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Denton - 4. Teil: Bestandsaufnahmen und eine Einkaufstour

StoryDENTON

4. Folge: Bestandsaufnahmen und eine Einkaufstour
Ich wachte mit klebrigen Haaren und juckender Haut auf. Scheinbar war es noch wärmer als gestern geworden.

Mein Gang zum Klo endete mit einer herben Entdeckung: Nachdem ich gespült hatte, schwappte das Wasser samt Fäkalien nach oben und überschwemmte meine Toilette. „HimmelHerrGottNochMal!“, fluchte ich und versuchte, dem Schwall zu entrinnen.

 

DentonIch machte mich auf die Suche nach einem Mop samt Eimer und wurde schließlich unter dem Stapel Hundefutter-Kartons fündig.

Krypto blickte mich skeptisch an und folgte mir zum Klo, um dort das Ausmaß der Bescherung zu begutachten.

„Nicht genug, dass du Kotz-Maschine mich in Atem hältst, nun hast du auch noch von der Klo-Spülung Unterstützung erhalten…“

Kryptos Mimik drückte mildes Gelangweiltsein aus, keine Spur von Reue oder peinlicher Berührtheit.

Nachdem ich mit dem Großreinemachen fertig war, schlurfte ich zum Kühlschrank, in dem die Milchprodukte in eine schwere Gammel-Phase getreten waren, wobei man den  Streichkäse und einen offenen Joghurt bereits als chemische Waffen verwenden konnte.

Ich musste handeln, bevor diese Teile zu schrecklichem Leben erwachten und mich angriffen. Also schmiss ich alle bereits geöffneten Lebensmittel in den Müll und machte eine Bestandsaufnahme mit allem noch Verwertbarem:

Im Kühlschrank befanden sich noch 1 Dose Hering in Tomatensoße, 1 Packung Margarine, eine halbe Wurst Salami, 2 Kartons Orangensaft, 1 halb verbrauchte Schale mit Streichwurst (die eine besorgniserregende Konsistenz aufwies und mir unheimlich war) und ein Glas mit Erdbeermarmelade (das aber fast aufgebraucht war).

Ich nippte etwas Orangensaft, knabberte an der Salami und warf einen sehnsuchtsvollen Blick zur Kaffeemaschine.

Krypto bekam einen Napf voll GarveysGrandiosFantastischemTrockenfutter (von dem ich ungefähr eine Tonne gehortet hatte – sie erinnern sich, unter den Schachteln hatte ich den Mop begraben), was er aber nicht zu schätzen wusste – ich beobachtete ihn dabei, wie er pikiert die Nase verzog.

Automatisch langte ich nach meinem Handy und wählte Harv’s Nummer und klatschte mir während des Wählens an die Stirn – alte Gewohnheiten sterben langsam! Also rappelte ich mich vom Küchenstuhl hoch und lief mit Krypto zu Harv’s Haus. Ich vergaß natürlich nicht, meinen Baseballschläger mitzunehmen – die nächtliche Exkursion von gestern Nacht hatte seine Spuren hinterlassen.

Vor dem Haus sah ich zum Himmel empor und betrachtete die Sonne. War diese Sonne größer oder kleiner als die mir altbekannte? Ich blinzelte angestrengt, konnte aber keinen Unterschied feststellen.

Waren die Wolken anders, als gewohnt? Bizarrer? Flauschiger? Hatten sie eine andere Farbe?

Je länger ich sie anstarrte, desto seltsamer kamen sie mir vor. Einige sahen aus wie grob gepixelte Computer-Varianten von richtigen Wolken.

Auch das Blau des Himmels schien tiefer zu sein, so intensiv, dass es einen regelrecht verschlucken wollte.

Hoch oben segelte ein Vogel eine einsame Bahn. Hatte ich seit gestern überhaupt einen Vogel gesehen? Ich konnte mich nicht erinnern… Wie groß mochte der Vogel dort oben sein? So groß wie ein Walross, mit einer Sägezahnschnauze? Blödsinn!!!!

Mit den kleinen Flügeln könnte ein derartiges Gewicht doch gar nicht in der Luft gehalten werden, oder?

Ich kam vor Harv’s Haus an und klopfte. Eine recht zerknittert aussehende Mrs. Frizzer öffnete. Ihre Haare sahen aus wie ein zerbombtes Vogelnest und unter den Augen hatten sich teuflische Krähenfüße breitgemacht.

Irgendetwas Rotes klebte in ihren Mundwinkeln, vielleicht Marmelade oder ein verunglückter Lippenstift. Sie machte einen übermüdeten Eindruck und ihre Schultern hingen traurig herab.

„Oh, Clyde, du bist ´s. Willst du mit Harvey zum Baseball-Spielen?“

Mrs. Frizzers Stimme klang heiser, abgenutzt, als ob ihre Stimmbänder nach 50 Jahren in Totenstarre wieder zum Leben erwachten.

„Wie? Eh, nö, M’am. Den Schläger trage ich nur zu meiner Sicherheit!“

Mrs. Frizzer schaute mich leicht irritiert an. Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, was letzte Nacht in Denton vor sich gegangen war (und von Mr. Cobbs einsam vor sich hin verwesendem Schädel hatte ihr Harv gewiss auch nichts erzählt).

Ich sah mich nicht in der Lage, Mrs. Frizzer diesbzüglich aufzuklären und schlängelte mich mit Krypto an ihr vorbei.

Harv schlief noch, was ich auch nicht anders erwartet hatte. Krypto lief zu seinem Bett und schleckte ihn mit seiner Zunge wach.

„Uhhhähhhh….dein Atem riecht wie ein verwester Karnickel!“, protestierte Harv und blinzelte uns bösartig an.

„Kein Wunder, er ist ja auch dauernd am Kotzen, da riecht’s beim ihm im Schlund nicht nach Weichspüler…“

Harv sackte wieder zurück, aber Krypto scheuchte ihn mit einem grauenvollen Rülpser vollends aus den Federn.

„Jessas, Clyde. Mit was fütterst du diesen laufenden Mülleimer? Das ist bestimmt die reinste Tierquälerei!“

„Der Gute bekommt nur das Beste! Für 3,95 pro Kilo, versteht sich!“

„Du scheinst es dir zur schlechten Angewohnheit zu machen mich in aller Herrgottsfrühe aus den Federn zu schmeißen.“

„Harv, es ist nach zehn, das würde ich nicht unbedingt als Herrgottsfrühe bezeichnen.“

Harv knurrte mich an, womit er bezeugte, was er von dieser These hielt. Krypto stellte die Ohren auf, scheinbar hatte Harv genau seine Knurr-Wellenlänge erwischt, sprang aufs Bett und wischte mit seiner Zunge über Harvs Nase.

„Jetzt weiß ich, was er vorhat. Er versucht den ekligen Geschmack auf diesem Wischlappen, den er als Zunge hat, in meinem Gesicht loszuwerden.“

Dermaßen bedrängt stieg Harv aus dem Bett, räumte einen Stapel Krimskrams von seinem Drehstuhl und pflanzte sich darauf.

Ich erzählte Harv von den Ereignissen der letzten Nacht und unserer Entdeckung des Tittenmondes.

„Weißt du, Clyde, entschuldige bitte, wenn ich jetzt nicht vor Überraschung vom Stuhl kippe, aber irgendwie war mir schon seit gestern klar, dass wir uns nicht mehr auf der guten alten Erde befinden. Dieser Doppel-Mond ist nur das Tüpfelchen auf dem i. Schau dir doch nur mal diese verdammten Fliegen hier im Zimmer an, die mich übrigens versuchten, mich letzte Nacht in den Wahnsinn zu treiben. Diese Dinger haben 4 Flügel und glänzen ganz ölig!“

„Du hast recht. Ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, aber ich war wohl zu sehr mit Kotze-Aufwischen beschäftigt. Du hast den Blick fürs Detail, Sherlock…“

„Genau, du Blindfuchs. You ain’t in Kansas anymore, Dorothy!“

„Wennschon, dann Texas, du Nase. Aber ich habe das Gefühl, dass wir hier nicht so hübsche Liedchen singen werden wie im Wizard of Oz…“

„Das befürchte ich auch. Der nächtliche Besuch, von dem du mir erzählt hast, ist wohl ein erstes Indiz dafür. Wie du mir das Teil beschrieben hast, erinnert es mich an den Lizard aus Spiderman…“

„Das Ding ist weit grusliger, Mann. Du hättest dir beim Anblick dieser orangen Augen in die Hosen gemacht!“

„Ich mach‘ mir schon in die Hosen, wenn Cole Thornton einen Furz in meine Richtung ziehen lässt. Da ist also nicht viel dabei…“

„Wo du recht hast, hast du recht, Mann!“

Harv gähnte geräuschvoll und kratzte sich ungeniert an seinen Kronjuwelen.

„HerrImHimmel, hab‘ ich einen Kohldampf. Die ganze Nacht Zelda-Zocken macht unglaublich hungrig …“

„Unglaublich, dass du durch die Schüsse nicht wach geworden bist!“

„Gute Schlaf-Gene, mein Lieber … und jahrelanges Training im virtuellen Jedi-Camp!“

„Sicher … im Camp für Jedi-Penner! Wie sieht’s eigentlich mit euren Lebensmitteln aus? Meine Vorräte belaufen sich auf einen leeren Kühlschrank und eine Million Packungen Hundefutter…“

„Jessas! Da sprichst du einen enorm wichtigen Punkt an, Clyde. Wie ich meine Mutter kenne, hat sie zwar letztens gut eingekauft, aber alles tiefgefrorenes Zeug. Das wird in unserer Tiefkühltruhe bei der Hitze nicht lange überdauern.“

„Wo du gerade deine Mutter erwähnst … ich finde, sie sieht gar nicht gut aus!“

„Mmmh … ich schätze sie hat Entzugserscheinungen vom Verlust ihres Home-Shopping-Kanals. Ihre Augen werden ganz glasig, wenn Kirstie Alley Schlankheitspillen und Modeschmuck anpreist … echt gruslig!“

„Ich weiß nicht, Harv …, ich glaube eher, sie ahnt im Unterbewusstsein, dass im Umkreis von tausend Meilen keine Zivilisation mehr vorhanden ist…“

„Du meinst: keine Zivilisation, wie wir sie kennen! Vielleicht befinden wir uns ja in der Zukunft und demnächst schippern unsere Nachfahren in solarbetriebenen Luftschiffen bei uns ein, hehehe.“

„Ja, eine Zukunft, wo sie einen Nippel an die Mondtitte geklebt haben. Netter Einfall, unsere Nachfahren haben’s echt drauf!“

Wir gingen in Harv’s Küche, wo wir den Kühlschrank inspizierten. Auch dessen Inhalt war nicht der Quell unserer Freude. Einzig ein Salzschinken schien für längere Aufbewahrung geeignet.

„Clyde, mein Guter: Alarmstufe Eins! Wir müssen einkaufen gehen und zwar hurtig!“

„Der einzige Laden mit Lebensmitteln in Denton ist Cobb’s Tankstelle. Ich habe meine Zweifel, ob Cobb heute pünktlich zum Dienst angetreten ist, der Verlust seiner Beine und Hände, nicht zu vergessen seines Torsos, könnte dem im Wege stehen!“

„Hey, über so etwas, macht man keine Scherze! Bestimmt ist seine Frau oder seine Tochter auf dem Posten. Ich hoffe es zumindest … der Laden war ja nicht abgesperrt, als wir ihn verlassen haben! Da könnte sich jeder zwischenzeitlich bedienen.“

„Da hast du recht … Wir machen uns besser auf die Socken. Könnte ja sein, dass nicht nur wir auf die Idee gekommen sind, uns schwuppdiwupp mit Lebensmitteln zu versorgen!“

„Dann wechsle diese Seuchen-trächtigen Unterhosen und verhülle diese erbärmlichen, haarigen Kackstelzen vor meine entzündeten Augen.“

„Häh, diese edlen Teile sind eines russischen Ballettänzers würdig!“, grunzte Harv im Brustton der Überzeugung.

Harv wühlte aus einem Wäscheberg neben seinem Bett ein paar Klamotten hervor und kleidete sich an. Dann verabschiedeten wir uns von seiner Mutter und machten uns auf den Weg zur Tankstelle. Mrs. Frizzer saß auf ihrem Sofa und starrte auf die trostlose Mattscheibe ihres Fernsehers, als ob das Ding funktionieren würde.

„Herrje, Harv, wäschst du diese Klamotten auch manchmal…“, sagte und hielt mir demonstrativ die Nase zu.

„Ich weiß nicht, was du hast. Die riechen doch noch prima…“

„Siehst du, wie Krypto zu dir einen Sicherheitsabstand hält? Wenn er mit seiner Nase deine Hose streift, wird er tot umfallen!“

„Blödsinn! Dieser Hund hat alle hundischen Eigenschaften auf Kosten einer manischen Fresssucht verloren.“

Daraufhin äugte Krypto Harv leicht beleidigt an und vergrößerte seinen Abstand zu ihm noch ein wenig.

„Schau dir mal die Vögel da oben an. Sehen die nicht eigenartig aus?“

„Keine Ahnung, die fliegen viel zu hoch. Was soll an denen eigenartig aussehen?“

„Ist doch komisch, dass die so hoch fliegen, oder?“
„Das sind Vögel, Mann. Die fliegen nun mal durch die Gegend, und manchmal fliegen sie eben ziemlich hoch.“

„Vielleicht beobachten die uns erst mal. Checken die Lage …“

„Sag mal, hast du dir gestern Nacht Hitchcocks Die Vögel auf dem Laptop reingezogen oder leidest du grundsätzlich unter einer kleinen Paranoia?“

„Phh, die Dinger sehen doch aus wie kleine Flugsaurier!“

Harv sah noch mal hoch und kratzte sich am Kopf.

„Du könntest nach letzter Nacht auch unter akuter Saurier-Phobie leiden. Das sind stinknormale Vögel da oben. Was schleppst du eigentlich diese popeligen Baseball-Schläger durch die Gegend? Hat dich Mr. Gila-Kopf denn so eingeschüchtert, dass du dich ohne das Teil nicht mehr auf die Toilette traust?“

„Jaja, mach dich nur lustig. Wenn du diesen Schädel mit den orangen Augen gesehen hättest, würdest du ohne Panzerfaust dein Bett nicht mehr verlassen!“

„Wenn das Biest so gruselig und gefährlich ist, glaubst du dann, dass dein Stöckchen es sonderlich beeindrucken wird, wenn es versucht, dir die Kehle aus dem Hals zu reissen?“

„Ich hab‘ leider keine Knarre bei mir zu Hause `rumliegen. Der Schläger ist das Beste, was ich an Waffen zu bieten habe.“

„Hast du nicht mal’n Schwert?“

„Was für’n Schwert?“

„Na, zum Beispiel ein Samurai-Schwert?“

„Welcher Freak hat denn zu Hause Samurai-Schwerter in der Schublade?“

„Na, ich!“

„Ja, klar, du bist ja auch `ne durchgeknallte Kackrübe! Außerdem würde es ziemlich bescheuert aussehen, wenn ich mit so einem Teil durch die Gegend dackeln würde!“

„Aber du musst zugeben, dass so ein Schwert bedeutend effektiver ist, als dein Schlagstöckchen.“

„Ich habe schon Probleme dabei, Gurken zu schneiden, ohne mich in den Finger zu pieksen. Was glaubst du, würde ich mit einem Schwert anrichten?“

„Hey, ich wollte dir nur eine kleine Anregung geben. Kein Problem, Mann, dann werd‘ halt mit dem Baseballschläger glücklich.“

„Hast … du vielleicht eine Schusswaffe?“

„Iiiich? Ich bin überzeugter Pazifist. Außerdem hasse ich das Geknalle. Ist so furchtbar laut.“

„…aber hast ein Samurai-Schwert…“

„Das ist doch nur Deko, Mann. Ich hab‘ damit noch nie geübt oder so.“

„Hm, wenigstens hast du so ein Teil. Ich sollte mir vielleicht schleunigst etwas mit mehr Bumms zulegen. Vielleicht `ne Flinte oder `nen Colt.“

„Leider ist das nächste Waffengeschäft in Arness, mein Guter.“

„Vielleicht hat meine Tante Trudie eine Knarre übrig. Jedenfalls weiß ich, dass sie eine Schrotflinte unter dem Bett versteckt hat.“

„Ach, damit hast du deine Tante also als illegalen Waffendealer klassifiziert…“

„Vielleicht hat sie ja noch irgendwo im Haus so ein Teil übrig …“

„Na, frag`sie doch einfach, ob sie von ihrem Arsenal etwas entbehren kann. Wir kommen sowieso an ihrem Häuschen vorbei.“

                        *

Tante Trudies Haus lag auch am Ortsrand von Denton und war im Blockhüttenstil gebaut, an das ein Hühnerstall und eine große Scheune grenzten.

Aus dem wuchtigen Schornstein an der Südseite stieg blassgrauer Rauch auf.

„Zounds! Ich habe ganz vergessen, dass Tantchen einen Holzofen samt Herd hat. Das bedeutet …“

„KAFFEE!!!!!“, keuchte Harv, „Dunkler, warmer … nein … kochend HEISSER Kaffee!“

„Yeah. Du sagst es!“

Wir spurteten los und hängten Krypto mühelos ab.

Nach meinem eifrigen Klopfen öffnete meine Tante. Sie trug ihren üblichen blauen Arbeitsoverall und hatte einige seltsam drapierte Lockenwickler im Haar. Ein schrecklich stinkender Zigarillo baumelte aufsässig in ihrem linken Mundwinkel. Ihre scharfen Gesichtszüge wurden etwas durch ihre Falten gemildert, die sich speziell um ihre Mundwinkel und entlang der Schläfen gesammelt hatten.

„Clyde … und dein schwer schlabbriger Kumpel. Howdy Schlappi.“ Ihre Stimme knarrte wie ein schwer arbeitender Dosenöffner und ihre Kommentare entbehrten wie stets nicht einem Schwung herzlichen Sarkasmus.

Harv erwiderte nichts und nickte nur zerknirscht – die Aussicht auf dampfendem Kaffee ließ ihn alle bösartigen Widerworte schlucken.

„Grüß dich, Tantchen. Ich war gerade in der Nähe und dachte mir, ich schaue mal auf eine Tasse Kaffee vorbei. Dein Kaffee ist nun mal der Beste!“

„Schleimbolzen! Ich weiß selbst nur zu gut, was ich für eine Schmierlauge zusammenbraue, und dass ich aber einen der wenigen Herde in Denton habe, die mit Holz gefeuert werden. Und da in Punkto Strom hier nichts mehr geht, bin ich so ziemlich die einzige Anlaufstelle für Kaffee und ein heißes Süppchen.“

Ich machte eine pikierte Miene und versuchte mich an einem mitleidsvollen Augenaufschlag, der meine Tante jedoch wenig berührte.

„Kommt schon rein, ihr beiden traurigen Gestalten.“, knurrte sie an ihrem Zigarillo vorbei.

„Danke, Tante, du hast ein Herz aus Gold und Schmieröl.“

Tante Trudie machte eine Geste, als würde sie kotzen, winkte uns aber trotzdem herein.

„Was trägst du denn für ein lächerliches Stöckchen spazieren, Kleiner?“

„Das ist ein solider Baseballschläger und kein Stöckchen. Was muss jeder, den ich heute treffe, meine Bewaffnung `runtermachen?“, japste ich beleidigt.

„Bewaffnung? Gehst du damit auf Fliegenjagd oder bedroht dich ein schlecht gelaunter Karnickel?“

„Ach … wenn du meinen Schläger so lächerlich findest, könntest du mich ja mit etwas Coolerem ausrüsten, hm?“

„Etwas das cooler ist als dieser Schaumschläger. Wie wär`s mit meinem Kartoffelschäler oder dem Korkenzieher auf der Kommode?“

„Hmpf, ich denke da mehr an eine abgesägte Schrotflinte. Wenn du natürlich ein paar Uzis oder Glocks im Keller versteckt hast, würde ich auch dazu nicht nein sagen …“

„Ich kann dir die zweite Spaltaxt fürs Holzhacken anbieten. Meine Flinte geb` ich nicht her, mit der hat mein Großvater schon Büffel gejagt, und du Tunichtgut würdest mir das gute Stück nur verhunzen.“

„Du bist hast ein wahres Herz aus Granit und Eissplittern, Tante. Weißt Du eigentlich, dass da draußen Echsen mit Mäulern so groß wie Garagentore herumhoppeln?“

„Ich hab`davon gehört, drüben bei Mallorys.“

Mallorys Bar `n Grill war der einzige Kneipe in Denton, wo man zudem noch brauchbare Hamburger und Steaks bekommen konnte. Und natürlich unschätzbare Anlaufstelle für alle professionellen Schnapsnasen und Quasselstrippen des Ortes.

Wenn man etwas auf brühwarmen Klatsch gab, war man im Mallorys genau richtig.

„Was wird denn so im Mallorys gemunkelt?“, wollte ich wissen.

„Einiges. Die wildesten Spekulationen laufen. Einige denken, dass wir alle Opfer eines schief gelaufenen Experiments des Militärs sind. Martha Janneczek glaubt, dass Gott uns in eine Mittelstation zwischen Himmel und Hölle gezaubert hat, wo wir heilige Prüfungen abzulegen hätten, die unsere Glaubensstärke testen… Die Janneczek, eben – hat nur Grütze im Kopf, die Gute.“

Ich grinste und nickte zustimmend, Miss Janneczek, 60jährige Jungfrau von Gottes Gnaden und Hardcore-Katholikin, machte seit gut 3 Jahren Denton unsicher und dem Pfarrer von Arness (der alle 4 Wochen eine Predigt in Ed Winklers Scheune hielt) schwer Konkurrenz.

„Andere glauben, dass der Planet verrückt spielt und die Welt bald untergeht, und dass der Wald und der seltsame Mond die ersten Vorzeichen dafür sind…“

„Was sollte ein weiteres Gestirn neben dem Mond denn für ein Vorzeichen sein? Glauben die, dass so ein Planetoid über Nacht entsteht?“, gluckste Harv.

Tante Trudie zuckte die Schultern.

„Einige sind ganz aus dem Häuschen und anderen scheint diese seltsame Situation ganz gut in den Kram zu passen. Cole Thornton plustert sich auf, wie ein überdrehter Gockel und möchte jedem gern zeigen wo`s langgeht.“

„Das glaube ich gern. Dieser Neanderthaler war schon immer ein Landplage.“, warf ich dazwischen. Thornton war einer der Football-Cracks unserer Highschool in Arness und erfüllte alle Anforderungen eines Rednecks mit groteskem Geltungsbedürfnis. In dieser Funktion war er natürlich die Nemesis für alle etwas aus dem Rahmen fallenden Nerds in Jefferson-High. Harv, ich und noch ein paar andere hatten in dieser Zeit mit beiläufigen Rempeleien, armseligen, aber dennoch tödlichen Schmährufen und blauen Flecken im Turnunterricht zu kämpfen.

Thornton hatte es trotz seines Talents und seiner Sonnen verdunkelnden Größe es nicht geschafft, ein Stipendium oder einen Platz in einem Profi-Team zu ergattern. Und so machte er Karriere als Ausfahrer von Brötchen und Gebäck in der Bäckerei seines Vaters in Coopville.

Ich ließ mir noch ein paar Neckereien von Tante Trudie gefallen und schlürfte zwei große Tassen von dem Magenätzer, den Tantchen als Kaffee bezeichnete. Harv liebte die Brühe und trank eine halbe Kanne leer, wobei er dazu noch ein halbes Dutzend Pfannkuchen verdrückte.

„Mein Gott, Schlappi, schlingst ja das Essen runter, als wärst du zwei Wochen auf Zwieback-Diät.“

„Lass ihn doch, Trudie. Das arme Kerlchen hat bestimmt 100 Gramm an seiner linken Schwabbelbacke abgenommen. Das war bestimmt ein schwerer Schock für ihn.“ Mein Onkel Joe war durch die Hintertür in die Küche getreten. Er trug einen ähnlich abgewetzten Overall wie meine Tante und balancierte ein zu großes Rangers-Cap auf seinem kahl werdenden Kopf. Er rauchte zwar nicht, hatte aber stets Kautabak in seiner linken Backe platziert. An seiner Seite wackelte stets Wayne herum, ein Bullterrier/Mops-Mischling mit einer fiesen Gesinnung. Aus seinem einzigen noch verbliebenen Auge nahm er wieder mal Krypto ins Visier, der sich winselnd hinter meinem Stuhl versteckte.

Onkel Joe hatte den selben leicht pervertierten Humor wie Tante Trudie (und den gleichen scheußlichen Geschmack, was Overalls anbelangte). Ihr bevorzugtes Opfer war natürlich Harv, aber auch ich bekam dann und wann mein Fett weg.

Wir unterhielten uns noch wenig über hungrige Echsenwesen, eigenartige Insekten und den Tod von Mr. Cobb, wobei ich zwischendurch über meine allzu karge Bewaffnung jammerte, was aber meine Tante stoisch ignorierte. Schließlich bekam ich die Reserve-Spaltaxt geliehen, die Flinte blieb über dem Kamin hängen.

Harv und ich verabschiedeten uns und machten uns mit Krypto wieder auf den Weg zur Tankstelle.

An der Baustelle unserer Säge-Kolonne waren nur zwei Typen bei Werke. Trotzdem hatten die Jungs schon ordentlich etwas geschafft: ein Pfad von ca. 100 Metern führte durch den grünen Schlund. Zwei andere Kerle mit Schrotflinten sicherten die Arbeiter ab, die schweißüberströmt vor sich hin schufteten.

Ich machte ein aufmunterndes Daumen-hoch-Zeichen, was die beiden aber nicht sonderlich aufmuntern konnte.

Als wir am Waldrand vorbeikamen, bemerkten wir, dass Mr. Cobbs Schädel verschwunden war. Eine Spur aus ein wenig Blut und etwas, das wie brauner Hirnschleim aussah führte ins Unterholz.

„So viel zu den Beweismittel für die Bullen in Tyler.“

„Yep, die Beweismittel können sie jetzt wohl von irgendeinem Monster-Gebiss kratzen.“

Wir hatten Glück. Die Tankstelle hatte geöffnet. Mr. Cobbs Tochter, Lilly, stand eingesunken hinter der Kasse und sah sehr verweint aus.

„Mein Beileid, Lilly.“, murmelte ich und auch Harv hauchte etwas Ähnliches.

Lilly schniefte in ein Taschentuch und nickte.

„Wir haben Glück, Clyde. Die große Plünderung der Lebensmittel hat noch nicht begonnen. Keiner außer uns ist hier. Schlagen wir zu, bevor die Leutchen eintrudeln, denen Ähnliches schwant wie uns.“

„Oder die, die genauso leere Kühlschränke haben…“

Wir nahmen einen der kleinen roten Einkäufskörbe von dem Stapel neben der Kasse und gingen zwischen den Regalen im hinteren Teil des Ladens umher.

Ich legte meistens Dosen und luftdicht verpackte Lebensmittel in den Korb. Fleisch, Gemüse, Ravioli, Wurst. Dazu noch Schokolade, Chips und eine Menge Süsskram und Flaschen mit Bier und Softdrinks. Als der Korb so schwer war, dass ich Mühe hatte ihn zu tragen, gingen wir wieder zur Kasse.

Ich packte die Sachen auf den Tresen und wollte meine Brieftasche zücken, als die Ladentür aufging und Cole Thornton eintrat. In seinem Schlepptau die Gustavson-Brüder, zwei riesige Schweden, die große Revolver im Hosenbund trugen und die auf der Kotzbrocken-Skala nur knapp hinter Thornton rangierten.

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