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Ein phantastischer Filmklassiker - Wenn der gefiederte Schrecken zuschlägt

Ein phantastischer FilmklassikerFolge 56
Wenn der gefiederte Schrecken zuschlägt

In dieser Reihe EIN PHANTASTISCHER FILMKLASSIKER werde ich ein wenig meine Schatzkammer in Sachen DVDs öffnen, in der sich neben mehr oder weniger aktuellen Filmen eben auch so manche Klassiker der Phantastik tummeln. Wir werden einen Streifzug unternehmen, in dem wir uns z.B. über Grusel, Science Fiction und Filmen im Grenzbereich der verschiedenen Genre bewegen werden. Vielleicht sehen sie ihren Wellensittich bald auch mit anderen Augen.


Die Vögel (The Birds)Die Vögel (The Birds)
Ob Daphne du Maurier 1952, als ihre Kurzgeschichte THE BIRDS in Großbritannien im Sammelwerk THE APPLE TREE erschien, damit gerechnet hat, was sie hiermit knapp über zehn Jahre später an den Kinokassen auslöste, glaube ich irgendwie nicht. Doch Alfred Hitchcock muss von dieser Kurzgeschichte (und auch einigen anderen von ihr) um den Landarbeiter Nat Hocken, der mit Frau und Kindern kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Farm in Cornwall bewirtschaftet, ziemlich beeindruckt gewesen sein. Denn irgendwann nahm Hitchcock Produktion und Regie für ein ziemlich beängstigendes Filmprojekt in die Hand, dass 1963 unter dem Titel THE BIRDS (DIE VÖGEL) in die Kinos kam und den Zuschauern eine neue Art des Horrors lieferte. Da gab es keinen üblen Agenten, keinen gewalttätigen Verbrecher oder was sonst damals in gängigen Filmen die Menschen umbrachte. Vielmehr ging die Gefahr von Tieren aus, denen man höchstens ankreiden könnte, wenn sie einem von oben auf den Kopf kacken. Vögel waren eigentlich nie wirklich direkt im Fokus der Menschen, wenn es um eine Gefahr mit fasst biblischem Ausmaß ging. Als ich den Film das erste mal sah, war ich gerade mal in der Grundschule und wir hatten einen Wellensittich, der auch manchmal frei im Zimmer fliegen durfte und so auch für manchen Unsinn verantwortlich war. Er liebte es z.B. geradezu meine damaligen kleinen Spielzeug-Autos über den Teppichboden zu schieben. Der Kleine war so eine richtige gefiederte Art von Kumpel mit Sinn für Humor. Irgendwie sah ich ihn kurz nach dem Film allerdings mit etwas anderen Augen, denn Hitchcocks DIE VÖGEL hatte mir wahrlich eine fasst schlaflose Nacht bereitet. Aber manches legt sich in der Jugend ja schnell wieder und der Wellensittich blieb verrückter auf Spielzeug-Autos von Matchbox als auf blutigen Terror, was wohl nicht nur mir damals recht gelegen kam.

Man könnte jetzt hier auch eine ganze Menge über die Spezialeffekte schreiben und es gab auch sonst eine Menge drumherum, was so alles interessant ist. Doch so ein Artikel ist ja schließlich irgendwo begrenzt und vieles ist hierzu im Internet ja auch problemlos nachzulesen. Deshalb will ich hier nun etwas mehr auch das Augenmerk auf eben die Kurzgeschichte von Daphne du Maurier legen. Denn auch diese Handlung ist überaus interessant und steht bekanntlich, wenn es um den Film DIE VÖGEL geht, oftmals nicht wirklich im Fokus der Betrachtung. Also schauen wir doch mal kurz hinein in die Handlung von THE BIRDS, die sich literarisch im schönen englischen Cornwall zuträgt.

Die Vögel (The Birds)Von seltsamen Schwarmbildungen und kollektiver Intelligenz:
Im Spätherbst kommt es jedenfalls zu einem Wetterumschwung mit eigenartigen Folgen. Nat Hocken muss nämlich feststellen, dass sich sowohl die Land- als auch die Seevögel ungewöhnlich aggressiv verhalten. Auch beobachtet er nun recht seltsame Schwarmbildungen der Vögel am Himmel, aber auch in der nahe gelegenen Bucht. Das es sich hierbei um eine Art kollektive Intelligenz der Vögel handeln könnte, halten seine Mitmenschen jedoch eher für eine absurde Spinnerei von Nat. Er beginnt jedoch damit, sein Haus gegen mögliche Angriffe der Vögel zu befestigen. Über die Nachrichten im Radio erfährt er zudem, dass das aggressive Verhalten der Vögel sich im ganzen Land ausbreitet. Es dauert nicht lange und jeder Kontakt mit der Außenwelt ist völlig abgeschnitten und die Landwirte der Umgebung sind längst bei den Attacken der Vögel umgekommen. Da die Vögel jedoch ihre mörderischen Aktivitäten nur bei Flut umsetzen, schmiedet Net Hocken einen Plan um sich, seine Frau und die Kinder durch Flucht zu retten. Hierzu beginnt er neben Brennstoff auch Lebensmittel zu horten, um die nächsten Tage bis zur Flucht zu überstehen. Ob ihm und seiner Familie dies gelang, bleibt in der Geschichte allerdings offen.

Hitchcock ließ im Film DIE VÖGEL ebenfalls so einiges offen, was manche zu weitreichenden Spekulationen in dieser Hinsicht anfeuerte. Die einen glaubten, dass die Aggression der Vögel im Zusammenhang mit Melanie Daniels stehen mussten, wofür es allerdings keine Hinweise oder Belege im Film gibt. Andere meinten gar, die Verhaltensveränderung der Vögel hätte einen kosmischen Hintergrund. Spekulieren darf man indessen auch heute noch fleißig und das sowohl im Hinblick auf Hitchcocks DIE VÖGEL als auch was den Ausgang der Kurzgeschichte von Daphne du Maurier angeht, denn auch dieser blieb eben offen und bietet mehr als genügend Raum für Spekulationen vielfältiger Art.

Die Vögel (The Birds)Daphne du Maurier, das Talent und Hitchcock:
Geboren im Mai 1907 in London und gestorben im April 1989 in Par, Cornwall, war Daphne du Maurier für Hitchcock wahrlich keine unbekannte. THE BIRDS war nicht die einzige filmische Umsetzung eines Stoffes der britischen Schriftstellerin. Ihren Roman REBECCA verfilmte Hitchcock ebenso wie auch ihren Roman GASTHAUS  JAMAIKA unter dem veränderten Filmtitel RIFF-PIRATEN.

Ein Teil ihres bewegten schriftstellerischen Lebens wurde zudem 2007 verfilmt, in dem die Schauspielerin Geraldine Somerville sie in der Hauptrolle wieder zum Leben erweckte. Aufgewachsen ist sie als Tochter des Schauspielers Gerald du Maurier und dessen Frau Muriel Beaumont. 

Das schriftstellerische Talent sollte sie jedoch von ihrem Großvater erben, dem Schriftsteller George du Maurier.

Die Vögel (The Birds)Bodega Bay/Sonoma County – ein Küstenstädtchen des Schreckens:
Nicht nur das diese recht kleine und politisch recht unselbstständige Ansiedlung zum Austragungsort des Krieges der Vögel gegen die Menschen auserkoren wurde – Nein, Bodega Bay scheint irgendwie eine innere Anziehungskraft für düstere Geschichten zu haben. Erwähnung findet Bodega Bay zum Beispiel in einem der Romane des Autors Richard Laymon, der seine Protagonistin alsbald in einem sogenannten Geisterhaus auf mutierte und äußerst mörderische Wesen stoßen lässt, die ihre weiblichen Gefangenen recht gerne zur Fortpflanzung am Leben halten (DER KELLER/Heyne Verlag).

Doch auch in anderen Filmen taucht Bodega Bay auf bzw. lieferte die Kulisse und hinterlässt nicht gerade den Eindruck eines hübschen Küstenstädtchens, in dem es sich lohnen würde, Urlaub zu machen. 1977 entstand der Film THE PACK (DIE MEUTE), der ebenfalls in Bodega Bay gedreht wurde. 1980  geht es dann um reichlich Gold, mit dem Land für eine Lebrakolonie gekauft werden sollte. Die Kranken ließ man aber an einem Riff zerschellen und das Gold wurde zu einem Altarkreuz geschmolzen und in der Kirche versteckt bis zu dem Tag, an dem die Toten wiederkehren um fürchterliche Rache zu nehmen. In THE FOG – NEBEL DES GRAUENS taufte man zwar das Städtchen an der Küste in Antonio Bay um, gedreht wurde aber im schönen Bodega Bay. 1985 wurde dann sowohl der Film DIE GOONIES in Sonoma Coast als auch in Bodega Bay gedreht. Ab 1989 dann der nächste Horror-Trip. Der Kinofilm PUPPET MASTER spielte in Bodega Bay. Doch auch die Folgefilme zu PUPPET MASTER Teil Zwei, Vier und Fünf wurden in Bodega Bay umgesetzt. 1992 dann wandelten metamorphe Vampire, die neben der Gestalt eines normalen Menschen auch die einer zweibeinigen Wehrkatze annehmen konnten dank eines unveröffentlichten Romans von Stephen King, der auch das Drehbuch schrieb, in SLEEPWALKERS (SCHLAFWANDLER) vormals durch Bodega Bay. Der Film selber jedoch spielt von der Handlung her erst zu dem Zeitpunkt, als diese Wehrkatzen wegen eines Todesfall Bodega Bay/Kalifornien verlassen mussten um sich irgendwo an einem stillen Örtchen in Indiana erneut nieder zu lassen. Und diese „Aussiedler“ von Bodega Bay haben es in sich, denn sie besitzen darüber hinaus nicht nur telekinetische Fähigkeiten sondern frönen in Liebesdingen auch gleich dem familiären Inzest. Man sieht also, in Sachen Film und Horror scheint Bodega Bay ein wirklich heftiges Händchen sein eigen zu nennen. Doch halt, kommen wir jetzt doch endlich mal zu einem Einblick in den Film DIE VÖGEL von Alfred Hitchcock.

Die Vögel (The Birds)Der Tod kommt aus den Lüften:
In San Francisco versucht der Anwalt Mitchell „Mitch“ Brenner ein Pärchen Liebesvögel zu erstehen, die er seiner kleinen Schwester zum Geburtstag bringen möchte und trifft statt dessen auf die Millionärstochter eines Zeitungsverlegers, Melanie Daniels, die selbst schon mächtig Wind in der Boulevardpresse hinterlassen hatte. Er macht sich einen Spaß daraus und hält sie angeblich für eine Verkäuferin. Melanie spielt dieses Spiel mit, bis das Mitch ihr offenbart, dass er sie sehr wohl erkannt hat und ihren Lebenswandel (den er real eigentlich nicht kennt) nicht mag. Melanie indessen scheint schon irgendwie gefallen an dem Anwalt gefunden zu haben, bestellt die Liebesvögel und will sie ihm mit einem gepfefferten Brief vor seine Wohnung stellen, wo sie jedoch erfährt, dass Mitch übers Wochenende bei seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in Bodega Bay weilt. Kurz entschlossen reist sie ihm nach, holt dort einige Erkundigungen ein, wo bei sie auch Mitchs ehemalige Freundin und jetzige Lehrerin im Ort, Annie Heyworth trifft, bei der sie auch die Nacht in einem gemieteten Zimmer verbringen wird. Mit einem Boot fährt Melanie zu den Brenners raus und platziert die Vögel im Haus, wo Mitch sie kurz danach findet. Als er sie sieht, fährt Melanie mit dem Boot zurück während Mitch ihr über die Landstraße mit dem Wagen folgt. Doch kaum am Bootssteg angekommen, wird Melanie von einer Möwe angegriffen.

Von Annie erfährt Melanie auch, dass Lydia, Mitchs Mutter panische Angst davor hat, ihr Sohn könne sie wegen einer anderen Frau alleine lassen, was eine Beziehung sichtlich komplizieren würde. Telefonisch lässt sich Melanie dann aber überreden, zur Geburtstagsfeier der kleinen Cathy am nächsten Tag zu kommen. Den Angriff der Möwe hat sie bereits wieder vergessen, bis dass plötzlich eine Möwe gegen die Tür bei Annie kracht und mit gebrochenem Genick liegen bleibt.

Es kommt zu weiteren seltsamen Vorfällen, denn z.B. wollen die Hühner ihr Futter nicht mehr anrühren und auf der Geburtstagsfeier greift plötzlich ein Schwarm Möwen gezielt die spielenden Kinder an. Zum Missfallen von Lydia kann Mitch Melanie dazu überreden, auch die Nacht im Haus zu verbringen. Doch am Abend erfolgt ein weiterer Angriff von einem Schwarm Sperlinge, die massenhaft durch den Kamin ins Haus eindringen. Am nächsten Morgen, als Lydia den benachbarten Futterhändler besuchen will, findet sie neben einem zerstörerischem Chaos im Haus und toten Möwen auch den Händler vor, der tödlich verletzt und mit ausgehackten  Augen am Boden liegt. Völlig verängstigt bittet Lydia später Melanie darum, nach Cathy zu schauen, die noch in der Schule ist. Als Melanie dort eintrifft und wartet, sammeln sich hinter ihr unbemerkt ein großer Schwarm Krähen auf dem Spielplatz. Als sie diese dann bemerkt, warnt sie Annie und beide geben vor den Kindern an, von ihnen eine Feuerübung sehen zu wollen um sie nicht in Panik zu versetzen. Als die Kinder dann jedoch rennend das Schulgebäude verlassen, ist dies das Startsignal für die Krähen, die Kinder gezielt anzugreifen.

Die Vögel (The Birds)Einige der Kinder werden verletzt, aber da Melanie entscheidend zu ihrer Rettung beigetragen hat, steigt ihr Ansehen in Lydias Augen beträchtlich. In einem Restaurant wo Melanie ihren Vater wegen der Vorkommnisse am Telefon unterrichtet, stößt sie und Mitch auf eine starrsinnige alte Ornithologin, die das ganze als blanken Unsinn bezeichnet und von einem örtlichen Trinker noch unterstützt wird. Doch bald kommt es zu weiteren Zwischenfällen an einer nahegelegenen Tankstelle wo Möwen den Tankwart angreifen. Das ausfließende Benzin und ein verantwortungsloser Raucher sorgen für ein Feuer und dafür, dass die Tankstelle explodiert. Dies scheint das Startsignal für die Möwen zu sein, nun die Menschen auf den Straßen von Bodega Bay anzugreifen. Nach diesem Zwischenfall halten die Anwohner, darunter auch die Ornithologin Melanie für den Auslöser des Terrors der Vögel. Als man Cathy bei Annie abholen will, findet man auch die Lehrerin tot vor ihrem Haus, in dem sich nur Mitchs Schwester noch retten konnte vor den mordlustigen Vögeln.

Mitch nimmt Cathy und Melanie wieder mit nach Hause und fängt an, alle Fenster und Türen notdürftig zu verbarrikandieren. Es scheint nämlich so, als sammeln sich die verschiedenen Vogelarten um einen finalen Angriff auf die Menschen auszuführen. Als die Attacken in der Nacht losgehen, scheint selbst dieser Schutz nur mäßig die wütenden Vogelangriffe aufhalten zu können. Als dann doch etwas Ruhe einkehrt und man vor Müdigkeit einschläft, schleicht sich Melanie nach oben in ein Schlafzimmer, weil sie dort ungewöhnliche Geräusche wahrnimmt. Sie ahnt nicht, dass die Vögel sich durch das Dach gearbeitet haben und sie nun angreifen. Melanie gelingt es nicht mehr, das Schlafzimmer zu verlassen und wird bewusstlos. Erst als Mitch und Lydia im oberen Stockwerk eintreffen, können sie Melanie von den blutigen Attacken der Möwen retten. Doch Melanie steht nun unter Schock und muss dringend zu einem Arzt. Da ihre Lage im Haus völlig aussichtslos ist, beschließt man mit Melanies Wagen Bodega Bay zu verlassen. Mitch bietet sich ein Bild des Grauens, denn überall sind Massen von aggressiven Vögeln die sich im Moment jedoch noch recht ruhig verhalten. Aus dem Autoradio erfährt er zudem, dass die Angriffe der Vögel sich auf Bodega Bay zu konzentrieren scheinen. Langsam fahren sie durch die am Boden befindlichen Vögeln davon, einer für sie ungewissen Zukunft entgegen (man erfährt im Film schließlich nicht, ob ihnen die Flucht auch unbeschadet gelingt).

Vogelangriffe – Keine reine Phantasie:
Neben der zugrunde liegenden Kurzgeschichte von Daphne du Maurier orientierte sich Hitchcock während der Dreharbeiten allerdings auch an wahren Begebenheiten. 1961 z.B. traf es die Küstenstadt Capitola. Die Bewohner wurden buchstäblich aus dem Schlaf gerissen, als ein riesiger Schwarm Vögel, zumeist Dunkle Sturmtaucher, gegen Hausdächer prallten, Fensterscheiben zerstörten und Stromleitungen kappten die über Land führten. Im Gespräch mit dem französischen Filmemacher Truffaut erfuhr Hitchcock so auch von Raben, die Lämmer auf den Weiden angegriffen hatten. Hitchcock informierte sich hierzu weiter bei den umliegenden Bauern, bzw. nahm sich weitere diverse Zeitungsmeldungen vor, in denen Vögel ein völlig seltsames bzw. nicht nachvollziehbares aggressives Verhalten an den Tag legten, wobei sie hierzu auch stets in größerer Anzahl auftraten. Diese realen Meldungen baute Hitchcock auch selbst in dem Film während der Dialogszenen zwischen der alten Ornithologin mit anderen Darstellern im Restaurant von Bodega Bay ein. Die Szene mit den Vögeln, die bei den Brenners durch den Kamin in das Haus eindringen ist ebenfalls der Realität entnommen, denn in La Jolla drang 1961 nachweislich ein Schwarm von Spatzen durch einen Kamin in ein Haus ein.

Die Vögel (The Birds)Eine neue Hauptdarstellerin musste für Hitchcock her:
Im Grunde genommen hätte Hitchcock wohl am liebsten mit seiner Lieblingsschauspielerin Grace Kelly die Rolle der Melanie Daniels besetzt, doch diese entschwand bekanntlich in adelige Spähren und entsagte deshalb Hollywood im besonderen und dem Beruf der Schauspielerin im allgemeinen. Also benötigte Hitchcock eine Darstellerin, die Grace Kelly recht nahe kam. Tippi Hedren machte sich indessen seit 1950 in New York City einen Namen als Model, bevor sie durch die Universal Studios entdeckt wurde und erst einmal in Werbespots für Getränke vor der Kamera stand. Die Agentur für Schauspieler MCA vermittelte sie dann an Hitchcock. Doch hier konnte sie sich nicht direkt ins gemachte Nest setzen und musste einen dreitägigen Leinwandtest absolvieren. Hierzu musste sie Szenen aus Hitchcocks Filmen REBECCA, ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA und BERÜCHTIGT spielen, was ihr dann bei Hitchcock einen Exklusivvertrag mit wöchentlich garantierten 500 US-Dollar einbrachte. Der Vertrag wiederum sicherte Hitchcock im Gegenzug die völlige Kontrolle über Tippi Hedrens Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zu, was sowohl Kleidung, Frisur, Schmuck oder Make-up einschloss.

Doch auch Rod Taylor war eigentlich nicht die erste Wahl gewesen. Hier standen Schauspieler wie Gary Grant oder Farley Granger zuert ganz oben auf der Wunschliste. Da jedoch Rod Taylor kurz vorher durch die Oscar-prämierte Literaturverfilmung DIE ZEITMASCHINE einem größeren Publikum bekannt wurde, fiel letztendlich die Wahl für die Figur des Mitch Brenner auf ihn.

Auch Hitchcock selbst hatte natürlich seinen Cameo-Auftritt ziemlich am Anfang des Films, wo er gerade die Vogelhandlung mit seinen zwei Hunden Geoffrey und Stanley (beide Sealyham Terrier) verlässt. Eine Schlüsselszene, in der man übrigens geradezu perfekt sieht, wie Hitchcock es gelingt Spannung in höchstem Maße aufzubauen, dürfte dabei die Schulszene sein, in der sich hinter Melanie langsam die Gerüste des Spielplatzes sich mit äußerst bedrohlichen Krähen füllen.

Gesamt gesehen gäbe es noch viel mehr zu erzählen. So war das Haus der Lehrerin Annie Hayworth schlicht eine Attrappe, die, soweit aufgebaut, nach den Filmaufnahmen wieder abgetragen wurde. Das Schulgebäude indessen ist echt und hatte später einige Wandlungen hinter sich (z.B. als Restaurant oder Gemeindehaus) bevor es in Privatbesitz überging. Auch wäre noch sehr viel zu den Spezialeffekten selbst zu berichten, aber das alles würde hier den Rahmen beträchtlich sprengen und wäre von der Menge her schon einen eigenen Artikel wert. Ich hoffe daher, dass meine etwas andere Schwerpunktlegung den Lesern auch einige andere interessante Aspekte eröffnet hat, die ansonsten eher wohl etwas stiefmütterlich gehandhabt werden.

Die Vögel (The Birds)Mein Filmkritik:
Wie bereits gesagt, der Film DIE VÖGEL hatte in meinen damals noch recht jungen Jahren einen ziemlich bleibenden Eindruck hinterlassen der nachträglich dafür sorgte, dass mich dieser Film, den ich eigentlich nie wieder sehen wollte (eben weil er mich als Kind eher ängstigte), dann bei jeder Wiederholung wie einen Süchtigen vor den Fernseher trieb. Es gab danach auch nie wieder einen Film der Sparte Tierhorror, der mich derart in den Bann ziehen konnte wie DIE VÖGEL von Hitchcock. Dagegen war selbst DER WEISSE HAI kein Schocker für mich, zumal man als Jugendlicher von einem Hai eigentlich auch nichts anderes erwartete. Vögel hatten schließlich gegenüber Haien allgemein etwas irrationales und man rechnet bei ihnen mit vielem, aber eben nicht mit dem Terror den Hitchcock hier durch sie bot.

Da bedurfte es wirklich keiner Frage mehr für mich, dass der Film DIE VÖGEL in meiner Sammlung der PHANTASTISCHEN FILMKLASSIKER auf keinen Fall fehlen durfte. Und das der Film auch heute noch von mir fünf von fünf möglichen Punkten bekommt, dürfte daher wohl auch keine Überraschung sein.

Hier den Film nun jemandem Schmackhaft machen zu wollen, dürfte schon wie das tragen von Eulen (sind ja auch Vögel) nach Athen gleichkommen. Denn wer kennt diesen Klassiker nicht? Bleibt noch, hier einmal schnell auf das Remake zu schielen, dass 2007 unter dem Titel DIE VÖGEL – ATTACK FROM ABOVE (Originaltitel: KAW) unter der Regie von Sheldon Wilson in die Filmsäle kam. Hier gab Rod Taylor als Doc wieder seinen Einstand. TV SPIELFILM gab hier als Kritik folgenden Satz zu diesem Machwerk ab:

„Finger weg vom Klassiker! - Gehört zur Gattung der filmischen Aasfresser.“

Dem kann ich mich hier nur anschließen und gebe meinerseits den Tipp: Wenn ihr DIE VÖGEL sehen wollt, dann bitte nur das klassische Original von Hitchcock. Alles andere ist schlichte Verschwendung von Zeit und Lebensenergie. Das gilt leider auch für das Remake aus dem Jahre 1994 unter dem Titel THE BIRDS 2: LAND'S END (DIE VÖGEL 2: DIE RÜCKKEHR), in der Tippi Hedren die Rolle der Helen übernahm. Auch dieses uninspirierte Machwerk reicht leider nicht einmal im Ansatz an den Originalfilm heran.

Ausblick:
Na, das Filmstudio (vom Film des nächsten Samstag) hatten wir glaube ich vor kurzem schon mal wieder in einem Artikel zum PHANTASTISCHEN FILMKLASSIKER. Aber verraten werde ich es hier nun nicht, denn das würde euch das raten etwas vereinfachen.

Aber den einen oder anderen Hinweis könnte ich vielleicht durchblicken lassen. Wie wäre es z.B. mit dem Umhang eines Vampir, oder darf es doch ein Psychokiller aus einem Roman sein, der noch nicht fertiggestellt ist? Was haltet ihr von einer kleinen Hexe oder sollte es doch lieber etwas schauriges aus einem Wachsfigurenkabinett sein?

Ich lasse euch da mal die freie Auswahl. Oder ist es vielleicht so, dass dies alles gar in einem Film vorkommt? Gut, ist ein bisschen viel für einen Film, aber wer sagt denn, dass wir es hier mit „einem“ normalen Film zu tun bekommen werden?

Ganz sicher, dass kann ich euch hier allerdings schon verraten, ist die Tatsache, dass wir beim nächsten PHANTASTISCHEN FILMKLASSIKER auf jemanden stoßen werden, der als vertrottelter und witziger Magier der Vergangenheit plötzlich in der Zukunft strandete. Das tat er aber nicht in dieser Filmproduktion, sondern in einer damals auch hier recht beliebten Serie aus England. Vielleicht kennt ja zumindest hier jemand diesen Zauberer der eher traurigen Gestalt?

Und damit ihr hier mit Hinweisen heute von mir geradezu überschüttet werdet, lasse ich mal durchklingen, dass noch andere große Namen des englischen Horrorfilms mit in der Besetzungsliste auftauchen. Nun, jetzt eine Idee wie der Titel des Films lautet? Immer noch nicht? Also ehrlich, strengt euch mal ein wenig an, so schwer ist es doch nun auch nicht. Bis dann am nächsten Samstag, wenn ich wieder mal einen Klassiker aus meiner Filmsammlung ziehe.

Die Vögel (The Birds)
Die Vögel
(The Birds)
mit Tippi Hedren, Rod Taylor, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Jessica Tendy, Ethel Griffies, Charles McCraw, Doreen Lang, Doodles Weaver, Elizabeth Wilson, Richard Deacon, Lonny Chapman, Joe Mantell, Ruth McDevitt, Karl Swenson, Bill Quinn u.a.
Regie und Produktion: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Evan Hunter
Genre: Horror/Thriller
Filmreihe: Alfred Hitchcock Collection
Laufzeit: 115 Minuten
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH
USA 1963

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Kommentare  

#46 Grubert 2016-08-02 23:25
zitiere Harantor:
Wir reden von einem dokumentierten Briefwechsel.

Wenn Du das anders siehst nenn es MacGrubert (denn kannst Du dann darstellen wie Du willst), aber das was Mainstream hier anführt ist mehr als nur Meinung. Das muss man einfach akzeptieren


Ja, aber da weiß ich ja bislang noch gar nicht was in dem Briefwechsel genau steht. Um da mitreden zu können bräuchte ich ein direktes Zitat, oder eine Zusammenfassung dessen was da steht, wenn es um mehr als einen Satz geht. Dann können wir weiter reden.

Schätze ich werde mir das Buch besorgen, falls ich es nicht doch schon habe. Denn die anderen Truffaut Bücher die Robert Fischer herausgegeben hat habe ich alle. Und Truffaut hat mir immer Spaß gemacht zu lesen. Auch da wo ich ganz anderer Meinung bin als er:

Die
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#47 Harantor 2016-08-02 23:31
Streite es nicht ab. Lies den Briefwechsel. Selbst ist der Mann.
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#48 Grubert 2016-08-02 23:37
zitiere Harantor:
Streite es nicht ab.


Ähh? Was abstreiten? Verwirr mich nicht ...
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#49 Grubert 2016-08-02 23:56
Machen wir mal trotz Verwirrung weiter. im Netz habe ich folgendes gefunden:

"In the 1963 horror thriller The Birds, The MacGuffin is a pair of love birds that Melanie Daniels, played by another famous scream queen Tippi Hedren, buys as a gift for Mitch Brenner's (Rod Taylor) younger sister. The presence of the birds in Bodega Bay seems to set off a series of attacks by birds of all species, and there are a few hints in the film to indicate the love birds are The MacGuffin, but the response of the residents to the presence of Melanie Daniels in the town could also indicate a second MacGuffin in the film as Melanie Daniels and the love birds arrived at the same time, which would make Daniels a MacGuffin. In the end, no one really knows why the birds attacked, but the attacks do seem to be a warning against the mistreatment of the environment, a theme explored more deeply in the film's sequel, The Birds II: Land's End. Some film reviewers have indicated that the reason for the attacks by the birds is The MacGuffin, but the bird attacks are an integral part of the plot and not a simple device to keep the plot moving. "

Dem letzten Satz stimme ich gerne zu, der entspricht auch der Definition die ich in dem Truffaut/Hitchcock Buch finde, aber das die Lovebirds oder gar Melanie der MacGrubert ähh MacGuffin sein könnten, das ist allerdings eine köstliche Idee.
Wenn auch keine die ich ernst nehmen kann. Dafür meint angeblich ein Filmprofessor der Hitchcock unterrichtet (der sollte etwas Ahnung von der Materie haben)das es keine gäbe:
"The professor of my Hitchcock course said that The Birds has no mcguffin and that Hitchcock wanted the audience to believe the love birds were the key to the bird attacks so that he could undercut their expectations at the end."

Aber sieht trotzdem ebenfalls die beiden Liebesvögel als (metaphorischen?) Handlungsauslöser.

Hmmm ...
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#50 Andreas Decker 2016-08-03 11:33
zitiere Grubert:
Aber sieht trotzdem ebenfalls die beiden Liebesvögel als (metaphorischen?) Handlungsauslöser.

Hmmm ...


Fällt auch mir zuerst dabei ein. Das Ganze nimmt den ganzen Anfang des Films in Beschlag, um dann keine Rolle mehr zu spielen.

Aber manchmal ist eine Zigarre auch bloß eine Zigarre :-)
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#51 Grubert 2016-08-03 12:46
zitiere Andreas Decker:
zitiere Grubert:
Aber sieht trotzdem ebenfalls die beiden Liebesvögel als (metaphorischen?) Handlungsauslöser.

Hmmm ...


Fällt auch mir zuerst dabei ein. Das Ganze nimmt den ganzen Anfang des Films in Beschlag, um dann keine Rolle mehr zu spielen.

Aber manchmal ist eine Zigarre auch bloß eine Zigarre :-)


Genau, denn wenn das ein MacGuffin ist, dann ist fast alles andere auch ein MacGuffin.
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#52 Grubert 2017-05-23 21:32
Da haben wir wieder den typischen selbstmitleidigen Feldese Kommentar. Der alles verdreht was nur geht.

Auch das hier hat wenig mit Rechthaberei zu tun, sondern mit hinterfragen. Und Nachdenken ist nicht so des Feldeses Stärke.

Das erwähnte Truffaut Briefwechsel Buch habe ich übrigens längst, etwas über einen MacGuffin in Die Vögel habe ich da bislang nicht drin gefunden. Da hat derjenige, der das behauptet hat sich vielleicht einfach falsch erinnert.
Und was den MacGuffin an sich betrifft sehe ich das nach wie vor so daß das mittlerweile vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist, und dann hätte konsequent betrachtet so ziemlich jeder Film einen MacGuffin. Man muß sich da halt an die Originaldefinition in dem Truffaut/Hitchcock Buch halten, und auch beim Googeln habe ich von Hitchcock nur dem Buch ähnliche Aussagen gefunden.

Der MacGuffin ist ein austauschbarer Handlungsvorwand in einigen von seinen Spionagefilmen , und ein ganz wesentlicher Aspekt ist das dieser Vorwand nie wirklich Teil der Handlung wird.
Das wäre z.b. Die Kanonen von Navarone ohne daß die Kanonen im Film auftauchen, oder Die Schatzinsel ohne daß die Protagonisten je auf der Insel ankommen, oder besser noch überhaupt jemals zu ihr aufbrechen, oder Moby Dick ohne daß der Wal auftaucht.

Alles andere ist ein ganz normaler Handlungsvorwand, wie ihn fast jeder Film hat, zumindest fast jeder Genre Film. Wenn z.b. das Geld am Anfamg von Psycho ein MacG wäre, dann hätte ja jeder Film der von einer großen Menge Geld, einem Schatz, Diamanten, einem Bankraub etc handelt einen MacGuffin, wenn der MacG aber ncihts Besonderes ist, dann macht es auch keinen Sinn dafür eine etwas groteske Geschichte zu erfinden und ihm einen komischen Namen zu geben.
Jedenfalls sind viele Sachen die mittlerweile von Vielen als MacGuffins angesehen werden, in Wirklichkeit keine.
Nicht die Bundeslade in Raiders, nicht der Malteser Falke (daß er gefälscht ist ändert das nicht), nicht Rosebud in Kane, nicht der Koffer in Pulp Fiction.

Aber schon die Hasenpfote in MI III (falls ich das nicht falsch erinnere.
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#53 Grubert 2017-05-23 21:41
Ich habe übrigens das Breifwechsel Buch nicht komplett gelesen, sondern im Fall die Vögel alle einträge im Register kontrolliert ohne etwas zu finden.
Wenn das doch in dem Buch ist, oder anderswo zu finden ist, wäre ich dankbar für einen Hinweis.

Außerdem fällt auf, daß z.b. die Wiki Artikel zum Thema da auch teils widersprüchliche Aussagen zu tätigen.
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#54 Grubert 2017-05-24 22:15
Wohl kaum, denn das ist eine Argumentation die durchaus Sinn macht, und die auf Wissen und Nachdenken beruht, und die andere Filmkenner durchaus teilen.

Was nicht heißt das man das nicht auch anders sehen kann, aber man sollte einfach mal zum Ursprung der Definition zurückkehren, also die aus dem Truffaut/Hitchcock Buch, und drüber nachdenken. Die 4 Beispiele die in dem Buch genannt werden, allesamt nur aus seinen Spionagefilmen, passen zu meiner Argumentation.
Alles weitere sehe ich als Konstruktion.
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#55 Postman 2017-05-26 09:35
zitiere Feldese:
... (zu artifiziell, zu aseptisch) ...


Ich musste erst mal googeln was du sagen willst, lande bitte mal wieder auf unserem Planeten ;-)

Mich stört aber ähnliches bei Hitchcock - seine Filme wirken auf mich nicht gefühlsecht und es wirkt immer als wenn er in Kulissen gedreht hätte.

Da ich jedoch mehr auf Horror stehe, kann ich mit "Die Vögel" und "Psycho" aber noch am meisten anfangen.

Unvergesslich sind für mich bei Psycho zum einen die Vögel im Käfig, die sich während der Fahrt im Auto in die Kurven legen, die schreckliche Geräuschkulisse während der Vogelangriffe und natürlich die Leiche auf dem Stuhl, die dann doch Probleme mit dem Augenlicht hat. Gerade letzteres ging mir damals mit knapp 12 Jahren durch und durch.
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