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Denton - 7. Teil: Eine Palisade, Gruben und eine Jagdpartie

StoryDENTON

7. Folge: Eine Palisade, Gruben und eine Jagdpartie
Die Nachricht, dass ein riesiger Dinosaurier durch halb Denton getrampelt war und Mrs. Nussbaumer als Mittags-Snack verputzt hatte verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Einige wenige Leute reagierten mit köchelnder Wut im Bauch, wie Ed Hannigan, der mit funkelnden Augen und Knarre im Anschlag durch Denton stapfte.

 

DentonAber natürlich liegt es vornehmlich in der Natur des Menschen sich im Angesicht einer solchen Bedrohung hinter den Mauern seines Heimes zu verschanzen – schließlich hatten wir es hier nicht mit einem tollwütigen Eichhörnchen zu tun, sondern mit einer tonnenschweren Killermaschine, die Gewehrkugeln wie Brausebonbons schluckte.

Den Menschen Dentons wurde bewusst, dass ihre Spezies nicht mehr am Startplatz der Nahrungskette stand, und dies machte ihnen eine Heidenangst. Besonders die Kinder wurden nicht mehr aus dem Haus gelassen, was diese noch zappliger werden ließ, schließlich machte ihnen der Entzug von Playstation und Internet schon schwer zu schaffen (wenn ich den kleinen Johnny Fillmore sah, taumelte der wie ein traumatisierter Zombie durch die Gegend).

Dem Komitee war klar, dass gehandelt werden musste – ein permanenter Angstzustand war Gift für unsere kleine Gemeinschaft.

Arrows schlug vor, eine Palisade um Denton zu errichten. Zwar wurde der Plan im Großen und Ganzen gutgeheißen, dennoch gab man zu bedenken, dass ein solcher Bau bei der Größe von Denton einfach zu lange dauern würde (dazu kam noch, dass in Denton kein ausgewiesener Palisaden-Bauer ansässig war, was Wunder).

Martha Janneczek meinte, dass ausgiebige Gebete und Fasten die Bestien fernhalten würden.

„Für den Kommentar hätte ich ihr fast meinen 12er-Schraubenschlüssel in den Arsch gerammt.“, knurrte Tante Trudie, als Sie mir von der Sitzung des Komitees erzählte.

Roy Thomas kam letztlich auf die Idee einen kleinen Graben um Denton zu ziehen, den man mit brennbarem Material, beträufelt mit Benzin, auffüllen könne.

„Diese Monster sind letztlich nichts anderes als Tiere, und Tiere haben gehörigen Respekt vor Feuer.“, konstatierte Thomas.

Da dies die praktikabelste Idee war und sie auch mit dem wenigsten Aufwand umzusetzen war, ließ man sogleich Taten folgen.

Freiwillige zum Graben fand man genug – Langeweile hatte sich in Denton breit gemacht – zur täglichen Maloche konnte man nicht mehr gehen und alle elektronischen Unterhaltungsmedien wie Fernsehen, Radiohören, Internet und Playstation-Zocken fielen flach. So buddelten bald um die 50 Männer, Frauen und Kinder an dem Graben, gut bewacht von einer Zigaretten qualmenden und Kautabak kauenden Streitmacht, bewaffnet mit Schrotflinten und halbautomatischen Gewehren. Ich war überrascht, wie viel Knarren in Denton im Umlauf waren. Viele Männer (und auch ein paar Frauen) liefen mit Pistolenhalftern im Western-Style herum, in denen Colts oder automatische Pistolen steckten.

Zu meiner Überraschung beteiligte sich auch Harv an der Aktion. Er trug ein knalliges Green-Day-T-Shirt, das hervorragend mit seiner hochroten Gesichtsfarbe harmonierte.

„Na, ich werd‘ nicht mehr, mein Alter. Dass ich das noch erleben darf – DU bei einer schweißtreibenden körperlichen Tätigkeit, dazu noch freiwillig!“, grinste ich ihn an.

Harv schnaufte wie ein kollabierender Dampftopf und brauchte eine Weile, um sprechen zu können.

„Pfff, pfff…ich…pfff…trage meinen unschätzbaren Teil zum … Gemeinschaftsleben…pfff…bei!“

„Red‘ keinen Scheiß!“

„…und…pfff….außerdem ist mir stinklangweilig in meiner Bude. Kein Internet, kein TV, und jetzt wo mein Akku leer ist, kann ich nicht mal mehr auf dem Laptop zocken.“

„Da bist du nicht der einzige, dem’s so geht. Sieh Dir nur mal die ganzen käsigen High-School-Jüngelchen an, die tappen wie Schlafwandler durch die Gegend. Jetzt, wo sie nicht mehr Counterstrike ballern können, haben sich ihre Lebensfunktionen auf’s absolute Minimum reduziert.“

„Du vergleichst mich also mit diesen Hosenscheißern?!“

„Absolut! Du trägst ja schon dieselben Klamotten wie sie.“

„Blödsinn. Mein Kleidungsstil ist eine wohlüberlegte Mischung aus der Garderobe von Charlie Harper und Johnny Depp.“

„Sag ich doch…“

Harv grinste mich schräg an und reichte mir seine Schaufel.

„Du kannst mich gern eine Weile ablösen, damit ich meinen spätpubertären Gelüsten nachkommen kann.“

Ich schnappte mir die Schaufel und fing grimmig an die Erde wegzuschippen, die ein breitschultriger Kerl mit einer Spitzhacke gelockert hatte.

Gegen Mittag liefen Harv und ich zum Mallorys, um uns unsere Tagesrationen abzuholen, die dort verteilt wurden. Gerade zu diesem Zeitpunkt hielt das Komitee eine Sitzung ab, in der es um die Sicherung unserer weiteren Verpflegung ging.

Die Sitzungen waren öffentlich, so dass jeder, der Lust hatte, diese verfolgen konnte (und dann und wann gab jemand auch seinen Senf dazu).

Garrett und Grace waren auch da. Sie saßen auf aufklappbaren Gartenstühlen und unterhielten sich. Grace lachte über etwas, das Garrett ihr zugeflüstert hatte, was mir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bescherte. Die beiden verstanden sich nach meinem Geschmack etwas zu gut in letzter Zeit.

*

„Die Lebensmittel aus der Tankstelle werden noch knapp eine Woche reichen. Aber auch nur dann, wenn wir strikt rationieren.“, resümierte Arrows mit seiner sonoren Stimme.

„Jake Carson hat ein paar Schweine in seinem Hinterhof. Duane Stipps betreibt eine kleine Karnickelzucht und du, Trudie hast eine große Meute Hühner auf deinem Gelände.“

Tante Trudie pustete einen grimmigen Rauchring in die Luft und starrte noch grimmiger in die Runde.

„Wenn ihr glaubt, ich würde mich genauso leicht überrumpeln lassen, wie die kleine Lilly Cobb, dann befindet ihr euch schwer auf dem Holzweg. Die Hühner sind und bleiben mein Eigentum, und wer versucht mir meine kleinen Schnuckelchen wegzunehmen, der wird sich umgehend ein paar dicke Schrotkörner aus dem Hintern pulen können. Nicht wahr, Joe!?“

Onkel Joe lehnte am Tresen. Er hatte sich ein Holster mit zwei historischen Colts umgeschnallt. Eine großkalibrige Repetierflinte ruhte auf seinem dicken Schenkel.

Mit einem knappen Nicken signalisierte er seine Zustimmung für Tante Trudies Drohung.

„Und moine Schweine langt mir ouch keena an.“, platzte Jake Carson heraus. Er hatte eine tiefrote Gesichtsfarbe, und die Hitze schien ihn umzubringen. Seine Körperform und seine Gesichtszüge strebten der Physionomie  seiner schweinischen Gefährten entgegen.

Danach wurde kräftig durcheinander gebrüllt. Alle Besitzer von Obstbäumen, Gemüsebeeten und tierischen Fleischspendern plädierten auf ihr unleugbares Recht auf Eigentum, wohingegen die Besitzlosen zu solidarischem Teilen aufriefen.

Zwischendrin krakeelte Martha Janneczek eine Tirade über den Zorn Gottes und dass Jesus demnächst uns seine noch zornigeren Engel schicken wird (was das Ganze mit unserem Nahrungsproblem zu tun hatte, war niemandem so recht klar).

Als sich nach geraumer Zeit die Gemüter beruhigt hatten (und die Hälse zu rau waren, um konstant weiter zu brüllen), einigte man sich darauf Jagdtrupps zusammenzustellen, die uns mit Frischfleisch versorgen würden.

Jetzt sollte man sich denken, dass der Gedanke, in einer fremden Wildnis herum zu streifen, in der meterhohe fleischfressende Saurier ihr Unwesen treiben, nicht sonderlich reizvoll sei. Jedoch gab es mehr als genug Freiwillige, um drei Jagdtrupps zusammenzustellen. Dies mag vielleicht an der Tatsache gelegen haben, dass die Alternativen zur derzeitigen Freizeitgestaltung – Graben oder Baumfällen – nicht sonderlich reizvoll waren. Etwas zu jagen und zu erlegen scheint im absoluten Favoritenkreis der menschlichen Beschäftigungsarten zu stehen.

Grace meldete sich mit ihrer treuen Flinte für diese Aufgabe. Sie schien richtig wild darauf sein, worauf ihre vor Enthusiasmus sprühenden Augen hindeuteten.

Zu meiner Überraschung verzichtete Garrett darauf, sich einem Jagdtrupp anzuschließen. Waren doch noch keine erotischen Bande zwischen ihm und Grace geknüpft? Diese kleine Hoffnung ließ mein gebeuteltes Herz einen zarten Samba tanzen.

Natürlich meldete ich mich auch freiwillig, schließlich wollte ich vor Grace wie ein ganzer Kerl dastehen. Dass ich kein Jagdgewehr besaß, war ein Aspekt, den ich vorerst einmal geflissentlich ignorierte. Harv stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und rollte dermaßen grotesk mit seinen Augen, dass ich schon Angst bekam, sie würden ihm vor Schreck aus den Höhlen hüpfen.

In meinem Eifer vergaß ich vollkommen, dass ich keine Schusswaffe besaß, was mir aber nichts von meiner Entschlusskraft rauben konnte.

Da ich beobachtet hatte, dass Mary Jo ein beachtliches Arsenal an Gewehren zur Verfügung stand, wandte ich mich an sie, um meinen neuen Jägerpflichten angemessen nachkommen zu können.

Mary Jo grunzte zwar etwas verdrossen, aber schließlich nahm sie mich mit zu sich, um mir eine ihrer Knarren zu leihen.

Wir fuhren mit dem Polizeiauto zu ihrem Häuschen, das so ziemlich in der Mitte von Denton gelegen war.

Ich war noch nie bei ihr zu Besuch gewesen, ja, es kam mir in den Sinn, das niemand aus meinem Bekanntenkreis näheren Kontakt zu ihr hatte. Sie war im weitesten Sinn ein überaus eigenbrötlerischer Mensch, was vielleicht aus ihrem herben Äußeren resultierte. Eine Frau, die breitere Schultern als die meisten Männer aus der Umgebung hatte, war nicht unbedingt ein Männermagnet. Und auch ihre harten Gesichtszüge, die mich unweigerlich an ein ausgetrocknetes Flussbett erinnerten, hatten keinen sonderlich anziehenden Charme zu bieten.

Ihre Wohnung war spartanisch eingerichtet, mit billigen Möbeln vom Discounter. Aber alles war sehr sauber und ordentlich gehalten. Auf einem etwas windschiefen Regal lungerten ein paar einsame Bücher zwischen die ein großformatiger Bildband über Italien gequetscht war.

An der Wand ihres Wohnzimmers befand sich ein Druck von einer impressionistischen Landschaft. Die Wohnung war so ganz anders, als ich erwartet hatte. Es lagen keine Waffen-Zeitschriften und Bierdosen herum, und statt des impressionistischen Bilds hätte ich eher ein Poster von Clint Eastwood als Dirty Harry vermutet.

Sie bot mir einen Platz auf ihrem hell geblümten Sofa an, während Sie in ihrem Keller verschwand, um mir ein Gewehr zu holen.

Sie kam mit einer langläufigen Flinte zurück, die mit einem Zielfernrohr bestückt war.

„Nicht das neueste Modell, aber zuverlässig, und der Rückstoß kugelt einem nicht gleich die Schulter aus.“, sagte sie und ließ den Anklang eines feinen Lächelns über ihre Lippen huschen.

„Es zieht leicht nach rechts, aber man gewöhnt sich schnell daran. Du wirst ja Erfahrung mit Jagdgewehren haben, sonst hättest du dich ja nicht für den Trupp gemeldet…“

Ich nickte und versuchte wie eine erfahrener Jäger durch die Gegend zu linsen, der zudem ein durchtriebener Waffenexperte war.

*

Unsere Gruppe hatte sich vor der Schneise versammelt, die unsere fleißigen Holzfäller gesägt hatten.

Das Jagdteam bestand aus mir, Grace, einem kleingewachsenen Mann mittleren Alters namens Dave und einem großen Typen mit runden Schultern, Schmerbauch und einem zottligen, roten Walrossbart, der J.T. Staedler hieß. Zu meinem Schrecken gesellte sich auch Cole Thorntons Schoßhündchen Pelle Gustavson dazu. Thornton, Matt Gibbons und Petter Gustavson verabschiedeten sich überschwänglich von dem schwedischen Hünen. Pelle grinste hämisch in meine Richtung und zeigte mir dabei sein schadhaftes Pferdegebiss, das einer kaputten Klaviertatstur ähnelte.

„Du machst ein Gesicht, als hättest Du die Hosen voll.“, wisperte Grace mir zu.

„Wer? Ich? Ach was…“, krächzte ich und taste erst einmal vorsichtshalber über meinen Hosenboden, ob vielleicht nicht doch eine feuchte Ladung vor Schreck ihren Weg dorthin gefunden hatte.

Arrows und Thomas rüsteten uns mit Feldflaschen, Rucksäcken und Lebensmitteln und einigen guten Ratschlägen aus.

Von Gustavson wusste ich, was ich zu halten hatte, von den beiden anderen musste ich mir erst ein Bild machen.

Dave hatte einen trüben Blick, gepaart mit einem schlurfenden Gang und einem nervösen Zucken an der Nase, was ihn mir aber nicht unsympathisch machte.

Er war Kettenraucher und seine Zigaretten schienen mit seinem schmalen Mund verwachsen zu sein, was ihn aber nicht hinderte fortwährend zu plappern.

Auf dem Weg in den Dschungel quatschte er fortwährend über seine Scheidung, wiedergeborenen Kommunismus, fortschreitende Darmprobleme und seine Paranoia, die eine immense Bandbreite aufwies.

Staedler hingegen sagte nicht viel. Er hatte schwer damit zu tun seinen Kautabak klein zu bekommen und sich unliebsame Nasenhaare auszurupfen. Durch seine dicke Hornbrille wirkten seine Augen winzig, man nahm sie quasi nur als verschwommene Kleckse wahr. Durch sein knittriges Hemd, das er halb in seinen Hosenbund gestopft hatte, seinen gefährlich wuchernden Schnauz und sein stoppeliges Kinn wirkte er nicht gerade gepflegt. Er lief etwas gebückt, als hätte er beständig mit einem hartnäckigen Rückenleiden zu kämpfen, was er mit einer Mischung aus Ächzen und Seufzen untermalte. Seine alten Arbeitsstiefel sahen aus, als hätten sie den Zweiten Weltkrieg im Einsatz miterlebt, und seine Jeans waren wohl genauso alt, wie er selbst. Das Ächzen und Keuchen unterbrach er gelegentlich mit einem kehligen Husten, den sein Zigarettengequalme nicht unbedingt linderte.

„Der Kerl ist mir unheimlich. Und er müffelt entsetzlich.“, wisperte mir Grace zu, als Dave eine seiner seltenen Quassel-Pausen einlegte.

„Das is nich grade’n Jagdhund, was?“

Wir waren richtig erschrocken, als wir Staedler reden hörten. Gut, seine Stimme war mehr ein trauriges Knarren, und wir hatten nicht erwartet mehr als Ächzen und Keuchen aus seinem Hals zu hören.

Krypto blickte Staedler leicht irritiert an, scheinbar hatte er genauso viel Mühe wie wir Staedlers kratzige Stimme zu verstehen.

„Nö, wohl nicht. Aber vielleicht kann er trotzdem eine Wildfährte aufnehmen…“, meinte ich lahm.

„Falls uns die Vorräte ausgehen, können wir die Töhle immer noch als Grillfleisch verwenden.“, mischte sich Gustavson ein.

„Du bist nich‘ grade’n Hundefreund, möchte man meinen?“, sagte Staedler, wobei er sich Gustavson zuwandte.

„Neee, und ich bin auch kein Freund von zotteligen Waldschraten.“, höhnte der Schwede.

Staedler trat näher an Gustavson heran und nahm dabei seine große Brille ab. Seine Augen hatten einen überraschend zarten Schwung, was seinem wettergegerbten und von Pockennarben berieselten Gesicht eine durchaus sympathische Note verlieh. Als er jedoch den Schweden direkt ansah, wurden seine Augen zu glitzernden Eiskristallen, was Gustavson unwillkürlich einen Schritt zurücktreten ließ.

„Na, ich bin’n großer Tierfreund, weißte. Und sollte dem guten Hundchen auf unser’m Trip zufälligerweise `was zustoßen, weiß ich genau an wen ich mich zu halten hab.“

Pelle Gustavson war erstaunlicherweise richtiggehend in sich zusammen gesackt, und musste nach Staedlers Worten seinen Brustkorb anspannen und die Schultern aufrichten, um seine überhebliche Körperhaltung wieder einnehmen zu können.

Er war es nicht gewohnt, dass man ihm so unverfroren drohte und brauchte wohl erst einen Moment um das verdauen, aber bevor er darauf antworten konnte, zwinkerte ihm Staedler kurz zu und drehte sich um.

„Na, da brat‘ mir doch einer einen Storch…“, gluckste Dave und grinste dabei leicht.

Gustavson schaute ihn mit lodernden Augen an, worauf Daves Grinsen abrupt in sich zusammenfiel.

„Das kann ja heiter werden…“, hauchte Grace mir zu. Ich nickte nur.

                                                             *

Als wir losgingen, winkte ich Harv und Garrett zu. Harv tippte sich an den Kopf und wies danach auf mich, worauf ich nur mit den Schultern zuckte. Garrett winkte nicht zum Gruß. Er schien ziellos durch uns hindurch zu blicken, als würde ihn nichts auf der Welt interessieren. Die Zigarette zwischen seinen perfekten Lippen brannte herunter und deren Asche fiel segelnd zwischen seine Stiefel.

Mir wäre in diesem Moment lieber gewesen, er hätte Grace einen schmachtvollen Blick zugeworfen. Aber seinen Augen war jegliches Leben entwichen. Er wirkte wie eine dieser uralten griechischen Statuen, die perfekt gemeißelt waren, aber nur sterile Kälte ausstrahlten.

Grace schien davon nichts zu merken. Sie zeigte Harv zum Abschied den Stinkefinger und winkte Garrett lächelnd zu.

Wir stapften den gerodeten Pfad entlang. Gustavson hatte ohne Absprache die Spitze übernommen, als wäre er unser großer Anführer, was mir nur recht war, immerhin streifte hier unser großer roter Freund mit dem großen Maul herum. Und Gustavson wäre der erste, der seinem Gaumen begegnen würde.

Als der gerodete Weg endete, griffen wir zu den Macheten, die Arrows uns gegeben hatte. Es war eine schweißtreibende Arbeit einen schmalen Pfad durch das Dickicht zu hacken. Unglücklicherweise war Gustavson nicht so doof darauf zu beharren vorn zu bleiben, und so wechselten wir uns alle 10 Minuten ab. Gegen Mittag waren wir alle Schweißgebadet.  Dazu kam noch, dass uns die monströsen Stechmücken dieser Welt bei lebendigem Leib verspeisen wollten. Nach einer weiteren Stunde machten wir eine Pause, setzten uns nieder und nahmen unsere Corned-Beef-Dosen in Angriff.

„HimmelHerrGott-noch-mal, dieser Dschungel muss doch mal enden…“, schnaufte Dave.

„Früher oder später werden wir auf einen Wildwechsel stoßen, oder an einen Flusslauf, der als Tränke für die Tiere dient.“, brummte Gustavson.

„Fragt sich nur, was für Tiere wir dort vorfinden werden…“, sagte ich.

„Du meinst…hier gibt’s nur Saurier?“, fragte mich Grace.

„Gut möglich. Wenn sich die Fauna hier genauso entwickelt hat, wie auf der Erde könnte es sein, dass wir in einem Saurier-Zeitalter gelandet sind.“

„Wer sagt denn, dass wir nicht mehr auf der Erde sind? Sieht mir nicht grade nach dem Mars aus…“, meinte Dave.

„Alles Mögliche deutet darauf hin, dass wir nicht mehr auf dem Planeten sind, den wir kennen: Die Saurier, die Insekten, der Doppelmond, selbst die Pflanzen sehen irgendwie schräg aus…“, dozierte ich.

„Mr. Oberschlau, der alles weiß und seine Weisheiten aus der Dosenfabrik hat! Bestimmt führst du uns auch schnurstracks zu ein paar Rehen, die wir umballern können.“, grollte mich Gustavson an.

„Ich bin nicht besonders clever, aber wenn man die Augen aufmacht, beobachtet und 1 und 1 zusammenzählen kann, dann…“.

„Ach, jetzt willst du behaupten, ich sei ein bisschen schwabblig in der Birne und kann 1 und 1 nicht zusammenzählen…“.

Gustavson machte einen Schritt auf mich zu. Eine Zornesader schlängelte furios über seine Stirn und seine Hände waren zu Fäusten geballt.

„Mach mal halblang, Cowboy. Der Junge hat’s nich bös gemeint. Hier draußen sollten wir alle zusammen halten, sonst enden wir schnell als Mittagessen für die Schuppenviecher.“ Staedler war zwischen uns getreten und redete mir ruhiger Stimme. Das Knarren war etwas aus seiner Stimme gewichen, und jetzt klang sie weit weniger unangenehm.

„Hör zu, du Waldschrat, du gehst mir besser nicht zu sehr auf die Nerven, sonst breche ich dich wie einen morschen Ast in der Mitte auseinander.“ Gustavsons Gesicht war krebsrot, seine Augen loderten gefährlich.

„Nun mach‘ ma halblang, Jungchen. Ich möchte wirklich nicht handgreiflich werden.“

„Da hast du dann aber Pech gehabt, Klappergestell.“, grunzte Gustavson und trat mit seinem Stiefel zu.

Gustavson war verflucht schnell, der Tritt kam flüssig und hätte Staedlers Nasenbein in Babybrei verwandelt, aber Staedler machte beinah beiläufig einen Sidestep, der so mühelos wirkte, dass mir vor Staunen fast die Spucke wegblieb.

Der Schwede kam ins Taumeln, Staedler hätte ihm jetzt einen wundervollen Schlag ins Kontor verpassen können, jedoch verharrte der gedrungene Mann in seiner Position und blickte seinen Kontrahenten mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an.

Gustavson schickte einen kurzen Fluch auf die Reise, fing sich aber wieder sofort und versuchte Staedler einen Handkantenschlag auf die Kehle zu verpassen. Wieder war Staedler viel zu schnell. Er duckte sich, dabei wirkte seine Bewegung fast träge, wohl aufgrund seiner Größe und plumpen Körperform, was sie aber natürlich nicht war. Diesmal beließ er es nicht bei einer Ausweichbewegung und packte Gustavsons Arm, den er verdrehte und den Körper über seine Hüfte wirbeln ließ.

Der Schwede krachte auf den moosigen Boden. Pfeifend entwich die Luft aus seinen Lungenflügeln. Mit einem Keuchen wälzte er sich wieder hoch und griff sofort wieder an.

Staedler wischte mit dem Zeigefinger hin und her, als würde er ein Kleinkind zurechtweisen.  Das schien den Schweden noch mehr zu ärgern, denn nun zuckte seine nervöse Schläfe wie ein Stehaufmännchen im Schleudergang und seine feisten Wangen schienen Feuer gefangen zu haben.

Er trat nach Staedlers Kniescheibe, aber der packte spielerisch leicht seinen Fuß, verdreht ihn, so dass sein Gegner auf sein verbliebenes Knie krachte und rammte seinen Ellbogen auf Gustavsons Nase, die auf solcherlei Behandlung mit einem hässlichen Knacken reagierte und einen Blutschwall ausstieß, der sich gewaschen hatte.  Bevor Gustavson sich noch einmal aufrappeln konnte, ließ Staedler einen gewaltigen rechten Haken vom Stapel, der die Gesichtszüge des Schweden flattern ließ und ihn ins Reich der Träume schickte.

„Wow, das war mal eine flotte Tracht Prügel. Du siehst zwar nicht danach aus, Staedler, aber ich wette, du könntest Chuck Norris einhändig den Arsch versohlen.“, meinte ich beeindruckt.

„Och, Chuck Norris ist doch schon 85, oder? Das wär‘ kein fairer Kampf.“, sagte Staedler mit seiner knarrenden Stimme. Er war kaum aus der Puste gekommen und hatte wohl denselben Pulsschlag wie beim Nasenbohren.

Gustavsons Ohnmacht nutzten wir, um unser restliches Corned Beef zu verspachteln. Die Stechmücken und eine Kompanie bißwütiger Insekten, die Ameisen ähnelten und blaurot gesprenkelt waren leisteten uns dabei unwillkommene Gesellschaft.

Als Gustavson wieder zu Bewusstsein kam, hatte sich eine Laune nicht gebessert. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund und wollte gleich wieder auf die Beine springen. Jedoch sackte er erst einmal ächzend zurück und fasste sich an den ramponierten Schädel.

„Nu‘ ma‘ ganz ruhig, Jungchen. Ich bin nich‘ scharf drauf, dir noch ma‘ den Hintern zu versohlen“, sagte Staedler und zupfte dabei seinen ungepflegten Walrossbart zurecht.

„Dazu wirst du auch nicht noch mal eine Chance bekommen…“, zischte der Schwede und fingerte nach dem Colt an seiner Hüfte.

„Lass das Eisen stecken, Schwede. Ich werde dir ein paar Löcher in den Pelz brennen, solltest du auf Mr. Staedler anlegen“, sagte Grace und hatte dabei nur einen Hauch von Zittern in ihrer Stimme. Sie hatte ihre Flinte direkt auf Gustavsons Kopf angelegt, und auch der Lauf zitterte kaum.

„Ähhh, genau, das wollte ich auch gerade sagen“, plapperte ich, emsig darauf bedacht, auch meinen Senf dazu zu geben und nicht wie ein vollkommener Trottel und Hasenfuß dazustehen.

Gustavson blickte uns der Reihe nach mit stechenden Augen an. Dann ließ er ein süffisantes Grinsen über seine schmalen Lippen tanzen.

„Schon gut, schon gut! Schwamm drüber! Ich kann einen Schlag aufs Maul einstecken und bin nicht nachtragend“, sagte er, aber seine Augen erzählten eine andere Geschichte.

„Puh, bei diesem plötzlichen Gesinnungswandel läufts mir eiskalt den Rücken herunter…“, flüsterte mir Dave zu.

„Ja, ich werde mein Gewehr so schnell nicht wieder aus der Hand legen“, raunte ich dem kleinen Mann zu, der hektisch an seiner Zigarette nuckelte.

                                                              *

Nach weiteren zwei Stunden Gehacke mit den Macheten , stießen wir tatsächlich auf einen Wildwechsel, der uns das Fortkommen erheblich erleichterte.

„Ich bin gespannt, auf was für eine Art Wild wir stoßen werden. Mein Gott, was würde meine Ex-Frau doch dumm aus der Wäsche schauen, wenn sie mich hier sehen könnte. Sie hat mir immer vorgehalten, was für ein Schlappschwanz ich doch sei und dass meine kleinen paranoiden Anfälle sie in den Wahnsinn treiben würden. Und jetzt pirsche ich hier mit meinen beinharten Freunden durch einen mordsgefährlichen Dschungel, umgeben von fresswütigen Sauriern und anderem Teufelsgetier…Mann, das würde ihr die Luft aus den Backen treiben, mein lieber Scholli, jawoll…“

Ich wollte gerade Dave’s Redeschwall mit der Bemerkung unterbrechen, dass der Begriff Freunde (speziell in Gustavsons Fall) etwas vorschnell von ihm benutzt wurde und er mir bei unserem Marsch lieber nichts von blutrünstigen Sauriern vorbeten sollte, als das Unterholz zu knacken anfing und ein mannsgroßer Saurier hervorschnellte, der Daves Kopf zwischen seine Kiefer packte.

Alles ging so fix, dass Dave nicht einmal mehr dazu kam einen Entsetzensschrei hervorzustoßen. Der Saurier schüttelte seinen mächtigen Schädel einmal hin und her und dann brachen auch schon Dave’s Halswirbel und ein Blutschwall klatschte in mein Gesicht. Ich quiekte wie ein Ferkel beim Metzger und ballerte blind in die Richtung des Sauriers, weil mich das Blut in meinen Augen blendete.

Weitere Schüsse krachten. Als ich mir nach einer Ewigkeit das Blut aus den Augen gewischt hatte, sah ich ein halbes Dutzend mannsgroßer Reptilien aus dem Unterholz hervorbrechen. Ihr vorwitziger Artgenosse, der Dave’s Kopf zermalmt hatte, lag tot am Boden, von genügend Schußwunden verziert, um einen Elefanten zu zerkleinern. Weitere Schüsse fetzten in mein Trommelfell, aus den Augenwinkeln sah ich Staedler, Grace und Gustavson aus allen Rohren feuern.

Zwar brachen die ersten drei Monster im Gewehrfeuer zusammen, doch drängte sich hinter ihnen ein weiteres Dutzend Saurier nach, die sich gieriger gebärdeten, als ein Rudel tollwütiger Stinktiere.

Auch ich feuerte aus der Hüfte, doch meine ersten beiden Schüsse konnten das Vorderste dieser Untiere nicht aufhalten. Seine riesigen Kiefer, garniert mit zwei Reihen nadelspitzer Zähne rauschten auf mich zu, und ich wusste mir nicht anders zu helfen, als meinen Gewehrkolben in seinen Schlund zu rammen. Dies stoppte sein riesiges Maul erst einmal, doch gelang es ihm mich mit seinen kurzen Armen zu umklammern. Messerlange Krallen schlitzten mein Hemd und die Haut über meinen Rippen auf. Mit einem wilden Kopfschütteln befreite sich das Biest von meinem Gewehr, das in hohem Bogen ins Dickicht flog.

Man sagt ja, dass einem im Angesicht des Todes alle möglichen Bilder des Lebens im Zeitraffer vor den Augen flimmern. Bei mir flimmerte nichts. Ich fühlte nur, wie mir kalter Angstschweiß aus den Poren flutete. Fühlte das Brennen der Wunden an meinen Rippen und das Blut, das meinen Bauch hinab floss. Und roch fast schmerzhaft intensiv den üblen Gestank aus dem Maul des Monsters.

Und kurz bevor ich einen letzten Urinstrahl in meine Hosen abfeuern konnte, schlugen beinah zeitgleich vier rotgefiederte Pfeile in die Augen der Riesenechse ein.

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