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Denton - 2. Teil: Fliegende Köpfe und verpasste Termine

StoryDENTON

2. Folge: Fliegende Köpfe und verpasste Termine
Wir rannten was das Zeug hielt. Schnaufend erreichten wir die Tankstelle und huschten in den Shop.

„Verdammich, was war’n das?“, keuchte Harv.

„Klang wie ein verdammter, fleischgewordener Flugzeugträger, der Godzilla im Maul Spazieren trägt.“

 

Denton„Hey Jungs, was’n los. Ihr seid ja käsebleich. Is euch’n Bär auf den Fersen?“ fragte Mr. Cobb, der Tankstellenbesitzer, mit seiner knarzigen, Zigarren verseuchten Stimme.

„Könnte ein Bär gewesen sein, Mr. Cobb – ein verdammt großer …“

„Verrückter Tag heute, Jungs. Hab‘ überall im Haus Stromausfall. Werd‘ wohl heut‘ kein großes Geschäft machen!“

„Nicht nur sie haben Stromausfall, Mr. Cobb. In ganz Denton wird heute kein Mixer mehr quirlen. Und falls Sie’s wissen wollen: Die Telefone und Handys funktionieren auch nicht.“, sagte ich.

Cobb grunzte ein Altherrengrunzen und fischte eine gefährlich große Zigarre aus seiner Hemdtasche.

„Der größte Knaller ist allerdings der riesige Urwald, der über Nacht um ganz Denton herum gewachsen ist. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen.“

„‘n Urwald, hm?! Habt ihr zwei Spaßvögel gestern `n paar zuviel gekippt?“

Er zündete seine Mutation von einer Zigarre mit einem Streichholz an, das er an seiner Theke entlang rieb und hustete hinternach eine Ladung Schleim hoch, die verdächtig nach radioaktivem Abfall aussah.

„Wir sind stocknüchtern, Mr. Cobb. Und vielleicht ist’s ihnen schon aufgefallen, aber wir haben draußen gute 90 Grad Fahrenheit und eine Luftfeuchtigkeit wie in Florida.“

„Hm, kam mir schon etwas kuschelig vor, als ich meinen Riechkolben aus dem Fenster steckte…“

„Eben. Und in diesem Urwald da draußen schäkert etwas verdammt Großes seinen dicken Arsch durch’s Gebüsch. Das Ding macht so einen Krach, dass wir beide uns fast in Hosen gemacht haben.“

„Ach was, Jungs. Werden `n paar Waschbären gewesen sein, die `ne kleine Pimperparty veranstalten.“, meinte Cobb und schneuzte wieder ein paar radioaktive Klumpen hoch.

„Glauben Sie mir, Mr. Cobb, das hat sich nach vielem angehört, aber nicht nach ein paar herum hoppelnden Waschbären.“

„Na, schauen wir doch mal nach…Ich wette, dass waren ein paar Waschbären oder ‚n paar Gürteltiere, die aneinander gerumpelt sind.“

Cobb langte unter seine Theke und holte eine doppelläufige Schrotflinte hervor, in deren Läufen sich eine 5-köpfige Karnickelfamilie hätte häuslich einrichten können.

„Na, sie werden nicht allzu große Bedenken wegen einem Überfall auf ihre Tanke haben?!“, meinte ich zu Cobb.

„Nee, mein Kleiner. Sowas macht mir keine Bauchschmerzen.“

Wir liefen wieder hinüber zum Waldrand. Cobb pflegte ein gemächliches Schlurfen, das er sich wohl in seiner Jugend aus John-Wayne-Schinken abgekupfert hatte.

Als wir die ersten Bäume erreichten, sah Cobb an den Baumriesen hoch, warf die Zigarre ins Gras und spuckte einen Klumpen Atom-Schleim hinterher.

„Aha! Nettes Wäldchen. Ich hör‘ aber nix von dem Gerumpel, von dem ihr bibbernd erzählt habt…“

„Bibbernd?! Na hören Sie mal, wenn sie vorhin mit dabei gewesen wären, wäre ihr Hosenschritt nicht so furztrocken, wie sie ihn jetzt genießen können!“

Cobb grinste mich schief an, schulterte seine Riesenwumme und ging auf das Dickicht zu.

„Hey, Mr. Cobb. Sie wollen doch nicht wirklich…“

Cobb zwinkerte uns zu und kurz darauf war er in den violetten Schatten des Waldes verschwunden.

Wir hörten noch ein paar Minuten Cobbs Geräusche, wie er sich durchs Gebüsch kämpfte, dann: Betäubende Stille.

„Hm, das Viech, oder was immer es war, ist bestimmt schon eine Meile entfernt. Er kommt bestimmt gleich wieder raus und spuckt uns so einen Gamma-Klumpen vor die Füße, der uns in Hulks verwandelt…“, sagte Harv.

„Sicher! Man hört ja nichts mehr…“

KAAAA-BUMMMMMMMMM

Cobbs Mörderflinte donnerte ihr tiefes Lied und ließ uns beide vor Schreck einen Schritt zurück springen.

Dann hörten wir eine Folge von knackenden Geräuschen, dem ein Laut folgte, der klang, als ob ein Sack voll nasser Wäsche auf den Boden geprügelt wurde.

Danach wurde etwas Kugelartiges aus dem Dickicht geschleudert, das einen Steinwurf von uns entfernt ins Gras klatschte.

Wir sahen uns mit weit aufgerissenen Augen an und liefen schließlich zu dem Ding im Gras.

„Jessas, das ist Cobbs Kopf!“, ächzte Harv.

Tatsächlich lag dort Cobbs Schädel – ein bisschen Hals hing noch an ihm, aus dem nicht so viel Blut lief, wie ich es für eine solche Situation eigentlich vermutet hätte.

Cobbs Mund war aufgerissen, wie zu einem Schrei, aber dazu war er wohl nicht mehr gekommen. Auch seine Augen hatten ihren gleichmütigen Blick verloren, sie schienen förmlich aus den Höhlen fliehen zu wollen.

Wieder knackte es im Unterholz und wir rannten wie von der Tarantel gestochen Richtung Tankstelle davon.

***

„Was machen wir jetzt bloß, Clyde?“

Harv bekämpfte tapfer seinen Zitteranfall mit einem Schokoriegel, den er sich aus dem Verkaufsregal im Tankstellenshop gemopst hatte.

„Normalerweise würde ich jetzt die Bullen drüben in Arness anrufen…“

„Es muss doch einen Weg durch diesen Wald geben – irgendeinen Trampelpfad, der durch den Wald nach Arness führt!“

„Püh, also ich werde bestimmt nicht auf allen Vieren durch diesen Wald krabbeln!“

„Wir könnten zu Matt Gibbons gehen. Er und Mary-Jo Bannerman sind doch Hilfssheriffs drüben in Arness. Wenn er nicht zufällig heute nacht Dienst geschoben hat, müssten wir ihn drüben in seinem Haus antreffen.“

„Gute Idee! Lass uns Cobb’s Schädel mitnehmen, damit wir `was vorweisen können!“

„Uhh, du willst den Kopf mitnehmen, ernsthaft?“

„Natürlich! Komm‘ schon, wir packen ihn in eine Plastiktüte. Hier, der alte Cobb hat seine Beutel unter der Kassentheke…“

„Also, ich werde einen abgetrennten Kopf bestimmt nicht anfassen…beim besten Willen!“

„Ach, komm‘ schon, Clyde. Wieviel abgetrennte Schädel und `rumspritzende Gedärme hast Du schon in all diesen Filmen gesehen, die wir uns zusammen `reingezogen haben?“

„Harv, das waren verdammte Movies! Da draußen, auf dem Rasen, liegt der Schädel von Vince Cobb – der gute, alte Mr. Cobb, der uns immer kostenlose Schoko-Drops gegeben hat, als wir noch kurze Hosen trugen…“

„Hey, ich trag‘ immer noch kurze Hosen – ich liebe kurze Hosen…“

„Harv, du Rindvieh, du weißt genau was ich meine!“

„Na gut, lassen wir den Kopf liegen, wo er ist und gehen ohne ihn zu Matt.“

„O.k.“

***

Wir mussten nicht zu Matt Gibbon’s Haus fahren. Auf dem Weg dorthin sahen wir seinen Dienstwagen auf der Zufahrtsstraße nach Arness stehen, zusammen mit gut einem Dutzend weiterer Autos.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich am Ende der Straße versammelt und diskutierte wild über die Ungeheuerlichkeiten des heutigen Morgens, speziell aber über den plötzlich hochgewucherten Urwald.

Sonderbarerweise war nicht das Wunder, dass praktisch über Nacht der halbe Amazonas vor unserer Haustür aufgetaucht war, das zentrale Thema, nein, man machte sich im allgemeinen mehr Sorgen, wie man nun pünktlich zur Arbeit gelangen sollte.

„Verdammt, Hankerson wird mich feuern. Der Sack hat mich schon lange auf dem Kieker.“, jammerte Floyd Hicks, der im Sägewerk von Arness arbeitete.

„In der Dosenfabrik fackeln die auch nicht lange. Debbie Kellerman haben sie letzte Woche auf die Straße gesetzt. Und das nur, weil sie wegen ihrem Asthma ein paar Mal krank war…“, sagte Jenny Halverson, eine vollschlanke Blondine mit Kartoffelnase und meine unschätzbare Kollegin in der Dosen-Verpackung.

„Ich habe einen dringenden Termin in Tyler, ich muss da unbedingt hin…“ warf ein rotgesichtiger Typ mit Krawatte und flott frisierter Halbglatze in die Runde. Er drückte seinen Aktenkoffer wie Schwarzbarts Goldschatz, den er eben gefunden hatte, an die Brust. Dann trat er ein paar Schritte ans Dickicht heran und nahm seine Brille ab, als könne er ohne sie einen Highway entdecken, der sich zwischen dem Gestrüpp versteckt hatte.

„Na, den Termin werden sie wohl canceln müssen…da kommen sie nicht mal mit `ner Planierraupe durch.“, gackerte Ethan Diggs, ein Bauarbeiter, der drüben in Brownsboro arbeitete und wahrscheinlich ziemlich happy war, nicht zur Arbeit fahren zu können.

„Wie soll ich den Termin canceln? Hier geht ja gar nichts mehr, weder Telefon, Handy, Internet…alles tot!“, keuchte Mr. Aktenkoffer und tupfte seinen Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn.

„Was machen wir jetzt, Matt? Wie sollen wir auf die Arbeit kommen?“, fragte ein Typ in Latzhosen den Hilfssheriff.

„Und wieso geht der Strom nich‘ mehr?“, steuerte Kenny Sheffer bei, ein arbeitsloser Tunichtgut, der wohl einen Heidenangst hatte, dass er seine Biervorräte nicht mehr kühlen könnte.

„Ich hab‘ keine Ahnung, Leute. Auch über Funk erreiche ich niemanden!“, meinte Matt Gibbons. Seine Hände hatte Matt an seinem Waffengürtel eingehakt, und er stand breitbeinig vor seinem Wagen, was wohl ein Quantum an Selbstsicherheit suggerieren sollte. Allerdings verrieten seine flackernden Augen, dass auch ihm flau zumute war.

„Vielleicht…vielleicht holen wir uns einfach ein paar Motorsägen und Macheten und schlagen einen Pfad durch das Dickicht. Irgendwo dahinter muss ja der Weg weitergehen.“, meinte Phil Herrings, ebenfalls eine wertvolle Stütze für die Rekordumsätze der Dosenfabrik.

„Gute Idee, Phil!“, sagte Matt dazu.

„Äh, Matt, bevor ihr jetzt in das Unterholz `reinsteigt, möchte ich noch etwas anmerken…“, meldete ich mich zu Wort.

Matt Gibbons sah mich an und schien heftig zu grübeln, wo er mich einordnen sollte (unsere 5 gemeinsamen High-School-Jahre in Arness schien er in seine hinterste Gedanken-Schublade verbannt zu haben).

„Jaaa, äh…Calvin, nicht wahr?! Was gibt’s denn?“

„Clyde…mein Name ist Clyde, Matt! Mr. Cobb, von der Tanke, ist von irgend `nem Ding, das in dem Gehölz haust, getötet worden. Deswegen haben ich und Harv dich gesucht…“

„Irgend’nem Ding?“

„Wir haben nicht direkt gesehen, was passiert ist…, wir hörten nur den Schuss aus Mr. Cobbs Gewehr, und dann flog auch schon sein abgetrennter Kopf aus der Botanik…“

„Sein Kopf?!“

„Ja! Der Kopf liegt noch auf dem Rasen…“

„Verdammich…sein Kopf liegt auf dem Rasen!“, gluckste Matt – herum liegende abgetrennte Köpfe schienen nicht zu seinem Spezialgebiet drüben in Arness zu gehören.

„Jessas, das wird ja immer verrückter hier…“, Matt kratzte sich im roten Haar herum und schielte etwas Hilfe suchend auf seine Partnerin Mary-Jo Bannermann.

„Mary-Jo, kannst du das übernehmen und mit den beiden hier `rüber zur Tankstelle fahren. Ich werde hier noch gebraucht…“

Mary-Jo Bannerman nickte bloß und winkte uns mitzukommen. Sie war ein gutes Stück kleiner als Matt, hatte aber breitere Schultern als ihr Partner. In der High-School hatte sie fast jede Woche eine Schlägerei absolviert (immer gegen Jungs) und hatte auch meistens gewonnen (Matt hatte, wenn ich mich recht erinnere nie eine ernsthafte Prügelei gehabt).

Wir stiegen in den Polizeiwagen und fuhren los.

„Ja, ich seh‘ schon, Gibbons hat mächtig was zu organisieren. Er steht organisatorisch gesehen prima in der Gegend `rum und starrt die Bäume an, während die anderen Typen ihre Sägen holen.“, gackerte Harv.

Mary-Jo warf ihm einen Blick zu, bei dem sie mit den Augen rollte, sagte aber nichts – sie war eine Frau der wenigen Worte und der harten Fäuste (Charles Bronson hätte vor ihr weiche Knie bekommen).

Wir parkten bei der Tanke und liefen bis zu der Stelle, an der sich Cobbs Schädel befand. Wir stiegen aus und Mary-Jo besah sich den Kopf ein wenig.

„Mmmmh, ja, das ist Cobb. Und du sagst, er kam aus dem Unterholz herausgeflogen?“

Mary-Jo’s Stimme hatte den Charme einer von Rost zerfressenen Motorsäge und passte ganz gut zu ihrem herben Äußeren.

„Genau. Ungefähr von dort…“. Ich zeigte in die Richtung, war mir aber in dem Moment gar nicht mehr so sicher, ob das auch stimmte – das Grünzeug sah alles ziemlich gleich aus.

Mary-Jo hatte die ganze Zeit ihre Hand an ihrem 38er und war nicht so bescheuert ins Unterholz zu gehen.  Ihre Augen wanderten über die grüne Fläche, aber nichts rührte sich.

„Wie ist das Ganze denn genau passiert?“, fragte Mary-Jo und wies auf den Kopf.

Ich erzählte es ihr.

„Also, wenn ich es recht verstehe, dann habt ihr beiden zuerst etwas sehr Großes durch den Wald rauschen hören. Dann wurde Cobb neugierig und ging mit seiner Schrotflinte auf die Pirsch, was ihm aber gar nicht gut bekam. Aber was auch immer ihn enthauptete, war nicht das große Ding, das ihr zuerst gehört habt. Richtig?“

„Ich nehme mal an, es war nicht das große Ding, denn das hätte man dann gehört. Als sich das große Ding bewegt hat, hat’s gerumpelt, als ob ein verrückt gewordener Güterzug durch den Wald rauscht. Verdammt, Mary-Jo, ich weiß, das sich die Geschichte ziemlich doof anhört: Wir haben nichts Konkretes gesehen und nur etwas gehört. Aber Fakt ist, dass dort Cobb’s Birne vor sich hin schimmelt und irgendwo dort drin der Rest von ihm ist…zusammen mit etwas, das gern Leute enthauptet!“

„O.k. Ohne schwere Artellerie werde ich mich nicht auf die Suche nach dem restlichen Cobb machen. Ich werd‘ mal sehen wie weit Matt mit seinen organisatorischen Problemen ist und dann sehen wir uns dort drin zusammen um.“

„Und was wird mit Mr. Cobbs Kopf?“

„Der läuft schon nicht weg…“, war ihre lakonische Antwort.

„Musst  du nicht sowas wie…Spuren sichern?“, fragte Harv sie.

„Nee, das machen die Anzugträger aus Tyler.“

„Oder wenigstens den Kopf mitnehmen und in ein Gefrierfach stecken?“, gab ich meinen Senf dazu.

„Nee, die Anzugtypen wollen, dass man nichts anfässt, sonst verwischt man die besagten Spuren, verstehste?!“

Also überließen wir Cobb`s Schädel erst mal den Käfern und Raben, damit diese sich um das Verwischen der Spuren kümmern konnten und fuhren zu Matt und seiner sägenden Horde zurück.

Auf der Fahrt konnte ich mir nicht verkneifen Mary-Jo zu fragen, warum sich Matt um die grandiose Organisation der Sägearbeiten kümmerte und Mary-Jo zu Cobb’s Schädel fahren mußte.

„Ach, weißte, Matt ist ein altes Zimperlieschen…“, war Mary-Jo’s Antwort – das sagte Einiges über die Einschätzung hinsichtlich ihres Partners aus.

Als wir ankamen, sahen wir, dass Matt und drei andere Männer (die neu hinzu gekommen waren) mit Schrotflinten die Arbeiter mit den Sägen absicherten.

Beim Arbeiten waren fünf Typen mit Kettensägen und ein dürrer Kerl mit Stetson, der mit einer rostigen Machete im Gebüsch herumstocherte. Alle  schwitzten sie wie Karnickel beim Rammeln, die man in einen Backofen gesteckt hat (außer dem dürren Typen, der sich kaum bewegte und mehr mit seinem Kautabak beschäftigt war) – die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren ein teuflisches Team, das die kalendarischen Angaben Lügen strafte.

Es war zu keinen Vorfällen gekommen – ich schätze, der Lärm der Sägen hatte alle etwaige Bestien und Kopf-Abbeisser  in die Flucht getrieben.

Als uns langweilig wurde, gingen wir zurück in meine Bude, wo Krypto es geschafft hatte, seine Kotze noch breitflächiger über den Boden zu verteilen.

„Jessas, ich hab‘ ganz vergessen, dass dieses Untier meinen Fußboden ruiniert hat!“, jammerte ich.

Harv ging zu Krypto, streichelte ihn und kraulte ihn noch dazu hinter den Ohren.

„Brav gemacht, du kryptonischer Superhund.“, säuselte Harv ihm zu.

„Na super, danke bei deiner Unterstützung diesem Hund Manieren beizubringen!“

„Gern geschehen.“

„JessasMaria, der hat seine Kotze auch noch mit einem formschönen Kackhaufen verziert!!!!“

Ich holte meinen Wischmop und einen Eimer und machte mich an die Arbeit.

Als ich fast fertig war, klopfte es an der Tür und Harv öffnete.

Es war Grace Johnston, meine Nachbarin, eine 22-jährige Göttin der Anmut und Schönheit, der ich seit 2 Jahren fruchtlos hinterher schmachtete.

Grace war seit einiger Zeit mit einem Adonis liiert, der regelmäßig aus Tyler auf seinem protzigen Motorrad herüber brauste und sie bei offenem Fenster und ekstatischem Gestöhne bewusstlos vögelte.

Der Kerl hatte die Frechheit einen Six-Pack zu besitzen, dessen Bauchmuskeln von weiteren winzigen Bauchmuskeln getragen wurden, so dass man bei diesem Bauch vielmehr von einem 24-Pack sprechen musste. Außerdem hatte er wohl einen richtigen Job und verdiente bestimmt drei mal so viel Knete wie ich.

„Herjemineh, was für ein verrückter Tag, Leute! Ist das nicht Wahnsinn! Dieser Urwald und die seltsame Färbung des Himmels…“, sagte Grace, umkurvte elegant den letzten Batzen Hundekotze und nahm an meinem Küchentisch Platz.

„…nicht zu vergessen der totale Stromausfall und die Bullenhitze!“, krächzte Harv und pflanzte sein Hinterteil ebenfalls auf einen Stuhl.

„Wie ist das nur möglich?“, sinnierte Grace.

„Ich schätze mal, unser Kaff wurde von Aliens des Planeten Schlubaxx hierher teleportiert und wir dienen nun als Anschauungsobjekte für deren Wissenschaftler…“, antwortete Harv in seiner ihm eigenen Weise.

„…oder wir befinden uns in einem galaktischen Zoo und werden bald von glubschäugigen Quallenwesen beäugt…“

„…oder die Predators gibt’s wirklich, und Adrien Brody und Schwarzenegger wurden entgültig frikassiert, und nun sind wir an der Reihe von ihnen gehetzt zu werden…“

„…oder ein Wurmloch ist abgekackt und hat uns in eine andere Dimension gespült, wo wir nun bis an unser Lebensende festsitzen…“

Ich starrte Harv an, und er mich. In diesem Moment schienen wir zu ahnen, dass von dem ganzen Mumpitz vielleicht ein Körnchen Wahrheit übrig sein könnte.

„JungsJungsJungs, ihr habt wirklich eine blühende Fantasie – das kommt von diesem ganzen Schrott mit dem ihr euch den ganzen Tag die Birne volldröhnt!“, lachte Grace.

„Was??? Independence Day und Alien haben durchaus wissenschaftlichen Hintergrund und zementieren unser kulturelles Welterbe!“, protestierte Harv und kniff Grace in die Seite (etwas, was ich nie gewagt hätte – allein beim Gedanken sie zu berühren hätte ich mit einem Kreislaufkollaps rechnen müssen).

So ging das noch eine ganze Weile weiter. Wir blödelten uns die trüben Gedanken aus dem Kopf, und hinterher berichtete ich Grace noch vom Schicksal des armen Mr. Cobb.

Wir aßen zu Mittag kalte Ravioli aus der Dose, und Krypto bekam eine Ladung Trockenfutter (als Vergeltung für seine Kotz-Attacke).

Am Nachmittag gingen wir zu den Meistern-der-flotten-Motorsäge und begutachteten deren Fortschritte.

Sie hatten gute 80 Meter geschafft. Zwei unserer Helden saßen schnaufend auf Matt’s Motorhaube und hatten tiefrote Schädel, die sie mit dem Genuss von Dosenbier auf Normal-Teint zu bleichen gedachten.

An diesem Nachmittag ereignete sich nichts weiter, außer, dass einer der Säger mit Herzschmerzen aufgeben musste und Matt ihn nach Hause fuhr.

Harv, Grace und ich kehrten zu mir nach Hause zurück, und dort verabschiedeten wir uns von Grace.

„Was machst du heute nacht, jetzt wo deine Playstation und dein Fernseher nicht mehr funktioniert?“, fragte ich Harv.

„Mein Laptop ist noch voll aufgeladen – ich werd‘ mir eine Komödie mit Ben Stiller, oder besser noch mit einem Schnuckelchen wie Kate Hudson reinziehen…“

„Ach, heute ist mal kein Horror oder SF angesagt?“

„Nee, mein Lieber. Der Tag war Horror genug. Ich brauch‘ was Sanftes für meine angeknackste Seele.“

Ich lachte und klopfte ihm auf die Backe, weil ich wusste, dass er dies hasste.

Er boxte mich auf dem Arm und verabschiedete sich mit einem ‚Träum‘ schön von der tollen Graaaaace…Oooooch, tut mir leid, sie hat ja diesen überirdischen Tom-Cruise-Typen aus Tyler“

Ich versetzte ihm einen harten Tritt in den Allerwertesten, der ihn sich trollen ließ.

Im Haus kontrollierte ich, ob noch Saft in meinem Laptop-Akku war, aber ich hatte natürlich Pech.

Schließlich versuchte ich noch in einem Joe-Lansdale-Roman zu lesen, was aber nicht wirklich klappte. Dann ging ich an’s Fenster und sah zum Waldrand, der in der Abenddämmerung rosa schimmerte.

Nach einer halben Stunde legte ich mich zum Schlafen ins Bett, aber ich konnte lange nicht einschlafen, zu viele Gedanken schaukelten durch mein Hirn, besonders Harvs schräge Theorien über Dentons derzeitige Situation flackerten immer wieder in meinen Geist.

Die Nacht legte sich über Denton und fragte mich, was sie wohl bringen würde.

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