Oh, meine Götter, Teil 7: Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Oh, meine Götter!Teil 7:
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsIn Athen lebt der berühmte Baumeister und Künstler Dädalus, dessen Werke in der ganzen Welt sehr geschätzt werden. Doch wie das so ist mit den Reichen und Berühmten, dem einen oder anderen von ihnen steigt der Ruhm zu Kopf, und so ist es wohl auch bei Dädalus. Denn als sein Neffe Talos, der sein Lehrling ist, ebenfalls ein paar nützliche Dinge erfindet, wie beispielsweise die Säge oder die Töpferscheibe, bekommt Dädalus Angst, dass Talos eines Tages ein noch besserer Baumeister werden könnte als er. Oder noch schlimmer, vielleicht ist Talos ihm ja schon ebenbürtig. Kurzerhand lockt er Talos auf die Akropolis und stößt ihn hinunter.

Als Dädalus den Leichnam heimlich vergraben will, wird er erwischt und aus Athen verstoßen. Er flieht nach Kreta und wird dort direkt als Baumeister des dortigen Königs Minos eingestellt. Richtig, Minos kennen wir schon aus der Sage um die entführte Europa, denn er ist der erste Sohn, den sie mit Zeus bekommt.

Mord hin oder her, Dädalus ist eben der Beste seines Faches, und so nimmt Minos den Verbannten trotz seines Verbrechens in seinen Dienst. Der König hat mit Hilfe des Poseidon den Streit um die Thronfolge gewonnen, und hat im Gegenzug versprochen, einen wunderschönen weißen Stier, den das Meer ihm geschenkt hat, an den Gott zu opfern. Nun hat Minos ja aber den Thron, und sieht keinen Grund mehr, seinen Teil des Versprechens einzulösen. Er behält den Stier einfach.

Doch einem Gott schlägt man nicht ungestraft etwas ab. Als Minos ein Auge auf Pasiphae, die Tochter des Sonnengottes, wirft, sorgt Poseidon dafür, dass sie sich nicht in den König, sondern in seinen schönen Stier verliebt. Getrieben von ihrem gottgegebenen Verlangen lässt sich Pasiphae von Dädalus ein Holzgestell bauen, um mit dem Stier… Nun ja, den Rest kann man sich wohl denken, denn nach neun Monaten bringt Pasiphae ein Wesen, halb Stier, halb Mensch, zur Welt, den Minotaurus.

Kaum wird der Minotaurus etwas älter, zeigt sich, dass er ein menschenfressendes Ungeheuer ist. Der König möchte den Minotaurus eigentlich töten lassen, doch er lässt sich von Pasiphae dazu überreden, ihn am Leben zu lassen. Allerdings muss seine Bevölkerung vor dem Untier geschützt werden, und so baut Dädalus ihm ein verworrenes Labyrinth, in dessen Mitte der Minotaurus gesteckt wird, von wo er den Ausgang nicht mehr finden kann.

Mittlerweile lebt Dädalus schon geraume Zeit auf Kreta und hat hier auch einen Sohn bekommen, den Ikarus. Weil niemand erfahren soll, was im Inneren des Labyrinths versteckt ist und weil er ein ziemlich misstrauischer Arbeitgeber ist, sperrt der König den Baumeister samt Sohn in einen Turm. Dädalus hat schon seit längerem die Nase voll von Minos und seinen Launen, und beschließt, mit Ikarus zu fliehen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn schließlich ist Kreta eine Insel, und alle Seewege werden von Minos überwacht.

Doch man ist ja nicht umsonst Erfinder. Schnell ist Dädalus klar, dass er und sein Sohn nur durch die Luft entkommen können. Aus Wachs und Federn vorbeifliegender Vögel baut er für beide Flügel, die sie sich an die Arme kleben können. Vor dem Losfliegen erklärt Dädalus seinem Ikarus genau, wie er zu fliegen hat: nicht zu tief, sonst streift er das Meer, aber auch keinesfalls zu hoch, denn dann kommt er zu nah an die Sonne und seine Flügel könnten Feuer fangen. Am besten, er selbst fliegt vor, dann braucht Ikarus ihm nur zu folgen.

Aber wie das so ist mit den verbotenen Früchten, ist deren Reiz besonders groß. Und so verlässt Ikarus die Bahn seines Vaters und fliegt viel höher hinauf. Zwar fangen die Flügel nicht an zu brennen, aber das Wachs schmilzt, die Federn lösen sich, und Ikarus stürzt ab. Beim Aufprall auf die Wasserfläche stirbt der Übermütige, im Meer, das fortan nach ihm benannt ist, dem ikarischen Meer.

Dädalus merkt bald, dass sein Sohn nicht mehr hinter ihm ist, und landet auf der nächsten Insel. Als er noch überlegt, was er machen soll und ob er nochmal losfliegt, um den Himmel abzusuchen, wird der Leichnam des Sohnes angespült. Karma, könnte man meinen, schließlich hat Dädalus den Sohn seiner Schwester auch recht kaltblütig ermordet, und das nur aus Eifersucht. Noch auf der Insel begräbt der traurige Vater seinen Ikarus, die noch heute seinen Namen trägt und seitdem Ikaria heißt.

Nachdem Ikarus beerdigt ist, reist Dädalus weiter nach Sizilien. Auch dort eilt ihm sein Ruf schon voraus, und der sizilische König Kokalos hat ebenfalls wenig Probleme mit einem Mörder als Angestelltem, wenn es denn ein so berühmter wie Dädalus ist. Und so wird unser Erfinder auch auf Sizilien zum königlichen Baumeister und baut unter anderem eine uneinnehmbare Burg für Kokalos´ Schätze.

Die rege Aktivität seines entflohenen Baumeisters auf Sizilien bleibt König Minos aber nicht verborgen. Wütend über die heimliche Flucht und das Missachten seiner Befehle, stellt Minos eine ansehnliche Flotte zusammen, um Dädalus zu verfolgen. Als er mit seiner Flotte vor Sizilien liegt, ist Kokalos entrüstet über diese Frechheit. Statt aber gegen den kretischen König in eine Schlacht zu ziehen, löst Kokalos das Problem weit ökonomischer. Er lädt Minos zu sich ein und gibt vor, ihm Dädalus übergeben zu wollen. Minos findet einen perfekten Gastgeber vor, der ihm sogar nach der langen Reise ein Bad anbietet. Doch während Minos in seiner Wanne liegt, lässt Kokalos das Wasser so stark erhitzen, dass Minos in dem kochenden Wasser erstickt. Damit die kretischen Krieger ihm keinen Ärger machen, übergibt Kokalos ihnen die Leiche des Minos und stellt den Mord als einen Unfall dar: Minos sei im Badezimmer ausgerutscht und in das heiße Wasser gefallen.

Die anscheinend recht leichtgläubigen Kreter nehmen das so hin und ziehen sich wieder zurück. Dädalus ist gerettet, bleibt bis zu seinem Tode im Dienst des sizilischen Herrschers und baut und erfindet noch allerlei brauchbarer Dinge. Doch glücklich soll der Baumeister zeit seines Lebens nicht mehr werden, denn der Verlust seines geliebten Sohnes hat ihm auf ewig ein kummervolles Herz beschert.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

Gäste sind momentan nicht mehr berechtigt Kommentare zu schreiben, da täglich bis zu 200 Spamkommentare gelöscht werden mussten.

Bitte registriert Euch beim Zauberspiegel. Wir suchen nach einer Lösung.