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Leben und Sterben in Arizona oder Die Welt aus der Sicht eines Klaviers

StoryLeben und Sterben in Arizona
oder Die Welt aus der Sicht eines Klaviers

Es steht vor dem Tafelglasfenster, wo es seit achtzehn Monaten ausgestellt ist, und brät in der Sonne, während Passanten auf den hölzernen Gehsteigen vorbeihasten, um zu kaufen, was immer Prescott sonst zu bieten hat. Das „PREIS REDUZIERT“-Schild, das der Mann mit dem rötlichgrauen Backenbart vor einer Woche aufgestellt hat, bewirkt nichts. Nur wenige bleiben überhaupt vor dem Schaufenster stehen.

Ein Jahr ist es her, dass jemand seine Elfenbeintasten berührt hat. Eine mollige Frau namens Hauchzarte Jane hatte ihre dicken Finger über das Gehäuse aus doppeltem Mahagoni-Furnier gerieben und ein paar Takte eines Minstrel-Liedes mit dem Titel „Oh, Dem Golden Slippers(1) gespielt.
  „Den Mädchen wird es gefallen“, hatte Backenbart gesagt. „Ihr Haus wird die erste Adresse in Prescott sein.“
 Die Frau lachte und trat beiseite. „Zweihundert ist zu teuer. Wenn Sie auf fünfundsiebzig runtergehen, lassen Sie es mich wissen.“
 „Sie werden es nie für fünfundsiebzig bekommen, Jane. Das verspreche ich Ihnen.“
 „Wir werden ja sehen“, sagte die Frau.
 Sie war nicht wieder gekommen.
 Prescott boomt (2). Leute kommen hierher, um den Arizonastaub abzuwaschen oder um Örtlichkeiten wie diejenige der Hauchzarten Jane zu besuchen. Sie brauchen etwas zu futtern, „Recht und Gesetz“ oder Doktor DeWitt, vielleicht auch „ein Bad und eine Rasur“. Niemand braucht ein großartiges Pianino.
 Siebeneindrittel Oktaven. Doppelrollen-Tastaturdeckel und vollständig drehbares Notenpult. Handgeschnitzte Rahmen und Verstrebungen im Queen-Anne-Stil. Repetitionsmechanik mit doppelter Auslösung. Vernickeltes Scharnier am Tastaturdeckel. Untertasten aus Elfenbein und Obertasten aus Ebenholz. Drei Pedale. Mehr als siebenhundert Pfund. In Prescott gibt es nichts Vergleichbares.
 Einige Ortsansässige nennen es Harrigans Narretei.
 Ein Mann bleibt vor dem Fenster stehen und fährt mit langen Fingern durch seinen grobverfilzten Bart. Er trägt ein Musselinhemd, fleckige Segeltuch-Hosenträger und braune Hosen mit einer Kruste aus getrocknetem Schlamm und noch trocknerem Staub. Ein flachrandiger Boss of the Plains (3) mit niedriger Krone, den John B. Stetson nicht für sich reklamieren würde, sitzt auf seinem schmalen Kopf, und etwas wölbt sich in seiner linken Wange, als er durch das Glas starrt. Schließlich spuckt er einen braunen Wasserfall auf den Gehsteig und geht davon.
 Gut so. Das ist kein Musiker, und es ist besser, in Harrigans Gemischtwarenladen zu schwitzen als zu Brennholz für den Winter zerhackt zu werden.
 Die Glocke über der Tür läutet. Backenbart erhebt sich von seinem Hocker hinter dem Tresen und setzt sein falsches Lächeln auf.
 „Guten Tag, Sir. Was kann ich heute für Sie tun?“
 „Ich möchte mir das Klavier da ansehen.“
 Nachdem Backenbart sich von seiner Überraschung erholt hat, deckt er seine Elfenbeintasten auf und tritt zurück. Der bärtige Mann zögert, dann schlägt er ein paar Ober- und Untertasten an, was ein Stöhnen auslöst. Er zuckt zurück.
 „Ich nehme es“, sagt er.
 „Sir?“
 „Sagte, ich nehme es. Wie teuer?“
 „Äh. Zweihundertundachtzig Dollar in Papiergeld. Oder zweifünfundzwanzig in Gold. Das ist ein Schnäppchen, wie auf dem Schild steht.“
 Nun sollte das Feilschen beginnen, aber der Mann nickt und nimmt einen Beutel aus der Hosentasche. Weiß er nicht, dass er übers Ohr gehauen wird?
 Sie wiegen Goldstaub auf der Thekenwaage ab, und der Angestellte stellt eine Quittung aus. Er kann sein Grinsen nicht verbergen, bis der bärtige Mann sagt: „Auf dem Schild steht, dass Sie überall im Territorium ausliefern.“
 „Ja, Sir. Für das Klavier wären das, hm, zehn Dollar extra.“
 „Einverstanden“, sagt der neue Besitzer und geht zu der Karte, die an der gegenüberliegenden Wand hängt. Er streckt einen langen Arm bis zur äußersten rechten Ecke der Karte, von dort fährt ein knochiger Finger nach unten, vorbei an Fort Defiance, St. Johns und weiter nach unten, bis „White Mountains“ zu lesen ist. Er tippt auf eine Stelle und sagt: „Hier. Wie Sie dort hinkommen, kann man Ihnen in Jakes Laden in Springerville (4) sagen. Wie lange brauchen Sie?“
 Backenbart schüttelt bedächtig den Kopf. „Einen Monat vielleicht?“
 Der Mann gibt ihm ein paar Goldmünzen. „Ein Vergnügen, Geschäfte mit Ihnen zu machen.“
 Die Glocke über der Tür läutet, und der Eigentümer pfeift „The Blue Tail Fly(5), als er auf den Holzplanken davon geht.
 Backenbart starrt auf die Karte.
 „Mist“, sagt er.

In eine Plane gehüllt steht es hinten auf dem langen Wagen. Zweige schlagen auf das staubbedeckte Segeltuch und überschütten die Ladefläche mit Kiefernduft. Über das Rauschen des Windes, das Knarren der Räder mit ihren Metallfelgen auf dem Lavagestein hinweg hört es Logan, McIntosh und Prosser – die Männer, die Backenbart in Prescott engagiert hat – ein Lied singen, das es noch nie gehört hat:
                  „Herrgottnochmal! Bewegt euch,
                        ihr verdammten Maulesel.
                         Dieser Mistkerl, Harrigan,
               ich bring’ den verfluchten Yankee um.
                   Bewegung, ihr blöden Maulesel.
      Ich zieh’ euch das Fell ab, bewegt euch, hab’ ich gesagt.“
 Das Hanfseil, das durch das Segeltuch und in das Mahagoniholz schneidet, reißt unter der Anspannung, als das linke Hinterrad in ein Loch kracht. Die Heckklappe öffnet sich, und es rutscht hinaus, überschlägt sich einmal und prallt mit einem klagenden Misston gegen die Felsen.
Prosser singt eine weitere Strophe seines Liedes. Logan und McIntosh stimmen ein.
          „Steht nicht einfach nur rum, ihr Nichtsnutze.
    Helft mir, das Klavier wieder auf den Wagen zu kriegen.
              Zieh’ die Bremse an, du blöder Trampel.
                  Harrigan. Du kannst was erleben.
                      Was zur Hölle ist das denn?
    Auch noch ein Fuß kaputt. Schmeiß das Ding hinten rein.
                  Hoch auf drei. Eins… zwei… drei.“
 Der beschädigte Fuß, dessen Gravur jetzt vernarbt und schmutzig ist, tut nicht weh. Die Männer drehen es auf den Rücken, beachten nicht die Risse in der Segeltuchplane und zerkratzen das Mahagoniholz noch stärker. Die Tasten geben schreckliche Töne von sich, aber Prosser, Logan und McIntosh machen mit ihren Liedern weiter. Bei der ersten Überquerung des West Fork of the Black, wie Logan ihn nennt, bleibt der Wagen stecken, und die Maultiere singen auf das Knallen der langen Schlange, die Prosser schwingt. Noch dreimal durchqueren sie das fließende Wasser, dann beginnen sie einen quälenden Aufstieg über loses Geröll und totes Geäst, bis sie die Weide erreichen und Rauch aus dem Schornstein einer Hütte sehen.
 „Was zur Hölle ist passiert?“, fragt der Eigentümer, nachdem Logan und McIntosh das Segeltuch weggeschnitten haben.
 „Mister, versuchen Sie mal, ein Klavier einen Weinberg hoch zu schleppen und Dead Man’s Crossing zu überqueren“, sagt Prosser. „Es ist ein Wunder, dass das Klavier noch in einem Stück ist.“
 Der Eigentümer hält den abgebrochenen Teil des Fußes hoch. „Ich würde es nicht in einem Stück nennen.“
 Eine melodische Stimme aus dem Inneren der Hütte durchbricht ein langes Schweigen. „Seth, ich kann nicht länger warten. Ich komme ’raus.“
 „Nur zu, Nora.“
 Die Farbe von Noras funkelnden Augen passt zu ihrem Kaliko-Kleid. Diese Frau gehört nicht hierher. Ihr bleibt der Mund offen stehen. „Es ist wunderschön.“
  Seth untersucht das Stück des Fußes in seiner rechten Hand. „Nehme an, wir können ein bisschen feuchtes Leder drumwickeln, und es wird so gut wie neu sein. Nun, spiel’ etwas, Nora. Darum hab’ ich es kommen lassen.“
 Nora wischt Staub und Nadeln vom Tastaturdeckel, öffnet ihn und schlägt ein F an. „Es ist verstimmt, aber ich denke, das war zu erwarten.“
 Logan hat eine Kiste entdeckt und hergebracht. Nora bedankt sich bei ihm, setzt sich und spielt „Lorena(6). Später tragen sie es in die Hütte, wo Nora „Amazing Grace(7) zum Besten gibt. Als Seth den Prescott-Frachtleuten ein Trinkgeld anbietet, sagt Logan zu ihm, die Musik sei Bezahlung genug gewesen und sie sollten sich jetzt besser auf den Weg machen. Als sie durch die Tür hinaus gehen, nennt Prosser Logan einen blöden Hurensohn, aber Seth und Nora hören es nicht.

Während der bärtige Eigentümer namens Seth keine musikalischen Ambitionen hat, hat die Frau, Nora, Händchen wie ein Engel. Ihre langen Finger gereichen nicht nur den weißen und schwarzen Tasten zur Ehre, sondern sie sind auch kräftig genug, um die Saiten zu spannen, bis sich ein C fast wie ein C anhört. Vielleicht wird es nie richtig gestimmt werden – wie es früher an der Ecke Clark/Kinzie Street in Chicago gewesen war, bevor es nach Prescott transportiert wurde –, aber die Musik, die Nora ihm hier auf diesem Berg oberhalb von Dead Man's Crossing entlockt, klingt wunderbar.
 Nora kennt alles, von „Barbara Allen(8) bis „I’ll Take You Home Again, Kathleen(9), von Johann Sebastian Bach bis Stephen Foster (10). Nora wartet, bis das Morgenlicht perfekt ist, und setzt sich dann auf den Kiefernholzhocker, den Seth gezimmert hat. Sie spielt, manchmal summt sie dabei, manchmal singt sie sogar. Ganz sachte schließt sie den Deckel über den Tasten und erledigt dann ihre Hausarbeit. Abends spielt sie wieder und schimpft gelegentlich mit Seth, weil er seine Kaffeetasse oben auf ihm hat stehen lassen. Niemand sonst hört es bis zu diesem Sonntag.
 Kinder tanzen draußen übermütig herum, während die lautlosen rauchenden Flöten von Seth und den anderen Männern den Duft von überbackenen Pfirsichen und Hirschbraten überdecken. Man hat es nach draußen getragen, wo jeder zuhören kann, und Nora wurde überredet, „Oh! Susanna(11) zu spielen. Männer, Frauen und Kinder sind noch am Applaudieren, als der Mann im Hirschlederanzug sein schweißnasses Pferd heftig zügelnd vor der Hütte zum Stehen bringt.
 „Apachen haben Carrs Kommando ausgelöscht! Fort Apache ist niedergebrannt.“
 Seth nimmt in aller Ruhe seine halb gerauchte Flöte aus dem Mund. „Na, da habe ich meine Zweifel.“ (12)
 „Macht, was ihr wollt“, sagt Hirschleder. „Ich gebe nur überall Alarm. In diesen Bergen wird bald die Hölle los sein!“
 Nachdem Hirschleder davon galoppiert ist, zupft Seth an seinem Bart. Die Männer bringen es hinein und lassen einen Tonkrug herum gehen. Es hat von Männern gehört, die diese Krüge spielen, aber die einzige Musik, die diese Männer machen, ist ein gelegentlicher Rülpser.
  Kurz nach dem Abendessen kommen neue Reiter an. Ihr schwarzes Haar tanzt im Wind, während sie zu einer anderen neuen Melodie in einer seltsamen Sprache singen und tanzen. Eine der Damen nimmt daran Anstoß und fällt in Ohnmacht, während die Männer zu langen Stöcken greifen, wie Backenbart sie verkauft hat. Diese Instrumente dröhnen greller als Becken. Sie krachen ohne Rhythmus und hinterlassen einen bitteren Geruch und dichten Rauch. Etwas prallt gegen die Holzwände und spaltet die Fensterläden. Ein Mann schreit auf und rutscht die Wand hinunter, während eine Frau – es ist Nora – ihm zur Seite eilt und ein Halstuch gegen seine Schulter drückt.
 Die Kinder weinen.
 „Ist schon gut!“, sagt Nora. „Alles wird gut!“
 Die anderen Frauen scheinen wegen der Musik und der Aufregung wie erstarrt zu sein. Der Tonkrug, den Seth auf ihm stehen gelassen hat, explodiert und bespritzt die Kiefernwände mit einer übelriechenden Flüssigkeit.
 Die Kinder weinen.
 Seth betätigt den Hebel seines langen Stocks und stützt sich gegen die pochende Wand. „Spiel’ was!“, schreit er.
 Nora sieht verwirrt zu ihm hoch. „Um die Kinder zu beruhigen“, sagt Seth. „Damit die Patschen unsere Medizin zu hören kriegen. Spiel’ was!“ Er rammt das dicke Ende seines Stocks gegen seine rechte Schulter, dreht sich um und schlägt wieder einen grellen, lauten Ton an.
Nora kriecht zu ihm, flüstert den Kindern etwas zu und hebt den Tastadurdeckel an. Sie zieht sich weinend hoch und beginnt zu spielen, wobei sie einige Töne nicht richtig trifft und verängstigt klingt:
   „Wir heißen in unseren Scharen die Treuen, Lauteren und Tapferen willkommen,
                             Und rufen den Schlachtruf der Freiheit!
               Und sei er auch arm, kein Mensch darf jemals Sklave sein,
                            Und rufen den Schlachtruf der Freiheit!“ (13)
 „Singt mit mir!“, wiederholt sie. Und nach einer weiteren Strophe gehorchen die Kinder. Zuerst zögernd, dann lauter versuchen sie, mit ihren Stimmen die Gesänge der langen Stöcke zu übertönen. Zwei Frauen schließen sich an. Selbst der Mann, der mit einem klebrigen, dunkelroten Halstuch, das er gegen seine Schulter drückt, an der Wand lehnt, spricht die Worte mit.
                                         „Die Union auf ewig!
                                         Hurra, Jungs, Hurra!
                      Nieder mit dem Verräter, hoch mit dem Stern;
    Dieweil wir uns um die Fahne sammeln, Jungs, uns erneut versammeln,
                           und den Schlachtruf der Freiheit rufen!“
 Eine Stunde lang spielen und singen sie so. Langsam treten die Männer, verschwitzt und mit geschwärzten Gesichtern, von den Fenstern und der Tür zurück und lehnen die langen Stöcke an die Wand.
 „Ich glaube, die haben genug“, sagt Llewelyn, ein - wie ihn jemand bezeichnete - Kerl aus Wales. „Das glaube ich auch“, fügt ein anderer hinzu.
 Seth grinst. „Ich glaube, Noras Klaviermusik hat sie vertrieben. Spiel’ uns noch ein Lied, Mädel. Irgendwas, was wir alle mitsingen können.“
 „Aber etwas weniger Yankee“, sagt Llewelyn schwach.
 Nora lächelt trotz ihrer Tränen und beginnt mit „Green Grow the Lilacs(14). Dieses Mal spielen die Männer nicht ihre langen Stöcke, und diese langhaarigen Musiker draußen, die Patschen, werden nie wieder für ein Konzert zurückkehren. Genauso wie auch mehrere der Männer, Frauen und Kinder im Innern der rauchgefüllten Hütte heute.

Schon zwei Tage wurde nicht auf ihm gespielt. Nora befindet sich in dem Raum, in dem sie und Seth schlafen. Ein müder alter Mann mit einer schwarzen Tasche ist angekommen. Er ist drinnen bei Nora. Seth sitzt auf dem Klavierhocker und ringt die Hände.
 Draußen jodelt ein Wolf den Himmel an.
 Seth beißt sich auf die Lippen.
 Es tut weh, Noras Schreie zu hören. Seth lässt seinen Kopf sinken. Der Fremde schimpft mit Nora. Sie stöhnt. Seth schaut auf, Nora und der Mann sind still geworden. Dann fängt eine neue Tenorstimme mit einem seltsamen Refrain an. Langsam erhebt sich Seth vom Klavierhocker, als der Fremde das Bärenfell beiseite schiebt, das die Hütte teilt. Dieser Mann wischt sich sein nasses Gesicht mit einem weißen Tuch ab. Er sieht Seth an. Hinter dem Bärenfell geht die Musik weiter.
 „Nun“, sagt der Mann, „Sie sollten mir eine Zigarre geben, Papa.“ Er lächelt. „Sie haben ein Mädchen bekommen.“
 Seth springt so hoch, dass er fast ein Loch in das Dach schlägt. Er tanzt um den Hocker herum, umarmt den Neuankömmling und sagt: „Ich habe keine Zigarre, Doc. Wie wär’s mit etwas Stärkerem?“

Manchmal vermisst es die Patschen und das Trommeln der langen Stöcke. Nur selten kommt Besuch, und der Wind stöhnt furchterregend. Draußen steht eine Wand von Weiß, und Noras Finger sind kalt auf den Tasten, als sie auf „Oh, My Darling Clementine(15) leise „Shall We Gather at the River(16) folgen lässt. Das Mädchen, Lorena, sitzt neben Nora und tritt leicht gegen das Gehäuse und ab und zu gegen den mit Leder überzogenen zerbrochenen Fuß.
 Nora beendet den Refrain und rutscht zur Seite.
 „Du bist dran, Lorena“, sagt sie zu dem Mädchen.
 „Ich mag nicht, Mama.“
 Nora lächelt. „Du bist dran.“
 Lorena schlägt hart auf die Elfenbeintasten, so wie es Seth damals vor so langer Zeit in Prescott getan hatte. Noras Gesichtsausdruck verhärtet sich, und sie gibt dem Mädchen einen Klaps auf die linke Hand. „Mach’ es richtig“, sagt sie.
 Lorena spielt einen Gospelsong. Nicht so gut wie Nora. Offenbar gefällt es Nora nicht, denn sie geht weg und lehnt sich gegen die Wand. Sie hält sich ihren Bauch. Sie ist jetzt dicker, so wie sie war, bevor Lorena zu ihnen kam. Sie ist aber auch blasser. Zitternd lässt sie sich auf einen Stuhl neben dem Tisch fallen. Lorena hört auf zu spielen und dreht sich um.
 „Mama?“, fragt sie ängstlich.
 „Hol’ Papa her. Beeil’ dich.“

Seth und Lorena warten. Der Mann mit der schwarzen Tasche ist wieder da. Im Raum hinter dem Bärenfell ist es still geworden. Keine neuen Lieder von Nora. Keine Tenorstimme mit einem neuen Refrain. Nach einer langen Zeit tritt Schwarze Tasche hinter dem Bärenfell hervor. Er sagt nichts.
 „Lorena“, sagt Seth. „Warum übst du nicht auf dem Klavier?“
 „Ich mag nicht, Papa.“
 „Bitte. Spiel etwas für Mama.“
 Lorena beginnt mit „Johnny Get Your Gun(17), überlegt es sich dann und wechselt zu „Jeanie With the Light Brown Hair(18). Sie ist unkonzentriert, trifft einige Töne nicht richtig.
 Seth und der Doktor schütteln einander die Hände, und als Schwarze Tasche hinter dem Bärenfell verschwindet, geht Seth hinaus ins Weiße und kehrt mit einer kleinen Holzkiste zurück, zu klein, um darin eine Ziehharmonika unterzubringen. Auch er geht hinter das Bärenfell, während Lorena das Stephen-Foster-Lied beendet und mit „Lorena“ anfängt, dem Lied, dem sie ihren Namen verdankt. Als Seth und Schwarze Tasche die kleine Kiste nach draußen tragen, summt Nora eine neue Melodie, ein trauriges Wehklagen, das immer lauter wird, wie das Lied des Wolfs.
 Lorena beißt sich auf die Lippen, sie schnieft, aber sie greift weiter in die Tasten.

Ein neuer Duft schwebt in der Luft, dicht und stickig. Als ob im schlimmsten Winter hundert Kamine gleichzeitig in Betrieb wären. Der Himmel jenseits des Fensters, der normalerweise von strahlendem klarem Blau ist, ist dunkelgrau geworden.
 Es ist heiß, viel schlimmer, als im Schaufenster des Geschäfts in Prescott zu braten. Wie hieß das noch mal? Kiefernrauch schlängelt sich durch das offene Fenster. Normalerweise bleibt der Rauch in Kamin und Schornstein.
 Die Tür fliegt auf. Lorena und Nora stolpern herein. Ihre Kleider sind zerrissen und schmutzig, ihre Hände und Gesichter geschwärzt. Sie haben den Sohn Llewelyns, des Kerls aus Wales, in die Mitte genommen und stützen ihn. Behutsam setzen sie ihn auf einem der Stühle neben dem Tisch ab.
 Nora dreht den Kopf und hustet stark.
 „Es tut mir leid, Missus McCullough“, sagt der Junge, der eigentlich ein junger Mann ist.
 „Mach zu, Lorena, hol’ Wasser. Lass mich deine Hand ansehen, Gwyn.“
 Sie waschen Gwyns übel zugerichtete Hand, die rosa und schwarz, rot und violett ist, und umwickeln sie mit Leintüchern, die sie von Lorenas Bett gerissen haben. Draußen sind die seltsamen Wolken immer schwärzer geworden. Nora unterdrückt ein weiteres Husten und erhebt sich. „Ihr zwei bleibt hier“, sagt sie und geht zur Tür.
 Gwyn erhebt sich unsicher von seinem Stuhl. „Ich kann helfen, Missus McCullough“, sagt er.
 Lorena tritt ihm zur Seite. „Es ist auch mein Zuhause, Mama“, sagt sie.
 Nora lächelt. „Dann los“, sagt sie.
 Sie sind seit Ewigkeiten weg. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr, die Hitze wird intensiver, aber der Wind hat jetzt die Richtung gewechselt, und die grau-schwarzen Wolken entfernen sich. Irgendwo ertönt ein Trommelwirbel. Der Wind nimmt zu. Und jetzt gibt es ein Klappern auf dem Dach, ein merkwürdig vertrautes Geräusch. Regen. Draußen hört man Jubelrufe. Jemand fängt an, ein Lied zu singen. Einige Zeit später fliegt die Tür wieder auf. Ihre Stimmen sind zu erkennen, aber die durchnässte Kleidung und die verschmierten, schmutzigen Gesichter und Haare nicht.
 Und doch ist das Nora, die auf Drängen der anderen dort auf dem Hocker sitzt, mit zerkratzten, rußfarbenen Händen und verfilztem Haar. Sie wischt sich ihre schmutzigen Hände an ihrem zerlumpten Kleid ab und besudelt die Elfenbeintasten, als sie ein paar Akkorde ausprobiert.
 „Spiel ’was!“ sagt der Mann mit Seths Stimme. „Wir haben ’was zu feiern.“
 Nora schaut zur Decke hoch. „Hmm“, sagt sie, „das hier scheint mir auf jeden Fall das Richtige zu sein.“
 Laut hämmernd startet „A Hot Time in the Old Town(19), „es geht heiß zu in der alten Stadt“.
 Seth, Lorena, Llewelyn und Gwyn brechen in brüllendes Gelächter aus.

Lorena sieht aus wie Nora, als es sie zum ersten Mal sah: Ihre Augen funkeln. Nur das Kleid ist weiß, kein Kaliko. Und Nora schluchzt.
 Seth legt seinen langen Arm um Noras Schulter.
 „Gibt keinen Grund zu weinen, Frau“, sagt er zu ihr.
 „Ich weine, wenn ich will“, sagt sie zu ihm.
 Sie haben es nach draußen auf die Weide gebracht. Dort spielt Nora den Hochzeitsmarsch, und Seth geleitet Lorena zu dem Espenwäldchen, wo ein rothaariger Mann zusammen mit Gwyn wartet. Lorena und Gwyn wiederholen ein paar Worte, küssen sich, und alle – es sieht aus, als seien es mehr Menschen, als jemals in Prescott gewesen sind – klatschen.
 Später, als rauchende Flöten und Tonkrüge unter den Männern herum gehen, eröffnet Nora mit „On the Banks of the Wabash, Far Away(20), dann folgt etwas von Beethoven und schließlich „Buffalo Gals(21). Auch Lorena spielt, „The Sidewalks of New York(22) und „Listen to the Mockingbird(23). Die Party scheint nicht enden zu wollen, aber schließlich küsst Lorena Nora und Seth und steigt mit Gwyn in einen Buggy.
 Sie hatten schon früher diese sogenannten Sonntagsausflüge unternommen, aber dieses Mal kommen sie nicht wieder zurück. Nachdem Llewelyn, Hirschleder, Schwarze Tasche und Seth es in die Hütte zurück getragen haben, verabschieden sich auch die Gäste. Als Seth und Nora alleine sind, sitzt Nora auf dem Kiefernhocker und spielt „Lorena“.
 Nach der letzten Strophe fällt Nora Seth in die Arme und weint.

„Ein Mann kann in diesem Land nicht von einhundertsechzig Hektar leben“, sagt der Mann mit dem grauen Derbyhut (24). „Nicht in den heutigen Zeiten.“
 Seth mustert seine Kaffeetasse. „Wir sind hingekommen, Nora und ich.“
 „Mit Ach und Krach. Hören Sie, Sie haben hier oben gutes Sommerweideland. An meinen Kunden zu verkaufen, ist der richtige Weg. Dann kommen Sie aus dieser Hütte heraus und können näher bei Ihrer Tochter und Ihren Enkelkindern sein. Es ist ein neues Jahrhundert.“
 „Ihr Kunde braucht mehr als meine Flächen für seine Herde.“
 Derbyhut seufzt. Er schaut Seth über die Schulter und sieht es. „Meine Güte“, sagt er, „wie haben Sie das Ding hier hoch gekriegt?“
 Nora lächelt. Sie ist aus einem der neuen Räume gekommen, demjenigen, den Seth, Llewelyn und ein paar andere Männer vor langer Zeit angebaut hatten, damit Lorena ein Zimmer für sich hatte. „Es war ein Hochzeitsgeschenk“, sagt Nora.
 „Sie spielen?“, fragt Derbyhut.
 Nora zuckt mit den Schultern.
 „Bitte, darf ich darauf bestehen?“
 Nora klappt den Deckel hoch und holt das Liederbuch heraus, das Lorena geschickt hat. Nora spielt und singt.
       “No one to watch while we’re kissing
           No one to see while we spoon
           Come take a trip in my airship
        We’ll visit the man in the moon.” (25)
 Derbyhut bedankt sich bei ihr. Er schüttelt Seths Hand.
 „Mister McCullough“, sagt er. „Ich werde nie zugeben, das gesagt zu haben, aber wenn ich Sie wäre, würde ich dieses Land niemals verkaufen.“

Seit Nora sich vor Monaten an „My Mother Was a Lady(26) versucht hat, wurde nicht mehr auf ihm gespielt. Jener Vortrag hatte wegen Noras trockenen Hustens vorzeitig geendet.
 Nora befindet sich in dem Raum, der jetzt eine Tür anstelle des Bärenfells hat, das dort so lange hing. Seth ist bei ihr, aber Schwarze Tasche, der Mann, der normalerweise in Zeiten wie diesen kam, ist nicht hier. Draußen fallen weiße Flocken.
 Ihm wird jetzt klar, dass Nora sich verändert hat. Die Augen funkeln nicht mehr. Das dunkle Haar ist grau geworden, und ihr Gesicht ist wie aus Leder und faltig. Noras Finger hatten geschmerzt, als sie versuchte, auf ihm zu spielen.
 Sie sind beide alt.
 Seth öffnet die Tür, schließt sie leise hinter sich und geht schwankend zum Tisch. Er stützt sich darauf, um Halt zu finden. Seine Lippen zittern. Sein ganzer Körper bebt. Er tastet sich um die Stühle herum und setzt sich auf den Hocker, den er aus dem Stamm einer Kiefer gezimmert hat. Die Scharniere quietschen, als er den Deckel öffnet und auf die weißen und schwarzen Tasten starrt. Er versucht, ein G anzuschlagen, verfehlt es, dann schlägt er mit den Ellbogen heftig auf die Tasten und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen.
 Er weint.
 Nach Stunden kommt Llewelyn an. Auch er ist alt geworden, aber die beiden Männer bringen eine große Holzkiste in den Raum. Beide Männer kämpfen gegen die Tränen, als sie die Kiste nach draußen tragen. Sie sind lange weg. Nora, scheint es zu begreifen, wird nicht zurückkehren.
 Später kommen viele Leute durch die Tür. Manche sehen aus wie die, die kamen, als die Patschen ihr Konzert gaben. Gwyn ist da. Er hält Lorena umschlungen, während sie an seiner Schulter schluchzt. Die Fremden unterhalten sich untereinander. Sie füllen den Tisch mit Pasteten und Hühnchen, mit Schinken und Kartoffelsalat. Sie reden über Nora, aber niemand macht einen Vorschlag für ein Lied.
 Wieso?
 Als sie weg sind, nachdem Lorena Seth auf die Wange geküsst hat und Gwyn seine Hand geschüttelt hat, sitzt der alte Mann wieder auf dem Kiefernhocker. Er schluckt, geht in Noras Zimmer und kehrt mit einem Leinentuch zurück. Damit wird es zugedeckt.
 So wird es von nun an jahraus, jahrein dort stehen.

Auf Kälte folgt Hitze. Auf Hitze folgt Kälte. Strophen und Refrains werden immer einmal wieder gesungen, aber niemand spielt auf ihm. Es hat schon so viele Lieder dadurch vergessen, dass es nutzlos unter seinem Leichentuch gestanden hat. Ratten haben den Lederflicken angeknabbert, so dass sein zerbrochener Fuß fast abgefallen ist.
 „Seth!“, singt ein Mann. „Seth McCullough. Hier ist Pryderi Llewelyn. Bist du da?“
 Er bekommt keine Antwort. Die Tür geht auf. Lleweyn humpelt, gestützt auf einen Spazierstock, herein. Er schaut sich im Raum um und geht zu Noras Zimmer, in das Seth vor einiger Zeit hineingegangen ist. Llewelyn öffnet behutsam die Tür, schließt für eine Minute die Augen und stolpert hinein. Ein paar Minuten später ist er wieder draußen und schließt die Tür. Er holt tief Luft.
 Ein anderer Mann, ein Fremder, kommt herein. Llewelyn sieht ihn an.
 „Er ist tot“, sagt Llewelyn.
 Der Mann nickt. „Was für ein Jammer. Nehme an, er hatte schon einige Jahre auf dem Buckel, oder? Ein verflucht langes Leben, erst recht hier oben.“

Draußen knattert ein neues Geräusch. Die Tür geht auf. Gwyn Llewelyn öffnet die Tür und wischt sich mit einem Kattunlappen über sein älter gewordenes Gesicht. Zwei bronzehäutige Fremde, die ebenso verschwitzt sind, folgen ihm ins Innere. Draußen steht ein sonderbarer Wagen. Er hat Gummireifen anstelle von Holzspeichenrädern und kein Pferd, um ihn zu ziehen.
 Lorena kommt herein. Zwei dunkelhaarige Jungen folgen ihr.
 „Das war ein Abenteuer“, sagt einer.
 Der andere pflichtet ihm bei: „Meinst du, dass wir noch mal so viele Plattfüße haben werden, wenn wir wieder ’runter fahren, Daddy?“ Gwyn ist zu sehr außer Atem, um zu antworten.
 Lorena zieht das schmutzige Tuch weg und lässt es auf den Boden fallen. „Ein Klavier!“, ruft der zweite Junge. „Das ist ein Klavier!“
 „Wie ist es hier ‘raufgekommen?“, fragt das erste Kind.
 „Euer Opa hat es für eure Oma hier hoch bringen lassen, als sie frisch verheiratet waren“, sagt Lorena. Sie hebt die Klappe an und lässt ihre Finger über die Tasten gleiten. „Verstimmt“, sagt sie, „aber ich denke, das war zu erwarten.“
 „Was ist mit dem Fuß da passiert?“, fragt der erste Junge. „Das ist ja ganz kaputt.“
 „Es ist perfekt“, sagt Lorena.
 „Geht ’raus und spielt“, sagt Gwyn zu den jungen Hüpfern. Er wendet sich an die gebräunten Männer. „Ihr macht den Lastwagen fertig.“
 Als sie weg sind, legt Gwyn seine rechte Hand auf Lorenas Schulter.
 „Schatz“, sagt er zu ihr, „das ist nicht gut. Wir hatten schon höllische Probleme, mit dem Lastwagen hier ’rauf zu kommen. Mit diesem alten Relikt werden wir es nie ’runter schaffen.“
 Lorena entzieht sich ihm. „Du hast es versprochen“, sagt sie zu ihm.
 „Aber –“
 „Nichts aber. Mein Vater hat das vor mehr als fünfzig Jahren hier ‘raufgebracht. Mama hat mir beigebracht, darauf zu spielen. Sie hat an unserem Hochzeitstag darauf gespielt, falls du es vergessen haben solltest. Wir haben das Land verkauft. DAS werde ich nicht verkaufen.“
 Gwyn schüttelt den Kopf. „Das schaffen wir niemals, Lorena“, sagt er.
 Lorena lächelt. „Wir werden es schaffen.“ Sie spielt „The Flying Trapeze(27). Gwyn geht nach draußen und bringt den gebräunten Männern ein Ständchen.
                         „Wir werfen eine Plane über die Pritsche,
                 dann nehmen wir noch eine und packen es darin ein.
                               Das ist ein Familienandenken.
            Und ich bezahle euch nicht dafür, dass ihr unvorsichtig seid.
                 Das ist ein höllischer Weg über Dead Man’s Crossing
                 und dann nach Springerville mit dieser Schrottkarre.“

In eine Segeltuchplane gehüllt steht es hinten auf dem seltsamen Wagen und brät in der Sonne. Lorena und Gwyn sitzen vorne in der Metallkabine des knatternden Wagens. Die Bronzemänner und die beiden Jungen haben es sich hinten gemütlich gemacht und schauen es an.
 Der pferdelose Wagen summt eine Polka und ruckelt vorwärts, wendet und macht sich auf den Weg zur ersten Überquerung des West Fork of the Black. Es weiß nicht, wohin die Fahrt geht – Phoenix, hat es einen der Bronzemänner sagen hören –, und es wird Nora, Seth und die Blockhütte vermissen, in der so lange auf ihm gespielt wurde.
 Aber Lorena wird gut zu ihm sein. Dafür hat Nora gesorgt. Der Wagen ächzt, als er Dead Man‘s Crossing ungeschickt durchwatet. Gwyn hat Glück. Er hätte hier gewesen sein sollen, als die Ufer unter Wasser standen – damals, bevor die Patschen ihre Harmonien sangen und die Männer ihre langen Stöcke spielten.
 Einer der Jungen beginnt eine Melodie zu pfeifen. Der andere stimmt ein. Die Bronzemänner grinsen.
 Es kennt diese Melodie nicht.
 Aber es wird sie lernen.


Leben und Sterben in Arizona
oder Die Welt aus der Sicht eines Klaviers
(A Piano at Dead Man’s Crossing)

© für die deutsche Übersetzung: R.H. Windeler

Johnny D. Boggs Über den Autor
Johnny Darrell Boggs, 1962 in South Carolina geboren und mittlerweile in New Mexico ansässig, ist seit diesem Jahr (2019) der einzige achtmalige Gewinner eines Spur Award.
2002 gewann er diesen prestigeträchtigen Preis für seine Kurzgeschichte „A Piano at Dead Man’s Crossing“, die in der im Jahr zuvor von Loren D. Estleman bei Forge Books heraus gegebenen Anthologie „American West“ enthalten ist. Autor und Verlag haben dem Zauberspiegel freundlicherweise gestattet, eine deutsche Übersetzung zu veröffentlichen; es ist übrigens das erste Mal, dass ein Text von Johnny D. Boggs auf Deutsch erscheint. Im nicht-englischsprachigen Europa gibt es von ihm ansonsten nur eine italienische Ausgabe von „West Texas Kill“, eines Romans, der im Jahre 2012 ebenfalls mit einem Spur Award ausgezeichnet wurde.
Der Link zur Homepage des Autors: http://www.johnnydboggs.com/ 

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(1)Oh, Dem Golden Slippers“ stammt aus dem Jahre 1879. Es wurde von sogenannten Blackface-Künstlern gesungen, das waren Weiße, die sich ihre Gesichter schwarz anmalten. Die Shows, in denen sie auftraten, wurden Minstrels genannt. Zu hören auf YouTube.
(2) Prescott war von seiner Gründung 1864 bis 1867 und nochmals von 1877 bis 1889 Hauptstadt des Territoriums Arizona, das erst 1912 zu einem Bundesstaat wurde.
(3)Boss of the Plains“ ist ein bekanntes Hutmodell des Herstellers Stetson. 
(4) Der Ort Springerville wurde 1879 gegründet.
(5)The Blue Tail Fly“ ist ein Minstrel-Lied aus den 1840er Jahren. Zu hören auf YouTube.
(6)Lorena“ von Joseph Webster (Musik) und Henry Webster (Text) stammt aus dem Jahre 1857 und wurde im amerikanischen Bürgerkrieg populär. Zu hören auf YouTube.
(7)Amazing Grace“ ist ein bis heute beliebtes Kirchenlied aus dem Jahre 1779. Zu hören auf YouTube.
(8)Barbara Allen“ ist eine schon im 17. Jahrhundert bekannte Ballade aus Schottland. Zu hören auf YouTube.
(9)I’ll Take You Home Again, Kathleen“ von Thomas Westendorf stammt aus dem Jahre 1875. Zu hören auf YouTube
(10) Stephen Foster (1826 - 1864) war ein amerikanische Komponist und Liederschreiber. 
(11)Oh! Susanna“ von Stephen Foster stammt aus dem Jahre 1848. Zu hören auf YouTube.
(12) Diese Zweifel sind berechtigt. Der Alarm bezieht sich offenbar auf die sogenannte Cibecue-Affäre vom August 1881.  Nein, das Carr-Kommando wurde nicht ausgelöscht; nein, Fort Apache wurde nicht niedergebrannt
(13)Battle Cry of Freedom“ von George F. Root stammt aus dem Jahre 1862; die deutsche Übersetzung habe ich aus der deutschen Wikipedia übernommen. Zu hören auf YouTube.
(14)Green Grow the Lilacs“ ist ein irisches Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Zu hören auf YouTube.
(15)Oh, My Darling Clementine“ (vermutlich) von Percy Montrose stammt aus dem Jahre 1884 (obwohl die Melodie deutlich älter ist). Zu hören auf YouTube. Daran zeigt sich übrigens, dass der von diesem Lied abgeleitete Titel des John-Ford-Westerns „My Darling Clementine“ (dt.: „Faustrecht der Prärie“) anachronistisch ist.
(16)Shall We Gather at the River“ von Robert Lowry stammt aus dem Jahre 1864. Zu hören auf YouTube.
(17)Johnny Get Your Gun“ von Monroe Rosenfeld alias F. Belasco stammt aus dem Jahre 1886. Zu hören auf YouTube.
(18)Jeanie With the Light Brown Hair“ von Stephen Foster stammt aus dem Jahre 1854. Zu hören auf YouTube.
(19)A Hot Time in the Old Town Tonight“ von Theodore Metz (Musik) und Joe Hayden (Text) stammt aus dem Jahre 1896. Zu hören auf YouTube.
(20)On the Banks of the Wabash, Far Away“ von Paul Dresser stammt aus dem Jahre 1897. Zu hören auf YouTube.
(21)Buffalo Gals“ ist ein Minstrel-Lied aus dem Jahre 1844. Zu hören auf YouTube.
(22)The Sidewalks of New York“ von Charles Lawlor (Musik) und James Blake (Text) stammt aus dem Jahre 1894. Zu hören auf YouTube.
(23)Listen to the Mockingbird“ von Richard Milburn (Musik) und Septimus Winner alias Alice Hawthorne (Text) stammt aus dem Jahre 1855. Zu hören auf YouTube.
(24) Derby ist in Amerika die Bezeichnung für einen steifen Hut, der in England Bowler und im deutschsprachigen Raum Melone genannt wird. „Gray Derby“ hier mit „Graue Melone“ zu übersetzen, erscheint mir jedoch unpassend.
(25)Come Take A Trip In My Airship“ von George Evans (Musik) und Ren Shields (Text) stammt aus dem Jahre 1904. Zu hören auf YouTube.
Die Übersetzung der vier Zeilen (falls jemand wirklich kein Englisch kann) lautet:
„Niemand kann uns zusehen, wenn wir uns küssen / niemand kann uns sehen, wenn wir miteinander schmusen / Komm mit auf eine Fahrt mit meinem Luftschiff / Wir besuchen den Mann im Mond“
(26)My Mother Was a Lady“ von Joseph Stern (Musik) und Edward Marks (Text) stammt aus dem Jahre 1897. Zu hören auf YouTube.
(27)The Flying Trapeze“ von Gaston Lyle (Musik) und George Leybourne (Text) stammt aus dem Jahre 1867. Zu hören auf YouTube.

Kommentare  

#1 R. Windeler 2019-06-26 08:18
Liebe Leser,
auch dieser Beitrag soll noch aufgehübscht (sprich: weiter illustriert) werden und wird noch etwas Feinschliff bekommen.
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#2 R. Windeler 2019-06-26 19:54
So, textlicher Feinschliff (insbesondere hinsichtlich der Links in den Fußnoten) ist erledigt.
Die Hoffnung auf die weitere Bebilderung gebe ich noch nicht auf.
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#3 Advok 2019-06-27 15:20
Eine ungewöhnliche, schöne Story. Danke! :-)

"Oh, Dem Golden Slippers": Seufz, hier hat das Fernsehen seine Spuren bei mir hinterlassen: "Der kleine Lord".
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#4 R. Windeler 2019-06-29 22:15
zitiere Advok:
Eine ungewöhnliche, schöne Story.
Ja, finde ich auch. Auf jeden Fall die Mühe wert. Und wenn man sich beim Lesen Zeit lässt oder sie ein zweites Mal liest, kann sie einen zu Tränen rühren.

Bei dieser Gelegenheit: Selbst ist der Mann! Mir ist es erstaunlicherweise gelungen, die fehlenden Bilder selbst einzubauen. Ich hatte nicht erwartet, dass das klappen würde. (Ich fühle mich fast wie Tom Hanks in „Cast Away“.)
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