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HORROR EXPERT 8 - Saat des Bösen

Horror ExpertSaat des Bösen

Erber und Luther – zwei Namen, die aus der Geschichte der phantastischen Literatur in Deutschland nicht wegzudenken sind und noch heute Anlass zur Kontroverse bieten. Die Reihe »Horror expert« war Vorreiter auf dem Taschenbuchmarkt und machte den interessierten Leser mit einem Genre bekannt, das hierzulande erst in den Anfängen steckte.

Das lohnt einen näheren Blick auf eine ziemlich in Vergessenheit geratene Reihe.

Saat des BösenSaat des Bösen
von P. Crawford
Horror expert Nr. 8
Übersetzt von Unbekannt
1971
Luther Verlag
Was passiert?
Eine dunkle und stürmische Nacht in England im Ersten Weltkrieg (wie erst später ersichtlich wird). Ein Offizier ertappt bei einem Überraschungsbesuch in der Heimat seine Frau beim Fremdgehen. Er bringt sie mitsamt seinem Rivalen um und fackelt das Haus ab.

England, in den 1960ern. Joanna Bruce ist jung, hübsch und mittellos. Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und füttert dabei noch ihren Freund Paul durch, der gerade den großen britischen Roman schreibt. Eine Zufallsbegegnung in der U-Bahn bringt sie mit dem alten und mürrischen Martin Crask zusammen, der im Rollstuhl sitzt. Der feuert auf dem Bahnsteig gerade seine Pflegerin, und Joanna mit ihrem Helfersyndrom mischt sich ein. Der steinreiche Crask bietet ihr sofort einen Job als Gesellschafterin an. Der einzige Nachteil: Sie muss ihn nach Cornwall in sein Anwesen begleiten.

Joanna nimmt einen tränenreichen Abschied von Schmarotzerfreund Paul und willigt ein. Das Gehalt ist einfach zu gut. Crasks Anwesen ist weit ab vom Schuss. Einst gehörte der Familie die Gegend mitsamt dem Dorf. Hier wurde Zinn gefördert, und die Crasks waren die einzigen Arbeitgeber. Jetzt gibt es nur noch Mr. Crask, sein ihm hündisch ergebener Diener Roberts und die unheimliche Haushälterin Mrs. Hobart.

Zuerst genießt Joanna ihr Luxusleben. Ihr Zimmer ist größer als die einstige Wohnung, sie hat ein Bad mit Badewanne und Wandspiegel für sich ganz allein. Sie liest Mr. Crask vor und fährt ihn durchs Gelände. Dabei lernt sie die Brandruine auf dem Anwesen kennen und wird eindringlich vor den aufgegebenen Zinngruben gewarnt. Überall in der Gegend gibt es ungesicherte Stollen, die einen in die Tiefe befördern können.

Die ersten Schatten am Horizont sind Teile des Hauses, die Joanna verboten werden. Crask fängt an, seltsame Fragen stellen: ob Joanna bereit wäre, eine Perücke und von Crask ausgesuchte Kleidung zu tragen. Dann kommt der smarte Amerikaner Steve Chanter zu Besuch. Er vertritt eine Bergbaufirma und will mit Crask reden. Der Alte regt sich fürchterlich auf und wirft ihn achtkantig raus. Er bezeichnet ihn als Feind und verbietet seinen Angestellten, noch einmal mit ihm zu reden. Erst recht Joanna, der er unterstellt, Chanter bereits gekannt zu haben, was natürlich paranoider Unsinn ist.

Als Joana der attraktive Mann im Dorf über den Weg läuft, ignoriert sie das Verbot. Sie verbringen einen schönen Tag zusammen. Dummerweise wird sie dabei von Roberts gesehen. Wieder im Herrenhaus entdeckt Joanna, dass ihr Arbeitgeber ihr eine Reihe Kleider gebracht hat. Mitsamt blonder Perücke. Pflichtschuldig probiert Joanna alles im Bad vor dem Wandspiegel an. Sie findet die altmodischen Klamotten, die nach Mottenpulver riechen, schrecklich. Als sie jedoch in ihr Zimmer zurückkehrt, muss sie entdecken, dass in der Zwischenzeit ihr jemand sämtliche Kleidung gestohlen hat.

Joanna ist außer sich. Sie beschwert sich lautstark bei Mrs. Hobart, die ihr das Essen aufs Zimmer bringt und informiert, wie enttäuscht Mr. Crask über ihren "Verrat" ist. Kurzerhand wird Joanna von Roberts in ihrem Zimmer eingesperrt. Sie isst, um bei Kräften zu bleiben. Kurz darauf entdeckt sie, dass man die Tür entriegelt hat. Sie will die Flucht ergreifen, notgedrungen in dem altmodischen Kleid, bekommt aber mit, wie Roberts die Haustüren abschließt. Also sucht sie einen neuen Fluchtweg in den ihr bis jetzt verbotenen Hausräumen.

Sie stößt auf ein Zimmer, das wie konserviert erscheint. Hier stammen die Kleider her. Zu ihrem Entsetzen steht plötzlich Crask vor ihr. Er kann laufen! Der Alte spricht sie als Helen an. Er führt die plötzlich willenlose Joana in ein anderes Zimmer, wo das Bild einer schönen blonden Frau hängt, die eine flüchtige Ähnlichkeit mit ihr hat. Die ganze Zeit faselt Crask davon, ob sich Helen noch an den Künstler erinnert, diesen Amerikaner, während er in den Schützengräben war. Joanna ist mittlerweile völlig benebelt. Offenbar hat man ihr was ins Essen getan. Crask setzt sich wieder in seinen Rollstuhl und übergibt die willenlose Frau an Roberts, der "Mrs. Crask" auf ihr Zimmer bringen soll.

Am nächsten Tag spricht auch die Haushälterin sie als "Mrs. Crask" an, und Joanna verbringt den Tag im Rausch. Es stört sie nicht einmal, dass sie jemand nackt ausgezogen und ins Bett gebracht hat, denn sie hat einen Filmriss. Sie zieht brav die alten Kleider an, setzt die blonde Perücke auf und leistet Mr. Crask beim Essen Gesellschaft.

In der Zwischenzeit ist der smarte Chanter neugierig geworden auf Joanna und zieht Erkundigungen über Crask ein. Er stößt auf den Polizisten im Ruhestand Tregarn, der ihm schließlich die Geschichte von dem mysteriösen Brand erzählt, der 1917 das erste Crask-Haus zerstörte. Zusammen mit der schönen Helen. Ihre angeblich permanente Untreue war das Dorfgespräch. Für die Dorfbewohner war der auf Heimaturlaub angereiste Crask der Täter, aber es wurde nie Anklage erhoben. Und der andere Mann, mutmaßlich ihr Liebhaber, ein Amerikaner, wurde nie mehr gesehen. Aber Helen war schon zuvor in London lebenslustig und untreu, darum brachte sie ihr Mann ja nach Cornwall in das Crask-Haus, das über einem stillgelegten Mineneingang errichtet war. Tregarn erwärmt sich für das Thema und erzählt von den diversen ungelösten Morden in der Gegend, an Hausmädchen und amerikanischen Soldaten. Für Chanter ist der Fall klar: Er muss Joanna sofort aus diesem Haus holen.

Die hat mittlerweile die Drogen ausgekotzt und bemerkt, dass der schöne Spiegel im Badezimmer zur Beobachtung diente und Crask sie beim Baden beobachten konnte. Sie versucht die Reinemachfrauen aus dem Dorf zu alarmieren, indem sie ihr Fenster zerschlägt. Aber Roberts reißt sie zurück und setzt sie wieder unter Drogen.

In der Zwischenzeit arbeiten sich Chanter und Tregarn durch die Minenschächte zum Haus vor. In einem Schacht unter der Ruine entdecken sie fünf Leichen, von denen nur noch die Skelette übrig sind. Männer und Frauen. Crasks Opfer. Chanter klettert nach oben.

Crask ist gerade im Begriff, die benommene Joanna im Schacht zu entsorgen. Denn mittlerweile hat sich dank der Reinemachfrauen auch die Dorfpolizei nach ihr erkundigt. Dabei hätte Crask sie so gern als neue Helen gehalten. Chanter kommt dazu. Es kommt zu einem Kampf, bei dem Crask versehentlich seinem Diener mit der Schrotflinte den Kopf wegschießt, bevor er selbst in den Schacht stürzt.

Der Fall wird noch mal aufgedröselt. Crask hat seine untreue Frau 1917 ermordet und sie dann in den vergangenen 50 Jahren im Wahn immer mal wieder neu erschaffen. Mrs. Hobart war die ehemalige Geliebte des Verrückten und ihm hörig. Roberts ist in Wahrheit ein untergetauchter Prostituiertenmörder aus London, der drei Frauen auf dem Gewissen hatte. Und selbst der pensionierte Polizist Tregarn war indirekt in die Sache verwickelt, denn er war ganze sechs Tage der Geliebte der unersättlichen Helen und hätte sie am liebsten selbst umgebracht, nachdem sie ihn abservierte und es mit dem Maler trieb.

Am Ende steht Paul, der verhinderte Schriftsteller, vor der Tür. Er ist extra per Anhalter nach Cornwall zu seiner Joanna gereist, damit die sich wieder um ihn kümmern kann. Aber da hat er Pech. Denn die hat jetzt Chanter und gibt ihm den Laufpass.

Seed of EvilWorum geht es?
"Seed of Evil" von Petrina Crawford erschien ursprünglich 1967 bei Lancer Books in Amerika als Gothic Romance und wurde 1970 in England bei Five Star Books ebenfalls als Gothic nachgedruckt.

Damit wäre das der erste Gaslichtroman, der bei Luther als Horrorroman vermarktet wurde. Ein Gothic aus Amerika, zufällig ausgewählt aus Hunderten. Das gab es später bei Pabel auch zur Genüge, und bei Luther sollte es ebenfalls nicht der letzte sein. Aber ganz so einfach ist die Geschichte dann wohl doch nicht.

Denn sieht man sich einmal die diversen Gothic Romance-Titel bei Five Star an, insgesamt fünfzehn Romane, fallen dem Genrekenner ein paar Merkwürdigkeiten auf. Da hat eine Julie Wellsley vier Romane geschrieben, und ein Conrad Quintin zwei. Bekannte Namen. Denn eine Julie Wellsley war die Sekretärin von Versicherungsdetektiv Richard Quintain in dem Voodoo-Roman "Trommeln der Finsternis" von W.A. Ballinger bei Luther.

Womit wir wieder bei dem Briten Howard Baker und seiner Literaturagentur Press Editorial sind. Baker ließ in einer Reihe von Thrillern seinen Geheimagenten/Detektiv Richard Quintain agieren. Daher liegt die begründete Vermutung nahe, dass Baker und seine Peter Saxon-Autoren wieder am Werk sind.

Julie Wellsley, die mindestens 10 Gothics verfasste, von denen ein paar auch in Deutschland bei Heyne und Pabel erschienen sind - es würde den Zufall schon sehr strapazieren, wenn eine Autorin ausgerechnet DEN Namen als Pseudonym wählen würde. Und Bakers Firma hat bei Lancer diverse Romane veröffentlicht. Man kann wohl davon ausgehen, dass zumindest einige dieser Gothics von Baker und Freunden in die Maschine getippt wurden.

Einige britische Kritiker sind der Meinung, dass Petrina Crawford vielleicht sogar unser alter Freund Wilfred McNeilly war. Das ist natürlich reine Spekulation und wird sich auch nie mehr bestätigen lassen. Allerdings erinnern ein paar Passagen und Strukturen durchaus an andere McNeilly-Romane. Der exotische Schauplatz, hier die aufgegebenen Zinnminen in Cornwall, die später sogar den Hintergrund für den Hammer-Film "Plague of the Zombies" boten, der heftige und zeitversetzte Prolog. Das schiefe Frauenbild kann man ihm nicht vorwerfen, das war in der Gesellschaft und der Unterhaltungsliteratur nun mal so üblich. Wie sagt da eine Reinmachfrau aus dem Dorf so schön über die unglückliche Joanna: "Du weißt doch, was diese Londonnerinnen für Dinger sind. Kurze Röcke, kurze Moral. Und sie ist auch nicht besser – denn warum sollte sie mit dem alten Crask zusammenleben." Spießige Dorfmoral als Zeitbild. Ganz zu schweigen von Helen, die über ihre Sexualität frei bestimmte und dafür umgebracht wurde. "Sie hat mir mein Leben verdorben, weil ich sie nie mehr vergessen konnte. Keine andere Frau hat mich mehr interessiert." Das sagt der alte Polizist Tregarn. Erwachsene Beziehungen und gleichberechtigte Partner sehen anders aus, als bei diesem Hure oder Madonna-Mist.  

Horrorroman oder Gothic Romance? Auch wenn "Saat des Bösen" im Ausland als Gothic erschien, ist er in vielen Punkten ziemlich untypisch für einen klassischen Gothic. Es geht handfest zur Sache. Der Prolog steht einem Horrorroman in der Intensität der Mordszene nur wenig nach; zuerst bricht Crask seiner Frau die Nase, dann verbrennt er sie lebendig zusammen mit dem Haus, nachdem er den Nebenbuhler erwürgt hat. Das ist zwar zugegebenermaßen nicht gerade Grand Guignol, aber so eindeutig liest man das dann doch nicht in jedem Gothic. Das Szenario im Crask-Haus mit der lüstern im Bad bespitzelten und später unter Drogen gesetzten Joanna erinnert auch eher an Horrorthriller als an Liebesromane mit Gruseltouch. Und der verrückte Crask, der vorgibt, Invalide zu sein, nur um seine "Helen" betatschen zu können, ist in der Eindeutigkeit der Schilderung schon ein handfester Schurke. Hier gibt es keine Geister, Waisen oder Erbschleicher, sondern Voyeure, Drogen, alte und neue Lustmorde und gleich zwei Serienkiller, bevor sie Serienkiller hießen. Ebenfalls nicht unbedingt die üblichen Zutaten für die doch eher prüden Gothics.  

Dafür sind die Romance-Elemente pflichtschuldig bis lustlos. Die Liebesgeschichte zwischen Joana und ihrem attraktiven Amerikaner und Retter bleibt im Text unterentwickelt und ist darum völlig an den Haaren herbeigezogen. Und das Portrait von Paul, dem Schmarotzer, hat einen zugegeben herrlich gemeinen Unterton. Erst recht mit der Pointe am Ende, bei der sich seine angebetete Versorgerin in die starken Arme ihres Amis schmiegt und ihm praktisch die Nase vor der Tür zuschlägt. Da wird man den Eindruck nicht los, dass da jemand die Romantik-Quote erfüllen musste.

Aber man muss auch feststellen, dass die Geschichte als Kind zweiter Welten nicht so richtig funktioniert, selbst wenn der Roman 1967 bestimmt effektiver als heute war. Für die Gothic-Käuferinnen – ich kann mir nicht vorstellen, dass sich zu der Zeit männliche Leser daran in Scharen vergriffen hätten – muss das eher ungewohnt harte Kost gewesen sein. Aber trotz der Versatzstücke bleibt dieser Billig-Psycho für die Freunde des gepflegten Horrors unbefriedigend. Abgesehen von dem völligen Mangel jeglicher übernatürlicher Elemente folgt der Plot zumindest aus heutiger Sicht zu sehr dem Klischeehandbuch. Daraus hätte man sicherlich viel mehr machen können – zum Beispiel ist die am Ende hingeschleuderte Information, dass der Diener Roberts ein flüchtiger Frauenmörder ist, dramatisch völlig verschwendet. Genau wie Crasks Spielchen mit seinen früheren Mordopfern oder die Vorgeschichte. Aber 1967 wäre niemand auf die Idee gekommen, daraus einen Roman mit 300 Seiten zu machen und solche Elemente so auszuschmücken, wie sie es verdienen.

So liest sich das Ganze heute zwar nach dem schleppenden weil zu bekannten Gaslicht-Anfang relativ unterhaltsam, aber letztlich ist es bestenfalls Durchschnitt.

Wer am Ende auch immer hinter dem Namen Petrina Crawford an der Schreibmaschine saß, ob nun Baker, McNeilly oder einer der anderen Verdächtigen von Press Ed – oder gar jemand anderes -, die "Autorin" gab sich nur zweimal die Ehre. Es erschien noch "Lovers Mist", ebenfalls bei Lancer und Five Star, der es in die Original-Gaslichtreihe von Pabel schaffte als Nr. 217 mit dem Titel "Die Nacht ohne Stunden".

Die Unterbringung in einer Reihe von Gothic Romances wirft heute Fragen auf, andererseits war diese Marktkategorie im Gegensatz zu anderen Genre stets recht flexibel und Ende 60/Anfang 70 die Nähe zum Horrorroman Programm. Man denke nur an die vom Verlag Avon herausgegebene Unterreihe "Satanic Gothic", die vom Thema Satanismus profitieren wollte, das gerade in den hysterischen USA Wellen schlug.

Gothics als Horror zu vermarkten ist eigentlich Rosstäuscherei, war aber bei den deutschen Verlagen ebenfalls üblich. Dass auch wenige Jahre später bei Pabels Vampir Horror anfangs so viele amerikanische Gothics veröffentlicht wurden – genau wie in der Folgezeit beim HE – lag nicht zuletzt daran, dass es nicht genug geeignetes Material gab, das den nötigen Umfang hatte, thematisch passte und in den Rechten erschwinglich war. In diesen Jahren war es gar nicht so einfach, an geeignete Romane für so eine Reihe zu kommen. Der Horrorboom stand in Amerika und England erst in den Startlöchern. Drei Romane und ihre Verfilmung sorgten dafür, dass die Marktkategorie Horror überhaupt entstand. Das waren Ira Levins "Rosemary's Baby" (1967), Thomas Tryons "The Other" (1971) und Peter Blattys "The Exorzist" (1971). Ihr überwältigender Erfolg vor allem in der Filmversion schuf in den kommenden Jahren die Grundlage und den Bedarf für Hunderte solcher Romane, da das zahlende Publikum plötzlich nicht genug von Grusel, Satanisten und Horror bekam.

In England gab es bis 1969 auf dem Gruselsektor hauptsächlich Anthologien alter Kurzgeschichten und Autorensammlungen, ein paar neu aufgelegte Klassiker wie William Hope Hodgson und die unvermeidlichen Neuausgaben von Bram Stoker und Mary Shelley, ein paar wenige historische Romane mit okkulten Themen von Autoren wie Dennis Wheatley und Krimis mit Gruseltouch von Autoren wie dem wirklich lesenswerten John Blackburn (der in Deutschland in Krimireihen erschien). In Amerika sah es nicht viel anders aus. Horrorromane waren dünn gesät und wurden häufig in Gothic Romance-Reihen veröffentlicht. Selbst die erste Taschenbuchausgabe von Richard Mathesons "Hell House" 1971 hat ein klassisches Gaslicht-Cover mit Haus, Mädchen und Licht im zweiten Stock und wird auf dem Umschlag als "Gothic Mystery" vermarktet, was es nun wirklich nicht ist. So gesehen passen die soften Romane um "Barnabas der Vampir" von Gothic-Vielschreiber Dan Ross fast schon nahtlos in den zu der Zeit entschärften Vampir Horror.

Insofern war Luthers Verbindung mit dem amerikanischen Agenten Kurt Singer durchaus fruchtbar, auch wenn der den Finger nicht unbedingt am Puls der Zeit hatte, was aktuelle Autoren oder gar Entwicklungen im Genre anging.

Und auch wenn man sich heute darüber mokiert, dass in den diversen Gruselreihen die Gothics verwurstet wurden, darf man auch da den Kontext nicht vergessen. Genau wie der Horror expert und seine Schwesterserien waren Dinge wie die Gaslicht-Romane 1971 auf dem Heftromanmarkt brandneu und ihr Erfolg ungewiss. Pabels Gaslicht erblickte ebenfalls 1971 das Licht der Welt. Und wohl kaum ein Käufer hätte den Inhalt der Heyne Romantic Thriller, die erste deutsche Gothic-Reihe im Taschenbuch, die es seit 1966 gab, mit Büchern wie von Petrina Crawford in Einklang gebracht. Auch wenn sie letztlich vom selben Markt stammte wie Dorothy Eden oder Virginia Coffman, um ein paar der bekannteren Autorinnen (die tatsächlich auch Frauen waren) zu nennen.

Seed of EvilInsofern kann man es Luther nicht zum Vorwurf machen, wenn er seine Horror-Reihe damit bestückte. Es ist fraglich, ob man sich der Unterschiede wirklich bewusst war.

Laut Impressum übernahm ab dieser Nummer Corinna Berger das Lektorat, das sie bis zum Ende der Reihe betreute. Der Übersetzer bleibt aber weiterhin namenslos.

Das Titelbild:
Ein typischer Herbert Papala, muss man sagen. Kein Bezug zum Inhalt, technisch aber sehr gut gemacht. Dieser deutsche Künstler hat dem Horror expert fraglos eine Identität verliehen.

Das Originale:

  • Seed of Evil
    von Petrina Crawford
    Lancer Books, 1967

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Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-12-04 11:17
Hut ab.
#2 Toni 2017-12-05 13:17
Das war dann mal ein Gothic der härteren Gangart. Die normalen Monster hatten zu Horrorroman-Anfangszeiten in Deutschland wohl schon etwas Staub angesetzt und wären auf Dauer noch öder geworden - obwohl Vampire immer noch überall auftauchen. Dann lieber mal ein herzergreifender Frauengrusler mit wallenden Gewändern. :-)
Auf den ersten " Barnabas der Vampir" beim VHR bin ich schon gespannt.
#3 Erlkönig 2017-12-05 20:06
Feiner Artikel. Liest sich viel interessanter, als der zu Grunde liegende Roman.
Schade, daß der Diener kein Thugg war. :-)
#4 Laurin 2017-12-05 20:10
Zitat Erlkönig:

"Feiner Artikel. Liest sich viel interessanter, als der zu Grunde liegende Roman."

Stimmt absolut. Besser hätte ich es jetzt auch nicht ausdrücken können.

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