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Kurt Luifs Werkausgabe - 2. Teil - Das Spürauge

Kurt Luif WerkausgabeDas Spürauge

Im Mai 2017 wäre Kurt Luif 75 Jahre alt geworden und aus dem Grund habe ich mir die Mühe gemacht und diverse Romane von ihm eingescannt und präsentiere Euch im Laufe der nächsten Monaten einige seiner Werke in eine Art von Werkausgabe.

Sein zweiter Roman erschien erst 1971. Der SF-Roman "Das Spürauge" erschien 1971 als Zauberkreis-Science Fiction-Roman Nr. 113 unter dem Pseudonym Jörg Spielmans.


Viel Spaß beim Lesen...

Das SpüraugeDas Spürauge
Zauberkreis-SF Nr. 113
von Jörg Spielmans alias Kurt Lui
Der Mann sah nicht wie ein Mörder aus.

Sein hagerer Körper steckte in einem buntbedruckten Baumwollumhang, der bis über die Sandalen fiel. Die Hände hatte er in die tie­fen Taschen vergraben und die Kapuze des Umhangs über die Stirn gezogen, so daß nur Augen und Nase zu sehen waren.

Nichts unterschied ihn von den Menschen, die an ihm vorbeigingen und in die Transmitterkabinen traten.

Er blickte sich zögernd und etwas ge­langweilt um, schob die Kapuze aus der Stirn und strebte dann dem Ausgang zu. Er benützte nicht eines der Gleitbänder, sondern ging die wenigen Schritte zu Fuß. Sofort leuchtete eine rote Schrift über den weißen Türen auf.

Warnung! Es ist Mittagszeit. Das Be­treten der Straßen ohne Altair-Schutz ist gefährlich. Schützen Sie Ihr Augenlicht! Verwenden Sie eine Hephaistos-Schutz­brille. Im Automaten in der Halle er­hältlich.

Der Mann ging weiter auf die Türen zu.

Warnung! Setzen Sie Ihre Hephaistos­-Schutzbrille auf, Warnung!

Er zog die Kapuze wieder in die Stirn und holte aus dem Halsausschnitt die Brille hervor, die beinahe sein ganzes Gesicht bedeckte. Die Tür glitt zurück, und er trat in die flimmernde Hitze von Altair 16 hinaus. Die weiße Sonne Altair stand hoch am Himmel, keine Wolke milderte die Wucht der weißglühenden Strahlen, die alles Leben zu vernichten drohten.

Sekundenlang stand er still; trotz der Brille mußte er sich an das grelle Licht erst gewöhnen. Automatisch stellte sich die Klimaanlage seines Umhangs ein.

Während der Mittagsstunden bot die Stadt einen eigenartigen Anblick. Die breiten Straßen waren menschenleer, nur die Gleitbänder bewegten sich. Um diese Tageszeit erstarb der Pulsschlag der City, alles suchte Schutz in den Häusern. Die Verschalungen, die fugen­los über die Fenster glitten, machten aus den weißen Häusern riesige Spiel­zeugklötze.

Es war vollkommen windstill, aber der Mann spürte die Hitze nicht; sein Umhang war gut konstruiert, er isolier­te ihn perfekt.

Seine Schritte hallten seltsam; ein Gleitband brachte ihn unter der Straße hindurch auf die andere Seite. Er ver­zichtete darauf, für seinen weiteren Weg zum Drachenmeer eines der Bänder zu wählen, sondern ging zu Fuß.

Vor dem pompösen Portal des Dra­chen-Hotels blieb er stehen. In Rekla­men bezeichnete sich das Hotel schlicht als die „Perle des Altair-Systems“, was zweifellos stimmte. Für die Fassade war weißer Granit vom Sirius verwendet worden, was natürlich purer Snobismus war, da Altair 16 praktisch aus Granit bestand.

Das Hotelgebäude zog sich breit hin. Unter einer verschwenderisch ausgestat­teten Dachterrasse lagen riesige Appar­tements, Klubräume und  was dieses Hotel am Leben erhielt, eine traumhafte Küche, in der sich Köche von sieben­undzwanzig verschiedenen Welten tum­melten.

Im Drachen-Hotel servierte man alle bekannten Spezialitäten aus 63 Plane­tensystemen.

Der Mann ließ sich von all dem nicht beeindrucken. Er war hierhergekom­men, um seine Aufgabe zu erfüllen: ei­nen Mann zu töten.

Ein Gleitband brachte ihn durch die breite Glastür in eine ganz in Blau ge­haltene Halle. Er nahm die Schutzbrille ab.

Das Drachen-Hotel leistete sich den Luxus menschlicher Bedienung, was sich auch gewaltig auf die Preise nieder­schlug. Aber auf Altair 16 konnte man sich alles leisten...

Ein junges Mädchen in einem weißen Umhang, der sie vollständig einhüllte, eilte auf den Besucher zu. Auf ihrem vollkommen glatt rasierten Scheitel trug sie das Emblem des Hotels: den grünen Drachen mit den gelben Augen.

Der Mann war an derartige Ge­schmacklosigkeiten gewöhnt. Er zog seine Hände aus dem Umhang hervor und streifte die Handschuhe ab. „Ich habe eine Loge reservieren lassen“, sagte er. Seine Stimme klang leise und war sehr deutlich. Interlingua war ihm wohl nicht sehr vertraut.

„Sehr wohl, Sir“, sagte das Mädchen und neigte den Kopf. „Wie ist Ihr Name?“ Sie war offensichtlich über­rascht, daß er nicht den Hotel-Transmit­ter benützt hatte, sondern mittags von der Straße hereingekommen war.

„Berten“, sagte er und folgte dem Mädchen. Er hatte absichtlich eine Loge bestellt, einen kleinen, abgeschlossenen Raum ganz für sich allein, zu dem nur das Servierpersonal Zutritt hatte.

Das Mädchen reichte Berten an einen jungen Kellner weiter, der devot lächelte und unangenehm parfümiert war. Er geleitete Berten durch einen breiten, gepolsterten Gang und blieb vor Loge Nummer 35 stehen.

„Darf ich Ihnen den Umhang abneh­men, Sir?“ fragte er.

„Danke“, sagte Berten. „Ich komme allein zurecht.“ Er trat ein, und die Tür glitt lautlos hinter ihm zu. Ein Eßtisch und sechs Schalenstühle, in der einen Ecke ein zierlicher Rauchtisch und ein bequemer Lehnstuhl, alles in weichen Pastellfarben.

Berten blickte auf die Uhr. Er war pünktlich gekommen, in zwei Minuten würde es soweit sein. Er zog den Umhang über der Brust auf, griff in eine schmale Tasche und holte ein schraubenförmiges Instrument hervor. Es blitzte stählern und war etwa zehn Zentimeter lang. Am dickeren Ende befestigte er eine rote Kugel. Dann stieß er einen vorstehenden Zapfen in die Kugel und nahm das Instrument in die rechte Hand. Die Kugel verschwand in seiner Faust, nur das schraubenartige Stück ragte zwischen Zeige- und Mittel­finger hervor.

Wieder sah er auf die Uhr. Dann straffte sich seine Gestalt.

Er trat auf die Tür zu, sie glitt auf, und mit zwei Schritten war er am Korri­dor. Er wandte sich nach rechts. Nie­mand war zu sehen.

Er schritt den Korridor entlang, die ­Hand mit dem Instrument hielt er loc­ker vor sich her.

Stimmen näherten sich. Berten blieb stehen.

Um die Ecke des Korridors kam ein hochgewachsener Mann in dunkelglänzendem Umhang, das schwarze Haar silbern durchzogen. Er unterhielt sich lächelnd mit einer zierlichen Blondine die leise kicherte. Hinter ihnen ging der parfümierte Kellner, der auch Ber­ten begleitet hatte.

„Guten Tag, Herr Abgeordneter“. sagte Berten.

Anderson blieb stehen und musterte ihn kühl. „Was kann ich für Sie tun?“  fragte er.

Als Antwort hob Berten das Instru­ment und drückte die Kugel zusammen. Aus dem schraubenartigen Stück sprüh­te feiner Nieselregen über das Gesicht des Abgeordneten und seinen Umhang. Ein eigenartiger Geruch lag in der Luft.

„Was soll der Unsinn?“ bellte Ander­son.

„Eine kleine Aufmerksamkeit für Ihre politische Tätigkeit, Abgeordneter, die wir alle so ungemein schätzen.“

Er ließ das Instrument unter seinem Umhang verschwinden und holte stattdessen einen Lähmstrahler hervor, mit dem er den Kellner und die zu einem Schrei ansetzende Blondine vorüberge­hend zur Bewegungslosigkeit verurteilte. Dann wandte er sich wieder dem Abgeordneten zu. „Sie haben noch eine Stunde zu leben. Nützen Sie die Zeit!“

Er eilte an dem Politiker vorbei, der die Fassung wiedererlangte und keu­chend um Hilfe rief. Berten verlang­samte seine Schritte und strebte dem Ausgang zu.

 

* * *

 

Carter M. Carter saß in der Zentrale der Vereinigten Systempolizei VSP auf Altair 16 und studierte Computerbe­richte.

Er lehnte gebeugt über dem riesigen Schreibtisch, der angesichts seiner eige­nen breiten, hohen Gestalt viel von sei­ner Größe verlor. Nach seiner Spezial­ausbildung auf Terra und Sirius war er nach Altair 16 zurückversetzt worden und vor einem Jahr, mit knapp Dreißig, zum Leiter der Zentrale der VSP auf diesem Planeten ernannt worden.

Obzwar Carter den friedfertigen, ru­higen Charakter der Leute von Altair 16 besaß, sehnte er sich doch manchmal ein wenig nach Abwechslung, besonders in seinem Job. Aber auf Altair 16 gab ei: für die Polizei wenig Arbeit. Der Pla­net war reich, satt und zufrieden, und kaum jemand geriet mit seinem Nach­barn oder den Gesetzen in Konflikt.

Schläfrig überflog er die Meldungen, die der Computer ausspuckte. Alle Ver­brechen und Unfälle wurden von den lokalen Polizeistationen an die Zen­trale Altair 16 und gleichzeitig an die beiden Hauptzentralen der VSP - Si­rius und Terra - weitergegeben, wenn dies von intergalaktischem Interesse war.

Aber wie üblich war mittags nichts los. Auf Altair 16 hielten auch die we­nigen Bösewichter Mittagspause. Es war statistisch nachgewiesen, daß weniger als ein halbes Prozent aller Unfälle und Verbrechen zwischen 12 und 15 Uhr Planetenzeit geschahen.

Das Signal des Bildsprechgerätes riß ihn aus seiner Lethargie. Er drückte den Knopf und stellte die Verbindung her. Auf dem Bildschirm erschien das sor­gendurchfurchte Gesicht von Peter Heit­nisch, dem Chef der lokalen Polizei, Altair-City.

„Ja, was gibt's, Peter?“

„Frag nicht soviel, komm sofort hier! Drachen-Hotel. Ein Attentat auf den Abgeordneten Anderson.“

Carter stürzte aus dem Zimmer und rief im Vorbeigehen einem Roboter zu: „Sofort den Journaldienst verstärken. Bericht folgt!“

Der Roboter begann gehorsam zu tic­ken. Carter raste aus dem Raum, den Korridor entlang und sprang in den Aufzugschacht. Attentat auf Anderson! Seine Mittagsmüdigkeit war plötzlich verflogen.

Auf der dritten Etage verließ er den Aufzug, stürmte in die Transmitterka­bine, schob seine Marke in den Schlitz und drehte sie. Dann wählte er die Zah­lenkombination des Drachen-Hotels.

Am Beginn seiner Karriere war ihm oft übel geworden, wenn er den Trans­mitter benutzte, - eine peinliche Sache für einen Mann, der im Polizeidienst stand. Aber nun hatte er sich daran ge­wöhnt, obzwar ihm ein gewisser Wider­wille gegen Transmitter geblieben war.

Während er die Ziffern eintastete, drehten sich seine Gedanken unablässig um die eben erhaltene Meldung.

Sooft er den Namen Anderson hörte, erinnerte er sich an seinen Vater, der den Abgeordneten wie die Pest gehaßt hatte. Er dachte an den seltsamen Brauch des Abendgebets, das sein Vater stets mit den gleichen Worten begon­nen hatte: „Lieber Gott, schicke uns keine Plagen und erlöse uns von dem Abgeordneten Anderson...“ Und nur das Polizeiemblem auf seinem Umhang hinderte ihn daran, seinem Vater aus ganzem Herzen beizupflichten. Auch er mochte den alternden Playboy nicht, der es wie wenige verstand, die Macht in seinen Händen zu konzentrieren.

Nach dem bekannten Ziehen in der Magengegend hüllte ihn grünes Licht ein, und der Transmittersprung war überstanden. Er war im Drachen-Hotel.

Er trat aus der Transmitterkabine und starrte in Peter Heitnischs rotes Gesicht. „Was ist los?“

„Der Teufel ist los, Carter, und das ist noch milde ausgedrückt. Komm mit.“ Er folgte Heitnisch.

„Vor genau sieben Minuten wurde von einem unbekannten Mann ein At­tentat auf Anderson verübt. Der Mann war laut Aussagen des hiesigen Per­sonals mit einem bunten Baumwollum­hang bekleidet und trug eine Schutz­brille mit silbernen Verspiegelungen. Er nannte sich Berten.“

„Was stellte das Spürauge fest?“ un­terbrach ihn Carter.

„Warte. Genau zwei Minuten nach dem Attentat waren wir hier. Der Ab­geordnete war mit einer Flüssigkeit be­sprüht worden; seine Begleiterin und ein Kellner standen starr wie Puppen herum. Sie berichteten später, nachdem die Lähmphase vorbei war, daß der Tä­ter zum Abgeordneten gesagt habe, An­derson hätte noch eine Stunde zu leben. Einstweilen zeigt sich bei Anderson je­doch keine Wirkung; die Flüssigkeit, mit der er besprüht wurde, verdampfte in­nerhalb weniger Sekunden, sagt er. Der Arzt kam sofort, konnte aber nichts feststellen. Jedenfalls haben wir Ander­sons Umhang sofort ins Labor gesandt. Vielleicht ergibt die Analyse der Flüs­sigkeitsspuren etwas.“

Er schwieg und sah Carter bedeu­tungsvoll an.

„Und was ergab das Spürauge, zum Teufel?“ rief Carter ungeduldig.

„Nichts.“

Der Leiter der Zentrale blieb stehen und sah Heitnisch verblüfft an. „Sag das noch mal!“

„Wir haben drei verschiedene Typen versucht, weil wir's selbst nicht glauben konnten.“

Das war unmöglich. Seit Ma'chur vor mehr als dreihundert Jahren das Spür­auge erfunden hatte, hatte es noch nie versagt! Die verläßlichste Waffe im Kampf gegen Verbrecher und Verbre­chen, das vollkommene Rüstzeug des Kriminalisten, das dem Verbrecher keine Chance ließ, das alle Träume vom perfekten Verbrechen im Keim er­stickte...

Das Spürauge war eine Art Film­kamera für die Vergangenheit. Man konnte damit die Ereignisse an jedem beliebigen Ort bis zu drei Stunden zu­rückverfolgen und gleichzeitig aufzeich­nen. Über diese Zeitspanne hinaus ver­wischte sich das Bild und wurde un­deutlich, was aber kaum von Bedeutung war, da die Polizei im allgemeinen in­nerhalb von Minuten am Tatort war. Das Spürauge ermöglichte es also, die Zeit am Tatort praktisch zurücklaufen zu lassen, - bis zum Augenblick des Verbrechens und oft noch weiter.

Für den Täter war es zwecklos, sich zu verkleiden oder bioplastische Ver­änderungen an sich vornehmen zu las­sen, denn durch speziell ausgebildete Telepathen war es möglich, die Gedan­ken des Täters zu erfahren. Aber der­art hochentwickelte Telepathen waren selten.

„Soll das heißen, das Spürauge funk­tioniert nicht?“ fragte Carter nach einer Schrecksekunde.

„Wir sehen alles, nur der Mann, der das Attentat verübte, bleibt unsichtbar. Am besten, du siehst dir die Sache mal an.“

Carter grüßte einige Bekannte von der Polizei und trat gespannt zum Spürauge, einem kleinen, unscheinbaren Apparat auf einem Dreibein, mit einem Bildschirm an der Vorderseite.

Heitnisch drückte auf den Wieder­gabeknopf. Ein Mädchen mit dem auf­geklebten Drachenemblem des Hotels auf der Schädeldecke sprach zu einem Unsichtbaren. Man vernahm dessen Ant­wort, sah den Kellner den Korridor ent­langgehen, die Tür zur Loge Nummer 35 öffnen und sah, wie sich die Logen­tür schloß. Dann öffnete sie sich wieder, und am Ende des Korridors kam der Abgeordnete Anderson um eine Ecke.

„Guten Tag, Herr Abgeordneter“, sagte eine leise, deutliche Stimme.

Kühle Höflichkeit von Andersons Seite, ein feiner Sprühregen ergoß sich über den Abgeordneten, der sein Ge­sicht zornig verzog. Der Kellner und das blonde Mädchen erstarrten.

Peter schaltete das Spürauge aus. „Nun, was sagst du?“ fragte er mit deutlicher Resignation in der Stimme.

Carter winkte einen Beamten heran. „Geben Sie an die Zentrale durch, man soll Hunter, VSP-Altair-City-Südwest, verständigen. Und veranlassen Sie, daß ich sofort eine Verbindung mit der Zen­trale Sirius bekomme. Verlangen Sie Ra'chun mit Dringlichkeitsstufe Eins und sagen Sie, Carter M. Carter, VSP Altair 16 möchte ihn sprechen.“

Heitnisch blickte gedankenvoll auf das Spürauge. „Es mußte ja mal so kommen, daß irgendjemand einen Weg findet, das Ding außer Aktion zu setzen. Aber warum, so frage ich dich, muß das gerade auf unserem verschlafenen Planeten passieren?“

„Wo ist Anderson jetzt?“ fragte Carter, um Heitnisch von seinen philoso­phischen Betrachtungen abzulenken.

„lch führe dich hin.“

„Fahndung ist eingeleitet?“ fragte Carter.

„Natürlich. Ist aber vollkommen sinn­los - alles, was wir wissen, ist, daß er einen buntbedruckten Umhang trug. Allein auf diesem Planeten gibt's Millio­nen davon.“

Diese Tatsache ließ sich leider nicht aus der Welt schaffen.

„Ihre Verbindung mit Sirius, Mister Carter.“ Der Beamte reichte ihm ein tragbares Bildtelefon. Er griff nach dem Apparat.

„Probleme, Max?“ grinste Ra'chun, der oberste Chef der Vereinigten Sy­stempolizei, Hauptzentrale Sirius.

Carter gab mißgelaunt einen kurzen Bericht. Er mochte es gar nicht, mit sei­nem zweiten Vornamen angesprochen zu werden. Ein Umstand, den sich Ra'chun boshafterweise zunutze machte. Er war jung, intelligent und spleenig, wie alle Sirianer. Und wie alle Sirianer sah er sich gern im Spiegel. Diesmal trug er blaßgelbe Haut und violette Augen, dazu goldenes, kurzes Haar. Carter war­tete staunend auf den Tag, an dem man auf Sirius ein Mittel entdeckte, mit dem der eingeborene Sirianer nicht nur über Nacht seine Hautfarbe ändern, sondern zusätzliche Feinheiten einbauen konnte, etwa Tüpfelchen oder Streifen...

Carter schloß seinen Bericht. Ra'chuns Miene verriet nichts. Er  schien eher ab­wesend, aber seine nervösen Hände suchten außer Sichtwinkel bereits nach einer Beruhigungspille. „Ich möchte die Aufzeichnungen sehen. Ich bleibe auf Empfang.“

Doc Bartley, der Polizeiarzt, stürzte in den Raum. „Gut, daß ich Sie hier finde, Carter. Anderson ist ein toter Mann, es gibt keine Rettung für ihn.“

„Was verwendete der Attentäter?“ ließ sich die Stimme Ra'chuns verneh­men, der den Worten des Arztes gefolgt war.

„Eine Alterungsdroge. Anderson al­tert während weniger Minuten um Jahre, das heißt, er stirbt praktisch an Altersschwäche. Der Prozeß setzt sich noch weiter fort. Ich sage Ihnen jetzt schon. Seine Leiche wird innerhalb kürzester Zeit zerfallen. Es gibt keine Heilung. Diese Droge wurde entdeckt, als man nach dem Unsterblichkeitsserum forschte, aber die Zusammensetzung ist mir nicht bekannt. Vielleicht-“, er blickte auf den Schirm des Bildtelefons in Carters Hand. „Vielleicht können Sie da etwas in Erfahrung bringen, Ra'chun. Die Forschungen wurden vor mehr als fünfzig Jahren abgeschlossen. Bei Ihnen müssen aber Aufzeichnungen vorhanden sein.“

„Ich lasse recherchieren und Ihnen so­fort Bescheid geben.“

Ra'chun unterbrach die Verbindung.

Carter lächelte, als er sich den Hexen­kessel in der Hauptzentrale Sirius vor­stellte: Einige hundert von Natur aus hypernervöse Beamten hörten mit, da jede Information sofort verarbeitet und gespeichert wurde. Das hieß, daß sich Ra'chun in diesem Augenblick in einem hysterischen Bienenstock befand.

Ein Mensch erschien auf dem Bild­schirm. Seinen gedunsenen Zügen nach zu schließen, stammte er von einem Planeten des Capella-Systems. „Ich bin Doktor Heldenberg“, sagte er mit leiser Stimme, „von der VSP Hauptzentrale Sirius-Forschungslabor. Es gibt keine Heilung für den Abgeordneten. Sie ver­abreichen ihm am besten eine Schlaf­spritze, verstärkt mit einem schmerz­stillenden Mittel. Das ist alles, was Sie für ihn tun können.“

Das Bild verschwand, und Ra'chuns gelbes Antlitz mit den seltsam schrägen Augen tauchte wieder auf.

Carter hatte keine Ahnung, wie er in dieser Angelegenheit weiter vorgehen sollte, auch mit Ra'chuns Hilfe. Es gab keinen Anhaltspunkt, nichts, wo man einhaken konnte. Und mit Entsetzen dachte er an die Fernsehkommentare, die in den nächsten Tagen auf die VSP zukommen würden - ein nicht zu eruie­render Täter und eine teuflische Waffe, die nur wenigen bekannt war. Und das alles auf diesem Planeten, der an Zwischenfälle jeglicher Art so wenig ge­wöhnt war...

Doc Bartley ging voran, und Carter folgte ihm zusammen mit Heitnisch, des­sen sorgenvolles Dackelgesicht sich im­mer noch nicht geglättet hatte, - ver­ständlicherweise. Seine Gedanken waren etwa die gleichen wie die Carters.

Sie gingen langsam, als schritten sie zu einer Totenfeier, und wenn sie an Anderson dachten, so konnte es wohl bis dahin nicht mehr lange dauern.

In seiner Rechten trug Carter Ra'chuns ungewöhnlich ernstes Gesicht auf dem Schirm des Bildtelefons.

Doc Bartley stieß die Tür der Loge auf, in die man Anderson gebracht hatte. Eine Krankenpflegerin saß neben der Liege, auf der der Abgeordnete ruhte, ein Hilfsroboter stand reglos in einer Ecke.

Der Abgeordnete sah schrecklich aus. Seine Wangen waren eingefallen, die Augen hielt er halb geschlossen, unruhig wand er sich auf der schmalen Liege. Schweiß stand auf seiner Stirn, obzwar der kleine Raum gut klimatisiert war. Sein früher dunkles Haar mit den at­traktiven grauen Strähnen war nun schmutzigweiß, und Haarbüschel lagen auf dem flachen Kissen. Seine Züge wa­ren von Falten zerfurcht, die sich quer über die Stirn, an Nase und Mund ent­lang bis tief in den Hals gruben. Seine Haut war gelblich und schlaff.

Röchelnd richtete er sich auf, stam­melte vor sich hin und griff mit zuc­kenden Händen in die Luft.

Bartley drückte ihn sanft zurück. „Geben Sie mir eine Spritze“, sagte er zur Pflegerin. „Eine Ampulle Taron.“

Entsetzen stand in ihren Augen, als sie sich zum Instrumentenkasten beugte.

Der Arzt klemmte die Ampulle in die Spritze und drückte die Nadel gegen das linke Handgelenk Andersons. Die helle Flüssigkeit strömte aus der Ampulle ­als sie leer war, lag Anderson ruhig und atmete gleichmäßig.

Niemand sprach, nichts war zu hören als das Atmen der Anwesenden, die ihre Blicke nicht von dem erschrecken­den Schauspiel reißen konnten. Carter hatte den Abgeordneten nie gemocht, aber dieser grauenhafte Tod griff auch ihm ans Herz. Schweiß stand auf seiner Stirn, und sein kurzgeschnittenes, sand­farbenes Haar war feucht.

Andersons Schädel war nun vollkom­men kahl, sein Gesicht zerfurcht. Nichts erinnerte mehr an den Playboy, der lächend alles im Leben erreicht hatte, was er wollte. Seine Armbanduhr, von Magnethaken gehalten, glitt ein Stück über das Handgelenk. Ein breiter, mas­siver Siegelring mit dem Emblem des Abgeordneten fiel von seinem Ring­finger und rollte zu Boden.

Carter wollte sich abwenden, doch er konnte es nicht. Atemlos sah er zu, wie der Mann verfiel.

Doc Bartley gab dem Abgeordneten eine schmerzstillende Spritze.

Die Krankenpflegerin begann plötz­lich zu schluchzen.

„Kommen Sie, mein Kind“, sagte Hartley, faßte das Mädchen an den Schultern und führte sie aus dem Raum.

Carter schluckte. Nur zu gern hätte er es geduldet, wenn auch ihn jemand aus dem Zimmer geführt hätte. Ver­stohlen blickte er auf Heitnisch, der schweigend und reglos neben ihm stand. Aber dieser reagierte nicht.

Anderson war nun total verfallen. Sein Gesicht bestand nur mehr aus fal­tiger Haut und scharf hervortretenden Knochen.

Irgendwann starb er. Heitnisch und Carter zuckten zusammen, denn die plötzliche Stille traf sie wie ein Pau­kenschlag. Andersons rasselnder Atem war zum Stillstand gekommen.

Von Andersons Körper lösten sich Teile der Haut, und der blanke Knochen trat hervor.

Carter drehte sich um und ging schnell auf die Tür zu. Da erinnerte er sich an das Bildtelefon in seiner Hand. „Wol­len Sie noch weiter zusehen?“ fragte er Ha'chun mit heiserer Stimme.

Der oberste Chef der VSP Hauptzentrale Sirius schüttelte den Kopf. Auch diesem, trotz seiner sirianischen Heiterkeit so hartgesottenen Mann, war dieser Anblick nahegegangen.

Carter trat auf den Korridor. Draußen saß die Pflegerin, das Gesicht in den Händen vergraben und weinte. Ein ratloser Kellner drückte sich gegen die Wandpolsterung. Tröstend legte Carter einen Arm um die Schultern der jungen Pflegerin im weißen Umhang. Worte fand er keine. Sie sah auf, Carter nickte ihr schwach zu und ging weiter.

„Organisieren Sie mir einen Drink“, sagte er zu dem Kellner, der mit gro­ßen, ungläubigen Augen diesen Wunsch mit dem Polizeiemblem auf Carters Brust verglich. „Aber etwas Scharfes, ja?“

Der Kellner eilte lautlos den Korri­dor entlang.

Carters Hände zitterten immer noch, als er nach dem Glas griff. Das wasser­helle, bittere Zeug floß wärmend durch seine Kehle und trieb ihm Tränen in die Augen.

Es war eine schweigende Versammlung, hier am Korridor des Hotels, die er über den Rand seines Glases hinweg betrachtete. Nur vereinzelt drangen Wortfetzen an sein Ohr, die dunkle Pol­sterung verschluckte jeden Laut und machte das Geschehen noch unwirk­licher.

Was nun? Die Sache war nun end­gültig in den Bereich der Vereinigten Systempolizei übergegangen, und als Leiter der Zentrale Altair 16 hatte Car­ter die undankbare Aufgabe, sich mit diesem Fall zu beschäftigen. Mit Recht würde man von ihm die Klärung des Verbrechens erwarten, und bis dahin würden alle Augen auf ihn gerichtet sein.

Er fühlte sich wie ein Beamter im ersten Dienstmonat. Er stand da und wußte nicht weiter - und hätte gern seinen Vorgesetzten um Rat gefragt. Aber außer Ra'chun gab es für ihn kei­nen Vorgesetzten, und Ra'chun war rat­los wie er.

„Carter“. Doc Bartley trat hinter ihn und legte ihm die Hand auf die Schul­ter. „Anderson ist eben zu Staub zer­fallen.“

 

* * *

 

Obzwar Berten davon überzeugt war, daß man keine Möglichkeit gefunden hatte, ihm zu folgen, ging er kein Ri­siko ein. Er betrat eine Transmitterka­bine und sprang in eine Station im Sü­den von Altair-City. Dort wechselte er die Kabine, um gleich darauf in die Gegenrichtung zu springen.

Er verließ die Transmitterstation und betrat ein Gleitband, das ihn durch kahle, weiße Straßen führte, in denen das Leben nach der unerträglichen Hitze der Mittagszeit wieder erwachte. Da und dort glitt eine Verschalung von den schmalen, waagrechten Fenstern, und er befand sich nicht mehr allein auf dem Gleitband.

Er ging einige Straßen zu Fuß, be­trat wieder eine Transmitterkabine und begann sein Spiel von neuem. In der Nähe der Raumstation verließ er die Transmitterstation endgültig und trat ins Freie.

Wieder blickte er auf die Uhr. Um seiner Aufgabe wirklich den gewünsch­ten Erfolg zu garantieren, mußte er schnell handeln.

Er orientierte sich kurz. Die Straße führte in weitem Bogen eine Anhöhe hinauf, auf deren Spitze ein langge­strecktes Gebäude aus dunkelblauem Glasgestein stand. Das Völkermuseum des Altair-Systems funkelte wie ein kostbares Juwel in dem harten Licht.

Auf der Hauptverbindungsstraße vom Raumhafen transportierten breite Gleit­bänder Lasten ins Zentrum der Stadt. Noch war es zu heiß, um Spaziergängern zu begegnen.

Berten betrat ein Gleitband, das zum Museum hinaufführte. Das Völkermu­seum war an der schönsten Stelle von Altair-City errichtet worden. Täglich ka­men Tausende von Menschen her, um die Aussicht zu bewundern. Vom Hügel aus sah man bis zum Drachenmeer. Die heranrollenden Wogen schienen aus verschiedenen Farben zu bestehen. Haus­hohe Wasserfontänen spritzten in den gleißenden Himmel.

Doch Berten nahm dies alles kaum wahr. Er konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Vor dem Mu­seum verließ er das Gleitband, ging die wenigen Schritte zum Hauptportal zu Fuß und trat ein.

Er nahm die Schutzbrille ab und ging an den Transmitterkabinen vorbei, an denen sich die Menschen drängten, die die Mittagszeit dazu benützt hatten, die unzähligen Säle des Museums zu durch­wandern, die die gesamte Geschichte des Altair-Systems und seiner Besiedlung enthielten.

Berten wandte sich nach rechts und stieg eine Treppe empor. Er verschwen­dete keine Zeit, die ausgestellten Stücke zu betrachten. Zielstrebig schritt er auf den Herman-List-Saal zu.

Eine Besuchergruppe, die aufmerksam den Worten des Roboters lauschte, der sie führte, versperrte ihm den Weg. Un­geduldig sah er auf die Uhr. Er war in Eile, aber er durfte es sich nicht an­merken lassen. Ein eiliger Museumsbe­sucher mußte Aufmerksamkeit erregen, und das war das Letzte, was Berten wollte.

Geduldig wartete er, bis die Gruppe weiterging.

Schließlich langte er an seinem Ziel an. Er betrat den Herman-List-Saal. Ein Saaldiener in grünem Umhang lehnte an einer Tür und blickte gelangweilt vor sich hin. Im Saal waren wenige Be­sucher.

Vor der Statue Herman Lists blieb Berten stehen. Sie zeigte den ersten Mann, der seinen Fuß auf Altair 16 ge­setzt hatte, in Lebensgröße. Das irisie­rende Glimmergestein, aus dem die Sta­tue gehauen war, gab der Gestalt etwas Strahlendes und verlieh dem einfachen, mittelgroßen Mann etwas Übernatürli­ches.

Berten blickte in Lists eckiges Gesicht mit dem seltsamen Bart und den bu­schigen Brauen und ließ seine Blicke dann die Schaukästen entlanggleiten, bis er entdeckt hatte, was er suchte.

Eine Gruppe von etwa fünfzehn Per­sonen betrat den Saal. „Dieser Saal ist Herman List gewidmet“, sagte der Ro­boter. „Er wurde im Jahre 2268 in Ber­lin auf Terra geboren. Im Jahr 2311 landete er mit einer gemischten Expediion aus deutsch- und englischsprechen­den Terranern, die er leitete, auf Altair 16. Die Expedition blieb etwa ein Jahr hier und kehrte dann mit den For­schungsergebnissen nach Terra zurück. 2315 kam Herman List wieder, diesmal mit zwanzig Raumschiffen und fünf­hundert freiwilligen Siedlern. Er leitete auch die Besiedlungsaktion. Es gab ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden, die Terraner waren damals technisch noch sehr rückständig. Davon hören Sie später mehr. Nun wollen Sie mir bitte in den nächsten Saal folgen...“

Die Gruppe bewegte sich weiter, und Berten beschloß zu warten, bis sie den Saal verlassen hatte. Dann griff er nach den vorbereiteten Gegenständen in den Innentaschen seines Umhangs.

Berten begann zu handeln. Mit einem Griff schob er eine Gasmaske über Nase und Mund, dann holte er zwei unschein­bare, graue Kugeln hervor, drückte sie zusammen und warf sie in verschiedene Richtungen.

Der Saaldiener wurde aus seiner be­schaulichen Ruhe gerissen. Er sah eine der Kugeln vor sich aufprallen und weiterrollen, doch da war es bereits zu spät für ihn, etwas zu unternehmen. Er fiel auf die Knie und sank bewußtlos zur Seite.

Das Gas verbreitete sich augenblick­lich im Saal. Die spärlichen Besucher glitten an den Schaukästen zu Boden.

Rasch holte Berten seinen Strahler hervor und trat auf die Vitrine aus ­wie es hieß - unzerstörbarem Glas zu, in der das Logbuch der ersten Expedi­tion nach Altair 16 ausgestellt lag. Er drückte die Mündung des Strahlers ge­gen das Glas, und während er den Abzug durchzog, lächelte er spöttisch. Ge­räuschlos schnitt der Strahler eine Bahn in das Glas. Berten arbeitete rasch. Es dauerte nur einige Augenblicke und die Öffnung war groß genug, daß er das Logbuch herausholen konnte, ohne die präparierten Seiten zu knicken.

Er steckte sein Werkzeug ein und ver­staute das Logbuch im Innern seines Umhangs. Dann eilte er an den Buwußtlosen vorbei zum Ausgang des Saa­les.

Er holte tief Luft. Jetzt lag der schwierigste Teil seiner Aufgabe vor ihm. Er kannte die Sicherheitsvorkeh­rungen und wußte, daß sein Vorgehen nicht unbemerkt geblieben war.

Alle Räume wurden von Fernsehka­meras beobachtet, und die Kampf- und Schutzroboter mußten schon auf dem Weg sein. Dennoch fühlte Berten keine Unruhe. Seine Sinne waren auf kühles Abwägen und klares Bedenken der Situation gerichtet. Er hatte den Plan des Museums gut studiert und wußte, daß sich in hundert Schritt Entfernung am Korridor zwei Transmitterstationen befanden, die nur von Angestellten des Museums benutzt werden durften.

Er begann zu rennen, als die Warn­sirene ertönte. Er war nur mehr wenige Schritte von der Transmitterstation ent­fernt, als die automatische Sperrtür zuglitt. Er beschleunigte seinen Lauf, aber bevor er die Station erreichte, schlossen sich die schweren Metallplatten.

Damit hatte er rechnen müssen. Sei­nen ursprünglichen Plan, die Museums­transmitter zu benützen, mußte er also aufgeben.

Mit einem Satz sprang er an die Fen­sterfront aus gebräuntem Glas, zog den Strahler hervor und strich mit der Mün­dung die Scheiben entlang. Kaum hatte er den Strahler angesetzt, begannen sich auch hier die Verschalungen vor den Scheiben zu schließen.

Aber Berten blieb ruhig. Der Strahler in seiner Hand glitt lautlos über die Scheibe, und als die rettende Öffnung groß genug war, ihn durchzulassen, sprang er aus dem Fenster.

Noch hatten seine Füße den Boden aus Kupfermosaiken nicht berührt, als er hörte, daß die Verschalungen mit kaum hörbarem Klicken gegeneinanderschlu­gen.

Er zog hastig den Altair-Schutz über die Augen und lief den Weg entlang, der sich rund um das Museum zog. Achtlos rannte er auf die Straße zu, ohne einen bewußten Blick auf die Mosaikarbeiten unter seinen Füßen zu verschwenden, die die Geschichte von Altair 16 seit seiner Besiedlung durch die Terraner zeigten, - die Errichtung der ersten Siedlung, auf deren Boden später Altair-City ent­stand, die Kämpfe der Siedler gegen Sand, Wassernot und die riesigen Müc­ken, die sich gierig auf die Terraner gestürzt und viele von ihnen getötet hatten, bevor man den Energieschirm um die Stadt gelegt hatte. Altair 16 war ein wilder, feindseliger Planet gewesen, bevor man ihn gezähmt hatte. Aher man hatte weder Mühen noch Opfer gescheut, ihn zu kultivieren, denn die unermeß­lichen Bodenschätze lockten die Siedler, deren Nachkommen nun wohlhabend und zufrieden den Planeten bewohnten.

Berten verließ den Weg und rannte den Hügel hinunter, als er sah, daß ein Schwebegleiter auf ihn zukam. Er hielt inne, holte eine spindelförmige Patrone aus seinem Umhang hervor und steckte sie auf die Mündung seines Strahlers.

Als sich der Schwebegleiter mit den Schutzrobotern bis auf hundert Schritt genähert hatte, hob Berten die Waffe, zielte und zog den Abzug langsam bis zum Anschlag durch. Der Schwebeglei­ter torkelte und wankte, sackte nach der einen Seite, überschlug sich und krachte zu Boden.

Berten steckte die Waffe weg und be­nützte die Aufmerksamkeit, die der zer­störte Schwebegleiter verursachte, um eine Transmitterstation zu erreichen.

 

* * *

 

Mißmutig traf Hunter, Carters Stell­vertreter, im Drachen-Hotel ein. Die wenigen Brocken, die man ihm am Bild­telefon zu seiner ersten Information hin­geworfen hatte, hatten genügt, um seine Laune rapide zu senken.

„Lassen Sie sich vom Computer den Bekanntenkreis von Anderson geben.“ Carter hob die Hand, als Hunter zu ei­ner Entgegnung ansetzen wollte. „Ich weiß, daß es Tausende von Leuten sein werden. Trotzdem, lassen Sie sich die Daten geben. Vor allem müssen alle Personen erfaßt werden, die von sei­nem Tod direkt oder indirekt profitie­ren. Besonders in politischer Beziehung.“

Hunter biß die Zähne zusammen.

Trotz der Hilfe des Computers würde es eine Heidenarbeit sein, und wenn sich ein Erfolg zeigen sollte, würde nicht er die Lorbeeren dafür erhalten, sondern seine Vorgesetzten. Kam nichts dabei heraus, würde man ihn für den Miß­erfolg verantwortlich machen.

„Holen Sie sich alle verfügbaren Be­amten zu Hilfe“, fuhr Carter fort. „Au­ßerdem verständigen Sie die Telepathen, die wir zur Verfügung haben.“

„Derzeit haben wir nur drei qualifi­zierte Telepathen, mit denen allein kom­men wir nicht durch!“ rief Hunter un­willig.

„Ich weiß. Ich werde von Heitnisch sämtliche Telepathen anfordern, die ihm unterstehen. Sicherheitshalber lassen Sie alle Personen namens Berten überprü­fen.“

Hunter verschwand wortlos.

Carter machte sich auf den Weg zu Heitnisch. Er fand ihn in höchster Er­regung vor dem tragbaren Bildsprech­gerät.

„Na, Neuigkeiten vom Sirius?“ fragte Carter.

„Gut, daß du kommst! Eine neue Überraschung für uns!“

Carter war auf das Schlimmste ge­faßt.

„Im Museum hat ein Mann in einem buntbedruckten Baumwollumhang das Logbuch von Herman List gestohlen.“

„Wie war das möglich? Es lag doch hinter unzerstörbarem Glas, wie alles andere im Museum auch, oder?“

„Das schon“, wandte Heitnisch philo­sophisch ein, „wenn es aber dem Phantom gelingt, auf unserem Spürauge un­sichtbar zu bleiben, so betrachtet er un­zerstörbares Glas bestenfalls als Lap­palie!“

Carter kaute an seiner Unterlippe. „Das Spürauge“, fragte er zögernd, „hat wieder nichts ergeben?“

„Wie bei Anderson“, entgegnete Heit­nisch.

Carter überlegte, was wohl mehr Auf­sehen erregen würde: das Attentat auf Anderson oder der Raub des Logbuches. Er kam zu keinem Schluß. Anderson war wohl einer der bekanntesten Män­ner des Systems, aber was war sein Tod gegen den Raub des Buches, in dem Herman List eigenhändig die Ereignisse während der ersten Reise zu Altair 16 aufgezeichnet hatte, den ersten Aufent­halt auf dem Planeten beschrieben, ge­wissenhaft die Forschungsergebnisse ge­sammelt und seine Eindrücke niederge­schrieben hatte...

Carter erinnerte sich an den Tag, als er als Kind das erste Mal das Museum besucht hatte. Andächtig hatte er den Worten seines Vaters gelauscht, der ihn zur Glasvitrine führte und ihm das Logbuch zeigte: den Beginn ihrer Ge­schichte.

Schweigend folgte er Heitnisch zur Transmitterkabine.

Das Museum war für Besucher ge­sperrt worden, nur die während des Raubes anwesenden Personen waren noch da, doch ihre Zeugenaussagen waren wertlos, weil sie sich auf das beschränk­ten, was man bereits vom Personal des Drachen-Hotels wußte: daß der Mann einen bunten Umhang und eine silber­verspiegelte Schutzbrille getragen hatte.

Im Herman-List-Saal blieb Carter vor der leeren Vitrine stehen. Ein Polizist mit dem Technikeremblem auf der Brust trat neben ihn.

„Der Täter verwendete allem Anschein nach einen Hermes-Strahler, Mr. Carter“, meldete er. „Der Strahler ist, wie Sie wissen, nur bei der Spezial­truppe der Polizei in Gebrauch. Nach ersten Nachforschungen sind auf Altair 16 die Arsenale vollständig. Es sieht so aus, als stammte der Strahler von einem anderen Planeten.“

Carter nickte schweigend. Altair 16 hatte wenig Bedarf an Hermes-Strah­lern, es gab kaum zweihundert davon auf dem ganzen Planeten. Ihre Anzahl war leicht zu überprüfen, das mußte ein Verbrecher von diesem Kaliber be­dacht haben.

Carters Finger glitten an den glatten Rändern des Lochs im Schaukasten ent­lang, während der Polizeitechniker seine Erklärungen fortsetzte.

„Der Täter betäubte die Anwesenden mit einem schnell wirkenden Schlafgas, das sich sofort verflüchtigte. Es sind mindestens fünfzig verschiedene Mittel dieser Art bekannt.“

„Das ist unwichtig“, sagte Carter. „Wie ist der Täter entkommen?“

„Wie Ihnen bekannt ist, werden alle Räume über Fernsehkameras zentral kontrolliert. Sobald etwas Ungewöhn­liches passiert, gibt die Robotanlage Alarm. Der Täter brauchte nur etwa fünfzehn Sekunden, um die anwesen­den Personen zu betäuben und das Log­buch zu stehlen. Die Türen schlossen sich zwar zeitgerecht, aber der Mecha­nismus, der die Verschalungen vor den Fenstern schließt, tritt erst danach in Aktion. Der Täter hatte unwahrschein­liches Glück. Vermutlich handelte es sich um Sekundenbruchteile, um die ihm die Flucht gelang.

Beim Auslösen des Alarms werden automatisch Kampf- und Schutzroboter ausgeschickt, außerdem wurden in die­sem Fall vier Schwebegleiter aktiviert. Einer der Gleiter fand den Täter. Aber dazu wollen wir lieber hinausgehen...“

Vor dem beschädigten Gleiter blieben sie stehen.

„Der Täter benützte eine uns unbe­kannte Waffe, die das Energiepolster des Gleiters zum Versagen brachte. Er stürzte ab, oder, besser gesagt, die Kraft dieser Waffe bohrte ihn in den Boden. Sehen Sie sich das an: Alles, was von dem Gleiter übrigblieb, sind Splitter und Metallteile.

Bevor die Roboter sich an die Verfol­gung machen konnten, war der Täter verschwunden.“

Carter blickte auf die Überreste des Gleiters. Die Quarzglaskuppel war in tausend Splitter zerborsten, die weit verstreut umherlagen. Richtungsdüsen und Seitenkufen waren wie von gigan­tischer Hand in den weichen Sand ge­schmettert.

Carter erinnerte sich dunkel, gehört zu haben, daß es gelungen war, ein Stör­gerät zu entwickeln, das jede Art von Energie neutralisieren konnte. Dagegen war die elektronische Steuerung des Schwebegleiters natürlich machtlos.

Er betrachtete die Ruinen des Glei­ters, und ein unbestimmtes Grauen schlich sich in sein Innerstes. Dies war nicht nur sachlich gleichgültiges Neu­tralisieren, - dies war eine wütende Kraft, die sich gegen alles zur Wehr setzte, was sich ihr in den Weg stellte.

Carter hatte Angst, ohne zu wissen, warum.

Gedankenverloren kehrte er ins Mu­seum zurück. Er hatte nichts erreicht, er kämpfte gegen einen Täter, der zurück­wich, wie er kam: lautlos und anonym. Ein Täter ohne erkennbare Motive ...

Das Attentat auf Anderson konnte na­türlich persönlichen Rachegründen ent­sprungen sein, aber Carter nahm eher an, daß es, wenn es solche überhaupt gab, politische Motive waren.

Offensichtlich war der Raub des Log­buches vom selben Mann - oder dersel­ben Gruppe - durchgeführt worden. Das wiederholte Versagen des Spür­auges in bezug auf die Person des Täters sprach für sich. Carter sah jedoch keine logische Verbindung zwischen diesen so verschieden gelagerten Fällen.

Langsam ging er durch die Säle des Museums. Er war oft dagewesen und kannte fast alle ausgestellten Stücke.

Altair 16 war ein junger Planet mit kurzer Geschichte, leicht zu überblicken und ohne graue Vorzeiten, die im Zwie­licht des menschlichen Wissens lagen. Herman List und seine Leute hatten eine graue Granitwüste vorgefunden, fast ohne Vegetation und fast ohne Was­ser, - bis auf die Meere, die den Pla­neten zu mehr als zwei Drittel bedeck­ten.

Im Feuerschutz ihrer primitiven Strahler hatten sie ihre Siedlungen er­richtet und begonnen, die wertvollen Bodenschätze abzubauen. Die blutgie­rigen, riesigen Mücken, die noch jetzt den Menschen außerhalb der Energie­schirme lebensgefährlich wurden, und die orkanartigen Regenfälle hatten sie dezimiert, aber sie hatten unverdros­sen weitergearbeitet.

Als es ihnen gelungen war, den Ener­gieschirm rund um Altair-City zu legen und die Riesenmückenschwärme abzu­halten, wurde ihr Leben bedeutend leichter, obzwar Altair-City zweimal durch Beben völlig zerstört wurde. Das war Jahrhunderte her, und seitdem schwieg der Planet und wehrte sich nicht mehr gegen das Netz der riesigen Rohre, die man unter seiner Oberfläche verlegt hatte, um auf den Gleitbändern, die darin liefen, seine Reichtümer, die unermeßlichen Bodenschätze, zutage zu fördern.

In den fünf Jahrhunderten seiner Ge­schichte wuchs die Bevölkerung auf vierzig Millionen an, - ausschließlich Terraner, da die Fremdrassen, auf die die Terraner im Lauf der Zeit gestoßen waren, im wahrsten Sinn des Wortes das Klima nicht vertrugen: die intensive Strahlung und der große Sauerstoffge­halt auf Altair 16 behagte nur den Ter­ranern.

Nun zählte der Planet zu den reich­sten des Systembundes, zu dem sich die siebenundvierzig bekannten bewohnten Planeten zusammengeschlossen hatten. Außer dem Reichtum und dem Luxus eines sorgenfreien Lebens bot er seinen Bewohnern wenig. Es passierte rein gar nichts von Belang auf Altair 16. Aber genau das war es, was die Bewohner wollten. Zu nahe noch waren die ver­heerenden Kriege der Vergangenheit auf Terra, die furchtbaren Mißverständ­nisse zwischen den Welten, als es zu den ersten interplanetarischen Kontakten kam.

Im Völkermuseum konnte der Besu­cher an Hand von Computerschaubil­dern die blutigen Kriege verfolgen, die die menschenähnlichen Wesen von Sirius und dem Vega-System um neuen Le­bensraum geführt hatten und die bei­nahe zur Ausrottung der Sirianer ge­führt hatten. Auch um Altair 16 hatte es einen kurzen, heftigen Krieg gegeben, den die Siedler, noch mit dem greisen Herman List an ihrer Spitze, in den Höhlen der Granitfelsen überlebten. Der Kampf hatte sich später verlagert, denn sowohl die primitiven Leute des Vega-­Systems, als auch die hochkultivierten, aber in zahlenmäßiger Unterlegenheit kämpfenden Sirianer hatten eingesehen, daß Altair 16 auf die Dauer kein erträg­licher Aufenthaltsort war. Also blieb der Planet Herman Lists Siedlern.

Nun, im Jahr 2785, flackerte der Krieg nur mehr unter den Vega-Leuten auf, die von Natur aus unbändig und kampf­lustig waren. Doch das waren kurze, lokale Auseinandersetzungen, die heute entstanden und morgen schon vergessen waren.

Sirianer und Terraner, die zweiund­vierzig der siebenundvierzig Planeten des Systembundes bewohnten, waren einander ähnlicher und lebten in Frie­den, seit No'chan und Ridjian den Ver­trag für ewigen Frieden unterzeichnet hatten.

Auch eine Kopie dieses Vertrages lag im Museum hinter unzerstörbarem Glas.

Im Herman-List-Saal traf Carter auf Heitnisch. „Neuigkeiten, Peter?“ fragte er.

Heitnisch schüttelte langsam den Kopf. Nichts. Keine Hinweise. Nicht die ger­ingste Spur.“

„Hör zu“, sagte Carter und strich sich nachdenklich übers Kinn. „Der Täter ist in der Transmitterstation an der Museumstraße verschwunden. Wir können mit dem Spürauge feststellen, welche Kabine er benützte und welches Ziel er halte.“

Heitnisch grunzte Unverständliches.

„Und wie willst du das feststellen, wenn der Kerl doch auf unseren Bildschirmen nicht zu sehen ist?“

Carter grinste. „Versuch doch mal, die kleinen grauen Zellen da oben zu akti­v fieren. Vielleicht gelingt es dir noch!“

Heitnisch grunzte Unverständlich.

„Gut. Er ist für uns also unsichtbar. - Er mußte aber eine Marke in den Schlitz des Transmitters schieben und die Kombination des Bestimmungsortes drücken! Auch wenn man den Täter nicht sieht, muß man doch erkennen können, welche Kombination er wählte. Habe ich mich verständlich gemacht?“

„Okay, okay“, murmelte Peter Heit­nisch und begann wütend, mit den Poli­zeitechnikern herumzubrullen, die die Schuld an allem, was er ihnen vorwarf, auf die langsamen Hilfsroboter schoben.

„Du brauchst dir aber keine Hoff­nungen zu machen, Peter“, stellte Carter spöttisch fest, als Heitnisch erschöpft schwieg.

„Was?“

„Der Täter wechselte natürlich einige Male die Transmitterstationen. Er wird sicherlich auch einige Schritt zu Fuß ge­hen. Das Spürauge reicht aber nur drei Stunden zurück. Mit jedem Sprung, den er tut, wird unsere Auswahl an Trans­mitterstationen größer, da wir nicht ihn selbst verfolgen, sondern der Reihe nach alle Stationen kontrollieren müssen, um herauszufinden, ob sich irgendwo eine Kombination selbst wählt. Einmal sind die drei Stunden um. Ich glaube nicht an das Ganze, aber es wäre einen Ver­such wert.“

Carter hielt nicht viel von dieser Mög­lichkeit. Die Idee war ihm schon nach dem Attentat auf Anderson gekommen, und er gab sich keiner Hoffnung hin, daß man auf diese Art dem Täter auf die Spur kam.

Der Unsichtbare brauchte nichts ande­res zu tun, als eine Weile stillzuhalten und keine Transmitterkabine zu betre­ten. Und seine Spur war unwieder­bringlich verloren.

„Ich bin in der Zentrale zu erreichen“, sagte Carter zu Heitnisch. „Veranlasse bitte, daß ich laufend genaue Berichte bekomme.“

Er nickte Peter zu und ging zu den Transmitterkabinen beim Hauptportal des Museums. Im Vorbeigehen warf er einen Blick auf den leeren Schau­kasten, und der Anblick erfüllte ihn mit grimmiger Entschlossenheit.

 

* * *

 

In der Zentrale der VSP Altair 16 liefen die Ereignisse genau nach dem Einsatzplan für Alarmstufe Zwei ab. Auf engstem Raum standen die Com­puter mit Terra und Sirius in direkter Verbindung. Sie konnten jederzeit alle Computersysteme und Speicheranlagen in den Hauptzentralen erreichen.

Obzwar es die liberale Gesinnung der einzelnen Regierungen nicht erlaubte, in den Computeranlagen Daten zu spei­chern, die in die Intimsphäre des einzel­nen eindrangen, waren die Daten doch eine große Hilfe. Man hatte wenigstens ein vollständiges Personenverzeichnis und besaß ein Sonderregister für Krimi­nelle jeder Art.

Carter trat neben Hunter, der an den Computern arbeitete.

„Hier ist die Liste der Personen, die unmittelbar und direkt vom Tod An­derson profitieren.“

Carter griff nach dem entschlüsselten Computerbericht und studierte die Liste. Da war zuallererst Andersons Frau, ein stilles, unscheinbares Wesen, das völ­lig im Hintergrund gestanden und wort­los die unzähligen Affären ihres Man­nes toleriert hatte. Carter fragte sich, ob sie bereits vom Tod ihres Mannes wußte.

Andersons Söhne: fünf junge Män­ner, die alle ihrer Mutter ähnelten ­Männer, die den Vater, soweit es in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, nicht besonders mochten.

Das waren die Personen, die in An­dersons Testament bedacht waren.

Dann folgte eine Liste von etwa fünf­zig Leuten, die in politischer Hinsicht von seinem Tod profitierten, - in er­ster Linie Ted McCorrey, sein Haupt­gegner innerhalb der eigenen Partei, weiter Funktionäre der Liberalen Par­tei Altair 16, die angesichts seiner Macht nie Chancen gehabt hatten, denen aber durch seinen Tod alle Türen zu einer politischen Karriere offenstanden. Sie alle vertraten die Richtung McCorreys, und Carter fragte sich einen Augen­blick lang, ob McCorrey hinter allem stand. Er verwarf den Gedanken sofort. McCorrey kämpfte fair, - gerade darin hatte die Hauptgegnerschaft zwischen Anderson und McCorrey bestanden.

„Dabei ist die Liste noch gar nicht vollständig“, setzte Hunter mürrisch hinzu.

Carter verdrehte die Augen und seufzte. „Haben Sie schon jemand von ihnen einvernommen?“

Hunter nickte. „Andersons Frau, die Söhne und Ted McCorrey. Negativ. Au­ßerdem bestätigten die Telepathen, daß die betreffenden Personen absolut nichts mit dem Attentat zu tun hatten.“

Hunter reichte Carter einen Bericht, der eben hereingekommen war. „Sehen Sie sich das nun wieder an!“

Carter begann zu lesen: „Henry Law­ford, Untersekretär Liberale Partei Al­tair 16, ausgestattet mit natürlichem telepathischem Schutzschirm, weigert sich unter Berufung auf das Zweite Grundgesetz, den Schutzschirm zu sen­ken. Weisungen erbeten.“

„Was halten Sie davon?“ fragte Hun­ter.

Carter hob die Schultern. „Nicht viel. Es ist nicht gesagt, daß er etwas mit dem Attentat zu tun hat. Vielleicht hat er etwas anderes ausgefressen. Oder er macht sich einfach wichtig. Wir können ihn nicht zwingen, seine Gedanken frei­zulegen. Lassen Sie ihn herbringen.“

Hunter schickte die Weisung hinaus.

Lawford war ein kleines, schmächtiges Männchen mit kahlem Schädel, gelb­licher Gesichtsfarbe und einem auffal­lenden Umhang, der traurig um seine schmalen Schultern hing.

„Sie haben kein Recht, mich einzu­vernehmen!“ rief er anstelle einer Be­grüßung. „Und ich bin nicht bereit, ei­nem Ihrer hochqualifizierten Schnüffler Eintritt in meine Gedanken zu gewäh­ren! Wer sind Sie überhaupt? Wie ist Ihr Name? Ich werde mich über Sie beschweren!“

„Mein Name ist Carter. Ich bin Leiter der Zentrale VSP Altair 16 und...“

,Es ist Ihnen doch hoffentlich klar, daß Sie gegen das Zweite Grundgesetz verstoßen, Mister Carter?“ fragte Law­ford scharf.

Carter zog die Brauen hoch und ent­gegnete sanft: „Ich kenne die Gesetze, Mister Lawford. Sie haben die Wahl, Ihre Aussagen entweder durch einen qualifizierten Telepathen oder durch einen Lügendetektor in Anwesenheit ei­nes beeideten Rechtsbeistandes zu ma­chen. Es steht Ihnen in jedem Fall frei, einen Rechtsbeistand beizuziehen. Wol­len Sie das?“

„Nein. Ich weigere mich auszusagen.“

„Das können Sie nicht“, bemerkte Carter kühl. „Nach Paragraph 43 Absatz c des Zweiten Grundgesetzes hat die Polizei die Möglichkeit, eine des Mor­des dringend verdächtigte Person mit Gewalt festzuhalten. Sie würden umge­hend einem Untersuchungsrichter vorge­führt werden, vor dem Sie die Möglich­keit hätten, sich für eine der beiden Möglichkeiten des Verhörs zu entschei­den. Im Weigerungsfall wird ein Lügen­detektor angewendet.“

Lawford sprang auf. „Sie wollen mich verdächtigen? Was fällt Ihnen ein? Sie haben wohl den Verstand verloren! Ich...“

„Ich muß Sie darauf aufmerksam ma­chen, daß dieses Gespräch vor Zeugen aufgenommen wird. Daher überlegen Sie sich genau, was Sie sagen, Mister Lawford.“

Sie blickten einander schweigend an.

„Warum beharren Sie auf Ihrem gei­stigen Abwehrschirm, Sir?“ fragte Car­ter versöhnlich. „Es wäre einfacher und auch angenehmer für Sie, sich dem Tele­pathen zur Verfügung zu stellen...“

„Das geht Sie nichts an! Laut Grund­gesetz Zwei kann ich ohne Angabe von Gründen dieses Ansinnen verweigern. Das sollten Sie doch als Polizeibeamter wissen. Ich senke den Schirm nicht, das muß Ihnen genügen!“

Carter lächelte. „Beruhigen Sie sich, Mister Lawford. Es hat mich nur per­sönlich interessiert, da Ihr Vorgehen doch etwas unüblich ist ...“

Lawford bekam einen roten Kopf.

„Also“, Carter erhob sich. „Sie ziehen den Lügendetektor vor.“ Er wandte sich an Hunter. „Veranlassen Sie das Nötige, Hunter?“

Hunter knurrte und warf einen gifti­gen Blick auf Lawford. „Klar“, sagte er und verließ den Raum.

„Ich werde mich beschweren, Mister Carter“, zischte Lawford.

„Es steht Ihnen frei, das zu tun, Mi­ster Lawford“, entgegnete Carter sar­kastisch. „Die Lächerlichkeit der Situa­tion, in die Sie sich mit einer solchen Beschwerde begeben, wird Ihrer politi­schen Karriere aber kaum förderlich sein.“

Er lehnte sich in seinem Sessel zu­rück. Die beinahe hysterische Achtung der Intimsphäre war jeder polizeilichen Tätigkeit ein Hindernis, aber bisher gab es kein besseres System zum Schutz des einzelnen, und der einzelne hatte An­spruch auf Schutz.

Er seufzte. Wenn sich unter den Ver­dächtigen mehrere Personen vom Kali­ber Lawfords befanden, würden sich die Einvernahmen endlos in die Länge zie­hen. Die meisten Personen mit natür­lichem Schutzschirm gegen telepathische Eindringlinge in ihre Gedankenwelt hatten eine seltsame Scheu, diesen Schirm zu senken. Und niemand konnte sie zwingen...

Hunter trat in den Raum, und im sel­ben Augenblick heulten die Sirenen auf.

„Auch das noch“, dachte Carter er­schöpft.

„Das hat uns gerade noch gefehlt“, rief Hunter und stürzte zur Computer­anlage, um die Berichte in Empfang zu nehmen.

Der Melder des Bildsprechgeräts auf Carters Tisch begann zu summen. Er drückte den Knopf der Sprechverbin­dung.

„Ja?“ sagte er überrascht, als er in das Gesicht eines Beamten der Außen­station blickte. „Was ist los, Watson? Ich bin beschäftigt. Warum wenden Sie sich nicht an Heitnisch?“

„Das fällt in Ihren Bereich, Mister Carter!“ rief der Beamte aufgeregt. „Der Energieschirm um die Stadt ist auf einer Länge von zwanzig Kilometern ausge­fallen!“

Carter zuckte zusammen. „Was? Mann, nehmen Sie sich zusammen! Von wem stammt die Meldung?“

„Sir, ich bin in der Kontrollanlage Nordnordwest. Die Kontrollmannschaft hier meldete, daß plötzlich der Energie­schirm zusammenfiel. Die Generatoren standen still, und die Projektoren fielen auf Null zurück.

Als ich herkam, konnte ich persönlich überprüfen, daß die Meldung stimmte: Die Lichtimpulse waren gestört, und ein Schwarm Riesenmücken befand sich be­reits innerhalb des Energieschirms.

Der Computer in der Kontrollanlage kam zu dem Schluß, daß es sich um eine massive atmosphärische Störung han­delt, aber...“ Der Beamte schwieg zweifelnd.

„Geben Sie mir den Chef des Kon­trollkommandos.“

Der Beamte gehorchte wortlos.

„Zwanzig Kilometer? Stimmt das?“ fragte Carter, als das Gesicht des Chefs des Kontrollkommandos erschien.

Der Beamte wischte sich den Schweiß von der Stirn. Carter bedauerte ihn: Die Notaggregate lieferten zuwenig Energie für die gefräßige Klimaanlage in der Kontrollstation.

„Es ist mir vollkommen unerklärlich, wie das geschehen konnte“, krächzte der Chef. „Mit einem Mal fiel der Energie­schirm zusammen, obzwar die Anlage keinen Defekt aufweist. Meine Leute arbeiten fieberhaft, aber bis jetzt wissen wir noch nicht mal die Ursache dafür.

Sie müssen damit rechnen, daß eine Unmenge Riesenmücken auf die Stadt zukommt...“, setzte er unsicher hinzu.

Carter wandte sich an Hunter. „Las­sen Sie Alarmstufe Eins geben.“

„Danke“, sagte er zum Chef der Kon­trollstation. „Ich lasse die Warnung aus­geben. Wie lange, glauben Sie, wird es dauern, bis die ersten Tiere hier an­kommen?“

„Der Energieschirm verläuft in etwa fünfzig Kilometer Entfernung vom Stadtzentrum... Ich schätze, in zwei bis drei Stunden.“

„Gut“, sagte Carter. „Ich möchte, daß Sie über Watson in ständigem Kontakt mit mir bleiben. Sollte sich die Situation ändern, informieren Sie mich.“

Er erhob sich und trat zu einem klei­nen Kästchen in der Wand. Er legte beide Hände flach auf die matte Glas­platte an seiner Vorderseite, drückte sanft und das Glas wich zurück.

Der glattpolierte Stahlknopf im In­nern des Kästchens trug an seiner Ober­fläche eine Vertiefung aus demselben matten Glas wie die Tür des Kästchens. Carter legte seinen rechten Daumen in die Vertiefung und drückte den Stahl­knopf hinein.

Die beiden neben dem Kästchen lie­genden Computersysteme begannen zu arbeiten. Die Bildschirme flackerten, und nebeneinander erschienen die Ge­sichter des Bürgermeisters der Stadt, Rinnert, des Befehlshabers der Kampf-und Schutztruppen, des Cheftechnikers und Befehlshabers der Kampf- und Schutzroboter, der Chefs der lokalen Polizeistationen und des Notdiensts und der Psychologen vom Dienst für tele­pathischen Panikschutz.

„Meine Herren“, sagte Carter. „Ich habe soeben Alarmstufe Eins gegeben. Ich ersuche Sie, den Ort, an dem Sie sich jetzt befinden, bekanntzugeben und nicht mehr zu verlassen.

Der Energieschirm um die Stadt ist teilweise zusammengebrochen. Ich werde Sie jetzt direkt mit der Kontrollstation verbinden, um Sie über die Situation zu informieren.“

Er wandte sich um. „Schalten Sie mir Watson herüber!“ rief er Hunter zu. Sein Blick fiel auf Lawford. „Sie werden später vernommen“, seufzte er. „Sie können jetzt gehen.“

„Watson, Mister Carter!“

„Watson, wir haben Alarmstufe Eins gegeben. Berichten Sie kurz und um­fassend über den gegenwärtigen Stand der Dinge.

Meine Herren“, er wandte sich den Bildschirmen zu. „Bitte bleiben Sie auf Empfang.“

Er schaltete auf Konferenzschaltung und lehnte sich zurück. Auch Heitnischs sorgenvolles Gesicht blickte nun von einem der Bildschirme. Carter folgte dem Lagebericht von der Kontrollsta­tion und nahm zwischendurch die Com­putermeldungen von Hunter entgegen.

„Meine Herren“, sagte er, als Watson seinen Bericht beendet hatte. „Es wird noch elf Minuten dauern, bis Alarm­stufe Eins komplett läuft. Ich möchte den Herrn Bürgermeister bitten, in die­ser Zeit über alle Fernsehstationen und über öffentliche Bildtelefone die Bevöl­kerung zu informieren.

Ich schlage vor, daß in fünf Minuten die Sendungen unterbrochen werden und bis dahin der Bürgermeister die Computermeldungen studiert.

Alarmstufe Eins sieht unter anderem ein vollständiges Ausgehverbot und eine vollkommene Verschalung aller Häu­ser vor. Bitte halten auch Sie sich daran, meine Herren.“

„Ich bitte um die Computerberichte, Carter“, sagte Rinnert, der Bürgermei­ster, knapp.

Watson vom Außendienst hatte sein Gerät gedreht, und die Konferenzschal­tung ergab nun einen genauen Blick auf die Stelle, an der die Energiebarriere unterbrochen war. Es schien Carter, als hätten sämtliche Mückenschwärme auf diesen Augenblick gewartet. In gewaltigen Formationen flogen die geierarti­gen Riesenmücken mit den Tentakel­armen über die Kontrollstation und die Stelle, an der sie die Energiebarriere vor kurzem noch von ihren Opfern ab­, halten hatte. Carter dachte mit Ent­setzen daran, wie viele Hunderte der Tiere sich bereits in unmittelbarer Nähe der Stadtgrenze befinden mußten.

Der Unbekannte im bunten Umhang fiel ihm ein. Ob er wohl auch dahinter­steckte? Was war sein nächster Plan?

Wenn der Energieschirm nicht bald wieder errichtet werden konnte, würde das unüberschaubare Folgen haben. Carter war überzeugt davon, daß das vollständige Ausgehverbot von der sorg­los gewordenen Bevölkerung kaum lüc­kenlos eingehalten werden würde. Die Folge davon wären unzählige Tote, die den blutgierigen Riesenmücken zum Opfer fielen und daraufhin Chaos und Panik, gegen die selbst der telepathische Panikschutz machtlos wäre.

Deprimiert erinnerte er sich an die Pläne für ein Ersatzsystem des Ener­gieschirms, die in den technischen Archi­ven schlummerten. Das Ersatzsystem war seit der Errichtung des Energie­schirms vorgesehen, aber anfangs war es zu kostspielig erschienen, und später, als Altair 16 ein reicher Planet war, hatte der Fortschritt der Technik aus dem Energieschirm ein absolut unfehl­bares, in sich selbst so vollkommenes System gemacht, daß der Gedanke an eine Errichtung eines Ersatzsystems den Technikern nur ein leises, mitleidiges Lächeln entlockte.

Carter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ja, verdammt, ist denn der Schaden immer noch nicht beho­ben?“

Watson meldete sich von der Außen­station. „Nein, Mister Carter. Es ist im­mer noch unklar, was eigentlich den Defekt verursachte. Wie Sie selbst wis­sen, läuft die Energiesteuerung über etwa dreihundert gleichgeschaltete Com­puter. Das heißt, daß jederzeit zweihundertneunundneunzig ausfallen könn­ten! Die Wahrscheinlichkeit, daß alle dreihundert wegen unabhängiger De­fekte ausfallen, ist praktisch Null. Und doch...“

„Dann liegt es eben an einem Defekt vorher. Das ist doch klar!“

„Die Anlage ist vollkommen in Ord­nung, Mister Carter. Die Energiever­sorgung bis an die Computer klappt aus­gezeichnet. Und doch fallen sämtliche dreihundert Computer aus.”

Watson drehte das Gerät wieder, und Carter wollte eben in bittere Gedanken versinken, als er erstarrte. Über Wat­sons Gerät sah man, daß unvorstellbare Mengen von Riesenmücken die ausgefal­lene Energiebarriere überquerten. Wie eine Invasion, die sich gezielt auf die Stadt richtete, zogen die Mückenheere heran. Die Schwärme flogen in beinahe militärischer Ordnung ein. Die wüten­den Zusammenballungen, in denen die Tiere sonst ihre erbitterten Kämpfe un­tereinander austrugen, waren vergessen: Frisches Menschenblut lockte.

Carter wandte sich ab. Sein Blick fiel auf die Bildschirme, von denen die ent­setzten Gesichter der Verantwortlichen gleich ihm dem furchtbaren Schauspiel folgten.

Carter hob die Faust, als wollte er in ohnmächtiger Wut den Schirm seines Gerätes zertrümmern.

 

* * *

 

Nahe der Ragazzo-Brücke blieb Ber­ten stehen.

Die Sonne Altair stand nun tiefer am Himmel und tauchte die weiße Stadt in glühendrotes Licht.

Es war sechzehn Uhr Planetenzeit, und Berten schaltete das Klimagerät sei­nes Umhangs aus.

Die Verschalungen hatten die Fen­ster wieder freigegeben, und die Men­schen wagten sich wieder auf die Stra­ßen, um ihren Pflichten nachzugehen oder den Nachmittag zu verbummeln.

Berten lehnte an der Brücke und blickte hinab in die Granitspalte, als ein Mann auf ihn zuschlenderte, der den­selben Umhang trug wie er selbst. Ber­ten wandte sich langsam um, seine Au­gen fixierten den Fremden, der zu ihm trat und die Hand ausstreckte.

Berten holte das Logbuch des Herman List aus den Falten seines Umhangs und reichte es dem Fremden. Dieser steckte es ein, ohne einen Blick darauf zu werfen, und ging davon: grußlos und eilig.

Berten verließ die Brücke und ging die Straße hinunter. Er betrat eine Transmitterstation und sprang ins Hauptverwaltungsgebäude von Altair 16.

Der Bau erstreckte sich über eine Flä­che von zwei Quadratkilometern und enthielt neben der Stadtverwaltung die Energieversorgung, die Transmitterzen­trale und die meisten Fernsehstationen. Er war das Herz der Stadt.

Berten stieg die breite Treppe zum Hauptportal empor. Die Sonne Altair färbte den weißen Stein nun violett, und die bräunlichen Glasscheiben spie­gelten sich schwarz. Berten warf seine Schutzbrille in einen Abfallschacht und streifte die Kapuze vom Kopf. Sein schneeweißes Haar stand in seltsamem, Gegensatz zu seinem jugendlichen Ge­sicht und den dunklen Brauen. Er be­trat einen Waschraum, und als er allein in der Kabine war, holte er ein Fläsch­chen aus den Tiefen seines Umhangs, riß ein Stück des weichen Zellstoffhand­tuchs ab und schüttete einige Tropfen aus dem Fläschchen darauf.

Als er damit über seine Brauen strich, färbten sie sich augenblicklich schnee­weiß wie sein Haar.

Er verließ den Waschraum und fuhr mit einem Aufzug zum Dachrestaurant. Gerade als er den mattbeleuchteten, grünen Korridor entlangschritt, begann das Licht zu flackern, und als er den Saal betrat, schlossen sich die Verscha­lungen vor den Fenstern. Eine Alarm­sirene heulte in unmittelbarer Nähe.

Das Restaurant war gut besetzt, es war die Zeit der Zweiten Mahlzeit. Aber kaum einer der Gäste hob den Kopf, zu alltäglich war der Alarm. Die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob das Alarmsystem noch funktionierte, war, es in Betrieb zu setzen. Und so sorglos und friedlich man auf Altair 16 auch lebte, man vergaß trotzdem nicht, daß es Gefahren geben konnte. Noch erin­nerte inan sich wenigstens daran.

Berten lächelte. Er blickte auf die Uhr. Der Zeitplan wurde genau einge­halten. Er ließ sich an einem Tisch nie­der, an dem bereits ein Mann saß, obzwar er lieber allein gewesen wäre. Aber es war nicht üblich auf Altair 16, sich abzusondern. Man wollte die Nähe seiner Mitmenschen, man machte leicht Freunde auf dem weißen Planeten.

Als er sich setzte und seine Mahlzeit wählte, heulte die Alarmsirene wieder los. Und diesmal hoben alle die Köpfe von den Tischen, denn die Sirene heulte einmal kurz, zweimal lang, einmal kurz, zweimal lang...

Die Gespräche verstummten: Etwas Ungewöhnliches hatte sich ereignet. Noch glaubte man nicht an Gefahr. Aber auch ungewöhnliche Ereignisse waren seltsam auf Altair 16, und man wartete mit prickelnder Spannung auf eine Er­klärung.

Die Bildschirme an den Wänden des Restaurants begannen im Rhythmus der Alarmsirene zu flackern. Der Sprecher erschien. „Meine Damen und Herren. Wir bitten Sie um Ihre Aufmerksam­keit. Dies ist ein Alarm. In fünf Minuten wird der Bürgermeister zu Ihnen spre­chen. Dies ist ein Alarm. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Bürgermeister Rinnert wird in vier Minuten und dreißig Se­kunden zu Ihnen sprechen. Dies ist ein Alarm...“

„Am Sirius brennt die Schminkfa­brik“, sagte der Alte an Bertens Tisch mehr zu sich und lachte.

Berten blickte auf die Uhr und lä­chelte.

„Ausgerechnet zur Zeit der Zweiten Mahlzeit fällt denen nichts Besseres ein, als solche Scherze mit uns zu treiben. Nicht mal mehr essen kann man in Ruhe...“ Er murmelte weiter in sich hinein, denn Berten war ein schweigsa­mer Gesprächspartner.

Der Alte zupfte an seinem Kinnbart. „Wollen wir 'nen Drink...?“

Der Bildschirm flackerte wieder im Alarmrhythmus, und der Bürgermeister erschien. „Meine Damen und Herren. Ich muß Ihnen mitteilen, daß wir soeben Alarmstufe Eins gegeben haben. Der Energieschirm um die Stadt ist auf einer Länge von zwanzig Kilometern zu­sammengebrochen. Das heißt, daß Tau­sende von Riesenmücken sich der Stadt nähern. Daher ersuchen wir Sie, in Ih­rem eigenen Interesse, jeden Punkt von Alarmstufe Eins genau zu befolgen. Be­sonders das strikte Ausgehverbot.“ Rin­nert unterbrach sich und ließ seine Blicke umherschweifen, als wollte er je­den einzelnen von ihnen ansehen. „Dies ist ein Befehl“, setzte er hinzu.

Im Saal des Restaurants herrschte atemlose Stille.

„Sie alle haben sich strikt an die Punkte der Alarmstufe Eins zu halten. Wenn Sie es während des Alarms noch nicht getan haben, so vergewissern Sie sich jetzt, ob Ihre Häuser komplett ver­schalt sind. Zu Ihrer persönlichen Be­treuung stehen die Psychologen des Pa­nikschutzes zur Verfügung. Dazu wäh­len Sie Station Null-Einhundert. Für den Notdienst, der im vollen Einsatz steht und für den das Ausgehverbot nicht gilt, wählen Sie Null-Einhundert­elf.

Im Augenblick gibt es noch keinen Grund zur Unruhe. Die ersten Riesen­mücken werden erst in zwei Stunden über der Stadt erwartet. Sie alle wissen, daß Sie verloren sind, wenn Sie von einem dieser Tiere attackiert werden. Unterschätzen Sie die Gefahr nicht. Die Mücken sind imstande, einen Menschen bis zu fünf Meter hochzuheben.“

Berten beobachtete den Alten an sei­nem Tisch, der mit ungläubigen Augen den Worten Rinnerts lauschte.

„Alle Personen, die in den Einsatz­plänen der Alarmstufe Eins, Punkt Vier bis Acht eine Funktion erfüllen, haben von diesem Augenblick an zehn Minuten Zeit, sich zu ihrer Einsatzstelle zu be­geben. Ich erinnere daran, daß diese Personen ihre Einsatznummer am lin­ken Handgelenk gut sichtbar zu tragen haben.“

„Du meine Güte!“ rief der Alte, sprang auf, und während er aus dem Saal stürzte, entblößte er sein linkes Handgelenk, auf dem eine Tätowierung in roter Schrift stand.

Berten lachte auf. Verschlafenes Volk!

Am Nebentisch erregte man sich hef­tig über die mangelnde Voraussicht der Behörden, die es unterlassen hätten, die seit langer Zeit geplante Ersatzanlage zu errichten.

„Meine Damen und Herren!“ rief der Sprecher vom Bildschirm. „Eine gute Nachricht! Bitte um Ihre Aufmerksam­keit. Es ist soeben gelungen, die Ener­giebarriere vollständig wieder zu er­richten. Achtung, Achtung! Der Energie­schirm um die Stadt konnte wieder in­stand gesetzt werden. Trotzdem bleibt Alarmstufe Eins aufrecht erhalten, da sich Tausende von Tieren innerhalb der Barriere befinden. Achtung! Alarmstufe Eins gilt weiter!“

Es war ihnen gelungen, die Energie­barriere wieder zu errichten. Berten lachte in sich hinein. Blödsinn! Der Störschirm, der die Energiebarriere neu­tralisierte, war nach genau fünfzehn Minuten wieder entfernt worden. Denn eine Viertelstunde hatte genügt, um Tausende von Riesenmücken hinter die Barriere zu treiben...

Berten erhob sich und verließ das Restaurant. Zugleich mit ihm verließen zwei Männer den Saal, um ihre Positio­nen einzunehmen.

Berten sah sich kurz um, aber noch lähmte der Schock die Menschen, die sich im Gebäude befanden. Er war allein auf dem Korridor. Als er in den Aufzug sprang, traten die beiden Männer eben aus dem Restaurant.

Er fuhr in den fünften unterirdischen Stock und, wartete, bis seine beiden Hel­fer kamen. Sie begrüßten einander nicht. Einer der beiden bezog Posten an der feuersicheren Treppe, von wo aus er auch den Aufzug im Auge behielt.

Der zweite folgte Berten, der vor ei­ner hochglanzpolierten Metalltür mit elektronischem Schloß stehenblieb. Er holte den Strahler aus seinem Umhang und wartete, bis der andere ihm eine kleine, rote Platte reichte. Berten klemmte die rote Platte zwischen Strah­ler und Schloß und drückte den Abzug langsam durch.

Noch bevor sich der bläulichweiße Strahl in das glänzende Metall fressen konnte, reichte ihm der andere einen Altair-Schutz, den er zusammen mit sei­nem eigenen aus den Falten seines Um­hangs geholt hatte. Berten stülpte ihn eilig über die Augen.

Die empfindliche Metalloberfläche machte eine Identifizierung des Täters zum Kinderspiel, falls ein Eindringling sorglos genug war, seine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Aber Berten hatte Handschuhe übergezogen. Er arbeitete schnell und gewandt; der weiße Strahl hinterließ eine scharfe, feine Spur auf dem Metall. Als er fertig war, drückte er leicht gegen die Tür, und sein schwei­gender Helfer trat vor ihm in den Kor­ridor, der sich schmal und niedrig da­hinter erstreckte.

Berten steckte den Strahler ein und folgte ihm.

Der dritte schritt jetzt ebenso ziel­strebig den Korridor hinab, während Berten bereits an seinem Ziel war. In dem flachen Saal, in dem ein Mensch kaum aufrecht gehen konnte, lag die Transmittersteuerungskontrolle. Jeder Transmittersprung wurde hier kontrol­liert und aufgezeichnet, jede Unregel­mäßigkeit sofort bemerkt und ihrer Ur­sache auf den Grund gegangen. Spezial­roboter hielten die Anlage instand. Der Mensch war hier überflüssig.

Die Transmitterzentrale als Ganzes zu zerstören, war nicht möglich, und ein einzelner konnte überhaupt nichts tun, denn Ersatzsysteme schalteten sich automatisch in demselben Augenblick ein, in dem das Hauptsystem ausfiel. Die Spezialroboter waren flink und von der Energiezufuhr unabhängig. Sie behoben fast jeden Schaden innerhalb von Se­kunden.

Nur eine Gruppe von Personen hatte die Chance, die Transmitteranlagen zu­mindest für eine Weile zu stören und zwar dann, wenn genau zur gleichen Zeit Energiezufuhr, ein Hauptsystem und das dazugehörige Ersatzsystem au­ßer Betrieb gesetzt wurden. Und genau das war es, was Berten und seine unbe­kannten Helfer vorhatten.

Berten holte eine Handvoll Haftbom­ben aus seinem Umhang und befestigte sie an den Eingangsschaltern der Ener­giezufuhr und den Hauptschaltern für die Steuerung. Dann verteilte er die restlichen Bomben an den Spezialrobo­tern und verließ den Raum.

Vor der Aufzugsanlage neben der feuersicheren Treppe traf er wieder auf seine beiden Helfer. Als Berten kam, zogen alle drei winzige Sender hervor und drückten zugleich auf die kleine Sendetaste.

Hinter der zerstörten, hochglanzpo­lierten Tür erklangen Detonationen. Die drei Männer blickten einander an, und während Berten über die Treppe hin­auflief, traten die beiden anderen in den Aufzug.

Vom nächsten Stock wählte Berten den Aufzug, der über verschiedene Zwi­schenstationen zum Haupteingang führ­te. Dort drängten sich Hunderte von Personen, die sich während des Alarms ins Gebäude geflüchtet hatten und nun vom Ausgehverbot festgehalten wur­den.

Berten mischte sich unter sie. In die­sem Augenblick erschien an der Trans­mitterkabine des Raubtverwaltungsge­bäudes eine Leuchtschrift:

Transmitter ausgefallen. Bitte um Ge­duld.

Carter atmete tief aus und lehnte sich zurück. Die Energiebarriere funktio­nierte wieder. Einen Augenblick lang vergaß er die drohende Gefahr der blut­rünstigen Tiere innerhalb des Energie­schirms, die sich auf die Stadt zube­wegten, und senkte die Stirn auf seine aufgestützten Hände. Er schloß die Au­gen und genoß den Gedanken, daß wenigstens jetzt keine einzige Riesen­mücke mehr die Barriere überflog.

 

* * *

 

Wieder lagen die Versäumnisse der Vergangenheit klar vor Carter. Man hatte sich auch hier mit der Errichtung der Energiebarriere zufriedengegeben, nachdem man herausgefunden hatte, daß die Riesen-oder Blutmücken durch her­kömmliche chemische Mittel nicht aus­gerottet werden konnten. Man hatte es versäumt, diese Tiere zu studieren, um ihnen auf andere Art beizukommen. Der ganze Planet hatte es vorgezogen, sich hinter Energieschirmen zu verschan­zen, anstatt dem Übel zu Leibe zu rüc­ken.

Man hatte die spärliche Tierwelt auf Altair 16 den sich rasend vermehrenden Riesenmücken überlassen, die nun, au­ßer den unförmigen, harmlosen Sand­würmern und den dürren Felsspinnen nur mehr die eigenen Artgenossen als Opfer hatten. Sie hielten die Beute mit ihren Tentakelarmen fest und senkten die Stachel mit dem Saugrüssel in das Fleisch der Opfer, um ihnen das Blut auszusaugen. Bei der unerklärlichen Kraft, die die Mücken entwickelten, war das Opfer absolut wehrlos.

Wehe dem Menschen, der den raubvogelgroßen Bestien in gen Weg kam!

Carter starrte auf den Bildschirm, der das Gebiet um die Energiebarriere zeigte. Deutlich konnte man erkennen, daß sie wieder funktionierte. Schwärme von Riesenmücken flogen vergeblich da­gegen an.

Ein Schwarm von Tieren ballte sich innerhalb des Energieschirmes zusam­men - beinahe sah es so aus, als wollten die Mückenheere wieder zurück in ihr altes Jagdgebiet, als hätte die seltsame Kraft, die sie in Richtung Altar-City trieb, aufgehört zu existieren.

Tausende von Mücken drängten sich an die Barriere.

„Sehen Sie sich das an“, sagte Hunter atemlos. „Wenn die Biester bleiben, wo sie sind, kann sie die Kampf- und Schutztruppe auf einen Schlag erledi­gen!“

Carter hatte Schwebegleiter ausge­schickt, die in kurzer Zeit in der Nähe der Kontrollstation ankommen mußten.

Das Bild auf dem Schirm begann sich zu drehen.

„Verdammt, Watson!“ rief Carter. „Halten Sie doch das Bild ruhig. Las­sen Sie die Einstellung genau auf dem Schwarm!“

„Jawohl, Mister Carter“, murmelte Watson von der Außenstation, und die Kamera richtete sich wieder scharf auf die Tiere.

In der Ferne sahen sie die Schwebe­gleiter herankommen. Aber wie von un­sichtbarer Hand getrieben, stoben die Mücken plötzlich auseinander und wie­der in Richtung Stadt.

„Verdammt!“ brüllte Hunter. „Das kann es doch nicht geben!“

Die Alarmsirene unterbrach ihn. Reglos blickte er Carter an.

Auf einem der Bildschirme erschien Heitnischs erschöpftes Gesicht. Die rote Farbe war aus seinen Wangen gewichen, grau und mutlos erschienen seine Züge. Schweiß stand auf seiner Stirn. „Das Transmittersystem ist ausgefallen“, flü­sterte er tonlos. „Die Energiezufuhr wurde unterbrochen, die Steuerkontrolle und das Ersatzsystem dafür schwer be­schädigt. Haftbomben. Es handelt sich in diesem Fall um eine Gruppe von minde­stens drei, möglicherweise aber mehr Leuten.“

„Unser Mann hat Freunde...“, be­merkte Hunter sarkastisch.

„Wie lange wird es dauern, Peter, bis die Anlage wieder betriebsfertig ist?“

„Nicht unter sechs Stunden. Die Spe­zialroboter sind zum Teil auch zerstört. Es wird bereits fieberhaft gearbeitet.“

Der Zusammenbruch des Transmitter­systems warf zu den bereits vorhande­nen, neue, schwerwiegende Probleme auf. Für die Aktionen gegen die sich in­nerhalb der Barriere befindlichen Tiere mußten Geräte, Strahler und Spezial­ausrüstungen für die Truppen an die Stadtgrenze geschafft werden. Wenn es vorher noch so ausgesehen hatte, als ver­fügte man über genügend Zeit bis zur Ankunft der Riesenmücken, so erwies sich dies nun als hinfällig. Der Trans­port, der über Transmitter nur Sekunden dauerte, würde kostbare Viertel­stunden verschlingen.

Carter sprang auf. „Geben Sie Be­fehl, die Nachforschungen im Fall An­derson vorläufig einzustellen. Alle Schutz- und Kampftruppen an die Stadtgrenze, Punkt Nordwest beordern. Schutz- und Kampfroboter geschlossen im übrigen Grenzbereich aufteilen. Die Kampf- und Schutztruppen sind mit al­lem verfügbaren Waffenmaterial auszu­statten.

Der Notdienst hat sich bis auf das Er­satzpersonal, das in der Stadt bleibt, ebenfalls an der Stadtgrenze, Punkt Nordnordwest, einzufinden.“

Hunter sprang zu den Befehlsknöpfen an Carters Schreibtischwand und gab die Order durch.

Carter holte seinen Spezialanzug aus dem Vakuumbehälter. Der Hilfsroboter hüllte Carter in den schweren Anzug und befestigte den Behälter an seinem Rücken, der die nötige Energie zur Er­richtung eines Schutzschirms liefern sollte.

Mißmutig griff Carter nach der schwe­ren Strahlwaffe, während der Roboter die Luftdurchlässigkeit des Schutzanzugs prüfte.

„Ich begebe mich jetzt zum Punkt Nordnordwest, Hunter“, sagte Carter und wog den Strahler in seiner Hand. „Ich bleibe in ständigem Kontakt mit Ihnen. Sie übernehmen inzwischen die Zentrale.“

Carter verließ den Raum, und als er den Korridor entlangschritt, hörte er Hunters Stimme, die ihn zurückrief.

Er stürzte in sein Zimmer, und Hunter wies auf den Bildschirm, auf dem Ra'­chuns glattes Gesicht zu sehen war.

„Sie haben die laufenden Berichte er­halten?“ fragte Carter atemlos.

Ra'chun senkte die Stirn und legte die flache Hand dagegen. „Ja, Carter. Es ist ein unheilvoller Tag für uns alle, beson­ders natürlich für Sie.

Ich sehe, Sie stehen vor dem persön­lichen Einsatz. Zuvor muß ich Sie aber noch über einige Dinge von Wichtigkeit informieren.

Die Vorgänge auf Altair 16 sind nicht so unerklärlich, wie sie scheinen. Ein Spezialschiff ist soeben gestartet. Es wird im Lauf des morgigen Tages. Pla­netenzeit Altair 16, bei Ihnen eintreffen. An Bord wird Do'char sein, der Ihnen ja kein Unbekannter ist.“

Carter lächelte. Do'char war Leiter der Ausbildungsabteilung gewesen, als Carter in die Vereinigte Systempolizei eintrat.

„Er wird Ihnen persönlich zur Seite stehen“, fuhr Ra'chun fort, und die vio­letten Augen glitzerten wieder boshaft. „Stellen Sie Ihren Mann, Max! Do'char bringt Ihnen Dinge, von denen ihr Schlafmützen noch nie gehört habt! Sie haben offiziellen Auftrag, diese Dinge absolut geheimzuhalten.“

„Haben Sie die Person des Attentäters kontrollieren lassen, Ra'chun?“ fragte Carter.

„Natürlich. Wir haben alle Dienststel­len der VSP angewiesen, sämtliche Per­sonen namens Berten zu eruieren und ihren Aufenthaltsort festzustellen. So­weit wir bisher erfahren haben, ist kei­ner von ihnen nach Altair 16 gereist.

Ich bin weiterhin überzeugt davon, daß der Name falsch ist.“

„Ich habe einen Bericht von Hunter erhalten“, meinte Carter, „der meldet, daß es auf Altair 16 fünf Personen die­ses Namens gibt: zwei Männer - beide über das Alter unseres Unbekannten hinaus - und drei Frauen.

Der Mann, der sich Berten nennt, stammt aber sicher nicht von Altair 16, dazu war sein Interlingua zu fremdar­tig.

Der Computer überprüft derzeit aber noch über tausend Personen, auf die die Beschreibung paßt, und die in der letz­ten Zeit, hier eintrafen. Nur, es wird kaum etwas dabei herauskommen...“

Ra'chuns schräge Augen blickten Car­ter nachdenklich an. „Also dann“, sagte er schließlich aufmunternd. „Gehen Sie auf Mückenjagd, Max!“

 

* * *

 

Die Straßen zwischen den verschalten Häusern waren menschenleer, bis auf die Männer der Kampf- und Schutz­truppe, die auf den Gleitbändern Lähm­gaskanonen und Strahler transportier­ten.

Die Dämmerung brach an.

Carter war froh, der bedrückenden Atmosphäre seines Büros entflohen zu sein - dem Kleinkram aus Organisa­tion und Koordination, und nicht zu­letzt der Passivität, in die ihn die Ohn­macht über die Mißerfolge gedrängt hatte. Hinter ihm folgte der Roboter mit den sechs Bildschirmen, die ihn mit al­len wichtigen Stationen in Verbindung hielten.

Er betrat eines der Gleitbänder, das nach Punkt Nordnordwest führte, und der Roboter folgte ihm gehorsam.

Mit mehr Spannung als Unruhe sah er dem Kampf mit den Riesenmücken entgegen, obzwar ihm das Gefühl, eine tödliche Waffe in der Hand zu halten, ungewohnt war. Er fragte sich, was ei­nen Mann wie Berten zum kaltblütigen Mörder werden ließ...

Immer mehr Männer betraten die Gleitbänder. Sie hatten plötzlich ihren Pioniergeist wiedergefunden, nun, als es galt, ihre Mitmenschen vor der tödli­chen Gefahr zu bewahren.

Je mehr er sich der Stadtgrenze nä­herte, umso häufiger sah er Kampf-und Schutzroboter, die einstweilen noch in Formation Richtung Stadtgrenze strebten.

Unruhig sah er auf die Uhr. Seit zehn Minuten war er unterwegs, und die Dämmerung war da. Bald würden die Riesenmücken an der Stadtgrenze sein.

Er setzte sich mit Hunter in Verbin­dung. „Neuigkeiten?“

„Wie es jetzt aussieht, dürfte sich der Schaden an der Transmitteranlage schneller beheben lassen, als wir erwartet haben. Aber der Transport an die Stadtgrenze muß weiterhin über Gleitbänder erfolgen. Heitnisch hat zusätz­liche Bewachungstruppen angefordert, ich habe entsprechende Order gegeben. Außerdem möchte ich sämtliche Anlagen im Hauptverwaltungsgebäude gesondert bewachen lassen, da die Zentralüberwa­chung so jämmerlich versagt hat. Geht das in Ordnung?“

„Okay“, nickte Carter. „Sollte Ra'chun sich wieder melden, schalten Sie ihn so­fort zu mir heraus.“

Carter näherte sich der Stadtgrenze. Er sprang vom Gleitband und ging zum Kommando der Schutztruppe.

Oberst Pott löste sich aus der Menge seiner Männer und trat Carter entgegen. „Guten Tag, Mister Carter! Eben hat uns die Zentrale Ihren Besuch angekün­digt. Ich muß Sie aber darauf aufmerk­sam machen, daß sich die Lage hier draußen jeden Augenblick gefährlich zu­spitzen kann. Wir sind vollkommen un­geschützt und ohne Unterstand. Die Blutmücken sollten eigentlich schon hier sein, und meine Männer sind noch mit dem Aufstellen der Lichtstrahler be­schäftigt. Man wird Sie kaum genügend schützen können!“

Carter winkte ab. „Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Oberst. Ich bin durchaus imstande, auf mich selbst acht­zugeben, auch wenn Sie mich für einen Schreibtischhengst und Stubenhocker halten. Ich kann mit einem Strahler um­gehen und habe meinen Energieschirm bei mir. Das sollte doch genügen, oder?“

Der Oberst senkte den Kopf und er­rötete. „Verzeihen Sie, Mister Carter. Es war nur gut gemeint...“

Carter beorderte seinen Roboter hin­ter die Lähmungskanonen und zog die Maske übers Gesicht.

Pott deutete auf den Roboter: „Wol­len Sie ihn nicht lieber in den Kom­mandowagen bringen?“ fragte er.

Carter schüttelte den Kopf. „Ich möchte mit der Zentrale dauernd in Kontakt bleiben.“

Pott ging zu seinen Männern zurück, und Carter sah sich um. Auf einer Länge von etwa zwei Kilometern standen Lähmkanonen bereit, dahinter die be­waffneten Kampf- und Schutztruppen und Hilfsroboter, ausgerüstet mit schwertähnlichen Waffen für den Nah­kampf.

Potts Männer mühten sich mit der Er­richtung der Lichtstrahler ab. Sie waren in Eile, denn die Dunkelheit kam plötz­lich und schnell auf Altair 16.

Die Alarmsirene ertönte im selben Augenblick, als Potts Männer die Licht­strahler einschalteten. Am Horizont, über der grauen, steinigen Ebene näher­ten sich die Riesenmücken, und der Oberst betrat den Kommandowagen, von dem aus er die Lähmkanonen bedienen konnte.

Carter trat zu vier Männern der Kampf- und Schutztruppe, die in näch­ster Nähe seines Roboters Aufstellung genommen hatten, und errichtete seinen eigenen Energieschirm. Er zog den Strahler hervor, montierte Reservela­dungen und brachte ihn in Anschlag.

Als der erste Schwarm herankam, fraßen sich unzählige Strahler in die hereinbrechende Dunkelheit.

Die Mücken fielen zu Boden, und die darauffolgenden Schwärme stürzten sich gierig auf die getöteten Artgenossen ­aber dichter und dichter folgten die Schwärme aufeinander, und die Lähm­kanonen traten in Aktion.

Die Luft war erfüllt von dem Ge­räusch transparenter Flügel, die dreihundertmal in der Minute rotierten. Wütende Tiere, denen Lähmkanonen nichts anhaben konnten, weil sie aus irgendeinem Grund immun dagegen wa­ren und andere, die zwischen den Strah­lern durchgeschlüpft waren, fielen über die Kampftruppen her und versuchten, durch die Energieschirme an ihre Opfer zu gelangen. Hilfsroboter stürzten sich auf sie, konnten aber kaum in Aktion treten, weil sie Gefahr liefen, durch ihren Angriff Menschen zu verletzen, und ihre eingebaute Sperre dies nicht zuließ.

Die vier Männer neben Carter versuchten, dem Schwarm Mücken zu ent­gehen, den Carter mit seinem Strahler in ihre Richtung getrieben hatte. Die Roboter stürzten herbei, zuckten aber zurück, als eine Riesenmücke einen der vier Männer angriff und zu Boden riß. Die anderen drei rannten in panischer Angst davon.

Die Roboter standen ratlos da, wäh­rend sich die Tentakelarme um den Körper des Wehrlosen schlangen.

Carter riß seinen Strahler hoch und sprang dem Mann zur Seite. Das Tier versuchte mit seinem Stachel den Schutzanzug zu durchdringen, als Carter den Abzug durchdrückte. Aber in die­sem Augenblick bewegte sich der Mann, und Carter verriß die Waffe, um ihn nicht zu verletzen.

Anscheinend versagte der Energie­schirm des Mannes.

Carter packte zwei der Tentakel und riß sie auseinander, aber nur umso wü­tender suchte der Stachel des Tieres ei­nen Weg durch den Schutzanzug des Opfers.

Der Mann schrie auf, und Carter wußte, daß der Stachel sein Ziel gefun­den hatte. In blinder Wut wandte sich Carter um und entriß dem Roboter zu seiner Rechten die schwertähnliche Waffe. Er zielte sorgfältig und trennte dem Tier drei der Tentakel ab.

Die Mücke ließ von ihrem Opfer ab und stürzte sich auf Carter. Aber der Energieschirm funktionierte.

Plötzlich kam aus dem Nichts eine Horde Mücken herab und fiel über das verwundete Tier her. Der Hilfsroboter kam eilig herbei, und Carter gab ihm die Waffe zurück. Aber als er sich um­wandte, streifte er mit dem Behälter an seinem Rücken die Lähmkanonen, und der Behälter fiel zu Boden. Der Ener­gieschirm brach zusammen, und Carter bückte sich rasch nach dem Behälter.

Aber er war zu langsam. Die gefräßi­gen Tiere bemächtigten sich seiner und umschlangen ihn augenblicklich mit ihren Tentakelbeinen. Carter drehte den Strahler und versuchte, so lange in Be­wegung zu bleiben. Durch den Sicht­schirm seines Anzugs sah er in die riesigen, dunklen Augen des Tieres, die ihn anfunkelten. Der rote Körper schillerte im Licht der Scheinwerfer, die Flügel schwirrten, die dünnen Tentakel versuchten sich an ihm festzukrallen.

Vergebens richtete Carter den Strah­ler gegen den Bedränger. Die gewaltige Kraft des Tieres preßte seine Arme mit Zentnerlast an seinen Körper, und der Strahl traf ins Leere. Plötzlich bemerkte er, daß zwischen den glitzernden Augen der Stachel hervorkam und sich seinem Gesicht näherte.

Nein, dachte Carter. Nein!

Er schloß die Augen und konzentrierte sich auf seine Kräfte. Er spannte die Arm- und Beinmuskeln an und warf sich mit einem plötzlichen Ruck zu Bo­den, so daß er mit seinem ganzen Ge­wicht auf das Tier fiel. Er fühlte, wie die dünnen Flügel unter ihm zerbrachen und sich die Tentakel lockerten.

Mit einem Ruck machte er sich los. Der Mann, dem er vorher zu Hilfe ge­eilt war, richtete seinen Strahler blitz­schnell auf das verwundete Tier und tötete es.

Carter bückte sich nach dem Energie­behalter, und der Mann half ihm, ihn schnell festzuschnallen.

„Besten Dank für die Hilfe“ sagte Carter erschöpft und lächelte schwach.

Der Mann grinste. „Nichts zu danken, Mister Carter. Eine Hand wäscht die andere!“

Carter prüfte seinen Energieschirm und suchte nach dem Strahler, der ihm entfallen war.

„Trotzdem möchte ich gern wissen, welcher Idiot diesen Bestien den Namen ‚Mücken' verpaßt hat“, brummte der Mann und erlegte in grimmiger Ent­schlossenheit zwei der Tiere.

Es dauerte eine Weile, bevor Carter wieder normal atmen konnte. Er fühlte sich, als wären mindestens fünf Rippen gebrochen, und seine Arme hingen her­ab, als wären sie aus Gelee.

Er blickte zu seinem Roboter, aber die Bildschirme blieben dunkel. Carter stieg in den Kommandowagen, in dem Oberst Pott vor seinen Schaltpulten saß.

„Na, habe ich Ihnen zuviel verspro­chen?“ lachte Pott grimmig und sah kurz auf.

„Gut, daß Sie so viele tapfere Män­ner haben, Oberst“, grinste Carter zu­rück. „Wie lange wird's noch dauern?“

„Ich erhalte laufend Berichte von den Hilfsrobotern zwischen Stadtgrenze und Energiebarriere. Es sind kaum mehr Blutmücken zu sehen. Es wird wohl gleich vorbei sein.“

Carter ließ sich in einen der schma­len Kommandostühle fallen und blickte auf das Kampffeld. Die Mücken kamen spärlich, und es waren meist schwache Tiere, die hinter den angreifenden Hor­den zurückgeblieben waren. Die Männer der Kampf- und Schutztruppe lehnten an den Kanonen und erlegten sie mit einem gelegentlichen Heben ihrer Strah­ler.

„Bis jetzt zwei Tote und vierzehn Ver­wundete“, sagte Pott. „Man sollte das System der Energiebehälter verbessern. Den beiden Toten ist es ergangen wie Ihnen und dem Mann, der Ihnen zu Hilfe kam: Die Behälter lockerten sich, und die Energieschirme fielen zusam­men.“

Carter nickte. „Ich werde mich darum kümmern.“

Pott gab das Signal, daß der Kampf beendet war. „Wir können abziehen. Ich lasse nur Wachtposten zurück, für alle Fälle. Und die Hilfsroboter natürlich.“

„Gut“, sagte Carter, „dann kehre ich in die Zentrale zurück. Geben Sie mir aber weiter laufend Bericht, Oberst.“

Pott nickte und hob grüßend die Hand.

Auf dem Weg zurück in die Zentrale stellte Carter eines der lokalen Fernseh­programme ein. Die ersten bissigen Kommentare mußten schon erfolgen... Seine Ahnung bestätigte sich. Er kam eben zurecht, um noch den letzten Teil von Henry Murrays Tageskommentar zu hören. Murray war ein bösartiger Gnom, knapp an die Fünfzig und mit kahlem Schädel, um den ein lächerlicher Haarkranz stand.

Im ganzen Altair-System gab es keine schärfere Zunge als jene Henry Murrays, der mit überspitzten Formulierun­gen und beißendem Spott seine Zuhörer zu unterhalten pflegte. So wie er einst Anderson angegriffen und gefragt hatte, ob sich denn im ganzen System keine barmherzige Hand fände, die das Uni­versum von solch einem Geschwür wie dem Abgeordneten befreie, so sehr wü­tete er nun, da diese Hand sich gefun­den hatte, gegen die Missetäter.

„Aber nicht nur der rätselhafte Tod des Abgeordneten bringt Unruhe auf diesen Planeten der Ordnung und der Disziplin. Nein! Ohnmächtig sieht die Polizei zu, wie der große Unsichtbare das Logbuch unseres verehrten Pioniers Herman List aus dem wohlbewachten Museum holt und kurz darauf, gleich­sam im Vorübergehen, unser gesamtes Transmittersystem außer Betrieb setzt!“

Murray blickte in heiligem Zorn aus dem Bildschirm, und Carter biß die Zähne zusammen.

„Und wenn man sich höherenorts dar­auf beschränkt, mir anhand des Spür­auge-Films zu beweisen, wie ungerecht­fertigt meine Kritiken sind und mir, wie es der Bürgermeister getan hat, vor­schlägt, anstatt zu kritisieren, doch lie­ber an der Lösung des Rätsels mitzuarbeiten, so kann ich darauf nur antwor­ten, daß ich Kritiker bin und nicht Aus­bilder bei der VSP!“

Carter war überzeugt davon, daß Rin­nert nichts dergleichen gesagt hatte. Aber Murray betrieb Polemik um jeden Preis - nicht umsonst waren seine Sen­dungen unter den beliebtesten im gan­zen System.

„Wenn Bürgermeister Rinnert auch nur die Spur eines politischen Rück­grats besitzt -“, mit einem maliziösen Lächeln drückte Murray aus, daß er eben das bezweifelte,       müßte erseinen Rücktritt einreichen!

Daß unsere lokale Polizei mit Heit­nisch an der Spitze und die Zentrale der VSP Altair 16 mit Carter auch kein Ruhmesblatt in die Chronik der Ge­schichte legen, brauche ich wohl nicht zu betonen. Mit den beiden Herren zu sprechen, ist mir bisher unmöglich ge­wesen. Niemand weiß, wo sie sich be­finden. Vermutlich auf Phantomjagd...“

„Nein, auf Fliegenjagd!“ knirschte Carter. „Um zu verhindern, daß sie Bie­stern wie dir das Blut aus den mageren Knochen saugen.“

„...es so nicht weitergehen kann! Wir müssen umdenken. Wir dürfen uns nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, uns von salbungsvollen, leeren Reden lei­ten lassen. Wir brauchen Männer an der Spitze, die weiter denken als bis an die Grenzen dessen, was sie für möglich halten. Mit solchen Männern können Dinge, wie sie heute geschehen sind, sich nicht wiederholen!“

Das Bild Murrays verschwand, und der Nachrichtendienst meldete sich. „Sie hören die neuesten Nachrichten aus dem Hauptverwaltungsgebäude.“

Abermals wechselte das Bild.

Am Eingang zur Transmitterzentrale stand ein Mann neben der glänzenden Metalltür. Ein Reporter wandte sich an ihn.

„Wir wollen nun Mister Line, den zu­ständigen Beamten der Transmitter­überwachung, nach dem neuesten Stand der Dinge hier unten befragen.

Mister Line, wollen Sie bitte selbst unsere Zuschauer informieren?“

Line blickte starr vor sich hin. „Die Reparatur wird noch etwas mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Aber da das Ausgehverbot immer noch nicht aufgehoben wurde, haben wir keine be­sondere Eile. Der Schaden an der Steue­rung ist ernster Natur, während die Energiezufuhr nur unwesentlich be­schädigt war.

Der Täter zerstörte das Ersatzsystem gleichzeitig mit der Steuerung - das heißt, daß hier mindestens zwei Leute an der Arbeit waren. Die Spezialroboter sind damit beschäftigt, beide Systeme wieder zu errichten. Wie gesagt - in längstens einer Stunde werden die Transmitter in Betrieb sein.“

„Das ist schön“, grinste der Reporter penetrant. „Was aber unsere Zuschauer besonders interessieren wird, ist die Frage, was in Zukunft getan werden kann, um solche Anschläge zu vermei­den.“

Line überlegte. „Ich kann dazu nichts sagen. Das ist Sache des Bürgermeisters und der Polizei. Vermutlich wird man eine Kommission einsetzen, die alle wei­teren Schritte beraten wird.“

„Und wer wird einer solchen Kom­mission vorstehen?“ fragte der Reporter lauernd.

„Normalerweise der Bürgermeister“, entgegnete Line.

„Sie haben es gehört“, wandte sich der Reporter an sein unsichtbares Publikum. „Mister Rinnert, unser Bürgermeister, wird persönlich die Kommission leiten. Das ist der Nachteil einer Gemeinde­ordnung, die den Leuten an der Spitze die Möglichkeit gibt, sich in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen und von denen sie nichts verstehen.

Wir schlagen vor, ein Spezialsystem einzusetzen, mit einem neutralen Mann an der Spitze, der, wenn möglich, kein Bürger des Altair-Systems sein soll!“

Das Bild verschwand, und Oberst Potts bullige Gestalt stand einem anderen Reporter gegenüber, der zu einer Frage ansetzte.

Carter schaltete das Gerät aus. Auch hier würde Rinnert herhalten müssen. Er war der Lieblingsfeind dieser Sta­tion. Carter verzog den Mund. Hier sprachen die radikalen Stimmen des Sy­stems, denen nichts so sehr ein Greuel war wie die ruhige Zufriedenheit, in der die Bürger lebten.

Mühsam gelang es Carter, die Repor­terteams abzuschütteln, die in der Halle des Gebäudes der VSP auf ihn warte­ten. Trotz des Ausgehverbots waren sie gekommen, und es war unmöglich, sie davon abzuhalten. Wie eine einzige ge­ballte Faust würde sich die Macht der Fernsehstationen auf den werfen, der es wagte, einen der Reporter zu bestra­fen.

„In fünfzehn Minuten stehe ich zu Ihrer Verfügung, meine Herren“, sagte Carter und öffnete den Schutzanzug.

„Wo sind Sie gewesen, Mister Carter?“ fragte einer der Reporter. „Wir haben Sie bereits gesucht.“

„Fragen Sie Murray“, knurrte Carter. „Der weiß alles.“

Er stieg in den Aufzugschacht und hob die Hand, als die Reporter ihm folgen wollten. „In fünfzehn Minuten, habe ich gesagt.“

„Haben Sie die Reporter gesehen, Mi­ster Carter?“ fragte Hunter, als er in sein Zimmer trat. „Denen werden Sie nicht entgehen können.“

Als er aufsah, ertappte er Hunter bei einem spöttischen Lächeln. „Lassen Sie den Interviewraum bereitmachen“, sagte er kühl. „Ich wünsche, daß Sie alle in­teressierten Stationen anschließen las­sen, Hunter.“

„Simultanschaltung?“ Hunter sperrte die Augen auf und starrte Carter über­rascht an.

„Live“, setzte Carter ruhig hinzu.

Er wandte sich den Computerberichten zu, die in seiner Abwesenheit eingetrof­fen waren, während der Hilfsroboter seinen Schutzanzug verstaute.

Hunter löste sich aus seiner Erstar­rung und verließ eilig den Raum.

Carter sah ihm gedankenverloren nach. Dann ließ er sich mit Ra'chun verbinden.

 

* * *

 

Der Interviewraum war in gleißendes Licht getaucht. Hinter den Kameras standen Spezialroboter. An dem langen Tisch, der sich an der Längsseite des Raumes hinzog, saßen die Reporter und betrachteten Carter wie die Hundemeute das Kaninchen.

Carter ging langsam zu seinem Platz am Kopfende des Tisches und setzte sich. Er ließ seine Blicke über die Tafeln schweifen, die die Stationen angaben, für die die Reporter arbeiteten. Carter kannte sie alle. Die meisten von ihnen grüßten ihn mit einem distanzierten Kopfnicken, manche mit deutlicher Bos­heit in den Augen.

„Wann geht's los?“ fragte Carter.

„In drei Minuten und dreißig Sekun­den“, sagte Joseph Leary, der neben ihm  saß. Er kam von PWTV, Planetwide Te­levision, der größten Station von Altair 16. Seine hellgrünen Augen blickten an Carter vorbei, das hagere Gesicht war ausdruckslos.

Carter legte die neuesten Computer­berichte und Ra'chuns Informationen be­reit.

Neben Leary saß Ronald Graves, ALTV, Altair Television, der kleinsten Station des Systems, - fett, faul, un­scheinbar. Als Carters Blick einen Au­genblick lang auf ihm ruhte, blinzelte er ihm zu. Carter blinzelte zurück.

Alan Feifer saß zu seiner Linken. Carter war seine körperliche Nähe un­angenehm, obzwar Feifers Erscheinung durchaus einnehmend war. Aber Feifer war ein heimtückisches Subjekt, voller Intrigen und Rücksichtslosigkeit. TerraTV, mit eigenen Programmen in allen Systemen, eine Station, die mehr Macht ausübte als die anderen beiden.

Neben Feifer Meiers von Inter-TV, danach ein Mann, den Carter nicht kannte, von einer kleinen Station, da­nach Robinson von RTVC und Helm von Sirius II.

„Meine Herren“, sagte Carter. „Noch dreißig Sekunden.“

Die Spezialroboter gaben das Signal „Sendung läuft“.

„Meine Damen und Herren“, sagte der Sprecher. „Wir befinden uns in der Zen­trale der VSP, wo uns Mister Carter, der Leiter der Zentrale, ausführlich über die Vorfälle in Altair-City berich­ten wird.

Ich ersuche Mister Feifer von Terra­TV, mit den Fragen zu beginnen, und erinnere Sie alle daran, daß keiner der Herren länger als zwei Minuten spre­chen darf.“

Alan Feifer setzte sich in Positur.

„Wir haben heute den totalen Zusam­menbruch unseres Polizeisystems erlebt. Altair 16 wurde über Nacht zum un­sichersten aller Planeten des Bundes, denn nirgends, scheint es, war man we­niger auf das Zuschlagen verbrecheri­scher Kräfte vorbereitet als hier. Dies ist einzig und allein Schuld der Polizei, deren Führungskräften ich schwere organisatorische Versäumnisse vorwerfe.

Mister Carter, soweit die Fakten. Was wir wissen wollen, ist, was Sie zu tun gedenken, um diesem Planeten seine Si­cherheit zurückzugeben. Meine konkrete Frage lautet: Wer ist der Mann, der hin­ter diesen Verbrechen steckt?“

Carter beugte sich vor.

„Wie Sie alle, meine Herren, selbst gesehen haben, sind die Vorfälle in Altair-City ohne offensichtlichen Sinn geschehen. Eine Person - oder eine Gruppe von Personen - betreibt hier anscheinend Terror, wie er seit Jahrhunderten nicht mehr ausgeübt wurde. Dies kann nur den Zweck haben, uns zu verwirren und gegeneinander auszuspielen. Was ja -“, Carter blickte in die Runde, „bestens gelungen ist.“

Ronald Graves lachte, doch Carter fuhr unbeirrt fort.

„Sie konnten sich überzeugen, meine Herren, daß in diesem Fall weniger menschliche Unzulänglichkeit zutage tritt als technische Mängel an Geräten, auf die wir glaubten, uns verlassen zu können.

Ich gebe zu, daß uns ein Teil der Schuld trifft; nämlich jener, nicht vorausgesehen zu haben, daß es unter uns Leute gibt, die nicht eher ruhen, bevor sie uns nicht bewiesen haben, wie mangelhaft wir ausgerüstet sind, um ihre Verbrechen zu entdecken. Aber dies, meine Herren, ist eine Schuld, die mit jeder Minute geringer wird.“

Grimmig schwieg Carter.

„Mister Carter“, sagte Leary, „Sie sprachen vorhin von einer Gruppe von Personen. PWTV hat die zur Verfügung stehenden Daten und Tatsachen von Computern auswerten lassen. Es wurde festgestellt, daß aller Wahrscheinlich­keit nach hinter diesem mysteriösen Berten eine Gruppe von Personen steht, die die Möglichkeit für noch weitaus umfangreichere Aktionen hat. Wir ha­ben festgestellt, daß die heutigen Vorfälle nur als Einleitung für eine tief­greifende Veränderung in unserer Ge­sellschaftsstruktur zu betrachten sind.

Was hat die Polizei dazu festgestellt? Sind ihr die Ziele dieser Personengruppe bekannt?“

Das war böse. Carter hatte nicht vor­gehabt, dies vor der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber nun war es gesche­hen, und er haßte Leary mehr als je zuvor.

Er lächelte. „Ihre Prognose, Mister Leary, ist äußerst interessant. Sie wäre zumindest einen Gedanken wert ­wenn unsere Zeit im Augenblick nicht so kostbar wäre. Einstweilen aber, glaube ich, ist es unnötig, sich ernsthaft mit Problemen auseinanderzusetzen, die be­stenfalls theoretische sind.

Ich schlage vor, wir konzentrieren uns auf den Täter, finden die Gruppe, die hinter ihm steht und - fragen sie.

Was sagen Sie zu diesem Vorschlag?“

Diesmal lachten außer Graves noch zwei Reporter. Learys hageres Gesicht wurde bleich.

„Ich nehme an“, sagte Helm von Sirius II, „daß Sie diejenigen, denen Andersons Tod gelegen kam, bereits ein­vernommen haben, Mister Carter. Hat sich hier ein bestimmter Verdacht erge­ben? Gab es nicht möglicherweise poli­tische Motive? Konkurrenzkampf, Kar­rieresucht? Wer ist Andersons Nachfol­ger?“

„Andersons Nachfolger ist Ted Mc­Correy, Mister Helm“, sagte Carter. „Wir haben ihn natürlich zusammen mit allen anderen Personen, denen aus An­dersons Tod irgendein Vorteil erwächst, einvernommen. Sie werden aber zuge­ben...“

Carter unterbrach sich, denn vom Korridor her kamen seltsame Geräusche.

„...daß ein Mann wie McCorrey...“

Plötzlich sprang die Tür auf, und ein Mann in einem bunten Umhang trat ein. Er legte einen großen Lähmstrah­ler auf Carter an.

Ein Roboter richtete die Kamera so­fort auf den Eindringling. Der Mann zog die Kapuze von seinem weißen Haar und starrte ausdruckslos vor sich hin.

„Mein Name ist Berten“, sagte er. „Ich habe das Attentat auf Anderson ver­übt, das Logbuch des Herman List ge­stohlen und die Transmitterzentrale au­ßer Betrieb gesetzt.“

Carter sah den Mann sprachlos an. Er war in die Zentrale der VSP eingedrun­gen, was anscheinend niemand hatte verhindern können, und war in eine Livesendung hineingeplatzt - ein le­bender Beweis für die Ohnmacht der Polizei.

Carter sprang auf, aber Berten trat einen Schritt zur Seite und warf seinen Strahler auf den Tisch.

„Mein Name ist Berten“, sagte er wieder, und sein leerer Blick sah durch Carter hindurch, „ich habe das Attentat auf Anderson verübt, das Logbuch des Herman List gestohlen...“

Kleine Schweißperlen standen über den weißen Brauen, leblos hingen die Hände in den Falten des Umhangs. „Mein Name ist Berten...“

Carter schob ihn zur Seite, und Ber­ten ließ es willenlos mit sich geschehen.

„Der Mann steht unter Hypnose“, sagte Carter. „Ein Spezialtelepath wird ihn sofort untersuchen. Ich schlage vor, meine Herren, wir unterbrechen solange die Sendung.“

Die Reporter nahmen es kommentarlos zur Kenntnis. Carters Blick fiel auf Feifer, und er glaubte, etwas wie ver­steckte Anerkennung in den unangeneh­men Zügen zu erkennen. Aber das war nun egal. Jetzt war die Grenze seiner Geduld erreicht. Blinde Wut erfüllte ihn, und er war bemüht, diese Tatsache zu verbergen. Wer auch immer hinter Ber­ten stand - er hatte ihm eben die pein­lichsten Sekunden seines Lebens bereitet. Vor Millionen von Zuschauern hatte man der Polizei ein Unfähigkeitszeugnis ausgestellt, und Carter war entschlossen, sich dafür zu revanchieren.

Die roten Warnlampen der Kameras erloschen.

„Ein neuer Ruhmeskranz für Mister Carter“, meinte Leary höhnisch, „der Attentäter dringt in die Zentrale der VSP ein und hilft dem Leiter beim In­terview! Nun wissen Sie zumindest, wie Ihr großer Unbekannter aussieht, Car­ter!“

Carter riß die Tür auf und knallte sie hinter sich zu. Theoretisch war es voll­kommen unmöglich, daß ein ungebete­ner Gast hier eindringen konnte.

Es gab nur eine Möglichkeit. Er mußte von innerhalb der Zentrale Hilfe be­kommen haben.

Neben der Tür stand Hunter. Als Carter ins Zimmer trat, blickten seine Augen ausdruckslos auf einen Punkt neben der Tür, und Carter erstarrte.

„Hunter“, flüsterte er. „Hunter, was zum Teufel...“

Er packte Hunter an den Schultern und schüttelte ihn. Keine Reaktion, der starre Blick blieb. Entsetzt sah er in das leere Gesicht seines Stellvertreters, der bewegungslos dastand.

Carter stürzte in sein Zimmer. Nichts wies darauf hin, daß etwas Ungewöhn­liches vorgefallen war.

„Sofort einen Spezialtelepathen zu mir!“ befahl er dem Roboter. „Keine Gespräche an mich durchstellen. Die Re­porter im Interviewzimmer festhalten!“

Er schnappte sich ein Spürauge, drehte an der Feineinstellung, der Bild­schirm flackerte auf. Er stellte den Zeit­schalter auf zehn Minuten Vergangen­heit ein.

Der Schirm zeigte Hunter, der das Interview mit den Reportern auf seinem Gerät verfolgte. Das Bildsprechgerät auf Hunters Tisch summte, und er drückte die Sprechtaste. Aber der Bildschirm des Geräts blieb dunkel. Eine heisere Stimme sagte: „Der Frosch springt über den Stuhl, der Tag ist hellblau, die Rache fürchterlich.“

Hunter richtete sich auf. Sein Gesicht wurde ausdruckslos, starr blickte er auf den leeren Bildschirm.

„Sie gehen jetzt in den Nebenraum“, fuhr die Stimme fort, befehlen den Ro­botern, ruhig zu bleiben, dann begeben Sie sich zum Ausgang 4 und geleiten den Mann, der dort auf Sie wartet, zum Interviewraum. Sie lösen die Sperre und lassen ihn eintreten.“

Mit eckigen Bewegungen erhob sich Hunter, öffnete die Tür, gab den Robo­tern Ruhebefehl und ging in Richtung Ausgang 4 davon.

Carter hatte genug gesehen. Er stellte das Spürauge ab und versuchte sich zu konzentrieren. Der sinnlose Satz hatte Hunter in die Macht des Unbekannten gebracht, der ihm über das Bildsprech­gerät befohlen hatte, Berten bei Aus­gang 4 einzulassen. Das hieß, daß Hun­ter das Stichwort bereits gekannt hatte.

Wie lange Hunter wohl schon in der Macht des Unbekannten stand, ohne es zu wissen?

Es war durchaus möglich, dachte Car­ter mit Entsetzen, daß auch er selbst ein solches Stichwort mit sich herumtrug, bereit ihm zu folgen, wenn der Unbe­kannte es verwendete...

Er sprang auf und trat zu Hunter, der immer noch bewegungslos den Punkt an der Tür anstarrte. Carter packte ihn wieder an den Schultern und schüttelte ihn, wie um ihn zu einer Reaktion zu zwingen, die nicht kam. Hunter hörte und fühlte nichts, der war in der Ge­walt und unter dem Befehl eines Unbe­kannten.

 

* * *

 

Ann Lee, die beste Telepathin der VSP Altair 16, betrat den Raum. Sie war ein hübsches Mädchen, mit langem, kupferbraunem Haar und großen, dunk­len Augen. Das goldene T prangte auf ihrer rechten Brust. Sie war ein scheues Mädchen, das nicht viel sprach, und Car­ter mochte sie.

„Hallo, Ann“, sagte Carter in dem verzweifelten Versuch, zu seinem seeli­schen Gleichgewicht zurückzufinden. „Sieh dir das an...“ Er deutete auf Hunter.

Ann trat zu Hunter und schloß die Augen in äußerster Konzentration.

„Kannst du etwas feststellen?“ fragte Carter in nervöser Ungeduld.

„Er steht unter Hypnose, mit einer Sperre, die nur durch ein Stichwort auf­zuheben ist. Ich kann ihm nicht helfen. Dafür ist ein Spezialpsychologe zustän­dig. Veranlasse, daß er fortgebracht wird.“

Zwei Sanitätsroboter traten auf Car­ters Knopfdruck ein. Ann gab ihnen Order, Hunter sofort in die Spezialab­teilung zu bringen, und sie führten ihn sanft aus dem Zimmer.

Carter trat zum Bildsprechgerät und befahl, Berten zu bringen. „Ich glaube, dieser Mann wird dich interessieren, Ann. Und ich möchte deine Meinung hören, bevor ich ihn den Spezialpsycho­logen überlasse.“

„Mein Name ist Berten“, sagte eine Stimme hinter ihnen. In der Tür stand Berten, den leeren Blick starr gerade­aus gerichtet. „Ich habe das Attentat auf Anderson...“

Der Roboter, der ihn gebracht hatte, wartete bewegungslos neben Berten.

„Sein Gehirn ist leer“, flüsterte Ann entsetzt. „Ich kann überhaupt nichts feststellen, nur die wenige Worte, die er dauernd wiederholt. Keine Gedan­kenimpulse, nichts... Er ist geistig tot, sein Bewußtsein ist ausgelöscht.“

Sie schwieg und konzentrierte sich. „Dieser Mann ist nicht mehr in der Lage, Informationen zu geben. Sein Ge­hirn ist so leer wie das eines Neugebo­renen.“

Ann wandte den Kopf und sah Carter an. „Es muß eine Bestie sein, die hin­ter all dem steckt“, sagte sie leise. „Ich hoffe, daß es dir gelingen wird, ihrer habhaft zu werden.“

„Das hoffe ich auch“, entgegnete Car­ter grimmig. „Ist dir ein ähnlicher Fall bekannt?“

Ann schüttelte den Kopf. „Nein. Es gibt Fälle, in denen durch Hypnose teil­weise Amnesie künstlich erzeugt werden konnte, aber die komplette Erinnerung auszulöschen, nein, das ist noch nieman­dem gelungen! Damit du vollkommen klarsiehst: dieser Mann hat absolut keine Erinnerung. Er weiß nicht, wie man ißt, ja, er weiß nicht, daß man überhaupt ißt! In seinem Gehirn hat nichts weiter Platz als die wenigen Worte. Er ist ein Roboter, mit dem ein­zigen Zweck, diese paar Worte zu stam­meln. Ich nehme an, daß er auch sie nach einer Weile vergessen wird, aber das muß nicht sein.“

Sie starrten Berten schweigend an. Man hatte ihn als Werkzeug verwendet und, als er seine Aufgaben erfüllt hatte, einfach ausradiert. Und die Bestie hin­ter Berten hatte sich nicht damit zufrie­dengegeben, ihn einfach zu töten, nein, sie hatte sich dieses grausame Spiel aus­gedacht, das ihre Überlegenheit noch unterstrich...

Mit den Möglichkeiten, die er hatte, war Carter einfach nicht in der Lage, den Angriffen wirksam zu begegnen. Er sah keinen Weg, auch nur das geringste gegen diese Willkür zu unternehmen.

Plötzlich hörte Berten zu sprechen auf. Was Ann prophezeit hatte, war ein­getreten.

Carter beorderte einen seiner Hilfsro­boter zu Berten. „Fingerabdrücke und Gehirnströme aufnehmen“, sagte er. „Sofortige Auswertung.“

Der Hilfsroboter begann mit seiner Arbeit. Er war mit dem Zentralcompu­ter der Anlage verbunden, und diese mit allen wichtigen Kontrollstellen.

Nach einer Minute kam die Karte mit den entschlüsselten Informationen zum Vorschein. Carter nahm sie aus dem Auswurfschlitz.

Name des Individuums: Dorian Behr­man

Datum der Geburt: 30. Juni 2752

Ort der Geburt: Barcelona II, Terra Beruf: unbekannt

Wohnort: unbekannt

Datum der Ankunft: 3. Mai 2785

Ort der Ankunft: Raumhafen Altair City, Altair 16

Angekommen mit: Linienflug RMS BN 4321

Angekommen von: Raumhafen neu Amsterdam, Terra.

Das Individuum besitzt eine Gehirn­ausstrahlung von 340.

Diese Daten gehen gleichzeitig an:

VSP Sirius Hauptzentrale,

VSP Terra Hauptzentrale,

VSP Hauptzentrale Altair 16.

Carter ließ das Blatt sinken. Wenig­stens etwas war erreicht. Man wußte den richtigen Namen von Berten. Carter bezweifelte allerdings, daß das weiter­helfen würde.

Aber vermutlich würde er in weni­gen Minuten ausführlichere Daten über Behrman alias Berten, von Ra'chun er­halten.

Carter ordnete an, Behrman in die Spezialabteilung zu bringen.

Er war sich bewußt, daß er sich nun wieder den Reportern stellen mußte, aber was konnte er ihnen sagen?

Und es gab noch etwas, das ihm Ge­danken machte. „Ann, kannst du fest­stellen, ob ich so wie Hunter unter Hyp­nose stehe?“

Sie lächelte. „Ja, das kann ich, aber du mußt die Gedankensperre öffnen, Carter...“

Carter entspannte sich seufzend und ließ Ann Zutritt zu seinen Gedanken. Wie alle Leute mit natürlichem Schutz­schirm tat er es nicht gern. Und nun umso weniger, als Ann nicht unbedingt seine geheimsten Wünsche...

„Du kannst den Schirm wieder auf­richten, Carter. Du stehst nicht unter Hypnose.“

Er musterte sie heimlich. Was hatte sie in der kurzen Zeit noch festgestellt? Hatte sie etwas von seinen Gefühlen ihr gegenüber gemerkt? Aber Anns Ge­sicht verriet nichts.

Er erhob sich. Bevor er sich den Re­portern stellte, mußte er unbedingt eine Konferenz einberufen, um die letzten Aspekte der Situation zu behandeln.

Er ging in den Interviewraum.

„Nun? Was ist, Carter?“ fragte Fei­fer, kaum daß er die Tür hinter sich ge­schlossen hatte. „Wer sind die geheim­nisvollen Personen hinter dem armen Berten?“

„Ich bitte noch um einige Minuten Ge­duld”, sagte Carter von der Tür aus. „Wir haben eine wichtige Spur, der ich sofort nachgehen muß. Es wird nicht lange dauern...“

„Unsinn!“ rief Feifer und sprang auf. „Ausflüchte! Sie haben ganz gewiß nicht die Spur einer Spur. Sie wollen uns nur vertrösten, so lange es geht.“

Carter grinste ihn aufreizend an. „Glauben Sie, was immer Sie wollen, Mister Feiler.“

Er verließ den Raum und ließ eine Konferenzschaltung mit Heitnisch, Ra'­chun und Oberst Pott herstellen. Dann gab er einen kurzen Bericht über die letzten Vorfälle in der Zentrale der VSP, und Ann berichtete über Behr­mans Zustand.

„Haben Sie schon etwas über Behrman alias Berten, erfahren, Ra'chun?“ fragte Carter.

„Nur Unwichtiges. Wir müssen war­ten, bis man auf Terra Resultate hat.“

„Soweit ich die Situation überblicken kann, haben wir nun keine Chance mehr, über den Täter, nämlich Behr­man, den oder die Auftraggeber zu er­fahren“, stellte Heitnisch fest. „Wir können nur hoffen, daß uns nun eine Ruhepause gegönnt ist. Wir müssen aber damit rechnen, daß noch weitere Perso­nen unter latenter Hypnose stehen und auf ein Stichwort hin zu Marionetten werden.“

„Meine Herren!“ schaltete sich Ra'­chun ein. „Es besteht kein Grund zur Resignation. Die heutigen Vorfälle zwingen uns auch innerhalb der VSP zur Erweiterung unserer Methoden. Wir glaubten bisher, mit verhältnismäßig kargen internen Informationen auszu­kommen. Nun müssen wir sie erweitern.

Wie ich Carter bereits mitteilte, ist ein Spezialschiff der VSP nach Altair unter­wegs. Es wird morgen eintreffen.

Die Informationen, die es bringen wird, können die in diesem Fall ange­wandten Methoden klären, denn die Verbrecher arbeiteten mit Kniffen, die uns durchaus bekannt sind, und für die wir auch die geeigneten Gegenmittel haben. Do'char wird Sie darüber in Kennt­nis setzen.“

Verblüfftes Schweigen schlug Ra'chun entgegen, und er lächelte leicht. „Die In­formationen stammen aus unseren ge­heimsten Archiven, sie sind teilweise über hundert Jahre alt. Es ist uns bis­her nicht gelungen festzustellen, wie es möglich war, daß Außenstehende da­von erfuhren. Und ich habe nur deshalb Anweisung gegeben, die Archive zu öff­nen, weil mir klar war, daß mit den auf Altair 16 vorhandenen technischen Mit­teln es für Sie unmöglich wäre, in der Aufklärung weiterzukommen. Ich erwarte strengste Geheimhaltung.

Carter, Sie stellen sich jetzt den Re­portern und hinterlassen einen sehr zu­friedenen Eindruck. Optimismus, Carter, verstanden?“

„Verstanden. Ich soll siegessicher auf­treten und lauthals verkünden, daß die Aufklärung nur mehr eine Frage von wenigen Stunden ist“, meinte Carter skeptisch.

„Richtig, Max“, grinste Ra'chun.

 

* * *

 

Strahlend lächelnd betrat der Leiter der Zentrale VSP einige Minuten spä­ter den Interviewraum. Unter dem er­wartungsvollen Schweigen der Reporter nahm er hinter dem Tisch Platz.

,, Was soll das?“ zischte Feifer giftig. „lüge! lins der Polizei: Zuversicht, nichts als Zuversicht, wenn der Karren total verfahren ist? Stimmungsmache.“

„Meine Herren, ich bin nun bereit, Ihre Fragen zu beantworten“, sagte Car­ter unbeschwert.

„Sendung läuft“ signalisierten die Spezialroboter.

Carter hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Trotzdem setzte er eine bedeutungsvolle Miene auf und begann zu sprechen: „Meine Damen und Her­ren, vor allem möchte ich Sie über den Mann informieren, den Sie vorhin hier eindringen sahen. Noch kann ich Ihnen nicht bekanntgeben, wie es ihm gelun­gen ist, bis in die Zentrale der VSP vorzustoßen. Nur eines dazu: durch eben dieses Vorgehen hat sich der Mann im Hintergrund verraten. Wir haben eine ganz konkrete Spur, die von dem Mann, der sich Berten nannte, ausgeht. Es ist eine Frage von Stunden, bis auch die Hintermänner festgenommen sind. Sie werden sicherlich einsehen, daß ich nicht mehr dazu sagen kann, um die weite­ren Erhebungen nicht zu stören.“

„Mister Carter“, schaltete sich Ronald Graves ein. Er sprach sehr behutsam. „Ihre Erklärung ist nicht befriedigend genug. Es ist die Erklärung, die seit Jahrhunderten von der Polizei verwen­det wird, wenn sie hilfslos im Dunkeln tappt. Unsere Zuschauer haben ein Recht auf detailliertere Information.“

Carter überlegte. Er war nicht bereit, eine Handbreit mehr preiszugeben als unbedingt nötig. Werfen Sie ihnen Ber­ten zum Fraß vor, Max, würde Ra'chun sagen, Berten, das ist handfeste Infor­mation... Sie sagen nichts von Wich­tigkeit, und Sie wahren trotzdem Ihr Gesicht...

„Berten, der Mann, den Sie alle sahen, stand während seiner Taten unter Hyp­nose, dann hat man seine Erinnerung total gelöscht. Er wiederholte nur im­mer die wenigen Worte, die Sie selbst gehört haben. Wir haben ihn in die Spe­zialabteilung bringen lassen, wo man versuchen wird, sein Erinnerungsver­mögen zu reaktivieren. Berten wird eben der Behandlung unterzogen. Sollte sie Erfolg haben, wovon wir überzeugt sind, so wird das wesentliche Informa­tionen über Bertens Hintermänner lie­fern.

Mehr kann ich Ihnen dazu wirklich nicht sagen.“

Alan Feifer ließ nicht locker. Er beugte sich über den Tisch und funkelte Car­ter an. „Nichts als leeres Gerede, wir können das alles nicht nachprüfen. Ich glaube, Sie...“

Er brach ab, als sich die Tür öffnete und ein Roboter eintrat, der auf Car­ter zuging und einen Bericht übergab.

Carter las die wenigen Zeilen, ohne eine Miene zu verziehen, obzwar ihm das schwerfiel, da er die Zeilen selbst geschrieben hatte, bevor er eingetreten war.

„Meine Damen und Herren“, sagte er in das erwartungsvolle Schweigen hin­ein. „Ich kann Ihnen den ersten Erfolg bekanntgeben: Bertens Erinnerungsver­mögen ist reaktiviert, er gab bereits ei­nige Namen bekannt. Im Augenblick sind Beamte der VSP und der lokalen Polizei unterwegs, um die ersten Ver­haftungen vorzunehmen.“

Das nahm den Reportern den Wind aus den Segeln. Das einzige Unange­nehme an der Meldung nur war, daß sie zur Gänze erfunden war.

Doch der Hauptzweck war erreicht: die Bevölkerung zu beruhigen, den Ein­druck zu vermitteln, daß mit weiteren Anschlägen nicht zu rechnen war.

Carter räusperte sich. „Die wahre Identität Bertens ist auch geklärt“, sagte er. „Sein richtiger Name ist Dorian Behrman, er kam vor einigen Tagen von Terra nach Altair 16.“

Er hielt ein Foto Behrmans vor die Kamera. „Wenn Ihnen dieser Mann be­kannt ist, wenn Sie sich erinnern kön­nen, ihn in den letzten Tagen oder auch früher irgendwo gesehen zu haben, so teilen Sie das bitte der Polizei unver­züglich mit. Auch der kleinste Hinweis kann uns weiterhelfen.“

Das Foto zeigte Behrmans Dutzend­gesicht, unauffällig, ohne besondere Kennzeichen. Carter bezweifelte, daß aus dieser Bitte um Mithilfe ein nen­nenswertes Ergebnis erzielt wurde.

Die Kameras wurden ausgeschaltet, und Carter blieb sitzen. Sein Lächeln wollte dahinschmelzen, aber er zwang sich weiter zu einer Zuversicht, die er nicht fühlte.

Feifer stand auf und trat hinter Car­ter. „Ihre Schau war recht eindrucks­voll, Carter, - für die Zuschauer, aber nicht für mich! Heute sind Sie noch mal davongekommen. aber morgen...“

Carter fühlte Feifers dreckiges Grin­sen in seinem Nacken, und das körper­liche Unbehagen, das ihm dieser Mann verursachte.

Plötzlich fühlte er sich unendlich müde. Die Anspannung der letzten Stunden hatte ihm doch mehr zugesetzt, als er wahrhaben wollte.

„Es ist Ihnen doch klar, Carter“, flü­sterte Feifer in sein Ohr, „daß Ihre Tage als Leiter der VSP auf Altair 16 gezählt sind. Dafür werde ich sorgen, darauf können Sie sich verlassen!“

Carter schwang den Drehstuhl heftig herum und sah Feifer ruhig an. „Wes­halb dieser unbändige Haß, Feifer?“

Feifer schwieg, ein Muskel unter sei­nem rechten Auge begann zu zucken.

„Weshalb, Feiler?“

Carter erhob sich langsam, er über­ragte Feifer um Kopflänge. Er kniff die Augen leicht zusammen. „Weshalb?“ wiederholte er leise, und seine Stimme bekam einen seltsam drohenden Klang.

Feifer wandte sich wortlos um und strebte dem Ausgang zu.

„Feifer!“ rief ihm Carter nach.

Der Reporter blieb stehen, ohne sich umzudrehen.

„Ich bin ein geduldiger Mensch, Fei­fer“, sagte Carter langsam und deut­lich, „aber einmal wird diese Geduld zu Ende sein. Spätestens dann, wenn dieser Fall klar vor mir liegt. Ich hoffe, wir haben uns verstanden!“

Feifer eilte aus dem Interviewraum.

Als Carter in sein Zimmer zurück­kehrte, warf er einen Blick auf Hun­ters Tisch. Er hatte ihn eigentlich nie besonders gemocht, er hielt ihn für einen skrupellosen Streber, der möglichst rasch und mühelos an die Spitze zu kommen trachtete, aber in zwei Jahren Zusammenarbeit hatte Carter sich an ihn gewöhnt, und nun war das Zim­mer seltsam leer.

Eigentlich kann ich ruhig nach Hause gehen, dachte er, als er die Meldungen studiert hatte. Hier konnte er nichts tun, als auf die Ankunft des Spezialraum­schiffs mit Do'char und den Geheim­nissen aus Ra'chuns Archiven zu war­ten.

Die Transmitteranlage funktionierte wieder, die Mücken waren ausnahmslos getötet worden. Carter gab Order, Alarmstufe Eins aufzuheben und das Ausgehverbot zu widerrufen. Dann trat er ans Fenster, ließ die Verschalungen zurückgleiten und blickte auf die Straße hinunter. Alles schien so zu sein wie immer. Dabei hatte sich alles verändert - zumindest für ihn.

Er hatte sich für einen Mann gehal­ten, den nichts erschüttern und noch we­niger überraschen konnte, aber wie sehr hatte er sich geirrt.

Er drückte die Öffnungstaste am Fen­ster, und die braunen Scheiben glitten zurück. Kalte Luft drang ins Zimmer. Ganz plötzlich sehnte er sich nach ei­ner Zigarette. Er lächelte vor sich hin, als er daran dachte, daß er sich das Rau­chen nur abgewöhnt hatte, weil Hun­ter bezweifelte, daß er dazu fähig wäre. Er hatte mit ihm gewettet, und er hatte gewonnen. Er hatte bewiesen, daß er es konnte, aber nun machte es keinen Spaß mehr.

Das Summen des Bildsprechgeräts riß Carter aus seinen Gedanken. „Ja, was gibt's?“ fragte er den Beamten, der sich  meldete.

„Abgeordneter McCorrey ist da. Er möchte Sie sprechen.“

Carter seufzte. „Schicken Sie ihn herauf.“

Ted McCorrey war beinahe so groß und breit wie Carter. Das wirre, schwar­ze Haar hing um seine hohe Stirn, die buschigen Brauen und das Kinn unter­strichen den ersten Eindruck, den Ted McCorrey hinterließ: den eines Mannes mit eisernem Charakter und eisernem Willen.

Er griff mit rauher Herzlichkeit nach Carters Händen und hielt sie einige Se­kunden fest in seinen riesigen Pranken.

„Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen, Mister Carter“, sagte er, und seine Stimme erfüllte den Raum wie Donnergrollen. „Ich wollte mich nur kurz nach dem letzten Stand der Dinge erkundigen. Nach dem Tod des Abgeordneten Anderson bin ich automatisch Vertreter von Altair 16 im Vereinigten-­System-Rat.“

Sein Gesicht hatte sich verdüstert, als er Andersons Tod erwähnte. Carter bemerkte mit einer gewissen Anerken­nung, daß die Antipathie, die zu An­dersons Lebzeiten zwischen McCorrey und dem Abgeordneten bestanden hatte, vor dessen Tod doch haltmachte.

Carter nickte langsam. „Es gibt nichts Neues, Herr Abgeordneter. Der Com­puter wurde angewiesen, Ihnen laufend und direkt Bericht zuerstatten. Wie Ih­nen sicher klargeworden ist, treten wir mit unseren Nachforschungen auf der Stelle. Die wenigen Anhaltspunkte, die wir haben, sind zu geringfügig um uns weiterzuhelfen. Wir sehen zwar diese sinnlosen Taten, aber wir haben keine Ahnung, wer dahintersteht und was da­mit bezweckt werden soll. Außer viel­leicht...“ Carter schwieg und fragte sich, ob er McCorrey wirklich vertrauen konnte.

„Ja?“ sagte der Abgeordnete ge­spannt.

Carter entschied sich für den Abge­ordneten. „Wir haben den Eindruck, Ab­geordneter, daß hier tatsächlich eine Gruppe von Personen mit Hilfe von Ter­rorakten darangehen will, unsere Ge­sellschaftsordnung umzustürzen oder zumindest zu verändern.

Wenn Sie die Kommentare im Fern­sehen verfolgt haben, so werden Sie wissen, was ich meine: Man greift Bür­germeister Rinnert an, man verlangt seinen Rücktritt - ausgerechnet Rin­nert, einen als anständig und beson­nen bekannten Mann. Man greift mich an und verlangt meine Ablösung. Ja, ich bin nicht sicher, ob man nicht auch Sie angegriffen hätte, wenn das Inter­view, das ich geben mußte, länger ge­dauert hätte.

Und das Entsetzliche an der Sache ist, daß die Hintermänner über ganz außer­gewöhnlich gute Kenntnisse und Infor­mationen verfügen, denn sie schlagen mit nachtwandlerischer Sicherheit an unseren schwächsten Punkten zu.“

Carter schwieg einen Augenblick lang. „Und indem sie Altair 16 wählten, ha­ben sie dieses bewußte Zuschlagen am schwächsten Punkt nur unter Beweis gestellt“, setzte er bitter hinzu.

„Wie steht es mit diesem Berten, der während Ihres Interviews auftauchte?“  fragte McCorrey. „Wie weit sind Sie mit ihm?“

„Bertens - oder besser Behrmans - Gehirn ist völlig leer, Abgeordneter. Er kann keine Informationen liefern, er besitzt nicht mehr die Spur einer Er­innerung.“

McCorrey schien kaum überrascht. „Wie beurteilen Sie die Chance, den Hintermännern auf die Spur zu kom­men? Ihre persönliche Meinung, Mr. Carter, nicht das, was Sie im Fernsehen gesagt haben.“

Carters Lächeln war schwach. „Sie wollen eine ehrliche Meinung?“

„Ja.“

„Es sieht sehr schlecht aus. Unsere ganze Hoffnung liegt bei dem Spezial­schiff, das die Zentrale Sirius uns schickt.“

McCorrey kniff die Augen zusam­men. „Inwiefern kann Ihnen das Spe­zialschiff weiterhelfen, Carter?“

„Es bringt uns einige nette Neuig­keiten auf technisch-kriminologischem Gebiet, Abgeordneter. Die Lösung man­cher Rätsel, sozusagen.“

„Erfindungen? Welcher Art genau?“

„Keine Ahnung“, gab Carter unwillig zu.

McCorrey grinste aufmunternd und legte seine Hand auf Carters Schulter. „Kopf hoch. Sie werden's schon schaf­fen!“

Kaum war er gegangen, öffnete sich wieder die Tür. Carter kannte die leich­ten Schritte, die näher kamen.

Anns Haar hatte in dem schwachen Licht die Farbe einer Löwenmähne. Ihre dunklen Augen schimmerten feucht.

„Behrman ist tot“, sagte sie leise. Carter verzog den Mund.

„Die wirkliche Todesursache ist un­bekannt“, fuhr Ann fort. „Totaler Zu­sammenbruch des Nervensystems, Kreislaufversagen - alles, was es nur geben kann, in einem einzigen Körper. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel.“

Carter starrte wortlos auf die stillen Straßen hinaus. Er fühlte außer einem unbestimmten Bedauern nur Leere und fragte sich flüchtig, ob es nicht genau das war, worauf er unbewußt bereits die längste Zeit gewartet hatte. „Es mußte so kommen“, sagte er mehr zu sich selbst als zu Ann.

„Ich habe Angst, Carter“, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm.

Carter nahm sie um die Schultern, und sie lehnte den Kopf an ihn. Er spürte ihre Tränen auf seinem Hals und suchte nach Worten, um ihre Angst zu vertreiben, doch er fand keine. Schwei­gend drückte er sie an sich.

Ihr Gesicht war nahe dem seinen. Ohne zu denken, küßte er sie, kurz und zärtlich. „Es wird alles gut werden, Ann.“

Er lächelte und zwang sich wieder zu der absurden Zuversicht, zu der er ver­dammt war.

„Kommst du mit?“ fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich schlafe hier.“

Er sah ihr nach, als sie zur Tür ging, sich kurz umdrehte und ihm zunickte. Er bereute es bereits, daß er nicht mit ihr gegangen war.

„Eine Zigarette“, befahl er dem Ro­boter, als sich die Tür hinter ihr ge­schlossen hatte.

Eine angezündete Zigarette seiner Marke schob sich aus der Öffnung. Langsam zog Carter den kühlen Rauch in die Lungen, zwei, drei Züge, dann hatte er den langen Filter erreicht. Die sauerstoffreiche Luft auf Altair 16 machte eine Spezialsorte von Zigaretten notwendig.

Er raucht eine zweite Zigarette, eine dritte. Lange blieb er noch am Fenster stehen.

 

* * *

 

Mißmutig starrte Carter auf den Ro­boter, der ihn auftragsgemäß um sieben Uhr Planetenzeit weckte. Brummend stieg er von der Liege.

Er hatte im Bereitschaftsraum geschla­fen und sein Schlaf war sehr unruhig ge­wesen. Er hatte entsetzliche Dinge ge­träumt und war zweimal aufgewacht, um erst nach langer Zeit wieder einzuschla­fen.

Üblicherweise hatte sich seine schlechte Morgenlaune bereits gebessert, wenn er in die Zentrale der VSP kam, aber heute brüllte er wie ein ungezogenes Kind mit den Robotern und stocherte lustlos in seinem Frühstück. Dann las er die Meldungen und Berichte, die sich in der Zwi­schenzeit auf seinem Schreibtisch angesammelt hatten. Es war zu keinen weite­ren Zwischenfällen gekommen, alles schien wieder friedlich.

Die Personen, die vom Tod Andersons profitieren konnten, waren bereits ein­vernommen worden, ohne Ergebnis.

„Mr. Heitnisch möchte Mr. Carter sprechen“, meldete der Roboter gleich­mütig und unbeeindruckt von Gartens vorhergegangenem Gebrüll.

„Herein mit ihm!“

Ein mäßig gelaunter Heitnisch warf sich in Hunters Stuhl und murmelte ei­nen unverständlichen Gruß.

„Was treibt dich zu so früher Stunde zu mir, Peter?“ fragte Carter.

Heitnisch starrte ihn mit aufgerisse­nen Augen an.

Was ist los?“ fragte Carter unwillig. „Wachsen mir kleine grüne Männer aus der Nase?“

„Nein, nein“, versicherte Heitnisch. „Ich wußte nur nicht, daß du vor der Zweiten Mahlzeit fähig bist, in vollstän­digen Worten zu sprechen! Sonst grunzt du morgens immer nur altgriechische Redewendungen vor dich hin...“

„Ich kann nicht Altgriechisch!“ schnappte Carter.

„Schade“, meinte Heitnisch enttäuscht. „Dann habe ich dich glatt überschätzt!“ Grinsend sah er den Leiter der VSP-­Zentrale an, und Carter bleckte wütend die Zähne.

„Mach dir nichts draus, mein Alter“, setzte Heitnisch genüßlich hinzu und legte die Füße mitten in die Computer­berichte auf Hunters Tisch. „Gegen mor­gendliche Mißlaune helfen lauwarme Brausebäder in...“

„Halt den Mund!“ bellte Carter. „Sonst hilft gegen die morgendliche Miß­laune nur mehr ein Knockout.“

Die Tür öffnete sich und Ann trat ein.

„Wie heißen doch diese berühmten Blüten in den sprichwörtlichen Gärten auf Terra?“ strahlte Heitnisch. „Rosen? Ja, Rosen. Ann, Ihre Schönheit stellt alle Rosengärten auf Terra in den Schatten.“

„Übernimm dich nicht“, murrte Car­ter.

Ann errötete. „Alles friedlich, meine Herren?“

„Ja“, sagte Heitnisch und erhob sich. „Setzen Sie sich doch, Ann ...“

Er unterbrach sich und verharrte mit­ten in der Bewegung.

„Was soll das?“ rief Carter.

In Anns Augen stand Entsetzen. „Wie bei Hunter...“, sagte sie, „...und Ber­ten...“

„Einen Spezialpsychologen!“ rief er dem Roboter zu. „Schnell!“

Schweigend starrten sie Heitnisch an, der reglos dastand, ein Gefangener einer unbekannten Kraft.

Plötzlich begann das Bildsprechgerät zu summen. Carter drückte die Sprech­taste. „Was gibt's?“

Ein Spezialroboter meldete, daß Be­richte kamen, in denen geschildert wur­de, wie Menschen ganz plötzlich ohne er­kennbare Ursache zu stummen Statuen wurden. Die Berichte kamen aus Altair-City. Der Roboter ersuchte um Anwei­sungen.

„Verdammt“, fluchte Carter. „Unser Freund im Hintergrund, meldet sich wie­der!“

Der Spezialpsychologe betrat den Raum und beriet sich mit Ann.

„Nichts unternehmen“, sagte Carter ins Bildsprechgerät. „Spätere Weisun­gen abwarten.“

Er wählte die Zentrale der lokalen Polizei. „Geben Sie mir sofort Neal Mundy!“

Mundy war Heitnischs Stellvertreter, ein langer, magerer Bursche, der sich an­scheinend von synthetischem Gummi nährte und Carter durch seine ständigen Kaubewegungen nervös machte.

Carter informierte ihn kurz. Daraufhin hörte Mundy mit dem Kauen auf und starrte Carter sprachlos an.

 

* * *

 

Kurz vor sieben Uhr Plantenzeit tra­ten zwei Männer aus einem Haus in der Nähe der Zentrale der VSP. Sie trugen einfarbig blaue Umhänge und eine rie­sige Kiste mit sich, deren Inhalt ziemlich schwer sein mußte, da sie Mühe hatten, sie auf das Gleitband zu bringen.

Ein alter Mann trat hinter den beiden Männern auf das Gleitband. Er wun­derte sich ein wenig, daß die beiden Männer keine Roboter zu Hilfe nahmen.

Aber das sollte nicht seine Sorge sein.

Seltsam fand der Alte auch, daß die beiden kein Wort miteinander sprachen. Ihre Blicke ruhten starr auf der großen Kiste.

Vor dem Zentralverwaltungsgebäude stieg der Mann vom Gleitband und sah den beiden Männern nach. Die Ereig­nisse des vergangenen Tages hatten ihn mißtrauisch gemacht, und er erinnerte sich der wiederholten Aufforderungen der Polizei und des Bürgermeisters über alle Stationen des Fernsehens, alles Ver­dächtige in den nächsten Tagen sofort zu melden.

Ein leichter Wind wehte durch die weißen Straßen. Die Temperatur war noch angenehm.

Der alte Mann überquerte die Straße und trat in eine Transmitterkabine. Er war entschlossen, seine Bürgerpflicht zu erfüllen.

 

* * *

 

Als das Empire-Building in Sicht war, machten sich die beiden Männer daran, die Last vom Gleitband zu schaffen. In dem riesigen Wohnblock wohnten mehr als fünftausend Menschen - dreihun­dert Stock hoch ragte er über die Stadt.

An der Abzweigung der Hausanlage vom öffentlichen Gleitband hatten die beiden Männer wenig Mühe, die Kiste auf das Gleitband zu schieben, das direkt ins Empire-Building führte. Drinnen packten Greifarme die Kiste und hoben sie mühelos in den Lastenaufzug. Einer der beiden Männer sandte den Aufzug ins vierundvierzigste Stockwerk. Dann betrat er zusammen mit dem andern einen der vielen Personenaufzüge, der sie zum Apartment 2465 brachte.

Es war ein hübsches Apartment mit Blick auf das Drachenmeer. Die Außen­wände des Empire-Buildings bestanden aus braunem Glas, das von außen wie eine unscheinbare Wand wirkte, von in­nen aber durchsichtig war.

Aber die Männer waren nicht der wunderbaren Aussicht wegen gekom­men. Der größere, ein blonder, kräfti­ger Junge von etwa sechzehn Jahren, öffnete die Verschlußklappe der Ener­gieversorgung für das Apartment, und sofort eilte ein Hilfsroboter herbei, um stumm auf Befehle zu warten.

In der Diele leuchtete eine rote Lampe über dem Lastenaufzug auf, die Verschalung glitt zurück, und zwei Greifarme schoben die Kiste herein.

Der kleinere der beiden, mit rotem Haar und wasserhellen Augen, machte sich sofort daran, die Kiste zu öffnen. Ein großer, mattglänzender Kasten er­schien. Zusammen mit dem blonden Jun­gen hob er den Kasten aus der Kiste und stellte ihn auf die Rollen, auf denen er lief. Der Rothaarige schob ihn zur Ener­gieversorgung und schloß ihn an.

Im Innern des Kastens begann es zu summen, die stählerne Außenwand klappte an allen vier Seiten herab, und ein seltsamer Apparat kam zum Vor­schein. Aus der Spitze einer Miniatur­pyramide ragte eine runde Lampe, die flackerndes blaues Licht verströmte. Der Rothaarige schloß schnell die Augen und drückte eine der schwarzen Tasten über der Basis der Pyramide. Das Flackern der Lampe verwandelte sich augenblicklich in ein ruhiges Blau. Auf einer der Skalen begann ein Lichtpunkt zu zucken.

Der blonde Junge stülpte sich einen Helm über den Kopf, von dessen Stirn­seite verschiedene Drähte liefen, die der Rothaarige mit dem Apparat verband. Dann drückte er einen weißen Knopf nieder. Der Lichtpunkt auf der Skala zeichnete flache Wellenlinien.

Der Rothaarige drehte den Knopf eine Vierteldrehung weiter, und auf allen Skalen begannen zuckende Lichtpunkte ihr verrücktes Spiel.

Der blonde Junge verzog das Gesicht wie in plötzlichem Schmerz. Der andere warf ihm einen kurzen Blick zu und schob zwei Schalter in Position. Auf ei­ner Skala erschienen in rasendem Tempo Ziffern und hielten bei 210 an.

Wieder sah der Rothaarige den Jun­gen an, der nun wieder ruhig vor sich hinblickte. „Okay?“ fragte er.

„Okay“, nickte der Junge, nahm den Helm ab und warf ihn achtlos neben den Apparat. „Wie spät ist es?“

„Kurz vor acht.“

„Gut.“

Der Rothaarige fixierte die Schalter an der Pyramide, kontrollierte die Linien der Lichtpunkte und betrachtete die Lampe, die in pochendem Rhythmus ihr blaues Licht verstrahlte.

Dann verließen sie das Apartment.

Vor dem Empire-Building trennten sieh die Männer schweigend. Der Junge betrat, ein Gleitband zum Drachenmeer. Der Rothaarige verschwand in einer Transmitterkabine.

 

* * *

 

„Bis jetzt haben wir bereits mehr als vierzig Meldungen von Personen bekom­men, die grundlos plötzlich stillstanden, und die Computer liefern dauernd neue Meldungen“, schloß Carter seinen Kurzbericht an Mundy.

„Allerhand“, sagte Mundy und nahm das Kauen wieder auf. „Besondere Wünsche?“

„Sie bleiben dauernd mit mir in Ver­bindung, Mundy. Sie übernehmen als sein Stellvertreter Heitnischs Posten und verlassen Ihren Platz nicht, bevor Heit­nisch wieder einsatzfähig ist.“

Mundy starrte Carter an. „Und wenn das drei Wochen dauert?“

„Dann bleiben Sie drei Wochen lang auf Ihrem Posten!“ knirschte Carter un­geduldig.

Mundy verschluckte sich an seinem Gummi.

„Sie beordern sofort Spezialpsycholo­gen in die Krankenhäuser, das fällt un­ter Ihre Aufgabe, denn das ist eine lo­kale Angelegenheit. Der Notdienst ist von mir verständigt. Ich bekomme eben die Meldung, daß nach ersten Ermitt­lungen das Gebiet, in dem die rätsel­hafte Lähmung auftritt, um die Zen­trale der VSP herum liegt und sich ge­nau abgrenzt. Innerhalb von etwa zwei mal zwei Kilometern hier rund um die Zentrale, sonst nirgends.“

Mundy grinste. „Vielleicht haben Sie den Missetäter im eigenen Haus, Car­ter?“

„Sparen Sie sich Ihre blöden Bemer­kungen, Neal. Haben Sie Ihre Spezial­psychologen bereits alarmiert?“

„Nein! Wann denn?“ fragte Mundy aufgebracht.

„Während Sie mit mir reden, Mann! Mit der rechten Hand das kleine, grüne Knöpfchen am Computer für Notdienst drehen. Und alle Spezialpsychologen werden auf Ihre Befehle warten!“

Mundy schwieg beleidigt und tat, was Carter empfohlen hatte.

Carter unterbrach die Verbindung und wandte sich Ann zu. „Komischer Kerl“, murmelte er. „Ann, ich brauche dich jetzt. Bitte veranlasse, daß man die Daten der betroffenen Personen zum Ver­gleich an die Computer gibt. Vielleicht können wir daraus etwas ersehen, das uns weiterbringt.“

„Was vermutest du, Carter?“

„Die betroffenen Personen müssen et­was gemeinsam haben, einen gemein­samen Faden, der zur Ursache für diese Lähmung führt. Denn es ist doch eigen­artig, daß nicht alle Personen in dem Gebiet auf den rätselhaften Befehl an­sprachen, sondern nur einige.“

Ann verließ schnell das Zimmer.

Wieder erschien Neal Mundy am Bild­sprechgerät. „Carter, ich brauche das Diagramm mit den Punkten, wo die be­troffenen Personen gefunden wurden. Meine Leute stehen mit Spezialgeräten bereit, um die Gegend zu durchkäm­men.“

„Ich warte selbst drauf“, sagte Carter. „Bleiben Sie auf Empfang, es kommt eben eine Meldung.“

Momentaner Stand: 46 Betroffene, da­von 18 Frauen und 28 Männer. Überein­stimmung, die auf alle Personen zu­trifft: Gehirnwellenausstrahlung 210 nach der Calvin-Skala.

Dann erschien das Diagramm, das Mundy gleichzeitig erhielt. Das Phäno­men beschränkte sich auf ein Gebiet von knapp fünf Quadratkilometern - und es bildet einen exakten Kreis, in dessen Mittelpunkt das Empire-Building stand.

„Sie wissen, was zu tun ist, Mundy“, sagte Carter. „Vermutlich geht die Ak­tion vom Empire-Building direkt aus. Beginnen Sie von dort aus mit der syste­matischen Durchforschung.“

Mundy zögerte. „Carter das Empire­-Building hat etwa dreitausend Apart­ments...“

„Und deshalb wurde es vermutlich auch als Zentrum gewählt“, setzte Carter hinzu. „Holen Sie alle verfügbaren Be­amten von den lokalen Stationen zum Empire-Building.“

Carter lehnte sich in seinem Sessel zurück. Die Calvin-Skala reichte von 100 bis 1200, der Täter hatte 210 gewählt. Aus einem bestimmten Grund? Vermut­lich kaum. Es war ihm wohl mehr darum zu tun, der Welt vor Augen zu führen, daß er nicht nur Menschen mit der Gehirnwellenausstrahlung von 210, son­dern vielmehr auf Knopfdruck alle Men­schen - egal mit welcher Gehirnwellen­ausstrahlung - zu reglosen Puppen er­starren lassen konnte. Und das Schlimme war, daß man, auch wenn das Zentrum des Anschlags entdeckt und wirkungs­los gemacht worden war, damit rechnen mußte, daß er es tat.

Das Warten auf Mundys laufenden Bericht machte Carter nervös. Am lieb­sten wäre er selbst ins Empire-Building gekommen, um sich an der Suche zu beteiligen.

Der Bildschirm der Sprechanlage leuchtete auf. „Raumhafen an Mister Carter, VSP. Raumhafen an Mister Car­ter.“

Carter stellte das Gerät ein. „Ja? Hier Carter.“

„Das Spezialraumschiff von Sirius wird in dreißig Minuten landen.“

„Danke“, sagte Carter auffallend er­leichtert. „Bitte geben Sie Meldung an Do'char, er möge sofort nach der Lan­dung ins Empire-Building kommen.“

„Verstanden.“

Gleich darauf meldete sich Mundy. Er kaute hektisch an seinem Gummi. „Wir haben es!“

„Nun, hatte ich recht?“ meinte Carter.

„Klar, Chef. In Apartment 2465 fan­den wir einen seltsamen Apparat, der garantiert der richtige ist: auf einer Skala erscheint die Zahl 210.“

„Gut, Mundy. Ich komme mit ein paar Spezialisten zu Ihnen ins Empire-Buil­ding. Bitte sehen Sie zu, daß alles unver­ändert bleibt, bis wir da sind.“

Er erhob sich.

Ann trat ins Zimmer.

„Komm bitte mit, Ann“, sagte Carter. „Vielleicht können wir dich brauchen.“

 

* * *

 

Als Carter mit Ann und zwei Spezia­listen ins Apartment 2465 trat, stand Mundy zufrieden grinsend neben dem Apparat, dessen blaues Licht immer noch rhythmisch pulsierte.

„Eagan, machen Sie sich an die Ar­beit“, sagte Carter zu einem der beiden Spezialisten. „Hoffentlich kommt es zu keinen Schocks, wenn der Apparat so plötzlich abgestellt wird.“

Der Spezialist lächelte. „Ich mache es vorsichtig, Mister Carter. Und die be­troffenen Leute werden sanft wie nach einer ruhigen Nacht aufwachen.“

Der zweite Spezialist trat zur Ener­gieversorgung und stellte sie auf halbe Kraft. Das blaue Licht verlor an Inten­sität.

Eagan stülpte den Helm auf, der immer noch neben dem Apparat lag, drehte den Kontrollknopf, verzog schmerzlich das Gesicht, schob die beiden Schieber in ihre Nullstellung und klappte zwei Schalter um.

Dann nahm er den Helm vom Kopf und drehte langsam die Knöpfe an den Skalen auf Null.

Das blaue Licht erlosch.

Auf dem Bildsprechgerät in Carters Hand erschien das Gesicht des dienst­habenden Arztes aus der Zentrale VSP. „Carter?“

„Ja, was gibt's?“

„Eben ist Heitnisch aufgewacht. Er be­wegt sich wieder. Ich bin hier bei ihm.“

„Na fein“, sagte Carter zufrieden. „Ge­ben Sie ihn mir.“

Das verwirrte Gesicht Heitnischs er­schien auf dem Schirm. „Was soll das, Carter?“ sagte er unwirsch. „Laß mir doch wenigstens Zeit, vom Arzt zu er­fahren, weshalb ich hier bin. Was ist mit mir passiert? Warum hat man mich in die Krankenstation gebracht?“

„Das kannst du auch von mir wissen. Unsere Freunde haben es auf dich abge­sehen. Sie haben ein Attentat auf dich verübt. Man hat dir einen schlafmittel­geränkten Dorn auf deinen Sessel gelegt und als du ...“

„Verdammt! Seid ihr alle übergeschnappt'?“ japste Heitnisch wütend. „Wo ist meine Vertretung? Wo ist Mundy, ich will Mundy sprechen!“

„Nur mit der Ruhe, Boß“, sagte Mundy und sah in die Kamera. „Ich bin ja da. Was darf's sein? Sagen Sie's Papi ...“

„Mundy!“ knirschte Heitnisch drohend und wurde weiß.

Der seltsame Kontrast zu seiner übli­chen roten Gesichtsfarbe erschreckte Mundy. „Die Leute haben hier ein selt­sames Ding installiert, das alle Personen mit einer Gehirnwellenausstrahlung von 210 plötzlich lähmte. Ich will Ihnen ja nicht nahetreten, Boß - aber Sie haben anscheinend 210...“

„So“, bellte Heitnisch. „Und was macht der Apparat jetzt, da ich frisch und mun­ter und nichts weniger als gelähmt bin?“

„Eagan hat ihn ausgeschaltet“, sagte Mundy zwischen zwei Kaubewegungen. „Wie fühlen Sie sich, Boß?“

Heitnisch gewann wieder an Farbe. „Okay“, sagte er gnädig. „Ich komme gleich zu euch hin, oder wird der Appa­rat hierher in die Zentrale transpor­tiert?“

Carter schaltete sich ein. „Do'char muß jeden Augenblick landen. Ich möchte hier auf ihn warten. Also komm besser her.“

Die Computerzentrale meldete, daß alle sechsundvierzig betroffenen Perso­nen wieder aufgewacht waren und sich wohl fühlten.

Mundy probierte ein Spürauge aus, aber als es wie üblich versagte, war nie­mand besonders enttäuscht. Keiner hatte im Ernst erwartet, es würde funktionie­ren.

„Wie immer“, sagte Mundy. „Die Täter bleiben unsichtbar. Aber wir wissen zu­mindest, daß es zwei waren.

Da fällt mir ein, Carter - kurz bevor ich die Zentrale verließ; kam ein alter Mann und meldete, er hätte zwei Män­ner beobachtet, die eine viel zu schwere Kiste ohne Roboter auf dem Gleitband transportierten. Und zwar in Richtung Empire-Building. Die beiden sprachen nicht miteinander, also konnte er ihre Stimmen nicht hören. Er konnte aber eine genaue Beschreibung von beiden ge­ben, und ich habe angeordnet, daß nach seinen Angaben Phantombilder angefer­tigt werden. Das könnten doch unsere beiden Unsichtbaren hier gewesen sein?“

„Durchaus möglich“, entgegnete Car­ter. „Aber vermutlich werden wir sie erst dann finden, wenn sie in demselben Zu­stand sind wie Behrman...“

 

* * *

 

Heitnisch trat in das Apartment, die Schutzbrille baumelte heftig über seinem weißen Umhang. Sein Gesicht war dun­kelrot.

„Gut geruht, Peter?“ grinste Carter. „Du siehst wirklich gut erholt aus.“

Heitnisch schnaufte verächtlich durch die Nase. „Ich wünsche euch allen die Pest“, sagte er sachlich. „Sie ausgenom­men, Ann.“

„Unter der rauhen Schale schlägt ein Herz aus Gold“. stellte Mundy fest.

„Achtung, der Raumhafen!“ rief Ann und wies auf das Bildsprechgerät.

„Meldung an Mister Carter, VSP: Das Spezialschiff der VSP-Sirius ist bereits gelandet, Mister Do'char ist auf dem Weg zu Ihnen.“

„Danke“, sagte Carter.

„Weit ist es mit uns gekommen“, stell­te Heitnisch trübselig fest. „Wir müssen auf Hilfe vom Sirius warten, weil wir allein nicht weiterkommen.

Eigentlich finde ich es unerhört, daß man uns nicht über alle Neuerungen be­richtet, sondern wartet, bis ein solcher Fall uns überrascht und wir hilflos im Dunkeln tappen. Wären wir besser in­formiert, hätte Do'chars Kommen sich erübrigt!“

Carter hob die Schultern und seufzte: „Die Wege der Sirianer sind unerforsch­lich, Peter.“

Do'char trat mit einem zweiten Siria­ner, der einen Roboter unbekannter Bauart führte, in das Apartment. Er war selbst für einen Sirianer außergewöhn­lich klein und reichte Carter gerade bis zur Taille.

„Hallo. Carter!“ rief Do'char mit sei­ner pfeifenden Stimme. „Wie geht's dir, mein Sohn?“

Die flache Nase bebte, aus seinen was­serhellen Pupillen strahlte die Wieder­sehensfreude. Do'char trug seine Haut in der grünlichen Naturfarbe und das Haar abrasiert.

„Danke, lausig“, sagte Carter und grinste. Do'chars Anwesenheit beruhigte ihn ungemein.

„Hallo!“ Do'char wandte sich von ei­nem zum andern. Nach Terranerart ver­beugte er sich kurz vor Ann.

„Wenn du erlaubst, Carter, möchte ich gleich mit der Arbeit beginnen.“ Er schnaufte. „Ich will so bald wie möglich wieder hier weg - trotz der Freude, dich wiederzusehen. Aber ich halte diese Luft hier nicht aus.“

„Noch immer nichts dagegen erfunden, Do'char?“ fragte Carter mit einer Prise Bosheit in der Stimme.

„Mein Sohn”, erwiderte Do'char wür­dig und reckte seine schmale Gestalt hoch auf. „Wir haben nicht das geringste Bedürfnis, uns auf eurem unwirtlichen Planeten anzusiedeln oder euch auch nur Gesellschaft zu leisten. Weshalb sollten wir uns also den Kopf darüber zerbre­chen, wie wir das Atmen hier erträg­licher machen könnten?“

Mundy grinste schadenfroh. Carter hatte seinen Meister gefunden.

„Wer von Ihnen hat telepathische Fä­higkeiten?“ fragte Do'char.

„Ich“, sagte Ann.

„Dann möchte ich bitten, daß alle Per­sonen bis auf Ann und Carter den Raum verlassen. Aber warten Sie bitte bis auf weiteres hier im Apartment.“

„Blöde Heimlichtuerei“, maulte Heitnisch und zog mit Mundy und einem der Spezialisten, der noch da war, ab.

Do'chars schweigender Begleiter stell­te sich vor die Tür.

„Dieses Ding da“, Do'char zeigte auf den Roboter, den er mitgebracht hatte, „ist direkt an das Spezialraumschiff gekoppelt. Es leitet alle Daten weiter und gibt sofort das Resultat bekannt. Das ist unsere letzte Erfindung, sie macht uns unabhängig von Spezialisten, die zum Tatort kommen müssen.“

Er stellte die Verbindung mit dem Raumschiff her, dann wandte er sich an Carter. „Vorerst einige grundsätzliche Bemerkungen: sämtliche Methoden, mit denen die Verbrecher hier gearbeitet haben, sind uns bekannt. Und wie dir Ra'­chun bestimmt schon gesagt hat, haben wir auch die entsprechenden Gegenmaß­nahmen.“

„Aber wie ist es dann möglich, daß wir auf Altair 16 nicht laufend Informatio­nen darüber bekommen?“ rief Carter. „Ra'chun ließ durchblicken, daß man das aus Geheimhaltungsgründen nicht tut. Das erscheint mir aber lächerlich...“

Do'char lächelte schwach. „Ganz ein­fach, Carter: es stimmt teilweise, daß diese Dinge top-secret sind, aber du darfst nicht vergessen, daß die ewigen Neuerungen, die dann notwendig wür­den, unendlich teuer wären.

Nur ein Beispiel: bis jetzt sind uns zwölf Möglichkeiten bekannt, das Spür­auge in irgendeiner Form außer Betrieb zu setzen. Hätten wir nach jeder einzel­nen Entdeckung einer dieser zwölf Mög­lichkeiten die alten Typen durch neue, verbesserte, ersetzt, hätten wir in den letzten hundert Jahren allein vom Spür­auge zwölf verschiedene Modelle her­stellen müssen. Und du weißt, was ein Spürauge kostet.

Jetzt ist geplant, für jede VSP-Zen­trale Spezialschiffe, wie das, mit dem ich gekommen bin, anzuschaffen, aber das wird noch einige Zeit dauern.“

„Ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß es zwölf Möglichkeiten gibt, ein Spür­auge außer Betrieb zu setzen. Warum wurden wir nicht zumindest von dieser Tatsache informiert?“

„Wir fanden es besser, dies geheimzu­halten“, sagte Do'char vorsichtig. „So herrscht in der Bevölkerung bis heute die Ansicht vor, das Spürauge sei per­fekt - was ja den Hauptzweck des Ge­rätes erfüllt: nämlich Verbrechen zu ver­hindern.“

„Gut, was gibt es noch für technische Neuerungen. von denen wir nichts wis­sen?“ bohrte Carter weiter.

„Unzählige“, sagte Do'char. „Es würde zu weit führen, alle aufzuzählen.“

„Irgendwie ist es aber anscheinend jemandem gelungen, an eure gut gehüte­ten Geheimnisse heranzukommen. Wie konnte das geschehen?“

„Das wird noch untersucht. Theoretisch war es ausgeschlossen, es ist aber doch passiert, denn wir halten es für weitaus unwahrscheinlicher, daß jemand diese Erfindungen eigenständig entwic­kelt haben könnte. Aber nun an die Arbeit, über all das können wir später reden.“

Er trat auf den Roboter zu und drück­te eine Taste unterhalb eines der Mikrofone. „Sofort feststellen lassen, welche Methode zum Versagen des normalen Spürauges geführt hat.“

Er drückte einige Tasten, und Licht­fühler strichen durch die Luft. Aus einem Schlitz schoben sich zwei elektro­magnetische Filter, die zu kreisen be­gannen.

„Es wurde Methode Vier angewandt“, kam die Antwort aus einem Lautspre­cher.

„Alles einleiten, um Sperre zu durch­brechen.“

Do'char wandte sich an Carter. „Me­thode Vier ist ein ziemlich einfacher Weg, das Spürauge zu stören. Sie arbei­tet auf magnetisch elektronischer Basis. Ein winziges Gerät, das man bequem mit sich herumtragen kann, stört den Strah­lengang des normalen Spürauges mit dem Effekt, daß die Person, die das Ding trägt, unsichtbar bleibt. Wir haben aber ein vollkommen neuartiges Spürauge entwickelt, das auf anderer Basis arbei­tet. Eine Störung dieses Gerätes ist nur mit Hilfe einer umfangreichen Anlage möglich. In wenigen Augenblicken wer­den wir sehen, wer die Unsichtbaren waren.“

Wieder betätigte er einen Schalter, und ein Bildschirm, der genauso aussah wie der des üblichen Spürauges, flac­kerte auf.

Do'char drehte einen Knopf, und das Bild begann rückwärts zu laufen, wie ein Film. Carter beobachtete, wie er selbst ankam, dann sah er die Polizisten mit Mundy, die das Zimmer durchsuchten, sah den leeren Raum, in dem das bläu­liche Licht pochte, und dann tauchten die beiden Männer auf, die den Apparat montierten.

Do'char. drehte an einer Feineinstel­lung, und nacheinander erschienen die Gesichter der beiden Männer in Groß­aufnahme. Er drückte nach jeder Groß­aufnahme einen Knopf, und aus einem Schlitz unter dem Bildschirm schoben sich großformatige Farbphotos der bei­den Männer, die Do'char an Carter wei­tergab.

„Bring bitte die Bilder zu Mundy hin­aus“, sagte Carter zu Ann, nachdem er einen kurzen Blick daraufgeworfen hat­te. „Er soll sie dem Alten vorlegen, mög­licherweise kann er sie identifizieren.“

Ann erhob sich und ging aus dem Zim­mer, vorbei an dem zweiten Sirianer, der zur Seite trat und sie schweigend pas­sieren ließ.

„Ganz simpel, was?“ fragte Do'char und grinste. „Wenn man das richtige Werkzeug hat!“

Carter nickte und beobachtete auf­merksam den Bildschirm. Do'char verän­derte laufend die Stellung des Schalters.

„Mit diesem Apparat sind wir erst­malig in der Lage, Personen bis zu einem Radius von zwanzig Kilometer zu folgen, ohne das Spürauge ständig bewegen zu müssen. Ich nehme an, wir folgen zu­nächst unseren beiden Freunden, da uns doch am meisten interessiert, wohin sie verschwunden sind.“

Ann trat wieder in den Raum.

„Was hat Mundy dazu gesagt, daß er die Täter fix und fertig ins Haus geliefert bekam?“ fragte Carter.

„Er sagte, er hätte immer etwas gegen Rothaarige gehabt“, lächelte Ann.

Auf dem Bildschirm sah man die bei­den Männer das Empire Building ver­lassen. Do'char drückte auf einen Knopf, und das Bild blieb einen Augenblick un­beweglich, als sich die beiden Männer trennten und in verschiedene Richtun­gen weitergingen.

Ein zweiter Bildschirm leuchtete auf. „Wir können gleichzeitig beide Männer beobachten“, sagte Do'char.

Carter folgte gespannt dem Tun der beiden Männer. Sie hatten anscheinend alle Zeit der Welt zur Verfügung. Sie benützten die Gleitbänder ohne Eile und wechselten oft die Richtung.

Do'char drehte den Schalter weiter nach rechts, und die Bewegungen wur­den rascher, um sich nach einer Weile wieder zu verlangsamen.

„Wir sind nun in der Gegenwart. Wir sehen, was die beiden im Augenblick tun.“

Nahe der Petersen-Siedlung trafen die Männer wieder zusammen. Ein Gleitband führte sie die schmale Straße hinauf, die mitten durch die Siedlung lief. Sie ver­ließen das Band und bogen zwischen die verschachtelten Häuser ein.

Die beiden kannten den Weg genau, denn es war nicht leicht, sich in den Irr­wegen der Petersen-Siedlung zurechtzu­finden. Es gab zwar ein sicheres System, sich hier zu orientieren, das auf den ver­schiedenen Farben beruhte, in denen die Häuser gehalten waren, doch das System kannten nur die Bewohner, und nieman­den sonst hatte es zu interessieren. Die Petersen-Siedlung beinhaltete aus­schließlich Privatwohnungen von hohen Beamten, die das Recht besaßen, wenig­stens hier vollkommen ungestört zu sein. Carter selbst hatte seine Wohnung in der Siedlung, benützte sie aber selten.

„Wohnt nicht auch Hunter in der Pe­tersen-Siedlung?“ fragte Ann.

„Seit er von Ruth geschieden wurde“, nickte Carter. „Und er wohnt genau da, wo die beiden Kerle jetzt stehen.“

„Ist Hunter nicht dein Stellvertreter?“ wandte sich Do'char an Carter.

Die beiden Männer betraten einen der unzähligen Einzelaufzüge.

„Ja aber das ist doch unmöglich! Das kann es nicht geben!“ rief Carter und sprang auf. „Die beiden treten in die Passage zu Hunters Wohnung!“

Der Rothaarige legte seine Handflä­chen parallel an die Türwand und klopfte daraufhin dreimal. Die Tür sprang auf.

Carter schüttelte sprachlos den Kopf und folgte den beiden weiter.

Für die Verhältnisse auf Altair 16 war die Wohnung Hunters klein. Durch einen schmalen Vorraum kam man direkt in ein flaches, fast leeres Wohnzimmer, das von einer riesigen Bildwand beherrscht wurde, die im Hintergrund eine Eisland­schaft vom Neptun zeigte. Die roten Fensterscheiben tauchten den Raum in ein warmes Licht und ergaben einen selt­samen Kontrast zu der sachlichen Strenge des Raumes.

Die beiden Männer setzten sich auf weiche Wandpolster im Wohnraum, ei­ner der beiden schloß die Augen und lehnte sich zurück, der andere betrach­tete teilnahmslos die Eislandschaft.

Carter war sich sehr wohl der Vorteile dieses Spürauges bewußt: Man verlor nicht mehr kostbare Zeit, dem Täter mit­samt dem Apparat zu folgen, sondern man konnte ihn unabhängig vom Stand­ort des Spürauges verfolgen. Mit der al­ten Methode war es kaum möglich, ei­nen Täter tatsächlich einzuholen. Man kannte ihn nur. Nun aber...

„Die beiden haben noch kein Wort miteinander gewechselt“, bemerkte Ann.

„Sie werden sofort sehen, weshalb, Ann“, meinte Do'char.

Grinsend drückte er einen Hebel, und Ann stieß einen Überraschungsruf aus. „Das ist doch unmöglich! Ich kann ihre Gehirne erreichen!“

Do'char lächelte zufrieden, als hätte er den Apparat selbst konstruiert.

„Und was kannst du feststellen?“ fragte Carter interessiert.

„Nichts. Ihre Gehirne sind so leer wie das Behrmans. Sie denken nichts, sie warten auf den nächsten Befehl.“ Sie schloß die Augen. „Ich habe den Kenn­satz, auf den sie reagieren.“

„Wie ich es mir gedacht habe“, stellte Do'char fest. „Die beiden helfen uns nicht weiter. Was ich aber seltsam finde, ist, daß die beiden in Hunters Wohnung auf Befehle warten... Ist Hunter ir­gendwie verdächtig, Carter?“

Carter räusperte sich. „Ich glaube nicht, daß er etwas mit der Sache zu tun hat. Er ist zwar skrupellos, aber nicht dumm. So dumm kann er nicht sein, die Kerle in sein Haus zu lassen, wenn er an der Sache irgendwie beteiligt ist.“

„Trotzdem würde ich sagen, wir sehen uns das Apartment mal an.“

„Und was machen wir mit den zwei trüben Gestalten?“ fragte Carter.

„Das ist sehr einfach“, meinte Do'char und schaltete Carters Bildsprechgerät ein. „Gib mir die Verbindung zu Hunters Wohnung, mein Sohn.“

Auf dem Bildschirm von Do'chars Robo­ter konnte man erkennen, wie das Signal des Bildsprechgeräts in Hunters Woh­nung anschlug.

Der Rothaarige sprang auf und drück­te die Sprechverbindung. Er sagte kein Wort. Der blonde Junge trat neben ihn.

„Ann, sagen Sie den Kennsatz“, flü­sterte Do'char.

Die Telepathin kam näher an das Bild sprechgerät heran. Langsam und mit starker Betonung sagte sie: „Die Tage der Rache sind gekommen, die Welt ist unser, Altair scheint nicht mehr.“

Die Erstarrung der beiden Männer fiel plötzlich von ihnen ab. Aufmerksam und gespannt standen sie da, bereit, weitere Befehle entgegenzunehmen.

„Sofort die Wohnung verlassen“, sprach Do'char langsam in das Bildsprechgerät. „Und sofort in das Haupt­quartier der VSP, Zentrale Altair 16 kommen.“

Er unterbrach die Verbindung und wandte sich an Carter. „Die Psychologen und deine Beamten sollen sich mit den beiden beschäftigen. Ich glaube aber nicht, daß sie etwas feststellen werden. Ann, geben Sie Heitnisch Bescheid, daß wir die beiden haben. Er soll die Fahn­dung abbrechen lassen und in die lokale Polizeizentrale zurückkehren.“

„Und was tun wir weiter?“

„Vorerst lasse ich mir Bericht vom Schiff geben.“

Auf einem der Bildschirme erschien das Gesicht eines Sirianers, der wie Do'char seine natürliche Hautfarbe trug und den Kopf kahlgeschoren hatte.

„Das ist Li'nachora, Carter“, stellte Do'char vor. „Bei ihm laufen alle Fäden von Altair 16 und Sirius zusammen.

Was gibt's Neues?“

Li'nachora lächelte Carter zu. „Wir haben an allen Orten, wo Anschläge er­folgt sind, unser Spürauge eingesetzt. Untersuchungsgebiete waren das Dra­chen-Hotel, das Museum, die Transmit­terzentrale und die Energiebarriere. Die Ergebnisse waren eher enttäuschend. Leider können wir ja auch mit unseren neuen Geräten nicht weiter als etwa fünfzig Stunden in die Vergangenheit reichen. Und bis dahin ergeben sich keine interessanten Hinweise. Wir konn­ten feststellen, daß Berten, alias Behrman, von einer kleinen Wohnung aus operierte, die in einer Siedlung lag. Auf ein Stichwort, das über den Lautsprecher eines Bildsprechgerätes kam, reagierte er. Dasselbe trifft auf die anderen Per­sonen zu, die an den Aktionen betei­ligt waren: zwei Männer, die bei dem Attentat auf die Transmitterzentrale mit Berten zusammenarbeiteten und weitere zwei Männer, die die Energiebarriere um die Stadt zerschlugen. Ich habe deine Idee übernommen, Do'char. Die vier Männer sind ebenfalls auf dem Weg zur Zentrale der VSP. Anscheinend be­nützte der Mann im Hintergrund nur diese fünf Männer, die wir alle haben. Wir können aber nicht feststellen, ob es nicht doch noch mehr Mitarbeiter gibt; wie gesagt, über die Grenze von fünfzig Stunden Vergangenheit kom­men wir nicht hinaus.“

„Sehr dürftig“, stellte Do'char unzu­frieden fest.

„Stimmt“, sagte Li'nachora. „Wer immer im Hintergrund steht, hat die Sache so eingefädelt, daß wir ihm über seine Helfer nicht auf die Spur kommen. Er ging kein Risiko ein. Denn ich bin überzeugt, daß wir auch nichts fänden, wenn wir mit dem Spürauge eine Woche in die Vergangenheit zurück könnten.“

„Du hast vermutlich recht“, gab Do'­char zu. „Aber wir haben ja noch an­dere Möglichkeiten, mit denen wir si­cher weiterkommen werden.“

Li'nachora wandte sich eintreffenden Berichten zu, und Do'char unterbrach die Verbindung.

„Welche Möglichkeiten?“ erkundigte sich Carter.

Aber Do'char war in Gedanken ver­sunken und schwieg.

 

*  * *

 

In Hunters Wohnung setzte Do'char sofort den Spezialroboter für einige Analysen ein.

Aus der Zentrale der VSP kam die Meldung, daß es Hunter unverändert ginge, es war immer noch nicht ge­lungen, die Hypnose auszuschalten.

Do'char litt unter der sauerstoffrei­chen Luft und ließ sich mit Carter und Ann auf den Wandpolstern nieder, während der Spezialroboter seine Analysen machte.

Li'nachora meldete sich wieder. „Eben hörte ich von Ra'chun, wie es möglich war, daß Geheimnisse aus den Archiven der VSP entwendet werden konnten. Der Mann im Hintergrund benutzte diesmal nicht das gleiche Mittel wie immer — die Hypnose, denn da die leitenden Männer der VSP und besonders der Forschungsabteilung und des Archivs totale Gedankensperre und Hypno­-Sicherungen besitzen, konnte der Tä­ter nur mittels einer Bestechung an sein Ziel kommen.

Wir haben den betreffenden Mann ausgeforscht, und er hat den Verrat zugegeben. Er hat als Beamter der Gruppe C 1 nur zu Erfindungen Zutritt, die mindestens hundert Jahre alt sind.

Wir wissen auch, welche Erfindungen sich im Besitz des Täters oder der Gruppe im Hintergrund befinden.“

„Haben Sie veranlaßt, hier auf Altair 16 und auch auf den anderen Planeten die weitere Anwendung dieser Erfin­dungen zu vereiteln?“ fragte Carter rasch.

„Leider sind da einige Dinge dabei, gegen die wir keinen generellen Schutz errichten können. Aber wir können uns darauf einstellen und alles vorbereiten, um sofort zurückzuschlagen. Bevor wir weitersprechen, möchte ich Sie ersuchen, Schutzhauben aufzu­setzen.“

Do'char nickte und griff in ein Fach am Spezialroboter. „Hat die Zentrale Sirius mitgeteilt, was dem Mann als Belohnung für seinen Verrat geboten wurde?“ fragte er.

„Nein - ich gebe die Anfrage sofort mit Dringlichkeitstufe Eins weiter.“

Do'char reichte Ann und Carter zwei Hauben und stülpte sich selbst eine über den Kopf. Die dünnen Drähte, die von den Hauben wegliefen, verband er mit kleinen Apparaten, die sie in die Taschen ihrer Umhänge steckten.

„So, jetzt sind wir gegen jede gei­stige Beeinflussung gefeit. Wir können nicht hypnotisiert werden, denn alle Strahlungen, die das Gehirn beeinflus­sen könnten, werden durch die Haube neutralisiert.“

„Was hat der Computer als Motiv er­mittelt?“ wandte sich Do'char erneut an Li'nachora.

„Keine Veränderung, Do'char. Die zwölf Hypothesen, die der Computer als mögliche Motive entwickelt hat, stehen immer noch in derselben Wahrscheinlich­keitsreihung. Aber möglicherweise ändert sich daran einiges, wenn wir De­tails über die Bestechung des Archiv­beamten erhalten. Die Anfrage ist be­reits unterwegs.“

Das Bild Li'nachoras verschwand, und Carter wandte sich gereizt an Do'char.

„Sie haben doch ganz bestimmte Vor­stellungen“, sagte er ungeduldig. „War­um schenken Sie mir nicht reinen Wein ein?“

„Später. Es sind nur Mutmaßungen, nichts Konkretes. Wir haben verschiedene Anhaltspunkte, aber es wird noch eine Weile dauern, bis wir Genaueres wissen.“

„Warum sagen Sie mir diese Mut­maßungen nicht?“ bohrte Carter weiter.

„Ich bin Leiter der Zentrale hier, Do'char, und nicht ein neugieriger Re­porter, der Sie auf der Abschußliste hat!“

Do'char sah Carter gerade in die Au­gen. „Carter“, sagte er leise. „Wenn du darauf bestehst, muß ich es dir sagen, so ungern ich es auch tue: Der absolute Geheimhaltungsbefehl erstreckt sich auf alle. In dem Augenblick, als ich hier auf Altair 16 aus dem Raumschiff trat, wa­ren für mich alle Leute auf Altair 16 verdächtig. Nur so kann man zu einem Resultat kommen. Als die Sache in die Hand der VSP Sirius überging, wurdest auch du automatisch zu einem Ver­dächtigen.“

Carter wollte aufbrausen, aber Do'char hob die Hand. „Ich will damit nicht sagen, daß ich persönlich dich für verdäch­tig halte, aber ich bin zur äußersten Vorsicht verpflichtet. Du mußt das ver­stehen.

Es geht hier nicht um einen Sack Geld, Carter. Um einen Beamten der Gruppe C 1 zu bestechen, einen Mann, der sich so ziemlich alles leisten kann, was sein Herz begehrt, gehört ein biß­chen mehr... Deshalb, Carter, muß ich so vorsichtig sein.“

Carter schwieg. Ehrlicherweise mußte er zugeben, daß Do'char recht hatte. Und daß die Belohnung, die man dem Archivbeamten versprochen hatte, unter Umständen einen direkten Hinweis auf den oder die Täter bringen würde.

Die Meldung kam, daß die vier Männer, die - wie Berten - die Anschläge durchgeführt hatten, in der Zen­trale der VSP eingetroffen waren. Die Untersuchungen hatten nichts ergeben, denn ihre Gehirne waren tot wie das Bertens.

„Es ist zum Verzweifeln, daß uns der Bursche im Hintergrund alle seine Leute in dem Zustand überläßt!“ rief Carter.

Do'char kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Wir kommen ihm schon auf die Spur. Wir haben einen neuartigen Entzerrer, mit dem man un­ter anderem auch verstellte Stimmen entzerren kann. über das Spürauge konnten wir doch die Stimme des Un­bekannten aufzeichnen, als er die Stichworte gab.“

„Wenigstens eines Ihrer Geheimnisse konnte ich Ihnen entreißen“, stellte Carter zufrieden fest. Das Mißtrauen Do'chars war offensichtlich doch eher theoretischer Natur.

Systematisch begann er mit der Un­tersuchung von Hunters Wohnung. Er sah die Papiere durch, die er in einem Schrank fand. Meist waren es persön­liche Dokumente und Fotos von Hunters Frau. Plötzlich stutzte er.

„Sehen Sie sich das an, Do'char!“ rief er überrascht. Er reichte Do'char ein Blatt Papier.

Dieser warf einen Blick darauf und nickte gleichmütig. „So etwas habe ich erwartet.“ Er gab Carter das Blatt zu­rück, der ihn verblüfft ansah.

„Aber hier stehen doch die Stichworte, die bei Berten und den anderen Män­nern verwendet wurden, bevor sie die Befehle durchführten!“

Der Sirianer schüttelte den Kopf. „Unsinn. Ich glaube nicht daran, daß Hunter etwas mit der ganzen Ange­legenheit zu tun hat. Er ist so unschul­dig in die Sache hineingerutscht wie Berten und die anderen.

Carter, überlege: was kann ein Mann wie Hunter einem Archivbeamten außer leeren Versprechungen ohne jede Grundlage bieten, um ihn zum Verrat zu bringen? C 1-Leute, mein Sohn, jagen weder nach Hirngespinsten noch nach Geld. Etwas anderes aber hätte Hunter ihm nicht bieten können.

Der Mann im Hintergrund versucht nur, uns zu verwirren. Vermutlich wer­den wir auch später noch auf solche Späße stoßen. Wie gesagt, ich halte nichts davon.“

Verbissen suchte Carter weiter, fand aber nichts. Schließlich gab er auf.

Wieder meldete sich Li'nachora. „Wir haben feststellen können, daß es eine Person war, die die Stichworte sprach und die Befehle erteilte. Bis jetzt ist es uns aber nicht gelungen, die Stimme zu identifizieren. Das wird noch eine Weile dauern, da sie nicht nur ver­stellt war, sondern durch ein Zerrgerät ging.“

„Hat Sirius bereits Details über die Bestechung des Archivbeamten bekannt­gegeben?“ fragte Do'char.

Der Beamte weigerte sich, weitere Aussagen zu machen, und wir haben, wie du weißt, keine Möglichkeit, ihn dazu zu zwingen. Ra'chun beschäftigt sich persönlich mit ihm.“ Li'nachora zwinkerte mit seinen schrägen Augen. „Ich nehme an, er nährt sich nur mehr von Beruhigungspillen. Er nimmt näm­lich das Schweigen des Beamten als persönliche Herausforderung. Das soll uns nur recht sein. So können wir unse­ren Mißerfolg auf Ra'chun schieben, denn ich bin überzeugt davon, der Mann wird nicht reden, wenn er es sich einmal vorgenommen hat. Und Ra'chuns ganzes psychologisches Arsenal wird da nichts nützen!“

Do'char bedachte das einen Augen­blick lang und seufzte. „Hast du sonst noch etwas festgestellt?“

„Das Logbuch von List haben wir entdeckt. Einer der Männer, die den Anschlag auf die Energiebarriere ver­übten, hatte es bei sich. Derzeit unter­sucht man in der Zentrale VSP Klei­dung, Werkzeuge und Waffen der Män­ner. Die Ergebnisse werden aber auch hier noch auf sich warten lassen. Ich melde mich wieder, sobald es Neuigkeiten gibt.“

Er unterbrach die Verbindung.

Do'char grunzte unwillig. „Das dauert mir alles viel zu lange. Wenn ich daran denke, daß der Kerl im Hintergrund vermutlich wieder zuschlagen wird, um dann von der Bühne zu verschwinden...“

„Aber der Computer vermutete doch, daß hinter allen Vorfällen eine Gruppe steht, die Unruhe und Angst verbreiten will, um dann irgendwelche Forderun­gen zu stellen“, warf Ann ein, die still den Dingen gefolgt war.

„Das ist eine der Vermutungen“, sagte Do'char, „und bis heute früh war sie die wahrscheinlichste. Jetzt nicht mehr. Wenn es der oder die Täter darauf angelegt hätten, Forderungen zu stellen, dann hätten sie die noch gestern abend oder spätestens heute früh stellen müs­sen. Die beste Gelegenheit dazu hätte Berten vor den Fernsehkameras gehabt. Das ist ausgeblieben. Daher scheidet diese Möglichkeit ziemlich sicher aus. Meiner Meinung nach gibt es nur mehr eine einzige Möglichkeit, und auch der Computer hat berechnet, daß sie mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit zutrifft. Es ist ziemlich sicher, daß der Unbe­kannte noch einmal zuschlagen wird. Aber diesmal sind wir gerüstet.“

Carter überlegte. „Dann bleibt eigent­lich nur die Möglichkeit, daß ein Mann dahintersteht, der all dies nur inszeniert hat, um von etwas abzulenken oder et­was zu verbergen...“

„Richtig“, lächelte Do'char. „Das meint der Computer. Und ich meine es auch.“

„Und was können wir jetzt tun?“ fragte Ann. „Alle Nachforschungen ha­ben sich totgelaufen...“

„Warten“, sagte Do'char unbeweglich.

„Warten.“

 

* * *

 

Der große Sitzungssaal des Hauptver­waltungsgebäudes lag aus Sicherheits­gründen drei Stockwerke unter der Erde, gleich neben Rinnerts Büro. Der Saal war nicht besonders hoch, und die dunklen Querstreben an der Decke machten ihn noch niedriger. Das unter­strich nur die Größe des Raums, der trotz seiner Ausdehnungen akustisch so perfekt war, daß ein Flüstern für eine Unterhaltung von einem Ende zum andern genügte.

Aber der Bürgermeister hielt seine Stimme nicht zurück.

„So kommen wir nicht weiter, meine Herren!“ rief er ungeduldig. „Sie sind meine Fachleute, Sie haben mir bessere Vorschläge zu liefern! Mein Job ver­langt von mir, daß ich mich mit der Stadtverwaltung beschäftige und nicht darüber nachdenke, wie man zum Bei­spiel die Energiebarriere anschlagsicher machen könnte.“

Seine Stimme dröhnte durch den Raum. Zwanzig ratlose technische Leiter hielten sich im Geist die Ohren zu. „Die Öffentlichkeit verlangt von mir mit Recht, daß diesen Vorkommnissen Taten folgen, die ähnliches in Zukunft verhindern. Ich stehe im Brennpunkt der Kritik, und ich habe es satt, für Ihre mangelnde Initiative den Kopf hinhalten zu müssen.“

Erschöpft lehnte er sich zurück und blickte von einem zum andern. Welch ein Haufen unfähiger Leute, dachte er.

„Im Interviewraum lauert eine Meute Reporter auf mich, unter ihnen Mur­ray, der sich auf mich stürzen wird wie ein hungriger Wolf. Was soll ich sagen, außer Phrasen? Soll ich sagen, lieber Murray, nicht ich bin schuld, sondern meine Spezialisten sind es, die keine Ideen haben, wie man solche Anschläge in Zukunft verhindern kann?“

Rinnerts unscheinbares Äußeres täuschte über den energiegeladenen, energischen Mann dahinter hinweg.

„In einer Stunde werde ich den Re­portern Rede stehen“, sagte er und erhob sich. „Und bis dahin wünsche ich konstruktive Vorschläge!“

„Eine Stunde ist viel zu kurz!“ rief einer der Techniker.

„Eine Stunde genügt“, sagte Rinnert drohend, und der Mann schwieg.

Er eilte auf die Ausgangstür zu und Gallun, sein persönlicher Sekretär, rannte ihm nach.

„Was soll ich den Reportern sagen?“ fragte er aufgeregt.

Der Bürgermeister seufzte und blieb stehen. „Mann, Gallun, sind Sie nicht zur kleinsten Entscheidung fähig? Sa­gen Sie den Hyänen, in zwei Stunden bin ich oben.“

Gallun errötete. „Aber - aber sie werden solange nicht warten wollen“, sagte er verwirrt.

„Dann sollen sie sich nach Hause scheren!“ brüllte Rinnert.

Kopfschüttelnd ging er in sein Büro. Jane, seine Sekretärin, sah auf und lächelte ihm zu.

„Lauter Idioten“, stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Sie sind der ein­zige Lichtblick in diesem verdammten Narrenhaus.“

Jane lächelte geschmeichelt. Rinnert hatte als Bürgermeister das Recht auf zwei persönliche Sekretäre neben den Robotern. Jane war von den beiden das große Los, Gallun eindeutig die Niete.

Rinnert ging in sein Zimmer, blickte flüchtig auf die Uhr und erstarrte. Es war knapp vor elf Uhr.

Langsam setzte er sich. Seine Hände zitterten. Schweiß stand auf seiner Stirn.

Ich kann nicht, dachte er und schloß die Augen. Ich kann nicht mehr. Wieder sah er auf die Uhr und verfolgte den Sekundenzeiger auf seinem Weg.

Nein! Ich kann nicht mehr! hämmerte es in seinem Schädel.

Plötzlich wurde ihm das Summen desBildsprechgeräts bewußt. Er beugte all nach vorn und drückte die Taste. „Ja?“ keuchte er.

„Die Reporter lassen sich nicht ab­schütteln!“ jammerte Gallun.

Rinnert holte tief Luft. ,In zwei Stunden, habe ich gesagt. Keine Minute früher!“ Er unterbrach die Ver­bindung.

Sein Blick wanderte zur Uhr.

Noch eine Minute.

Mühsam zog er eine Lade auf und holte eine Schutzhaube hervor, die er über seinen Kopf stülpte. Den dünnen Draht, der von der Haube hing, verband er mit einem winzigen Apparat, den er vor sich auf die Tischplatte stellte.

Als die Uhr auf die Sekunde genau elf Uhr anzeigte, drückte er auf einen versteckten Knopf unterhalb der Kom­mandoschalter für die Roboter. Dann schloß er die Augen, stützte den Kopf auf die Hände und lehnte sich schließ­lich zurück.

Wozu, dachte er. Wozu...

 

* * *

 

„Hübsches Bild, nicht?“ sagte Do'char zu Ann, die ihm zusah, wie er die Bildwand immer neu verwandelte. Nun er­strahlte ein Blumengarten von Terra auf Hunters Bildwand, und Do'char sah entzückt zu, wie sich der Garten unter der verschiedenen Lichtstärke verwandelte.

Carter lief im Zimmer auf und ab und litt unter Do'chars stoischer Ruhe.

Li'nachora meldete sich. „Freunde“, sagte er, „es ist soweit: Unser liebge­wordener Unbekannter hat wieder zu­geschlagen.“

Carter sprang zu Do'chars Roboter.

„Und?“ fragte Do'char.

„Es hätte schlimmer kommen können, allerdings kaum effektvoller. Er hat wieder die Lähmstrahlen eingesetzt, aber diesmal nicht nur eine bestimmte Gehirnwellenausstrahlung, sondern für die gesamte Calvin-Skala.“

„Was?“ rief Ann, „dann sind alle Menschen gelähmt, ausgenommen jene, die Schutzkappen tragen, wie wir...“

„Richtig. Ruhe bewahren, es kann nicht viel geschehen, wir haben an die zweitausend Roboter in der Stadt po­stiert, die wir mit Kameras ausgestattet haben. Ich schalte euch durch.“

Li'nachora verschwand, und man sah eine Straßenszene. Auf einem raschen Gleitband lag ein Mann, völlig starr. Sein Umhang war zur Seite gefallen, und er war den unbarmherzigen Mit­tagsstrahlen der weißen Sonne Altair ausgesetzt. Ein Roboter eilte auf ihn zu und zog ihn vom Gleitband, hob ihn hoch und trug ihn in ein Haus.

„Die Roboter sind auf Erste Hilfe für jeden Fall ausgebildet“, sagte Do'char erläuternd.

„Gut, daß um diese Tageszeit wenig Leute auf den Straßen sind“, bemerkte Ann. „So gibt es doch wenigstens kaum Unfälle.“

„Wir haben Ärzte in die Krankenhäu­ser beordert und an die Roboter Befehl gegeben, alle unmittelbar gefährdeten Personen dort einzuliefern. Da alle wichtigen Einrichtungen vollautoma­tisch funktionieren, entstehen da keine Probleme.

Wir sind übrigens gerade dabei, das Zentrum der Strahlung festzustellen.“

Li'nachora wandte den Kopf zur Sei­te, nickte und fuhr fort: „Eben ist es ge­lungen, die Stimme vollständig zu ent­zerren. Achtung, ich spiele sie Ihnen vor.“

„Der Frosch springt über den Stuhl, der Tag ist hellblau, die Rache fürchter­lich.“

„Bürgermeister Rinnert!“ riefen Ann und Carter. Sie sahen einander über­rascht an.

„Das ist doch nicht möglich!“ stieß Carter hervor. „Rinnert wäre der Mann im Hintergrund?“

„Möglich“, sagte Do'char zögernd. „Aber keineswegs sicher. Auch er kann unter Hypnose stehen, wie Berten und die anderen. Die Auswertung der Stimme ist ein Indiz, aber noch lange kein Beweis. Es würde mich wundern, wenn der vorsichtige Unbekannte seine eigene Stimme verwendet hätte...

Schon festgestellt, wo die Strahlung herkommt, Li'nachora?“

„Ja. Aus dem Zentralverwaltungsge­bäude. Diese Anlage sollte leicht zu ent­decken sein, denn sie muß meiner An­sicht nach ein Riesending sein, nicht ein kleiner Apparat, wie der im Empire-­Building, der noch transportabel war. Ich schicke einige Spezialisten hin.“

„Gut, wir kommen auch. Wir wollen einige Worte mit dem Bürgermeister wechseln...“

Carters Gedanken wanderten im Kreis um Rinnert. Welches Motiv mochte der Bürgermeister haben? Rinnert, der hinging, einen Archivbeamten be­stach womit?

Nachdenklich folgte er Ann und Do'char, die sich zusammen mit dem Spezialroboter auf den Weg zur näch­sten Transmitterstation machten.

 

* * *

 

Als sie durch den Haupteingang ins Hauptverwaltungsgebäude traten, fan­den sie bereits einige Spezialisten vom Raumschiff vor, hauptsächlich Sirianer, die Atemschwierigkeiten hatten und ei­nige Terra nur, die ihre Kollegen um fast zwei Köpfe überragten. Alle trugen Schutzhauben.

Die große Halle bot einen gespensti­schen Anblick: Hunderte von Menschen standen reglos vor den Transmitterka­binen, vor den Aufzügen und an den Türen. Außer den geschäftigen Bewe­gungen und einem gelegentlichen Wort der Spezialisten war kein Laut zu hö­ren.

Carter beugte sich zu einer der Gestalten, die, mitten in ihrer Bewegung unterbrochen, starr vor sich hinblickte.

Die junge Frau atmete ruhig, hielt die Augen offen, und als Carter sie mit dem Zeigefinger berührte, fiel sie um wie eine Statue. Carter fing sie auf und lehnte sie an eine Wand.

Sie gingen zu einem der Aufzüge. Ein Mann lag quer vor dem Einstieg. Car­ter hob ihn hoch und legte ihn sanft an eine andere Stelle.

„Hoffentlich ist dieser Spuk bald zu Ende“, meinte Ann.

Sie fuhren drei Stockwerke abwärts in Rinnerts Büro.

Die Türen standen offen, und sie tra­ten ein. Rinnerts Sekretärin lehnte reg­los in ihrem Sessel.

Sie eilten zur Tür zu Rinnerts Zim­mer, und Carter trat als erster ein. überrascht blieb er stehen, als er Rin­nert gegenüberstand, der ihn unter der Schutzhaube ruhig ansah.

„Kommen Sie nur herein“, sagte der Bürgermeister leise.

Do'char folgte Carter, und Ann blieb im Hintergrund. Der Roboter hielt sich neben Do'char.

Entsetzt betrachtete Carter Rinnerts erschöpftes Antlitz, auf dem der Schweiß stand. Seine Augen waren gerötet und die Züge eingefallen.

„Wo befindet sich der Apparat, der die Lähmung verursacht?“ fragte Carter scharf.

Rinnert hob die Schultern und schloß die Augen.

„Rinnert!“ rief Carter. „Wo ist der Apparat?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Rinnert mit matter Stimme. „Ich weiß es wirklich nicht. Ihr werdet sterben, ihr alle wer­det sterben...“

Carter spannte die Muskeln an. „Re­den Sie keinen Unsinn, Rinnert! Wir...“

„Hören Sie mir zu, Carter, bevor Sie weitersprechen. Mein rechter Daumen liegt auf einem Knopf, den ich nieder­drücke. Wenn ich diesen Knopf loslasse, fliegt das Zimmer in die Luft.“

Er sah von einem zum andern, aber in seinem Blick war nur gleichgültige Trauer, keine Spur von Haß oder Bösartigkeit.

„Und nicht nur dieses Zimmer fliegt in die Luft, sondern noch weit mehr. Zum Beispiel der Apparat, der die Läh­mung verursacht. Und wenn das geschieht, stirbt die ganze Bevölkerung von Altair 16 innerhalb von Sekunden, da der Stabilisierungsfaktor gelöst wird. Durch die Zerstörung des Apparats wird die Lähmenergie ungehindert und un­dosiert frei, und selbst Ihre Schutzhau­ben würden keinerlei Effekt mehr ha­ben.“

„Ist das möglich?“ fragte Ann ent­setzt.

„Ja, das kann durchaus sein“, mußte Do'char zugeben. „Es fragt sich nur, ob das in Ihrer Absicht liegt, Rinnert...“

„Was liegt schon in meiner Absicht?“ keuchte der Bürgermeister. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht, obzwar der Raum angenehm temperiert war. Seine Haut war fahl und gelb, und die gerö­teten Augen darin blickten gehetzt von einem zum anderen.

Er machte den Eindruck, als stünde er kurz vor dem Zusammenbruch. oder vor einer Ohnmacht. Was beides in der augenblicklichen Situation tödlich war ­wenn es stimmte, was Rinnert behaup­tet hatte.

„Wovon hängt es ab, daß Sie den Knopf nicht loslassen?“ fragte Carter kühl.

Rinnert schwieg.

„Rinnert, sehen Sie mich an“, sagte Do'char leise.

Rinnert hob die Augen.

„Sie stehen unter Hypnose, Rinnert. Sie kämpfen gegen die Befehle an, und Sie wollen aus der Hypnose heraus. Aber es gelingt Ihnen nicht. Stimmt das, Rinnert?“

Rinnert sah aus, als wollte er auf­springen. Carter und Ann hielten ent­setzt den Atem an, aber der feste Blick Do'chars hielt Rinnert in seinem Sessel fest.

„Sie sind doch nicht der Mann im Hintergrund, Rinnert?“ bohrte Do'char weiter. „Sie doch nicht? Was hat man Ihnen geboten für Ihre Mitarbeit? Wer steht hinter Ihnen?“

Carter fragte sich, was Do'char dazu bewog, auf dem dünnen Seil zu tanzen, das Rinnerts deprimierte Müdigkeit von einem Wutanfall oder einer Kurzschlußhandlung trennte. Was, wenn Rinnert zusammenbrach und...

„Ich werde jetzt den Finger vom Knopf nehmen“, sagte Rinnert mecha­nisch.

Er sieht wie ein Wahnsinniger aus, dachte Carter. Verzweifelt suchte er nach einer Möglichkeit, einzugreifen. Aber bevor er hinter den Schreibtisch des Bürgermeisters kommen konnte, hätte dieser den Knopf losgelassen, und es wäre um sie alle geschehen.

„Das werden Sie nicht tun, Rinnert“, sagte Do'char so leise, daß sie Mühe hat­ten, seine Worte zu verstehen. Rinnert wandte seine ganze Aufmerksamkeit Do'chars Worten zu. „Denn Sie sind nicht mehr als ein Werkzeug, Rinnert. Nur eine Marionette, an einer zu dün­nen Schnur. Wehren Sie sich, Rinnert, und die Schnur wird reißen...“

 

* * *

 

Nervös wandte sich Li'nachora in der Kommandozentrale des Spezialraum­schiffs an den Terraner, der neben ihm saß und die Vorgänge auf dem Bild­schirm vor sich aufmerksam verfolgte.

„Wie geht die Suche nach dem Lähm­strahler weiter, Grovert? Hat man den Apparat schon gefunden?“ Unruhig blickte er wieder auf seinen eigenen Schirm, auf dem er die Situation in Rinnerts Büro verfolgte. „Mann, wie steht es?“

In der Kommandozentrale saßen au­ßer den beiden noch einige Techniker, die zum Teil hinter Li'nachora und Gro­vert standen und ungeduldig darauf warteten, daß die Spezialisten im Hauptverwaltungsgebäude das Zentrum der Lähmstrahlen fanden, bevor Rinnert den Kopf verlor. Gespannt verfolgte man in der Kommandozentrale das Wettrennen zwischen den Spezialisten und Do'chars Redekunst einerseits und dem halb wahnsinnigen Mann hinter dem massiven Schreibtisch, der unter dem Druck seines Daumens das Leben von vierzig Millionen Menschen hielt.

„Wir haben die Anlage gefunden“, meldete ein erregter Terraner aus dem Hauptverwaltungsgebäude. „Sie befin­det sich in einem Raum, der direkt un­ter Rinnerts Büro liegt. Eine Leitung führt von Rinnerts Büro zur Anlage. Wir sind bereits damit beschäftigt, die Anlage außer Betrieb zu setzen.“

„Haben Sie die Leute darauf hinge­wiesen, daß Rinnert behauptet, drei Sprengladungen seien daran ange­bracht?“

Der Spezialist verzog den Mund. „Sie halten uns für Anfänger, Grovert! Wir werden daran denken.“

Grovert lächelte. „War nicht so ge­meint.“

Li'nachora blickte über Groverts Schulter auf die drei Bildschirme, die sich vor dem Techniker befanden. Alle drei zeigten nun den Raum unter Rin­nerts Büro. Ein Terraner war eben da­bei, die Rückwand des Gerätes abzuhe­ben, ein zweiter trat neben ihn und hielt das Stück eines Horchgeräts gegen das Metall.

Die Männer arbeiteten schweigend, ohne unnütze Bewegungen, und in we­nigen Augenblicken war die Rückwand abmontiert. Rasch fanden sich die Män­ner im verwirrenden Innern des Appa­rats zurecht.

„Ein Roboter zu mir“, sagte einer der Terraner, und ein Roboter mit sechs dünnen Armen trat näher.

Der Spezialist gab ihm eine verschlüs­selte Anweisung. Die Arme des Roboters griffen in die Drahtschlingen im Innern des Apparats. Ein kurzes, helles Auf­leuchten in dem Dunkel, und der Ro­boter schmorte zu einem Klumpen Me­tall.

„Ich nehme an, das war die Spreng­ladung“, sagte Grovert grinsend.

„Eine davon“, lächelte der Spezialist aus dem Bildschirm zurück. „Aber die anderen sind einfacher zu entfernen.“

Fasziniert sahen die Leute aus dem Raumschiff den Technikern bei der Arbeit zu. Sekunden später hatte der näch­ste Roboter eine zweite Sprengladung entfernt.

„Es besteht keine unmittelbare Ge­fahr mehr, daß der ganze Lähmstrahlen­apparat in die Luft fliegt“, sagte der Terraner aus dem Hauptverwaltungsge­bäude zufrieden.

„Aber es ist doch noch eine Spreng­ladung vorhanden?“ meinte Grovert.

„Das macht nichts“, sagte der Spezia­list. „Das Zündkabel zu den Spreng­kapseln ist unterbrochen.“

„Wann haben Sie das gemacht? Ich habe es nicht bemerkt“, stellte Grovert verwundert fest.

Der Techniker räusperte sich. „Wir haben es auch nicht unterbrochen, es war nicht angeschlossen. Und das finde ich verwunderlich, denn die Männer, die diese Anlage konstruierten, verstanden etwas vom Geschäft. Ich glaube, sie wurde absichtlich nicht angeschlossen.“

„Gut. Das betrifft uns weniger, das wird Do'char interessieren. Stellen Sie den Apparat ab, damit die Bevölkerung aus der Erstarrung erwacht. Wie lange wird das dauern?“

„Zwei, drei Minuten. Ohne die Spreng­ladung gibt es keine Schwierigkeiten.“

Der Techniker machte sich wieder an die Arbeit

„Aber es ist doch durchaus möglich“, sagte Li'nachora, „daß sich noch eine Sprengladung im Zimmer des Bürger­meisters befindet, nicht wahr, Grovert?“

„Sicher ist das möglich“, mußte Gro­vert zugeben. „Wir können dagegen aber nichts machen, denn ich kann die Spe­zialisten schließlich nicht in Rinnerts Büro schicken!“

Nervös folgte Li'nachora der Unter­haltung im Zimmer des Bürgermeisters. Er konnte von sich aus nichts unter­nehmen, um Do'char, Ann und Carter zu helfen.

Er befürchtete stark, daß sich in Rin­nerts Büro eine Sprengladung befand, die der Bürgermeister jederzeit auslösen konnte.

„Der Lähmstrahlenapparat ist ausge­schaltet, die Bevölkerung wird in weni­gen Augenblicken wieder erwachen.”

„Gut“, sagte Li'nachora zu Grovert.

Li'nachoras Bildschirm zeigte eine Gruppe von Beamten der VSP in Schutzhauben, die einen Mann in ihrer Mitte führten.

„Wir haben den Auftrag ausgeführt und den Mann festgenommen. Wir sind mit ihm unterwegs zum Hauptverwal­tungsgebäude.“

„Gut gemacht“, nickte Li'nachora. „Melden Sie sich sofort im Büro des Bürgermeisters bei Carter...“

Er unterbrach die Verbindung. Dann flüsterte er vor sich hin: „... wenn er dann noch lebt.“

 

* * *

 

Jane, Rinnerts Sekretärin, bewegte sich leicht und wachte auf. Sie wunderte sich, daß die Tür in das Zimmer des Bürgermeisters offenstand.

Als sie aufstand und langsam zur Tür ging, hörte sie Stimmen aus Rinnerts Büro und fragte sich, wie wohl jemand hereinkommen konnte, ohne das sie es bemerkt hatte. Neugierig trat sie näher und hörte zu.

„Kämpfen Sie, Rinnert“, sagte Do'char beschwörend. „Sie können dagegen an­kämpfen. Bemühen Sie sich „

Rinnert war offensichtlich hypnoti­siert worden, dachte Carter. Aber nicht im selben Ausmaß wie Berten und seine Helfer, die ja nur willenlose Werkzeuge gewesen waren. Außerdem ließ Rinnerts natürlicher telepathischer Schutzschirm eine wirklich vollkommene Hypnose nicht zu. Rinnert hatte einen Rest von eigenem Willen, und er versuchte verzweifelt, danach zu handeln.

Aber es war klar, daß er in diesem Kampf unterliegen mußte.

Niemand konnte dem bedauernswer­ten Mann einen Rat geben, wie er sich befreien konnte. Er mußte den Kampf allein austragen, und er würde unter­liegen, dachte Ann bitter. Und Millionen Menschen den Tod bringen...

„Lassen Sie nicht locker“, sagte Do'char eindringlich. „Man mißbraucht Sie für verbrecherische Machenschaften, Rinnert! Denken Sie an Ihren sauberen Ruf, denken Sie daran, daß allein Ihr Wille genügt, davon loszukommen!“

Carter sah Do'char aus den Augen­winkeln an. Er machte einen erschöpf­ten Eindruck, es würde ihm nicht mehr lange gelingen, Rinnert hinzuhalten. Die Frage, wie weit man inzwischen mit dem Lähmstrahlengerät war, marterte den Chef der VSP. Carter wußte, daß der Roboter eingeschaltet war, der eine direkte Verbindung zum Raumschiff darstellte. Dort war man sicherlich über alles informiert.

Rinnerts Sekretärin konnte sich in­dessen nicht erklären, was Do'chars Worte bedeuten sollten.

Zögernd trat sie durch die Tür. „Mr. Rinnert...“

Rinnert blickte überrascht zur Tür, auch Ann wandte den Kopf.

Carter hatte Rinnert nicht einen Au­genblick aus den Augen gelassen und sofort bemerkt, daß der Bürgermeister den Finger vom Knopf nahm.

„Hinwerfen!“ schrie Carter, packte Ann an der Hand und riß sie mit zu Boden. Do'char war seinem Beispiel ge­folgt.

Keine Sekunde zu früh. Ein Krachen zerriß die Stille des Raums, eine schwarze Rauchwolke zog über Carter dahin, Metall- und Plastiksplitter flo­gen durch das Zimmer. Dann traf ihn ein scharfes Stück an der Schläfe, und es wurde schwarz um ihn.

Aber es dauerte nur wenige Sekun­den, bis Carter aus seiner Ohnmacht er­wachte. Er richtete sich auf und schüt­telte die Metallstücke ab, die auf ihm lagen. Ann war ohnmächtig, ihre Schutzhaube war herabgeglitten, und eine Wunde zog sich über ihre Stirn. Sie atmete aber ruhig.

Do'char richtete sich langsam auf und schüttelte den Staub aus seinem Um­hang. Er half Jane auf die Beine, die sich auch flach auf den Boden gewor­fen hatte.

Dann traten sie zögernd auf den Platz zu, wo vor wenigen Augenblicken noch Rinnerts Schreibtisch gestanden hatte und wo Papier und Plastiksplitter den zerfetzten Körper des Bürgermeisters halb bedeckten. Carter wandte den Kopf ab. Der Anblick war entsetzlich.

Ein Arzt mit zwei Sanitätsrobotern kam herein.

„Uns dreien geht es gut“, sagte Do'char. „Kümmern Sie sich um das Mädchen.“

Der Arzt untersuchte Anns Stirn­wunde. „Nichts Besonderes“, meinte er abschließend. „Nur eine Platzwunde.“ Carter hob Ann hoch und trug sie ins Nebenzimmer. Vorsichtig lehnte er sie in einen Sessel. Der Arzt verband ihre Stirnwunde.

„Alles in Ordnung?“ fragte Carter, als sie die Augen aufschlug.

Ja, Carter, danke ...“

Er nahm ihre Hand, und ihre langen, schlanken Finger schlossen sich zart um die seinen.

„Was ist mit Rinnert?“ fragte sie leise.

„Er ist tot, Ann. Die Explosion ...

„Er war nicht der Unbekannte im Hintergrund, Carter, oder?“ fragte Ann.

Do'char kam aus dem Zimmer des Bürgermeisters. „Ich habe mir eben von Li'nachora die neuesten Berichte durch­geben lassen. Die Vermutung, die sich in den letzten Stunden immer mehr zur Gewißheit verdichtete, war richtig. Wir kennen den Täter, Carter.“

„Und wer ist es?“ fragte Carter über­rascht.

Bevor Do'char antwortete, öffnete sich die Tür, und zwei Beamte des VSP traten ein. Zwischen sich hielten sie den Abgeordneten Ted McCorrey in eiser­nem Griff.

„Hier kommt er gerade“, sagte Do'char trocken.

„Was soll der Unsinn?“ brüllte Mc­Correy wütend, und seine gewaltige Stimme grollte durch den Raum. „Wer hat befohlen, mich hierherzubringen?“

Die joviale, laute Herzlichkeit war wie weggeblasen, eisiger Haß blickte aus McCorreys dunkelbraunen Augen.

„Ich, Abgeordneter.“

„Und wer sind Sie?“ McCorrey blick­te verächtlich auf die kleine Gestalt Do'chars.

„Ich bin der Leiter des Spezialraum­schiffs, das die VSP Sirius hergesandt hat, um die Untersuchungen der ge­heimnisvollen Anschläge auf Altair 16 durchzuführen. Wie Sie sehen, Abge­ordneter, waren wir erfolgreich.“

McCorrey kniff die Augen zusammen. „Es ist Ihnen doch hoffentlich klar, daß Sie gegen eine Menge Gesetze versto­ßen, wenn Sie mich mit Gewalt hier festhalten.“

Do'char lächelte grimmig. „Es ist doch auch Ihnen, Herr Abgeordneter, klar, daß Sie gegen eine Menge Gesetze ver­stoßen haben?“

„Und zwar?“ fragte McCorrey scharf und stieß sein eckiges, energisches Kinn vor.

„Mord, Gefährdung der persönlichen und öffentlichen Sicherheit, mutwillige Beschädigung öffentlichen Eigentums, Hypnose zu verbrecherischen Zwecken und so weiter. Ich bin Polizeibeamter, nicht Jurist.“

„Mann, Sie haben den Verstand ver­loren“, japste McCorrey wutverzerrt. „Ich nehme an, Sie werden das alles be­weisen können?“

Do'char seufzte. „Ich verhafte Sie ge­mäß Paragraph 433 bis 436 des Straf­gesetzes laut Abkommen vom 1. Januar '569 für alle Planeten des Planetenbun­des. Ihre Immunität als Abgeordneter wird hiermit für eine Dauer von 24 Stunden aufgehoben. Innerhalb dieser Zeit wird ein ordentliches  Gericht entscheiden, ob Sie weiter in Haft zu blei­ben haben.“

McCorrey schwieg. Nach einer Weile sagte er mit eisiger Stimme: „Das wer­den Sie bereuen, Sie widerlicher Zwerg.“

Der Sirianer schien unbeeindruckt. „Sie werden sofort einen beeideten Rechtsbeistand bekommen, Abgeordne­ter, der Ihnen hoffentlich raten wird, solche Bemerkungen in Zukunft zu un­terlassen. Haben Sie dazu besondere Wünsche, Herr Abgeordneter?“

McCorrey sah aus, als wollte er Do'char zertreten, und schwieg.

„Veranlasssen Sie, daß sofort ein Rechtsbeistand gerufen wird“, wandte Do'char sich an einen der Beamten, die McCorrey gebracht hatten.

Carter und Ann sahen McCorrey un­gläubig an. Carter konnte es einfach nicht glauben.

„Wenn das alles stimmt, McCorrey“, sagte Carter langsam, „warum haben Sie es getan? Was versprechen Sie sich davon? Welchen Grund hatten Sie, vier­zig Millionen Menschen in Lebensgefahr zu bringen?“

McCorrey sah Carter durchdringend an. „Wenn Sie Ihre Stellung behalten wollen, Carter, dann sollten Sie mich besser sofort freilassen!“

Do'char schüttelte den Kopf. „Das würde Ihnen nichts nützen, McCorrey. Wir haben zu viele Beweise. Ihr Spiel ist aus, Sie haben verloren.“

McCorrey schwieg.

„Ann, verständigen Sie die Reporter. In einer Stunde wird Carter eine Presse­konferenz geben, in der er den Täter nennen und über die Aufklärung des Falles sprechen wird.“

 

* * *

 

Diesmal war Carters zufriedene Miene echt, als er mit Do'char zum Interview­raum ging.

Nach einer Konferenz mit Ra'chun war besprochen worden, welche Daten an die Öffentlichkeit weitergegeben werden sollten.

Carter hatte sich das Beweismaterial angesehen, das die Leute vom Spezial­raumschiff zusammengetragen hatten.

McCorrey hatte anfangs hartnäckig geleugnet, daß die Anschläge von ihm geplant und vorbereitet worden wären.

Als ihm aber dann die Beweise vorge­legt wurden, brach er zusammen und er­kannte, daß er verspielt hatte.

Die Tür zum Interviewraum öffnete sich, und Carter trat mit Do'char ein, der sich betont im Hintergrund hielt.

Wieder waren alle versammelt: Jo­seph Leary von Planetwide Television — hager und unpersönlich wie immer. Graves von ALTV, Feifer von Terra TV - im Blick die Hoffnung, Carter nun endlich fertigmachen zu können, Meiers von Inter-TV, Robinson von RTVC, Helm von Sirius II…

Die Unterhaltung erstarb sofort, als Carter und Do'char eintraten.

„Meine Herren“, begann Carter. „Wir können Ihnen nun einen lückenlosen Bericht geben und Ihnen den Täter nen­nen, der hinter all den Ereignissen stand, die uns während der letzten 24 Stunden beunruhigten.“

Die Reporter warteten gespannt. Carter und Do'char nahmen nebeneinander am Konferenztisch Platz.

„Sendung läuft“, signalisierten die Spezialroboter.

„Meine Damen und Herren“, sagte der Sprecher. „Wir unterbrechen unser laufendes Programm, um Ihnen in einer Sondersendung die Aufklärung der jüngsten Vorfälle auf Altair 16 zu bringen. Mister Carter, der Leiter der VSP­-Zentrale Altair 16, wird so freundlich sein, uns persönlich zu berichten.

An diese Sendung sind die folgenden Stationen angeschlossen: Planetwide TV, Altair-TV, Terra-TV ...“

Die Vorfälle auf Altair 16 hatten un­gewöhnliches Interesse im ganzen Pla­netenbund hervorgerufen, und die mei­sten Stationen waren angeschlossen.

Als der Sprecher mit der Aufzählung der Stationen fertig war, sagte er: „Wir befinden uns im Zentralverwaltungsge­bäude in Altair-City, wo die Herren Carter und Do'char - ein Sonderbeauftragter der VSP-Zentrale Sirius - den anwesenden Reportern berichten wer­den.

„Mister Carter, darf ich Sie bitten, zu beginnen?“

Carter war nervös. Ra'chun hatte die Weisung erlassen, daß nur Carter das Wort führen und Do'char so weit wie möglich im Hintergrund bleiben sollte. Das beunruhigte ihn. Er war sich klar darüber, daß die Reporter alles versu­chen würden, um herauszubekommen, wer nun wirklich für den erfolgreichen Abschluß des Falles verantwortlich war - und Carter fürchtete, daß es ihnen gelingen würde.

Was das für die Zukunft bedeutete, wagte er sich nicht auszumalen... Einen Augenblick lang sah er Murrays hä­misches Kommentatorengesicht vor sich...

„Wie Sie alle bereits gehört haben“, begann er mit fester Stimme und war entschlossen, diese Runde für sich zu entscheiden, „ist es uns gelungen, die Anschläge auf Altair 16, die an Terror­akte vergangener Jahrhunderte erinner­ten, aufzuklären und den Mann festzu­nehmen, der dahinterstand. Dieser Mann“, er holte aus einer flachen Mappe ein großes Photo McCorreys hervor und hob es hoch, „hat in der Zwi­schenzeit bereits gestanden.“

Die Reporter starrten verblüfft das Photo an, und die Kamera holte es in Großaufnahme.

„Der Mann auf diesem Photo“, fuhr Carter fort, „ist der Abgeordnete Ted McCorrey, den die meisten von Ihnen kennen werden. Nach dem Tod des Ab­geordneten Anderson rückte er automa­tisch an dessen Stelle und hätte in Zu­kunft Altair 16 im Vereinigten-System­-Rat vertreten.“

Carter hielt inne und blickte in die Runde, aber die Reporter schwiegen.

„Meine Herren, soll ich fortfahren, oder haben Sie Fragen?“

Joseph Leary beugte sich vor. „Mi­ster Carter, ich glaube, im Namen von uns allen zu sprechen, wenn ich Ihnen sage, daß wir äußerst überrascht sind, daß der Abgeordnete McCorrey der Tä­ter ist. Ich nehme an, daß noch vor vierundzwanzig Stunden die meisten von uns für McCorrey die Hand ins Feuer gelegt hätten. Ich möchte daran erinnern, daß wir alle bestürzt waren und uns fragten, wie es geschehen konnte, daß McCorrey vor vier Jahren die Wahl innerhalb seiner Partei zu­gunsten Andersons verlor. Wir hätten es lieber gesehen, wenn uns McCorrey im Vereinigten-System-Rat vertreten hätte, er galt als ehrlicher, aufrechter, charak­tervoller Mann.

Wenn wir nun erfahren, daß McCor­rey nichts weiter als ein gemeiner Ver­brecher ist, so bestürzt uns das zutiefst.

Und deshalb, Mister Carter, müssen wir Ihnen zu Beginn die Frage stellen, ob nicht auch bei McCorrey die Mög­lichkeit besteht, daß er, wie der Mann, der während unseres letzten Interviews in diesem Raum eindrang, unter Hyp­nose steht und aus diesem Grund ge­standen hat?“

Leary schwieg und wartete auf Car­ters Antwort.

Feifer grinste und machte sich eifrig Notizen.

„Sie haben recht, Mister Leary“, ent­gegnete Carter. „Das wäre eine nahe­liegende Möglichkeit: daß auch hinter McCorrey ein Mann oder eine Gruppe steht. Aber ich kann Ihnen versichern, daß McCorrey Herr seiner Sinne und voll verantwortlich für alle Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden ist.“

„Mister Carter“, begann Feifer ge­nüßlich, „soweit ich unterrichtet bin, hat der Computer errechnet, daß hinter den Vorfällen nicht ein einzelner, son­dem eine Gruppe steht, die uns mit diesen Akten erpressen wollte. Wie ist es Ihnen gelungen, über die objektiven Hinweise des Computers hinweg auf die Kour McCorreys zu kommen und ihn mit genialer Zielstrebigkeit als den einzig Schuldigen zu entlarven?“

Carter lächelte. „Danke für die Blumen, Mister Feifer. Der Computer gab uns im ganzen zwölf Möglichkeiten für die Ursache der Anschläge, und eine davon war, daß eine Gruppe von Personen bezweckte, uns alle damit erpressen. Und je mehr dieser mysteriösen Vorfälle sich häuften, umso sicherer wurden wir in dieser An­nahme.

Wir warteten also auf die Forderun­gen der Täter oder des Täters. Aber die Forderungen blieben aus. Dadurch wurde diese Möglichkeit immer unwahr­scheinlicher, und während Sie Mr. Fei­fer, noch überzeugt waren, eine Gruppe von Tätern stünde hinter allem, haben wir unsere Nachforschungen längst in andere Richtungen gelenkt.“

Carter verspürte nicht die geringsten Gewissensbisse bei diesen Worten. Mit einem Seitenblick auf Do'char, der aber keine Miene verzog, fuhr Carter fort.

„Wir haben uns vor Augen gehalten, daß aus diesen Anschlägen niemand Nutzen ziehen konnte. Sie waren sinn­los, niemand konnte davon profitieren. Mit einer Ausnahme: dem Mord an An­derson. Aber unsere Nachforschungen brachten keine konkreten Hinweise, keinen Verdacht, keinen Täter. McCor­rey wurde im Zusammenhang mit dem Attentat von einem Spezialtelepathen verhört, ja er öffnete bereitwillig seinen natürlichen Schutzschirm, und der Be­richt des Telepathen bezeugte, daß Mc­Correy mit dem Attentat auf seinen Wi­dersacher absolut nichts zu tun hatte.“

Feifer fuhr hoch. „Was soll das? Sie wollen uns hier weismachen, ein Spe­zialtelepath hätte sich geirrt? Wenn der Telepath ausgesagt hat, McCorrey wäre unschuldig, dann ist er es.“

„Moment!“ unterbrach ihn Carter. „Lassen Sie mich einen Augenblick lang weitersprechen, Mr. Feifer. Wir haben nochmals alle Personen überprüft, als wir dann erstmals Verdacht schöpften, daß McCorrey in die Sache verwickelt sein könnte. Wieder ließen wir uns von den Telepathen Bericht erstatten, und dabei stellten wir fest, daß der Telepath, der McCorrey einvernommen hatte, hypnotisiert worden war. Das war ei­ner der entscheidenden Fehler, die Mc­Correy beging. Er wollte diesen Tele­pathen später beseitigen, und dabei wurde er von meinen Beamten festge­nommen. Da er uns seine Mitarbeiter in völlig willenlosem Zustand überlassen hatte, war er auf sich selbst gestellt. Vermutlich hat er nicht damit gerech­net, daß wir den von ihm gelenkten Te­lepathen entlarven würden...

Wir haben diesen Telepathen natür­lich sofort unter besonderen Schutz ge­stellt.“

Er schwieg. Do'char lehnte sich zu­rück und war sichtlich zufrieden mit dem Gang der Dinge.

Robinson von RTVC ergriff das Wort. „Mr. Carter, bevor wir in weitere De­tails gehen, möchte ich einmal die Frage nach dem Warum stellen. Weshalb hat McCorrey das getan? Es erscheint so absurd, daß ich mir nicht vorstellen kann, was ihn dazu veranlaßt haben könnte.“

„Das Motiv ist sehr einfach. Man könnte es sogar mit simplem Macht­streben bezeichnen. Nur liegen die Tat­sachen in McCorreys Fall so, daß dieses Machtstreben durchaus positiv angelegt war. McCorrey wollte um jeden Preis seine politischen Pläne - die Sie alle kennen - verwirklichen. Er will das seit nun fast fünfzehn Jahren, in denen ihm Anderson stets im Weg stand. Und seltsamerweise hat es Anderson in seiner skrupellosen Art immer geschafft, ihn zu überrunden. Als auch bei der letzten Wahl Anderson als Sieger her­vorging, begann McCorrey sorgfältig mit der Vorbereitung seiner Intrigen.

Wäre sein Plan geglückt, so hätte er ganz gewiß versucht, Gesetze zu erzwingen, die eine vollkommene Änderung der derzeitigen Gesellschaftsstruktur zur Folge gehabt hätten. McCorrey war überzeugt davon, daß nur ihm es ge­lingen könnte, bestehende Mißstände, gleich welcher Art, zu beseitigen. Und um das unbeschränkt tun zu können, hätte er immer mehr Rechte für sich selbst in Anspruch genommen. Er war überzeugt, daß seine Entschlossenheit, nur positiv zu wirken, sein Streben nach absoluter Macht rechtfertigte. Der Zweck heiligt die Mittel, dachte er.“

Carter blickte um sich. Die hungrige Meute hatte diesmal vollkommen ver­gessen, ihn persönlich anzugreifen, lä­cherlich zu machen vor den Millionen Zusehern. Das Interesse an der Aufklä­rung dieses ungewöhnlichen Falles nahm sie alle gefangen. Und die Aufklärung war offensichtlich Carter zu verdanken, da der Sirianer neben ihm sich darauf beschränkte, gelegentlich anerkennend mit dem Kopf zu nicken.

„Mr. Carter“, wieder ergriff Leary das Wort. „Welcher Hinweis hat Ihren kon­kreten Verdacht auf McCorrey gelenkt? Denn einen Verdacht mußten Sie ja be­reits gehabt haben, bevor McCorrey ver­suchte, den Telepathen zu ermorden...“

„Sie wisssen, meine Herren, daß Mc­Correy im Besitz verschiedener Apparate war, die es ihm ermöglichten, man­che unserer wichtigsten Schutzeinrich­tungen wirkungslos zu machen. Es war uns von Anfang an klar, daß der Täter all diese Dinge nicht selbst erfunden haben konnte. Die Erfindungen konnten nur aus dem Archiv der VSP-Zentrale Sirius stammen. Und diese Annahme bestätigte sich auch.

Um an diese Informationen und an die Pläne der Apparaturen heranzukom­men, bestach McCorrey einen Beamten der Gruppe C 1, der Zugang zum Archiv hatte. Und das erwies sich wiederum als Fehler.

Sie wissen selbst, meine Herren, daß es aussichtslos wäre, einem Mann der Gruppe C 1 in solch einem Fall mate­rielle Reichtümer bieten zu wollen. Es ist ja gerade einer der Gründe, warum C-1-Beamte so unglaublich gut bezahlt werden: daß sie derartigen Versuchun­gen lächelnd widerstehen können.

Als Ra'chun, der Leiter der Zentrale Sirius, herausgefunden hatte, daß einer  seiner Leute bestochen worden war, brauchten wir eigentlich keine weiteren Hinweise mehr, auch wenn der Beamte sich weigerte, uns zu verraten, wer ihn bestochen hatte. Denn womit, meine Herren, läßt sich ein Mann ködern, der sich praktisch alles leisten kann, was er will? Was könnte ihn noch locken?“

Carter sah von einem zum andern.

„Macht“, sagte Feifer langsam. „Macht...“ Seine Augen glänzten, seine ebenmäßigen Züge verzerrten sich ein wenig.

Überrascht sahen ihn die anderen an.

Er zuckte zusammen und sagte wieder nüchtern: „Das war's doch, Carter, nicht wahr? Nur McCorrey war von al­len Verdächtigen in der Lage, solch ei­nem Mann etwas zu bieten, das ihn noch locken konnte: eine Machtposition, und zwar dann, wenn er selbst die Macht übernahm. Mit Macht kann man jeden ködern...“

„Nicht jeden, Feifer.“ Carter sah ihm gerade ins Gesicht. „Aber diesen Mann anscheinend schon. McCorrey ließ nach den Plänen aus dem Archiv der VSP Sirius die notwendigen Apparate her­stellen. Dann setzte er eine ganze Reihe von Personen unter schwere Hypnose, darunter meinen Stellvertreter, Hunter, und Bürgermeister Rinnert, von dessen Tod Sie ja bereits gehört haben. Von Terra holte sich McCorrey einige Spe­zialisten, wie Berten.

Es wäre einfach für ihn gewesen, nur Anderson zu ermorden. Aber er hatte zwei Gründe, es nicht bei dem Mord an seinem Widersacher zu belassen. Zum ersten wäre früher oder später der Ver­dacht doch an ihm hängengeblieben, und zum zweiten brauchte er, um seine Machtposition richtig entwickeln zu kön­nen, eine gewisse Unsicherheit der Öffentlichkeit. Mit dem richtigen Maß an Terror hätte er es vermutlich fertigge­bracht, die Leute so einzuschüchtern, daß sie die einzige Hilfe, aus der ewigen Bedrohung durch sinnlose Verbrechen herauszukommen, in ihm erblickt hät­ten. Er hätte dagestanden wie ein Fels in der Brandung, bereit, eisern dreinzu­schlagen, auf daß wieder Ordnung eingekehrt wäre...

Das ist es, was die Aussage McCorreys ergeben hat. Das Weitere ist Sache der Richter und der Psychologen.“

Erschöpft schwieg Carter. Es war mü­ßig, eine vernünftige Erklärung für die verwirrten Gedankenvorstellungen ei­nes Mannes geben zu wollen, der jahr­zehntelang als der Inbegriff von An­ständigkeit, Aufrichtigkeit und Cha­rakterstärke gegolten hatte.

„Das sind doch pure Hypothesen!“ rief Feifer in die Stille. Befriedigt stellte Carter fest, daß Feifer als einziger auf seinem Standpunkt beharrte.

„Bevor Sie weitersprechen, Mister Feifer“, sagte Carter sehr leise und deutlich, „möchte ich noch etwas anfü­gen: Wenn ich vorhin davon sprach, daß McCorrey eine Menge Leute durch Hyp­nose in seine psychische Gewalt brachte, so vergaß ich den Namen eines wichti­gen Mannes: Ihren. Mister Feifer!“

Er lächelte. Die Kamera holte Feifers verblüfftes Gesicht in Großaufnahme. Ronald Graves, fett und gutmütig, lachte schadenfroh. Joseph Leary schüttelte ungläubig den Kopf und sah Feifer wie ein seltenes Tier an.

Do'char berührte unauffällig Carters Arm, und Carter wandte ihm das Ge­sicht zu. Do'char sah ihn fragend an, und Carter antwortete in einer allge­meinverständlichen Sprache. Er zwin­kerte einmal mit dem rechten Auge.

„Meine Herren“, sagte Carter fest in den allgemeinen Tumult und erhob sich. „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

Das Signal über den Kameras erlosch, und Carter verließ mit Do'char den Raum.

„Gut gemacht“, sagte Do'char, als sie in Carters Büro traten, wo Ann, Heit­nisch und Mundy auf sie warteten.

„Sie hätten mich nicht allein sprechen lassen sollen, Do'char“, bemerkte Car­ter.

„Mein Sohn, du bist der Leiter der VSP auf diesem unseligen Planeten...“

Er keuchte kurzatmig. „Und dein Ruf hatte es dringend nötig, aufpoliert zu werden. Erfreue dich des Glanzes.“

„Wie wär's, Carter“, fragte Heitnisch lauernd, „wenn du die Lorbeeren an die lokale Polizei weitergäbst? Mundy und ich könnten sie auch gut brauchen...“

„Wir wollen großmütig sein, Boß“, kaute Mundy. „Das nächste Mal sind wir die stolzen Sieger in drei bis vier Gene­rationen, wenn wieder mal jemand be­schließt, hier ein Verbrechen zu bege­hen.“

Heitnisch aber hatte keinen Sinn für Humor. „Wenn Sie glauben, Mundy, daß wir jemals die Sieger sein werden, so irren Sie sich. Mit all den Superspezial­neuheiten, die Do'char mitgebracht hat? Die wird Carter hüten wie einen Schatz, und wir werden nichts davon haben.“

Carter grinste. „Wenn ich einen Schatz hüten will, habe ich bessere Möglich­keiten, Peter...“ Er legte seinen Arm um Ann.

„Irgendwo höre ich Hochzeitsglocken“, feixte Mundy.

„Aber vorher haben wir noch 'ne Menge zu tun. Komm, Carter“, sagte Do'char, der es eilig hatte, wieder in hei­matliche Gefilde zu kommen.

„Die Pflicht ruft, das Vergnügen muß warten“, meinte Carter, zwinkerte Ann zu und folgte Do'char.

E N D E

© by Kurt Luif 1971 & 2017

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