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Tödlicher Aderlass bei Vollmond - Leopold von Sacher-Masoch und die ewige Jugend

Ewige JugendTödlicher Aderlass bei Vollmond
Leopold von Sacher-Masoch und die ewige Jugend

Im Jahre 1611 treffen sich einige (sagen wir mal) Frauenhelden und protzen mit ihrem Wissen über das andere Geschlecht. Nur Emmerich Kemen kann, da schlicht noch eine völlige männliche Jungfrau, nichts hierzu beitragen. Schon kommt das Gespräch auf die wohl schönste Frau, deren die Männer jemals begegnet sind. Nur scheinbar traute sich niemand wirklich an sie heran. Im Stephansdom zu Wien beschließt man zumindest, einen Blick auf ihre Schönheit zu werfen.

Emmerich ist sofort völlig hingerissen von der überirdischen Schönheit dieser Frau, die in ihrem Blick einen seltsamen, dominanten Glanz aufweist. Und schon bald nähert er sich zaghaft dieser betörenden Schönheit, die man als verwitwete Gräfin Elisabeth Nadasdy, geborene Bathory kennt.

Doch die Wahrheit über sie mag Emmerich zuerst nicht einmal im Traum glauben. Soll sie doch bereits an die fünfzig Jahre sein, auch wenn sie eigentlich keinen Tag älter erscheint, als eine Zwanzigjährige.

Sehr schnell findet die Gräfin gefallen an diesem recht unschuldigen jungen Mann und zieht ihn immer mehr in ihren Bann. Und ehe er sich versieht, lernt er auch die Grausamkeit der Gräfin kennen, die man ihr nur flüsternd nachsagt. Eine ihrer Dienerinnen, die sich während seiner Anwesenheit recht ungeschickt beim bürsten ihres Haares erweist, droht sie damit, sie zur Strafe auspeitschen zu lassen. Das junge und völlig verängstigte Ding fleht geradezu darum das ihr die Schande der Peitsche erspart bleiben möge.

Die Gräfin scheint ihr Flehen sogar zu erhören, jedoch greift sie zu einer anderen recht grausamen Bestrafung, indem sie ihr unter den Fingernagel des Mittelfingers eine Nadel hinein treibt. Damit nicht genug erklärt sie dem nun vor Schmerz winselnden Geschöpf, das sie die Strafe später vollenden wolle, indem sie ihr unter jeden Fingernagel eine Nadel treiben wolle.

Emmerich, einerseits von ihrer Grausamkeit abgestoßen und andererseits fasst hilflos fasziniert von ihrer Schönheit, buhlt weiterhin um ihre Gunst. Daraufhin läd die Gräfin den jungen Mann auf ihr Schloss in den Bergen, am Rande der Karpaten ein. Emmerich ahnt nicht einmal in seiner fasst hilflosen Hingabe, dass er für sie nicht mehr ist als ein Spielzeug, das irgendwann seinen Reiz verlieren dürfte.

Bei Vollmond geht es zum tödlichen Aderlass:
Auf der Reise zum Schloss der Gräfin begegnet Emmerich Koloman von Perusies und seiner blutjungen Schwester Isabella, die bald in die Dienste der Gräfin gelangen soll. Doch Koloman scheint gegen die Gräfin eigentlich eine Tiefe Abneigung zu hegen, während seine Schwester scheinbar nur von ihr und ihrer Stellung in der besseren Gesellschaft zu schwärmen vermag.

Auf dem Schloss selbst feiert man rauschende Feste und bald entwickelt Emmerich auch ein Interesse an den anderen jungen Frauen am Hofe der Gräfin, was jedoch diese nicht gerade entzückt. Doch auch die Gerüchte, das bei Vollmond immer wieder eine der jungen Frauen in ihrem Schloss plötzlich verschwindet und nie wieder auftaucht, macht hier vor vorgehaltener Hand die Runde. Emmerich und Koloman werden bald Zeuge, mit welcher Grausamkeit die Gräfin einem von ihrem Henker aufgegriffenen Wilderer zu Leibe rückt, worauf Koloman das Schloss angewidert verlässt. Aber auch eines der jungen Mädchen, der Emmerich sehr zugetan ist, verschwindet in der folgenden Vollmondnacht für immer. Doch die Gräfin scheint am nächsten Morgen noch schöner und noch jünger auszusehen als zuvor.

Emmerich der ihr nun bald völlig verfällt, fleht sie an, ihn nicht vom Schloss weg zu schicken, da sie scheinbar ihr Interesse an ihm zu verlieren scheint. Lieber wolle er durch ihre Liebe sterben als von ihr getrennt zu sein. Für Emmerich kann dies durchaus ein folgenschwerer Wunsch sein, den die Gräfin Nadasdy ihm nur zu gerne erfüllen möchte. Schließlich weigern sich bald alle jungen Töchter aus gutem Hause aus Angst um ihr Leben, in ihre Dienste treten zu wollen.

Scheint die Blutgräfin bei Emmerich erreicht zu haben, was sie wollte und welches Spiel spielen Koloman und seine reizende Schwester wirklich auf dem Schloss der Nadasdy? Aber noch viel wichtiger scheint die Frage zu sein, ob der vor Hingabe völlig von Sinnen zu sein scheinende Emmerich Kemen noch gerettet werden kann, oder ob er seine Liebe mit seinem Blut und seinem Leben bezahlen muss?

Spiel mir das Lied von Schönheit, Blut und Tod:
Beschäftigt man sich mit der Literatur um den Marquis de Sade, der ja nicht gerade zimperlich mit seinen Opfern in seinen Werken umging, dann kommt man unweigerlich irgendwann auch nicht an den Schriften von Leopold von Sacher-Masoch vorbei. Beide, de Sade wie auch Sacher-Masoch bilden faktisch die zwei untrennbaren Seiten der selben Medallie. Hier die Gewalt des bekennenden Sadisten, dort die Unterwürfigkeit des ebenfalls bekennenden Masochisten.

De Sade war ja eher der Sadist, der mit wachsender Freude die Grausamkeiten bei zumeist (aber nicht nur) jungen, weiblichen und noch recht unschuldigen Mädchen in freudige Höhen trieb. Dagegen war Sacher-Masoch eher der, der die jungen unschuldigen Burschen unter die peinigenden Hände betörender, weiblicher Sadistinnen trieb. Zumindest ist er hierfür recht bekannt, man nehme hierzu nur sein bekanntes Standardwerk VENUS IM PELZ einmal zur Hand.

Im vorliegenden Fall, in der er sich der grausamen Blutgrafin Elisabeth Bathory annimmt, ist dies nicht minder der Fall. So ist der Hauptcharakter Emmerich Kemen bereits zu Beginn des hier vorliegenden Hörspiels ein eher zögerlicher und schüchterner Bursche ohne Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht und daher recht anfällig für die Reize einer grausamen Schönheit. Seine Kumpane zu Beginn dagegen scheinen an Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht weitaus erfahrener und durchtriebener zu sein, was man am Klang und der Art ihrer Stimme nur zu gut heraushören kann.

Besonders aber möchte ich an dieser Stelle als Beispiel einmal Arianne Borbach hervorheben, die in einer geradezu genialen Art und Weise die grausame Gräfin Nadasdy mit ihrer Stimme zum Leben zu erwecken versteht. Man kann hier recht schön die Verschlagenheit, aber auch den unter den Dialogen schwingenden Sadismus geradezu körperlich fühlen, während ihre Stimme  gleichsam sehr jugendlich und fasst schon neugierig-verspielt herüber kommt. Aber natürlich brauchen sich die anderen Sprecherinnen und Sprecher des Hörspiel EWIGE JUGEND nicht hinter ihr zu verstecken. An diesem Punkt kann man durchweg von einer gekonnten und überzeugenden Leistung aller sprechen, da es hier leider viel zu lange dauern würde, müsste ich mich jeder Sprecherin und jedem Sprecher würdigend annehmen.

Auch das Wechselspiel zwischen den sehr gut gelungenen Dialogszenen und den Ausführungen des Erzählers (hier Peter Weis) treffen da meinen Geschmack auf den Punkt. Gerade dieses Wechselspiel und das sehr saubere und gelungene Klangbild erzeugen eigentlich vom ersten Satz an die jeweiligen passenden Bilder im Kopf des Zuhörers. Da ist es nicht übertreiben, nicht nur von einem Hörspiel zu sprechen, sondern schon von einem perfekten Kopfkino - faktisch direkt durch die Ohren umgewandelt in eigene, farbenprächtige Bilder der Phantasie.

Die hierbei eingepflegten akustischen Effekte sind eher dezent und überlagern nie störend die Dialoge der Sprecherinnen und Sprecher, was sich ziemlich angenehm für den Hörer selbst gestaltet. Das dieses Hörspiel knapp über 60 Minuten dauert, fällt so kaum ins Gewicht, da man recht schnell und sehr tief in die Geschichte eintaucht und dabei jegliches Zeitgefühl erst einmal zur Seite legen kann.

Auch die empfohlene Altersangabe ab 14 Jahre erscheint mir hier nicht wirklich zu hoch angesetzt. Ich möchte hier nur an die oben beschriebene Szene mit der Nadel erinnern, die der jungen Dienerin unter den Nagel ihrers Fingers getrieben wird. Da ist schon ein ordentlicher Gänsehauteffekt vorhanden, weil man unweigerlich - quasi die eigenen Finger schützend - die Hände zu Fäusten ballt.

Mein Fazit:
Das Hörspiel EWIGE JUGEND von Leopold von Sacher-Masoch greift zwar vom Thema her eigentlich kaum etwas wirklich neues auf, was es natürlich anhand seines Alters auch überhaupt nicht zu leisten vermag. Zu bekannt dürften die vielen Geschichten um die Blutgräfin Bathory sein, die auch ihren Einfluss auf Bram Stokers DRACULA kaum verhehlen kann. Dabei kommt diese hier vertonte Geschichte durchaus positiv und ohne jegliche Querverbindung zum Vampirmythos aus. Auch wird hier nicht intensiv auf das typische baden im Jungfrauenblut seitens der Gräfin Bathory eingegangen (sieht man einmal von dem eher schlicht gehaltene Cover seitens Ertugrul Edirne ab), was ebenfalls wohl eher ins Reich der Phantasie gehört, weil Blut nunmal ungünstiger Weise recht zügig zu gerinnen pflegt und selbst eine Badewanne (mitunter sogar nur eine altertümliche, verzinkte Sitzwanne) nicht mit dem Blut nur eines Opfers wirklich gut zu füllen sein dürfte.

In diesem Punkt bleibt also dann doch vieles noch der Phantasie des jeweiligen Zuhörers überlassen, was allerdings kein negativer Punkt ist, denn um diese Phantasie wirklich in Schwung zu bekommen, reicht das gebotene Spiel mehr als aus.

Für mich ist das Hörspiel EWIGE JUGEND, übrigens mein erstes Hörspiel aus der Reihe GRUSELKABINETT von Titania Medien, eine richtig gute und runde Sache, bei der mir schlicht der Boden für jegliche negative Kritik gleich entzogen wird. Daher erhält dieses Hörspiel von mir eine absolute Empfehlung zum reinhören und die vollen fünf von möglichen fünf dicken Blutstropfen.  

Ewige Jugend
von Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895)
Gruselkabinett Folge 117
mit Peter Weis (Erzähler), Patrick Baehr, Patrick Bach, Arianne Borbach, Sascha von Zambelly, Maximiliane Häcke, Axel Lutter, Marianne Mosa, Johannes Bade, Daniela Bette, Roman Wolko u.a.
Produktion & Regie: Stephan Bosenius, Marc Gruppe
Buch: Marc Gruppe
Illustration: Ertugrul Edirne
Layout: Doreen Enderlein
Veröffentlichung: 2016
Dauer: Über 60 Minuten
ISBN: 978-3-7857-5382-8
Vertreib: Lübbe Audio
Titania Medien 2016

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