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Ein Amoklauf voller Hass, Gewalt und Blut – Jack Ketchum's THE LOST

The LostEin Amoklauf voller...
...Hass, Gewalt und Blut - Jack Ketchums THE LOST

Jack Ketchum, der Autor, der mich schon mit seinem Bestseller EVIL (THE GIRL NEXT DOOR) faszinierte, hat erneut zugeschlagen. Mit seinem Roman THE LOST entführt uns der Meister des Grauens in das Amerika am Ende der 60er Jahre. Eine Zeit, in dem das Sternzeichen des Wassermann regiert. Eine Zeit, in der die Jugend den Aufbruch in eine neue Welt probt. Eine Zeit, in der Flower Power gegen Krieg und Rassismus steht. Aber auch eine Zeit, in der Drogen ihren Siegeszug halten und die Zeit, die durch den Mord an Sharon Tate ihre Unschuld verliert.

 

Doch greifen wir der Geschichte nicht vor. Alles beginnt nämlich viel früher auf einem Campingplatz an einem heißen Sommertag mitten im Wald. In dieser Einsamkeit glauben sich zwei junge Frauen völlig unbeobachtet. Nicht dass sie etwas zu verbergen hätten, ganz im Gegenteil. Es werden, wie unter jungen Frauen üblich, Beziehungsprobleme gewälzt, und um die Freundin zu trösten gibt es auch mal einen lieb gemeinten Kuss auf die Lippen.

Doch die Frauen sind nicht alleine, sie werden beobachtet. Es handelt sich um die Teenager Tim, Jennifer und dem älteren Ray Pye. Gerade Ray hasst Lesben und er hat eine Waffe. Nicht das Ray wirklich wüsste, ob es sich hier um Lesben handelt. Eigentlich ist es ihm tief in seinem Inneren wahrscheinlich auch egal. Es reicht zumindest, was er sieht und schon finden sich die zwei jungen Frauen in der Hölle wieder. Tatenlos müssen seine Freunde mit ansehen, wie Ray ein wahres Blutbad anrichtet, denn jeder Widerspruch würde nur Ray's Zorn heraufbeschwören. Zwar gelingt einer der jungen Frauen die Flucht, doch erholen wird sie sich nie wieder von diesem Grauen und stirbt an den Folgen Jahre später. Auch wenn die Cops Schilling und Anderson nicht locker lassen, gelingt es ihnen doch nicht, Ray als Täter zu überführen.
»WEISST DU WAS? LASS SIE UNS ABKNALLEN«
(Klappentext/THE LOST)
Ray Pye ist nicht sehr groß, und um aufzufallen schminkt er sich. Selbst sexuell kennt Jennifer etwas, das Ray liebt, aber eigentlich ebenfalls eine latente Bisexualität offenbart. Woher rührt also Rays Hass auf Lesben? Doch letztendlich bleibt uns auf diese Frage das Buch eine Antwort schuldig, denn die Einblicke in Rays Psyche offenbaren viele Gesichter dieses jungen Mannes und einige dieser Gesichter lassen den Leser frösteln.
»Jedenfalls war es mit Abstand das Seltsamste, was sie je erlebt hatte. Und sie musste zugeben, dass es irgendwie auch aufregend war, und vermutlich sogar gefährlich. Denn ob nun gelogen oder nicht, ein Mann, der einem so etwas erzählte, war gefährlich. Mörder oder Spinner.«
 (Zitat: Seite 247/THE LOST)
Keine Angst, lieber Leserin und Leser, hier wird nicht zuviel aus dem Inhalt dieses Romans gespoilert. Die Tat an den jungen Frauen ist letztendlich nichts anderes als der Beginn eines Romans, der tief in die Lebenswelt der verschiedenen Protagonisten führt.

Jack KetchumJack Ketchum führt uns in eine Welt, in der die Figuren des Romans ein Gesicht, ja, eine Seele bekommen. Ein Zustand, der den Leser an das Buch fesselt. Wer jetzt nach jeder dritten bis vierten Seite eine Leiche sucht, der dürfte enttäuscht werden. Platte Action und ein Inferno aus Blut und Innereien wird der Leser in diesem Buch über weite Strecken nicht vorfinden. Dafür taucht er tief in die Personen ein. Sei es Jennifer, die weiß, dass Ray auch mit anderen Mädchen schläft, während sie sich mit Alkohol und Drogen betäubt. Tim glaubt, Ray etwas schuldig zu sein. Er vergöttert  und fürchtet ihn gleichzeitig, während er ihm bei den Drogengeschäften hilft und heimlich für Jennifer  schwärmt. Oder nehmen wir den Ex-Cop Schilling, der sich in den Vorruhestand versetzen ließ und nun mit einem blutjungen Mädchen wie Sally den zweiten Frühling genießt, bevor sie für immer aus seinem Leben tritt, um ans College zu gehen.

Oder sein Partner Anderson, dem die Tat von Ray keine Ruhe läßt und der immer wieder aufs neue versucht, Ray endlich aus dem Verkehr zu ziehen. Oder die junge Katherine, die mit ihrem Vater gerade neu zugezogen ist und deren Mutter in einer Anstalt lebt. Sie alle kreuzen den Weg von Ray Pye. Während Sally dieser Bursche nicht geheuer ist und deshalb sogar den Job bei Ray's Eltern schmeißt, um nicht in seine Nähe zu kommen, beginnt Katherine ein Spiel mit Ray, ohne zu ahnen das es ein Spiel mit dem Feuer ist. Nicht vergessen will ich hier auch die Sequenzen mit einer Katze, die Schilling zugelaufen ist. Mit dem Fortschreiten der Handlung sind es die Szenen, die die aufkommende Bedrohung noch unterstreichen.

Jack Ketchum führt uns hier seine Protagonisten des Romans nicht vor, vielmehr zwingt er den Leser in seine Protagonisten einzutauchen, ihre Probleme zu ihren eigenen zu machen, bis der Leser sich selbst in der Handlung wiederfindet. So ist zum Beispiel die Person des psychopathischen Ray Pye eigentlich genau der Typ, den man als Leser hassen könnte, weil er der Böse ist. Und doch gelingt es Jack Ketchum, ihm soviel Tiefe zu geben, dass man ihn eigentlich nicht mal so hassen kann, wie man es gerne möchte.

Schnell ertappt man sich dabei, dass man sich die Frage stellt, was mit diesem Burschen passiert ist, wie er so geworden ist. Wo kommt sein Hass her, wieso ist er eine tickende Zeitbombe? Und irgendwann werden diese Fragen verdrängt von der eigentlichen Frage: Wann wird diese Zeitbombe explodieren!? Und ja, liebe Leserinnen und Leser, die Zeitbombe explodiert, als sich die Dinge für Ray Pye überschlagen. Sie explodiert, als die Nachrichten von der Ermordung Sharon Tates und über das Musikfest in Woodstock berichten. Den "Three Days of Peace and Musik" in Woodstock folgt die Nacht aus Angst, Schock, Tränen und Blut! Eines darf noch gesagt werden: Natürlich hat der Roman ein Happy End, aber glauben sie mir, es wird anders sein, als Sie es sich insgeheim erhoffen!
»Können Tote träumen? Katherine tat es.«
(Zitat: Seite 415/THE LOST)
Hinzufügen möchte ich, dass der Roman THE LOST ebenso wie einige andere Romane von Jack Ketchum bereits verfilmt wurde und als DVD in Deutschland erhältlich ist. Anhand der Film-Fotos muß ich ehrlich zugeben, dass die Darstellung des Ray Pye im Film exakt dem Bild entspricht, dass sich bei mir beim Lesen im Kopf-Kino festgesetzt hatte.

Fazit: Für Leser, die mindestens jede vierte Seite einen Mord haben wollen, ist THE LOST nicht wirklich geeignet. Für Leser aber, die tief in eine Handlung eintauchen wollen und das Spiel der sich langsam steigernden Bedrohung lieben, dürfte THE LOST eine wahre Freude sein.

Nicht umsonst bin ich der Meinung, dass Jack Ketchum einer der wenigen Autoren ist, dem es gelingt, dass die sich steigernde Handlung Besitz vom Leser ergreift, ihn mitzieht und ihm einen Horror offenbart, der ohne Monster auskommt, aber jederzeit in unmittelbarer Nähe Realität werden könnte.

Wer diese Art von Romanen liebt, in denen er in die Seelen der handelnden Personen eintauchen und mitfiebern kann, dem kann ich THE LOST nur ans Herz legen.
 
Zum Roman:
THE LOST
von Jack Ketchum
Heyne Hardcore
Umfang: 436 Seiten/Hardcover-Ausgabe
ISBN: 978-3-453-67551-3
Preis: 19,99 EURO
Originalausgabe: Erschienen 2001 bei Leisure Books, New York
Deut. Erstveröffendlichung: 2011
Heyne (Random House)

Kommentare  

#1 Pisanelli 2011-01-27 17:06
Ist es eigentlich Absicht, dass Du in jeder Überschrift das Wort "'Blut" einfließen lässt, selbst, wenn das, wie Du hier schreibst, eher weniger fließt? Auch wenn's Dein Lieblingswort ist, versuch' doch mal zu variieren, sonst führst Du den Leser in die Irre oder zumindest trifft der Titel dann nicht den Punkt - wofür ein Titel eigentlich da ist. Fiel mir nur so auf, ich dachte, ich sags mal.
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#2 Laurin 2011-01-28 13:07
Ähhm...ja, Beim Roman von Tom Piccirilli ist in der Überschrift schlicht der Titel des Buches drin. Beim Joe R. Lansdale Roman gehts wirklich durchaus blutig zu und bei Jack Ketchum's THE LOST gibt es durchaus blutige Passagen, aber hier habe ich mich im Text wohl auch nicht richtig ausgedrückt. Meinte eher das man bei THE LOST keinen Splatter erwarten sollte wo es Tote in Massen gibt. Aber davon mal ab, ist es mir selbst nicht wirklich aufgefallen das in den Überschriften der "Lebenssaft" stets erwähnt wird. :oops:
Lieblingswörter habe ich jedenfalls noch ein paar mehr (z.B. Lohnerhöhung, Rente, Wochenende, Lottogewinn, usw.), aber mir ist da wohl kein passendes eingefallen. :lol:
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#3 Pisanelli 2011-01-28 14:22
Ich dachte, ich mach Dich mal darauf aufmerksam, dass es noch andere Wörter gibt, die das Grauen beschreiben, z. B. das Wort "Grauen" 8) oder "Terror" "Horror" oder "Schrecken". Wenn man GANZ brilliant sein will, bastelt man auch noch den Titel des Buches ein. Mich würde nämlich z.B. interessieren, was "The lost" denn eigentlich bedeutet.
Doch wohl "der Verlorene" - aber was hat er verloren? Oder sind es "Die Verlorenen"? Wer sind dann die Verlorenen? Oder sogar "das Verlorene"? Was wurde denn konkret verloren?
Ich schätze, da kriegt das Buch dann nochmal eine andere Dimension, die sich nicht allein auf Schauereffekte beschränkt - oder? ;-)
Ich finde es super, dass Du hier soviele Rezensionen schreibst. Aber ich glaube, sie würden nochmal interessanter, wenn Du versucht, Dich nicht nur auf die Oberfläche zu konzentrieren. Ich persönlich glaube nämlich, dass es gute Autoren schaffen, mehr als nur Horrorgeschichten zu schreiben. Es geht doch um das Subtile, das Hintergründige, die dunklen Seiten, die in jedem von uns stecken. Und das ist, denke ich, das eigentlich Thema. Ich will Dich nicht kritisieren, aber ich finde es schade, dass Du Dich scheinbar immer nur an den Effekten (des Blutspritzens, der Grausamkeiten und des Schreckens) begeisterst, aber niemals eine Bedeutung darüber hinaus feststellst. Ich kenne das Buch nicht, aber so wie Du es beschreibst, ist hier auf jeden Fall mehr Thema als dass "nur" ein Sadist und Soziopath beschrieben wird. Ich glaube, da wäre dann noch so mancher Leser mehr zu interessieren.
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#4 Laurin 2011-01-28 18:57
Stimmt schon Pisanelli, nur habe ich bei aktuellen Sachen auf dem Buchmarkt auch immer das Problem, nicht zuviel spoilern zu wollen, wenn ich zu viel vom eigendlichen Thema bringe (hat sich ja schon mal einer drüber geärgert in einem älteren Artikel). THE LOST ist übrigends kein Horror sondern schon eher ein Thriller.
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