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Frisches für die Baby-Boomer - Unterhaltung [nicht nur] für die Generation ›50+‹

Zauberwort - Der Leit(d)artikelFrisches für die »Babyboomer«
Unterhaltung [nicht nur] für die Generation ›50+‹

Die Leute der Jahrgänge 1960/61 – 68/69 ist die letzte Generation, die noch zahlreich zu Heftromanen gegriffen hat. Die so genannten Baby-Boomer sind nun in einem Alter so um die 50 (wie auch der Verfasser dieser Zeilen). Sie sind eine Art Zwittergeneration, die noch ohne größere Probleme in das digitale Zeitalter hineingewachsen ist, aber auch noch den Charme analoger Ausgabegeräte wie Bücher zu schätzen weiß.


In meinen beiden Zwischenrufen »Vergebene Liebesmüh(?/!) - Neue Sinclair-Autoren – Neues Glück« und »Für die Katz(?/!) - Alte Serien - Kein (neues) Glück« und im Lei(d)tartikel »Altbackenes für die »Baby-Boomer« - Hoffnungsträger Generation ›50+‹« habe ich mich des Themas ja schon mal (vorbereitend) angenommen (neben so manch anderem Artikel zum Thema). In den drei Beiträgen ging es ja zum einen darum, die Widersprüche der Vorstellung, der Heftroman sei noch ein Zukunftsmodell, aufzuzeigen und zum anderen darum, dass es für die Zukunft der (trivialen) Unterhaltung (in gedruckter Form, analog wie digital) besser wäre, sich von allen Traditionen des Heftromans in Form und Inhalt komplett zu verabschieden bzw. darum sich nicht an ›alte Zöpfe‹ als Zukunftsmodell zu klammern.

Vorweg sei noch erwähnt, dass Unterhaltung nachwievor gefragt ist. Es gibt nur wenige, die 24 Stunden am Tag die Last aller Probleme der Welt (wie der legendäre Atlas) auf ihren breiten Schultern tragen möchten. Die meisten von uns brauchen von Zeit zu Zeit eine Ablenkung. Man will unterhalten werden. Das ist heute so wie gestern und auch morgen. Unterhaltung wird gewollt.

In diesem Artikel wollen wir uns mit der Zukunft (von leichter Unterhaltung in gedruckter Form) und wie ich die sehe befassen. Kurz und knackig gesagt: Es gilt in einem Medienmix (digital, [audio] und analog) zeitgemäße Formen der Serie zu entwickeln und in die Umsetzungen dieser Grundidee, mal etwas zu investieren. Dabei sollte in der Zielgruppe natürlich auch die Generation ›50+‹ (also die Babyboomer) enthalten sein, aber ich bin der Meinung, dass die Planungen eher in die Richtung ›All Age‹ gehen sollten, denn ein gewisser Bodensatz an Lesern ist in jeder Generation vorhanden und ein Bedarf an leichter Unterhaltung sowieso. So sehr ich mich als Teil der geburtenstarken Jahrgänge geehrt fühlen mag als Hoffnungsträger gehandelt zu werden, aber das ist meines Erachtens nachwievor der Ehre zuviel.

So, jetzt gehe ich mal daran, diese kurze und knackige Ausführung zu elaborieren.

Warum Serie? Das ist nur eine rhetorische Frage. Die Serie ist eine sehr beliebte Form, Menschen zu unterhalten. Sie enthebt - im sarkastischen Sinne - den Kreativen von der Aufgabe immer wieder neue Charaktere zu erschaffen und den Konsumenten von der Aufgabe sich immer an neue Figuren zu gewöhnen. Aber im Ernst: Gerade deshalb ist eine Serie so beliebt. Figuren, die man mag erleben beständig neue Abenteuer. Das ist wohl der wichtigste Grund für diese Form der Unterhaltung. Daher sollten wir keine weiteren Gedanken an das Für und Wider der Serie verschwenden und dies einmal an anderer Stelle zu diskutieren, denn es passieren gerade jede Menge interessante Dinge mit der Serien, wenn wir dafür auch wieder über den großen Teich in die USA blicken müssen. Andreas Decker hat im Zauberspiegel bereits zwei Serien vorgestellt (Neo-Noir und Southern Gothic - True Detective und Der Ärger fängt an - BATES MOTEL – Die erste Staffel).

Eine grundsätzliche Aufgabe nehmen diese - hoffentlich zukünftig kommenden - Serien vom Heftroman mit (und die stört auch nicht, zumal diese im Heftroman auch lange Jahre [bis auf wenige Ausnahmen] vernachlässigt worden ist).

  • Gängige und erfolgreiche Unterhaltung soll günstig vervielfältigt werden.

Somit wissen wir was ansteht.

Zeitgemäße Serien und Reihen inhaltlich zu konstruieren ist nicht schwer. Dazu braucht man ja nur das was in Kino, TV, Internet (ja man denke auch an Netflix, Amazon & Co.) und Hardcover erfolgreich läuft zu adaptieren [nicht etwa übernehmen, um einem gern genommenen Missverständnis vorzubeugen, das in der Regel immer dann ins Feld geführt wird, wenn Angesprochene sich sträuben, diese Thesen zu ernsthaft diskutieren]. Ich würde die Reihen nach Genres sortiert vor einem jeweils einheitlichen Hintergrund laufen lassen, dass heißt gewisse Firmen, Krankenhäuser, Figuren, Szenarien würden immer wieder auftauchen. Das erleichtert Crossover gibt den/dem Autoren aber auch Möglichkeiten, Plots am Laufen zu halten, ohne sich fragen zu müssen, ob man gerade wem auf die Füße tritt. Nachteil: Sowas müsste in Form einer Datenbank oder Wiki gepflegt werden [sowas kostet den Verlag erstmal Geld]. Zum Hintergrund gleich noch ein paar Beispiele.

Nehmen wir hierfür exemplarisch mal die Arzt- und Soapschiene (konservativer formuliert: Liebes- und Schicksalsschiene), um nicht nur die Idee des gemeinsamen Hintergrunds auszuführen, sondern auch ein paar inhaltliche und formelle Pfeiler einzuschlagen, so dass man etwas Handfestes hat, das illustriert was ich meine. Da wir wissen, Frauen stellen das Rückgrat der (noch) lesenden Bevölkerung dar, kann man diese Schienen ruhig anbieten, aber ein Blick (nicht nur) ins Fernsehen sagt uns, das reine Romanze kontraindiziert ist. Denn wir wissen (aus Serien, Soaps und Telenovelas), dass harte Drogen, Mord und Totschlag, ja gar Vergewaltigungen kein Tabuthema mehr für die Frau als Publikum sein müssen. Die (gemeine, lesende) Frau goutiert auch Serienmörderthriller und andere Dinge, die man der Courths-Maler-Generation noch nicht zutraute. Daher tut sich vor den potentiellen Verlegern und Autoren ganz neue Themenfelder auf. Die Probleme der Protagonisten eines Romans dürfen ruhig handfest sein und müssen nicht mehr verklärt daher kommen (ob das wirklich jemals nötig war, möchte ich hier mal dahin gestellt lassen). Es ist mehr möglich als schmachtende Blicke, Händchen halten auf der Parkbank und das Schicksal in Form einer Anstandsdame (das gilt selbst für historische Schicksalsschinken ála Jane Austen).

Nun schaffen wir uns unseren eigenen fiktiven Hintergrund für diese Schiene. Eine Arztserie mit Krankenhaus, wozu wir eine Mischung aus diversen TV-Serien adaptieren. Andererseits nehmen wir eine Serie, die zunächst auf 25 Folgen angelegt ist und eine TV-Show thematisiert, in der nach dem neuen Supermannequin gesucht wird. Dazu dann noch die Geschichte einer jungen Frau, deren Traum es ist Hollywoodregisseurin zu werden, aber als Skriptgirl beginnt. Für all das schaffen wir uns fiktive Personen, Firmen und Orte. Wir brauchen (unter anderem) einen TV-Sender, ne Filmproduktion, ne Modellagentur und andere Dinge. Denn wenn wir einen Senderchef wollen, der angehende Modells sexuell belästigt, eine mit Drogen handelnde Agenturchefin oder einen verrückten Arzt sollte man besser nicht auf real existierende Personen, Firmen oder dergleichen zurückgreifen. Die realen Firmen und Personen könnten (wie man so schön sagt) angepisst sein, was unter Umständen mit einer Begegnung im Rahmen einer Gerichtsverhandlung führen kann (wobei es bei diesen Veranstaltung gesitteter zugeht als bei Salesch & Co.).

Bob Ross sagte immer, wenn er in weniger als einer halben Stunde eine Landschaft [zumeist mit einem Berg und/oder einem ›bravery test‹] erschafft:

You can do anything you want to do. This is your world

oder ...

In painting, you have unlimited power. You have the ability to move mountains. You can bend rivers. 

Ja, der gute Bob hat recht, aber auch beim Schreiben hat man göttliche Kräfte, man ist der Schöpfer seines eigenen Universums. In der eigenen Welt können eben Senderchefs zu Vergewaltigern werden, psychopathische oder von ihren Ängsten getriebene Ärzte heilen oder wir können Modellagenturchefinnen zu Drogenhändlerinnen oder auch Zuhälterinnen machen. Ganz wie wir wollen und wir müssen bei unseren eigenen Schöpfungen nicht fürchten, von verärgerten Leuten (nebst ihren Anwälten) mit Forken und Fackeln durch Fußgängerzonen gejagt zu werden. Wir können es machen wir es brauchen. Wegen des serienübergreifenden Hintergrundes kann man locker und leicht (und ohne logische Brüche), Crossover schreiben oder Neben-, Rand- oder gar Hauptfiguren in anderen Serien auftreten lassen (ohne diese Crossover immer an die große Glocke hängen zu müssen).

Das dürfte ganz prächtig funktionieren und in der Regel die von der Bastei Lübbe AG im aktuellen Geschäftsbericht gern genannten »Mehrfachkäufer« freuen (die würden das bemerken, selbst wenn man es nicht an die große Glocke hängt und die Laufkundschaft dürfte das dann auch nicht stören, weil sie es möglicherweise nicht bemerken werden). Das ist dann eines der Mittel zur Kundenbindung und sollte eine Serie beendet sein, Figuren in einer anderen Serie eine neue Heimat finden lassen.

Ich denke, es ist offensichtlich geworden worauf dieser gemeinsam genutzte Hintergrund hinausläuft. Und neben der Romanze eröffnen sich dramaturgisch wichtige Soapelemente. Dass sowas läuft, zeigt die Serie »In aller Freundschaft« (die Serie bekommt jetzt gar einen Ableger im Vorabendprogramm, das bei der ARD quotentechnisch eine Art Sorgenkind ist) nachdrücklich. Die Kombination der klassischen Arztserie mit Elementen der Soap ist seit Jahren erfolgreich und wird gern gesehen.

Und doch: Selbst inhaltlich ›richtig‹ und aller Wahrscheinlichkeit nach auf Erfolg hin konzipierte Serien können fehlschlagen. Fernsehserien werden von vor Publikum getestet. Da werden alle Möglichkeiten der Ermittlung von Zuschauermeinungen ausgenutzt, aber das ist keine Erfolgsgarantie. Die Serien verschwinden dann - sang- und klanglos - aus dem Programm. Da hilft nur eins: Zurück ans Reißbrett und die nächste Serie raushauen (und erstmal eine Erfolgsserie wiederholen oder Hollywoods Spielfilme zeigen). Manchmal muss man auch nur ein bisschen Geduld haben. »Gute Zeiten - Schlechte Zeiten« ist so ein Beispiel bei der sich Geduld ausgezahlt hat. Die Soap produzierte im ersten Jahr ihres Bestehens nur lausige Einschaltquoten und es galt nach einem viertel Jahr und fast hundert Folgen als ausgemachte Sache, dass die Soap wohl alsbald eingestellt wird und die Daily Soap am Vorabend der Vergangenheit angehört. Aber Dieter Thoma (damals Chef von RTL) hatte einen langem Atem und setzte sich durch. Nun läuft die Serie schon zwanzig Jahre und ist immer noch einer der Erfolgsgaranten im Programm des Kölner Senders. Daher: Neben einer guten Formel für die Serie hilft auch mal ein bisschen Geduld, um einer Serie Zeit zu geben, sich zu etablieren. Dazu braucht es oft auch das berühmte Quäntchen Glück, um sich mit einer Serie durchzusetzen.

Da es hier ja um Nachfolger des Romanheftes geht, können wir auch noch einmal auf den Heftroman zurückblicken, um deutlich zu machen, dass Glück nicht schaden kann, um eine Erfolgsformel in die Welt zu setzen. Delfried Kaufmann hat seinen »Jerry Cotton« nicht erfunden und gewusst, dass am 16. Dezember 2014 der 3000. Heftroman der eigenen Serie erscheint (dazu mehrere Neuauflagen, ein paar hundert Taschenbücher, 9 Filme, Hörspiele und -bücher, ein paar Hardcover und ein Reboot im eBook). Auch Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting waren sich nicht klar darüber, als sie von Kurt Bernhardt zusammengepfercht wurden, um »Perry Rhodan« zu erschaffen, dass es 53 Jahre später die Serie immer noch gibt und sie immer noch das Flaggschiff des Heftromans ist und zudem mehrere Auflagen, eine Verfilmung, Taschenbücher in diversen Verlagen, ein Reboot und diverse Ableger und Miniserien erlebte. Jürgen Grasmück war sich auch nicht im Klaren darüber, dass seine als Dan Shocker verfassten Romane um Larry Brent und Björn Hellmark den letzten großen Erfolgstrend des Heftromans lostreten würden. Wie auch Helmut »Jason Dark« Rellergerd nicht im in entferntesten damit gerechnet hat, dass sein Oberinspektor in Sachen Geisterjagd mehr als 40 Jahre später immer noch Dämonen in die Hölle zurück schickt. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen (und um Dinge jenseits des Heftromans erweitern).

Doch vorher und nachher hat es mit vielen Projekten nicht geklappt. Aber das Heft warf soviel ab, dass es kaum ein Risiko war, einem Fehlversuch, einen weiteren Versuch folgen zu lassen. Diese Zeiten sind lange vorbei. Wer heute ein Erfolgsprojekt etablieren will muss Geld, Geduld und Ideen mitbringen und sich nicht an alte Erfolgsformeln klammern.

Aber die Schöpfer dieser Serien waren keine Technokraten, sondern in erster Linie Geschichtenerzähler. Das braucht es immer noch oder wieder. So manches was in den letzten Jahren adaptiert als Serie (gleich wie publiziert) vorgelegt wurde, war oft zu ›durchgestylt‹, zu technokratisch organisiert und zu sehr auf Stromlinie getrimmt. Oft fehlte eine Handschrift, die aus einer erfolgversprechenden eine erfolgreiche Serie macht. Wo man hinsieht: Hinter fast allen Erfolgsserien steckt zumindest ein brillanter Kopf mit einer Idee. Das darf nicht fehlen. Daher bringt es - IMHO - nichts, einen Haufen Technokraten an  einen runden Tisch zu setzen. Es gehört eine Portion Leidenschaft für Unterhaltung dazu. Die Schöpfer sollten mögen oder besser noch lieben was sie tun und das nicht nur als technisch-handwerklichen Vorgang unter Berücksichtigung von Umfragen und Konsumentenforschung betrachten. Das gilt auch für den redaktionellen Teil. Da gab es echte Trüffelschweine für Erfolgsstoffe: Vom Heft her möchte ich unter anderem Kurt Bernhardt und Werner Dietsch hervorheben. Gerade hier war es leicht nach Baukasten zu arbeiten, aber die großen Erfolge haben die Geheimzutat der Leidenschaft für einfache, aber gute Unterhaltung. In diese Kategorie dürften auch Gene Roddenberry und J. Michael Straczynski fallen.

Als Bastei (mit »John Sinclair«, »Vampira« und den »UFO-Akten«), Pabel (mit »Bravo-Herzklopfen«) und Kelter (»David Johnson« und »Roberta Lee«, »Mythenland« und ein paar Frauenserien) zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten Taschenhefte ausprobiert haben, erklärten alle nach Einstellung der Serien und Reihen, man habe es versucht und es hat nicht geklappt. Dabei hatten sie alle ihre Taschenhefte einfach nur zu Coras Programm gestellt und wohl das Beste gehofft.

Wo war der lange Atem? Es wurde nicht geworben. Werbung ist zwar nicht so einfach (und der TV-Spot kein Allheilmittel, weil Daten fehlen wo man die Leser dadurch erreicht und der letztlich auch richtig Geld kostet), aber zumindest ein paar Plakate und Aktionen in den Verkaufsstellen, kombiniert mit einem Händlerwettbewerb wären Möglichkeiten gewesen, potentielle Leser am Ort der Kaufentscheidung zu erreichen. Insgesamt waren die Versuche der Verlage - so sieht es von außen aus - eher halbherzig, getreu dem Motto, dass der diese Editionen schon ihre Leser finden werden. VPM hat mit PR-Neo da ein Beispiel gesetzt wie es gehen könnte und es gelingt offensichtlich, den Reboot der erfolgreichsten SF-Serie der Welt am Markt zu etablieren. Aber hinter »Perry Rhodan« (egal ob Classic oder Neo) glaube ich auch dieses Quäntchen Leidenschaft zu entdecken.

Dennoch stehen wir mit unseren neuen Serien vor diffizilen Entscheidungen, die den langen Atem eines Helmut Thoma erfordern, Investitionen und den Glauben an die eigenen - künftigen - Objekte, die dann im Netz und im Falle einer Printedition (die ich im Moment noch unbedingt für nötig halte) Werbung in Buchhandlungen, Kiosken und anderen Verkaufsstellen. Leider ist eine Printedition von Cotton-reloaded kontraindiziert, da sich beide Cotton-Serien letztlich zu ähnlich sehen und beide Jerrys eben dasselbe tun, nämlich Gangster, Terroristen, Spione und Staatsfeinde fangen und das im selben Zeitrahmen (nur mit veränderten Origin und Nebenfiguren). Da besteht Handlungsbedarf.

Viel schwieriger als Serien inhaltlich zu konzipieren, ist dann die Wahl der Publikationsform (und hier geht es nicht mehr nur um Heft, Taschenheft oder Taschenbuch. So einfach sind die Zeiten nicht mehr. Das herauf dämmernde digitale Zeitalter des Lesens verlangt eine Diversifizierung beim Publizieren und vielleicht auch ein paar verrückte Ideen. Die Frage ist: Wie bringe ich das Zeug unters (lesende) Volk. Mit welchen Kombinationen erreiche ich möglichst viele Leser aus allen Generationen. Da muss man natürlich über das Schlagwort ›digital first‹ nachdenken. Für ›digital only‹ ist es einfach noch zu früh, obwohl gerade Bastei Lübbe durch den Zukauf von Beam und die Ankündigung einer SF-Miniserie von Petra Jörns (die dieser Tage erscheint und über die wir in der kommenden Woche im Zauberspiegel noch lesen werden). Aber gerade der Zukauf von Beam dürfte eher ein Investment in die Zukunft sein. Es steht meines Erachtens nicht an, dass Beam zu einer ›Bastei Lübbe only‹ Plattform verkommt, denn es dürfte den Strategen in Köln klar sein, dass Bastei nicht allein den Weg in eine digitale Zukunft gehen kann. Immerhin hat Lübbe das ehrgeizige Ziel ausgegeben, die Hälfte seiner Umsätze im Rahmen eines Fünf-Jahres-Plans (hoffentlich sind sie da erfolgreicher als die Erfinder solcher Pläne), die Hälfte der Umsätze digital zu machen. Ich halte dieses Ziel für sehr ehrgeizig, aber man wird sehen. Allerdings sind darin nicht nur die eigenen Digital-Projekte enthalten, sondern auch die elektronischen Ausgaben des konventionellen Heft-, Taschenbuch- und Buchprogramm.

Dazu passt auch, der langfristige Vertrag mit Amazon, den die Bastei Lübbe AG mit Amazon abgeschlossen hat und darüber auch gleich eine sogenannte Ad Hoc-Mitteilung gemacht hat. Was das zu bedeuten hat und ob das wirklich eine so gute Nachricht ist, werden wir zu einer anderen Zeit betrachten.

Helmut W. Pesch (Bastei Entertainment) sagt zu den Ausführungen über ›digital only‹ und ›digital first‹:

Danke für deine Ausführungen. Was deine Anmerkungen zu "digital first" und "digital only" betrifft: Ich sehe das ganz genauso. Tatsächlich praktizieren wir bei Bastei Entertainment schon seit Längerem das Spiel mit verschiedenen Erscheinungsformen - von einer monatlichen Endlosserie wie "Cotton Reloaded" bis zu dem neuen Projekt "Space Troopers" von P.E. Jones (hinter der sich, wie du weißt, eine gemeinsame gute Freundin verbirgt) mit einem Sechsteiler. Auch eine neue Reihe im Bereich "Psycho-Thriller" mit unterschiedlichen Textlängen ist in Planung. Richtig ist sicher auch, dass sich eine reine E-Book-Veröffentlichung von niedrigpreisigen Titeln aus Verlagssicht schwer kalkulieren lässt: Wenn man sich ausrechnet, was bei einem Verkaufspreis von 1,49 € oder 1,99 € beim Verlag hängen bleibt, der den Autor, den Lektor, den Korrektor, das Cover und die technische Umsetzung zu bezahlten hat, so wird klar, dass sich damit derzeit noch keine Reichtümer verdienen lassen. Ich sehe darin trotzdem die Zukunft - oder zumindest einen Teil davon -, weil sich die Lesegewohnheiten ändern und weil solche Stoffe die Möglichkeit bieten, sie auch in anderen Medien, etwa im Audio oder im Print, auszuwerten. Auch wenn ich denke, dass die Nachfrage nach multimedialen Inhalten wachsen wird, gibt es immer noch einen Bedarf an einfach erzählten Geschichten. Ich selbst gehöre auch zu den Leuten, die in beiden Welten leben. Ich sammle sogar noch Bücher (zu Tolkien, was sonst?) und sehe darin keinen Widerspruch.

Bastei Lübbe hat Ende September dann gehandelt (fast immer wenn man denkt, es passiert nichts in Köln, überraschen einen die ehemaligen Bergisch Gladbacher). Mario Giordano (manchen als Autor des digitalen Pilotprojekts »Apokalypsis« bekannt) ist Chef der Entwicklung (von Inhalten - digital wie Print) geworden. Man nennt das - neudeutsch: »Head of Content Development«. Da bin ich mal gespannt was dabei herauskommt. Und ich verleihe meiner Hoffnung Ausdruck, dass die Inhaltsentwicklung keine so ›verkopfte‹ Veranstaltung wird. Es gab schon diverse Entwicklungsredaktionen für (Frauen-)Zeitschriften, die die unter anderem die ultimative Illustrierte erschaffen sollten und mit einem siebenstelligen Budget nur etwas hervorbrachten, dass bereits mit zwanzig verschiedenen Variationen am Kiosk lag und sich nur den als Titel verwandten Frauennamen unterschieden [dafür brauche ich aber kein siebenstelliges Budget, sondern nur eine Liste mit Frauennamen). Beinahe offensichtlich ist da der rein technokratische Vorgang ohne die Leidenschaft. Es ist einfach wichtig an Inhalten zu arbeiten, inhaltliche wie formale Eckpfosten einzuschlagen. Aber dabei handfest am Boden aktuell erfolgreicher Formate zu bleiben und diese zu adaptieren, ohne dabei in überkommene Erfolgsmuster zu verfallen. Dass Giordano auch kreativ arbeitet, nährt die Hoffnung in mir, dass er und seine Mitentwickler nicht nur handwerklich, sondern auch mit ein wenig Leidenschaft arbeiten.

Dennoch gilt es für die Verwertung in gedruckter Form andere Wege zu gehen. Taschenhefte, Massenmarkt-Taschenbücher (engl Massmarket Paperbacks), Tabloid (so unter dem Titel Soap Weekly) und was es da nicht alles zu probieren gilt. In einer Soap Weekly könnte neben einem Roman (kurz oder lang) auch Geschichten und Meldungen rund die Gesamt Arzt- und Schicksalschiene untergebracht werden. Dazu auch Artikel um die TV-Serien. Nur ein Gedankenspiel.

Generell sollte mal überhaupt diverse Textlängen (gerade bei ›digital first‹) Texten ausprobieren, um dann in der Druckauswertung Dinge zusammenfassen. Sprich ein Taschenbuch (-heft) sind drei, vier oder gar fünf eBook-Episoden. Ich will gar nicht alle Möglichkeiten anreißen, die mir da bei der Auswertung so einfallen.

Auch was die Länge der Serie angeht würde ich es mit unterschiedlichen Formen probieren. Mit von der Bandanzahl her limitierten Serien mit fortlaufender Geschichte im Stil der Telenovela. Mit Endlosserien im Stil von Soaps, mit Serien, die in Staffeln laufen und im Rahmen derselben gewisse Erdzählstränge abschließen. Mit Serien, die in einem band eine Geschichte abschließen, aber auch nach und nach eine Hintergrundgeschichte vorantreiben. Auch hier finden wir zahlreiche (auch aktuell laufende) Erfolgsmodelle.

Generell ergeben sich auch Möglichkeiten multimediale Elemente nicht nur als Illustration zu verwenden, sondern auch als Teil der Geschichte laufen zu lassen. So belauscht die Ehefrau ein Telefonat des Ehemannes mit der Geliebten (und ja dieses Telefongespräch könnte auch als Audiofile angeboten werden). Selbst in einen gedruckten Texte (da aber lediglich als Option) via QR-Code. Auch im Krimi denkbar, wenn die Kommissare abgehörten Telefonaten lauschen. Weitere Elemente scheinen denkbar. Filmische Elemente dürften allerdings eher Luxus zu sein und bestenfalls in Jubiläumsbänden oder zum krönenden Abschluss nützlich zu sein. Das sind Dinge, die man unmittelbar in einem eBook unterbringen kann. Aber es geht auch anders.

Unser Multimedia-Kolumnist Christian Spließ hat eine Folge seiner Kolumne genutzt, um einem einstmals als Erfolgskonzept gehandeltem Begriff nachzuspüren und stellt sich die Frage, ob dieses Konzept (trotz seiner kreativen Möglichkeiten) schon obsolet ist. In Transmediales Erzählen im Buchhandel: Gescheitert? geht er eben der im Titel gestellten Frage nach. Aber gerade auch für die simple Unterhaltungsserie ist das eine Möglichkeit.

Auch können diese Serien (oder auch Reihen) das Ende (Unterhaltungs-)Nahrungskette verlassen, sprich die Letztverwertung von irgendwas zu sein (wie es der Heftroman immer war). Nimmt man den Gedanken von Bastei Lübbe einer 360°-Verwertung auf, so könnte man mit diesen Serien direkt an TV-Produzenten herantreten. Immer kommt man dann mit Frischware (und nicht mit etwas, das sein X-Jahrzehnten läuft). Aber dafür soll ja nun Mario Giordano sorgen.

Kurzum: Es gibt soviele Möglichkeiten, dass ich noch tagelang die Finger wundschreiben könnte und ich hätte nicht alle möglichen Kombinationen gefunden. Ein letzter Gedanke noch, bevor ich das Thema für diesen Monat ruhen lasse. Für solche Serien braucht man kein Heftromanverlag gewesen zu sein. Das kann jeder Belletristikverlag, auch ein ›Syndikat‹ kleinerer Verlage oder auch Amazon herausbringen. Mal sehen, wer sich wann und womit nach vorn wagt.

Oder ob überhaupt etwas passiert? Mario Giordano, Lübbe und vielleicht auch andere werdens weisen ...

Kommentare  

#16 Larandil 2014-10-17 10:35
zitiere Ingo Kirchhof:
Ich möchte das Thema "Audiofile" mal aufgreifen. Textkapitel eines eBook mit Audio-Loop's zu unterlegen. Diese Audiodateien sollten stimmungsvoll zum jeweiligen Kapitel passen, und es müßte ein Loop sein, da die Lesegeschwindigkeiten ja unterschiedlich sind. Ich lese meistens mit Musik im Hintergrund laufend (z.B. War of the World's von Jeff Wayne), also warum nicht gleich im eBook mit einbauen. Soweit der Ansatz. Jetzt kommt vielleicht der Hinweis; das wäre ja wie ein Hörbuch! Nicht ganz, es wird kein Vorleser gebraucht und die musikalische Untermalung könnte auch von mehr oder minder bekannten Band's eingebaut werden. Und schon hätten wir eine Cross-Promotion.

Das wird spaßig, wenn zum Preis des Ebooks noch die GEMA-Gebühren dazukommen.
#17 Ingo Kirchhof 2014-10-17 11:26
@ Larandil

Spaßig ist dein Kommentar

Mach dich bitte erst mal schlau, ob dies in jeden Fall zu Gebührenabgabe führt. Nur wer seine Verwertungsrechte über die GEMA wahrnehmen läßt, hat anrecht auf Gewinnausschüttung. Ergo, es bleibt einem Urheber also vorbehalten, seine Rechte selbst wahrzunehmen oder diese Aufgabe einem Dritten, der GEMA zu übertragen.
#18 Larandil 2014-10-17 12:04
zitiere Ingo Kirchhof:
@ Larandil

Spaßig ist dein Kommentar

Mach dich bitte erst mal schlau, ob dies in jeden Fall zu Gebührenabgabe führt. Nur wer seine Verwertungsrechte über die GEMA wahrnehmen läßt, hat anrecht auf Gewinnausschüttung. Ergo, es bleibt einem Urheber also vorbehalten, seine Rechte selbst wahrzunehmen oder diese Aufgabe einem Dritten, der GEMA zu übertragen.

Solange dein Soundtrack aus selbst aufgenommenen Hintergrundgeräuschen besteht, klar. Aber wenn du zur stimmungsvollen Untermalung einen Track von Pink Floyd, U2 oder Helene Fischer ins Ebook einbindest, dann werden die schon Kohle dafür sehen wollen. Schließlich haben die keine Crossover-Promotion mehr nötig.
Aber hey! Tu, was du für richtig hältst. Ist ja deine Idee.
#19 Mainstream 2014-10-17 23:16
-
#Ingo Kirchof
Zitat:
Diese Audiodateien sollten stimmungsvoll zum jeweiligen Kapitel passen, und es müßte ein Loop sein, da die Lesegeschwindigkeiten ja unterschiedlich sind.
Das ist eine fantastische Idee, mit der ich schon Jahre vor eBooks schwanger ging. Allerdings sprichst du selbst die Lesegeschwindigkeit an. Aber was noch viel wichtiger ist, das ist der Kapitel-Aufbau. Ich kann dem Leser nicht den selben Sound-Teppich für einen Kapitel-Cliffhanger antun, wie bei Kapitel-Anfang. Das wäre kontraproduktiv.
Aber die Idee ist dennoch nicht so übel, und mit kreativeren Köpfen sicherlich lösbar.
(ohne dich jetzt UNKREATIV bezeichnen zu wollen)
Und Larandils Kommentar ist durchaus handfest. Weil man sonst für jedes Buch einen eigenen Soundtrack komponieren müsste. Stephen King macht solche Experimente gerne, und könnte vielleicht noch geschehen, aber im breiteren Spektrum finde ich das sehr unwahrscheinlich, weil zu kostenintensiv.

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