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DER EINZELGÄNGER - Die Kakerlaken

LogoDIE KAKERLAKEN
von
Ingo Löchel

Als ich durch die Innenstadt schlenderte begegneten mir zwei angetrunkene Jugendliche, die jeweils eine Bierflasche in Händen hielten und grölend durch die nächtlichen Straßen gingen, die  anscheinend auf Randale aus waren.

Aber da kamen mir die beiden Hosenscheißer bei meiner schlechten Laune, die ich zur Zeit hatte,  gerade richtig.

Als sie mich blöd anmachen wollten, bekamen die beiden Pappnasen erst einmal eine aufs Maul.

Mit eingezogenem Schwanz verschwanden sie, nachdem ich sie noch kräftig in den Hintern getreten hatte,  kleinlaut in irgend einem dunklen Loch, wo die beiden Möchtegernratten auch hingehörten.

Nach dieser kleinen körperlichen Betätigung, fühlte ich mich schon gleich viel besser.

Nach etwa 20 Minuten erreichte ich den Platz vor der Oper, der vor Jahren auch schon mal besser ausgesehen hatte.

Aber die Zeiten ändern sich ja bekanntlich und das nie zum Besseren.

Ich wusste zwar nicht, warum meine neue Klientin unbedingt diesen Treffpunkt ausgewählt hatte, aber man lernt im Leben bekanntlich nie aus.

Die Vorstellungen in der Oper und dem nahegelegenen Theater hatten schon längst begonnen, so dass der Platz ziemlich leergefegt wirkte.

Während ich die wenigen Passanten beobachtete, kramte ich in der Innentasche meines Mantels herum und wurde schließlich fündig.

Mit meiner Hand kam eine Packung Zigaretten zum Vorschein.

Nachdem ich mich für einen der Glimmstengel entschieden hatte, entzündete ich die Zigarette zwischen meinen Zähnen.

Als sich mir eine Frau zielstrebig näherte, erkannte ich meine neue Klientin sofort.

Sie hatte sich am Telefon wirklich sehr gut beschrieben.

“Haben wir miteinander telefoniert?“, fragte ich sie trotzdem, um sicher zu gehen.

Sie nickte.

„Gehen wir doch am besten in das gegenüberliegende Cafe“, erwiderte ich.

„Ich denke, dort können wir uns besser und in Ruhe unterhalten. Außerdem ist es dort viel wärmer, als hier draußen.“

Mir machte zwar diese für mich überaus angenehme Temperatur nichts aus, aber hier in der Kälte so herumzustehen, war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.

„In Ordnung“, erwiderte sie kurz und folgte mir auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Als ich die Tür des Cafe öffnete, spürte ich die wohlige Wärme im Gesicht.

Ich entspannte mich, als ich die Kuchen-, Kaffee- und Teedüfte einatmete.

Ich suchte einen Tisch, der etwas abseits gelegen war und half meiner neuen Klientin, Frau Claudia Schneider, aus dem Mantel.

Nachdem wir etwas  bestellt hatten, kam ich direkt zur Sache.

„Wie kann ich ihnen helfen?“

Sie überlegte kurz.

Wahrscheinlich wusste sie nicht ganz genau, wo sie anfangen sollte.

„Mein Ex-Freund belästigt mich. Er ruft mich ständig an, steht plötzlich vor der Tür, verfolgt mich  ....“

Ich nickte.

„Wer von ihnen hat Schluss gemacht?“

„Ich“, erwiderte sie.

„Und warum, wenn mir die Frage gestattet ist?“

„Er ging ständig mit anderen Frauen ins Bett. Immer, wenn ich ihn danach zur Rede stellte, versprach er mir, sich zu ändern ....“

Ich verdrehte die Augen.

‚Welcher Mensch ändert sich schon‘, dachte ich bei mir und hörte ihr unterdessen weiter zu.

„Gehörte er zu der Sorte Mann, die ihren Schwanz nicht in der Hose lassen können und alles bespringen, was einen Rock trägt und nicht innerhalb von drei Sekunden auf die Bäume geklettert ist?“

Meine Klientin grinste.

„So könnte man sagen.“

„Wenn er doch so viele andere Frauen beglückt hat, warum belästigt er sie dann noch ständig?“

„Nach seiner Meinung bin ich die Frau, die er unbedingt heiraten will und das anscheinend mit allen Mitteln ....“

„Hat er schon einmal versucht sie zu schlagen oder andere Gewalt angewendet?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Bisher nicht.“

„Kann aber noch alles kommen“, erwiderte ich.

„Manche Typen sind unberechenbar. Schließlich kann man keinen in den Kopf schauen und sehen, welches Geisteskind man vor sich hat.“

„Werden sie mir helfen?“

Ich überlegte und nickte schließlich.

„Der Preis ist ihnen bekannt?“

„Ja.“

„Gut, die Hälfte im voraus, der Rest, wenn das Problem aus der Welt  geschaffen ist.“

Sie reichte mir einen Umschlag, den ich in die Innentasche meines Saccos steckte.

„Wollen sie nicht nachzählen?“, fragte sie mich überrascht.

„Nein, ich vertraue meinen Klienten.

Jetzt brauche ich nur noch die Adresse und ein Bild ihres Ex-Freundes, dann werde ich mich um das Problem kümmern.“

Sie gab mir beides.

„Und wenn es nicht klappt?“

„Es gibt die verschiedensten Methoden solche lästigen Kakerlaken zu stoppen, aber mehr brauchen sie nicht zu wissen. Ich werde mich um alles weitere kümmern.“

***

Die Frage, die man sich natürlich bei so einem solchen Fall stellen muss, ist, wie geht man gegen jemanden vor, der wahrscheinlich als Kind zu heiß gebadet worden ist und dessen Gehirnwindungen irgendwie falsch gepolt worden waren?

Aus welchen Gründen auch immer.

Man kann so jemanden natürlich so kräftig in den Hintern treten, das er die nächsten Tage und Wochen nicht mehr richtig sitzen kann, aber das hilft nicht immer, um diese Sorte von Verrückten abzuschrecken.

Oder man geht etwas subtiler vor, dreht den Spieß einfach um und macht das gleiche, was der die Mistratte mit der Frau  versucht hat abzuziehen.

Ich beobachtete den Kerl einige Tage und hatte mir danach ein bestimmtes Bild über ihn zurechtgelegt.

Dann begann ich mit meinem kleinen Psycho – Terror.

Angst ist bekanntlich die beste und effektivste Waffe.

Die Angst vor dem Unbekannten, nicht Fassbaren. Vor nichts haben die Menschen mehr Angst. 

Nach etwa einer Woche hatte ich die Kakerlake so weit. Er traute sich nicht mehr vor die Tür.

Unterdessen erkundigte ich mich über diesen Knilch bei meinem alten Freund Kommissar Rabe..

Doch Wolfgang konnte mir nichts konkretes über ihn sagen.

Er war polizeilich anscheinend noch nie aufgefallen.

Keine Anzeige, keine Vorstrafen, keine Strafzettel, keine Punkte in Flensburg. Nichts. Ein kleiner Saubermann also.

Etwa eine Woche später, war der Kerl auf einmal verschwunden, als hätte sich die Erde aufgetan und  ihn für immer verschluckt.

In einer Großstadt kann man, wenn man es geschickt anfängt und die nötigen Beziehungen hat, natürlich überall und im noch so kleinsten Loch untertauchen, man muss nur wissen wie und wo.

Als ich meiner Klientin davon erzählte, atmete sie erleichtert  auf.

Für sie schien die Sache danach erledigt zu sein und sie gab mir mein restliches Honorar.

Aber ich war mir da nicht so sicher.

Das Leben in einer Großstadt hat mich gelehrt, dass nichts unmöglich ist.

Und Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste und daher warnte ich Frau Schneider eindringlich davor, zu denken, es wäre vorbei, aber sie wollte einfach nicht hören.

Ein Fehler, den sie noch bitter bereuen sollte.

***

Eine weitere Woche später tauchte überraschend die Leiche des Mistkerls auf.

Sie war von der Wasserschutzpolizei mit durchschnittener Kehle aus dem Vater Rhein gefischt worden.

Kein schöner Anblick, denn die Fische hatte bereits ein ausgiebiges Festmahl gehalten.

Ob sie sich dabei den Magen verdorben hatten, wussten wohl nur sie zu beantworten.

Aber ich  hoffte, es hatte ihnen trotzdem gut geschmeckt.

Nach diesem Fund schien auch für mich  der Fall endgültig abgeschlossen zu sein. Doch auch ich sollte mich in dieser Hinsicht irren.

Denn noch seltsamer wurde die ganze Sache, als man schließlich auch die Leiche von Claudia Schneider fand.

Man hatte sie übel zugerichtet.

Da schien sich jemand auf brutalste Weise an der Frau abreagiert zu haben.

Kommissar Rabe sah mich neugierig an, als ich die Leiche mit steinerner Miene betrachtete und identifizierte.

„Du machst doch jetzt nicht etwa wieder Dummheiten?“, fragte er mich, als er meinen finsteren Blick bemerkte.

„Ich?“, fragte ich scheinheilig.

„Jetzt spiele bloß nicht das Unschuldslamm. Ich weiß, was jetzt in deinem Kopf herumspukt.

Du hast schon immer eine Schwäche für Frauen in Not gehabt und gerne den Rächer für die Schwachen gespielt, aber die Frau ist tot ....“

„Eben, Wolfgang. Sie ist auf bestialische Weise umgebracht worden. Vor ein paar Tagen hat sie noch gelebt und jetzt ist sie Wurmfuttter. Mach dich das nicht auch wenigstens ein bisschen wütend?“

„Natürlich macht es das. Aber weißt du, wie viele Mordfälle ich zu bearbeiten habe? Und was ist mit ihrem Freund, den man ebenfalls umgebracht hat?“

„Ex-Freund“, korrigierte ich.  „Was ist mit ihm? Wer weint denn diesem kranken Schwein irgendeine Träne nach?

Wahrscheinlich wurde er als Kind zu heiß gebadet, was in seinem Gehirn eine Störung hinterlassen hat.

Es geht hier um den Mörder von Claudia Schneider, nicht um diesen kranken Storker.

Ich werde diesen Mistkerl, der das getan hat, so gehörig in den Arsch treten ....“

„Ich wusste es“, unterbrach mich Wolfgang zornig.

„Du bist wirklich unverbesserlich. Wenn du unbedingt den Racheengel spielen willst, dann tue es, aber lass dich bitte nicht dabei erwischen ....“

Ich winkte ab und verließ schließlich das Leichenschauhaus, um mir einen Whisky in meiner Lieblingskneipe zu gönnen, denn die Berührung mit dem Tod ist keine angenehme Angelegenheit.

Man verspürt dabei immer ein leichtes Unwohlsein.

Wahrscheinlich darum, weil es einen selbst all zu deutlich an seine Sterblichkeit erinnert.

Die ein oder zwei Zigaretten würde ich natürlich auch rauchen, das beruhigt nach einer solchen Begegnung mit dem Sensemann ein bisschen die Nerven, worüber sich meine Lungen natürlich wieder besonders freuen würden.

***

Mir hat mal einer gesagt, dass wenn ich zu Grunde gehe, es wegen einer Frau sein würde.

Höchstwahrscheinlich hatte derjenige mit seinen Worten recht.

Irgendwann würde dieser Fall wahrscheinlich auch eintreffen, aber heute war der Tag noch nicht gekommen.

Mir gelang es nach einigen Tagen die Schwester von Claudia ausfindig zu machen, die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Die junge Dame sah wirklich gut aus und schien dazu noch  Grips im Kopf zu haben.

„Hatte Claudia einen neuen Freund nachdem sie diesen Freak verlassen hatte?“

Sie lächelte.

„Freajk ist gut. Sie meinen Hannes Wagner? Den, den man aus dem Rhein gefischt hat?“

„Ja, genau, die Fische haben sich bestimmt sehr darüber gefreut. Also, hatte ihre Schwester einen neuen Freund?“

„Ja, hatte sie. Es gab da nur ein kleines Problem ....“

„Welches?“

„Hannes. Sie ging mit ihm wieder ins Bett.“

Ich wollte meine Ohren nicht ganz trauen.

„Wie. Er hat sie doch 24 – Stunden lang am Tag belästigt. Und da fällt ihr nichts besseres ein, als mit diesen Irren wieder in die  Kiste zu springen, obwohl sie weiß, was für ein krankes Schwein er war?“

Sie nickte.

„Sie kam von diesem Dreckskerl einfach nicht los. In dieser Hinsicht habe ich meine Schwester auch nie verstanden.“

„Und was hat ihr neuer Freund dazu gesagt? Oder wusste er davon nichts?“

„Doch. Natürlich wusste er davon.  Ich weiß aber nicht, wie er reagiert hat. Darüber hat Claudia nicht mit mir gesprochen.

Ein bisschen seltsam war das schon, wenn man bedenkt, dass sie mir sonst wirklich immer alles erzählt hat.“

„Und wie hieß dieser neue Freund ihrer Schwester?“

***

‚Noble Gegend‘, dachte ich.

Wie in jeder Stadt so gibt es auch hier Gegenden, wo die reichen Mitbürger lebten und sich zusammenrotteten, um vor den sogenannten Normalbürgern sicher zu sein.

Jedenfalls schien Claudias neuer Freund kein armer Mann zu sein.

Doch zu meinen Bedauern musste ich feststellen, dass der Knabe verreist war.

Jedenfalls bekam ich diese Auskunft von der Haushälterin und in ihren Augen konnte ich ablesen, dass sie die Wahrheit sagte.

Um mir den Tag nicht ganz zu versauen, stattete ich Claudias Schwester einen erneuten Besuch ab.

„Was hatte ihre Schwester eigentlich für einen Beruf?“

Sie lächelte.

„Sie war Lehrerin.“

„Aha, und auf welcher Schule?“

Sie nannte den Namen, der mir aber nichts sagte.

„Kennen sie dort vielleicht jemanden, der mir einige Fragen über ihre Schwester beantworten könnte.“

Sie überlegte und nickte schließlich.

„Das wird kein Problem sein. Claudia war ziemlich beliebt bei ihren Kollegen .....“

‚Aber so beliebt auch wieder nicht’, dachte ich, ‚sonst wäre sie noch am Leben.

„ .... und eine Kollegin kannte Claudia besonders gut .....“

***

Claudias Kollegin entpuppte sich als eine interessante Frau mit Namen Erika, die etwa in meinem Alter sein musste.

Vielleicht auch ein paar Jährchen  jünger.

Wenn ich so an meine Schulzeit zurückdachte, konnte ich mich nicht erinnern, jemals eine so hübsche Lehrerin im Unterricht gehabt zu haben.

Na, die Zeiten ändern sich ja bekanntlich.

„Woran denken Sie gerade“, unterbrach sie mich.

„Ich dachte gerade an meine Schulzeit zurück ....“

„Und, waren sie ein guter Schüler?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, ich war stinkfaul, aber aus mir ist trotzdem etwas geworden.“

„Das sehe ich.“

Ich war gerade dabei darüber nachzudenken, ob dieser Satz nun als Kompliment gemeint war, als sie mich fragte: „Was wollen Sie denn über Claudia wissen?“

„Hatte Sie Feinde auf der Schule. Lehrer, die sie nicht mochten. Oder Schüler, mit denen sie überhaupt nicht zurechtkam?“

„Wie in jedem Beruf, hat man auch als Lehrer seine Neider ....“

„Das meinte ich nicht“, unterbrach ich sie.

„Ich habe Sie gefragt, ob Claudia Schneider Feinde hatte!“

Erika überlegte einige Zeit lang.

„Ja, es gibt hier zwei Gangs auf der Schule ....“

„Was gibt es hier?“

„Gangs. Jede Schule hat ihre Drogen- und Gewaltprobleme. Da ist allgemein bekannt, wird aber sehr effektiv vor der Öffentlichkeit versteckt gehalten, um nicht negativ aufzufallen.

 Nur ab und zu dringt das eine oder andere zwar bis zur Presse durch, was natürlich für die Zeitungen ein gefundenes Fressen ist, aber das meiste von den Problemen wird unter den Teppich gekehrt.“

„Und was hatte Claudia mit diesen beiden Gangs zu tun gehabt?“

„Es ist etwa einige Wochen her, da ging sie bei einer Schlägerei dazwischen. Ein anderes Mal erwischte sie zwei Schüler beim dealen und brachte sie zum Direktor. Die beiden Schüler bekamen einen Verweis, sonst passierte nichts, was Claudia natürlich ärgerte. Sie war eine ziemlich engagierte Lehrerin, müssen Sie wissen.“

„Können Sie mir diese Heinis einmal zeigen?“

Sie schaute auf die Uhr.

„Kein Problem. Gleich ist große Pause und da habe ich sowieso Aufsicht.“

***

Ich stand neben ihr, als sie auf zwei Gruppen deutete, die sich anscheinend überhaupt nicht grün waren.

Die einen trugen diesen komische Hosen, wo das Hinterteil etwa an den Kniekehlen hängt, die anderen dagegen trugen ganz auf Figur betonte Klamotten.

Jeder halt nach seiner Facon.

„Nette Früchtchen“, murmelte ich und war kurz davor zu kotzen, als ich mir die abgebrühten Gesichter anschaute.

„Und wer ist nun wer?“, fragte ich Erika.

„Der mit der roten Kappe und der fast am Boden liegende Hose ist Manni der Anführer der einen Gang ....

„Aha, und was hat dieser Manni gleich für Unterricht?“

„Er hat nach der Pause eine Freistunde.“

„Und wo hängt er dann gewöhnlich rum?“

„Er wird wahrscheinlich auf dem Schulhof herumlungern ....“

„Eine gute Gelegenheit mir diesen Ghetto – Man für Arme einmal vorzuknöpfen“, bemerkte ich.

***

Nach dem Klingel leerte sich der Schulhof nach und nach.

Erika verabschiedete sich, da sie Unterricht erteilen musste und wünschte mir viel Glück bei den weiteren Recherchen.

Manni, das Früchtchen, hockte sich unterdessen auf die Treppe zum Schuleingang und steckte sich die Knöpfe seines iPhones oder wie hieß dieses Gerät doch gleichins Ohr.

Nach den Zuckungen zu urteilen, die Minuten später seine Kopf in Bewegung versetzten, hörte er wahrscheinlich irgend eine Techno – oder Rapp - Musik.

Die genaue Stilrichtung konnte ich allerdings nicht feststellen.

Ich näherte mich ihm von der Seite.

Es dauerte einige Zeit bis er bemerkte, dass er nicht mehr alleine war.

Er schaute auf, immer noch irgendwelchen Zuckungen unterworfen.

Ich versuchte ihm klar zu machen, dass er die Knöpfe aus dem Ohr nehmen sollte, aber er schien in eine andere Richtung zu denken, wenn er überhaupt richtig denken konnte.

Daher riss ich ihm einfach die Knöpfe aus dem Ohr, was ihm einige schmutzige Ausdrücke entlockte.

„Du kanntest doch eine Claudia Schneider? Oder?“

Er sah mich an, als würde ich in irgendeiner fremden Sprache mit ihm reden, die er nicht verstand.

Der junge Spund grinste mich unterdessen frech an.

Daher packte ich den kleinen Scheißer am Kragen und schüttelte ihn erst einmal kräftig durch.

„Du kannst es dir aussuchen, Klugscheißer. Entweder du redest oder ich gebe einen guten Freund bei der Polizei einen Tipp, dass du Drogen an dieser Schule verkaufst. Was meinst du, wie schnell du im Bau landest?“

„Ist ja schon gut, Mann. Mach keine Stress, Alter.“

„Also, was ist nun? Kanntest du eine Claudia Schneider?“

„Ja, die Tussi kannte ich.“

„Und?“

„Was und?“

„Was hattest du gegen die Frau?“

„Ich hatte gar nichts gegen sie. Die Alte hat sich nur in Sachen eingemischt, die sie nichts angingen ....“

„Und das war ein Grund sie umzubringen?“

Er sah mich überrascht an.

„Umgebracht? Was reden sie da für einen Müll, Mann. Ich habe der Alten nichts getan.

Fragen sie doch ihren Lover. Mit dem hatte sie nämlich kurz vor ihrer Ermordung einen heftigen Streit.“

„Wen? Robert .... ?“

„Nein, nicht den reichen Knilch. Fragen sie mal meinen Konkurrenten. Er und die Lehrerin haben es doch zusammen getrieben, wie die Kaninchen.“

Er grinste hämisch.

An welche Schweinereien der kleine Scheißer mit seinen total verkoksten Gehirn wohl gerade dachte?

„Noch einmal, damit ich es auch kapiere. Dein Konkurrent, der ebenfalls ein Schüler auf dieser Schule ist, hatte ein Verhältnis mit Claudia Schneider, der toten Lehrerin?“

„Habe ich das nicht gerade gesagt?“

„Ja, und?“

„Was und?“

„Da war doch noch mehr. Also spuck es schon aus, sonst ziehe ich dir die Ohren lang!“

***

Garrett Wolf, so hieß der junge Lover der toten Lehrerin, entpuppte sich als  jüngerer Bruder des reichen Freundes von Claudia Schneider.

Es gab wirklich die unmöglichsten Konstellationen.

Die Haushälterin wunderte sich zwar, mich so schnell wiederzusehen, aber als ich nach Garrett fragte, bat sie mich ins Haus.

„Ist der junge Mann im Hause?“, hakte ich nach.

Sie nickte.

„Ja, ich hole ihn. Warten sie bitte einen Moment.“

Einige Minuten später kam sie zurück, aber ohne den derzeitigen Herr im Hause.

„Er sagt, er habe keine Zeit ....“

Ich nickte.

„Sagen Sie ihm einfach, es ginge um Frau Claudia Schneider, dann wir er schon Zeit für mich haben.“

***

Garrett Wolf entpuppte sich als Riesenbaby, das sich anscheinend  viel zu oft im Fitness – Studio aufhielt.

Seine hautengen Klamotten betonten noch seine durchtrainierte und muskulöse Figur.

Als er jedoch den Mund auftat, fragte ich mich, ob er neben den Muskeln auch noch irgendwelche andere Qualitäten besaß.

Der Körper eines Mannes mit dem Gehirn eines Kleinkindes.

Vielleicht war er ja besonders gut im Bett?

„Sie kannten also Claudia Schneider?“

Er nickte.

„Ja, sie war eine Lehrerin an meiner Schule. Warum fragen sie?“

„Sie wissen doch, dass sie ermordet worden ist?“

„Ja, ich habe davon in der Zeitung gelesen ....“

„Ihr Schulkollege Manni behauptet, sie hätten eine Verhältnis mit Claudia gehabt. Stimmt das?“

„Der redet doch nur Müll. Der war doch selbst scharf auf sie ....“

„Heißt das Wort ‚auch’, dass sie ebenfalls hinter ihr her waren?“

Ich grinste.

Man sollte seine Wort immer sorgfältig wählen.

Jedes noch so falsch gewählte Wort konnte einen in arge Schwierigkeiten bringen.

„Sie war schon ein geiles Luder ...“

Ich verdrehte die Augen.

„Das habe ich sie nicht gefragt. Waren sie hinter ihr her oder nicht?“

„Ich brauche ihre Fragen nicht zu beantworten, dass wissen sie doch.“

„Ja, ich weiß. Aber ich kann auch die Polizei verständigen. Mich wundert sowieso, dass die Beamten noch nicht auf ihre Beziehung zu Claudia gestoßen sind.“

„Tja, mein Bruder hatte gute Beziehungen .... Außerdem haben wir unser Verhältnis gut verbergen können ....“

„Aber anscheinend nicht gut genug. Manni wusste es. Wusste vielleicht auch ihr großer Bruder davon?“

„Der? Der hätte es ja noch nicht einmal gemerkt, wenn wir es vor seinen Augen getrieben hätten. Mein Bruder ist nur daran interessiert, viel Geld zu scheffeln ....“

„Von dem sie anscheinend sehr gut Leben. Oder verdienen sie schon ihr eigenes Geld?“

Er funkelte mich böse an.

Da hatte ich wahrscheinlich bei arroganten Ratte wohl einen seiner wunden Punkte getroffen.

Als ich das Haus der Familie Wolf wieder verließ, war ich gar nicht zufrieden und war so schlau wie zuvor.

Der Kreis der Verdächtigen wurde immer größer.

Aber wer von ihnen hatte Claudia ermordet?

***

Wolfgangs Freude mich zu sehen, hielt sich anscheinend in Grenzen.

„Was verschafft mir die Ehre deines Besuches? Kommst du bei deinem Fall etwa nicht weiter?“

„Dein Scharfsinn haut mich immer wieder aus den Socken .....“, bemerkte ich sarkastisch.

Er grinste gequält.

Ich erzählte ihm unterdessen, was ich bisher herausgefunden hatte.

„Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag? Wusstet ihr nichts von dem Verhältnis zwischen Claudia und diesen Garrett Wolf?“

„Nein, aber der Fall gilt ja schließlich als abgeschlossen ....“

„Wie abgeschlossen? Wie kann ein Fall als abgeschlossen gelten, wenn überhaupt noch kein  Täter bekannt ist?“

„Druck von oben ...“

„Wo bin ich hier eigentlich? In irgendeiner Bananenrepublik? Wer hat seinen Einfluss spielen lassen?“

„Ein gewissen Robert Wolf scheint Gott und die Welt zu kennen. Der Kriminalrat und der Oberstaatsanwalt haben anscheinend schiss bekommen und haben uns höflich gebeten den Fall abzuschließen.“

„Wie höflich?“

„Was meinst du wohl!“

„Na, der Arsch kann was erleben“, murmelte ich und verließ Wolfgangs Büro ohne mich verabschiedet zu haben.

***

Ich wusste, dass der Oberstaatsanwalt um eine bestimmte Zeit an einen bestimmten Ort laufen ging.

Joggen war noch nie mein Ding gewesen.

Ich fand es einfach stinke langweilig stundenlang durch die Gegend zu rennen und zu denken, man könnte damit das Alter aufhalten.

Weit gefehlt.

Selbst mit noch so viel Sport konnte man dem nicht entgehen.

Da lobte ich mir doch eine gute Zigarette.

Ich grinste den Oberbekämpfer des Verbrechens in unserer so schönen Stadt  mit der Fluppe zwischen den Zählen an, als er sich meiner Position näherte.

Er kannte mich.

Ich hatte ihm schon mehr als einmal, seine saubere Karriere gerettet.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte er mich und begann mit einigen Dehnübungen.

„Der Fall Claudia Schneider sagt Ihnen doch hoffentlich noch etwas?“

Er nickte.

„Ja, und?“

„Warum wurde der Fall geschlossen, wenn überhaupt noch kein Täter gefunden worden ist? Was würde wohl die Presse dazu sagen ....?“

Er winkte ab.

„Ich weiß, was Sie sagen wollen ...“

„Dann lassen sie mal hören, Herr Oberstaatsanwalt ...“

***

Die Haushälterin hatte mich also angelogen.

Na, heutzutage logen die Leute ja ohne rot zu werden.

So stattete ich der Familie einen erneuten Besuch ab und ich hatte Glück. Ich fand die beiden, wie sie sich in brüderliche Liebe im Garten unterhielten.

Heißt sie stritten sich und schrieen sich gegenseitig an.

Als sie mich bemerkten, unterbrachen sie ihren heftigen Disput. Garrett deutete auf mich und erzählte seinem Bruder irgend etwas.

„Sie sind also dieser Schnüffler“, begrüßte mich Robert Wolf. „Was fällt ihnen ein ....“

„Bevor sie noch einen Herzinfakt bekommen, würde ich lieber wissen, was ihnen einfällt, polizeiliche Ermittlungen so zu torpedieren, dass ein Fall abgeschlossen wird, obwohl er es noch gar nicht ist?

An welchen Fäden haben Sie denn gezogen?“

„Sehr witzig. Kommen sie bitte rein. Wir unterhalten uns am besten im Haus. Und du“, wandte er sich an seinen Bruder, „gehst mir aus den Augen!“

Klein Wolf schien über die Worte seines größeren Bruders äußerst gekränkt und schlurfte davon.

„Sie müssen wissen Claudia war eine kleine Nutte, die es mit jeden getrieben hat. Selbst meinen kleinen Bruder hat sie verführt ....“

Mir kamen gleich die Tränen.

„Ist es nicht eher so, dass Sie von dem Verhältnis gar nichts gewusst haben, Herr Wolf?

Auch davon nicht, dass Frau Schneider wieder mit ihrem Ex- Freund zusammen war?“

„Das ist eine Lüge!“

„Wieso, eben haben Sie doch noch behauptet Frau Schneider wäre eine Nutte gewesen, die es mit jedem getrieben hat ....

„Sag ihm, er soll nicht so über Claudia reden!“

Ich fuhr herum.

Hinter mir stand das Riesebaby von jüngerer Bruder und hielt ein Kampfmesser in der rechten Hand.

„Hat sie es auch mit Manni, einem Schulkollegen ihres Bruder getrieben?“

„Sag ihm, er soll die Schnauze halten!“

Garrett Wolf lief rot an.

Noch ein Wort von mir und er würde ausflippen.

Ich zog unterdessen meine Waffe.

„Also, was ist jetzt, Herr Wolf. Wollen Sie mir nicht endlich die Wahrheit sagen?“

Robert Wolf schien überhaupt kein Interesse zu haben, seinen jüngeren Bruder davon abzuhalten mich abzustechen.

„Und noch etwas, Herr Wolf.“

Ich richtete meine Waffe auf seinen kleinen Bruder.

„Sollte ihr Bruder nicht innerhalb von 10 Sekunden das Messer auf den Boden legen, schieße ich ihm das rechte Knie weg. Haben wir uns verstanden?“

Er schien nicht erwartet zu haben, dass ich im Besitz einer Waffe war.

„Er hat doch recht“, sagte Robert Wolf plötzlich. „Claudia war eine Nutte. Sie hat es mit jeden getrieben. Mit mir, mit dir, ihrem Ex-Freund. Vielleicht sogar auch mit Manni!“

„Nein, hat sie nicht!“

„Vielleicht sogar auch mit ihm!“, setzte Robert Wolf nach und deutete auf mich.

Garrett sah mich an.

„Ist das wahr?“

„Hören sie nicht auf das, was Ihnen ihr Bruder sagt. Er hat Claudia ermordet!“

„Was reden sie da für einen Unsinn. Ich habe Claudia geliebt ....“

„Einen Scheiß hast du. Ich habe Claudia geliebt. Ich habe sie vor diesen Irren gerettet ...“

„Halt den Mund, Garrett!“

„Nein, das werde ich nicht. Du bist Schuld an ihren Tod. NUR DU!“

Und bevor ich es verhindern konnte, stürzte sich Garrett Wolf auf seinen Bruder und stieß ihm die Klinge mitten in die Brust.

***

„Und wer hat nun wen umgebrachte?“, fragte mich Wolfgang.

„Meines Wissens hat Garrett im Auftrag Claudias ihren Ex-Freund um die Ecke gebracht.

Doch ihr junger Lover konnte den Mund nicht halten und als sein Bruder von dem Verhältnis und dem Mord erfuhr, muss er wohl ausgerastet sein. Liegt anscheinend in der Familie ....“

„Und da hat er Frau Schneider totgeschlagen?“

Ich nickte.

„Wahrscheinlich. Und ist die Leiche genauso los geworden, wie sein jüngerer Bruder. die Leiche von Hannes Wagner entsorgt hat. Er warf sie einfach in den Fluss ....“

***

Als ich die Zeitung aufschlug und die Überschrift „BANDENKRIEG AUF EINER SCHULE“ las, hätte ich beinahe gekotzt.

Der Bericht war schlecht recherchiert, inhaltlich falsch und 90% davon waren erfunden.

Armes Deutschland.

Da hatten die Spießbürger und Saubermänner der Stadt ja wieder ein Thema, worüber sie sich mindestens eine Woche lang aufregen konnten.

Aber nach dieser Zeit war das ganze wieder vergessen und andere Themen würden in den Vordergrund rücken bis wieder etwas passieren würde.

Ich rollte die Zeitung zusammen und zielte.

Sekunden später flog sie in hohen Bogen in den Papirkorb, wo dieser Mist auch hingehörte.

Das Fernsehen machte ich erst gar nicht an, da lief auch nur noch Müll.

Ich entschied mich daher an diesen recht sonnigen Tag zu nutzen und einfach ein bisschen spazieren zu gehen, um für einige Stunden die Kakerlaken in meiner Stadt zu vergessen.

 

© 2008 by Ingo Löchel

 

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