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# 60: Ich habe da noch was ...

As Time Goes By# 60: Ich habe da noch was ...

Ich bin in der tiefsten Provinz aufgewachsen. Im Kehdinger Land. Der Ort heißt Drochtersen und liegt bei Stade (Leser des Hüters sind mit dem Ortsteil Hüll vertraut, dem Geburtsort meiner Mutter). Mit aktuellen Heftromanen waren wir gut versorgt. Der Zeitschriftenhandel in Drochtersen hatte alles. Der Bahnhof in Stade war der offiziellen Auslieferung gar immer eine Woche voraus. Das war OK. Heute gibt es in Drochtersen keine Verkaufsstelle mehr, die das aktuelle Romanheftprogramm führt. Aber das Antiquariat in Stade, das es heute noch gibt, war eben klein und nur zu Anfang meiner dortigen Besuche, konnte ich größere Mengen an Heftromanen da hinausschleppen.


Ich erinnere mich an den 27. Dezember 1978. Ich hatte zu Weihnachten auch Geld geschenkt bekommen und weil die Busse in den Ferien unregelmäßig fuhren, setzte ich mich auf mein Fahrrad und fuhr die knapp über zwanzig Kilometer nach Stade und kam mit reichlich Beute zurück. Einige der frühen Zamorra-Bände, ein bisschen Dämonenkiller, Vampir-Horror und was der Markt sonst noch hergab. Ich radelte zurück. Ein wunderbar frühlingshafter Tag war es. 15°C plus und die Sonne schien. Das Fahrradfahren machte richtig Spaß. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Temperatur um dreißig Grad gefallen und ein Schneesturm tobte (im Februar 1979 folgte ein noch viel schönerer, der uns Sonderferien einbrachte). Der aktuell erscheinende Macabros trug den Titel "Eissturmland des Drachenkönigs". Und genauso sah es am 28. Dezember 1978 aus. Aber ich hatte Lesestoff, um die Zeiten zwischen den Schneeschippeinsätzen zu überbrücken, denn es galt zu verhindern, dass die bis zu drei Meter hohen Schneewehen unsere Haustüren versperrten.

Als ich dann drei Jahre später das erste Mal Norbert in Harburg besuchte, waren mit seine ersten Worte nach der Begrüßung: "Wir gehen zu Fricke." Auf meine Frage, wer oder was denn 'Fricke' sei, meinte Norbert nur, ich solle mich überraschen lassen. Wir gingen ein paar Schritte vom Bahnhof und dann stieß Norbert die Tür zum Paradies auf. Schon am Schaufenster war zu erkennen, dass es sich um ein Antiquariat handelte, aber was für eins.

Fricke, so hieß der Besitzer, hatte alles. Es gab eine grobe Ordnung, aber alles in allem sah es chaotisch aus. Bücher, Taschenbücher und Zeitschriften stapelten sich. Hefte waren in einem zweiten Raum, grob nach Genres getrennt. In der allerhöchsten Regalwand gab es Leihbücher ohne Ende. Unterm Ladentisch lagen Schriften, die Bilder von spärlich bis unbekleideten Frauen und Männer enthielten, die sich gymnastisch betätigten. Es gab alles. Und der Herr Fricke, der an einem kurzen Tresen im Zentrum des Chaos thronte, hatte offensichtlich den Überblick über alles. Fragte ihn ein Kunde nach einem besonderen Buch zog er los, um in dem Chaos von voll gestopften Regalen und Stapeln von Büchern und Taschenbüchern zielgenau eben diesen nachgefragten Titel zu entdecken. Manchmal zuckte er auch bedauernd mit den Schultern und antwortete mit der Bemerkung "Es kommt vielleicht rein. Kommen Sie wieder."

Ich habe bei Fricke Raritäten und lang gesuchte Hefte gefunden. Jahrelang fehlte mir von den Erstauflagen der Larry Brent-Romane im Silber-Krimi die Nr. 26 "Die Blutsauger von Tahiti" und wo fand ich ihn? Wie auch das letzte noch fehlende Heft der Dragon-Serie oder von Raumschiff Promet? Richtig: Bei Fricke! Und das für vierzig lächerliche Pfennige. Mehrere Horrorfans versorgte ich für wenig Geld mit dem indizierten Dämonenkiller-Roman Nr. 7 "Amoklauf", der in Fankreisen für bis zu DM 50,00 gehandelt wurde. Bei Fricke kostete das Unterfangen nicht mal ne halbe Mark.

Auch als Petra Köhpcke einmal auf den glorreichen Gedanken kam, sie benötigte die Bücher zur Fernsehserie "Dallas" war Fricke unser ersten Anlaufpunkt und in der Tat, hatte er welche und er wusste auch genau, wo diese waren.

Kam man des Öfteren vorbei, war man bald als Stammkunde eingestuft. Herr Fricke wusste sogar was er/sie bevorzugt kaufte und dann hielt er bestimmte reinkommende Titel zurück, um sie dem Stammkunden (zu denen ich bald gehörte) exklusiv anzubieten. So bekam ich noch dieses oder jenes Schnäppchen.

Anfang der Neunziger Jahre zog sich Herr Fricke in den wohlverdienten Ruhestand nach Sylt zurück. Für den Laden selbst gab es keinen Nachfolger und der Ramschhändler, der seine Bestände aufkaufte, war ein Depp und fuhr das Ding vor die Wand, sprich er ging Pleite. Und noch heute, wenn ich am neu erbauten Phönixcenter in Harburg vorbei gehe, fällt mein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite und ich wünschte mir, mein Blick würde statt eines türkischen Gemüsehändlers das immer noch vertraute Schaufenster und das dahinter liegende Chaos des Romanumtauschladens von Herrn Fricke erblicken ...

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