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Denton - 9. Teil: Sklaven

StoryDENTON

9. Folge: Sklaven
Der arme Kerl war ausgemergelt, seine Wangen hohl, die müden Augen von blauen Schatten untermalt. Eine traurige Ansammlung geknickter Haarsträhnen wackelten auf seiner Halbglatze. Seine fransigen Bartstoppeln und die Schatten unter seinen Augen ließen ihn müde und abgekämpft aussehen. Einige rote Striemen auf seinem Rücken und den Oberschenkeln wiesen auf Misshandlungen hin. Und auch die blutverkrustete Schramme über seiner linken Augenbraue war kaum durch einen Unfall entstanden. 

 

Denton„Ich kenne den Mann“, flüsterte ich Grace zu.

„Mir kommt er auch bekannt vor“, flüsterte sie zurück.

„Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er noch eine Brille, Krawatte, weißes Hemd und eine toll gebügelte Vertreterhose. Und `nen schicken Aktenkoffer. Er hatte es verdammt eilig und kriegte die Panik, weil er einen Termin verpassen könnte…“

„Na, ich schätze mal den Termin hat er auf alle Fälle verpasst.“

„Mmmh, freiwillig wird er das Hundehalsband mit Leine bestimmt nicht tragen.“

„Heh, ihr beiden Tuscheltanten. Was gibt’s denn so Geheimnisvolles?“, mischte sich Staedler in unser Geflüster ein.

„Ich kenne den nackten Mann, J.T. Ich habe ihn in Denton gesehen, kurz nachdem der ganze Heckmeck anfing. Nur hat er damals noch Klamotten getragen und eine Aktentasche.“

„Der Knabe is‘ aus Denton“, knurrte Staedler mit seiner rostigen Stimme.

„Jedenfalls kam er mit uns hierher. Ob er aus Denton stammt weiß ich nicht. Aber er wurde ganz bestimmt nicht auf diesem Planeten geboren.“

Staedler zupfte an seinem Schnauz, seine Augen kniff er zu schmalen Schlitzen zusammen.

„Hey Shlupp, warum hat der Mann eine Leine um den Hals?“, fragte er in seiner knurrigen Manier den Krawattenfreund.

Shhhrddd drehte sich zu ihm um und blickte leicht pikiert aus der Wäsche.

„Mein Name ist Shhhrddd. Galen Shhhrddd! Diese Kreatur ist ein Sklave, sieht man das nicht? Und ein Sklave außerhalb einer Siedlung sollte nun mal ein Halsband tragen, damit er schon mal gar nicht auf die Idee kommen kann, sich unaufgefordert aus dem Staub zu machen.“

„Wir kennen diesen Mann. Nehmen Sie ihm sofort das Halsband und die Leine ab. Er kommt mit uns mit“, herrschte Grace  Shhhrddd an. Dabei funkelten ihre Augen leidenschaftlich.

Shhhrddd sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren und strich dabei seine Krawatte glatt. Für einen Moment zerbrach das ewige Grinsen in seinen Mundwinkeln, aber er fing sich schnell wieder.

„Ach? Wohl ein Freund von euch?“

Zweifelnde Falten auf seiner Stirn kräuselten sich von einer Seite zur anderen.

„Wie heißt denn euer guter Kamerad?“

„Ich…nun…hm, ich kenne seinen Namen nicht“, fragend blickte mich Grace an, aber ich zuckte nur hilflos mit den Schultern, „aber das spielt doch keine Rolle. Der Mann war in Denton als wir hierher…transferiert wurden.“

„Ihr kennt ihn also nicht persönlich. Ihr habt ihn nur schon einmal gesehen? Ich nehme an, er ist nicht von eurem Clan und lebt nicht mit euch? Stimmt das?“

„Na ja, das stimmt schon, aber…“

„Es tut mir entsetzlich leid. Ihr gebt selbst zu, dass dieser Mann euch nicht einmal mit dem Namen bekannt ist, ja er lebt nicht einmal in eurer Stadt, ist also eigentlich ein Fremder für euch. Unter diesen Umständen kann ich meine Brüder nicht veranlassen ihn freizulassen. Sie haben ihn rechtschaffen erbeutet, unter allerlei Mühen wohlgemerkt!“

„Mein Gott, sie sprechen über ihn, als wäre er ein…ein Ding und kein Mensch.“

Grace wurde vor Zorn krebsrot und ihre Halsschlagader pochte einen beängstigenden Tanz.

„Meine Liebe, ich finde, dass dieses Thema nicht mit einer Frau erörtert werden sollte. Mr. Staedler, vielleicht könnte ich kurz mit ihnen unter vier Augen konferieren?“

„Was? Wie? Sie Frauenfeindliches Arschloch!“

Grace schien kurz vor einer Explosion zu stehen. Ihre Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten, und angriffslustig reckte sie ihr Kinn vor.

„Grace beruhige dich…“, flüsterte ich ihr zu und hielt sie fest, damit sie nicht vorspringen und Shhhrddd in die Eier treten konnte.

„Ich soll mich beruhigen?? Ich werde…“

„Du bleibst ganz cool, Liebes. Uns steh’n 12 Kerle gegenüber, die nicht lange fackeln, wenn’s ernst wird. Und wir vier Leutchen hätten keine Chance gegen sie. Ich plapper ma’n bisschen mit dem Schleimbeuel, ok.“, schnarrte Staedler und schritt zu Shhhrddd hinüber.

Also unterhielt sich Staedler mit dem bronzehäutigen Krawattenfreund. Shhhrddd kicherte ab und an und gestikulierte freudig mit seinen feingliedrigen großen Händen.

Als sie fertig waren, kam Staedler wieder zu uns zurück geschlurft und zerrupfte mal wieder seinen borstigen Schnauz.

„Also? Was hat dieser Windbeutel von sich gegeben?“, fauchte Grace.

„Er hat mir ein Tauschgeschäft vorgeschlagen.“

„Ein Tauschgeschäft?“

„Yep. Er würde den Mann eintauschen…gegen Grace.“

„Das ist doch…“

Grace knirschte mit den Zähnen und ihre Augen sprühten Feuer.

„Bleib cool, ich habe ihm gesagt, dass du viel zu wertvoll bist und ich ein schlechtes Geschäft machen würde“, sagte Staedler mit einem Grinsen, das sich zur Hälfte hinter seinem Walrossbart versteckte.

„Dieses kleine Stinktier! Wofür hält der Frauen…“

„Für `ne beliebige Ware. Das hat er mir unmissverständlich klargemacht. Aber tröste dich, ich glaub‘, dass sie Männer, die nich‘ aus Geddabb stammen auch als minderwertig betrachten. Desweg’n zuckelt jezz auch der arme Kerl am Halsband durch die Gegend…“

„Na prächtig. Die Kerle sind nicht nur Frauenfeindlich, sondern auch noch eine Bande von Pseudo-Nazis!“, knirschte Grace. Im Zähneknirschen war sie mittlerweile Staedler ebenbürtig.

„Hm, wenn das so ist…müssten wir uns vielleicht Gedanken machen, ob wir nicht alle an einem solchen schmucken Halsband enden“, meinte ich.

Staedler rieb sich das borstige Kinn, sah lächelnd zu Shhhrddd hinüber und nickte ihm zu.

„Hmmmnja, diese kleine Schlange hätt‘ uns wahrscheinlich schon lange an die Leine gelegt, aber er braucht uns, damit wir ihn nach Denton führ’n. Außerdem hatter wahrscheinlich ziemlich‘n Respekt vor unser’n Knarren.“

Shhhrddd grinste affektiert zu uns hinüber, wir grinsten mit einem Hauch der Verzweiflung zurück (außer Grace – eine finstere Wolke der Wut verdunkelte ihr Gesicht und ich hätte schwören können, dass ihre Augen wie die eines irren Werwolfs funkelten).

„Was hat er in Denton vor?“

„Vielleicht sollte die Frage lauten: was hat er mit Denton vor? Es könnte doch sein, dass alle Leutchen aus Clarksville jezz mit so’nem Halsband durch die Gegend schlurfen.“

„Das sind doch nur 12 Kerle mit Pfeil und Bogen…“

„Hm, vielleicht sind das nur Kundschafter, die ausgeschickt wurden, um die Lage auszubaldowern.“

„Immerhin haben sie uns quasi das Leben gerettet!“

„Ja, kennst du die Story vom Wolf im Schafspelz?“, knurrte Grace.

„Was sollen wir jetzt machen?“

„Uns wird wohl nichts and’res übrig bleiben, als mit ihnen zusamm‘ nach Denton zu marschieren.“

„Und dann?“, fragte ich schluckend.

„Und dann jag’n wir sie zum Teufel. Schnappen uns vorher aber noch den Angeleinten und schicken ihn zum Baden.“

„Ob Conan & Co. da mitspielen werden?“

„Wir ihnen wohl nix and’res übrig bleiben, wenn 50 Gewehre auf ihre Nasen gerichtet werd’n!“

„Und wenn sie mit ihren großen Brüdern wiederkommen, die noch giftigere Pfeile und ein noch scheußlicheres Grinsen haben?“

„Ich bin mir ziemlich sicha, dass diese Säcke wiederkomm‘…“

„Mann, Staedler, sag‘ nicht solche Sachen, da wird mir ganz warm am Hosenboden.“

Gustavson war auf unser Getuschel aufmerksam geworden und kam zu uns rüber geschlurft.

„Was habt ihr Tratschtanten denn so Geheimnisvolles zu bequatschen?“, wollte er in seiner gewohnt charmanten Art wissen.

Staedler erklärte es ihm flüsternd.

„Ach was, die Typen sind ganz in Ordnung. Und außerdem haben sie einen Riesenschiss vor unseren Gewehren…“

„Und dass sie Sklaven halten scheint dich nicht sonderlich zu erschüttern, Gustavson? Noch dazu, dass sie einen Mann im Schlepptau haben, der aus Denton stammt.“

„Ich kenn‘ den Kerl nicht. Vielleicht ist er ja tatsächlich mal in Denton gewesen, auf der Durchreise oder was weiß ich… Aber Fakt ist, dass die bronzehäutigen Burschen in diesem Landstrich den Ton angeben, und ich werd‘ den Teufel tun mich wegen einem auswärtigen Typen mit ihnen anzulegen.“

„Das kann nicht dein Ernst sein“, fuhr Grace hoch.

„Oh doch und zwar 100%ig. Falls ihr Schnellmerker es noch nicht bemerkt habt, aber hier gilt das Recht des Stärkeren und das ist ganz nach meinem Geschmack. Alle Weichlinge und Warmduscher werden sehr schnell merken, dass ein neuer Wind weht und…“

„Du beschissenes Stück Macho-Müll…“, presste Grace zwischen ihren gebleckten Zähnen hervor.

„Wenn ihr tollen Übermenschen schon mal dabei seid, werdet ihr bestimmt auch gleich mit den ganzen Andersfarbigen und Andersgläubigen aufräumen, was“, gab ich wie immer im Kielwasser von Grace meinen Senf dazu.

Gustavson winkte ab und warf uns einen Blick zu, als hätte er es mit einem Trio Klappsmühlenkandidaten zu tun.

„Es hat keinen Sinn mit euch weichgespülten Liberalos über tatsächliche Werte zu reden…“

„Sehr richtig, tumbe Neanderthal-Nazis können eh nicht fundiert argumentieren. Geh‘ ruhig in deine Grummelecke und trommel ein bisschen auf deine Affenbrust.“

„Kleine, dir werd‘ ich schon bald deine freche Klappe stopfen…“

„Och, und dann wirst du mir bestimmt auch zeigen, was du mit deinem kleinen Zahnstocher in der unteren Etage für ein umwerfender Bumsgott bist, oder?“

„Du elendes Miststück. Ich werd’s dir zeigen…“

„Ich zeig‘ dir erst ma‘, wo du dich hin verziehen kannst, und zwaa in diese Richtung, aber flott!“, knurrte Staedler mit seinem rostigen Organ.

Gustavson fluchte, wandte sich ab und tappste zu seinem neuen, besten Freund, Galen Shhhrddd.

„Eine Knarre weniger, wenn’s hart auf hart kommt.“

„Noch schlimmer, Junge: Eine Knarre mehr auf der falschen Seite“, schnaufte Staedler.

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