Oh, meine Götter, Teil 6: Das Haupt der Medusa

Oh, meine Götter!Teil 6:
Das Haupt der Medusa

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsIn der Stadt Argos herrscht König Akrisos. Als diesem prophezeit wird, dass der Sohn seiner Tochter Danae sein Untergang sein wird, sperrt er sie in den Palastkeller. Doch da kennt Akrisos den Göttervater schlecht, denn der lässt sich von ein bisschen Kerker nicht abhalten, wenn es um eine Frau geht. Und so kommt Zeus als Goldregen nieder, befruchtet Danae und einige Zeit später wird Perseus geboren. Pech für Akrisos, der sich nun etwas Neues überlegen muss, um sich vor dem gefährlichen Enkel zu schützen. Kurzerhand sperrt er Mutter und Kind in eine Kiste und lässt sie ins Meer werfen.

Aber glücklicherweise haben die Ausgesetzten ja einen mächtigen Beschützer. Zeus wacht über die Kiste und sorgt dafür, dass Danae und ihr Sohn wohlbehalten an Seriphos, eine Insel der Kykladen, angespült werden. Hier herrschen zwei Brüder, Dyktis und Polydektes. Dyktis ist gerade am Fischen, als die Kiste von den Wellen an Land getragen wird und eilt schnell herbei. Als er den Inhalt der Kiste entdeckt, verliebt er sich sofort in die Königstochter, fackelt nicht lange und nimmt sie zur Frau.

Nun hat die Angebetete ja aber auch einen Sohn mitgebracht, mit dem Dyktis nicht viel anzufangen weiß. Er schlägt Perseus vor, sich erstmal als Held zu beweisen, denn erstens macht man das so im alten Griechenland, und zweitens ist es Dyktis auch ganz recht, wenn Perseus seine Mutter allein auf der Insel lässt und man in Ruhe die Flitterwochen genießen kann. Perseus findet den Vorschlag gar nicht schlecht, und Ungeheuer gibt es genug, an denen man sich austoben kann. Wenn, dann soll es aber was richtig Großes sein, das er vollbringt, und so beschließen er und sein Stiefvater, dass er ausziehen soll, um das Haupt der Medusa zu holen.

Eine ziemlich riskante Aufgabe, die Perseus und Dyktis sich da ausgedacht haben. Medusa ist eine der drei Gorgonen, Kinder von Keto, einem riesigen Fisch, und Phorkys, einem alten Meeresgott, die wiederum beide Kinder der Gaia sind. Medusa ist die einzige Sterbliche unter den drei Schwestern, und war einst eine schöne Frau. Doch als Athene sie eines Tages in einem ihrer Tempel mit Poseidon in flagranti erwischte, war sie so wütend, dass sie Medusa in ein Ungeheuer verwandelte. Statt Haaren wachsen ihr nun unzählige Schlangenköpfe und sie hat glühende Augen, die jeden, der in sie hineinblickt, in Stein verwandeln.

Aber um sich als Held zu beweisen, muss nun einmal auch eine schwierige Aufgabe her. Bevor Perseus sich auf seine Mission begibt, bekommt er noch Unterstützung von Athene. Die ist immer noch sauer auf Medusa über die Verunglimpfung ihres Tempels und hätte nichts dagegen, wenn Perseus seinen Auftrag erfüllen kann. Und als Expertin für Kampf und Strategie weiß sie natürlich, was Perseus auf seiner Reise brauchen kann. Sie gibt ihm ein glänzendes Schild mit und den Ratschlag, bei den Graien nach Medusa zu fragen. Schließlich muss Perseus das Ungeheuer erstmal finden, um es zu vernichten.

Gesagt, getan. Die Graien sind ebenfalls Kinder von Keto und Phorkys und schrecklich hässliche Wesen. Von Geburt an grauhaarig, besitzen sie nur ein Auge und einen Zahn, bei deren Benutzung sie sich abwechseln. Perseus kann ihnen beides mit einem Trick abnehmen und verlangt dafür den Aufenthaltsort der Medusa. Doch den kennen die Graien selbst nicht und verweisen Perseus an die Nymphen, niedere weibliche Gottheiten. Perseus wirft Zahn und Auge in einen nahen See und macht sich auf zu den Nymphen.

Die leben nicht weit von den Graien, und sind Perseus ziemlich dankbar, denn der Gestank der Graien hat schon lange die ganze Gegend verpestet. Nun, da die Graien in den See gestiegen sind, um Zahn und Auge zu finden, atmet es sich gleich viel freier. Zum Dank verraten sie Perseus nicht nur, wo Medusa lebt, sondern schenken ihm auch geflügelte Schuhe, einen Sack und einen Helm mit Hundefell drauf. Mit diesen Utensilien kann Perseus fliegen, wohin er will und kann sehen, wen er will, ohne selbst gesehen zu werden. Als er unterwegs zu Medusa auch noch Hermes trifft, gibt ihm dieser noch eine Sichel, um Körper und Haupt voneinander zu trennen.

Derart ausstaffiert kann nicht mehr viel schiefgehen. Vorsichtig nähert sich Perseus der schlafenden Medusa. Damit er ihr keinesfalls in die Augen schaut, geht er rückwärts und benutzt das spiegelnde Schild der Athene, um etwas zu erkennen. Eilig schleicht er zu ihr und schlägt ihr mit der Sichel den Kopf ab, den er schnell in den mitgebrachten Sack stopft. Schließlich weiß niemand, ob nicht auch die toten Augen noch zu Versteinerungen führen können.

Mission erfüllt, könnte man meinen, doch kaum hat Perseus den Kopf verstaut, nähern sich die zwei Schwestern der Ermordeten. Die anderen beiden Gorgonen sind nicht sterblich, und so beschließt Perseus, sich lieber nicht mit ihnen anzulegen. Glücklicherweise hat er den Helm der Nymphen auf und die geflügelten Schuhe an und kann entkommen, ohne gesehen zu werden.

Doch kaum ist er losgeflogen, wird er von kräftigen Winden erfasst, die ihn wild durch die Gegend wirbeln. Perseus verliert die Orientierung und wird nach längerer Zeit wieder auf den Boden geworfen. Er ist im Gebiet des Königs Atlas gelandet. Nach dem anstrengenden Flug muss er erstmal rasten, denkt sich Perseus, und bitten den König um Obdach. Aber König Atlas hat Angst um seinen wertvollsten Besitz, einen Garten voll goldener Früchte, und lässt Perseus nicht ein. Das findet dieser ganz schön unverschämt, und zieht kurzerhand den Kopf der Medusa aus seinem Sack und hält ihn dem König vor die erstaunte Nase. Und siehe da, die Augen haben noch immer ihre Kräfte: Der große König wird zu Stein und ein riesiges Gebirge entsteht – das Atlasgebirge in Marokko.

Perseus packt seine Sachen und verlässt das ungastliche Land. Als er an der Küste Äthiopiens vorbeifliegt, sieht er eine wunderschöne junge Frau, die an einer Meeresklippe festgebunden ist. Obwohl er eigentlich schnellstens nach Hause will, kann Perseus nicht einfach weiterfliegen. Er hält an und fragt sie, wer sie ist und was mit ihr geschehen ist. Es ist Andromeda, die Tochter des Königs Kepheus, der hier regiert. Unter Tränen berichtet sie, dass ihre Mutter gegenüber den Meeresnymphen geprahlt habe, schöner zu sein, als sie alle zusammen. Darüber seien diese so erbost gewesen, dass der Meeresgott eine riesige Überschwemmung und einen alles verschlingenden Haifisch über das Land geschickt habe. Ein Orakelspruch habe ihrem Vater dann gesagt, dass die Plage beendet sein werde, wenn er seine Tochter den Fischen zum Frag vorwerfe.

Noch während Andromeda erzählt, taucht in den Fluten der Haifisch auf und kommt auf die angekettete Frau zu. Aber Perseus ist ja gerade bestens ausgerüstet, um Ungeheuer zu töten, und so ersticht er auch den Hai mit Hermes´ Sichel. Andromeda ist schnell befreit, und als Perseus sie zurück zum elterlichen Palast bringt, sind diese ihm so dankbar, dass sie ihm Andromeda zur Frau geben und das ganze Königreich gleich dazu.

Das hätte nun das Happy End der Geschichte sein können, doch bei der Hochzeit taucht plötzlich Phineus auf, der Onkel von Andromeda, dem sie eigentlich schon versprochen war. Mit einer ganzen Armee kommt Phineus in die Burg gestürmt, um seine Ansprüche geltend zu machen. Doch weiß er nicht um Perseus´ erfüllte Heldentat. Laut ruft der Bräutigam, wer immer noch auf seiner Seite stehe, möge den Blick abwenden, und zieht den Kopf der Medusa aus dem Beutel. Phineus und seine ganze Armee werden versteinert und das Fest kann weitergehen.

Perseus und seine Andromeda leben danach glücklich und zufrieden und kriegen viele Kinder zusammen. Ihren Erstgeborenen Perses lassen sie bei Kepheus, damit er eines Tages den Thron übernimmt. Perseus selbst will nun endlich zurück nach Hause nach Argos reisen, denn schließlich hat er dort noch einen Kopf abzuliefern. Auf dem Weg dorthin machen Andromeda und Perseus im Pelasgerland Halt. Dort nimmt Perseus, wenn man schon mal da ist, an einem Wettkampf im Diskuswerfen teil. Doch schon bei seinnem ersten Diskus geschieht ein Unglück: Er trifft einen Zuschauer am Kopf und dieser stirbt noch an seinem Platz. Bei näherem Hinsehen ist schnell klar: Perseus hat soeben seinen Großvater getötet. Akrisos war aus Angst vor der Prophezeiung hierher geflohen und untergetaucht. Wie sich nun zeigt, ohne Erfolg, denn so weit er auch fortgegangen ist, sollte am Ende doch sein Enkel Perseus der Untergang des Akrisos sein.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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