Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Der Einzelgänger - Der Fall der verschwundenen Tochter

LogoDER FALL DER VERSCHWUNDENEN TOCHTER
von
Ingo Löchel

Wie jede Nacht spaziere ich durch die beleuchteten Straßen meiner Stadt, um einen klaren Kopf zu bekommen und die Dämonen aus meinem Herzen für einige Zeit zu verbannen.
Ich beobachte die Lichter hinter den Fenstern der vielen Häuser und Wohnungen, wo vielleicht gerade eine Untat passiert, die niemals aufgeklärt werden wird..
Ich bleibe kurz stehen, zünde mir eine Zigarette an und ziehe den Rauch in die Lungen.
Ich beobachte die wenigen Passanten, die mir begegnen, mit großem Argwohn, denn ich weiß nur zu gut, zu was Menschen alles fähig sind und was sie ihren Mitmenschen alles antun können.

Einer kann seinem Gegenüber in den Kopf schauen und die kranken Gedanken lesen, die sich dort im Verborgenen abspielen.
Jeder von uns hat sowohl eine gute als auch eine böse Seite in sich, die sich in ihren vielfältigsten Formen offenbart und die einen immerwährenden Kampf in der Seele eines jeden von uns führt, um die Oberhand zu gewinnen.
Doch viele von uns verlieren diesen Kampf oder wollen ihn erst gar nicht führen ...

***

Ich erholte mich gerade in meiner Lieblingskneipe und hing  philosophischen Gedanken über Gott und die Welt über einer Flasche Whisky nach, als eine Frau sich meinem Tisch näherte.
Ich blickte auf.
Ich schätzte die Frau auf Anfang 40.
Sie war aber wahrscheinlich eher einige Jahre älter, sah jedoch noch sehr gut aus und. hatte noch nicht das verlebte und verhärtete Gesicht der meisten Frauen in ihrem Alter.
Auch wurde ihr noch recht hübsches Gesicht nicht von kilometerdicker Schminke verunstaltet.
Das Leben, das jeder von uns führt, ist dem Menschen ins Gesicht geschrieben.
Darin sieht man Leid, Hass, Liebe und vieles mehr.
Und umso älter der Mensch wird, umso deutlicher ist dies im Gesicht und in den Augen eines jeden von uns zu lesen.
Wie hieß das Sprichwort doch so schön: Ab 40 ist man für sein Gesicht verantwortlich.
Na ja, ich glaube, ich schaue mich die nächste Zeit nicht mehr so oft im Spiegel an. Aber Scherz beiseite.
Auch diese Frau hatte schon viel in ihrem Leben erlebt, das las ich in ihren Augen, als ich sie mich anblickte.
Doch ich sah noch mehr.
Kummer, Leid und Sorgen waren in ihrem Gesicht zu lesen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich sie.
Sie wirkte in dieser Lokalität etwas fehl am Platze, sah man von meiner Person einmal ab.
„Ja .... äh ...  ein Herr Kommissar Wolfgang Rabe hat mich zu Ihnen geschickt. Er meinte, Sie könnten mir vielleicht helfen.“
Ich nickte.
„Setzen Sie sich doch bitte. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Nein, danke.“
„Wie haben Sie mich denn erkannt?“
„Kommissar Rabe hat Sie sehr gut beschrieben.“
Ich lächelte, was bei mir eher eine Seltenheit war.
Ich war im Grunde auch ich nicht zu übersehen, denn ich war der einzige, der in dieser Lokalität einen Anzug und Krawatte trug.
Aber das störte keinen der Insassen, denn ich war hier Stammgast und kannte die meisten Quartals- und Möchtegerntrinker.
„Also, wie kann ich Ihnen helfen, Frau ....?“
„Wagner, Erika Wagner.“

***

„Bearbeitest du neuerdings auch Vermisstenfälle?“, fragte ich Wolfgang, als ich ihn in seinen Büro besuchte.
„Nein, ich war nur zufällig anwesend, als Frau Wagner ihre Tochter als vermisst meldete.“
„Zufällig?“
Der Polizist grinste.
„Was ist dran an der Sache?“
„Es ist schon der siebte Fall dieser Art. Junge Frauen verschwinden spurlos, nachdem sie eine bestimmte Disco besucht haben.“
„Und? Haben deine emsigen und fleißigen Kollegen denn nichts herausgefunden?“
Der Sarkasmus in meiner Stimme war nicht überhören.
„Du weißt doch, wie solche Vermisstenfälle gehandhabt werden.“
Ich verzog das Gesicht.
Und ja, Ich konnte es mir sehr  gut vorstellen.
„Soll das etwa heißen, dass deine Kollegen der Sache nicht einmal nachgegangen sind?“
„Doch schon, aber...“
Ich winkte ab.
Ich konnte mir vorstellen was jetzt kam.
„Die Entschuldigung kannst du dir sparen. Wie heißt  denn diese ominöse Disco?“
Wolfgang nannte den Namen.

***

Als ich den Schuppen betrat, schauten mich die Teenies und jungen Leute an, als wäre ich ein Wesen von einem anderen Stern.
Für die zählte ich wahrscheinlich mit meinen Ende 30 wahrscheinlich schon zu den Grufties, die ihrer Meinung nach hier überhaupt nichts mehr zu suchen hatten.
Ich ging unterdessen zur Bar und bestellte mir eine Cola.
Der Barkeeper, ein Glatzkopf mit einem engen, figurbetonten schwarzen T-Shirt und einer dunklen Lederhose,  nickte stumm und kam nach einiger Zeit mit der braun-schwarzen Brühe zurück.
Nachdem ich an dem Gebräu genippt hatte, suchte ich mir ein Plätzchen, von wo aus ich das bunte Treiben in der Disco gut überblicken und genauer betrachten konnte.
Der Name HEAVEN passte hervorragend zu der sogenannten Disco, denn die meisten der hier Anwesenden schienen sich tatsächlich wie im siebten Himmel zu fühlen.
So sahen sie jedenfalls aus.
Einige Blicke ruhten immer noch auf meiner Person, doch nachdem ich nach einiger Zeit uninteressant geworden war, widmeten sich die jungen Leute wieder dem Abtanzen, oder den Versuchen so etwas wie tanzen auf die Beine zu stellen,  oder sie unterhielten sich, obwohl ich bezweifelte, dass bei dieser Lautstärke irgendeiner ein Wort verstand.
Mir taten jetzt schon die Ohren weh.
Manche von den jungen Leuten zogen auf der kleinen Tanzfläche eine richtige Ein-Mann-Show ab, was mir aber nur ein müdes Grinsen entlockte.
Die sogenannte Spaß – Generation war anscheinend ganz in ihrem Element.
Es gab natürlich auch einige, die sich gesitteter gaben, aber stille Wasser sind bekanntlich tief.
Nachdem ich das widerliche Gebräu, das sich Cola nannte, ausgetrunken hatte, fixierte ich eine Gruppe junger Männer, genauer gesagt vier an der Zahl,  in ziemlich teuren Outfits und mit gestylten Frisuren, die wahrscheinlich der neuesten Bravo – Mode, irgend einem Werbespot aus dem Fernsehen oder aus einem Modemagazin entsprungen waren.
Sie gaben sich locker und cool und schienen Hinz und Kunz zu kennen, doch etwas an ihrer Art ließ mich stutzig werden.
Sie gehörten bestimmt nicht zu den typischen Disco – Besuchern, obwohl sie dementsprechend angezogen und gestylt waren.
Sie sahen meiner Meinung nach eher wie zu teuer gekleidete Zuhälter aus.
Jedenfalls, wenn man wie ich mit der Zeit einen Blick für solche Typen bekommen hatte, und den hatte ich weiß Gott.
Natürlich sahen ihnen das die sogenannten Normalbürger nicht an.
Insbesondere nicht die Teenies und jungen Leute in der Disco, die dem schönen Schein erlegen waren und dem sogenannten Fun frönten.
Die würden wahrscheinlich noch nicht einmal merken, wenn ihnen der Teufel persönlich in den Hintern kniff.
Die vier Typen begaben sich unterdessen zum Glatzkopf an die Bar, den sie anscheinend sehr gut kannten, und unterhielten sich  minutenlang mit ihm.
Langsam kamen mir die Worte von Erika Wagner in den Sinn, die davon gesprochen hatte, dass es in der Disco nicht mit rechten Dingen zuging.
Wenn sie diese Typen damit gemeint hatte, hatte sie mit größter Wahrscheinlichkeit einen Treffer gelandet.
Nachdem sich die vier Kerle schließlich wieder vom Glatzkopf getrennt hatten, schienen die vier gezielt die ganze Disco abzuklappern und quatschten nach Belieben die dortigen weiblichen Wesen an.
Sie wussten anscheinend genau, welche Art von Frau sie anlabern und anbaggern konnten und bei welchen sie von vornherein mit ihrer Anmache scheitern würden.
Schließlich kam jeder der Kerle mit mindestens einer jungen Dame zur Bar zurück, wo sie ihre Anmache weiter verfeinerten.
Ich ging zur Bar zurück und beobachtete seitlich davon, was da so weiter vor sich ging.
Dabei interessierte mich besonders Glatzkopf an der Bar in seinen hautengen Klamotten, unser Meister Propper für Arme, der anscheinend keine unwichtige Rolle in diesem bunten Treiben zu spielen schien.
Und richtig.
Mein Instinkt hatte mich nicht betrogen.
Während Glatzkopf anscheinend die Drinks für die Damen mixte, griffen seine Hände fast unbemerkt unter die Theke und kamen blitzschnell mit einem weißlichen Pulver zurück.
‚Puderzucker ist das bestimmt nicht‘, dachte ich und beobachte wie das Pulver, von den übrigen Gästen an der Theke unbemerkt, blitzschnell in die Gläser wanderte.
Während die vier weiter auf ihre Eroberungen einredeten, stellte Glatzkopf die präperierten Gläser auf die Theke.
Die jungen Damen tranken, als hätten sie tagelang nichts zu trinken bekommen und als ob es sich um ganz normale Drinks gehandelt hätte.
Was hatte Glatzkopf wohl in die Gläser getan?
Koks oder eines der vielen anderen diversen Rauschmittel?
Jedenfalls würden die Drinks bestimmt bald ihre Wirkung zeigen.
Welche das wohl war?
Schließlich verließ die Bande mit ihren Eroberungen, die von nur einem Drink schon leicht schwankten,  die Disco.
Ich winkte Glatzkopf unterdessen zu mir, bezahlte die Cola und folgte der Gruppe nach draußen.
Dort sah ich, wie sie in zwei Wagen stiegen und abfuhren.
Unbemerkt notierte ich mir die Nummern und machte mich dann auf den Heimweg.

***

Am anderen Morgen besuchte ich ein weiteres mal meinen Freund Kommissar Rabe bei der Polizei.
Ich hatte eine kleine Aufgabe für ihn, denn bekanntlich wäscht eine Hand die andere.
„Kannst du diese beiden Autonummern bitte überprüfen und mir Informationen über die Disco Heaven und dessen Besitzer zukommen lassen?“
Er nahm den Zettel entgegen und grinste.
„Also bist du an den Fall dran?“
„Wenn sich sonst niemand darum kümmert. Außerdem habe ich Frau Wagner versprochen, mir die Disco einmal genauer anzuschauen und dieser Schuppen ist oberfaul. Wann bekomme ich die Informationen?“
„Du kannst sie dir in einer Stunde abholen.“
„Service des Hauses?“
Er nickte.

***

Über den Besitzer hatte Wolfgang nicht so viel herausgefunden. Vorbestraft war Meister Propper nicht.
Er hatte in seinem bisherigen Leben noch nicht einmal falsch geparkt. Ein kleiner Saubermann.
Es wunderte mich allerdings nicht, dass sich Glatzkopf als Besitzer der Disco herausstellte.
Auch über die Autobesitzer der beiden Kennzeichen war nichts Negatives bekannt, was über ihre kriminelle Aktivitäten natürlich nichts aussagte, die sich ja meistens im Verborgenen abspielten.
„Nicht sehr viel“, murmelte ich, als ich die Informationen überflog.
„Tja, mehr war leider über die Typen nicht herauszufinden.“
„Die Wunder der Technik sind manchmal doch nicht so ergiebig, wie sie immer so angepriesen werden. Aber danke trotzdem.“
Ich wurde in den nächsten Wochen ein ständiger Besucher der Disco und gehörte bald schon zum Inventar.
Auch die vielen Stammgäste kannten mich inzwischen und hatten sich an mich gewöhnt, auch wenn ich mit meinem Outfit ganz und gar nicht hier hineinpasste, aber das störte mich nicht im geringsten.
Als Stammgast konnte ich leichter und ein bisschen ungestörter herumzuschnüffeln und mich mit dem einen oder anderen Gast ungezwungen  unterhalten.
Selbst Glatzkopf schien mich als Gast seiner Lokalität inzwischen akzeptiert zu haben.
„Heute ist wohl nicht so viel los wie sonst?“, bemerkte ich, als ich an der Bar saß.
Meister Propper nickte.
„Das ändert sich sehr schnell wieder. Bald kommen die meisten aus den Kinos und dann geht hier die Post ab. Wo sollen die Leute auch sonst hingehen und sich vergnügen?“
Kaum eingebildet, der Kerl, dachte ich.
„Ich habe gehört, dass hier in der Nähe bald eine weitere Disco aufmacht?“
Glatzi winkte ab.
„Die ist doch keine Konkurrenz für mich. In ein paar Wochen macht die Pleite. Da mache ich mir keinen Kopf drüber.“
Unsere Unterhaltung wurde gestört, als sich eine gutgebaute junge Lady neben mir an die Theke setzte und mich ansprach.
„Laden Sie mich zu einem Bier ein?“
Ich drehte den Kopf und grinste.
„Eine Cola können Sie gerne haben, Kleine, aber ein Bier bekommen Sie von mir nicht.“
„Hey, ich bin schon volljährig.“
„Das glaube ich Ihnen selbstredend, aber trotzdem ist kein Bier drin. Also?“
Sie nickte.
Ich bestellte zwei Cola, ich wollte schließlich ein Vorbild sein, und betrachtete, während Glatzi die Getränke holte, die junge Lady aus den Augenwinkeln heraus, was mir ein Lächeln von ihr einbrachte.
Ein wirklich schönes und bezauberndes Lächeln, musste ich zugeben.
„Quatschen Sie immer wildfremde Männer in der Disco an?“, fragte ich sie.
„Nein, nur wenn sie mir gefallen. Und mir gefallen nur sehr wenige Männer.“
Ich schaute in den Spiegel an der Bar.
Litt das Mädchen etwa unter Geschmacksverirrung?
Man konnte mich nun wirklich nicht gerade als gutaussehend beschreiben.
Eher das Gegenteil war der Fall.
„Ich könnte ja fast Ihr Vater sein. Wie alt sind Sie? 18 oder 19?“
„Ich werde dieses Jahr 20 Jahre alt. Also können Sie den Vaterquatsch vergessen. Sie sind doch höchstens Mitte 30.“
„Schön wäre es“, murmelte ich. „Wenn Sie noch ein paar Jährchen hinzurechnen, kommen Sie ungefähr hin.“
„Naja, die paar Jahre mehr oder weniger machen den Kohl auch nicht fett.“
‚Den Kohl nicht’, dachte ich.
Unterdessen brachte Glatzi die beiden Colas und widmete sich dann wieder den anderen Gästen an der Bar.
„Aber tanzen gehe ich mit Ihnen nicht“, sagte ich zu ihr, nachdem ich an der Cola genippt hatte.
Was die Leute an diesem Zuckergetränk nur so toll fanden?
„Das habe ich mir fast schon gedacht. Sie stehen wohl nicht auf diese Art von Musik?“
„Nein, ich höre am liebsten Frank Sinatra“, erwiderte ich und hoffte, sie damit ein bisschen abgeschreckt zu haben, aber genau das Gegenteil war leider der Fall.
„Der ist auch cool.“
Ich schaute sie überrascht an.
„Sie wollen mir doch wohl nicht weismachen, dass Sie in Ihrem Alter Frank Sinatra hören?“
„Doch, warum denn nicht? Nur weil ich erst 19 Jahre al bin, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mir auch so einen Müll reinziehen muss, wie die meisten meiner Altersgenossen. Oder?“
Schlaues Mädchen, dachte ich.
Ich grinste.
„Na, das ist ja ein Grund zu Feiern“, erwiderte ich. „Man lernt nicht alle Tage eine junge Dame kennen, die Musikgeschmack besitzt. Also, was kann ich Ihnen außer Bier und Cola noch bestellen?“
„Einen Sekt?“, fragte sie.
„Warum nicht.“
Ich bestellte bei Glatzi zwei Gläser Sekt und trank, nachdem Meister Propper den Sekt gebracht hatte, Bruderschaft mit der Kleinen.
Es schien ein netter Abend zu werden.

***

Ich schaute auf  meine Armbanduhr.
Nicht eines diesen Quartzdingern, die ich hasste.
Nein, ich war altmodisch und hatte mich heute statt für eine automatische für meine mechanische Uhr entschieden.
Heute Abend schienen die vier Zuhältertypen wohl nicht mehr zu kommen.
Also, was sollte ich mit dem angebrochenen Abend machen?
Ich beobachtete, wie die Kleine von der großzügigen Tanzfläche zurückkam. Bewegen konnte sich das Mädchen. 
Das Kleid, das sie trug, bewegte sich im Gleichklang  ihrer geschmeidigen Bewegung auf und ab.
„Was machen wir jetzt?“, fragte sie mich.
„WIR machen gar nichts. Ich denke, ich bringe Sie zuerst nach Hause und dann werde ich mich noch in meine Lieblingskneipe begeben.“
„Da komme ich mit“, erwiderte Caroline.
„Davon wüsste ich aber. Nichts da. Es bleibt dabei.“
„Ich bin aber noch nicht müde und schon ein großes Mädchen.“
„Das glaube ich Ihnen gerne, aber...“
„Ich weiߓ, sagte sie schmollend, aber dann machte sich wieder dieses bezauberndes Lächeln auf ihrem Gesicht breit.
„In Ordnung, aber unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Wir gehen morgen zusammen Essen. Und natürlich holen Sie mich von zu Hause ab. Ganz, wie sich das gehört.“
Ganz schön kess, die Kleine, dachte ich, aber sie war nicht nur wunderschön, sondern schien auch Grips im Kopf zu haben.
Und nicht nur das gefiel mir an der Kleinen.

***

„Bist du für eine 19jährige nicht schon ein bisschen zu alt?“, murmelte ich und nahm einen Schluck des schottischen Whiskies.
Dabei fing ich mir einen Seitenblick von Jupp, dem Besitzer meines Lieblingslokales ein.
„Du solltest dich lieber auf deinen Fall konzentrieren“, führte ich mein Zwiegespräch fort, „anstatt an die Kleine zu denken. Na gut, sie sieht ja wirklich toll aus, aber etwas ist an ihr ....“
„Ist es schon so weit mit dir?“, fragte mich schließlich Jupp, der Besitzer der Kneipe.
„Was meinst du?“
„Du weißt doch, was mit Leuten passiert, die zu viele und zu lange Selbstgespräche führen?“
Ich grinste.
„Komm setz dich, alter Sack“, erwiderte ich, „und trink ein Glas oder zwei mit mir.“
Jupp erwiderte das Grinsen und dachte bereits an das flüssige Brot, dass bald seine Kehle herunterfließen würde.
„Da sage ich nie Nein“, sagte er, füllte die beiden neuen Biergläser und paffte an seiner Zigarre munter weiter.

***

Ich besah mich im Spiegel, als ich mir meine Krawatte band. Sie passte perfekt zum dunkelblauen Anzug.
„Na, alter Knabe, für dein Alter siehst du ja noch ganz gut aus.“
Ich grinste und schaute auf die Uhr.
Langsam musste ich los.
Ich hasste nämlich Unpünktlichkeit über alles.
Das zeugte . meiner Meinung nach - von Unzuverlässigkeit.
Lieber ein paar Minuten zu früh, als zu spät, war schon immer meine Devise gewesen.
Da ich kein Auto besaß, denn ich hasste Autofahren über alles, nahm ich ein Taxi und holte Caroline, so hieß nämlich die Kleine aus der Disco,  von zu Hause ab.
Caroline wohnte mit ihren Eltern in einem Einfamilienhaus in keiner so schlechten Gegend der Stadt, wie ich fand.
Vielleicht ein bisschen zu ruhig und spießbürgerlich für meinen Geschmack, aber dafür gab es hier anscheinend keine Assis und ähnliches Gesocks, die des Nachts schreiend die Straßen unsicher machten und die Leute mit ihrem Gejohle aus den Betten rissen.
Ich ließ den Taxifahrer warten und stieg aus dem Wagen.
Als ich an der Tür klingelte, wurde mir nach wenigen Sekunden geöffnet.
Doch nicht Caroline stand vor der Tür, sondern anscheinend ihr Vater, der mich begrüßte und entsprechend musterte.
Anscheinend hatte ich die erste Prüfung bestanden, denn er bat mich ins Haus.
„Caroline braucht nur noch einige Minuten. Setzen Sie sich doch bitte“, sagte er und führte mich ins Wohnzimmer.
„Darf ich Ihnen ein Glas Cognac anbieten?“
Ich nickte.
„Da sage ich nie Nein.“
Er musterte mich.
„Keine Angst, Herr Von Bergen, ich bin mit dem Taxi hier.“
„Das habe ich gesehen. Ich will hier keine lange Rede halten, denn Sie sind anscheinend anders als die üblichen geistigen Nieten, die hinter meiner Tochter her sind und nicht anderes im Kopf haben als Ausgehen und Spaß haben. Aus diesem Alter scheinen Sie ja wohl schon lange heraus zu sein. Lange Rede, kurzer Sinn...“
Doch bevor er aussprechen konnte, was er eigentlich sagen wollte, erschien Caroline, und sie sah wirklich bezaubernd aus.
Mir blieb fast die Spucke weg.

***

Ich hatte einen Tisch in einer Pizzeria bestellt, in der ab und zu auch Eros Ramazotti speiste, wenn er Konzerte in meiner Heimatstadt gab.
Dementsprechend waren auch die Preise, aber die Pizzen waren wirklich hervorragend und auch der Wein schmeckte vorzüglich.
„Und, hat dir mein Vater einen seiner üblichen Vorträge gehalten?“
„Ja, er erwähnte irgendwelche jungen Kerle, die hinter dir her seien, aber nichts anderes im Kopf hätten als Ausgehen und Spaß haben.“
Sie nickte.
„Ja, die Typen, die ich kennen lerne, sind meistens wirklich ziemlich oberflächlich, aber jetzt habe ich ja dich.“
„Hast du? Wir sollten vielleicht noch einmal darüber sprechen, dass ich 39 Jahre alt bin und du noch nicht einmal 20 zählst.“
Sie winkte ab.
„Musst du immer auf diesen Altersunterschied herumreiten. Wenn man sich liebt, ist das Alter doch egal.“
‚Herumreiten ist gut’, dachte ich.
„Ja, aber wenn die Liebe erst einmal vergangen ist, dann sieht die Sache ganz anders aus.“
Caroline nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas.
„Der Chianti schmeckt wirklich ausgezeichnet“, bemerkte sie.
Ich grinste.
„Du brauchst gar nicht zu versuchen, das Thema zu wechseln. Was findest du bloß so interessant an mir?
Ich sehe nicht besonders gut aus, habe ein paar Kilos zuviel auf den Rippen und habe nicht gerade sehr viel Geld.  Also im Grund ein ganze normaler Mensch.
Sie stand auf, umarmte und küsste mich.
„Das bist du eben nicht“, sagte sie und da war ich wirklich sprachlos.
Und das kommt wirklich sehr selten vor.
Man könnte sogar sagen, so gut wie nie.

***

Nach diesem bezaubernden Abend brachte ich die Kleine  noch sicher nach Hause.
Ihr Vater, der anscheinend ebenfalls einen Narren an mir gefressen hatte, lud mich noch zu einem weiteren Glas Cognac ein.
Auch Caroline gesellte sich noch zu uns und es wurde noch ein netter und sehr gemütlicher Abend.
Doch irgendwie verspürte ich ein ungutes Gefühl im Hinterkopf, der mich seit ihrem ersten Auftauchen nicht mehr losgelassen hatte. 
Ich konnte dieses Gefühl schwer definieren, aber irgend etwas an den beiden störte mich.
Schließlich verabschiedete ich mich und sagte Caroline, dass wir uns erst am Wochenende sehen könnten, da ich die ganze Woche zu arbeiten hätte
Sie war zwar darüber ganz und gar nicht zufrieden, nickte aber schließlich.
Ich gab ihr für ihre Einsicht noch einen langen Abschiedskuss und machte mich dann auf den Heimweg.
Als ich durch die nächtlichen Straßen ging, wurde mein Gehirn wieder ein bisschen klarer.
Irgend etwas stimmte mit der Familie nicht.
Seit wann nimmt ein Vater einen wildfremden Mann, den er noch nie zuvor gesehen hatte und der noch dazu hinter seiner Tochter her ist, so freundlich auf?
Und wieso sollte eine 19jährige hinter einem 20 Jahre älteren Mann her sein?
Natürlich gab es solche Konstellationen zu genüge, aber ganz normal war das ganze Theater, was ihnen die beiden vorspielten, nicht.
Das war das Wort.
Die beiden spielten mir ein ziemlich gutes Theater vor.
Mein Verstand, der wahrscheinlich noch vor etwa einer halben Stunde ganz woanders gehangen hatte, arbeitete wieder auf Hochtouren.
Wollten mich Vater und Tochter zum Narren halten?
Und wo, verdammt noch mal, war die Ehefrau des Hauses?
Wir lebten ja schließlich nicht im Märchenwald.
Und das Leben begann nicht mit „Es war einmal“ und endete auch nicht mit „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, nein, die Realität sah ganz anders aus.
Und eigentlich hätte ich das in meinem gereiften Alter auch  wissen sollen.
Ich griff in die Innentasche meines Mantels und zog eine Zigareete hervor, die ich mir in den Mund steckte und dann mit meinem Feuerzeug entzündete.
Als ich den ersten Rauch durch meine Lungen sog, war ich wieder ganz der alte.
Mein Verstand war wieder voll da und mein Argwohn wieder voll entbrannt.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich zu Hause ankam.
Doch der kleine Spaziergang hatte mir richtig gut getan.
Und dann fiel mir endlich ein, was mich die ganze Zeit gestört hatte: ihre Augen.
Das wunderschöne Lächeln, das mich die ganze Zeit geblendet und vom Wesentlichen abgelenkt hatte, war nicht bis zu Carolines Augen vorgedrungen.
Ihre Augen waren eiskalte Perlen geblieben, die so leblos wirkten wie die Augen von toten Fischen.
„Du alter Narr“, murmelte ich und blies den Rauch aus den Lungen.

***

„Kannst du etwas über eine Familie Von Bergen herausfinden?“, fragte ich Wolfgang und reichte ihm einen Zettel mit Name und Adresse.
„Bin ich vielleicht dein Auskunftsbüro? Willst du, dass ich meinen Job verliere?
Wenn es herauskommt, dass ich dir helfe und dass du hier sozusagen schon eine so Art Stammgast in meinem Büro geworden bist, bekomme ich noch sehr großen Ärger mit meinem Vorgesetzten.
Der ist sowieso in der letzten Zeit nicht so gut auf mich zu sprechen.“
„Kann ich mir gar nicht vorstellen, Wolfgang, bei deiner netten und charmanten Art.“
„Verarschen kann ich mich auch selbst“, erwiderte er.
Ich schaute ihn einige Zeit lang stumm an.
„Du kennst doch hoffentlich das Sprichwort, eine Hand wäscht die andere? Du schuldest mir noch diverse Gefallen, wenn ich dich daran erinnern darf.“
Er winkte ab.
„Ist ja schon gut. Warte einen Moment.“
Es dauerte einige Zeit lang, bis er von seinem PC wieder aufblickte.
„Ich habe da etwas. Bezieht sich aber nicht auf den Ehemann, sondern auf dessen Frau, die nach einem Streit das gemeinsame Haus verlassen hatte und seit dieser Zeit sozusagen verschwunden ist.“
„Aha, gibt es dazu näheres, Zeugenaussagen, Protokolle und ähnliches?“
„Du willst es wohl ganz genau wissen?“
Ich nickte.
„Warte mal bitte“, erwiderte er, stand auf und verließ für einige Zeit das Büro, kam dann mit einer Akte unter dem Arm zurück.
„Sieh dir die Akte an, aber unterstehe dich und nimm sie mit!“
„Was denkst du von mir?“
„Soll ich darauf wirklich antworten?“
„Unterstehe dich.“
Ich schaute mir die Unterlagen an.
Nach den übereinstimmenden Aussagen einiger Nachbarn, verließ  die Ehefrau nach einem Streit mit ihrem Mann das Haus.
Nach der Aussage ihres Ehemannes wollte sie anscheinend bei ihrer besten Freundin übernachten. Doch dort kam sie nie an.
Die Beschreibung der Frau, die das Haus verlassen hatte, waren überraschend gut.
Was mich aber stutzig machte, war, dass die Beschreibung der weiblichen Person sehr gut auch auf die Tochter des Hauses hätte passen können.
Auf was war ich da wieder gestoßen?
In meinem Kopf kristallisierte sich so etwas wie ein Mordfall heraus.
„Danke für deine Hilfe“, sagte ich und gab Wolfgang die Akte zurück.
„Was ist dieser Hans Von Bergen eigentlich von Beruf?“
„Unternehmensberater.“
„Und wo hat er überall seine Finger drin?“
„Keine Ahnung.“
„Hat er irgend etwas mit der Disco Heaven zu tun?“
Aber auch darüber wollte oder konnte mir Wolfgang, das Unschuldslamm, anscheinend keine Auskunft geben.
Er mauerte, was mich nur in meinem Verdacht bestärkte, dass mit der Familie irgend etwas nicht stimmte.
Schließlich verließ ich mit einem „Ich werde mich revanchieren“ auf den Lippen Wolfgangs  Büro.
Schließlich sollte er wegen mir keinen Ärger bei seinem Vorgesetzten bekommen.
Was natürlich vollkommener Blödsinn war, denn Wolfgang war sowohl bei seinen Kollegen als auch bei seinen Vorgesetzten sehr beliebt, was eben mit seiner netten und charmanten Art zu tu hatte.

***

Caroline war überrascht und schien gar nicht erfreut zu sein, als ich plötzlich vor der Haustür stand.
Ihre toten Fischaugen beobachteten mich und wirkten dabei etwas irritiert.
„Hattest du nicht gesagt, du hättest die ganze Woche zu tun?“, begrüßte sie mich.
Ich grinste.
„Freu dich doch, dass ich mir extra etwas Zeit für dich genommen habe. Ist dein Vater zu Hause?“
Sie nickte.
„Ist er zu sprechen?“
„Ja, natürlich, komm rein.“
Ich schien irgendwie zu stören.
Das merkte ein Blinder mit dem Krückstock, aber das störte mich nicht im geringsten. Auch ihr Vater schien nicht gerade erfreut darüber zu sein, mich zu sehen.
„Störe ich?“
Er schüttelte den Kopf.
„Aber nein, kommen Sie doch bitte rein“, erwiderte er in gespielter Freundlichkeit.
Ich setzte mich auf das Sofa, begleitet von Caroline, die sich neben mich setzte und mich neugierig beobachtete.
„Wo ist eigentlich Ihre Frau, wenn mir die Frage erlaubt ist? Ich habe sie schon bei meinem letzten Besuch nicht gesehen.“
„Sie ist verreist.“
„Ist sie das? Nach Aussagen der Polizei ist sie seit einem heftigen Streit mit Ihnen spurlos verschwunden.“
Er sah mich überrascht an.
„Woher wissen Sie das?“
„Es ist mein Beruf, so etwas zu wissen bzw. herauszufinden. Was ist an diesem Abend passiert?
Haben Sie Ihre Frau im Streit umgebracht und Ihr Töchterlein, das Sie anscheinend innig liebt, hat in der Kleidung ihrer Mutter das Haus verlassen, um es so aussehen zu lassen, als ob Ihre Frau tatsächlich das traute Heim verlassen hat.“
„Wovon redest du eigentlich?“, fragte mich Caroline.
„Ich rede davon, dass deine Mutter spurlos verschwunden ist und dass eure Nachbarn eine Frau aus dem Haus haben kommen sehen, die nach den Beschreibungen zu urteilen auch du hättest sein können.“
Die beiden hatten Dreck am Stecken, das sah ich ihren Gesichtern an.
„Es ist mir eigentlich egal, ob Sie ihre Frau um die Ecke gebracht haben und ob Sie mit Ihrer eigenen Tochter ins Bett gehen.
Ich will nur wissen, was in dieser Disco Heaven vor sich geht und warum dort junge Frauen spurlos verschwinden Also?“
„Was wollen Sie eigentlich von mir?“
„Habe ich das nicht gerade gesagt? Oder spreche ich chinesisch? Ich kann auch härtere Seiten aufziehen und zur nächsthöheren Stufe übergehen.
Ich gebe der Polizei einfach einige Tipps, und die werden bestimmt schnell herausfinden, dass Ihre Frau nie das Haus verlassen hat, jedenfalls nicht lebend.
Also, was ist jetzt? Wo sind die verschwundenen Frauen?“
Väterchen sah zu seiner Tochter, die ein Gesicht machte wie sieben Tage Regenwetter.
Schließlich nickte sie.
„Und du?“
„Nein, ich werde der Polizei nichts erzählen, wenn ihr mir das erzählt, was ich hören will. Also, was ist jetzt? Ich bin kein so geduldiger Mensch.“
„Sag es ihm, Papa“, erwiderte sie und dann begann der Saubermann wie ein Vögelchen zu singen.

***

„Und dort ist das Haus, wo die Frauen festgehalten werden?“, fragte ich Van Bergen.
Dieser nickte.
„Und was geht im Heaven noch so ab? Sind auch Drogen im Spiel?“
„Ja!“
Ich stieg, nachdem er mir auch darüber einiges erzählt hatte, aus dem Wagen.
Bevor ich jedoch die Tür zuschlug, fragte ich ihn: „Sie spielen doch jetzt nicht etwa mit dem Gedanken, mich über das Handy an die Kerle zu verraten, wenn ich jetzt in das Haus hineingehe?“
„Wo denken Sie hin?“, erwiderte er scheinheilig und in gespielter Entrüstung.
„Genau in die richtige Richtung. Geben Sie mir bitte Ihr Handy!“
Er wollte erst nicht, aber nachdem ich ihm meine Pistole unter die Nase gehalten hatte, gab er es mir freiwillig.
„Den Autoschlüssel hätte ich auch gerne!“
„Und wie soll ich von hier wegkommen?“
„Gar nicht. Sie warten so lange, bis ich mit den Frauen aus dem Haus gekommen bin und dann fahren Sie uns von hier fort. Haben wir uns verstanden?“
Er nickte nicht gerade sehr erfreut über die Situation in der er sich befand.
Aber das war mir, ehrlich gesagt, schurz piep egal.

***

Als ich den Hauseingang betrat, hätte ich am liebsten gekotzt.
Was war das hier bloß für ein Saustall.
Es stank so, als hätten alle Bewohner des Hauses gleichzeitig in alle Ecken gepinkelt.
Ich stieg fast lautlos die Treppe zum zweiten Stock hinauf und horchte kurz an der Tür.
Laut Aussage von Papi Von Bergen, wurden die jungen Frauen in dieser Wohnung festgehalten, bevor sie in irgendeinen Puff in Deutschland oder im  Ausland verkauft wurden.
Ich entsicherte meine Waffe, trat einige Schritte zurück und trat knapp unterhalb des Schlosses mit voller Wucht gegen die Tür.
Die Tür schien nicht gerade von der widerstandsfähigen Art zu sein, denn sie gab schon beim ersten Mal nach.
Ich hörte Schreie und einige Männerstimmen aus einer der vielen Zimmer der Wohnung und dann sah ich einen der Kerle aus der Disco.
„Lass die Knarre fallen“, sagte ich, aber er wollte einfach nicht hören. Und so schoss ich ihm mit einem gezielten Schuss die Kniescheibe weg.
Er schrie vor Schmerzen auf, ließ seine Waffe fallen und fiel auf den Boden. 
Sein Kumpan war zwar etwas schlauer, aber auch ihn verwandelte ich mit zwei gezielten Schüssen zum Krüppel.
Weitere Fratzen ließen sich anscheinend nicht im Flur blicken.
Doch da hatte ich mich getäuscht.
Ich hätte vielleicht doch besser aufpassen sollen.
Als sich von hinten eine Schlinge um meinen Hals legte, dachte ich schon es wäre, um mich geschehen, doch der Rollkragenpullover, den ich glücklicherweise trug, verhinderte wenigstens, dass meine Luftröhre vollkommen den Geist aufgab. Die Pistole entglitt jedoch meiner rechten Hand.
Wo war dieser Bastard nur hergekommen?
Ich hatte ihn nicht bemerkt.
Es ging nun um Sekunden.
Was hatte mein Karate – Lehrer damals gepredigt? Nur die Ruhe bewahren?
Der hatte gut reden.
Mit den Armen erreichte ich meinen Gegner nicht, aber mit meinen Beinen. Ich wusste, dass er genau hinter mir stand, denn ich spürte seinen Atem in meinen Nacken.
Und dann trat ich zu.
Der erste Tritt traf seinen Fuß. Der andere sein Schienbein und plötzlich lockerte sich auch der tödliche Griff um meinen Hals.
Und dann hatte das Bürschchen nichts mehr zu lachen.
Mein rechter Ellenbogen zerschmetterte seinen hässlichen Zinken. Ein weiterer Schlag schickte ihn ins Reich der Träume.
Wo war der vierte Mistkerl?
Diese gestylten Typen traten doch immer nur zusammen auf. Alleine trauten sich diese Hosenscheißer nicht auf die Straße.
Ich horchte.
Es war gefährlich ruhig.
Zu ruhig, wie ich fand.
Kein einziger Laut war zu hören und das ließ mich vorsichtig werden.
Ich ging in die Hocke und hob meine Pistole vom Boden auf.
Unterdessen fuhr ich mir mit der linken Hand über den Hals.
Der tat höllisch weh.
Ich wollte gar nicht wissen, wie die Haut unter meinem Rollkragenpullover aussah.
Unterdessen untersuchte ich Zimmer um Zimmer und dann sah ich, warum es so ruhig war.
Der vierte Kerl hatte sich eine der jungen Frauen geschnappt und hielt ihr eine Knarre an die Schläfe.
„Verpiss dich“, begrüßte er mich, „sonst blase ich der kleinen Nutte den Kopf weg!“
Er schien es ernst zu meinen, aber trotzdem war das kein Grund für mich, zu verschwinden oder die Pistole herunterzunehmen, die genau auf seinen Kopf zielte.
„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“, drohte er weiter.
„Nun beruhige dich mal. Auch wenn du sie erschießt, kommst du nicht lebend hier raus.
Was meinst du wohl, was ich danach mit dir machen werde, du kleiner Scheißer?“, krächzte ich hervor.
Er schien wütend zu werden.
Sein rechter Zeigefinger bewegte sich.
Anscheinend wollte dieser Dreckskerl tatsächlich abdrücken, aber ich kam ihm zuvor.
Ich drückte einmal ab.
Die Wucht des Aufschlages riss ihn von den Beinen. Zum Schuss kam er zwar noch, aber der ging ins Leere.
Die jungen Frauen schrieen hysterisch auf, als sie in die blutige Visage des Mannes blickten.
Sie wirkten alle ziemlich mitgenommen und eingeschüchtert.
Ich wollte auch gar nicht wissen, was sie alles erlebt und mitgemacht hatten, denn ich konnte es mir denken.
Die junge Frau, die der Bastard mit der Pistole bedroht hatte, war kreidebleich im Gesicht und stand kurz vorm Umfallen.
Ich steckte meine Knarre weg, half der Frau, auf eines der Betten Platz zu nehmen und fragte dann die übrigen: „Ist hier eine Claudia Wagner?“
Die Frauen schienen erst nicht zu reagieren, zu tief saß ihnen der Schrecken noch in den Gliedern.
Erst als ich sie regelrecht anschrie - ich wunderte mich selbst, dass ich überhaupt noch einen Ton herausbrachte - nickte schließlich eine der jungen Frauen.
„Ihre Mutter hat Sie schon überall gesucht.“

***

Es wurde zwar mit all den Frauen etwas eng im Wagen von Papi Von Bergen, aber der großräumige Jeep, schaffte es trotzdem, uns alle zu transportieren.
Währenddessen rief ich über das Handy von Van Bergen meinen Freund Wolfgang bei der Polizei an und gab ihm die Adresse des Hauses und weitere Informationen. 
Er konnte mit seinen Kollegen ruhig den Dreck wegwischen, den ich hinterlassen hatte.
Dann brachte ich die Frauen zur Polizei, außer Claudia Wagner, die ich direkt zu ihrer Mutter brachte.
Schließlich konnte die junge Frau auch noch später zur Polizei gehen und ihre Aussage machen.
Etwas anderes war jetzt viel wichtiger, denn ihre Mutter wartete bereits sehnsüchtig auf ihre Tochter.
Die Wiedersehensfreude war groß und ich sah die Dankbarkeit in den Augen der beiden Frauen.
Ich lächelte, was bei mir, wie ich schon erwähnt habe, eher eine Seltenheit war.
Ich hatte an diesem Tag wirklich mehr als eine gute Tat vollbracht.
Ich war selbst froh und glücklich, dass ich den Frauen hatte helfen können.
Man konnte die Welt zwar nicht ändern, aber wenigstens konnte man versuchen, sie ein ganz klein  bisschen besserer zu machen, indem man den Müll von den Straßen kehrt.
Aber auch Väterchen und Töchterchen Von Bergen kamen nicht ungeschoren davon, aber das ist eine andere Geschichte.


© 2008 by Ingo Löchel

 

 

Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.
Mehr Infos Ok