeübt. Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Walther von der Vogelweide, Heinrich von Morungen, Reinmar von Hagenau, Ulrich von Zazikhofen, Wirnt von Grafenberg – Sie alle waren seine Zeitgenossen gewesen. Die Deutschtümelei, die von ihm und seiner Politik ausging, ließ auch die fahrenden Sänger nicht kalt, und man beschäftigte sich mehr mit einheimischeren Themen, als es zuvor der Fall gewesen war. Es hat bis auf den heutigen Tag Spuren hinterlassen, denn viele „klassische“, „deutsche“ Heldensagen gerieten derart in Mode, daß die ältesten heute noch erhaltenen Schriften und Bearbeitungen aus eben jener Zeit um (oder kurz nach) 1200 stammen – Darunter solch bekannte Werke wie das Nibelungenlied und die Gudrunsage.

Doch Heinrich stand nicht nur für die Verbindung von Dichtung und Nationalstolz, er hatte durch seine Versöhnung mit Heinrich, dem Löwen, in Tilleda, auch einen historisch relevanten Bezug zum Kyffhäuser.

Und schließlich folgte seinem Verscheiden eine Periode des Chaos und Bürgerkriegs, in der Vieles an Wohlstand, Macht und Errungenschaften wieder verlustig ging. Es wäre nur zu verständlich, wenn jetzt eine Sehnsucht nach besseren Tagen aufgekommen wäre, und Troubadoure die Mär von einem Kaiser verbreitet hätten, der eines Tages wiederkehren und alle verlorene Größe zurückbringen würde.

Doch die Kammer im Innern des Berges stand immer noch leer.

4. Friedrich II., das „Staunen der Welt“
Friedrich war am zweiten Weihnachtsfeiertag (im Jahre 1194) zur Welt gekommen – Das Mittelalter war zu sehr von Glauben und Aberglauben geprägt, als daß es die Menschen nicht als Omen gedeutet hätten, sei es im Guten, sei es im Bösen.

Zu der Zeit wurden die Lehren des Abtes Joachim von Fiore, und etwas später die der (nach ihm benannten) Joachimiten recht populär. Sie glaubten, aus der Bibel zu lesen, daß die Endzeit unmittelbar bevorstünde, in der ein Kaiser die Christenheit bis zum jüngsten Gericht zum Sieg führen würde. Die Welt würde in einer Art Paradies leben, dem „dritten Zeitalter“, dessen Anbruch für die Jahre zwischen 1200 und 1260 angesetzt war.

Freilich hat Joachim, der bereits 1202 starb, in dem jungen Staufer nie den prophezeiten Anführer der Gläubigen gesehen, ja, er hat den unmündigen Knaben sogar für den Antichristen gehalten, welcher die ganze Welt in Aufruhr versetzen würde. Es mag sein, daß hier noch der Deutschenhaß nach dem Tode Heinrichs VI. mit hineingespielt hat.

Aber es gab auch andere Stimmen, so die des Dichters Petrus di Eboli, der den sizilianischen Prinzen als kommender „Heiland“ und Kaiser bezeichnete, der künftig den Westen und den Osten unter seiner Herrschaft vereinen würde. Dieser Traum muß Friedrich seine ganze Kindheit hindurch begleitet haben. Eine Kindheit, die alles andere als rosig gewesen sein soll, wenn man der Legende Glauben schenken mag. Ihr zufolge soll „Federico“ auf den Straßen Palermos gelebt haben, und verlacht worden sein, wenn er sich mal König nannte. Bei Tage soll er sich überall herumgetrieben haben, in Kirchen, Moscheen und Synagogen, und erst abends ins Schloß Castellamare zurückgekehrt sein, wo Lehrer auf ihn warteten, aber keine Köche. So soll er sich mal ein paar Wochen bei der einen, mal ein paar Tage bei der anderen Familie gehaust haben.

Tatsache ist, daß seine Mutter, die stolze Normannin Konstanze, starb, als er gerade mal drei Jahre alt war. Sie hatte den Papst zum Paten bestimmt, und der nutzte die Gelegenheit auch prompt aus, den Kirchenstaat zu vergrößern. Der Vater jedoch hatte seinen Reichstruchseß, den ehemaligen Dienstmann Markward von Annweiler, zum Vormund ernannt – Allerdings war der mit den anderen Deutschen verjagt worden. 1201 jedoch kehrte er im Auftrag Phillips von Schwabens zurück, eroberte Palermo, und übernahm selbst die Erziehungsgewalt über dessen Neffen. Bei ihrer ersten Begegnung soll Friedrich dem Eindringling in den Arm gebissen haben. Trotzdem blieb auch der päpstliche Einfluß, der sich auch darin äußert, daß der junge König, kaum daß er Vierzehn war, mit einer Frau verheiratet wurde, die man in Rom für ihn ausgesucht hatte. Man hatte ihm eine elf Jahre ältere Spanierin (Konstanze von Aragon) ausgesucht, um zu verhindern, daß er sich eine deutsche Fürstentochter erwählte, und Ansprüche auf die Krone seiner Väter erhob.

Das änderte sich freilich mit den Erfolgen Ottos IV., der einst selbst Kandidat der Kurie, nun ganz wie seine staufischen Vorgänger operierte, und in Italien einmarschierte. Da erinnerte man sich auf einmal wieder an den jungen Sizilianer, der einem bislang kaum Ärger bereitet hatte, und an die Rechte, die er eigentlich besaß.

Der Welfenkaiser hatte bereits die Festlandsgebiete Siziliens überrannt und stand kurz davor, auf der Insel selbst einzufallen, da wurde er gebannt. Das aber bedeutete, daß jeder auf ihn geschworene Lehnseid gebrochen werden durfte, und schon wandten sich mehr und mehr Fürsten von ihm ab. In aller Eile stoppte er den Feldzug, und sah zu, in der Heimat zu retten, was noch zu retten war.

Da aber hatte die Opposition schon einen Abgesandten nach Sizilien geschickt, Friedrich die Königswürde anzutragen. Prompt startete ein Wettlauf um die Krone, mit Start in Süditalien, und Ziel in Deutschland. Nahezu mittellos segelte der Staufer auf einem gemieteten Schiff nach Rom, wo ihm der seinem Geschlecht einst so feindliche Papst Geld und Segen zukommen ließ. Doch ohne Truppen war er gezwungen, unerkannt durchs Land zu schleichen – Bei Mailand konnte er sich gerade noch dadurch retten, daß er mit einem ungesattelten Pferd den Fluß durchschwamm. Zu guter Letzt kam er ganze drei Stunden vor seinem Gegner in Konstanz an, der ersten strategisch wichtigen Stadt nördlich der Alpen. Otto, für den im Rathaus bereits die Tafel gedeckt worden war, stand vor verschlossenen Toren.

Doch auch, wenn es Friedrich auf dieser Basis gelang, nahezu ganz Deutschland mit Ausnahme der Welfenlande hinter sich zu bringen, entschieden wurde sein Schicksal ganz ohne sein Zutun. Schließlich war er immer noch knapp an Mitteln, und es war Philipp II. August, König von Frankreich, und sowohl dem Papst, als auch den Staufern traditionell verbunden, dessen Geld ihn an der Macht hielt. Der aber hatte hierfür durchaus eigennützige Gründe; es stand nämlich sein eigenes Reich auf dem Spiel. Otto konnte er im Osten nicht gebrauchen, lag er doch gerade im Westen im Streit mit dessen Onkel, King John (dem einstigen Prince John aus der Robin- Hood- Legende). Hinzu kam, daß sich der occitanische Süden Frankreichs unter dem Grafen von Toulouse selbständig gemacht hatte, und die Grafen von Flandern und Boulogne im Norden genau das selbe versuchten. Ein Sieg der Gegner hätte jegliche Lehnsbindung aufgehoben, und Frankreich auf ein paar ohnmächtige Provinzen rund um Paris, die Champagne und das Herzogtum Burgund reduziert. Die Geschichte Europas, wie wir sie kennen, hätte dann wahrscheinlich niemals stattgefunden.

Es war ein Zufall, der das Land rettete. Denn eigentlich sollte der Angriff der Briten von ihrem Kontinentalbesitz aus Philipp von Paris weglocken, auf daß es die Kontingente Ottos IV. in einem Überraschungscoup einnehmen könnten. Doch so schnell kriegte der Welfe Deutsche, Flamen und Boulogner nicht zusammen, und Philipp bekam gerade noch rechtzeitig Wind von dem, was in seinem Rücken geschah. Hastig stellte er ein zweites Heer auf, und eilte den Gegnern entgegen, welche die Grenzen des Reiches bereits überschritten hatten. Bei dem Dörfchen Bouvines gelang es dem Feind fast, ihn bei der Überquerung eines Flusses zu überrumpeln. Er wurde in der Schlacht vom Roß gezogen, und in letzter Minute von der Leibgarde gerettet, da wendete sich das Blatt, und auf einmal war es Otto, der vom (getöteten) Pferd fiel. Es gelang ihm noch, die Flucht zu ergreifen, während seine verbündeten Anführer in Gefangenschaft gerieten, doch den deutschen Reichsadler mußte er dabei zurücklassen. Als Kaiser hatte er somit endgültig verspielt: Die Zukunft gehörte seinem Konkurrenten Friedrich.

Den Staufer aber, der mit und aus dem Nichts gekommen war, und doch innerhalb weniger Jahre alles erreicht hatte, umgab nun der Nimbus, von Gott gesegnet zu sein. Er wußte, dies zu nutzen, und erklärte noch am Tag seiner endgültigen Krönung, einen Kreuzzug unternehmen zu wollen. Zu einem solchen aufzurufen, war eigentlich Sache des Papstes – Hier schon ließ er erkennen, daß er nicht ihn, sondern den Kaiser als Oberhaupt der Christenheit begriff. Und die Kurie würde gewiß nicht Einspruch einlegen, würde sie damit doch eine solch heilige Sache gefährden! Trotzdem verstand er, sie zu besänftigen, indem er zwei Jahre zuvor schon die Zugeständnisse Ottos IV. bekräftigt hatte – Freilich hatte auch er sich Hintertürchen offen gelassen, die er benutzen sollte, kaum daß sein Thron nicht mehr wackelte. So versprach er, als Herrscher des Reiches nicht auch noch Sizilien zu besitzen, auf daß beide Länder getrennt blieben. Also trat er Süditalien an seinen Sohn Heinrich ab, und in Rom war man zufrieden… solange, bis er seinen Stammhalter auch zum König von Deutschland krönen ließ, so daß er die gefürchtete Union lediglich um eine Generation verschoben hatte.

Doch die Weltgeschichte mußte erst mal warten angesichts der inneren Verhältnisse. Das Reich war nach dem Bürgerkrieg und den Zugeständnissen der jeweiligen Prätendenten an die Fürsten schon sehr zerfasert. Er aber kehrte in seine Heimat Sizilien zurück, wo die Verhältnisse ähnlich ungeordnet waren, und die meisten Güter und Privilegien der Krone in fremde Hände gewandert waren. Er hatte nicht die Truppen seines Vaters, und so brauchte er lange Jahre zäher Diplomatie und geschickten Ausspielens gegnerischer Parteien, um letztlich die Macht des Königs wieder herzustellen. Außerdem galt es noch, die letzten Sarazenen auf der Insel zu unterwerfen – Es hätte ihn gewiß als Held der Christenheit erscheinen lassen, hätte er sie allesamt in einem Blutbad vernichtet (so wie Richard Löwenherz in Akkon). Doch er ließ ihnen ihre Emire, ihre Moscheen und ihren Glauben, und stellte gar seine Leibgarde aus ihren Reihen zusammen – Darum sagte man ihm nach, mit dem Teufel im Bunde zu sein.

Deutschland war bei alledem weit weg… und Rom auch. Dort wartete man nämlich auf den versprochenen Kreuzzug. Mal versuchte man ihn zu locken, in dem man ihn von dem einen oder anderen Zugeständnis entband. Und nach dem Tod seiner Frau vermittelte man ihm die dreizehnjährige Isabella als Braut. Eine Liebesnacht war es freilich nicht: Ihren Gemahl bekam sie in der Hochzeitsnacht nicht zu Gesicht, beglückte er doch stattdessen ihre Brautjungfer und Kusine Anais. Aber sie brachte das Anrecht auf die Königskrone Jerusalems mit in die Ehe, und so nannte er sich bereits zwei Jahre, bevor der Kreuzzug überhaupt zustande kam, „König von Jerusalem“. Die geplante Heerfahrt fand dermaßen viel Zulauf, daß Seuchen ausbrachen, und er gezwungen war, erst einmal seine Krankheit auszukurieren. Der Papst jedoch sah darin nur eine weitere Verzögerung, und belegte ihn mit dem Bann, ja, verbot ihm sogar das Unternehmen.

Friedrich brach 1228 trotzdem auf, und das nun nicht im Auftrag des Heiligen Stuhls, sondern im eigenen Namen. Ja, Rom arbeitete sogar gegen ihn, wo es nur konnte. Überfiel Territorien des Reiches, wiegelte die Lombarden auf, und verbot den Geistlichen und Ordensrittern im Heiligen Land jedwede Kooperation. Und doch gelang Friedrich 1229, woran all seine Vorgänger seit 1187 gescheitert waren: Er gelangte in den Besitz von Jerusalem, Bethlehem, Nazareth und der Küste Palästinas. Aber das nicht durch Kampf und Schlachtenglück, sondern auf dem Verhandlungswege – Etwas, das den Ruf nährte, er sei ein „Heidenfreund“. Bestialisches Abschlachten stand nun mal mehr in der christlichen Tradition, als gleichberechtigte Gespräche mit „Ungläubigen“.

Da auch dem Patriarchen von Jerusalem die Unterstützung verboten war, krönte sich der Staufer selbst, ganz wie später Napoleon. Ein Mann, der die Unterstützung der Kirche nicht brauchte, um die Christenheit zum Sieg zu führen! Es wirkte wie ein Gottesurteil, das zu Gunsten des Kaisers, und zu Ungunsten des Heiligen Vaters ausgefallen war.

Doch solange er unter dem päpstlichen Bann stand, konnte er nicht uneingeschränkt als Anführer der Gläubigen gelten, und es kostete ihm Einiges, um das Urteil ungeschehen zu machen. Dennoch nannte man ihn bald Stupor mundi, das „Staunen der Welt“, vielleicht in Anspielung auf Otto III., den man den Titel Mirabilia mundi, das „Wunder der Welt“, verliehen hatte. Es kam ihm nicht ungelegen, und so bezeichnete er sich selbst bald als römischer Cäsar, wandte für den Heiland gebräuchliche Bibelworte auf sich an, und ermutigte auch seine Zeitgenossen zu messianischen Schmeicheleien.

Wo der Anspruch erhoben wird, muß natürlich auch der äußere Anschein stimmen, und er trug das Leben eines Märchenkönigs zur Schau. Dabei gönnte er sich selbst nur wenig, nahm mit einer Mahlzeit pro Tag Vorlieb, und legte auch schon mal Gewaltritte von 24 Stunden Dauer zurück. Doch er umgab sich mit Pracht und Prunk, mit Kunst und Kultur, daß niemand seine Macht und Herrscherwürde anzweifeln mochte. Daß er sich einen Harem gehalten haben soll, ist freilich ein böses Gerücht aus der Zeit seines Kreuzzuges.

Die Blütezeit des Minnesangs dauerte unterdessen fort, und es entstand ein wahrer Sagenkreis um Dietrich von Bern, weiland der „deutsche Held“ schlechthin, dessen historisches Vorbild der Ostgotenkönig Theoderich darstellt. Friedrich förderte die Dichter nicht nur, er schrieb sogar eigenhändig Verse, die pikanterweise eben jener Anais galten, mit der er in der Hochzeitsnacht seine Frau betrogen hatte. Sein Palast wurde als „Musenhof“ bezeichnet, an dem Poeten und Spielleute, Gelehrte und Tierbändiger ein und aus gingen. Ja, Friedrich verfaßte höchstpersönlich ein Buch über die Falkenjagd, das mit über 900 Abbildungen noch bis in die Gegenwart hinein als Standardwerk gilt. Als ihm der mongolische Großkhan säbelrasselnd wissen ließ, er dürfe nach der Eroberung Europas an dessen Hof dienen, ließ er ihm (nicht ganz ernst gemeint) ausrichten: „Mit dem Amt des Falkners wäre ich einverstanden.“

Sein Kenntnisdrang beschränkte sich nicht nur auf die Theorie; ihm wurden Experimente nachgesagt, die auch in einer menschenverachtenden Zeit wie dem Mittelalter als grausam galten. So hatte er einen Mann in einem Faß ertränken lassen sollen, nur um zu beweisen, daß keine Seele durchs Spundloch entwich. Der (freilich als Klatschbase verschriene) Franziskanermönch Salimbene von Parma unterstellte ihm, er habe Säuglinge isoliert aufziehen lassen, um die Entstehung einer menschlichen Ursprache zu erforschen. Sie seien allesamt an Einsamkeit gestorben. Und einen zum Tode Verurteilten sollte er nach einem reichlichen Mahl schlafen, den anderen aber laufen lassen haben, um sie anschließend aufschlitzen und die Unterschiede in der Verdauung untersuchen zu lassen.

Wichtig ist hierbei weniger, ob es sich bei diesen Unterstellungen um Wahrheit, Halbwahrheit oder üble Nachrede handelt, sondern, daß man dem Staufer derlei Untaten zutraute. Das man es für glaubhaft hielt, sollte er den eigenen Wissensdurst über die Menschlichkeit stellen. Sie zeichnen das Bild eines Monarchen, der in mancher Hinsicht weniger dem eines mittelalterlichen Potentaten entspricht, als dem eines Fürsten der Renaissance, ja, der Aufklärung. Mit dem Geist eines Naturwissenschaftlers ging er nicht nur dem Unterschied zwischen Süß- und Salzwasser, der Lichtbrechung im Wasser oder der Herkunft vulkanischer Lava nach, er stellte auch christliche Dogmen in Frage (beispielsweise die unbefleckte Empfängnis und die Unsterblichkeit der Seele), und zeigte Unstimmigkeiten auf, etwa wenn es um die Anzahl der Himmel ging, oder um die Lokalisierung der Hölle. Dies führte zu manch modern anmutender Entscheidung. So führte er die „Gottesurteile“ ab, wonach der Gewinner eines Zweikampfes Recht bekam, oder derjenige, der bei der Folter keinen Schaden nahm. Juden und Moslems gewährte er Religionsfreiheit (Ohnehin bildeten Angehörige beider Religionen in Sizilien wichtige Stützen seiner Macht). Ja, sogar die ersten Umweltschutzgesetze des Abendlandes sind ihm zu verdanken in denen um der „durch Gott geschenkte(n) Gesundheit der Luft“ wegen die Tiefe von Gräbern, die Lagerung von Aas und Müll, das Fischen mit Gift und die Anlage von Färbereien geregelt werden.

Heute mag uns diese Art zu denken vertraut erscheinen, doch im 13. Jahrhundert, wo Gottesfurcht alles, und Skepsis suspekt war, galten Freigeister als Ketzer und vom Teufel Verführte. Ein Monarch unter ihnen mußte demnach wie ein Höllenfürst erscheinen, und es sollte nicht lange dauern, bis er von seinen Gegnern als solcher bezeichnet wurde. Ihn, den Märchenkönig, aufgeschlossen gegenüber Kunst und Wissenschaft, tolerant in der Religion, gewinnend und diplomatisch im Wesen – So war er zumindest jenen erschienen, mit denen er zu tun gehabt hatte. Weit im Süden Italiens…

Nun kannte das Reich keine Hauptstädte im eigentlichen Sinn, doch ist es nicht falsch zu behaupten, Deutschland wäre in jenen Jahrzehnten von Palermo oder dem Castel del Monte aus regiert worden. Tatsächlich gab es nur wenige deutsche Kaiser, die sich so wenig um die Gebiete nördlich der Alpen scherten, wie Friedrich II. – Ganze drei Mal ist er überhaupt dort gewesen. Eine Zeit lang übernahm sein Sohn Heinrich (VII.) als König die Aufgaben, doch dessen Ende macht deutlich, wie wenig der Vater wirklich an den Verhältnissen in der Heimat seines Geschlechts interessiert war. In Sizilien hatte er einen fast schon modernen Beamtenstaat erschaffen, der freilich auf der Macht des Dienstadels fußte. Auch hatte er die Macht der Bischöfe und Barone soweit beschnitten, daß sie ihm mehr nützlich, als gefährlich waren. Was jedoch mächtige Städte anbelangte, dürfte er vor allem die (schon zu Großvaters Zeiten) chronisch aufsässigen Lombarden im Auge gehabt haben. Als sein Sohn ihn als Schiedsrichter für den Streit zwischen den Fürsten und dem aufkommenden Bürgertum in Deutschland anrief, entschied er sich darum für Erstere. Für Italien wäre eine solche Entscheidung richtig gewesen. In Deutschland jedoch waren die Städte und Ministerialen die Stütze des Königtums, und darum stellte sich der Sohn gegen den Vater, pikanterweise auch noch im Bund mit eben den Lombarden. Friedrich kam persönlich nach Norden, ließ den Sohn gefangen setzen, und bekräftigte sein „Statutum in favorem principum“ – Das Land war damit verurteilt zu einer Zukunft mit Kleinstaaterei und machtlosem Königtum.

Aber dies war nicht das einzige Beispiel für sein Desinteresse an den Verhältnissen jenseits Italiens. Der Kaiser war nicht beteiligt, als der Dänenkönig Waldemar II. in Gefangenschaft des Grafen von Schwerin geriet, und bis zur Schlacht bei Bornhöved alle Eroberungen auf deutschem Territorium wieder verlor. Der Kaiser war nicht beteiligt, als sich der Deutsche Orden in seines und des Reiches Namen anschickte, das Baltikum bis hoch nach Estland zu erobern. Der Kaiser war nicht beteiligt, als es galt, bei Liegnitz die Ostgrenze, ja, die Christenheit gegen die einfallenden Mongolen Batu Khans zu verteidigen.

Ein Herrscher also, der nie da war, wenn man ihn brauchte – Man könnte meinen, entsprechend unbeliebt wäre er beim Volk gewesen. Aber das Gegenteil war der Fall, denn wenn er sich tatsächlich mal zeigte, erwies er sich als wahrer Meister der Selbstinszenierung. Er, der seine Herrschaft als Habenichts begonnen hatte, reiste in exotischem Prunk, mit Mohren, Mauren und Sarazenen, mit Kamelen, Elefanten und allerlei Raubgetier – Auf den einfachen Untertan, der in seinem Leben kaum die heimische Scholle verließ, muß er wie ein Wesen aus einer anderen Welt gewirkt haben. Der unerreichbare Cäsar, der Eroberer des Heiligen Landes, das überirdische Haupt der Christenheit, wollte allen Glauben machen, der mythologische Endzeitkaiser aus den Prophezeiungen zu sein. Derjenige, der die Gläubigen bei Ankunft des Jüngsten Gerichts zum Sieg führen würde.

Die Verehrung gewann groteske Züge. Sein Geburtsort Jesi wurde mit Bethlehem verglichen, man kniete vor ihm und küßte ihm die Füße. Mit Vorliebe ließ er seine Worte verkünden, während er selbst stumm auf seinem Thron saß.

Der Papst freilich konnte mit all dem schon allein aus machtpolitischen Gründen nicht einverstanden sein. Lange Zeit hielt man still, zumal der Kaiser auch Ketzer jagen ließ. Aber als er Sizilien nach der Absetzung des einen Sohns, Heinrich (VII.), an den anderen Sohn (Enzio) übergab, fühlte man sich in Rom übergangen, und bannte ihn erneut. Was folgte, war eine wüste, vierzehn Jahre währende Auseinandersetzung, in deren Verlauf beide Seiten apokalyptische Rhetorik auffuhren. Der Kaiser wurde als Vorgänger des Antichristen tituliert, und der Papst vice versa als Antichrist, gegen den Friedrich als Endzeitkaiser vorgehen müsse.

Friedrichs militärische Erfolge zwangen den Papst Gregor IX zur Flucht nach Lyon, wo er den Kaiser für abgesetzt erklärte. Sein Nachfolger Innozenz IV. verhängte über Deutschland das Interdikt, das heißt, daß alle seelsorgerischen Handlungen zu unterbleiben haben, und die Sakramente nicht mehr erteilt werden dürfen. Daraufhin traten 1248 in Schwaben Wanderprediger auf, welche die Priesterschaft und den Papst als Sünder, und deren Sakramente als wertlos anprangerten. Nur sie seien Hüter der Wahrheit, und man solle für Kaiser Friedrich und seinen Sohn beten. In Schwäbisch- Hall gar wurden die offiziellen Priester vertrieben. Die Volksphantasie begann, Friedrich zu einem Helden der Armen hochzustilisieren.

Im Manifest des dissidenten Dominikanerpaters Arnold steht geschrieben, man solle Christus im Namen der Armen bitten, den Antichristen in der Gestalt des Papstes und dessen Hierarchie zu richten. Arnold selbst würde die Autorität der römischen Kirche auf sich nehmen, und ihr Reichtum solle an die Armen verteilt werden. Kaiser Friedrich habe ihm seine Mitwirkung bei diesem Plan zugesagt.

Indes drohte der französische König Ludwig IX., Innozenz aus dem Land zu jagen, sollte er nicht mit Friedrich Frieden schließen. Und England ließ den Papst zappeln, als er um Asyl nachsuchte. Friedrich schien kurz vor seinem Ziel zu stehen, und schloß voller Siegeszuversicht: „So also lenkt und leitet unsere göttliche Herrlichkeit, gestählt von des Himmels Voraussicht, das ganze ihr unterworfene Imperium in friedlicher Ordnung…“

Allein, 1250 starb er – wie sein Großvater, sein Vater und sein Onkel – bevor er sein Werk vollenden konnte. Bei den anderen aber hatte es Nachfolger gegeben, auf die man seine Hoffnungen und Sehnsüchte hatte umlenken können, nicht jedoch bei Friedrich II.. Ihm, der er zudem als Figur von geradezu mythologischer Bedeutung – gleich ob als Endzeitkaiser oder Antichrist – als zu überirdisch erschienen war, um einfach so abzutreten! Es wäre ein Wunder gewesen, hätte man das im abergläubischen Mittelalter einfach so hingenommen…

5. „Vivit et non vivit“: Der untote Kaiser

Friedrich II. selbst hatte angeordnet, die Bestattung ohne großen Pomp abzuhalten. Dazu mochte auch gehört haben, seinen Tod möglichst lange geheim zu halten, um die Ordnung im Reich während der Übergangszeit nicht zu erschüttern. Noch Ende Januar 1251 handelte die kaiserliche Kanzlei in seinem Namen.

Salimbene von Parma, der den Kaiser persönlich gekannt haben wollte, erfuhr erst im Oktober 1251 von dessen Dahinscheiden, und den meisten seiner Mitbürger dürfte es ähnlich ergangen sein. „Viele glauben, er sei nicht tot,“ schrieb er, und auch er selbst konnte „es kaum glauben“.

Tatsächlich erzählte man sich schon bald, der Staufer wäre noch am Leben. Er wäre lediglich über das Meer gesegelt, entweder vom Papst verjagt, als Pilger oder aber auf Rat seiner Astrologen. Noch über Jahre hinweg wurden in Florenz Wetten abgeschlossen, ob er wirklich das Zeitliche gesegnet hätte.

Damit hatte die Legendenbildung ihren Anfang genommen, und bald schon wurde sie mit der Sage um den Priesterkönig Johannes vermischt. Der hätte Friedrich nämlich einen Zauberring geschenkt, der einen verschwinden lassen könne. Immer wieder würde der Staufer Bauern im Pilgergewand erscheinen, um ihnen zu verkünden, er würde zu gegebener Zeit wiederkehren, und von Neuem herrschen.

Über Deutschland brachen derweil die 23 Terrorjahre des Interregnums herein. Faustrecht und Fürstenwillkür machten sich breit, gab es doch keine ordnende Zentralgewalt mehr. Städte schlossen sich zusammen, um wenigstens ihre Kaufleute vor dem Raubritter- Unwesen zu schützen (Es entstand unter anderem die Hanse). Handel und Wirtschaft erlagen der Rechtsunsicherheit, und wo selbst Adelige am Hungertuch nagten, war es um Kunst und Kultur erst recht schlecht bestellt. Die Reichspolitik lag brach; niemand hinderte Ottokar II. von Böhmen daran, im Osten ein slawisches Großreich von Schlesien bis zur Adria zu errichten. Süditalien ging ganz verloren, und Norditalien und Burgund verblieben nurmehr nominell im Reichsverband – Keinem König oder Kaiser des Mittelalters sollte es mehr gelingen, dort unumschränkt zu herrschen.

Man kann verstehen, daß die Sehnsucht in Deutschland besonders groß gewesen ist, und so steht in den dortigen Chroniken zu lesen, „daß genug Leute und Herren in manchen Ländern wohl vierzig Jahre wähnten, er (Friedrich) wäre nicht tot, und sie warteten, daß er sollte wiederkehren mit solcher Gewalt und Herrschaft, wie er wohl dreiunddreißig Jahre gehabt hat.“

Südlich der Alpen sah man manches optimistischer, hatte der Kaiser doch Söhne gehabt, die hier den Kampf fortsetzten. Auf sie bezog sich auch eine Weissagung, die man der erythräischen Sibylle zuschrieb. In der ursprünglichen Fassung war von mehreren Hennen die Rede, die ihm, dem Adler, „Küken“ beschert hätten, die sein Geschlecht fortführen würden. Wörtlich hieß es: „Verborgenen Todes wird er die Augen schließen und fortleben; tönen wird es unter den Völkern: ‚Er lebt und lebt nicht‘, denn eines von den Küken und von den Küken der Küken wird überleben.“

Tatsächlich sind in einem Brief der Tiburtiner persönliche Eigenschaften des „Endzeitkaisers“ auf seinen Erben Konrad IV. übertragen worden. Und schon zu Lebzeiten Friedrichs hat der Abt Nikolaus von Bari in seinem Enkonium dem Reiche der Erben Dauer bis zum Jüngsten Gericht verhießen.

Allein, Konrad IV. erlag kurz nach der Einnahme Neapels der Malaria, und die anderen, teils unehelichen Nachfolger fielen in der Schlacht, oder gerieten in Gefangenschaft. Der letzte von ihnen, Konrads fünfzehnjähriger Sohn Konradin, zog 1268 mehr als romantischer Schwärmer, denn als ernst zu nehmender Thronanwärter nach Italien, und wurde von seinem Gegner Charles d‘Anjou gefangen genommen und nach einem Scheinprozeß hingerichtet. Die letzten Staufer starben in Haft.

Dementsprechend fehlt in einer späteren Version der erythräischen Prophezeiung der Hinweis auf die überlebenden Nachfahren. Im Kernstück heißt es nun: „Sein Tod wird verborgen und unbekannt bleiben, und tönen wird es im Volke: ‚Er lebt und lebt nicht‘.“

Damit fehlt der Bezug auf die Dynastie, und der Kaiser selbst wird zu dem, der „lebt und doch nicht lebt.“

Und dann gab es da natürlich auch noch die Joachimiten, jene Splittergruppe des Franziskanerordens, welche aus der Bibel zu lesen glaubte, im Schicksalsjahr 1260 würde die Endzeit ins glorreiche „dritte Zeitalter“ übergehen. Sie selbst hatten sich als Nachfolger der römischen Kirche gesehen, und nun sahen sich die italienischen Brüder ihres Antichristen, und die deutschen ihres Erlösers beraubt. Auch hier wurden die Rollen zunächst auf die Nachfolger Friedrichs ausgedehnt, und erfreuten sich in ihrer zwischen 1250 und 1270 entstandenen Literatur großer Beliebtheit. Die Kommentare zu Jesaja beispielsweise sehen Friedrich als siebten Kopf des Drachen, seine Sprößlinge aber als den Schwanz, der den letzten Augenblick der Verfolgung bezeichnet. Hier und da war auch von einem „Friedrich III.“ die Rede, der das Erbe des Staufers antreten, aber nicht mit ihm identisch sein würde.

Somit trugen die Joachimiten dazu bei, daß der Monarch in der Diskussion blieb. Insbesondere in kirchlichen Kreisen hielt sich das Bild des Dämonenfürsten noch eine Weile, und so erklärt sich die Begebenheit, die im Folgenden beschrieben wird.

6. Wie der Kyffhäuser in die Sage kam

Der Chronist Thomas von Ecclesion beschreibt einen Vorfall, der sich am Ätna zugetragen haben soll. Ein sizilianischer Mönch hatte sich dort von seinen Brüdern abgesetzt, um sich am Ufer „frommen Übungen“ zu widmen. Angesichts dessen, was er nun zu schildern wußte, mag man ihm unterstellen, er habe sich in Wirklichkeit zu einem heimlichen Nickerchen zurückgezogen. Es schreckte ihn nämlich ein „gewaltiger Lärm“ auf, und er erblickte „an die fünftausend“ Ritter, die ins Meer ritten. Das Wasser „wehrte sich und zischte auf, als wären die Reiter in feurig- glühendes Erz gewappnet.“ Der Geistliche fragte einen der Berittenen, was das zu bedeuten habe. Er schaute in ein bleiches, regloses Gesicht, das ihm antwortete, dies seien Kaiser Friedrich und seine Mannen, die nun im Ätna Quartier beziehen würde.

Er deutete die Vision dahingehend, daß der Staufer zur Hölle gefahren sei. Der Vulkan aber galt schon seit langem als Walhall, in den schon so mancher anderer Held bis hin zu König Arthus „entrückt“ worden war. Viele Sizilianer zogen diese Interpretation vor, und sie verband sich mit dem Mythos, daß er eines Tages wiederkehren würde. Heraus kam die Sage vom schlafenden Friedrich, der nur ruhte, bis seine Zeit gekommen war.

1260 tauchte dort tatsächlich ein Betrüger auf, und zog ein paar Jahre lang eine beträchtliche Gefolgschaft an.

Es kam die Kunde über die Alpen, der mächtige Friedrich sei nicht gestorben, sondern hatte sich in einem Berge verborgen. In Deutschland aber waren noch Reste heidnischen Aberglaubens lebendig. Zum einen galten Berge und Hügel den Germanen als Ort, in den die Seelen einziehen – Vielleicht besteht hier ein Zusammenhang mit den einstmals weit verbreiteten Hünengräbern, die als mit Erde und Vegetation bedeckte Erhebungen tatsächlich Tote in sich „bergen“. Zum anderen aber galten Anhöhen auch als Quelle der Winde. Sturmgott aber war Wotan (Odin) gewesen, Oberhaupt des Pantheons, und zusammen mit Freya und Hel auch ein Gott der Toten. In seine Halle brachten die Walküren die gefallenen Krieger, und so galt auch Jahrhunderte nach Einzug des Christentums noch so mancher Berg als Ruhestätte verehrter Helden. Dietrich von Bern gehörte dazu, Karl der Große, Karl V., und auch die Dänenkönige Abel und Waldemar. Friedrich paßte nicht nur wunderbar in die Reihe, es wurden sogar Züge des langbärtigen Wotans selbst auf ihn übertragen.

Damit aber mußte eine Rückkehr Friedrichs auch wie eine Rückkehr des Asen erscheinen. Er hatte Rom die Stirn geboten, und Rom war es, der man die Schuld an der allgegenwärtigen Misere gab. Wotan war der Gott der Völker gewesen, die das Weströmische Imperium zu Fall gebracht hatten. Theoderich, Vorbild des Volkshelden Dietrich von Bern, war einer ihrer mächtigsten Könige gewesen (Allerdings waren die Eroberer zu dem Zeitpunkt schon christianisiert).

Zwar hatte er sich der Staufer nie besonders um Deutschland gekümmert, doch wo man ihn kaum kannte, hatte man auch keine Probleme damit, die patriotischen Gefühle, die Heinrich VI. und Otto IV. dereinst erweckt hatten, auch auf ihn zu übertragen.

Freilich wußte man hierzulande nicht viel mit dem Ätna anzufangen, und ein italienischer Vulkan paßte auch nicht so recht zur Vorstellung eines „deutschen“ Recken. So wetteiferten gleich mehrere Örtlichkeiten um die Ehre, Wohnstatt des Monarchen zu sein. Der Untersberg bei Salzburg war darunter, eine Felshöhle bei Kaiserslautern und der Kyffhäuser in Thüringen.

Um den Kyffhäuser verdichteten sich die Legenden schließlich unter anderem deshalb, weil hier zum Beginn des vierzehnten Jahrhunderts ein Enkel Friedrichs II. lebte (mütterlicherseits), Friedrich der Freidige, in dem man den ersehnten Friedrich III. erkennen wollte.

Die Sehnsucht nach der Ankunft Friedrichs – ob des alten oder eines neuen – sollte schon bald merkwürdige Blüten treiben.

7. Die falschen Friedriche
1284 tauchten gleich mehrere Leute auf, die vorgaben, Friedrich zu sein, unter anderem in Worms, im Elsaß, in Eßlingen und in Lübeck. Der wichtigste war File Kolup (Dietrich Holzschuh), der zwei Mohren und Maultiere mit sich führte, und Dinge wußte, die nur jemand wissen konnte, der den Kaiser persönlich gekannt hatte. Aus Köln wurde er als Verräter verbannt, doch da man im benachbarten Neuß gerade mit dem Kölner Erzbischof in Fehde lag, ließ man es sich dort nicht nehmen, File freundlich aufzunehmen. Ja, er hielt in der Stadt sogar Hof. Hier erwarb er sich rasch den Ruf, ein Freund der Armen zu sein, und er schilderte die langen Jahre, die er zur Buße seiner Jugendsünden als Pilger verlebt hatte. Manchmal behauptete er auch, im Innern der Erde gelebt zu haben.

Die Kunde davon drang bis nach Italien, denn Salimbene von Parma spricht im selben Jahr von Gerüchten, „der einstige Kaiser lebe noch in Deutschland, ihm folge eine gewaltige Menge von Deutschen.“ Etliche italienische Städte ließen die Angelegenheit durch Emissäre untersuchen, während die dortigen Joachimiten unverzüglich folgerten, Friedrich habe begonnen, seine wahre Rolle als Antichrist zu spielen .

Einige der mächtigsten Fürsten erkannten File Kolup an, um den König Rudolf von Habsburg zu ärgern. Als der falsche Friedrich den König zu einem Reichstag in Frankfurt lud, um dem als rechtmäßiger Kaiser seine Lehen und die Königswürde zu bestätigen, ließ der prompt Wetzlar belagern, in das File Kolup mit großem Anhang gezogen war. In der Stadt bildeten sich zwei Parteien, und die Massen waren bereit, für ihren Kaiser die Waffen zu ergreifen. Schließlich lieferte sich der Betrüger selbst aus oder wurde ausgeliefert. Der König fragte ihn über alle möglichen Dinge aus. File Kolup soll so sicher und vernünftig geantwortet haben, daß die Anwesenden glaubten, er sei Kaiser Friedrich. Aber König Rudolf war zu abgebrüht, um darauf reinzufallen. Er wußte, daß der echte Friedrich vor inzwischen 90 Jahren geboren worden war, und er rechnete den Anwesenden vor, daß der Staufer demnach ein Greis hätte sein müssen, offenkundig weit älter als der Schwindler, wie alle Anwesenden sehen konnten. Nach einem kurzen Gerichtsverfahren wurde der Betrüger am 7. Juli 1285 verbrannt.

Die Art der Hinrichtung verdient Interesse, weil politische Rebellen nie verbrannt wurden, sondern nur Ketzer und Zauberer. Vermutlich war File Kolup nicht allein als Friedrich, sondern auch als Endzeitkaiser und Richter der Geistlichkeit aufgetreten. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen noch versprach er seinen Anhängern, daß er innerhalb weniger Tage wieder auferstehen werde. Weil man nun in seiner Asche nur eine Bohne fand und vergeblich nach Knochen suchte, schlossen manche seiner Jünger daraus, er sei auf wundersame Weise gerettet worden, und werde dereinst wiederkehren.

Tatsächlich behauptete in den Niederlanden ein Mann, eben der nach drei Tagen wieder auferstandene Exekutierte zu sein – allerdings nur, um seinerseits in Utrecht hingerichtet zu werden.

Die meisten der anderen falschen Friedriche nahmen ein ähnliches Ende.

Und nun begann sich auch an den Pseudo- Friedrich die Sage zu heften. Das Todesurteil von Wetzlar hatte lediglich den Erfolg, den Ruf des Kaisers als eines übermenschlichen und unsterblichen Wesens zu festigen. Eines, das zudem – wie File Kolup – auch noch ein Herz für die Armen hatte.

8. Die Entwicklung einer Sage
Wurde die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts schon in Deutschland als bedrückend empfunden, das vierzehnte Jahrhundert war für nahezu ganz Europa eine Epoche des Schreckens und der Depression. England und Frankreich verstrickten sich in den Hundertjährigen Krieg. Macht und Ansehen der Kirche verfielen, und die Päpste vertauschten den Unruheherd Italien (Rom) mit dem goldenen Käfig Frankreich (Avignon). Die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches wurden von Süden und Westen her angeknabbert , und viele Provinzen nurmehr nominell beherrscht. Rußland stand unter der Herrschaft der Tartaren, und im Südosten des Kontinents setzten sich die Türken fest. Über sie alle zog die große Pest hinweg.

Angesichts der tristen Realität verwundert es nicht, daß man seine Hoffnungen auch auf das Irreale ausdehnte. 1348 schreibt der mönchische Chronist Johann von Winterthur, bei vielen Leuten jeglichen Standes sei die Meinung verbreitet, Kaiser Friedrich II. werde mit großer Macht wiederkehren, „auch wenn er in tausend Stücke zerhackt oder zu Asche verbrannt worden wäre“ (Letzteres ist vermutlich eine Anspielung auf die Ereignisse von Wetzlar). Er werde das Reich wieder aufrichten, „gerechter und ruhmvoller denn je regieren“, die verweltlichte Kirche züchtigen und „arme Weiber mit reichen Männern verheiraten und umgekehrt… Auch wird er dafür sorgen, daß das den Witwen, Waisen und allen wie auch immer Gebeutelten das gestohlene Gut zurückgegeben wird, und daß jedermann volle Gerechtigkeit erhält.“ Überdies wird er „die Geistlichkeit mit solcher Heftigkeit verfolgen, daß die Mönche, wenn sie sonst nichts haben, um ihre Tonsur zu verstecken, sie mit Kuhmist bedecken werden.“

Johann von Winterthur bemerkt, es widerspreche der katholischen Lehre, daß ein wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen Verbrannter (Wieder das Echo von Wetzlar!) noch einmal souveräne Macht ausüben könne. Für die Geistlichkeit galt das Dogma von der Auferstehung Friedrichs als eine höchst gefährliche Häresie.

Noch 1434 steht in der Thüringischen Chronik, es „erhob sich eine neue Ketzerei, die noch heimlich unter den Christen ist, und die glauben des gänzlichen, daß Kaiser Friedrich noch lebe und lebendig bleiben solle bis an den Jüngsten Tag, und daß nach ihm kein rechter Kaiser geworden sei oder werden soll… Diese buferei (Narretei) bringt der Teufel zu, der mit derselben Ketzer und einfältige Christenherzen verleitet.“

Die Sehnsucht nach dem kaiserlichen Erlöser beunruhigte aber nicht nur Kirche und Obrigkeit, es war auch ein ausgesprochen deutscher Mythos, der dem Ausland unheimlich vorkommen mußte. Spät im 14. Jahrhundert tauchten imperiale apokalyptische Vorstellungen auf, die nationalen Bestrebungen dienten. So verurteilte Telesphorus von Consenza den Mythos ganz vom französischen Standpunkt aus, und stieß umgehend auf Widerspruch bei den deutschen Polemikern. Einer davon war der geachtete Theologe und Konziliar Heinrich von Langenstein, ein anderer angeblich ein „heiliger Verwandter“ von Papst Bonifaz IX. (1389 – 1404), der unter den Pseudonymen „Gamaleon“ und „Anti- Telesphorus“ publizierte. Vom Text des Letztgenannten existieren drei Versionen; dem wahrscheinlichen Original zufolge schrieb er von einem deutschen Kaiser, der das Papsttum überwinden und Frankreich aus der Erinnerung tilgen würde. Die Ungarn und Slawen würden unterworfen und das Judentum ausgemerzt werden, während die Deutschen über alle Völker erhöht werden würden. Die römische Kirche würde ihr Vermögen verlieren, und alle Priester würden erschlagen werden. An Stelle des Papstes würde ein in Mainz residierender, einem neuen Friedrich untergeordneter Patriarch der Kirche vorstehen. Und das würde die Endzeit vor der Wiederkehr Christi und dem Jüngsten Gerichte sein.

Man fühlt sich an das schaurige Säbelgerassel aus der Zeit Heinrichs VI. erinnert. Dementsprechend überrascht es nicht, daß dieser Text ins Deutsche übersetzt worden, und später von den Reformatoren verwendet worden ist.

Aber im Verlauf des vierzehnten Jahrhunderts war auch ein Gedicht in Umlauf, das den verstorbenen Staufer in einem völlig neuen Licht erscheinen ließ. Darin war die Rede, daß er in der Zeit größter Not wiederkehren, und sogleich einen Kreuzzug ins Heilige Land unternehmen würde. Das Grab Christi würde er befreien, indem er seinen Schild an einen dürren Baum hängen würde, der daraufhin wieder Laub und Blüten treiben sollte. Alsdann würde er „Gottes Reich“ errichten, der „Pfaffen Regiment“ und „des Juden Kraft“ überwinden, „für alle gleiches Recht“ gewährleisten, und „die Nonnen… in die Eh‘“ geben.

Interessant ist, daß hier als erstes Ziel die Eroberung Palästinas genannt wird, so als wäre Friedrich durch seinen Tod davon abgehalten worden. Das aber trifft auf Friedrich I. Barbarossa zu, und nicht auf seinen Enkel.

9. Kaiser Friedrich, der Sozialrevolutionär
Wie ernst man in Adel und Klerus die Sage um den zurückkehrenden Staufer nahm, zeigt das Beispiel eines griechischen Philosophen, der 1469 nach dem Studium der griechischen Sibyllen behauptete, der Kaiser der Endzeit würde schon bald alle Völker zu Christus bekehren. Weder von sozialen Veränderungen, noch von Verbrechen an der Geistlichkeit war die Rede, und doch wurde der Unglückliche enteignet und ins Verlies geworfen.

Tatsächlich veränderte sich mit der Zunahme kirchlicher und politischer Mißstände auch das Bild Friedrichs. Er; der sich zu Lebzeiten mit exotischem Prunk und Pomp umgeben hatte, galt im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert auf einmal als Streiter der Armen, der die Regierenden stürzen, die Kirche züchtigen, und die Mittellosen ins Heil führen würde.

Ein besonders krasses Beispiel findet sich im „Buch der hundert Kapitel“, das im Sund- oder Breisgau von einem anonym gebliebenen „oberrheinischen Revolutionär“ verfaßt worden ist. Er verkündete, daß in Bälde – nach einem kurzen Intermezzo mit Erzengel Michael – „der Kaiser aus dem Schwarzwald“ die (natürlich vom Schreiber gegründete) „Bruderschaft vom gelben Kreuze“ anführen werde. Hier erschien Friedrich nicht nur als Endzeitkaiser, sondern auch als Messias der Apokalypse, der mit Bogen, Schimmel und von Gott verliehener Krone erscheinen würde, „Gewalt zu haben, alle Welt zu zwingen“. Wörtlich heißt es dann: „Er wird ein großes Schwert in seiner Hand haben und will totschlagen.“

Die Ziele, die dem Staufer zugeschrieben wurden, hatten viel mit den Nöten des einfachen Mannes im ausgehenden Mittelalter zu tun, aber nichts mit dem einstmals lebenden Monarchen. Ab und zu ließ der Verfasser auch durchblicken, daß er sich selbst in der Rolle dieses Erlösers sah. Der sollte ein Reich errichten, in der an Grundnahrungsmitteln kein Mangel bestünde. Die Bruderschaft sollte den amtierenden Kaiser Maximilian (1493 – 1519) ermorden, und Friedrich an seine Stelle setzen. Anschließend sollte man sich den Sündern zuwenden, die für den Aufrührer „die Reichen“ waren, die „feine Kleidung tragen und Spiel, Tanz und Unzucht treiben“, aber vor allem die vermögende, satte und sittenlose, Keuschheitsgelübde brechende Geistlichkeit: „Schlachtet sie alle tot!“ Auch Wucherer und ihnen dienende Advokaten fanden keine Schonung. Proto- kommunistische Anschauungen von der Abschaffung allen Privatbesitzes vermischten sich mit christlichen Paradiesvorstellungen eines „tausendjährigen Reiches“. Schließlich verstieg sich der Revolutionär in eine höchst eigenwillige Interpretation der Weltgeschichte. Ihr zufolge sei von Adam und Eva bis zum Turmbau von Babel nur deutsch gesprochen worden. Ein deutsches Reich mit der Hauptstadt Trier habe einmal Europa beherrscht, und Alexander der Große wäre demzufolge auch ein Deutscher gewesen. Alle anderen Völker des Kontinents seien nur aus Kleinasien umgesiedelte Kriegsgefangene, und hätten darum naturgemäß Leibeigene zu sein. Das Trierer Reich der ersten Christen hätte Gott verehrt, der identisch mit Jupiter gewesen sei. Das Leben des geschichtlichen Christus wäre für die Juden, nicht für die Deutschen bestimmt gewesen. Diese Religion würde durch Kaiser Friedrich wieder hergestellt werden, und ein ihm untertaner Patriatch in Mainz den Papst ersetzen.

Angesichts dieser Verfremdung der einstigen Sage ist zu erkennen, wie wenig nach über zwei Jahrhunderten noch von dem ursprünglichen Friedrich in Erinnerung geblieben ist. Doch wo man sein Bild nicht mehr genau vor Augen hat, verwundert es auch nicht, daß man ihn mehr und mehr mit seinem Großvater und Namensvetter verwechselte, der ja gleichfalls als großer (und zudem populärer) Herrscher gegolten hatte.

Endgültig manifestierte sich dieser Rollentausch 1519 im „Volksbüchlein von Kaiser Friedrich“. Dort hieß es in der „Wahrhafte(n) Historie von dem Kaiser Friedrich, dem ersten seines Namens, mit einem langen, roten Bart“, daß niemand wisse, wo er hingekommen sei – er sei aber noch lebendig in einem hohlen Berg und werde eines Tages wieder erscheinen.

Dieses Werk fand seine Verbreitung, und dementsprechend hat sich die dort stehende Version durchgesetzt.

Dabei setzte sich der Kyffhäuser endgültig als Wohnsitz des Staufers durch, wo er an einem Tisch sitzend seinem Bart beim Wachsen zusähe.

Daß aber immer noch Varianten der alten Legende im Volk lebendig blieben, zeigt ein Dokument im preußischen Kloster Lehnin aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Darin war von einem kommenden Friedrich die Rede, der den König von Frankreich endgültig besiegen werde. Als dieser wurde schließlich Friedrich II. von Preußen gedeutet: Der „alte Fritz“ !

10. Barbarossa und Barbablanca

Während des Barock und des Rokoko war Deutschland geprägt von Partikularismus und Fürstenherrlichkeit. Wo aber alles um die momentanen Launen eines absolutistischen Herrschers kreist, zählen Relikte aus der Vergangenheit wenig. Ja, nationales Gedankengut war eher verpönt, suggerierte es doch, daß es etwas Größeres gäbe, als den Adeligen und seinen Kleinstaat. Die Kaiserkrone des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ war mehr ein Prestige- Objekt, als daß sie einem zusätzliche Macht verlieh. Die Habsburger, die sie innehatten, regierten aufgrund der Stärke ihrer eigenen Ländereien, nicht durch das Reich.

Das änderte sich freilich 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluß, der faktisch das Ende des ersten deutschen Kaiserreichs besiegelte, und mit der Hegemonie Frankreichs unter Napoleon. Man wurde sich bewußt, was man verloren hatte, und die Sehnsucht wurde aufgegriffen von der Stilepoche der Romantik. Joseph Görres, Gründer des anti- napoleonischen „Rheinischer Merkur“, schrieb 1807 in den „Teutschen Volksbüchern“, er sei Barbarossa höchstpersönlich in einer unterirdischen Höhle begegnet. Der Bart sei dem Monarchen durch den Tisch gewachsen, und er sei von anderen „deutschen“ Helden umgeben gewesen, nämlich Siegfried, dessen Mörder Hagen von Tronje, Karl der Große und (ausgerechnet!) Heinrich, der Löwe. Er beschwert sich bei dem Schreiber, daß man in der „oberirdischen Welt“ mit dem Leben „übel gehaushaltet“ habe und mahnt Änderungen an. Im Anschluß wird der Schmökernde aufgefordert, die „Teutschen Volksbücher“ zu lesen.

Die Aufnahme des Mythos in die Sagensammlung der Gebrüder Grimm (1816) und ein Gedicht Friedrich Rückerts (1817), rückten den mittelalterlichen Universalkaiser endgültig ins Zentrum national- romantischer Schwärmereien. Interessanterweise findet auch der dürre Baum aus dem Kreuzzugsgedicht noch Erwähnung, doch gibt es auch das neue Motiv, daß der Staufer noch hundert Jahre schlafen müsse, solange die Raben um den Berg kreisen.

Bemerkenswert ist auch, das Barbarossa nahezu zeitgleich auch in der italienischen Romantik „auferstand“, und die Entwicklung der Sage anschließend auffallend ähnlich verlief.

Namhafte Künstler von Heinrich Heine bis Richard Wagner beschäftigten sich mit dem Mythos. Schnell wurde er auch von nationalistischer gesinnten Kreisen aufgegriffen. Als es 1871 in Versailles zur Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches kam, versuchte man, die „große Vergangenheit“ neu zu beleben, um dem jungen Staat damit eine Vergangenheit und eine Legitimation zu geben. Als der erste Kaiser Wilhelm I., der ohne seinen Kanzler Bismarck wohl nur ein unbedeutender und früh zurückgetretener König von Preußen geblieben wäre, 1890 starb, wurde ihm auf dem Kyffhäuser ein Denkmal errichtet, denn ,,durch die Gründung des neuen Reiches sei Barbarossa erlöst worden“. Bei der Einweihung 1896 war dann auch neben Kaiser Wilhelm II. der rechtsnationale ,,Kyffhäuserbund der Deutschen Landes-Kriegsverbände“ zugegen. Professor Felix Dahn aber, ein weiland populärer Schriftsteller, Jurist und Historiker, machte sich einen Spaß daraus, Wilhelm I. mit seinem auffallenden grauen Schnurr- und Backenbart als „Barbablanca“ („Weißbart“) zu bezeichnen.

Nun zählte das Großmachtdenken des Staufers, obwohl der sich nicht als deutscher Kaiser, sondern als Heilig Römischer Cäsar und Oberhaupt der Christenheit begriffen hatte. Und mochte sein Imperium auch ganz Mitteleuropa umfaßt haben, ausgerechnet große Teile Preußens hatten nicht dazugehört (Schleswig, Posen, West- und Ostpreußen).

Nichtsdestotrotz machte man aus dem Staufer eine Gallionsfigur deutschnationalen Größenwahns, der sich auch noch das dritte Reich bediente: Der Codename für den Überfall auf die Sowjetunion lautete: „Fall Barbarossa“.

Angesichts dieser Wandlung ist es vielleicht doch gut, daß sich die Staufer auf der Hit- Liste des ZDF nur auf den hinteren Plätzen finden. Man mag von Daniel Küblböck und Dieter Bohlen halten, was man will, aber sie haben in ihrer ganzen Schaffensperiode noch nie den Grund, Geist, Vorwand oder Namen dafür gegeben, einen fremden Staat anzugreifen. Allerdings könnte ich es gut verstehen, wenn jemand ihr Wirken zum Anlaß nehmen würde, in Deutschland einzumarschieren.


11. Literaturliste
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