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Der ursprüngliche Keim

StoryAnlässlich des Marburg-Con 2008 wurde der Marburg-Award vergeben. Preisträger dieses Jahr war Tom Cohel. Im Anschluss an das Con haben wir Kontakt mit ihm aufgenommen. Gleichzeitig mit dieser Geschichte erscheint heute auf dem Zauberspiegel ein Interview mit dem Autoren.

Der ursprüngliche Keim

Die Äste bogen sich unter der sanften und doch machtvollen Hand des Windes. Das Laub raschelte. Eine milde Brise strich über sein Gesicht; ein Hauch von Süße mischte sich unter dem modrigen Geruch des Waldes.

Chaleb betrat die Lichtung. Die trockenen Blätter knirschten unter seinen Schritten und die Sonnenstrahlen raubten ihm kurzzeitig die Sicht. Die Stille des Ortes war ihm vertraut. Eine lauernde, erdrückende Präsenz, als ob die Welt den Atem anhielte.

Ein Ort des Todes.

Tom Cohel ist das Pseudonym eines 1985 geborenen Pforzheimers, der mit Siebzehn seinen Anker im Schreiben fand. Der Autor kennt keine Genregrenzen, da er denkt, eine gute Geschichte hat kein Korsett. Seine Erzählungen schweben im breit gefächerten Raum der Phantastik. Wenn er nicht gerade schreibt, tankt er Inspiration beim Hören von Pink Floyd oder einem Spaziergang mit seinem Mops Elvis. Sein erster Fantasy-Roman ist in Arbeit und macht gute Fortschritte.



Die Leichen waren keine zwei Tage alt. Ihre Körper waren dem Geruch nach zu urteilen bereits in Verwesung übergegangen. Manche Männer lagen auf Strohmatten und groben Wolldecken, andere hatten ihr Ende vor dem verbrannten Lagerfeuer gefunden. Sie waren in der Nacht überfallen worden.

Chaleb rieb sich nachdenklich das Kinn. Der erfahrene Spurenleser näherte sich einem Kadaver. Es war ein junger Mann, kaum der Kindheit entwachsen. Seine Augen waren im Tode weit geöffnet, und auf seinen erstarrten Zügen lag ein Ausdruck ungläubigen, entsetzten Staunens. Chaleb beugte sich über den Unterleib. Maden hatten bereits mit ihrer Arbeit begonnen. Die Eintrittswunden reichten weit ins Fleisch hinein; fünf lange Furchen zogen sich quer die Brust hinauf.

Der feste Boden ließ nur undeutlich eine Fährte erkennen, ungleichmäßig und willkürlich lagen die Abdrücke von einander entfernt. Chaleb konnte kein bekanntes Muster herauslesen. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Hals des Opfers. Die Kehle war buchstäblich herausgerissen worden. Etwas Blankes ragte aus dem ovalen Riss hervor. Er kniete sich hin und zog das Objekt vorsichtig aus dem Fleisch. Mit einem glitschigen Geräusch gab es nach. In seiner blutverschmierten Hand lag eine gekrümmte Spitze. Er betrachtete den Fund von allen Seiten.

Es sah aus wie eine Kralle …

Völlig Außer Atem war der Mann in die Taverne zu Brenwall gestürmt. Dreck, Blut und Schweiß hatten sein Gesicht in eine grausige Fratze verwandelt.

„So habt Erbarmen!“, keuchte er und torkelte wie ein Betrunkener in die Arme mehrer Dorfbewohner. Nach einem Schluck Bier und beruhigendem Zureden fing er an zu erzählen.

„Es hat alle erwischt! Gerald, Lorin … und Sebio – er war noch so jung! In der Nacht … Sebio kreischte und ich erwachte. Ich … ich kämpfte, wir alle schlugen nach ihm. Es war zu schnell, ich konnte nur den Schatten sehen. Alle tot! Ich rannte. Der schwarze Teufel war hinter mir! Die grünen Augen verfolgten mich. Wir wollten nur Hirsche jagen … alle tot.“

Der Entkommene brach zusammen. Eine Schankmaid kümmerte sich sofort um ihn. Aus der hinteren Ecke der Schenke trat ein Greis in Erscheinung. Er breitete seine Arme theatralisch in die Höhe und verkündete mit unheilvoller Stimme: „Die Bestie von Brenwall hat sich ihren Anteil geholt!“ Er warf allen Gästen einen strengen Blick zu, als wären sie dafür verantwortlich. „Seit Jahren weinen die Frauen, schweigen die Männer und prahlen die Jünglinge! Erinnert euch des Kindes der verrückten Mutter, welches in die Nordwälder verschwand und nie mehr gesehen ward.“

Die Dorfbewohner sogen die Luft ein. Eine längst vergessen geglaubte Erinnerung wurde mit einem Mal wieder lebendig. Der Alte fuhr fort, nachdem er seine beabsichtigte Wirkung erzielt hatte. „Die Bestie holt sich die Seelen der Verdammten und fügt sie seiner Macht hinzu. Eines Tages …!“

Eine Faust krachte dumpf auf die Theke. „Ruhe, alter Knochen! Genug Schauermärchen.“ Der Wirt funkelte den Greis böse an, jener verzog die Lippen zu einem dreckigen Grinsen und schwieg. Alle Augenpaare waren nun erwartungsvoll auf den Tavernenbesitzer gerichtet.

„Harrgor nimmt die Sache endlich ernst“, sprach der Wirt. „Nach all den Möchtegern-Helden und den wertlosen Fallen, hat der König eine Treibjagd ausgerufen. Ein Bote berichtete mir, dass die Männer noch heute Abend hier sein werden. Es ist Harrgors Elite, die Barbaren der Valgar! Dem Vernichter der Bestie steht eine große Belohnung zu, sowie ein Ehrensitz an Harrgors Seite selbst. Bald werden wir von der Bestie befreit sein!“

Die Gäste jubelten. Der Wirt nickte zufrieden und ließ für alle Bier ausschenken. Die Leute von Brenwall feierten, als ob der Fluch bereits von ihnen genommen wäre.

Chaleb hatte seinen leeren Metkrug auf den Tisch geknallt und im herrschenden Tumult die Taverne verlassen. Im Zwielicht der Abenddämmerung war er in den Tiefen der Wälder verschwunden.

Es sah aus wie eine Kralle … doch Chaleb erkannte sogleich den Betrug: Er hielt einen abgeschliffenen Knochen in der Hand, genauer einen ehemaligen Oberschenkelknochen. Behutsam fuhr er mit dem Finger über die Oberfläche des Menschenknochens – die Kante war messerscharf. Der Zweck der gefertigten Kralle war eindeutig: Das Aufreißen der Beute.

Chaleb musterte den toten Mann zu seinen Füßen. Vermutlich war es der junge Freund des flüchtigen Jägers in der Taverne; Sebio. Er stand inmitten der sterblichen Überreste der Hirschjäger.

Chaleb ließ den geschärften Knochen in seinen Fingern wandern. Das war nicht das Werk einer Bestie, dachte er, doch was …?

Plötzlich erhob sich Chaleb und warf den Knochen zu Boden. Etwas hatte sich in sein Herz geschlichen, eine dunkle Klaue, deren Krallen ins Fleisch eingedrungen waren. Die Luft strich klamm über seine Haut, die Lichtung wirkte auf einmal wie eine Fassade, die Leichen wie Opfergaben eines unsichtbaren Rituals. Wachsam inspizierte er seine Umgebung und betrachtete jeden Baum wie einen möglichen Feind. Seine Nachforschung hatte seine Sinne vernebelt und nun pochten sie um seine Aufmerksamkeit. Nein, sie warnten ihn vor einer drohenden Gefahr.

Er begriff seinen Fehler, noch ehe er sie hörte.

„Du treibst dich zu viel unter den Felllosen herum, Chaleb.“

Ihre Stimme war reiner Wohlklang mit einem Unterton neckischer Verführung. Nach all den Jahren zog sie Chaleb aufs Neue in ihren Bann. Ihre schmale Gestalt tauchte hinter einer Birke auf und glitt leichtfüßig an den Kadavern vorüber und blieb zehn Schritt vor ihm stehen. Spielend ließ sie eine Locke um ihren Finger wickeln und schenkte ihm ein herzliches Lächeln.

„Mein großer Junge, hast du die einfachsten Regeln vergessen? Wo legt man eine Falle an? Da wo das Fleisch liegt. Du warst eben nie ein Schnelldenker.“ Sie kicherte über ihren eigenen Scherz.

Chaleb stockte der Atem unter ihren schimmernden Blick. Schon damals in ihrer Jugend hatte sie eine anziehende Aura um sich geschaffen, aber nun war ihre Ausstrahlung gereift. Aus dem Mädchen war eine Frau geworden.

Sie war eine Sunjin, eine Amazone, aufgewachsen in den Dschungeln von Ardonath. Typisch ihre dunkelbraune, glatte Haut, der muskulöse Körper mit den festen Brüsten und das pechschwarze Haar, welches ihr flaches Gesicht mit den Mandelaugen umrahmte. Sie war völlig nackt.

„Zehia …“ Chaleb seufzte, er fühlte, wie seine Hoffnung gleich einem Stein in den Tiefen eines Brunnens stürzte. „Der schwarze Teufel mit grünen Augen. Ich bin wirklich kein Schnelldenker.“

„Ach, neue Geschichten über mich?“ Zehia zog eine Schnute und warf ihr langes Haar über die Schulter. Jede ihrer Bewegungen erschien einstudiert und leicht; alles war Teil ihres provozierenden Spiels.

Chaleb riss sich von ihrem Anblick los. „Manoran hat den Glauben an dich nicht verloren“, sagte er gedämpft.

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. All der Liebreiz in ihren Zügen verwandelte sich in harte Linien.

„Dieser scheinheilige Prediger! Seinetwegen muss ich hier leben, am Ende von Nichts, in sumpfigen Barbarenwäldern. Wegen ihm gelte ich seit Jahren bei meinem Stamm und meiner Familie als Geächtete!“

Chaleb ließ sich von Zehias Gefühlsregung nichts anmerken, seine Worte blieben hart. „Er hätte dich töten können, Zehia, so wie viele es verlangt hatten. Manoran war gnädig, er hat dir Exil in seinem Hain gewährt. Du bist geflohen!“

„Ssschweig!“, zischte Zehia durch zusammengepresste Zähne. Chaleb spannte seine Muskeln und machte sich auf alles gefasst. Ihre Augen schätzten ihn lange ab, daraufhin sprach sie leise und eindringlich. „Ich wollte unsere falsche Ordnung revoltieren.“ Sie machte eine abfällige Geste. „Wenn Manoran mich nicht fortgejagt hätte, könnten wir jetzt die Herren sein und nicht die Sklaven! Stattdessen verstecken wir uns feige in Löchern während sie alles haben und wir nichts.“

„Du hast ihre Diplomaten ermordet!“ Chalebs tiefe Stimme hallte durch den Wald. Die Erinnerung versetzte ihm ein Stich ins Herz. „Harrgors Botschafter waren Manorans Ruf gefolgt, ohne zu wissen, was sie erwarten würde. Sie haben allein auf die Worte des weißen Hirsches vertraut. Es war ein neuer Anfang für uns und die Menschen. Du hast Manorans – du hast unsere – Bemühungen mit einem Schlag zu Nichte gemacht.“ Chaleb deutete auf die Leichen. „Selbst hier sorgst du dafür, dass die Menschen uns hassen!“

Ein langer zurückgehaltener Wutstau löste sich in ihm. Sein Atem raste um die Wette mit seinem Herzen.

Zehia lachte verächtlich und gab dem toten Jäger neben ihr einen Tritt gegen den geweideten Bauch. „Wertloses Fleisch. Zusammenpferchen sollten wir sie, wie sie es mit den Kühen machen.“

Sie sprach mit kalter Überzeugung, Chaleb hatte keine Zweifel, dass sie es in die Tat umsetzen würde. Ihre Mandelaugen suchten Zustimmung, doch Chaleb senkte betroffen den Blick. Zehias Anmut und Schönheit bröckelte in sich zusammen. Was blieb, war ein einsames, verbittertes Wesen mit Rachegelüsten. Sie tat ihm Leid.

„Deine Beute wehrt sich, Zehia“, sagte Chaleb monoton. „König Harrgor schickt seine Elite aus. Selbst du kennst die Valgaren, die Kopfgeldjäger. Sie werden dich finden, dass sind keine einfachen Bauern und Hirschjäger.“

Zehia fauchte, ihre Lippen bildeten jedoch ein kokettes Lächeln. „Wer behauptet, dass ich für das Töten verantwortlich bin?“

Sie legte den Kopf in den Nacken und ihre Stimme verwandelte sich in ein Crescendo schriller Töne. Ein Schatten stürzte einen Moment später aus dem Nichts der Büsche in die Lichtung hinein und eilte zu ihr. Chaleb stolperte zurück wie nach einem Schlag in die Magengrube. Das Wesen war mit nichts zu vergleichen, was er je gesehen hatte. Zuerst glaubte er, einen gewaltigen Wolf zu erblicken. Schnell verwarf er den ersten Eindruck, den sich sein Verstand zurecht gelegt hatte. Einzelne Wolfsfelle spannten sich um den Körper der Gestalt, welches ein Wirrwarr aus Fell und Muskeln darstellte. Die Haut war entweder dunkel, dreckig oder geronnenes Blut; er konnte es nicht sagen. Schwarze Augen glänzten in einem Meer klumpiger Haarsträhnen. Das Gesicht war eine Landschaft aus alten wie neuen Narben.

Es schlich an Zehias Seite und bewegte sich dabei nur wenige Schritte über den Boden, in einem Zwischengang aus vier und zwei Beinen, als könnte es sich nicht entscheiden.

„Das ist Lyman.“ Sie strich ihm zärtlich über den Rücken. Lyman öffnete seinen Mund und eine gespaltene Zunge tanzte um Reihen von angespitzten Zähnen. „Ich habe ihn damals gefunden“, erklärte Zehia. „Eine Gruppe von Menschenkindern trieb sich im Wald umher. Ihre Eltern suchten nach ihnen, ich hörte die Rufe. Ich fand die Kinder mühelos. Als mich die Kleinen erblickten, flüchteten sie kreischend davon – außer ein Junge. Er kam auf mich zu, blickte mir ohne Angst in die Augen und … streichelte über mein Fell.“

Zehia kraulte Lyman gedankenverloren hinter den Ohren. Misstrauisch beäugte Chaleb die fünf dolchartigen Krallen an Lymans Fingern. Auf raffinierte Weise waren sie an Lederfäustlingen befestigt. Er dachte an Sehnen. Der Wolfsmensch hob die rechte Hand, Chaleb fiel sofort das fehlende Stück am Zeigefinger auf. Jenes hatte er vorhin aus Sebios Hals entfernt.

Chalebs Gedanken überschlugen sich. Unter dem wilden Äußeren war es ein Mensch … oder war es doch eher die wilde Karikatur eines Menschen von einer kranken Seele erschaffen?

„Was hast du getan, Zehia?“ Chaleb musste sich bemühen, einigermaßen klare Worte zu fassen.

Lyman beobachtete ihn mit unverblümter Neugier, während er sich halb hinter Zehia verbarg, als wolle er Schutz bei ihr suchen.

Sie legte die Hand auf den Kopf des Menschen wie bei einem Hund. „Ich habe eine neue Rasse erschaffen“, erwiderte sie ehrfürchtig „Schau ihn dir an, Chaleb. Ist er nicht schrecklich – schön? In jedem Menschlein steckt etwas von unserer Art; der Keim sozusagen. Man muss ihn nur aufspüren! Lymans Wesen ist das eines Wolfes und ich habe die menschlichen Schwächen getilgt und die wahren Stärken in ihm entfacht. Wir drehen es um, Chaleb, wir machen die Menschen zu unseren Tieren.“ Zehia lachte in abgehackten Tönen. „Er ist ein Tier, denkt wie eins, frisst wie eins … und kämpft wie eins!“

„Du bist wahnsinnig“, stieß Chaleb hervor.

Zehia leckte sich über die Lippen. Das Grün ihrer Augen funkelte. „Weißt du noch was das ist – kämpfen. Du träger Weichling! Du, der sich unter die zweibeinigen Schweine tummelt, mit ihnen am Tisch sitzt und ihr plumpes Verhalten annimmt. Ich rieche sie an dir, ihr Schweiß, ihr Dreck. Es haftet an dir wie Gift. Du hast deine Artgenossen verraten!“

Ein scharfer Laut entrang sich Zehias Kehle und zugleich preschte der Wolfsmensch los. Kaum war Chaleb in Kampfstellung gegangen, war sein Gegner bereits an ihm vorbeigezogen. Chaleb stöhnte auf, als die Knochenkrallen blutige Linien in seinem Oberarm hinterließen. Lyman rollte sich ab und hielt die Klauenhände vor sich wie ein Schild. Chaleb wandte sich um, sein Gegenüber lauerte bereits auf den nächsten Sprung. Zehia stand abseits des Kampfes am Rande der Lichtung. Sie applaudierte ihrem Schützling zu. Chaleb streifte seine Axt vom Rücken – ein Tomahawk – und konzentrierte sich auf Lymans Bewegungen. In dessen Augen lag eine gefasste, gar stoische Ruhe. Lymans Miene war Chaleb ein Rätsel, er konnte nicht die typischen Reaktionen im Rausche eines Kampfes feststellen. Sein Gesicht wirkte wie das eines müden Arbeiters, der diszipliniert sein Tagwerk verrichtete.

Ohne Ankündigung stürmte Lyman los; Klauenhände und Axt klirrten aneinander. Chaleb parierte, doch Lyman setzte jedes Mal nach. Der Kampf dauerte an, Lymans Angriffe waren flink und gerissen, Chaleb verhinderte nicht nur einen Klauenstoß in seine Augen. Das Blut einer Stirnwunde behinderte seine Sicht, Chaleb fokussierte sein Gegenüber. Lymans Art, sich zu bewegen, zu täuschen und anzugreifen – es war Zehias` hinterlistige Art zu kämpfen. Er war ein guter Schüler gewesen.

Schnaufend sackte Chaleb in die Knie. Lyman kreuzte die Arme vor die Brust, es wirkte wie eine Abwehrhaltung. Er schien zu zögern.

„Töte ihn!“ Zehias Worte wurden mehr und mehr zu einem Zischeln.

Chaleb wartete in angespannter Erwartung. Er forschte eindringlicher in Lymans Augen. Ihm kam es vor, als könnte er Jahre der Qual und Schmerzen eines unwürdigen Lebens unter Zehias Führung herauslesen, stets begleitet von den Worten: ,Töte oder du wirst getötet.’

Da war etwas Verletzliches in dem Abgrund dieser Menschenaugen, Respekt und eine verlorene Hoffnung. Lymans Gesichtszüge wurden weicher, er erwiderte offen Chalebs Blick.

„Erledige ihn - sofort!“ Zehias zerriss die Begegnung. Sie formte ihre rechte Hand zu einer Klaue und ließ die Finger ins Nichts greifen. Lyman taumelte zurück. Chaleb konnte nur erahnen, was diese Geste bedeutete. Er empfand nur noch Mitleid für die arme Kreatur. Die künstlichen Krallen erhoben sich und Lyman griff an. Sein Gesichtausdruck wirkte abermals wie versteinert. Selbst als die Krallen nur wenige Schritte von ihm entfernt waren, verharrte Chaleb ohne mit der Wimper zu zucken.

Im entscheidenden Moment hörte er Zehias Triumphgeschrei.

Als Zehia ihre Lider wieder öffnete, um sich an Chalebs Tod zu ergötzen, schrak sie zurück. Lyman ging zu Boden! Gedämpft wie durch dichten Nebel vernahm sie etwas, was sie seit einem Jahrzehnt nicht mehr gehört hatte: Lyman weinte. Rasch lief sie über die Lichtung auf die beiden Körper zu, und hielt abrupt inne, als wäre sie gegen eine Mauer gerannt. Chaleb erhob sich wie in Zeitlupe und baute sich vor ihr auf. Zehia wich vor seinem Blick zurück, es war ein allwissender Blick, der nur eines besagte: Ich habe dich besiegt. Lyman wimmerte und wälzte sich vor ihnen im Boden.

Er war nicht tot. Sie bemerkte die abgestreiften Klauenwaffen neben ihm liegen und einen unbekannten Gegenstand, den er mit beiden Händen fest umschloss. Ihr schien es, als ob sich alles um ihr in eine Traumwelt verwandelte.

Verwirrt betrachtete Zehia ihren Zögling. Lymans Gesicht war tränennass und er lächelte – vor Glück? Unter tiefen Schluchzern streckte Lyman das Ding von sich, wie jemand der seinen kostbarsten Schatz vor sich hält, um es in all seiner Pracht zu begutachten. Es war ein graues, verfilztes Tier mit kleiner Schnauze, Schnurrhaaren aus Stroh und spitzen Ohren: Ein zerrupfte Stoffkatze.

„Es ist sein Kuscheltier. Seine Mutter hat es ihm gegeben, als er vier war.“ Chalebs Worte kamen wie aus weiter Ferne. Zehia starrte wie gebannt auf den Mann, der zärtlich über sein Spielzeug strich. Die Bestie von Brenwall benahm sich wie ein …

„Er ist ein Kind“, beendete Chaleb ihren Gedankengang. Er fuhr fort: „Ich traf seine Mutter in Brenwall, sie erzählte mir von der damaligen Suche und dass ihr Sohn nicht unter den gefundenen Kindern war. Sie bat mich, ihn zu finden. Nach all den Jahren war sie stets davon überzeugt, dass ihr Kind lebt. Sie legte mir ein Stofftier in die Hände und sagte: ,Er liebt Katzen und seinen lieben Gobo hat er besonders gern.’“

Chaleb ließ einen Moment verstreichen, ehe er weiter sprach. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, bis ich ihn sah. Zuerst meinte ich, du hättest ein Monster erschaffen, doch du konntest nicht alles in ihm zerstören, Zehia. Du konntest nicht seine Erinnerungen nehmen. Du bist das Monster.“

Lyman presste Gobo mehrmals an die Brust. Chaleb lächelte sie traurig an. „Das war der Grund, wieso er damals zu dir kam, während die anderen Kinder flohen. Er hat in dir seinen Gobo gesehen und angenommen, du wärst genauso … nett.“

Chaleb entfernte sich von ihr. Teilnahmslos beobachtete Zehia seine Gestalt sich zu Lyman hinabbeugen und ihm eine Hand reichen. Lyman nahm sie wie selbstverständlich entgegen. Eine Woge unbegreiflichen Verlustes bemächtige sich Zehias Seele und verwandelte alles in leere Schwärze.

Zu spät nahm Chaleb den Schatten aus den Augenwinkeln wahr, der ungebremst auf ihn zuraste. Zehia federte mit den Hinterläufen ab und sprang in derselben Bewegung auf ihn nieder.

Hart prallte Chaleb auf dem Boden auf, Ihr Körper begrub ihn unter sich. Zehias Maul schob sich dunkel vor das Sonnenlicht. Sie leckte sich über die Lefzen, die Reißzähne rieben aneinander. Ihre Jadeaugen zeigten ihm den Wahnsinn eines Untiers, einer Bestie!

Sie war eine Sunjin, ein Katzenmensch, ihr zweites Ich war ein schwarzer Jaguar. Mit sichtlichem Vergnügen bohrte sie eine Kralle in seinen Bauch und pirschte sich an seinen Kopf heran. Helle Punkte schwirrten vor Chalebs Sicht, er glaubte zu fallen. Ein Schrei verhinderte, dass er endgültig sein Bewusstsein verlor. Durch seinen verschleierten Blick erspähte er Lyman hinter Zehia stehen. Er hatte einen Klauenhandschuh mit beiden Händen gefasst, holte aus und schlug auf Zehia nieder. Der Jaguar fauchte schmerzvoll auf. Sofort drehte sich der Jaguar um und warf sich auf den neuen Feind.

Sie wird ihn in Stücke reißen!, dachte Chaleb. Hass, Angst und Schmerz, alles stürzte auf ihn herein, legte sich wie beißender Rauch um seinen Verstand. Nein. Er durfte sich seinem Willen nicht mehr entziehen.

Er glitt hinab in den bekannten Traum, aus dem man sofort erwachte, ein kurzer Moment der Schwebe, in der sich eine Veränderung regte, wie eine verschlafene, jedoch nicht vergessene Erinnerung. Eine schlummernde Urgewalt, lange Zeit verborgen in den tiefsten Winkeln seiner Selbst brach aus ihrem Käfig hervor. Seine Seele füllte sich mit einem Überschwall an erwartungsvoller Freude, als begrüße sie einen alten Freund. Körper und Geist verschmolzen zu einer Einheit, die Gedanken verblichen zu farblosen Bildern, die triebhaften Instinkte brüllten auf und seine Sinne drangen nach wilder Freiheit. Der Körper dehnte sich aus, die Muskeln wuchsen, dichtes Fell spross in sekundenschnelle aus seiner Haut heraus, während Krallen aus seinen Fingern fuhren und sich in die Erde gruben. Seine Lederweste zerbarst und die restliche Kleidung glitt an ihm herunter. Die brachiale Kraft durchströmte sein Inneres und er wusste in jenem Augenblick, in dem er seine braunen Augen öffnete: er war neu geboren. Bedächtig erhob er sich, Chaleb, der Bär.

Durch seinen verzerrten Blick machte er Zehias Gestalt über Lyman aus. Heise Glut legte sich um sein Gemüt. Berauscht von seiner eigenen Rage setzte Chaleb die schwerfällige Masse seiner Selbst in Bewegung. Das zermalmende Gewicht von sieben Männern bebte über die Erde. Zehias senkte gerade ihr Maul über Lymans Gesicht, da spitzte sie die Ohren. Aber schon rollte die alles vernichtende Bärenwalze über sie hinweg! Der harte Aufprall schleuderte sie hinfort, ihr Körper krachte gegen einen Baum, dessen Stamm unter ihr nachgab.

Zitternd richtete sich die Raubkatze auf alle Viere. Scharf legte Zehia ihre Ohren zurück und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Ihre ganze Haltung spiegelte Angst wider. Der Braunbär richtete sich auf seine Hinterläufe – er war ein uneinnehmbarer Turm. Das wulstige Maul öffnete sich und sein Brüllen war der Urschrei einer Naturgewalt. Der Jaguar zuckte zusammen wie eine kleine Katze und so wie der Instinkt zu kämpfen ihn vorhin beherrschte, war es jetzt die Flucht. Augenblicklich war Zehia im Unterholz verschwunden.

Chaleb warf den Kopf zurück. Er brüllte den Ruf des Sieges. Der Bär trottete auf den Körper zu. Brummend senkte er sich über die heftig blutende Wunde auf der rechten Brust des Mannes. Er stupste ihn an – doch Lyman rührte sich nicht.

Der stechende Schmerz an Chalebs Seite machte das Atmen schwer, andererseits war er froh, am Leben zu sein. Ebenso könnte er nun neben den Jägern in der Waldlichtung liegen. Der Abend senkte sich über den Himmel, die rötlichen Strahlen der Sonne funkelten durch die lichter werdenden Bäume.

Vorsichtig tastete sich Chaleb einen Abgang hinunter, die Äste peitschten ihm ins Gesicht. In der Talsenke angekommen, wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Widerwillig betrachtete er seine behelfsmäßige Bekleidung aus zerfetzter Lederrüstung und zerrissenen Stoffen. Außer dass die zusammengeknoteten Reste seine Geschlechtsteile verdeckten, hatten sie keinen Nutzen mehr. Seine Verwandlung lag einige Stunden zurück, dennoch fühlte er sich müde und erschöpft. Der Marsch durch den Wald hatte ihr Übriges getan.

Unvermittelt stoppte Chaleb und warf einen Blick in alle Richtungen. Doch kaum konnte er darauf reagieren, traten auch schon mehrere Schatten aus dem Schatten der Bäume hervor. Chaleb knirschte mit den Zähnen. Er war umzingelt. Er wusste sofort, wer sie waren: Die Barbaren der Valgar, Harrgors Elite.

Dunkelhäutige, gewaltige Menschen, mit Speeren und Bögen bewaffnet, so wie ihren unverkennbaren Krummschwertern. Ein auffällig großer Valgar kam ihm entgegen. Ein reichlich verzierter Kopfschmuck, bestehend aus Edelsteinen und kleinen Knochen, war in sein Haar eingeflochten. Sein markantes Gesicht war eine Maske aus roten und schwarzen Runen. Der Blick war eisig.

„Was machst Du hier“, fragte der Jäger schroff.

Chaleb zeigte nach Nordwesten „Ich bin der Bestie entkommen“, sagte er, dann wies er nach Osten. „Nun bin ich auf den Weg nach Brenwall.“

Plötzlich seufzte etwas hinter Chaleb auf. Tiefe Furchen bildeten sich in der Stirn des Barbaren. „Wer ist das?“

Chaleb ließ einen Moment verschweifen, ehe er sich umdrehte. Lymans auf allen vieren gehende Gestalt klammerte sich an sein Bein. Der grässlich aussehende Biss an seiner Brust verkrustete bereits. Lyman schaute verlegen zu ihm auf und wieder meinte Chaleb, einen frechen Jungen vor sich zu haben.

„Mein Gefährte“, antwortete Chaleb dem Valgaren. „Die Bestie hat uns überfallen, unsere Kleidung zerrissen und sie hat ihm … den Verstand genommen. Wir hatten Glück, sie verschonte unser Leben.“

Der Barbar blickte den wirren, schmutzigen Menschen mit zusammengekniffenen Augen an. Lyman starrte trotzig zurück.

Chaleb war froh, dass sein neuer Freund die Klauenwaffen zurückgelassen hatte. Jedoch war Lyman auch ohne Waffen eine äußerst merkwürdige Erscheinung.

Gerade als Chaleb sich auf einen Kampf gefasst machen wollte, erlöste der Kopfgeldjäger sie mit den Worten: „Verschwindet.“

Ohne weiteres wandte der Jäger sich um. Ein Pfiff ertönte und einen Lidschlag später lösten sich die Valgaren in Luft auf. Chalebs Gedanken liefen zu Zehia; diese Jagd könnte ihre letzte sein. Für ihre Taten hatte sie sicher kein besseres Schicksal als eine Hetzjagd verdient, trotzdem haftete Chaleb das Bild vor Augen, wie Zehia einst gewesen war.

Nach kurzer Rast setzte Chaleb sich auf und blickte gen Süden: am Rande der Nordwälder begann der Pfad in die Gebirge. Der weiße Hirsch, Manoran, erwartete ihn. Chaleb würde ihn im verborgenen Hain aufsuchen und vom Geschehenen berichten. Außerdem würde Manoran den Wolfsmenschen sehen wollen.

Chaleb beobachtete Lyman neben sich, der die Hand um seine Finger geschlossen hatte und in der anderen sein Stofftier Gobo trug.

Er ist etwas Besonderes, dachte Chaleb, ein Zeichen für die Gemeinsamkeit von Mensch und Tier. Wir sind zwei verschiedene Wege gegangen, haben aber die gleiche Familie. Zehia wollte ein Tier aus ihm machen, dabei ist jeder Mensch auch Tier. In ihrem wahnsinnigen Hass erzog sie eine Bestie groß. Lyman hatte aber seine Menschlichkeit bewahrt, sie musste nur geweckt werden … und dadurch war Lyman am Ende mehr Tier geworden, als Zehia gewesen war.

„Nach … Hause?“ Eine kehlige, raue Stimme unterbrach seine Gedanken.

Überrascht blinzelte Chaleb auf. Lyman berührte vorsichtig seinen Mund, er war wohl selbst überrascht über seine wiedererlangte Sprachfähigkeit.

Erneut schweifte Chalebs Blick zu Manoran im Süden. Durch das Blätterdach der Bäume glaubte er bereits, die ersten Ausläufer der Berge zu erkennen. Chaleb hatte sich entschieden.

„Ja, nach Hause“, sagte er und zog Lyman mit sich.

Chaleb wandte sich nach Osten; nach Brenwall.

Eine Mutter wartete auf ihr Kind.

 

Aktuelle Informationen unter: http://www.tomcohel.de.vu
E-Mail: tomcohel(at)web.de

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