Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wenn Man(n) sich zu sicher fühlt - »Boys' Night«

Boys' Night Wenn Man(n) sich zu sicher fühlt
»Boys' Night«

Emily hat als radikale Feministin so ihre Probleme mit Männern. Zwar pflegt sie eigentlich eine durchaus befriedigende, gleichgeschlechtliche Beziehung mit ihrer afroamerikanischen Freundin Sandra. Nur hat die sich von Emily erst einmal zurückgezogen, weil Emily ständig im Streit mit ihr lag. Grund dafür ist ihr Kleidungsstil, der nach Emilys Meinung alle Männer geradezu zu entsprechenden Vergewaltigungsphantasien einladen würde.

Boys' NightDoch was die Männer angeht, scheint es auch Emily mitunter in den Fingerspitzen zu jucken, denn ab und an lässt sie sich doch mal gerne wieder auf ein Date mit einem Vertreter des anderen Geschlechts ein. Und dabei bleibt es in der Regel wohl nicht bei einem Abendessen mit netter Unterhaltung.

Dies mag jedoch nicht wirklich mit ihrem eigentlichen, extrem-feministischen Anspruch in Einklang stehen. Denn in ihrem Blog THE RADICAL FEMINIST geht Emily mit ihren Beiträgen in die Vollen und lässt kein gutes Haar an der Männerwelt. Hier sind für Emily alle Männer reine Monster, die in Frauen nur Sexobjekte und potentielle Opfer sehen. Und wenn sich Frauen etwas aufreizender in Schale werfen würden, würden eben die Männer dies für eine direkte Aufforderung zur Vergewaltigung ansehen. Die Reaktionen auf ihren recht radikalen Block sind dann auch seitens der Männer entsprechend heftig, die per Kommentar mitunter wüste Drohungen ausstoßen, die von Gewaltanwendung gegen sie bis über Vergewaltigungs- und Morddrohungen reichen. Kommentare also, die Emily längst gelernt hat zu ignorieren.

Mike hörte auf, die Frau zu schlagen, als ihm endlich bewusst wurde, dass sie sich nicht mehr wand, nicht mehr stöhnte oder atmete. Er schaute auf seine Fingerknöchel, die nun blutig und geschwollen waren. Seine Hände zitterten. Mikes Gesicht und Kleidung waren mit Blutspritzern übersät.

(Boys' Night/Seite 39)

Das Emily bei Sandra und ihrem Kleidungsstil genau diese letztere Einstellung scheinbar mit der Männerwelt teilt, geht dann für Sandra doch etwas zu weit, weshalb sie sich direkt einmal von Emily getrennt hat. Doch ändert dies nichts daran, das Sandra immer noch in Emily verliebt ist und ihr auch wieder nahe sein möchte. Als Emily sich daher wieder bei Sandra meldet, schöpft Sandra durchaus wieder Hoffung in Bezug auf eine gemeinsame Beziehung und macht sich entsprechend auf den Weg zu Emily.

An anderer Stelle treffen wir im Roman auf vier recht gefährliche Exemplare von Männern, die scheinbar genau in das Bild passen, welches Emily in ihrem Blog verbreitet. Hier treffen wir die Brüder Tiny und Paolo, zwei Samoaner, sowie auf Big Mike und Stan, die es als einen Spaß ansehen, sich in der Nacht auf die Lauer zu legen um hilflose Frauen brutal zu vergewaltigen. Als es bei einer ihrer grausamen Touren sogar zu einem Mord kommt, scheint zumindest für Paolo eine rote Linie überschritten zu sein. Nur dürfte dies kaum wirkliche Konesquenzen bei Paolo nach sich ziehen, denn schließlich hängt er auf Gedeih und Verderb an seinem brutalen Bruder Tiny, der diesen Grausamkeiten gegenüber Frauen weniger abgeneigt erscheint. Und den eigenen Bruder gegen sich aufbringen, könnte für Paolo sogar recht gefährlich werden.

Er schaute seinen Freund an und grinste dabei von Ohr zu Ohr. Zu dieser kleinen Hure nach Hause zu kommen, war eine gute Entscheidung gewesen.
"Wenn ich mit ihr fertig bin, hat sie wirklich einen Grund, Männer zu hassen."

(Boys' Night/Seite 59)

Als also die "Jagd" an diesem Abend nicht so läuft, wie von den vier Männern erwartet, beschließt man der radikalen Feministin aus dem Internet einen Besuch abzustatten, um ihr mal zu zeigen, wie der Hase für Frauen nach ihrer Einschätzung zu laufen hat. An die  Adresse von Emily zu gelangen, schien für die vier Vergewaltiger dabei ebenfalls kein wirkliches Probelm gewesen zu sein und ehe sich Emily also versieht, stehen die vier brutalen Typen auch schon vor ihrer Tür.

Sandra kommt an diesem Abend ebenfalls bei Emily an, doch etwas scheint hier nicht zu stimmen. Dies fühlt sie direkt, als sie vor dem Haus auf Big Mike, einen der vier Verbrecher trifft. Sie lässt sich jedoch nichts anmerken und versucht statt dessen heimlich in das Haus einzudringen, um Emily im Notfall helfen zu können.  Doch was dann passiert, scheint nicht nur Sandras Vorstellungsvermögen bei weitem zu übersteigen, sondern auch das der vier Täter, die sich eigentlich doch recht sicher fühlten.

Paolo kniete immer noch neben seinem Bruder und versuchte schluchzend, die Eingeweide des massigen Samoaners wieder in ihn hineinzudrücken. Mike packte ihn und zog ihn auf die Füße.

(Boys' Night/seite 92)

Boys' NightEs gibt immer einen, der böser ist als du:
Mit BOYS' NIGHT scheint man zuerst einen typischen Horrorroman vor sich zu haben, der sich an die recht bekannten Regeln der Rape-and-Revenge-Romane oder auch Filme orientiert. Und damit liegt man eigentlich auch nicht wirklich falsch.

Doch wenn Autoren wie Wrath James White und Matt Shaw aufeinander treffen, dann kann man darauf gefasst sein, das die Handlung nie so abläuft, wie man sie sich dann bereits vorstellt, denn ab einem gewissen Punkt wendet sich das Blatt radikal und die Spannungskurve steigt beim lesen enorm in die Höhe.

Dies liegt schon an der Konstellation der Figuren in dieser Novelle. Denn zuerst bekommt man als Leser die typische Rangordnung geboten. Da ist zuerst die radikale Feministin Emily, die unerwartet zum Opfer zu werden droht, wie auch ihre Freundin Sandra, die in ziemlich naiver Form direkt in ihr Unglück zu stolpern scheint.

Auf der anderen Seite haben wir die Täter, die in brutalen Vergewaltigungen eine Art Freizeitsport sehen und ihren Opfern auch im Kräfteverhältnis weit überlegen erscheinen. Ihnen ist es mit Ausnahme von Paolo schlicht egal, wie grausam sie dabei ihre Opfer verletzen oder ob diese dabei sogar sterben.

Der Rahmen wäre also innerhalb der Handlung in bekannter Manier abgesteckt und eigentlich geht es nur noch darum, ob Emily oder gar auch noch Sandra diese Nacht überhaupt überleben und was sie an Grausamkeiten und Verletzungen durchmachen müssen, bis es dann doch die Täter irgendwie trifft. An dem Punkt wäre dann der Teil dran, bei dem es um die blutige Rache geht. Das kennt man schon und das ist auch nicht wirklich neu.

Doch Wrath James White und Matt Shaw geben sich mit solchen bekannten Handlungswegen nicht zufrieden und sorgen auch bei einem Leser wie mir noch für Überraschungen, die man so nicht hätte kommen sehen können. Denn schon Emily verhält sich selbst nackt und gefesselt nicht so, wie man es von einem weiblichen Opfer eigentlich erwarten würde. Und dann ist es Paolo, der plötzlich Geräusche hinter einer verschlossenen Tür wahrnimmt, die eventuell auf eine weitere Person im Haus schließen lassen könnten. Und diese Person ist eben nicht Sandra, die sich bereits in das Haus geschlichen hat.

Wer nun nicht unbedingt auf exlizit geschilderte Szenen von sexueller Gewalt steht, der dürfte sich im weiteren Verlauf der Handlung auch irgendwie (und daher eventuell angenehm) wundern. Dies liegt auch nicht etwa daran, weil White und Shaw in diesem Punkt nicht etwa bereit wären, hier in die Vollen zu gehen. Denn die Vergewaltigung, die im Vorfeld schief läuft für unsere vier Täter, wird zwar recht kurz aber trotdem nicht weniger eindringlich geschildert. Und unsere vier Täter lassen eigentlich auch keinen Gedanken daran verschwenden, bei Emily plötzlich einen völlig anderen Weg für ihre Greueltat zu beschreiten. Doch kommen sie hier in dem Haus nicht einmal mehr dazu, Emily (oder eventuell Sandra) überhaupt zu vergewaltigen. Denn ab dem Augenblick, als sie mit Gewalt die verschlossene Tür öffnen, dreht sich das Blatt so radikal, das man sich durchaus fragen kann, wer hier nun wirklich Opfer und wer Täter sein wird.

Viel mehr mag ich hier aber nicht verraten wollen, denn dann müsste ich schlicht zu viel spoilern und interessierten Lesern damit wohl auch die Spannung nehmen. Doch so viel sei verraten, denn niemand kann so böse sein, dass er nicht auf etwas treffen könnte, was noch viel böser ist. Und so nimmt die Handlung ab diesem Augenblick eine durchaus überraschende Wendung, die man der Geschichte zu Beginn so jedenfalls nicht zugetraut hätte.

Boys' NightWrath James White ist als Autor jedenfalls durchaus bekannt dafür, Gesellschaftskritik recht brutal in seinen Romanen zu verarbeiten. Deshalb ließ sich auch schon damals der Autor Jack Ketchum zu der Äußerung hinreißen, das man als Leser der Romane von White am falschen Ende des Leichenwagens sitzen muss, wenn einen seine Geschichten kalt lassen würden. Wer Romane wie DER TOTENERWECKER, POPULATION ZERO oder PURER HASS bereits gelesen haben mag, welche bereits neben einigen weiteren Werken im Festa Verlag erschienen sind, der dürfte wissen wie ich dies meine. Denn White ist wahrlich kein Autor, der um den heißen Brei herum schreibt und nicht die entsprechenden erschreckenden Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen weiß. Nicht umsonst ist White damit zu einem der beliebtesten, aber auch härtesten Autoren geworden, die der Festa Verlag bisher präsentieren konnte.

Matt Shaws Werke werden indessen von seiner stetig wachsenden Fan-Gemeinde bereits mit denen von Autoren wie Richard Laymon, Edward Lee oder gar Stephen King verglichen. Shaw liebt es über Filme zu sprechen und ist seinerseits ein großer Bewunderer des Schriftstellers Roald Dahl, von dem er sogar ein Tattoo auf dem rechten Arm trägt. Der britische Horrorautor Shaun Hutson bescheinigte Shaw unlängst, knallharte und grausame Geschichten zu verfassen, so das bei ihm die Zukunft des Horror-Genre in besten Händen liege. Von Shaw liegen z.B. die Titel PERVERSE SCHWEINE, PORNO oder MONSTER (letzterer gemeinsam mit Michael Brey verfasst) im Festa Verlag vor.

Gemeinsam gelingt es hier in BOYS' NIGHT Matt Shaw und Wrath James White eine verstörende und bitterböse Novelle auf den extremen Feminismus aber auch den Grausamkeiten zu verfassen, die von Männern gegenüber Frauen verübt werden können, um dann eine Wendung zu vollziehen, die überraschend und erschreckend zugleich sein kann.

Boys' NightMein Fazit:
BOYS' NIGHT kommt in der Reihe FESTA EXTREM daher wie ein typischer Rape-and-Revenge-Romane, was dieser auch irgendwie ist.  Wenn ich allerdings glaubte, man könne dieser Sparte des Horrors nichts wirklich überraschendes hinzufügen, so wurde ich hier nun eines Besseren belehrt.

Denn bevor die eigentlich brutalen Täter ihr grausames Werk überhaupt wirklich beginnen können, werden sie mit etwas konfrontiert, welches selbst ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und gesagt sei hier auch, dass man als Leser nun nicht mit einer Wendung rechnen sollte, die etwa in der einen oder anderen Form mit übernatürlichen Elementen aufwartet.

Letzteres wäre schlicht zu einfach und würde den durchaus logischen Aufbau der Geschichte eher sogar stören. Aber auch das Ende dürfte ein wenig erschreckend sein, denn geht es hier doch darum, was höher zu gewichten ist, die Gerechtigkeit oder die Zuneigung zu einer anderen Person. Logisch also auch in diesem Punkt, dass man seitens der Autoren hier nicht mit einem Happy End am Ende belohnt wird, als befände man sich in einem Märchen oder einer schaurigen Seifenoper. Das Leben kennt eben kein reines Schwarz oder Weiß und so arbeiten die beiden Autoren hier auch zielsicher mit den vielen möglichen Grautöten, die das Leben so bieten kann.

Alleine schon für diese durchaus überraschende Wendung innerhalb der Novelle BOYS' NIGHT komme ich nicht daran vorbei, dieser recht schlanken Geschichte von gerade mal 128 Seiten die vollen fünf von insgesamt fünf möglichen Punkten als Höchstbewertung zu vergeben.  Es überrascht dabei durchaus auch, wie viel Spannung man in knapp 128 Seiten packen kann bei einem Thema des Genre, bei dem man eigentlich glaubt, dass man hier nicht wirklich mehr etwas überraschendes vorfinden dürfte. Was zartbesaitete Leser betrifft, so sei hier allerdings wieder durchaus gewarnt, denn nicht umsonst erscheint BOYS' NIGHT in der Festa-Extrem-Reihe, deren Bücher man nur direkt über den Verlag bestellen kann und die als Privatdrucke daher über keine ISBN-Nummer verfügen (also auch nicht im regulären Buchhandel oder per Amazon erhältlich sind).

Boys' NightBoys' Night
(Boys' Night)
von Matt Shaw & Wrath James White
Originalausgabe: Verlag Createspace/England 2017
Deut. Erstausgabe: Dezember 2019/Festa Verlag
Genre: Horror
Seitenanzahl: 128 Seiten
Übersetzung: Stefan Hahn
ISBN: Ohne/Nur über den Verlag erhältlich
Preis: 12,99 Euro
Verlag: FESTA
Altersempfehlung: 18 Jahre
Bezug über: Festa Verlag

Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.