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Denton - 3. Teil: Ein Kratzen am Fenster

StoryDENTON

3. Folge: Ein Kratzen am Fenster
Ich konnte nicht lange geschlafen haben, als mich ein Geräusch weckte. Verschlafen rieb ich mir die Augen und versuchte die Orientierung wiederzufinden.

Ich hatte von riesigen Aliens geträumt, groß wie ein Hochhaus und hässlicher als jede Filmkreation. Die Aliens blickten über die Wipfel der Mammutbäume, die Denton umgaben, auf uns herab, schnappten sich dann und wann einen von uns Winzlingen und rissen ihn wie eine Chipstüte auseinander, um seine Innereien zu begutachten.

 

DentonWieder das Geräusch – jetzt konnte ich es eindeutig identifizieren: Ein Kratzen, wahrscheinlich auf Glas.

Ich sah zum Fenster, konnte aber nichts entdecken, also ging ich näher ans Fenster heran. Einige Fenster der anderen Häuser waren noch durch Kerzen erleuchtet. Auch sonst kam mir die Nacht außergewöhnlich hell vor. Die Häuser und Straßen waren in ein dunkles Gold  getaucht, violette Schatten tümpelten auf der Straße -  scheinbar hatten wir Vollmond.

Krypto schlief auf seiner Hundedecke – soviel zum Thema getreuer Wachhund.

Ich ging näher an die Scheibe heran. Urplötzlich flackerte etwas am Fenster vorüber, was mich so erschreckte, dass ich nach hinten fiel und hart auf meinem Hosenboden landete.

Was war das nur? Ich hatte riesige orange Augen gesehen und den flüchtigen Eindruck von Schlangenhaut! Oder doch nicht? Ich war mir nicht sicher…

Vorsichtig erhob ich mich und rieb mein schmerzendes Hinterteil.

Langsam, ganz langsam näherte ich wieder dem Fenster. Die Augen waren verschwunden. Hatte ich mich getäuscht? War diese Impression eine Nachwehe meines absurden Alptraums?

Ein hoher Schrei riss mich aus meinen Überlegungen. Ich presste mein Gesicht ans Fensterglas so, dass meine Nase darüber knautschte, aber ich konnte nichts erkennen.

Da! Irgendetwas flitzte an Grace’s Haus vorbei und verschwand in den Schatten. Es hätte ein Mensch sein können, aber der Kopf schien ungewöhnlich gro߅

Hundegebell ertönte, dem Knurren und schließlich ein langgezogenes Jaulen folgte.

Ich wollte nach draußen gehen, aber ohne Waffe kam das für mich nicht in die Tüte.

Da ich keine Schusswaffen besaß, wühlte ich meine Schränke durch, auf der Suche nach etwas, das zustechen oder zumindest übel zuschlagen konnte.

Schließlich stieß ich auf meinen alten Baseballschläger – nicht so totbringend und furchteinflößend wie ein Raketenwerfer, ich weiß, aber das alte Ding verschaffte mir  ein Quäntchen genug Selbstvertrauen, um meine Tür zu entriegeln und auf die Straße zu gehen.

Das Jaulen hatte aufgehört. Dafür ertönte auf der anderen Seite des Städtchens erneutes Gebell.

Ich wurde etwas mutiger und ging die Straße entlang zu Garce’s Haus. Den Schläger hielt ich mit beiden Händen gepackt, bereit einen Homerun auf alles zu dreschen, das mir verdächtig vorkam.

„IN DECKUNG!!! RUNTER, VERDAMMT NOCHMAL!!!“

Irgendwer hinter mir brüllte dies mir zu. Ich ließ mich wie ein Sack Kartoffeln zu Boden fallen und knallte dabei auf meinen Schläger, was mir die Luft aus den Lungen trieb.

BANGGGGGG   BANGGGGGGGGGGG

Die Dröhnung der zwei unmittelbar hintereinander abgefeuerten Schüsse preschte gewaltig gegen mein Trommelfell, und ich fühlte direkt die Kugeln über meinen Rücken hinweg pfeifen.

Ein schreckliches Quietschen folgte den Schüssen. Aus den Augenwinkeln sah ich den Schatten mit dem Mordsschädel Richtung Wald sprinten.

Langsam wälzte ich mich in eine sitzende Position, wo ich den Schützen in Augenschein nahm.

Es war Garrett Cooper, der zwei Häuser weiter wohnte. Ich wusste, dass er Schriftsteller werden wollte, aber bisher noch nichts richtig auf die Reihe gebracht hatte und so seinen Lebensunterhalt als Mechaniker in Tyler verdiente.

Er hatte eine historische Winchester im Anschlag und sah aus wie der reinkarnierte junge Clint Eastwood beim nächtlichen Foto-Shooting. Das Mondlicht fasste seine Gestalt in einen fahlweißen Rahmen und ließ ihn so gut aussehen, dass sich vor Neid meine Nackenhaare aufrollten.

Garrett war einer dieser Typen, an denen jede abgewetzte, verbeulte Jeans hervorragend aussah und dem jedes Woolworth-Hemd so gut stand, als wäre es für ihn speziell maßgeschneidert worden. Für diese ihm angeborenen Fähigkeiten hätte ich den Kerl hassen sollen, aber er war sich dieser Wirkung nicht bewusst und verhielt sich gegenüber uns Nerds niemals überheblich oder abgehoben. Außerdem war er in unseren Augen (meiner und Harv’s) so cool, dass wir ihm selbst eine gewisse Distanziertheit uns gegenüber verziehen hätten.

Er lud die Winchester mit dem Bügel einmal hart durch und zischte durch die Zähne einen schnellen Fluch.

„Das Ding ist weg. Verschwunden in diesem schwarzen Schlund aus Holz und Blattwerk…“

Selbst seine Stimme hörte sich kernig und leicht rau an, die ideale Synchronisationsstimme für einen Pistolero aus einem italienischen B-Spaghetti-Western.

„…schwarzer Schlund aus Holz und Blattwerk? Oh, Mann, Garrett, man merkt, dass du Schriftsteller werden willst…“, krächzte ich – der Schrecken steckte mir noch in Bauch und Kehle.

Garrett warf mir einen Blick zu, als wäre er beleidigt, dass ich sein Schriftstellertum im Werden bezeichnet hatte – er selbst bestand immer darauf, dass er Schriftsteller sei und alles andere nur Aushilfstätigkeiten seien, kleine Stolpersteine, die ihn auf dem Weg zu seiner schreibenden Karriere begleiteten. Aber er sagte nichts und starrte wieder dem verschwundenen Ding mit den orangen Augen hinterher.

„Verdammte Scheiße, was war das nur?“

Langsam fand ich meine Stimme wieder und klang nicht mehr, wie erkälteter Papagei.

„Irgendeine Art Monster, wie aus einem alten B-Movie aus den 50ern. Du weißt schon, wie diese Latextrampel aus Der Schrecken vom Amazonas.“

„Ja, ich glaube das war ein Monster…diese riesigen orangen Augen…und die Schlangenhaut…“

Garrett nahm eine Taschenlampe, die er aus einer Tasche seiner Jeans fischte und leuchtete den Waldrand ab. Es war aber nichts zu erkennen, kein Blättchen rührte sich.

„Was war denn los? Hat euch auch das Gebell und dieses schreckliche Quietschen aus den Federn geholt?“, fragte Grace, die ins Mondlicht getreten war und eine Schrotflinte im Anschlag trug.

„Oh, hi Grace. Du hast ja `ne Schrotflinte!“, meinte ich nur verdattert. Die Tatsache, dass ich nur mit einem popeligen Baseballschläger bewaffnet war und ich auf meinem Hosenboden im Dreck saß, machte mich eigenartig verlegen. Wo hatte Grace nur die Flinte her? Warum hatte sie eigentlich so ein Ding in ihrem Besitz?

„Ja, klar hab‘ ich `ne Flinte. Jede anständige und züchtige Dame sollte in Texas eine Knarre besitzen, Honey!“

Grace erwartete vielleicht, dass ich über ihre flapsige Antwort grinsen würde, aber ich wurde nur noch mehr verlegener und krabbelte schließlich auf die Beine.

Es ärgerte mich auch immer, wenn Sie mich Honey nannte. Vielleicht hätte ich es ganz gern gehabt, wenn wir ein Liebespaar gewesen wären. Na gut, ganz sicher hätte ich es toll gefunden, aber da sich Grace scheinbar nicht die Bohne für mich interessierte, ging mir eine solche Titulierung schwer an die Nieren.

Bevor ich eine dumme Bemerkung machen konnte, liefen ein paar Leute heran, an ihrer Spitze Mary-Jo Bannerman, die ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr mit sich `rum schleppte. Das Gewehr hatte wohl ein solches Kaliber, das man es bequem für die Elefantenjagd hätte verwenden können.

„Hey, habt ihr dieses Mistvieh erwischt?“, fragte Mary-Jo.

„Ich glaube, ich habe ein paar gute Löcher in das Ding geschossen, aber trotzdem ist es mir in die Büsche entwischt.“, antwortete Garrett. Er zündete sich eine Zigarette mit einem Streichholz an, das er an seiner Stiefelsohle rieb. Dabei strahlte er eine Ruhe und Gelassenheit aus, die man nur als unnatürlich oder überirdisch bezeichnen konnte – Oh, Mann, hatte sich dieser Typ ein Pfund Eiswürfel in den Hemdkragen gekippt, als er aus dem Haus ging? Ich merkte, wie mir immer noch die Hände zitterten und ich recht wacklig in der Gegend herum stand.

„Dieses Ding hat hinten bei Ed Winklers Scheune zwei Hunde zerfetzt. Es wollte sich wohl den Hühnerstall vornehmen, aber die Tür der Scheune war zu stabil!“

„Zerfetzt?! Was meinst Du mit zerfetzt, Mary-Jo?“, fragte Grace.

„Naja, es hat die Hunde in ihre Einzelteile zerlegt…hier ein Bein…da ein Kopf…wenn Du`s genau wissen willst…“, antwortete Mary-Jo in ihrer gewohnt charmanten Art.

„Herjemineh!“, keuchte Grace.

„Jessas! Das war bestimmt der Killer vom alten Cobb!“, krächzte ich, schon wieder war meine Stimme im Begriff zu versagen.

„Könnte sein. Wenn man mal davon ausgeht, wie locker das Ding Köpfe abreißen kann…“

Wir glotzten noch eine Weile in die Büsche, die wir mit Taschenlampen ableuchteten, aber der Schrecken-vom-Amazonas tat uns nicht den Gefallen seinen hässlichen Schädel zu zeigen. Also löste sich die Gruppe schließlich auf und jeder ging wieder nach Hause.

Grace, Garrett und ich standen noch etwas länger vor meiner Bude und unterhielten uns noch ein bisschen.

„Ist es euch eigentlich schon aufgefallen, Leute, wie hell es heute Nacht ist?“, sagte ich.

„Yeah, kein Wunder, das Teil ist auch dreimal so groß wie gewöhnlich!“

Garrett zeigte auf die Mondscheibe, die tatsächlich ein enormes Ausmaß angenommen und dazu noch eine eigenartige bläuliche Färbung hatte.

„Ach du heilige Sackratte!“, schluckte ich, „das gibt’s doch nicht…“

„Na ja, wir stehen hier, und wenn du glaubst du schläfst noch, kann ich dich gern in die Backe zwicken. Außerdem…wenn du genau hinsiehst, kannst Du erkennen, dass der Mond einen kleinen Bruder bekommen hat, den er an seine Brust drückt…“

Und tatsächlich, ein zweiter, kleinerer Planetoid ragte halb hinter dem Mond hervor. „Sieht aus, wie’n Nippel an einer Titte…“

„Jedenfalls scheint das nicht unser Mond zu sein. Und ich wette, diese Sternbilder hat vor uns auch noch kein Mensch gesehen…“, konstatierte Garrett ruhig und steckte sich eine neue Fluppe an.

„JessasMariaundJosef!“, japste ich.

„Heiliges Kanonenrohr!“, keuchte Grace, bevor ihre Stimme vollends krepierte.

*

Kommentare  

#1 Larandil 2011-11-22 10:42
So etwa ab der Feststellung, dass der Mond und die Sternbilder anders sind, kommt mir der Text plötzlich seltsam bekannt vor ... :-*
#2 Carn 2011-11-22 19:35
Horst, da ist was schiefgelaufen - ab der Mitte wiederholt sich die zweite Hälfte von Teil 2 ??? Please repair

Harantor sagt: Geschehen
#3 Carn 2011-11-23 21:25
Was kommt Dir denn bekannt vor, Larandil?

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