Oh, meine Götter, Teil 12: Die Argo erreicht ihr Ziel

Oh, meine Götter!Teil 12:
Die Argo erreicht ihr Ziel

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsQuasi auf den letzten Metern ihrer Reise nach Kolchis und bei einer der letzten Pausen vor dem großen Ziel machen die Argonauten bei Lykos, dem König der Mariandyner im östlichen Bithynien Halt. Damit sind wir an der Nordküste der Türkei und ungefähr auf halben Weg durch das Schwarze Meer angekommen. Und das gilt es ja zu durchqueren, wenn man Kolchis auf der westlichen Seite des Binnenmeeres erreichen will.

Der Halt bei König Lykos wäre wohl gar nicht weiter erwähnenswert, doch während dieses Aufenthalts erkrankt der Steuermann Tiphys an einem schlimmen Fieber und stirbt schließlich daran. Schwer getroffen bestatten die Helden den Gefährten an der Küste des fremden Landes und sehen sich einem ernsthaften Problem gegenüber: Der Argo fehlt nun der Steuermann.

Lange diskutieren die Argonauten, wer Tiphys´ Nachfolge antreten soll. Ankaios, der von allen für den besten Ersatz gehalten wird, kann schließlich überredet werden, das Steuer zu übernehmen. Wieder auf See zeigt sich, dass Iason und seine Männer die richtige Wahl getroffen haben. Die Argo gleitet so ruhig und zielstrebig dahin, als wäre Tiphys noch bei ihnen.

Noch an einigen Ländern kommen die Argonauten vorbei. Ein günstiger Westwind hält sich glücklicherweise vom Gebiet der Amazonen fern, sodass den Helden hier ein sicherlich blutiger Kampf erspart bleibt. Auf der Insel Arieta, die eigentlich unbewohnt ist, finden sich auf der Zielgeraden unerwartete Verbündete. Als die Argonauten hier von Bord steigen, kommen ihnen vier junge Männer in Lumpen entgegen. Es stellt sich heraus, dass es sich um die Söhne von Phrixos handelt, der inzwischen verstorben ist.

(Aufgrund der mittlerweile schon ziemlich langen Reise der Argonauten der Verständlichkeit halber nochmal eine kurze Auffrischung: König Pelias hat Iason losgeschickt, um das goldene Vlies zu holen und ihm dafür den ihm zustehenden Thron versprochen. Das goldene Vlies gehört König Aietes, der es von Phrixos geschenkt bekommen hat. Phrixos war vor seiner Stiefmutter geflohen und hatte bei Aietes Unterschlupf gefunden. Seitdem schützt Aietes das Vlies mit einem Drachen, da laut Orakel sein Leben vom Besitz des Vlieses abhängt. Später heiratete Phrixos die Tochter des Aietes und bekam vier Söhne.)

Um den letzten Willen ihres Vaters zu erfüllen, sind die Phrixos-Söhne losgezogen, einige Schätze aus dessen alter Heimat zu holen. Allerdings haben die vier anscheinend vergessen, Poseidon zu opfern, bevor sie losgeschifft sind, denn schon nach wenigen Meilen wurde ihr Schiff von einem Sturm zerstört und die Brüder auf der Insel angespült. Als sie hören, was Iason und seine Truppe vorhaben, raten sie zunächst ab. Ihr Großvater ist ein grausamer Mann, wissen sie, und ihm werden übermenschliche Kräfte und Verwandtschaft zum Sonnengott nachgesagt. An das goldene Vlies zu kommen, halten sie für aussichtslos.

Aber die Argonauten wären ja nicht die Heldenelite Griechenlands, wenn sie sich jetzt von ein paar Bedenken abbringen ließen. So wird die Fahrt natürlich fortgesetzt, nicht ohne die vier Brüder, die man freundlicherweise mit zurück zum Festland nimmt. Vorbei am Kaukasusgebirge (wo die Männer ein tiefes Stöhnen von Prometheus vernehmen, der da immer noch hängt und von dem Adler gefressen wird, der arme Kerl) gelangt die Argo nach so langer Zeit endlich an die Mündung des Flusses Phasis und damit an ihr Ziel: Kolchis ist erreicht.

Als sie die Argo vom offenen Meer auf den großen Strom lenken, sehen die Argonauten zu ihrer Rechten schon den heiligen Garten des Ares, in dem an einem großen Baum das goldene Vlies hängt. Und auch den gefürchteten Drachen müssen sie nicht lange suchen. Das riesige Tier hockt gleich unter dem Baum und lässt das Vlies nicht aus den Augen. Nun ist man aber erst einmal müde von der wirklich beschwerlichen Reise, und da hat selbst der tapferste Held mal ein bisschen Ruhe verdient. Und so befiehlt Iason seinen Männern, in einer Bucht des Flusses zu ankern und verschiebt alles andere auf den nächsten Morgen.

Am nächsten Tag dann beraten sich die Argonauten zunächst, wie nun am besten vorzugehen ist. Soll man erst versuchen, sich friedlich an König Aietes zu wenden, oder soll man das Vlies mit Gewalt holen, in dem Vorteil, dass noch niemand in Kolchis mit etwas Derartigem rechnet? Schließlich entscheidet Iason, dass er erstmal alleine mit Phrixos´ Söhnen und nur zwei anderen Argonauten zum königlichen Palast gehen wird, um Aietes höflich um das Vlies zu bitten. Zwar glaubt Iason selbst nicht so recht, dass das erfolgreich sein wird, aber dann hat man es wenigstens versucht. Und wer weiß, schließlich hat Aietes den geflohenen Phrixos damals ja auch aufgenommen, was man von ihm ja auch nicht erwartet hätte.

So geht Iason also mit den vier Enkeln von Aietes und Telamon und Augeias, zwei ansonsten noch nicht großartig in Erscheinung getretenen Argonauten, an Land. Mit Hilfe von Hera, die eine dichte Nebelwolke vom Himmel herabschickt, gelangt die Gruppe ungesehen in den prächtigen königlichen Palast. Auf der Suche nach dem König irren unsere Helden durch die Gänge, als sie von einer jungen Frau entdeckt werden.

Die junge Frau ist die jüngste Königstochter Medea, die sich sonst eigentlich eher selten im Palast aufhält. Die meißte Zeit verbringt sie in einem Tempel der Hekate zu, wo sie Priesterin ist. Doch heute hat Hera ihr eingeflüstert, im Palast zu bleiben. Und so läuft Medea den Argonauten in die Arme, als sie gerade zu ihrer Schwester Chalkiope rübergehen will. Chalkiope hört Medeas überraschten Schrei, kommt aus ihrem Zimmer und traut ihren Augen kaum, denn vor ihr stehen ihre geliebten Söhne (denn Chalkiope ist die Tochter des Aietes, die Phrixos geheiratet hatte).

Die Reise der Argonauten (Hinweg)Der Wiedersehenstrubel, der dann entsteht, bleibt auch dem König nicht verborgen, und so kommt auch Aietes bald hinzu. Sofort werden mit Vorbereitungen für eine Begrüßungsfeier begonnen, und Iaosn und seine zwei Begleiter gehen erstmal völlig unter und werden vom König gar nicht weiter bemerkt. Medea bemerkt die drei Argonauten aber sehr wohl. Getroffen von einem Pfeil des Liebesgottes Eros verliebt sie sich sofort unsterblich in Iason.

Bei dem Fest, das dann für die heimgekehrten Enkel des Königs abgehalten wird, fragt Aietes aber dann doch nach den drei Fremden, die die Brüder mitgebracht haben. Als der älteste der vier Brüder ihm erzählt, dass Iason gekommen ist, um das goldene Vlies zu holen, wird Aietes zornig. Er fühlt sich von seinen Enkeln verraten, schließlich haben diese die Fremden in seinen Palast gebracht, und fürchtet um seinen wertvollsten Besitz. Iason aber beruhigt den aufbrausenden König, und schlägt ihm vor, ihm das Vlies lediglich auszuborgen, denn schließlich will er es ja gar nicht für sich, sondern nur, um den bösen König Pelias in seiner Heimat zu stürzen. Außerdem bietet er Aietes sein Volk als Bundesgenossen an und will Aietes in Zukunft bei seinen Feldzügen unterstützen.

Aietes, dem seine Enkel auch von dem stolzen Schiff und der namenhaften Besatzung erzählt haben, sagt Iason, er könne das Vlies schon mitnehmen, müsse aber erst beweisen, dass er ein genauso tapferer Mann sei wie Aietes selbst. Dazu soll der Argonautenführer eine Arbeit verrichten, die Aietes sonst zu machen pflegt: Auf einem Feld des Ares weiden zwei Stiere mit eisernen Füßen, die Feuer speien. Mit diesen pflügt der König selbst das Feld, und sät in die umgegrabene Erde Drachenzähne, aus denen dann Krieger erwachsen, die ihn dann angreifen. Dann tötet er all diese Krieger eigenhändig nur mit seiner Lanze.

Warum der König das alles macht, bleibt ein Rätsel, aber gut, jedem sein Hobby. Wenn Iason das alles jedenfalls ohne die Hilfe der anderen Argonauten schafft, hat er sich als ebenbürtig erwiesen und soll das Vlies mitnehmen. Andernfalls aber muss Iason mit seinem Schiff und seiner Mannschaft sofort aus Kolchis verschwinden. Iason willigt ein und beschließt, sich an der Probe zu versuchen.

Kann Iason die ihm auferlegte Prüfung bestehen? Und wird ihm Aietes das Vlies dann einfach so aushändigen? Das und mehr sehen wir in der nächsten Woche.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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