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Tommy Gun - DER ZWEITE SCHATTEN

StoryTommy Gun
DER ZWEITE SCHATTEN

Er wollte sich bereits aus der Türnische lösen, als Russ den anderen Verfolger bemerkte. Rick Saunders hatte einen zweiten Schatten, der dem zwielichtigen Mann folgte. „Viel Feind, viel Ehr“, murmelte der Privatdetektiv.

Als der Spediteur Daniel Burk ihn beauftragte, seine Gegner ausfindig zu machen, war nie die Rede von Konkurrenz gewesen. Das Verhalten des Verfolgers ließ Russ aber unwillkürlich an einen zweiten Privatdetektiv denken.  „Für wen arbeitest du, Plattfuß?“


Es war eine Angewohnheit des Privatdetektivs, bei solchen einsamen Jobs Selbstgespräche zu führen. Mit wem sollte Russ auch sonst reden? Außer einem Privatschnüffler würde sich kaum ein Mensch in die regnerische, windige Nacht von Chicago verirren. Selbst die Alkoholschmuggler waren nicht zu Fuß unterwegs, sondern jagten mit den schweren Limousinen durch die Dunkelheit oder saßen in einem Speakeasy.

„Fatboy wüsste vermutlich die Antwort“, schoss es ihm durch den Kopf.

Der fette Inhaber einer Flüsterkneipe verdiente sich eine goldene Nase durch den Ausschank von Hochprozentigem und vergoldete den restlichen Körper durch den Handel mit Informationen. So mancher Geldschein mit dem Abbild eines Präsidenten hatte sich bereits aus Russ´ Brieftasche in Fatboys Hände bewegt, nur um einen brauchbaren Tipp zu erwirken.

„Mal sehen, wohin uns diese kleine Parade führt“, murmelte er.

Von der Krempe seines Schlapphutes lief das kalte Regenwasser in Bächen hinunter, während die Schuhe quietschende Geräusche beim Gehen von sich gaben. Immerhin hatte Saunders mit seiner Annahme recht behalten, dass seine Gegner es auch auf die noch verbliebenen vier Trucks der Spedition abgesehen hatten. Der Gangster, den Russ seit zwei Tagen hartnäckig verfolgte, gehörte zu den Truckräubern.

„Nicht übel, Kumpel. Wirklich nicht übel.“

Er kommentierte das clevere Abtauchen des anderen Verfolgers, bevor der Gangster auf ihn aufmerksam werden konnte. Nach nur drei Blocks war der Truckdieb am Eingang zu den Garagen kurz stehen geblieben und schaute sich misstrauisch um. Der andere Schatten ahnte es rechtzeitig und huschte blitzschnell hinter einem Treppenaufgang in Deckung. Russ blieb nur ein Sprung zwischen zwei geparkten Wagen, um nicht entdeckt zu werden.
„Damned!“

Der Fluch wurde vom Schwall Regenwasser ausgelöst, der sich vom Hut in Russ´ Hemdkragen ergossen hatte. Wäre in seiner Kasse nicht wieder einmal Ebbe gewesen, hätte er Saunders seine Dienste verwehrt. Als ehrlicher Spediteur verdiente sein Auftraggeber weit weniger, als wenn er seine Trucks für den Alkoholschmuggel einsetzte.

„Ich mache mir die Hände nicht für Dreckskerle wie O’ Halligan oder Garibaldi schmutzig“, hatte Saunders gesagt.

Dem Privatdetektiv imponierte die Haltung des Fuhrunternehmers, der damit den Diebstahl seiner Trucks geradezu provoziert hatte. Die Schmuggler benötigten ständig neue Fahrzeuge, da ihr Fuhrpark einer extrem hohen Fluktuation unterlag. Entweder verloren sie Trucks durch Unfälle, durch Überfälle oder bei Razzien der Cops. Was lag da näher, als sich Nachschub bei einem Spediteur wir Rick Saunders zu beschaffen? Kamen die Gangster aber wirklich von einem der beiden großen Bosse aus Windy City?

„Ich habe da so meine Zweifel“, sagte sich Russ.

Endlich wandte der Gangster sich um und drückte den linken Flügel des Eingangstores auf, was von einem vernehmbaren Quietschen untermalt wurde. Kaum verschwand der Mann im Spalt, huschte auch schon der unbekannte Beobachter hinterher.

„Mutig oder unerfahren?“

Das Verhalten war riskant und deutete nach Russ´ Auffassung auf einen Amateur oder einen wagemutigen Kollegen hin. Es wurde Zeit, dass Russ wenigstens eine der vielen Fragen klärte.

„Wer bist du und wer hat dich geschickt?“

Er wollte zuerst klären, wer der große Unbekannte war, der hinter dem Gangster durch die Nacht schlich. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Russ von einem seiner Auftraggeber aufs Kreuz gelegt werden sollte. Mit wenigen Sätzen überbrückte er die Strecke zum Eingangstor, warf einen prüfenden Blick durch den Spalt und betrat dann den Innenhof.

***

Auf dem Gelände konnte Russ die Umrisse der abgestellten Trucks erkennen. Zwischen dem zweiten und dritten Truck verschwand gerade der andere Verfolger, also wählte Russ den gleichen Weg. Offenbar blieb seine Anwesenheit verborgen, denn der Gangster hatte sich bereits hinter das Lenkrad des ersten Trucks geklemmt und der zweite Schatten schlich sich an.

„Das dürfte gleich eine tolle Überraschung werden“, murmelte Russ.

Möglicherweise konnte er seinen Auftrag bereits in dieser Nacht erfolgreich abschließen. Da Russ kein Freund unnötiger Arbeit war, wartete er erst einmal nur ab. Der Regen prasselte auf die Plane des Trucks, neben dem der Privatdetektiv das Geschehen verfolgte.

„He, verflucht! Wo kommst du Kröte denn her?“

Der andere Verfolger hatte den Gangster im Führerhaus des Trucks angegriffen, der überrascht reagierte. Russ vernahm Schnaufen und hörte laute Flüche, die teilweise vom Regen verschluckt wurden. Ganz offensichtlich rangen die beiden Männer miteinander. Der helle Schrei löste die abwartende Haltung des Privatdetektivs, der sich verblüfft aus dem Schatten des Trucks löste und zum ersten Wagen eilte.

„Bastard!“

Der Fluch galt dem Truckräuber, der den Wagen gestartet  hatte und losgejagt war. Um Haaresbreite hätte er Russ über den Haufen gefahren, der geistesgegenwärtig zur Seite gehechtet war. Jetzt rappelte der Privatdetektiv sich wieder auf und stapfte wütend auf die andere Gestalt zu, die es nur bis auf die Knie geschafft hatte.

„Wieso hast du den Scheißkerl nicht aus dem Führerhaus geholt, Mann?“, blaffte Russ los.

Seine gesamte Kleidung war durchnässt, sein linker Knöchel angeschlagen und das war alles die Schuld dieses Stümpers. Doch der Mann ignorierte den Privatdetektiv, was Russ noch wütender machte. Statt weiter zu reden, wollte er dem Anfänger eine Tracht Prügel verpassen. Immerhin wussten die Truckräuber jetzt, dass man ihnen auf den Fersen war und damit standen auch Russ Erfolgsaussichten ziemlich schlecht. Er packte mit beiden Händen die Aufschläge des Trenchcoats und zerrte den Burschen mit einem gewaltigen Ruck auf die Füße.

„Das kann doch nicht wahr sein.“

Bei dem Manöver hatte sich der Hut vom Kopf des Mannes gelöst, und als sich eine Flut blonder Haare darunter löste, entfuhr Russ der Ausruf. Während der Privatdetektiv ungläubig auf die Frau starrte, lösten sich seine Finger vom Trenchcoat.

„Und für so etwas bezahlt Burk auch noch“, fauchte die kurvenreiche Lady erbost.
Russ wischte sich den Regen aus dem Gesicht und verdaute seine Überraschung nur langsam.

„Wer zum Teufel sind Sie?“, fragte er schließlich.

„Sally Farmer, die Sekretärin von Burk. Himmel, jetzt ist die Spedition endgültig am Ende.“

Die Frau bückte sich nach dem Hut, schaute ihn an und stopfte das nasse Stück dann in die Seitentasche ihres Mantels. Russ sah ihr gedankenverloren zu und so bemerkte er das metallische Aufblitzen am Boden. Der Privatdetektiv bückte sich und trat ein Stück weiter in Richtung der Ausfahrt, wo das Licht einer Straßenlaterne noch hinkam. Mit einem grimmigen Lächeln drehte er das Metallabzeichen in seinen Händen.

„Das war’s denn wohl“, knurrte Sally.

Die Blondine wollte an Russ vorbei zur Hofausfahrt gehen, als der Privatdetektiv die Sekretärin am Ärmel packte.

„Nicht so schnell, Sweetheart. Hast du dem Gangster dieses Teil abgenommen?“

Sally schaute auf das Abzeichen und nickte.

„Yeah, habe ich. Bringt es uns irgendwie weiter?“

Offenbar war der Jagdinstinkt bei der Blondine zurückgekehrt, wie Russ anerkennend bemerkte.

„Ich kenne den Club, wo diese Dinger verteilt werden. Damit kommt man in den weniger öffentlichen Bereich und jetzt müssen wir nur noch den Inhaber ermitteln. Dann wissen wir, wer deinem Boss die Trucks stiehlt“, antwortete Russ.

Der abgebildete Pelikan stand für den Namen des Clubs und darüber wollte Russ an den Namen des Auftraggebers gelangen.

„Na, prima. Dann können wir jetzt zu den Cops gehen und Anzeige erstatten“, rief Sally Farmer aus.

Russ lachte rau auf.

„Na, klar. Damit der Inhaber gewarnt wird und die Trucks verstecken kann. So läuft es in Windy City nicht, Schätzchen. Hier spielt die Polizei nach ganz eigenen Regeln“, klärte er die Sekretärin auf.
Als er den Unmut in das hübsche Gesicht der Blonden aufsteigen sah, schob er Sally kurzerhand hinaus auf die Straße.

„Am Ende der Straße gibt es eine brauchbare Flüsterkneipe, Sally. Wir reden dort weiter, bevor wir noch im Regen ersaufen“, sagte der Privatdetektiv.

***

Die Blondine erwies sich als wertvolle Hilfe, wie Russ am nächsten Vormittag erfahren durfte. Sie belegte den überflüssigen Schreibtisch im Vorraum seines Büros mit Beschlag, um von seinem Telefon aus mit unzähligen Sekretärinnen zu sprechen.

„Wehe, du suchst dir nur einen neuen Job“, warnte Russ.
Aus dem Gespräch vom Abend zuvor wusste er, dass die Spedition nicht überleben würde und Sally somit ohne Arbeit war.

„Pah! Dann werde ich eben Privatdetektiv. Scheint kein schwerer Job zu sein, wenn sogar du davon leben kannst“, antwortete Sally schnippisch.

Russ hatte sich einen großzügigen Schluck Denkbeschleuniger aus der Flasche aus der Schublade in seinen Kaffeebecher gefüllt und nippte daran grinsend. Sally war durchaus eine hübsche Biene, aber nicht für eine Nacht zu haben. Soviel hatte der Privatdetektiv bereits kapiert. Ihr schnelles Mundwerk passte zu Sallys wachem Verstand, der Russ durchaus imponierte. So etwas würde er der Blondine gegenüber natürlich nie zugeben.

„Ted Drumond.“

Russ musste eingenickt sein, denn als Sally seine Füße von der Tischplatte schob und den Namen nannte, wäre er fast mit dem Kinn auf die Tischplatte gekracht.

„Drumond?“

Russ kannte den schmierigen Ted, der seit geraumer Zeit an einer Blitzkarriere innerhalb der Schmugglerbanden arbeitete. Sein neuester Versuch war gar nicht einmal so dämlich, aber die Ausführung schon.

„Dann weiß ich jetzt, wie wir deinem Boss ein wenig Genugtuung verschaffen können“, sagte Russ.
Nach kurzer Überlegung wählte der Privatdetektiv die Dienstnummer von Lieutenant Boyd, einem der wenigen ehrlichen Cops in Windy City. Eigentlich war es kein Fall, der den Mann von der Mordkommission interessierte, aber er wollte sich dennoch darum kümmern.

„Und wie hilft es meinem Boss, wenn du Drumond an die Cops verpfeifst?“, fragte Sally verärgert.
Mit einem Grinsen erhob Russ sich. Statt einer Antwort schnappte er sich seinen mittlerweile wieder trockenen Hut und verließ das Büro. Auf der Fahrt zum Pelicanclub erklärte er Sally, wie sein Plan aussah.

„Na, toll. Dann kann Burk sich als Clubbesitzer ins gemachte Nest setzen und ich bin trotzdem arbeitslos. Als Kellnerin tauge ich nichts“, kommentierte Sally den Plan.

Als Russ und Sally am Club ankamen, führten Cops gerade den völlig überrumpelten Ted Drumond ab. Am langen Tresen stand Lieutenant Boyd und schaute auf Russ.

„Der Tipp war gut, Russ. Merkwürdigerweise wusste der Hausbesitzer offenbar auch schon Bescheid. Es hat bereits einen Nachfolger für den Club gefunden. Steckst du dahinter?“

Russ grinste verschwörerisch, während er Daumen und Zeigefinger in einer bekannten Geste gegeneinander rieb.

„Ah, daher weht der Wind. Und wer ist die nette Lady in deiner Begleitung?“

Sally stellte sich mit einem kecken Lächeln vor.

„So, so. Werden Sie denn auch in dem Club arbeiten?“

Mit entschlossener Miene schüttelte Sally Farmer den Kopf.

„No, Lieutenant. Für solche Jobs bin ich nicht zu haben. Ab sofort bin ich die Partnerin von Russ“, antwortete sie.

Beide Männer starrten die Blondine ungläubig an. Russ fand seine Sprache als Erster wieder.

„Von wegen, Schätzchen. Du kannst mein Vorzimmer übernehmen, mehr aber nicht.“

Sally zuckte lässig mit den wunderbar runden Schultern.

„Immerhin ein Anfang, Boss.“

Russ hatte den merkwürdigen Verdacht, dass er soeben von Sally Farmer aufs Kreuz gelegt worden war.   

© by Harald Jacobsen

 

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