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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Der Judaskuß (Gaslicht-Krönung Nr. 457)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Der Judaskuß«
Gaslicht-Krönung Nr. 457 von Carol Hamilton Dyke

Ja, gibt’s denn das?  Verdammt! Da hatte ich mich mit Mrs. Dyke letzte so gefreut, weil sie ihren (gefühlt gekürzten) Schmachtfetzen so linear lesbar in die walisische Bergwelt gesetzt hatte und war schon bereit, der nächsten Autorin ordentlich Zunder zu geben, als ich feststellen muss: ich hab noch einen von der Hamilton auf der Tasche.

Der JudaskußUnd man stelle sich meinen Schrecken vor: der ist sogar noch besser.

Eigentlich ist es ja eine Herausforderung, diese vermeintlichen Drei-Taschentücher-Stories überhaupt für ihre Qualität zu loben, aber Mrs.Hamilton hat nicht nur den Sülzkontent-Regler enorm niedrig eingestellt, sie hat auch ein Händchen für knackige Mystery-Stories mit Beinahe-Übernatürlich-Elementen, die sich dann doch als erfrischend realistisch herausstellen. War das letzte Beispiel ja noch eine rummsbunte Teufelsanbetergeschichte mit dem klassischen Amnesieplot gekreuzt und bekrönt von der um 1980 wohl noch recht innovativen Karrierefrau-im-Ansatz, die dennoch einen strammen Landwirt als Eventuell-Ehemann in der Hinterhand hat, haben wir es hier mit einem frisch aufpolierten Old-Dark-House-Grusler zu tun, in dem sich kurz vor Mitternacht ein lange zurückliegender Mord und religiöser Puritanerwahn mit einem bettlägrigen Monstrum in der Küche auf eine Schüssel Porridge treffen und dann munter die Sau rauslassen, bis auf die letzten fünf Minuten all die  Beinahe-Inzest-Vermutungen, die man schon seit ganz weit vorne hatte, auf einen Schlummertrunk vorbei schauen und freundlich winken.

Ganz doll ehrlich, meine Damen und Herren, das Teil könnte man im Rahmen der Utta-Danella-trägt-heute-schwarz-statt-Polunder-Reihe mit einem stark entfärbten BBC-Cast ansatzlos für TV-Auswertung abfilmen und hätte trotz aller Klischees immer noch lustig zu kauen.

Dabei ist daran nichts innovativ, praktisch alles kann man sich beizeiten zusammen spinnen, aber es funktioniert dennoch überraschend gelenkig, vielleicht weil man so selten mit den Augen rollen muss, wenn die Figuren auf Innensicht schalten. Gut, der eine oder andere Gewissenskonflikt wirkt mehr als hausgemacht und das Rätselspiel um den Mörder im Haus ist insofern konstruiert, als die handelnden Personen eine Figur meistens ausnehmen, obwohl es nicht den geringsten Beweis für das entlastende Element gibt.

Das Einzige, was leider – trotz einer absoluten Steilvorlage – wieder halbwegs versemmelt wird, ist der Showdown, der wohl stets und ständig den Adrenalinvorgaben für 88jährige Schmonzettenliebhaber angepasst werden muss (kein Blut, bisschen betulich und am besten niemanden meucheln) und gerade da an Details spart, wo man anatomisch in die Vollen gehen könnte. Aber dennoch: starke Frauen sind gefragt in…ach ja, wieder in Wales…


Der JudaskußFest steht eins: bloß keinen Urlaub in den Waliser Bergen…
…vor allem, wenn man eigentlich eine junge Antiquitätenhändlerin ist, die in der Gegend nur notgedrungen ihr Schwesterlein besuchen möchte, weil ihr Geschäftspartner cum Ex-Verlobter Teddy einer Anderen in den Ausschnitt glotzt.

Leider ist es jetzt zu spät und Selina Darnley sitzt mit ihrem Auto in einer Schneewehe im walisischen Bergwunderland fest. Weil das Erfrieren naht, macht sich die Gute notgedrungen auf die Socken und erreicht ein abgelegenes, aber sehr robustes größeres Haus im Nirgendwo, wo sie eine nicht eben phantasiebegabte Hausangestellte namens Bethan Pugh widerwillig bis ängstlich einlässt. Unterschlupf vor dem Schnee bedeutet hier allerdings, in der kalten Küche zu schlafen, denn alle haben einen gepflegten Horror vor dem religiösen Fanatikerhausherrn Micah Jones, der mit dem Griffel in der Bibel das Haus Gwyddgrug regiert.

Doch im Haus ist noch mehr los, auch wenn es zunächst nach einer Mausefalle für die Protagonistin ausschaut: da ist Bethans leicht stumpfer, aber schön lüsterner Männe Ianto, ihr gemeinsamer zehnjähriger Sohnematz Will und die Tochter des Hauses, Miriam Caitlin, ein übergewichtiges, bewegungsloses, bösartiges Etwas, welches wortkarg seit zwei Dekaden in ihrem Bett lauert.

Obwohl alles im Haus nach einer Tetanusspritze schreit und die Verpflegung schon um die vorletzte Jahrhundertwende eine Beleidigung gewesen wäre, passt sich Selina praktisch veranlagt ein. Will fährt auf sie ab, Ianto lechzt sie an und Bethan hat eh nur ein paar helle Momente pro Tag. Und selbst Micah, der sie mit gedonnerten Psalmen unterbuttern will (Sünde und so…), hat sie alsbald in der Tasche mittels einiger Schulbibelsprüche und den obligaten Nächstenliebeverpflichtungen. Da sie recht fleißig im Haus helfen will – Bethan ist eigentlich krankenhausreif infolge eines Sturzes – ist der Hausherr bald bereit, ihr Obdach zu gewähren samt Zimmer und Kost. Und taut auch etwas auf, weil sie mit Make-Up spart.

Also spielt sich alles auf dem Einödhof bis zur Schneeschmelze ein, nur mit Miriam hat Selina Probleme, da sie die Bettlägrige waschen und füttern muss, obwohl sie offensichtlich stumm angefeindet wird. Als es von Dächern zu tropfen beginnt, ist sie sofort bereit für einen Notstart, aber der Besuch der ihr bekannten Krimischriftstellerin Marie Mullane, weitläufig mit der Familie verwandt, bringt einen frischen Wind in den Laden. Und die Bitte, doch noch ein paar Tage zu bleiben, bis Miriams Sohn Jonah anrücken kann, um die Vertretung für Bethan zu übernehmen.

Selina bringt es nicht übers Herz, nein zu sagen, hat sie doch gerade eine Verlobung gelöst und erfährt sozusagen als Bonus, dass Bettmonster Miriam einstmals mit einem Mann durchbrannte, verstoßen wurde und irgendwann wieder vor der Tür stand – und dann war auch noch Jonah da, ihr Sohnemann. Irgendwann kam dann auch noch die entfernt verwandte Deborah Thomas nach Gwyddgrug und die löste die Zustände im Haus erst so richtig aus. Sie verliebte sich in Jonah, Heiratspläne wurden geschmiedet, doch dann wurde die Verlobung überraschend ihrerseits gelöst und kurz darauf verschwand besagte Deborah auf ewiglich. (Uijuijui…)

Während Selina so langsam wieder Licht und Geschmack in den Haushalt bringt, schmilzt das erste Herz. Der kleine Will lädt sie ein, sein Geheimversteck zu besuchen: einen verlassenen Herrensitz namens Foelallt in den zugigen Waliser Bergen. Selina ist sehr beeindruckt von dem alten Haus, allerdings hätte sie auf die Kellererkundigung verzichten sollen, denn in einer alten Truhe finden Will und sie ein weibliches Skelett mit einem dicken Loch im Schädel.

Als man augenrollend daheim um die Polizei ersucht, überrollt Selina so beinahe noch das nächste zu schmelzende Herz, denn Sohn/Enkel/gutaussehender Typ mit markanter Nase Jonah ist früher als erwartet eingetroffen.  Als der die Neuigkeiten hört, bricht er sofort auf, um sich persönlich von der Leiche zu überzeugen. Marie berichtet Selina derweil, dass Foelallt einer gewissen Morvyth Rhys gehörte, die den Besitz nach ihrer jahrelangen Tätigkeit als Haushälterin (und vermutlich mehr) von dem Besitzer geerbt hat, aber dann doch in die Stadt umgezogen war. Den Job hatte damals sogar Micah vermittelt. Kurz darauf kehrt auch Jonah zurück, überzeugt, mit dem Skelett Deborah gefunden zu haben.

Von da an hängt der Haussegen etwas schief, Jonah ist natürlich verdächtig, Micah wird bettlägrig und die Helfer sind auch angeschlagen. Wenigstens bietet Jonah Selina seine Hilfe an und führt sie kurz darauf zur Auflockerung auch noch in ein Lokal aus. Zwar versucht Miriam, das Date zu verhindern, doch am Ende landen die beiden einen netten Abend in der Stadt, bei dem Micah einiges von seiner Beziehung zu Micah und Deborah berichtet, u.a., dass die Liebe zwischen den beiden mehr so etwas wie zwischen Geschwistern gewesen war und er sie aufgab, weil sie eine romantische Liebe verdient hätte.

Wieder in Gwyddgrug versucht Jonah, Miriam zum Umzug in eine Pflegeeinrichtung zu überreden, was diese noch heimtückischere Pläne schmieden lässt. Derweil knuspert Selina mehr und mehr an dem mysteriösen Mordfall herum und lässt sich von Marie Mullane die Verdächtigen auseinander pflücken, inclusive Jonah und Marie selbst. Maries Tipp: einfach mal bei Morvyth Rhys nachfragen.

In der folgenden Nacht schmeißt jemand eine brennende Petroleumlampe in Selinas Bett, doch sie ist wegen ihrer „Ermittlungen“ eh noch wach und bugsiert das feurige Ding aus dem Fenster. (Eine heiße Bettszene haben wir uns alle anders vorgestellt!)  Den Täter kann sie nicht identifizieren, aber sie hält den Vorfall geheim. Weil sie wegen ihrer Gefühle für Jonah und den ganzen Verdächtigungen beeinflusst ist, hält sie sich im Haus nun eher bedeckt, worunter ihr Verhältnis zu Jonah wiederum leidet.

Selina besucht die Rhys, die ihr einen Termin am Tag der Beerdigung Deborahs gibt. Da Selina sowieso auf Miriam aufpassen soll, sagt sie zu. Also überschneidet sich an besagtem Mittwoch alles. Morvyth macht aus der Wahrheit keine Mördergrube: tatsächlich ist sie selbst die Mutter von Jonah, geschwängert von…Micah, der damals also ein Verhältnis mit der Witwe hatte (Morvyths erster Mann war bei einem Unfall gestorben). Micah weiß aber nichts davon, da Morvyth Miriam das Kind gab und diese es als ihres ausgab.

Dumm nur, dass der „Prediger“ sie weiter traf – und irgendwann war Morvyth wieder schwanger, mit Deborah. (Der Segen des Herrn kam über sie oder so?)  Beim zweiten Mal schwieg Morvyth nicht mehr, verlangte ordentliche Versorgung und das Kind wurde zur Adoption freigegeben und kam zu einer entfernten Kusine Micahs. Danach vermittelte er Morvyth die Stelle als Haushälterin.

Geschockt kehrt Selina ins Haus zurück, wo alle zur Beerdigung aufbrechen. Doch als sie Miriam einen Tee bringen will, ist diese bereits aus dem Bett aufgestanden. Miriam ist mitnichten lahm, sondern massig und fast zwei Meter groß. Sie hat damals Deborah umgebracht und die Leiche versteckt. Jetzt soll auch Selina dran glauben, doch die kann Miriam ablenken und fliehen. Bei der Verfolgung auf der Treppe stürzt Miriam schwer und bleibt in der Halle liegen, just als Marie auftaucht, die aufgrund ihrer Plot-Erfahrungen schon misstrauisch geworden war. Gemeinsam erwartet man die Rückkehr der Trauergesellschaft.

Der JudaskußJaja, diese Puritaner haben es faustdick hinter den Ohren…
Diese, recht dicht zusammengefasste Inhaltsangabe, gibt die geschickte Schreibe von Mrs. Hamilton Dyke nur sehr unzutreffend wieder, die sich geschickt in die Köpfe ihrer Figuren hinein arbeitet und dort zum Glück nicht nur seichtes Zeugs produziert.

Straff entworfen ist der gar nicht mal so originelle Plot, sofern man schon mal eine dieser „Geheimnis-um-eine-Familie“-Stories gelesen hat oder mit Kino- und TV-Filmen dieser Art halbwegs sozialisiert worden ist. (In diesem Zusammenhang nochmals ein kleines Lob an meine Eltern, die mich mit mangelndem Nachdruck eben nicht davon abgehalten haben, mir auch solchen „leichten Schund“ regelmäßig einzupfeifen, damit man danach die wirklich guten Sachen noch viel besser genießen konnte.)

Zunächst tippt man noch auf den religiös-fanatischen Familienpatriarchen, der mit dem Buch-der-Bücher in der Hand mit Feuer, Schwert und Stentor-Stimme schon vorab alle Beteiligten in Angst und Schrecken zu versetzen sucht, wovon sich aber nur die unmittelbar leidenden Hausangestellten beeinflussen lassen. Der zieht sich aber alsbald aufs zittrige Altenteil zurück, sobald die neuzeitlich aufgezogene Frauengestalt (die einzige wirklich emanzipierte Figur, die zunächst ihren untreuen Galan vorab in die Wüste geschickt hat und sich später auch von der Degeneration der meisten anwesenden Männer nicht einschüchtern lässt) sich mit den Bitten um Zimmer, Bett, besseres Essen und Lebensumständeaufforstung durchsetzt. In einer funktionierenden Sippe braucht es also auf jeden Fall eine weibliche Hand.

Dabei weicht der Schmonz einer erfrischend soliden Sachlichkeit, bei dem zwischendurch immer wieder Selina die Beinahe-Inzest-Umstände langsam aber sicher aufribbelt und die eigentlich rationalere Figur der Krimi-Schriftstellerin als griechischer Chor und Erzählerin in Personalunion in den Vordergrund rückt.

Leider ist die gewählte Alternative relativ durchsichtig, denn allzu deutlich wird Miriam als das wahre Monstrum schon vor ihrer Mordentlarvung identifiziert, die fette Spinne im Netz.

Alles beruht samt und sonders auf der von allen übernommenen, etwas unrealistischen Annahme, die Bettlägrige sei ja – gemäß eigener Aussage – gelähmt und käme deswegen als Mörderin nicht infrage, obwohl nie zufriedenstellend geklärt wird, wo, wieso, warum und vor allem wann die Unbeweglichkeit denn nun angefangen hätte. Auch ist es nebulös, dass alle offenbar ein plötzlich auftauchendes Baby (Jonah) akzeptiert haben, obwohl die Gute offenbar zunächst mal kindlos daheim wieder auftauchte.

Die Mystery-Elemente bleiben dabei übrigens eher soft, sie bestehen hauptsächlich aus den geheimen Kräften, die „mad miriam“ zu besitzen glaubt, weil ihre „Schätze“ sie damit aufladen. Das sind ihre wenigen schmückenden Habseligkeiten und es ist ein ironischer Dreh, dass Selina hauptsächlich deswegen überlebt, weil sie die Zimmerausstattung im Augenblick höchster Bedrohung einfach aus dem Fenster wirft.

Apropos dann auch mal Schlusskampf: prinzipiell großartig visualisiert der Moment, in dem Selina mit der Teetasse in der Hand das Zimmer Miriams entert und statt des liegenden Klumpens Moby Dick aufrecht im Zimmer stehend vorfindet, ein „Schmeiß-die-Mama-aus-dem-Zug“-Dings von fast zwei Metern Höhe.

Für einen echten Fight zum guten Schluss reicht es dann leider doch nicht, so in die Vollen mag Hamilton Dyke für ihre eher soft besaiteten Leser doch nicht gehen, also muss die Flucht herhalten, die mit einem krachenden Treppensturz endet, aber die Autorin erzeugt starke Bilder und das genügt meistens, um den Familienklischees den richtigen Anstrich zu geben. Wie Miriam aber – etwas rumpelig wie sie nun mal ist – die Öl-Lampe auf Selina werfen konnte, um sich dann auch noch ungehört aus dem Staub zu machen, ist da einer der wenigen streitbaren Punkte.

Das alles geht – dankbarerweise – zu Lasten der unvermeidlichen Liebesgeschichte, der Selina, gerade frei geworden, zwangsläufig anheim fallen musste, aber sogar der sich langsam aufbauende Gefühlsaufruhr wird mit der gebotenen Durchdachtheit und einigen brauchbaren Zweifeln präsentiert.

Alles in allem ein klasse Stoff für das viel gescholtene Medium und ich werde noch eine Story drauflegen (andere Autorin diesmal), ehe ich mich mal an ein paar alte Krimis oder Western mache, die ich bisher noch schmählich ignoriert habe.

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