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Denton - 5. Teil: Neue Regeln

StoryDENTON

5. Folge: Neue Regeln
Die beiden Schweden waren vor ein paar Jahren nach Denton gekommen und bezogen eine abbruchreife Bude neben dem Mallorys.

Ich hatte bisher noch keinen Kontakt mit ihnen gehabt, aber durch die allgemeinen Tratschkanäle wusste ich, dass sie sich als beinharte USA-Fans bezeichneten und dies auch in ihrem Äußeren zu erkennen gaben.

 

DentonPelle Gustavson hatte sich einen übermäßigen Cowboy-Look zugelegt – Stetson, gespickt mit Federn und Zahnstochern, ärmellose Lederweste, Reitstiefel mit silbernen Sporen und ein rotes Halstuch, drapiert in John-Wayne-Manier. Vor Ihrem Haus hatte er einen uralten Sattel gelegt (zu Reitzwecken diente dieser nicht, von einem Pferd sah man weit und breit nichts) und über der Haustür einen skelettierten Bullenschädel genagelt.

Er wollte von allen nur mit Jesse angeredet werden, ich nannte ihn (heimlich, im Gespräch mit Harv) nur Klopskopp, weil er einen riesigen, in die Breite gehenden Schädel hatte, garniert mit einer krummen Nase und kleinen Schweinsäuglein. Seine blonden Haare ragten wie Stroh unter seinem Stetson hervor, was seiner Hässlichkeit eine neue Qualität verlieh.

Sein Bruder, Petter Gustavson, hatte sich dem Erscheinungsbild eines Rockers verschrieben. Ganz in schwarzes, abgewetztes Leder gekleidet, das bei jedem Schritt knarrte. Seine schweren Motorradstiefel waren mit verchromten Stahlkappen versehen und eine alte Ledermütze samt Motorradbrille hatte er tief in die Stirn geschoben. Im Stehen hatte er meistens die Daumen in seinen Ledergürtel verhakt, der von einer protzigen Schnalle, die eine nackte Frau in eindeutiger Pose darstellte, gehalten wurde. Er fuhr eine alte Harley, die einen Höllenlärm machte, weswegen sich seine Nachbarn desöfteren lautstark beschwerten, was der Kerl aber nur mit einem abfälligen Grinsen quittierte.

Petter war nicht so hässlich wie sein Bruder, hatte aber wölfische Gesichtszüge und schlechte Zähne, was ihn nicht unbedingt als Hollywood-Beau qualifizierten.

Die Brüder hatten einige Schlägereien in Bars in Arness und Coopville provoziert, und ihre Kontrahenten waren nicht selten im Krankenhaus gelandet. Aber eigenartigerweise waren die Burschen nie angezeigt worden.

Dass sie die Gesellschaft von Cole Thornton suchten war nicht eben ungewöhnlich – die drei waren aus demselben Holz geschnitzt.

Thornton trug seine alte Highschooljacke und einen Cowboy-Strohhut, was nicht gerade modisch zusammenpasste, ihm wohl aber schnurz war.

Er hatte einen Waffengurt umgeschnallt, mit einem Halfter für eine wuchtige 45er Automatik. Auf der anderen Seite des Gurts baumelte ein Bowiemesser, dessen Größe fast unverschämt zu nennen war.

„Hi, Lilly. Wie geht’s?“

Thornton hatte natürlich von Cobb’s Tod gewusst, und er sah auch wie mies es Lilly ging. Aber die Rotzigkeit seiner Frage entsprach vollkommen seiner ausgeprägten Einfühlsamkeit.

Harv und mich ignorierte er komplett. Die Petter Gustavson warf uns einen kurzen, abschätzigen Blick zu, der nur den Bruchteil einer Sekunde anhielt.

„Heute bin ich auf großer Einkaufstour, Kleines. Ich nehme alles von dem ersten und zweiten Regal und auch alle Getränke, die hinten im Kühlfach stehen. Petter und Pelle werden das Zeug auf meinen Pick-Up laden.“

Thornton sagte das in einem Tonfall der Selbstverständlichkeit, der keinen Widerspruch duldete.

Uns blieb glatt die Spucke weg ob seiner Arroganz und seinem herrischen Tonfall.

„He, das geht aber nicht. Andere Leute wollen auch noch was einkaufen!“, quakte eine knarzige, abgenutzte Stimme im Hintergrund.

Hinter einer Regalreihe kam Edith Nussbaumer hervor, die wir bei unserem Eintreten nicht bemerkt hatten, was kein Wunder war - Mrs. Nussbaumer war ein bisschen größer als ein Treteimer. Die alte Dame hatte einen vollgepackten Einkaufskorb unter ihrem Arm, der gut und gerne ihrem Eigengewicht entsprach. Angriffslustig schielte sie hinter ihrer Hornbrille hervor, deren Gläser Milchglasdicke hatten.

Thornton drehte seinen massigen Schädel und sah Mrs. Nussbaumer spöttisch an.

„Das ist‘n freies Land, Oma und ich kann kaufen was und wie viel ich will.“

„Hast du überhaupt soviel Bargeld dabei, Thornton? Der ganze Kram kommt bestimmt auf…hm, sagen wir mal: gute 3000 Dollar, grob geschätzt.“, mischte sich Harv ein.

Thorntons Brauen verzogen sich zuerst überrascht und dann verärgert.

„Wer fragt denn dich, Fettsack. Halt‘s Maul und sei froh, wenn du mit der Schachtel Schoko-Pops abdackeln darfst, die du unterm Arm geklemmt hast.“

Harv schluckte hart. Hinter seiner Stirn arbeitete es schwer, aber er konnte sich nicht unmittelbar zu einer Erwiderung durchringen.

Er wurde von der aufgehenden Tür gerettet, durch die Mary-Jo Bannerman und zwei Männer traten.

Einer der Männer war Rick Arrows, ein groß gewachsener Ingenieur, der in Tyler arbeitete und den ich nur vom Hörensagen kannte.  Der zweite Mann war ein sperriger Typ mit einer Plauze und einem dicken Schnurrbart. Wie ich später erfuhr, hieß er Roy Thomas, ein Architekt, der mit seiner Frau neben Arrows wohnte. Er hielt eine doppelläufige Schrotflinte in der Rechten und hatte einen Patronengurt über seinen ausufernden Bauch gespannt.

„Hallo die Herren. Gibt’s hier irgendwelche Probleme?“, fragte Arrows, der offensichtlich der Wortführer des Trios war.

„Neeee, hier gibt’s keine Probleme. Wir sind nur nett beim Einkaufen.“, brummte Thornton.

„Einkaufen nennt er das! Der Mistkerl war gerade dabei den ganzen Laden leer zu räumen!“, protestierte Mrs. Nussbaumer, wobei wir beide eifrig nickten.

„Na, da sind wir gerade noch rechtzeitig gekommen. Unser Not-Komitee hat vorhin im Mallorys beschlossen, dass die Vorräte hier in der Tankstelle erst einmal nicht mehr zum Verkauf stehen, sondern rationiert und jeden Tag gerecht verteilt werden.“

Arrows Tonfall war ruhig, aber bestimmt und er nahm speziell mit Thornton Blickkontakt auf.

„Bei dieser Sitzung des Komitees war ich aber nicht anwesend.“, knurrte Thornton.

„Was für ein Komitee?“, glucksten Harv und ich gleichzeitig.

„Sie hatten es scheinbar zu eilig die Vorräte hier einzuhamstern und so haben Sie die Sitzung verpasst!“, sagte Arrows gleichmütig.

„Letzte Sitzung?! Gab‘s denn schon eine Sitzung? Und warum waren wir dazu nicht eingeladen?“, hauchte ich.

„Ich scheisse auf ihre Sitzung. Ich bin ein freier US-Bürger und niemand kann mich daran hindern hier mein sauer verdientes Geld auszugeben…“

„Das ist der springende Punkt, Thornton: De Fakto befinden wir uns nicht mehr in den Vereinigten Staaten, und da wir hier in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation sind, haben wir Notfallregeln aufgestellt. Und die wichtigste Regel ist derzeit, die Sicherung von Lebensmitteln.“ Arrows blieb bei seinen Worten vollkommen ruhig, kein Flackern in der Stimme oder ein Hauch von Unsicherheit war bei ihm wahrzunehmen.

„Und wenn ich mit Ihren Regeln nun nicht einverstanden bin…?“ Eine unausgesprochene Drohung schwang in Thorntons Stimme mit, die sich auch in seiner Körperhaltung widerspiegelte.

Arrows war augenscheinlich nicht bewaffnet. Mary-Jo trug ihre Dienstwaffe im Holster und Thomas hatte, wie bereits erwähnt, eine Schrotflinte. Ich und Harv waren unbewaffnet (die Axt und den Baseball-Schläger hatte ich vor der Tür gegen die Wand gelehnt, ich fand es lächerlich mit den Teilen in der Tankstelle herumzuspazieren). Und Mrs. Nussbaumer hatte einen stattlichen Spazierstock zu bieten.

Sicherlich hatte Thornton seine Chancen abgeschätzt und wäre sicherlich zu dem Entschluss gekommen, dass er und seine beiden schwedischen Halbaffen sehr gute Chancen bei einer Schießerei gehabt hätten, doch ging nochmals die Tür auf und Garrett betrat mit seinem wiegenden Gang die Tanke. Er hatte seine Winchester geschultert und trug einen Hauch von Lächeln spazieren.

„‘lo, zusammen. Howdy Thornton.“ Sein Lächeln wurde zu einem kalten Grinsen, nachdem er das Gewehr von seiner Schulter geschwungen hatte und der Lauf nun in Richtung von Thornton wies.

Thornton knirschte grässlich mit den Zähnen. Seine Hand, die zuvor den Griff seiner Automatik massiert hatte, klappte zur Seite. Mit versteinerter Miene griff er in den Ständer mit den Süßigkeiten und schnappte sich drei Schokoriegel.

Beinahe triumphierend hielt er seine Beute empor und rauschte dann an Arrows vorbei, zur Tür hinaus. Die beiden Schweden blickten sich kurz bedröppelt an und folgten dann Thornton betont langsam.

Als die drei verschwunden waren, stieß Mrs. Nussbaumer ein keckerndes Lachen aus, das eine Eselsherde in die Flucht getrieben hätte, worauf ich und Harv herzlich einstimmten.

Als das Lachen verklungen war, schnaufte Harv noch einmal durch und sagte:

„Was für ein Komitee, zum Teufel noch mal?“

***

Arrows klärte uns auf. Eine Gruppe von Leuten hatte sich im Mallorys zu einer Versammlung getroffen, wo kurzfristig ein Proforma-Komitee festgelegt wurde, das sich um die anstehenden Probleme kümmern sollte, wie etwa die Sicherung der Lebensmittel. Das Komitee bestand aus einigen klugen Köpfen von Denton, wie Arrows und Thomas. In den nächsten Tagen sollte eine Wahl im Mallorys stattfinden, wo entweder das bestehende Komitee bestätigt oder ein neues Komitee gewählt werden sollte.

„Wichtig ist natürlich auch eine Art Polizei-Organ zu installieren, damit eine Grundordnung in Denton aufrecht erhalten wird.“, konstatierte Arrows in seinem trockenen Stil, „Mary-Jo ist eine erfahrene Beamtin, und kann, so denke ich, die Leitung dieser Truppe übernehmen.“

„Und Matt Gibbons ist damit einverstanden?“, fragte ich.

„Gibbons kann sich natürlich auch um die Leitung bewerben, wenn er will.“, meinte Thomas mit einem süffisanten Lächeln. Es war das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte. Er hatte einen brummenden Bass, der aber nicht unangenehm klang.

Man legte uns höflich, aber bestimmt nahe, unsere Einkäufe wieder in die Regale zu stellen. Dann wurde mir und Mrs. Nussbaumer Rationen zugewiesen, die mir mehr als kärglich anmuteten.

Mrs. Nussbaumer schaute wohl genauso enttäuscht aus der Wäsche wie ich, dennoch sagte sie nichts. Ich zahlte bei Lilly an der Kasse, die apathisch das Geld in die Kasse legte und mir Wechselgeld gab.

„Ist jemand schon in den Sinn gekommen, dass unsere bunten Scheinchen eigentlich keinen wirklichen Wert mehr haben?“, sagte Harv in die Runde.

„Ja. Über kurz oder lang, werden wir uns wohl Gedanken über eine andere Zahlungsform Gedanken machen müssen. Ich schätze, die gute, alte Tauschwirtschaft wird bei uns Einzug halten.“, meinte Arrows ohne Umschweife.

„Nun mal langsam mit den jungen Pferden. Wir sind gerade mal zwei Tage in dieser Situation. Vielleicht finden wir ja einen Weg zurück…nach Hause…“, sagte Mary-Jo.

„Das würden wir uns alle wünschen, Mary-Jo. Wirklich…“, meinte Arrows.

***

Harv, ich und Garrett gingen nach Hause. Arrows, Thomas und Mary-Jo blieben in der Tankstelle, um die Rationierungen vorzunehmen.

Mrs. Nussbaumer wackelte auch zu ihrem Häuschen zurück, ich sollte sie an diesem Tag das letzte Mal lebend gesehen haben.

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