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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Die letzte Hexe (Vampir Horror Roman 378)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Die letzte Hexe«
Vampir Horror 378 von Lionel Reynolds  (Leopold Kinast)

Nun gut, es ist wohl Zeit für eine Pause. Zumindest eine Pause mit den „Vampir“-Horror-Romanen, denn nachdem ich jetzt einen ganzen Haufen in Reihe „genossen“ habe, muss ich konstatieren, dass die 300er wohl die „Jump-The-Shark“-Phase der gesamten Reihe gewesen sind, in der die ursprüngliche Klasse zugunsten absurder Themen und ausgelutschter Plots sich ins ziemlich gewöhnliche Gegenteil verkehrte.


Ich hatte schon in der frühen Testphase ein gewagtes Triple aus dieser Hundertschaft und es war wahrlich nicht immer ein Vergnügen, denn die „neuen“ Autoren konnten im weiteren Reihenverlauf die Qualität leider nicht halten.

Mit der „letzten Hexe“ bin ich jetzt noch einmal an einen mir bisher unbekannten Autoren geraten, den Österreicher Leopold Kinast, der im 300er-Bereich insgesamt acht Romane für die Serie verfasste, aber sonst nicht weiter aufgefallen ist, denn über ihn ist nicht so sonderlich viel zu erfahren.

Das ist auch kein Wunder, denn obwohl das Romanheftformat praktisch dafür ausgelegt ist, eine Menge Drive auf 60 kurzen Seiten unterzubringen, zieht sich dieser Beitrag wie Kaugummi, worauf ich in der Zusammenfassung noch eingehen werde.

Es muss ja nicht immer viel Plot sein und es herrscht auch nicht steter Bedarf an Vampiren und Werwölfen, nur die Umsetzung sollte stimmen.

Selbst das Thema „Hexen“ war mir – rückblickend zumindest – in der märchenhaft-kindlichen Auslegung von „Treibjagd in der Hexenschlucht“ trotz Dutzender Klischees wesentlich lieber.

Denn hier ist mal so richtig gar nichts los im Reiche des Bösen, tatsächlich habe ich selten einen so passiven Plot angetroffen, in dem praktisch alle Figuren und Elemente ständig in der defensiven Rückwärtsbewegung sind. Es gibt nicht einmal Opfer und schon gar keine Toten.

Um so viel Inaktivität noch zu übertreffen, ist sogar das Reich des Bösen hier auf Ewigkeitsbutterfahrt und sammelt seine Böslinge mal vorsorglich ein, anstatt sie auf Erde wie der böse Watz loszulassen.

Da nutzt auch die bemühte Exotik des Handlungsortes Brasilien nur wenig, denn sobald der erste Eindruck Südamerikas (der Roman spielt in und um Sao Paulo) verstrichen ist, könnte das alles auch im Bayrischen Wald eine ganz gute Figur machen.

Natürlich lässt das nicht auf das Gesamtwerk Kinasts schließen, aber manche Autoren wirken wie als Notbehelf engagiert, um die Reihen zu füllen und Löcher in der Veröffentlichungsabfolge zu stopfen, während etablierte Verfasser anderweitig beschäftigt waren oder dem Horrorroman schon den Rücken gekehrt hatten.
So waren die 300er dann auch reich an Übersetzungen, ließen aber die früheren zahlreichen Unterserien stark vermissen, eigentlich waren nur noch Randolph Kendall und Barry Belmondo (ahem...) mehrfach im Einsatz, nachdem man den „Hexenhammer“ zu Grabe getragen hatte.

Also mal schauen, wie man so einen Roman mit einem interessanten Handlungsort bemüht und notgedrungen füllen kann.

Die Stunde der InsektenMeine Tochter spricht im Schlaf...ein Vater ist besorgt! Film um Elf!
Urlaubsstimmung in der Hexendimension.
 
Nach sechs Jahrhunderten öffnet sich mal wieder das dimensionale Tor von der unheimlichen Hexenwelt in die heimatlichen Gefilde des Bösen – also höchste Zeit, dass alle Hexen auf Erden ihre Koffer packen und heim zur Hölle oder so fahren. Die Oberhexe Madre Bruja hört den Ruf ebenfalls und sammelt schon mal alle ihre Angestellten.

Das betrifft auch das brasilianische Anwesen des überaus reichen Carlos Cavarez, der sein Töchterlein Lucinda (jung, knackig, in einer zeitweise bikinitragenden Rolle) wahnsinnig gern hat. Ebenso geht es seiner Schutztruppe unter der Leitung von Pedro Sandoz, einem Privatpolizisten, der seine Familie längst an die Banden verloren hat und jetzt wahnsinnig gut Befehle befolgen kann.

Alle lieben Lucinda, aber Lucinda wird beim Sonnenbaden jetzt öfter mal bleich und gibt munter und lautstark Aufbruchstimmung unter „Schwestern“ zum Besten. Sie fühlt sich auch mit ihrem normalen Bewußtsein nicht besonders und klappt dann auf dem Weg in die Dusche – natürlich bar jeden Textils – auch passabel weg, was die ganzen Sicherheitskräfte in höchste Nöte versetzt.

Der Arzt diagnostiziert Hitzekollaps, aber Dad macht sich viele, viele Seiten lang wesentlich stärkere Sorgen und denkt an finstere Mächte.
 
Da tut er gut daran, denn Lucinda ist eigentlich eine Hexentochter (seine Ehefrau ist lange tot), hat ihr Erbe aber bisher komplett vergessen.

Darob überschlagen sich die Ereignisse: Papa nimmt angesichts des delirischen Zustands seiner Lendenfrucht selbst eine Ohnmachtsauszeit, als prompt ein gar knackiges Kerlchen vor dem Tor steht und alle seine Wachen foppt: Miguel Vastendera, der berühmteste Privatpolizist Brasiliens.

Der ist detailliert aus dem Pop-Up-Book für Strahlemax-Arschlöcher gängiger Heftromane abgepaust: übermächtiges Selbstbewusstsein, jede Menge lockere Sprüche auf der Lippe und immer erst mal provozieren, bevor man sein Talent für sich sprechen lässt.

Was der Gute da will, wird nie geklärt, er kommt aber genau richtig, um auf ein paar Sicherheitslücken hinzuweisen und sich um einen Job zu bewerben. Ach ja, den Daddy kann er auch aus seiner Ohnmacht wieder erwecken.

Er ahnt sofort, dass seine besonderen Talente gebraucht werden und latscht der Hexenparolen propagierenden Tochter hilfreich zwei ordentliche Schellen – wobei er sich, wie es sich für Helden gehört, natürlich „instantly“ in Lucinda verliebt.

Lucinda hat indes im Hexenreich mental an der Hexenabschiedsversammlung teilgenommen und ist dementsprechend verängstigt. Leider ist Miguel kein Hexenmeister oder Geisterjäger, bietet sich aber dennoch an, dem offenbar spontan um 40 Jahre gealterten Vater (noch ist eigentlich gar nichts Wildes passiert, offenbar sehr besorgte Eltern, diese Brasilianer...) zur Hand zu gehen.

Diese Hilfe besteht vornehmlich darin, sich erst mal töfte einen an zu saufen und zwei Schnapsflaschen niederzumachen (allein, versteht sich!), weswegen er auch bei Eintritt von schlimmeren Ereignissen (der Roman ist jetzt halb rum...) auch noch seinen Rausch ausschläft.

Am nächsten Morgen ist Lucinda nämlich vollends perdu, weil Madre Bruja alle, die nicht mitreisen wollen, einfach mal eigenhändig per Dimensionszugriff abholt – in die Hexenhöhle im fröhlichen Nirgendwo. Dort erfährt Lucinda dann auch (20 Seiten nach dem Leser) von ihrer eigentlichen Bestimmung.

In der Folge nüchtert unser Miguel dann in Rekordzeit aus, während der guten Lucinda im Nirgendwo endlich mal die Backstory zusammen gefasst wird, die wir aber schon dreimal angedeutet bekommen haben (Alle Hexen müssen heim! Jaja...)

Anhand von Lucindas vorherigen besessenem Hexenzirkelgefasel bezüglich der ominösen Höhle folgert Miguel, dass er mal flugs suchen sollte, wo jemand in diesem Land etwas über Hexen weiß.

Tatsächlich findet sich jemand - eine Hexe ist allerdings nicht dabei - den man überzeugen kann, Sandoz und Miguel in die Richtung zu bringen, wo der Eingang zu Hexenwelt sein könnte.

Der gute Mann heißt Felipe und wird mit Bestechung und Drohungen zur ängstlichen Mitreise gebracht. Er führt sie in eine Gegend, die von grauenhaften Viechern belebt sein soll. Tatsächlich tauchen die Bestien und Monstren auf, sehen aber für jeden der drei anders aus – und werden so als Phantasiegebilde entlarvt.

Nach viel Hin und Her dringt Miguel schließlich in die Höhle ein und kommt just in der Sekunde an, als Lucinda die Schwelle in die andere, die Höllendimension überschreiten soll. Beim Rettungsversuch scheint es zu bleiben, bis auch Sandoz seinen Schiss überwindet und ein bisschen mit am abdriftenden Mägdelein zieht. Dann fahren alle happy heimwärts, weil es ja jetzt keine Hexen mehr gibt.
Prost!

Was außer Hexen kann noch langweilen? Noch mehr Hexen!
Ganz ehrlich: ein ganz öder Schlonz, durch den man sich hier durchkämpfen muss. Vom Exotikwert her abgesehen (die brasilianische Umgebung gelingt Kinast recht ordentlich), ist einfach null los in diesem angeblichen Horror-Roman, der ebenso gut ein Heimatroman-Trändrücker sein könnte, in dem jemand schwer krank ist und der Held schließlich die Medizin im Wald suchen muss.

Die Hexen tagen hier nur dröge vor sich hin, stetig die gleichen öden Aufbruchsprüche leiernd, in der Hexendimension (= Höhle im Nichts); von der Höllendimension (in die sie ja alle heim wollen, warum auch immer...) sieht und hört man gar nichts.

Die ganzen Hexen sind auch nicht sonderlich böse oder dämonisch, sondern total nichtssagend und ineffektiv – das Negativste ist schon die Verweigerung des Kirchengangs.

Das bessere, weil buntere Ende hat die zweite Romanhälfte für sich, als endlich mal im Wald ein paar Monster durch den Forst kriechen, die erste Hälfte ist eigentlich nur dröge.

Die andauernde Beschreibung der unguten Atmosphäre, die Sorgen des reichen Papa, die Verunsicherung der Wachleute, die Verunsicherung des Teenagers, das alles scheint nie zu enden – die Bedrohung liegt anscheinend nur darin, dass das gute (böse) Mädchen einfach ihre Klappe nicht hält und jederzeit verschwinden könnte. Dass alle deswegen sofort kurz vor dem präfinalen Infarkt stehen, kommt nicht sonderlich überzeugend rüber.

Wenn den Leser die fortwährende Beschreibung der intensiven Gefühle und totalen Verzweiflung nicht zu Tode langweilen, dann tut es Vollhorst Miguel, der nun wirklich so ziemlich alles falsch macht, wenn man sich um einen Job bewerben wollte, aber eben enorm kernig und knackig ist und von seinem unglaublichen Ruf zehrt.

Besondere Fähigkeiten außer Mut und Entschlossenheit hat der Held hier nicht, das ist dann aber auch besser so angesichts der mäßigen Bedrohlichkeit der Situation. Also betätigt er sich als Aktionskünstler und nach allerlei endlosem Gesabbele kommt er dann ja auch zum Ziel.

Die Figuren sind leider nicht Kinasts Stärke, der Papa ist bald nur noch ein wimmerndes Bündel, Lucinda wachträumt die meiste Zeit, Sandoz fällt als Befehlsempfänger der Klasse 1 das eigenständige Denken sowieso schwer und Miguel ist einfach die sympathische Arschlochversion von Terence Hill.

Wenig aufregend fällt auch das Finale aus, bei dem die Helden so eine Art Tauziehen um die holde Schöne gegen die Hexenmutter veranstalten, bevor eine Dimensionspforte sich schließt und eigentlich hätte ich mir noch eine Szene gewünscht, in der auch Lucinda sich mal so richtig spontan von jetzt nach gleich in Miguel verliebt, aber für die war wohl kein Platz mehr.

Also zum Vampir-Horror-Roman-Abschluss (vorerst) ein arg trockenes Brötchen von Roman, der das Prädikat „Horror“ nun so gar nicht verdient, aber man kann ja nicht immer am Scheitelpunkt aufhören.

Nach all diesem anämischen Kram sollte ich vielleicht mal wieder eine kleine Gefühlsdröhnung zulassen und die Reste von meinen Spuk-Beständen noch mal ausgraben.

Wenigstens die hatten immer (meistens einen) Geist...

Kommentare  

#1 Thomas Mühlbauer 2017-01-06 09:04
Du suchst Dir aber auch immer "solche" Hefte heraus... ;-)
#2 Andreas Decker 2017-01-06 15:54
Waren die Künast-Romane nicht alle so?

Soo viele Übersetzungen gab es dann aber auch nicht mehr. Und vieles davon war aus dem Taschenbuch recycelt. Etwas interessanter wurde die Reihe erst kurz vor Schluss. Der Jory Sherman war zwar schlimm zusammengestrichen, aber ganz nett, und die Romane von Dubina oder Voehl waren nicht übel. Vor allem die Dubinas. Eigentlich waren die im Heft völlig verschenkt.

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