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Ein Wendecoverbuch mit zwei düsteren Novellen - Teil 2 »Mutter«

Die MineEin Wendecoverbuch mit zwei düsteren Novellen
Teil 2 »Mutter«

Tim Curran gehört ja für mich zu den wichtigsten US-Autoren im Bereich des Horror, der einen immer wieder aufs neue überraschen kann. Mit dem Duble aus dem Luzifer Verlag liegen hier nun unlängst seine zwei Novellen DIE MINE und MUTTER vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Curran spart dabei nicht immer mit derben Szenen des Splatter und kann auch schon mal richtig deftig die Schiene des Ekels bedienen. Das sollten Leser der Novelle MUTTER daher schon im Vorfeld beachten.

Die Novelle MUTTER erschien im Original unter dem Titel SOW und hatte seitens des Luzifer Verlag im Juni 2019 nun neben der Novelle DIE MINE (Originaltitel: TERROR CELL) ihre deutsche Erstauflage.

Dabei fällt die Novelle MUTTER auch im Buch selbst etwas kürzer aus als DIE MINE, legt jedoch kurz nach Beginn eine Gnangart ein, bei der man es sich eventuell genau überlegen sollte, ob man vorher noch ein leckeres Essen zu sich nimmt.

Man kennt das ja, da futtert man noch eine Currywurst mit Pommes und eilt kurz darauf im Freizeitpark zur Achterbahn. Auch da gelingt es nicht jedem dann, das gerade gegessene ohne Probleme im Magen zu halten. Nicht viel anders macht es Tim Curran hier mit der Novelle MUTTER, welche schnell zu einer Achterbahn unter den Horrorgeschichten mutiert. Wer also einen empfindlichen Magen besitzt, sei vor dem lesen von MUTTER also hier ausreichend vorgewarnt.

Die MineDer Schrecken liegt in den Details:
Doch bevor ich hier eine Warnung nach der anderen absondere, blicken wir doch einfach mal in die Handlung von MUTTER hinein, in der eine Hexe aus dem England des 16. Jahrhunderts (genauer gesagt aus Essex um ca. 1580) eine nicht unbedeutende Rolle spielt, auch wenn die Hexe Alizen Clove damals ihr unseliges Leben nach einem Hexenprozess eigentlich ausgehaucht hatte. Doch wie es nun einmal so ist, man kann das Böse, in welcher Gestalt es auch immer auftreten sollte, vielleicht zurückschlagen (wenn man Glück hat), für die Ewigkeit vernichten kann man es jedoch nicht.

Ungefähr in der fünfzehnten oder sechzehnten Woche wurde es wirklich spürbar. Zu diesem Zeitpunkt hörte Holly auf, eine werdende Mutter zu sein, und wurde zum Wirt für etwas vollkommen anderes.

(Tim Curran: MUTTER/Seite 7)

Und so zieht sie nun in den USA unserer Zeit als alte Hebamme Mrs. Crouch (oder auch Missy Crouch genannt) wieder ihre bösen Kreise. Und in diesem Leben trifft es Richard und seine junge wie hübsche Frau Holly, die gerade auch unter ihrem Herzen die Frucht ihrer Liebe austrägt. Und es wäre falsch zu behaupten, Richard würde sich nicht auch über einen Sohn oder Tochter freuen. Doch diese Freude findet bald ein grausiges Ende.

Denn Holly hat sich in der Schwangerschaft sehr seltsam verändert. Denn die schöne wie junge Frau, die gesund und voller Liebe an der Seite ihres Mannes stand, mutiert immer mehr in recht grausiger Weise. Des Nachts kann Richard nicht einmal mehr schlafen wegen ihrem giftigen Gestank, den ihr Körper plötzlich absondert. Aber auch sonst verändert sie sich körperlich immer mehr zu einem geradezu ekelhaften Wesen, irgendwo zwischen Mensch und Schwein. Nur wenn die lieben Verwandten sich zu einem Besuch ankündigen, hält sie den schönen Schein der normalen jungen Frau optisch noch aufrecht. Doch wenn Richard mit ihr alleine ist, wird aus ihr wieder das boshafte Monstrum, in dessen Bauch eine schreckliche Brut heranwächst.

Sie hatte die Hufe eines Schweins, aber menschliche Hände, mit denen sie ihr rosa glänzendes Schweinefleisch streichelte. Fliegen krochen über sie hinweg. Graue Zecken, geschwollen vom Blut, hingen wie Fettsamen an ihrem Unterbauch, als sie sich umdrehte und die Reihen von milchgeblähten Zitzen freilegte.

(Tim Curran: MUTTER/Seite 75)

Die MineDas Richard zuerst an seinem eigenen Geisteszustand zweifelt, ist durchaus verständlich. Und Hilfe würde er auch nicht erwarten können, denn wer sollte ihm schon glauben, dass das Monstrum in seinem Ehebett rohes Fleisch frisst, von Fliegen und Kot umgeben ist und sich sogar mittels Telekinese zur Wehr setzen kann. Und Richard selbst ist für sie nur noch ein Wurm, der ihre niederen Bedürfnisse zu befriedigen hat und den sie auf grausame Art bedroht und demütigt.

Doch dann wendet sich Richard in seiner Verzweiflung an seinen Freund Maitland, der ihm zwar diese bizarre Geschichte auch nicht gleich glauben mag, jedoch nicht davon ausgeht, das Richard dem eigenen Wahnsinn nahe sein könnte. Und so lässt sich Maitland von Richard dazu breitschlagen, das Haus von Holly in seiner Abwesenheit zu überwachen. Denn wenn Richard nicht da ist, taucht regelmäßig die alte Hebamme Mrs. Crouch auf, die Holly auch mit diesen seltsamen alten, okkulten Bücher versorgt.

Maitland ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, in welch großer Gefahr er sich selbst mit der Hilfe für Richard begibt. Und Richard erinnert sich zurück an den Tag, als er und Holly sich eine verfallene Farm mit einer düsteren, vom Blitz gespaltenen Eiche angesehen hatten. Die ganze Farm atmete förmlich einen Hauch des Bösen, dessen schreckliche Auswirkungen jedoch im Schweinestall am schlimmsten für Richard zu spüren waren.

Der Haken war durch die Rückseite von Maitlands Schädel getrieben worden, was eine Menge Kraft gekostet haben musste. Aber so grausam das auch war, es war nichts im Vergleich zu seinen Überresten. Die Sau hatte sich von ihm ernährt.

(Tim Curran: MUTTER/Seite 108)

Erst jetzt ahnt er, dass das der Zeitpunkt gewesen sein muss, in dem diese dämonische Kreatur sich seiner geliebten Holly bemächtigt haben muss. Aber gibt es für die wahre Holly überhaupt noch eine Rettung? Und was ist mit dem gemeinsamen Kind, welches sie unter ihrem Herzen trug? Ist dieser Fötus eventuell schon längst der unmenschlichen Brut zum Opfer gefallen, welche nun im Bauch dieses nun dämonischen Wesens - halb Mensch, halb Sau - heranwächst?

MutterNachwuchs für den Teufels Old Jack Hobbs:
Ja, auch über diesen Teufel aus den englischen Wäldern mit dem seltsamen Namen Old Jack Hobbs erfährt der Leser noch so einiges in der Novelle. Doch das Hauptgewicht liegt in der Beziehung zwischen Richard und diesem grotesken Wesen, welches einmal seine Frau Holly gewesen war.

Und dieses Wesen, welches optisch einen vom Autor bis ins Detail beschriebenen Wandel durchmacht, ist wahrlich nicht an Boshaftigkeit wie auch Grausamkeit zu überbieten. Doch Richard kann sich nicht von ihr lösen, kann nicht die Flucht ergreifen, denn noch hofft er auf Rettung für seine geliebte Holly. Aber selbst, wenn diese Hoffnung langsam in ihm stirbt, kann er den Ort des Bösen nicht so einfach verlassen, denn diese Kreatur übt längst eine perfide Kontrolle aus, der sich Richard nicht mehr entziehen kann, egal wie weit er auch vor ihr fliehen würde.

Und was die detaillierten Beschreibungen des dämonischen Wesens betrifft, welches sich in seinen eigenen Fäkalien wälzt, da lässt Tim Curran hier wahrlich keine Wünsche offen. Man muss also mit den Bildern, die sich da recht schnell und intensiv beim lesen im Kopf formen, also auch wirklich umgehen können. Das ist allerdings wirklich nicht jedermanns Sache. Da dürften gerade für reine Leser von Heftromanen aus dem Gruselbereich die bisher bekannten Elemente des Grauens und deren eventuell ein wenig ekeligen Beschreibungen eher nur noch für einen Kindergeburtstag taugen. Denn Tim Curran legt seinen Lesern hier direkt ab den ersten Seiten die geistigen Daumenschrauben an und zieht diese mit jedem weiteren Kapitel genüßlich weiter zu, bis das man fasst die eigenen Knöchel brechen hört. Die Novelle MUTTER ist also eigentlich nicht wirklich der geeignete Lesestoff für zartbesaitete Gemüter. Erst recht dann nicht, wenn man eigentlich nur noch ein paar Seiten vor dem Schlafengehen lesen möchte und über eine ziemlich lebhafte Phantasie verfügt, die sich dann in den Träumen niederschlagen könnte.

MutterMein Fazit:
Bei MUTTER schaltet Tim Curran wirklich in den Turbo um, was Ekel und Darstellungen von Boshaftigkeiten sowie Grausamkeiten des Bösen betrifft. Dies sollte man jedenfalls bedenken, bevor man arglos zu diesem Double mit zwei Novellen des Autors greift. Dabei hat man aber trotzdem das Gefühl, als bewege sich der Autor hier in einem ruhigen Fluss, wie er da so seine Geschichte vor dem Leser ausbreitet. Man kann aber ohne Übertreibung feststellen, das der Originaltitel SOW (Sau) hier durchaus wohl passender sein dürfte.

Als Fan solcher detailreichen wie extremen Novellen und Romane laufe ich ja mittlerweile nicht mehr Gefahr, dass sich mir beim lesen plötzlich der Magen umdreht, oder mir vor Schreck über die sich formenden Bilder im Kopf der Mund offen stehen bleibt. Und so habe ich wirklich an jeder weiteren Seite und jedem weiteren Kapitel von MUTTER geradezu geklebt. Dies führte dann auch dazu, das ich mir den Hunger an diesem Tag mit einer Tüte Brotchips befriedigte, weil mich jede Zubereitung eines vernünftigen Essen wohl zu lange von dieser Novelle losgerissen hätte.

Mein Fazit dürfte in diesem Punkt dann auch nicht verwundern, wenn ich Tim Curran für die Novelle MUTTER die vollen fünf Schweinefüße als absolute Höchstbewertung vergebe. Eine begeisterte Leseempfehlung gibt es von mir hierzu dann auch oben drauf für die, die wie gesagt ebenfalls keine Schwierigkeiten mit solch hartem wie oftmals ekeligen Lesestoff aus dem Bereich des Horror haben.

Nun gut, ein klein wenig Ekel gehört beim Horror ja auch irgendwie dazu, wenn man nicht gerade eine lauwarme Geistergeschichte konsumiert, oder schon Probleme damit hat, wenn der Schrecken zumindest etwas detaillierter ins Zentrum der Handlung rückt.  Wie gesagt, Tim Curran gehört nicht wirklich zu den Autoren, die uns hier nur ein schauriges Märchen beim Lagerfeuer zum Besten geben. In Verbindung mit der etwas längeren Novelle DIE MINE zeigt sich aber auch, wie wandelbar Tim Curran sein kann und damit seine Leser auch immer wieder aufs neue zu überraschen weiß.

Mein kleiner Tipp für die Leser des Double DIE MINE/MUTTER: Fangt wirklich erst mit der Novelle DIE MINE an. Die verfügt auch über eine Reihe recht netter Splatter-Szenen. Doch wer danach eine derbe Steigerung braucht, bzw. erwartet, der wird von Tim Curran danach mit der Novelle MUTTER regelrecht verwöhnt, weil er hier nämlich dann wirklich brutal aufs Gas tritt. Man sollte die Novelle MUTTER allerdings wohl nicht gerade lesen, wenn man gerade selbst schwanger ist - mal als kleiner, nett gemeinter Hinweis.
Mutter
Mutter
(Sow)
von Tim Curran
Übersetzung: Janna Ruth
Genre: Horror
Seitenanzahl: 118 von 308 Seiten
Deutsche Erstveröffentlichung: Juni 2019
Verlagsausgabe: Brochiert/Double mit Wendecover
Buchinhalt: DIE MINE (Novelle) und MUTTER (Novelle)
ISBN: 978-3-95835-414-2        
Preis: 13,95 Euro
Luzifer Verlag

Kommentare  

#1 Marty 2019-09-08 11:29
Zit: Dies führte dann auch dazu, das ich mir den Hunger an diesem Tag mit einer Tüte Brotchips befriedigte, weil mich jede Zubereitung eines vernünftigen Essen wohl zu lange von dieser Novelle losgerissen hätte.
:-) Auch eine Möglichkeit, Diät zu halten ... Mahlzeit
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#2 Laurin 2019-09-08 17:36
@ Marty:
Ich weiß nicht ob man einen einmaligen Ausrutscher in Sachen Nahrungsaufnahme schon als Diät bezeichnen kann. Einen entsprechenden Erfolg kann ich an mir jedenfalls nicht wirklich feststellen. :lol:
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#3 Marty 2019-09-16 15:32
@ Laurin: Mehr Festa-Gräuel, mehr Diät ... ;-)
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#4 Laurin 2019-09-16 18:47
@ Marty:
Mal abgesehen davon, dass der Festa Verlag quasi mein Leib und Magen Verlag ist, klappt diese Diät auch nicht bei jedem Buch.
Und mal anders gesagt, jedes Buch hat auch mal ein Ende und dann ist auch die Schonzeit für den Kühlschrank oder alternativ durch Faulheit, dem Pizza-Lieferservice vorbei. :D
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