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Auf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod oder der Feingeist der düsteren Schrecken

Auf Pilgerfahrt mit Gevatter TodAuf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod …
… oder der Feingeist der düsteren Schrecken

Das Phantastische Genre kennt natürlich auch die Sparte Horror und doch ist selbst Horror nicht gleich Horror. Würde ich hier die Bezeichnung Dark Fantasy als Genrebezeichnung wählen, müsste ich die Unterschiede sogar noch mehr herunter brechen, um hier eine klare Sicht mancher Unterschiede aufzuzeigen. Die Schauerliteratur ist dabei ein Zweig des Horror, der wohl auch mit der älteste sein dürfte.


Man kann Mary Shelleys Frankenstein ebenso zur Gattung der Schauerliteratur rechnen, wie auch die Werke von H.P. Lovecraft, Edgar Allan Poe oder Clark Ashton Smith usw., denn ihr Schrecken taucht eher aus dem Verborgenen hervor und steht nicht plakativ im Mittelpunkt wie in moderneren Romanen des Horror und Thriller. Manchmal sind die Grenzen hier auch fließend angelegt, wie man gerade auch bei Clive Barker erkennen kann, der sich manchmal nicht wirklich festlegen mag und sich so von seinen berühmten Vorgängern aus der Ära der Pulp-Magazinen abhebt. Modernere Autoren des Genre sind dabei sehr wohl in der Lage, die Stilmittel der Schauerliteratur anzuwenden, gehen jedoch hiermit durchaus bewusst sparsam um. Sie wissen, was ihre Leser von ihnen erwarten und was sie wo am besten einsetzen können, um einen gewissen Effekt zu erzielen.

Die Fans der Schauerliteratur wiederum wissen um die Kunst, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen und den Schrecken stattdessen in den Köpfen der Leserschaft zu entfachen, ohne eben jedes erschreckende Detail zu umreißen. Der Schauerroman oder auch die Schauergeschichte lebt durch die geschaffene Atmosphäre mit einer nicht greifbaren Bedrohung, dem Geheimnisvollen, das sich eben nicht plakativ in Szene setzt. Gut, das Beispiel Mary Shelley kratzt hier schon am Grenzbereich, denn ihr Element des Schreckens bleibt nicht lange im Verborgenen. Doch bleibt auch sie ihrer Zeit verhaftet, indem sie eben nicht die Gewalt und den Schrecken haarklein schildert und vor dem Leser recht blutig zelebriert. Fakt bleibt also hierbei, dass auch die Schauerliteratur durchaus reich an verschiedenen Facetten und Formen sein kann. Ein sehr schönes Beispiel hierfür bietet das Buch AUF PILGERFAHRT MIT GEVATTER TOD von Daniel Mosmann.

Daniel MosmanÜber den Autor Daniel Mosmann:
Den Namen Daniel Mosmann wird man nicht in einem Atemzug mit Lovecraft, Smith oder Poe zu lesen bekommen, denn er ist um viele Jahre jünger als diese Größen ihres Fach. Eigentlich sogar um einiges jünger als ich, denn ich bringe da noch lockere zehn Jahre mehr im Handgepäck mit und gehöre eigentlich auch nicht wirklich zum Kreis derer, die sich intensiv mit dem Feingeist des Schreckens beschäftigen. Da möchte ich mich eher als einen Randeinsteiger betrachten, der ab und an mit einer Schauergeschichte das breit gefächerte Spektrum des Schreckens auszuloten versucht, bevor er im nächsten Roman wieder tief bis zu den Knöcheln im Blute mancher literarischer Opfer wandelt.

Daniel Mosmann, Jahrgang 1971, wuchs in Schiltach im Schwarzwald auf und widmete sich erst einmal der Malerei als Kunstform. Selbst gibt er kund, dass er eine technische Ausbildung abschloss, bevor er sich einer Persönlichkeitsphase des perspektivlosen Nihilismus hingab. Aber auch das Interesse am Schreiben wuchs beständig an, so dass er mit einigen Geschichten sein erstes Buch unter dem Titel VON KASTANIEN UND KNOCHEN noch frei von einem Verlag im Jahre 2008 publizierte. Neben dem Verfassen von Schauergeschichten liebt Daniel Mosmann Familienurlaube im Wohnmobil und ausgedehnte Wanderungen zu Natursehenswürdigkeiten, wo er nicht zuletzt auch seine Inspirationen zu manch düsterer und morbider Erzählung schöpft. Heute lebt Daniel Mosmann mit seiner Familie im Schwarzwald und leitet beruflich eine arbeitstherapeutische Werkstatt für psychisch- und suchtkranke Menschen. 2015 erschien dann sein zweites Werk mit dem Titel AUF PILGERFAHRT MIT GEVATTER TOD im Verlag Periplaneta innerhalb der Edition Subkultur, das wir hier etwas eingehender betrachten werden.

Auf Pilgerfahrt mit Gevatter TodAuf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod – Die Anthologie:
Die Geschichten folgen hier übrigens nicht einem einheitlichen Muster, so das man als Leserin bzw. Leser nie vor (positiven) Überraschungen sicher ist. Ein Umstand, der gerade in einer Anthologie recht erfrischend sein kann und die Lesefreude sehr begünstigt.

  • Winterzauber - Nicht nur im Alter kann manche Last einen Menschen beugen und Narben hinterlassen. Auch in der Jugend ist das Leben manchmal kein Zuckerschlecken. Das muss auch eine junge Frau erfahren, die sich in Erinnerungen an ihre Kindheit ergeht und gleichsam versucht, einer Kälte zu entgehen, die sie längst in eine andere Daseinsform überführt hat.

  • In einem Landhaus - Der Tod ist gemeinhin eine Sache, die den Lebenden mehr zu schaffen macht, als dem Verstorbenen selbst. Und manche Erinnerungen verklären sich im Angesicht der Trauer. Allerdings manches scheinbar auch irritierende Verhalten in einer solchen Zeit kann auch erhellend wirken.

  • Oben, auf dem Knochenberg – Das Wissen um Sagen und schauerlichen Erzählungen können manch seltsame Blüten treiben, wenn man bei einer Radtour übers Land in einer alten Ruine nicht nur die Nacht, sondern auch ein Unwetter überstehen will.

  • Zur alten Linde – Ein Gedicht von schauriger Anmut.

  • Biester – Naturschutz ist etwas feines, es sei denn, die geschützten Frösche werden zu einer fast göttlichen Plage, die bald in eine grausige Gefahr umschlägt. Doch sind die offensichtlichen Fakten auch tatsächlich die richtigen, oder versteckt sich dahinter nicht sogar noch Schlimmeres?

  • Das sonderbare Begräbnis des William M. Roth – Man kennt das, überall wird gespart und mancher Arbeitsplatz erfährt so auch einen Wandel vom Fachwissen hin zur laienhaften Ausführung. Auf einem Friedhof ist dies nicht anders, weshalb manche Verstorbene beharrlich selbst für eine gewisse Ordnung zu sorgen pflegen.

  • Das Exkrement Gottes – Es gibt Tage, da geht aber auch alles schief. So einen Tag erlebt unsere Hauptperson gerade, was manchmal die Geduld, aber auch so manchen Durchblick trüben kann. Damit passieren dann allerdings auch schon mal Fehler, die leider nicht mehr zu beheben sind.

  • Zwischen Kraut und Kartoffeln – Else Knoche hat genug damit zu tun, Kartoffelkäfer aus ihrem Feld zu entfernen und die Aussaat vor den Krähen zu schützen. Da leistet eine Vogelscheuche gute Dienste. Doch was steckt dahinter, wenn sich ein solches Ding plötzlich frei im Feld zu bewegen scheint? Ist es ein Streich oder steckt mehr dahinter und was hat die Familie Kuhn damit zu tun?

  • Die vergessenen Kinder – Acht vergessene Kindergräber und ein verlassener Spielplatz am Rande können recht traurig wirken. Doch was treibt den alten Gerards stets aufs neue auf den verlassenen Spielplatz und was lässt ihn dort an diesem schaurigen Ort so zufrieden lächeln?

  • Auf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod – Ein weiteres (dieses mal längeres) Gedicht von düsterer Intensität.

Meine kritische Betrachtung:
Ja, … hört sich jetzt schlimm an, die Überschrift. So schlimm wird es allerdings nicht werden. Wie es bei Anthologien nun mal so üblich ist, gibt es manche Perle zu lesen und anderes trifft vielleicht den Nerv des Lesers nicht so direkt. Dies kann besonders bei Anthologien passieren, in denen mehrere Autoren und Autorinnen ihr Stelldichein geben. Schließlich verfügt jeder dort über seinen eigenen Stil und seine eigene Art, eine Geschichte – und sei sie noch so kurz – umzusetzen.

Doch auch wenn ein einziger Autor einen Band mit seinen Geschichten (auch in unterschiedlichster Form) präsentiert, bleibt beim Leser eine gewisse Einschätzung und Wertung der jeweilig gerade gelesenen  Geschichten nicht aus. Man kann und wird es eben nicht immer jedem recht machen können. Die Wertung der einzelnen Geschichten überlasse ich daher bewusst den jeweiligen Lesern selbst und werde hier nur anhand von einigen Beispielen meine Wertung abgeben, um einen gewissen Gesamteindruck zu vermitteln, ohne hier nun viel zu spoilern. Denn spoilern nimmt den Lesern ja bekanntlich vieles vorweg und mindert dann den eigenen Spaß den man hat, wenn man die Geschichten unvoreingenommen selber liest.

Meine klaren Favoriten sind hier die Geschichten WINTERZAUBER, DAS EXKREMENT GOTTES, DIE VERGESSENEN KINDER und die zwei durchweg sehr schönen und schaurigen Gedichte, wobei mir aufgrund der Kürze und Atmosphäre sogar das Gedicht ZUR ALTEN LINDE noch einen Kick mehr zusagt. Doch hier Kritik zu üben wäre meckern auf sehr hohem Niveau.

WINTERZAUBER besticht nicht unbedingt durch den Verlauf der Geschichte selbst, die ab einem gewissen Punkt durchaus schnell durchschaubar daher kommt. Sie besticht aber durch das durchweg moderne Setting und besonders auch durch die gebotene Atmosphäre, die einem scheinbar beim Lesen langsam die Beine herauf kriecht und einen dann doch etwas schaudern lässt. Gleiches mag man von DIE VERGESSENEN KINDER sagen, wobei hier die Durchschaubarkeit der Handlung nicht so direkt gegeben ist und manches doch nachhaltig überraschend wirkt. Bei IN EINEM LANDHAUS wird die Geschichte von einer etwas düsteren Atmosphäre getragen, doch hinterließ die Geschichte zum Schluss bei mir ein feines Lächeln auf dem Gesicht.

Dieses Lächeln steigerte sich dann in DAS EXKREMENT GOTTES beim Lesen noch beträchtlich, denn hier trifft eine bitterböse Handlung auf einen sehr geradlinigen und überraschenden schwarzen Humor, wie ich ihn geradezu liebe. BIESTER, die mit Abstand längste Geschichte des Bandes beginnt eigentlich recht bedächtig, gewinnt dann aber schnell an Spannung, wo sich gefühlt düstere Schatten über die Handlung legen, und wartet danach mit einem Finale auf, dass man so nicht wirklich erwartet hatte und das einen auch in gewisser Weise etwas (positiv) nachdenklich stimmt.

Am wenigsten konnte mich persönlich die Geschichte OBEN, AUF DEM KNOCHENBERG mitnehmen. Nicht das sie schlechter geschrieben wäre, jedoch fehlte hier das gewisse Etwas, weswegen die Story einfach zu durchschaubar daher kam und sich bestimmte Regungen wie eine düstere Grundstimmung, Spannung oder gar Gänsehaut nicht wirklich einstellen wollten. Es las sich eben wie ein netter Reisebericht, bei dem einem schon mal die Phantasie in einer regnerischen Nacht im Gemäuer einer alten Ruine durchgehen kann. Leider verblieb die Geschichte für mich auf diesem besagten Level einer interessanten, aber nicht wirklich schaurigen Anekdote.

Mehr möchte ich zu den einzelnen Geschichten nun nicht verraten, denn es erwartet die Leserinnen und Leser des Zauberspiegels ja auch noch ein Interview mit dem Autor Daniel Mosmann, dass ich eigens wegen seines Buches AUF PILGERFAHRT MIT GEVATTER TOD mit ihm führen durfte.

Der Versuch eines Gesamteindruck:
Bei dem Thema „Schauergeschichten“ hatte ich zu Anfang etwas meine Bedenken. Zum einen bin ich eher ein Freund des Hardcore Horrors, bei dem schon mal die Schädeldecke platzen, die Gedärme herumfliegen und daneben noch eine explizite Sexszene platziert sein darf, während der Opa in der Handlung gerade die Fingerknochen seines gefolterten Tischnachbarn mit süßsaurer Sauce abnagt. Da gönnt man sich als Leser dann auch schon mal ein paar gesalzene Erdnüsse zum Buch.

Schauergeschichten gönne ich mir eigentlich zur Horizonterweiterung eher zwischendurch, wenn meine persönliche, morbide Wohlfühlstimmung es genehmigt. Ein Umstand, der auch dazu führte, dass ich schon in früheren Jahren der Heftromanära explizite Gespenstergeschichten eher vermieden hatte zu lesen. Die besten Schauergeschichten, die mich allerdings nachhaltig geprägt hatten und bei denen es mir eiskalt den Rücken herunter lief, lagen eindeutig lange zurück in meiner Kindheit, wenn Besuch anwesend war und unter der Gesprächsrunde der Frauen (meistens in der Küche, während die Männer bei einem Bier über die Arbeit schwadronierten) das Thema auf verstorbene Bekannte und Verwandte einlenkte. Schnell driftete dieses Thema bei den Damen und auch meiner Mutter dann ab zu gewissen seltsamen Vorkommnissen in deren Umfeld, die dann fast im Flüsterton in jeder nur erdenklich schauerlichen Ausführung kund getan wurden. Da gab es dann mehr als eine zu berichtende schauerliche „Begebenheit“, die mir später am Abend den Schlaf nicht gerade vereinfachte. Allerdings waren die Geschichten auch wiederum so spannend und interessant, dass man als kleiner Knirps mit gespitzten Ohren eben diesen schauerlichen Ausführungen einfach lauschen musste.

VON KASTANIEN UND KNOCHENBesonders gut hatte mir daher die Schreibweise von Daniel Mosmann gefallen, die fein gewählt daher kommt, ohne übertrieben aufgesetzt zu wirken. Die Sätze so geschliffen platziert, ohne den Lesefluss in irgendeiner Form negativ zu beeinflussen, reißen den Leser förmlich mit. So machte es wahrlich Spaß, hier in diesem Buch in die Schauergeschichten einzusteigen und sich quasi darin fallen zu lassen. Jede dieser Geschichten weckte mehr oder weniger eben so auch die Erinnerung an solche (nicht sehr häufige) Gespräche, die ich in meiner Kindheit begierig und mit stockendem Atem mit verfolgt hatte. Die mir in jungen Jahren einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließen und einen gleichzeitig süchtig nach mehr werden ließ. Man merkt so bei Daniel Mosmann, dass er diese Schauergeschichten nicht nur schreibt, um es den berühmten Autoren wie Lovecraft oder Bloch innerhalb der Schauerliteratur einmal gleich zu tun. Vielmehr haucht er mit jedem Satz und jedem wohl gewählten wie platzierten Wort den düsteren Schatten ein erschreckend schönes Leben ein, bei dem sich ab und an beim lesen die feinen Härchen am Unterarm aufrichten. Wer davon nicht genug bekommen kann, dem sein hier auch sogleich sein erstes Buch mit dem Titel VON KASTANIEN UND KNOCHEN wärmstens ans Herz gelegt.

Für Freunde des eher schleichenden Schreckens mit einer flüssigen und doch geschliffenen Wortwahl kann ich bei AUF PILGERFAHRT MIT GEVATTER TOD nur eine uneingeschränkte Kaufempfehlung geben. Für alle anderen, die einmal in die Welt der Schauergeschichten eintauchen möchten, allerdings auch.
Auf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod
Auf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod
von Daniel Mosmann
Seitenanzahl: 200 Seiten
Erstveröffentlichung: Juli 2015
Genre: Schauerliteratur/Horror
ISBN: 978-3943412192 (Printausgabe/Taschenbuch)
Preis: 13,00 Euro
Edition Subkultur/Periplaneta Verlag und Mediengruppe

Und am Sonntag (28. Februar 2016) im Gespräch mit … Daniel Mosmann über Gevatter Tod, Schauergeschichten und Gedichte

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