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Sieben gegen die Hölle - Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 7)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 7)
Südlich von Koblenz: Wacht am Rhein
Sara fuhr auf den Parkplatz am Rand der Bundesstrasse und legte den Kopf in den Nacken, um die Außenmauer von Burg Hohenfels im Licht der untergehenden Sonne zu betrachten. „Ich wünschte, ich hätte wenigstens einen Grundriss von dem Kasten. Einen Plan der Räume werden sie mir ja kaum geben ...“

"Darum kann ich mich kümmern." knirschte Skirfir hinter ihr.


Tagsüber hüllte sich der Zwerg in einen Kapuzenponcho, den ihm Sara in einem Dritte-Welt-Laden besorgt hatte, denn direktes Sonnenlicht war ihm unangenehm. Ein breitkrempiger Cowboyhut aus Leder und eine verspiegelte Sonnenbrille vervollständigten die Aufmachung.
Sara starrte den Zwerg mit großen Augen an. „Wie willst du das anstellen, Skirfir?“

„Indem ich zum Fels zurückkehre und eins werde mit dem Berg. Mit dem Berg und mit den Steinen, aus denen die Burg gemacht ist. Ich werde ihre Form kennenlernen und dann werde ich wissen, wo es dort Kammern gibt und ein wenig von dem, was darin vorgeht. Und danach verkrieche ich mich zurück in diesen Körper und berichte Euch, Meisterin.“

* * *

Skirfir hielt Wort. Bis zum nächsten Morgen hatte er einen Plan der Burg erstellt und konnte Sara auch zeigen, wo sich die Nacht über Menschen aufgehalten hatten und wo nicht. Kurz vor Sonnenuntergang wanderte sie auf den Haupteingang der Burg zu, ignorierte die Wechselsprechanlage am Burgtor und ließ sich mit ihrer Springwurz selbst ein. Es hatte vor einer halben Stunde angefangen zu schneien; die weißen Flocken fielen schnurgerade vom Himmel und sammelten sich auf dem Burghof. Skirfir hatte sie mit ihrem Funkwecker am Waldrand zurück gelassen mit der Anweisung, sie herauszuholen, wenn sie bei „22:30“ noch nicht wieder zurück war.

Der Strahl einer Taschenlampe blendete sie. „Halt! Wer sind Sie, und was machen Sie hier?“ Die Stimme zum Licht klang nach einem älteren Mann, überrascht und unsicher. Sara bemühte sich, Autorität in ihre Stimme zu legen. „Bringen Sie mich zu Herrn Lautenschläger. Ich habe mit ihm zu reden.“ - „Also, ich weiß ja nicht, wer Sie hier herein gelassen hat, junge Dame. Aber ich kann Ihnen sagen, dass Herr Lautenschläger niemanden ohne Terminvereinbarung empfängt. Und um diese Zeit schon gar nicht mehr.“

Sara legte den Kopf schräg und lächelte – ein Lächeln, das nicht über die Mundwinkel hinaus reichte. „Ich bin sicher, dass Herr Lautenschläger eine Ausnahme für mich machen wird. Ich komme mit einer Empfehlung von seinem alten Studienfreund Felix Leissner. Warum melden Sie mich nicht einfach an und dann sehen wir schon, was passiert?“ Der Wachmann hob sein Handy an den Mund und fragte nach Anweisungen. Er wirkte überrascht von der Antwort. „Herr Lautenschläger wird Sie in der Bibliothek empfangen. In fünf Minuten. Folgen Sie mir bitte, Frau …?“ Sara gab keine Antwort, und der Mann hatte auch nicht damit gerechnet. Er zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging voran.

Der Weg zur Bibliothek führte sie durch eine schwere Holztür in ein weiß gestrichenes Treppenhaus und hinauf ins zweite Stockwerk, wo Saras Führer an eine zweiflügelige Tür aus dunklem Holz klopfte. Dann öffnete er einen Flügel, winkte Sara hinein und schloss die Tür von außen. Die Bibliothek war beeindruckend. Etwa die Hälfte der Bücher war alt genug, um noch in Leder gebunden worden zu sein, aber auch neue Werke hatten ihren Platz, und in der Nähe des Fenster gab es einen Computerarbeitstisch. Die Reproduktion einer mittelalterlichen Weltkarte hing an der Wand über dem Kamin, in dem brennende Holzscheite knisterten. Auf halbem Weg von der Tür zum Fenster stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz mit einem bequem aussehenden Ledersessel, und vor dem Fenster ...

„Treten Sie ruhig näher, junge Frau.“ Felix Leissner sah jünger aus als Mitte neunzig. Zwar war sein Haar schlohweiß, aber das Haupthaar war noch voll und der Schnauzbart buschig. Auch seine Wangen waren noch nicht eingefallen. Er hielt sich sehr aufrecht und trug eine hellbraune Breitcordjacke mit Lederflicken an den Ellenbogen zu einem weißen Hemd und einer dunkelbraunen Hose. Trotz seiner einladenden Handbewegung zeigte das Gesicht des alten Mannes nicht die Spur eines Lächelns. „Sie haben meine Neugier geweckt. Das geschieht nicht mehr oft und einige, denen es in der Vergangenheit gelang, haben es bedauert … aber das wissen Sie wohl schon. Also: was führt Sie zu mir?“

„Ich komme wegen des Balmungs. Ich bin hier, damit das deutsche Volk nicht länger den Preis für Ihre Vermessenheit zahlen muss, Herr Leissner.“

Leissners Augenlider zuckten. Egal mit welchen Antworten er gerechnet hatte – diese war nicht dabei gewesen. „Das müssten Sie mir schon näher erklären.“ Er trat an den Schreibtisch heran, öffnete eine Schublade und zielte plötzlich mit einer Pistole auf Saras Kopf. „Und Ihre Erklärung sollte überzeugend sein, denn Sie werden nur diese eine Gelegenheit bekommen.“

„Herr Leissner: Wie Sie wissen, war Siegfried der letzte rechtmäßige Träger des Balmungs. Das Schwert ist durch viele verschiedene Hände gegangen seit Siegfrieds Tod, aber es hat keinem seiner Besitzer Glück gebracht. Sie gewannen ihre Kämpfe, aber sie verloren ihre Kriege. Hagen? Starb durch Kriemhilds Hand. Kriemhild wurde von Hildebrand getötet, der erst viele Jahre später in seine Heimat zu den Wenden zurückkam und dann dort gleich seinen Sohn im Zweikampf erschlagen musste. Nach Hildebrands Tod wurden die Wenden von anderen Völkern überrannt und gingen in ihren Eroberern auf. Balmung lag für mehr als tausend Jahre still im Grab, und Polen war immer wieder Schlachtfeld für seine Nachbarn – die Deutschen, die Russen, die Schweden, die Ungarn, die Österreicher … Bis Sie kamen und für Ihren Führer nach Siegfrieds Schwert suchten. Ich weiß, dass Sie im Juli 1941 mit den Ausgrabungen begannen. Und Anfang November wurden Sie dann fündig und schafften Ihre Beute nach Deutschland, um sie voller Stolz Herrn Himmler zu präsentieren.“

„Und weiter?“, fragte der alte Mann, der den Lauf der Pistole weiter ohne zu schwanken auf ihre Stirn gerichtet hielt. Sara holte tief Luft und fuhr fort.

„Es gibt Menschen, die denken, dass der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich mit dem ungewöhnlich frühen und starken Wintereinbruch 1941 verloren ging. Zuerst versanken die Straßen und Wege im Schlamm und dann traf der folgende strenge Frost die Wehrmacht völlig unvorbereitet. In Russland dankt man bis heute „General Winter“ für sein Eingreifen – gerade noch rechtzeitig, um die Deutschen vor Moskau zum Stehen zu bringen. Am sechsten November 1941 … wann haben Sie noch mal den Balmung auf die Wewelsburg gebracht?“

Felix Leissners Augen weiteten sich, und er ließ die Waffe sinken. „Nein! Das kann nicht sein!“ protestierte er mit versagender Stimme. „Das – das ist nicht möglich!“

„Ich bin noch nicht fertig, Herr Leissner! Diese Stiftung ist 1967 gegründet worden. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands war 1969 in den Landtagen aller Bundesländer vertreten außer in dem von Nordrhein-Westfalen – nur um im Herbst alles wieder zu verlieren und sich in Flügelkämpfen zu zerfleischen. Im Sommer 1969 waren Russen und Chinesen drauf und dran, sich gegenseitig umzubringen – im Herbst haben sie sich wieder vertragen. Wann haben Sie den Balmung aus der Gruft geholt und hierher gebracht, Herr Doktor?“ Sara starrte dem sprachlosen Leissner in die Augen und schüttelte dann langsam den Kopf. „Sie haben wegen seiner mythischen Qualität nach dem Schwert gesucht. Weil es ein Objekt voller alter, unverstandener Macht ist. Diese Macht hat Sie geprüft und sich anschließend gegen Sie gewandt; gegen Sie und gegen die, denen Sie dienten. Also - wagst Du, Walvaters Wollen zu wehren? "

Felix Leissners Finger lösten sich von der Pistole, und der dicke Teppich schluckte das Geräusch ihres Aufpralls. Er ließ sich in den Ledersessel fallen und sackte in sich zusammen, wirkte mit einem Schlag so alt, wie er wirklich war.

„Wir Menschen suchen in allem, was uns umgibt, nach Mustern und Zusammenhängen“, hatte Sara Loki erklärt. „Ich brauche also ein paar negative Entwicklungen für die Nazis im November 1941 und in der Nachkriegszeit am besten auch noch. Dann sehe ich eine gute Chance, den alten Mann schwindlig zu reden.“ Das Ergebnis ihrer Recherchen hatte sie dann selbst ins Grübeln gebracht. „Was ist, wenn an diesem Fluch wirklich was Wahres dran ist?“

„Das spielt doch gar keine Rolle! Es kommt darauf an, ob er glaubt, dass es wahr sein könnte!“, hatte Lokis Stimme in ihrem Kopf geantwortet.

 „Geben Sie mir das Schwert“, setzte sie nach. „Ich werde es an einen sicheren Ort bringen, weit weg von hier. Dort kann es darauf warten, dass ein Erbe von Siegfrieds Blut seinen Anspruch erhebt. Geben Sie mir Balmung und Deutschland wird endlich wieder frei sein von dem Fluch, den Sie gebracht haben.“

Mit gesenktem Kopf zog Leissner in beiden Flügeln des Schreibtischs je eine Schublade zur Hälfte heraus und drückte dann gegen die Platte. Der ganze Schreibtisch drehte sich auf seinem Sockel und gab ein verstecktes Fach frei, in dem auf roten Samt gebettet ein Schwert in seiner Scheide lag.

Sara ging auf die Knie und hob das Schwert auf, dann zog sie es aus der Scheide. Balmung hatte einen Griff aus elfenbeinfarbenem Material, der gerade lang genug war für Saras Hand, am Übergang zur Klinge nicht viel breiter als die Klinge selbst und mit einem trapezförmigen Knauf am anderen Ende. Die Klinge selbst war etwa so lang wie Saras Arm, zweischneidig mit einer abgerundete Spitze. Das spiegelblanke Metall schimmerte im Licht der Bibliothek mit einem leichten Grünstich.

Sara prüfte die Schneide mit dem linken Daumen. Trotz ihrer Vorsicht schnitt die Klinge durch die Haut, und ein roter Tropfen formte sich auf der Fingerkuppe. Ohne zu überlegen verschmierte sie das Blut auf der Klinge, dann schob sie das Schwert wieder in die Scheide zurück und nahm sie an sich. „Bemühen Sie sich nicht, Herr Leissner. Ich finde alleine hinaus ...“

Vom Fenster der Bibliothek aus sah Felix Leissner zu, wie die junge Frau mit dem Schwert Balmung durch das Burgtor schritt. Dann packte er den Griff der Luger 08 mit beiden Händen, um ihr plötzliches Zittern zu beherrschen, legte den Kopf in den Nacken, presste sich den Lauf in die weiche Haut des Halses direkt über dem Kehlkopf und drückte den Abzug.

* * *

Zurück im Auto zusammen mit Skirfir ließ Sara den Motor an und sprach die Frage aus, die sie seit Tagen beschäftigte. „Falls die Geschichte von dem Fluch stimmt und Balmung dem falschen Besitzer kein Glück bringt – dann können wir doch gar nicht gewinnen, wenn ich das Schwert behalte?“

„Oh, das ist kein Problem.“ Lokis Stimme in ihrem Kopf klang plötzlich irgendwie selbstgefällig. „Zum einen sollst du es ja auch gar nicht so lange behalten, sondern bei den Asen gegen meine Freiheit eintauschen. Und zum anderen … wärst du sehr überrascht, Sara, wenn ich dir sage, dass eine deiner Vorfahrinnen eine Zeit lang mit Siegfried dem Drachentöter unterwegs war, bevor er nach Worms ging? Und dass diese Verbindung fruchtbar war?“

Siegfrieds Erbin schüttelte ungläubig den Kopf und fuhr los. „Da denke ich, mich kann nichts mehr umwerfen. Und dann kommt mein Urahn mit so was daher. Siegfried ist mein Ur-hoch-hundert-Großvater? Im Ernst?“

„Na, eher so um Ur-hoch-achtzig. Aber sonst kommt's hin. Ich dachte damals, der richtige Held könnte mir dabei helfen, Odin meine Unschuld zu beweisen. Das hat aber nicht geklappt.“

 

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