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Sieben schwarzgraue Leben

Sieben schwarzgraue Leben

Ich liege mit dickem, sattem Bauch auf meinem Lieblingskissen. Das grüne, flauschige, welches ich gleich am ersten Tag geschenkt bekommen habe. Draußen regnet es. Dicke Tropfen laufen an der Fensterscheibe herab. Die sonst so schöne Aussicht auf den Park ist trüb und grau, aber hier in der Wohnung ist es mollig warm und es duftet nach Pfefferminztee. Ich liebe diesen Geruch. Da könnte man glatt ein kleines Mittagsschläfchen halten...

Eins - Ägypten

…Hitze! Sonne, Sand und Dattelpalmen. Es duftet verführerisch nach Knoblauch, Cassia und Thymian. Ich höre die mir vertraute Melodie einer Laute. Meine Katzenfreunde liegen nicht weit von mir entfernt. Sie alle schlafen. Was hat mich bloß geweckt? Gerade will ich mich recken und strecken, da packt mich eine Hand hart im Genick.

Ich weiß nur zu gut was jetzt kommen wird, da ich so etwas schon oft heimlich beobachtet habe. Der Priester wird mich töten, mein Gehirn mit einem Haken durch die Nase herausziehen, meinen Bauch aufschneiden und eine Ölmischung hinein gießen. Er wird meine Beine zusammenbinden und mich in einen Tontopf legen.


Mit einem Ruck wird mein Kopf herumgerissen. Das Bersten meiner Knochen ist das letzte Geräusch, das ich lebend mitbekomme. Schwarz.

Zwei - Mittelalter

Ich öffne die Augen. Kläglich schreiend sitze ich in einem Weidenkorb. Um mich herum sprudelt reißendes, wildes Wasser. Der Korb schaukelt gefährlich auf den Wellen. Gleich wird er kippen und ich werde jämmerlich ertrinken. Doch da schwebt ein großes Netz über mir. Der Korb kippt, es ist schrecklich kalt und nass. Ich werde durchs Wasser gezogen und jemand hebt mich an Land. Als ich wieder klar sehen kann, blicke ich in das Gesicht einer jungen Frau. Ihre grünen Augen schauen gütig auf mich herab.

„Da hast du ja noch einmal Glück gehabt Weißpfote. Hätte ich heute nicht Brennnesseln für meine Heilsalbe sammeln müssen, wärest du wohl ertrunken. Hier kommt selten jemand vorbei.“

Die junge Frau nimmt mich mit. Ich bekomme etwas zu fressen und darf auf dem Holzstapel vor ihrer Hütte schlafen. Da ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen soll, bleibe ich bei Almuth und streife mit ihr durch die Wälder. Tagsüber sammelt sie Pflanzen und Beeren. Am Abend rührt sie daraus allerlei Salben, Tees und Suppen zusammen. So vergeht Tag um Tag.

Eines Abends, als ich wieder auf meinem Holzstapel liege, kommen zwei Männer zu unserer Hütte. Kaum erblickt mich der eine, packt er mich und stopft mich in einen schweren,  dunklen Leinensack. Ich wehre mich mit ganzer Kraft, habe aber keine Chance. Der Sack wird in die Hütte geschleift und in eine Ecke geworfen. Gedämpfte Worte wie: „Hexe, Kräuterweib, verboten, Giftmischerin, Tod und Strafe, Befehl des Königs“, kann ich verstehen.

Ich höre wie Almuth schreit und weint. Der Sack, in dem ich immer noch gefangen bin, wird hochgehoben und ich kann spüren wie ich nach draußen getragen werde. Die ganze Zeit höre ich das Schluchzen meiner Freundin.

Nach mehreren Tagen werde ich endlich aus meinem Gefängnis befreit. Ich blicke mich um und entdecke Almuth. Sie ist mit einem dicken Strick an einem riesigen Pfahl, der inmitten  eines großen Scheiterhaufens steht, gefesselt.

Viele Männer und Frauen und sogar Kinder stehen um uns herum. Ein schwarz gekleideter Mann tritt mit einer brennenden Fackel an den Scheiterhaufen. Unter großem Jubel der Menschenmasse wirft der Schwarze die Fackel in den Haufen. Dieser brennt sofort lichterloh. Ein hoher verzweifelter Schrei aus Almuths schmerzverzerrtem Gesicht steigt in den rußgeschwängerten Himmel auf.

Da erschallt ein Ruf aus der Menge: „Das räudige Katzenvieh muss auch noch dran glauben. Es soll genauso lodern wie die Hexe“. Ehe ich mich davon stehlen kann werde ich hoch gerissen und nach vorne geschleudert. Eine höllische Hitze empfängt mich. Das Feuer sengt mir das Fell vom Leib und brennt sich glühend in meine Haut. Meine Eingeweide platzen und ich schreie vor Schmerz. Schwarz.

Drei – China

In einem Reisfeld komme ich wieder zu mir. Die Sonne brennt vom Himmel und ich habe Hunger. Hohe Pflanzenstängel umgeben mich. Diese sind mindestens viermal so hoch wie ich. Wo soll ich nur hin? Überall Gras. Aber wenn ich immer nur in eine Richtung gehe, komme ich bestimmt aus diesem Labyrinth heraus. Lange bin ich unterwegs. Das viele Grün macht mich ganz müde. Doch plötzlich entdecke ich einen kleinen Erdhügel und als ich oben angekommen bin, sehe ich einen ausgetretenen Pfad. Hier muss ich einfach etwas zu fressen finden. Ich laufe auf dem Weg weiter. Da lenkt eine traurige Melodie meine Aufmerksamkeit auf einen umgestürzten Baum. Ein junger Mann sitzt darauf und spielt auf einer Panflöte. Er hat die Beine übereinander geschlagen und seine nackten Füße sind stark zerkratzt. Sein schwarzes Haar lugt unter einem geflochtenem Bambushut hervor und umspielt ein verhärmtes Gesicht mit langen, schmalen Augen. Als er mich erblickt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Es dauert nur eine Zehntelsekunde, aber ich habe es ganz genau gesehen.

Er greift in seine Tasche und hält mir etwas auf der flachen Hand hin. Soll ich zu ihm gehen? Lieber nicht. Aber ich habe solchen Hunger. Vielleicht hat er ja etwas zu fressen für mich? Vorsichtig gehe ich näher. „láilai mao'ér“ (komm, Kätzchen). Mein grummelnder Bauch siegt und ich springe auf den Baumstamm. Der Mann krault mich hinter den Ohren und ich strecke neugierig den Kopf nach vorne um zu sehen, was er für mich in der Hand hält.

Unverhofft trifft mich ein Schlag mit voller Wucht und ich werde brutal zu Boden geschleudert. Der zuvor noch freundliche Flötenspieler packt mich am Schwanz und schlägt mich mit dem Kopf gegen den Baumstamm. Tot. Wie im Traum sehe ich wie mir das Fell abgezogen und ein Stock durch meinen Leib gebohrt wird. Das Lagerfeuer knistert schon. Schwarz.

Vier - Jungtier

Ich erwache und fühle mich sofort wunderbar geborgen. Weich kitzelt Mamas Fell an meiner kleinen Nase. Ihr Duft ist so betörend und ich bin glücklich. Ich brauche nur mein Mäulchen  etwas zu recken und schon kann ich mich an Milch satt trinken. Das Stroh knistert und ich höre ein quietschendes Geräusch. Es wird plötzlich sehr hell und viele fremde Laute, die ich noch nie gehört habe, machen mir Angst. Auf einmal werde ich hoch gehoben und in eine gelbe Plastikschüssel gesetzt. Ich will zurück zu Mama laufen, aber meine Beinchen sind noch zu schwach. Die Schüssel schwankt hin und her. Plötzlich höre ich für mehrere Minuten ein lautes Rauschen. Wieder werde ich hoch gehoben. Etwas hält mich ganz fest und dann ist es um mich herum nasskalt. Ich bekomme keine Luft mehr und versuche mein Maul weiter aufzureißen. Schwarz.

Fünf – Stadtmusikant

Ich sitze am Wegesrand und versuche zu Atem zu kommen. Meine Herrin, die Gutsbesitzerin, hat mich gejagt, dass mir Hören und Sehen vergangen ist. Mit einem Spaten lief sie hinter mir her, weil ich keine Mäuse mehr fangen sondern lieber hinter dem warmen Ofen sitzen wollte. Ein starker Schmerz durchzieht mein rechtes Hinterbein. Ich glaube sie hat mich mit der Schaufel getroffen.

Während ich froh bin, mit dem Leben davon gekommen zu sein, und meine Wunden lecke, sehe ich zwei Gestalten auf mich zukommen. Zuerst will ich mich verstecken, da ich nach den vorangegangenen Erlebnissen etwas Angst habe. Aber dann bemerke ich, dass es auch zwei alte, geschundene Tiere sind. Als sie mich erreichen, bleiben sie stehen und es sehen mich ein Esel und ein Hund an. Der Hund fragt: „Na, alter Murner, was ist dir denn über die Leber gelaufen?“ Ich erzähle den beiden von meiner abenteuerlichen Verfolgungsjagd, und dass ich nun nicht mehr weiß wo ich leben soll.

„Komm mit uns nach Bremen und werde Stadtmusikant. Ich spiele die Laute, der Hund die Pauke und du verstehst dich sicherlich gut auf Nachtmusik.“ Ich nehme das verlockende Angebot an und ziehe mit den beiden Richtung Bremen.

Ein Stück weiter des Weges sitzt ein Hahn auf dem Hoftor und krakeelt aus Leibeskräften. Ich  frage ihn warum er so herumschreit und der Hahn antwortet, dass die Hausfrau ihm den Kopf abschlagen will weil abends Gäste kommen und sie ein Süppchen kochen wolle.

„Komm mit uns nach Bremen und werde Stadtmusikant. Das ist allemal besser als in einer Suppe zu enden“, schlug ich vor. Der Hahn flattert von seinem Tor herunter und geht mit uns.

Der Weg nach Bremen ist weit und des Nachts lagern wir in einem Wald. Der Hahn, der hoch oben im Baumwipfel nächtigen will, bemerkt einen Lichtschein und wir beschließen dem Licht zu folgen. Wir kommen an ein Häuschen, in dem ein paar fürchterliche Gesellen sitzen. Der Esel hat einen wunderbaren Plan wie wir sie vertreiben können, denn der reichlich gedeckte Tisch hat uns hungrig gemacht. Mit lautem Getöse schlagen wir zuerst die Schurken in die Flucht und danach unsere Bäuche voll. Gesättigt legen wir uns zur Ruhe. Einer der Räuber schleicht sich des Nachts noch einmal zu uns herein, aber wir schaffen es ihm eine richtige Grusel-Vorstellung zu geben. Meine gelb glühenden Augen funkeln so gefährlich, dass er verängstigt flieht.

Seitdem hat uns keiner mehr in dem Häuschen gestört. Wir genießen unser Leben und freuen uns auf jeden neuen Tag. Grau.

Sechs – Jetzt

Ich erwache und das letzte an was ich mich erinnern kann, ist, dass ich auf der Ofenbank eingeschlafen sein muss. Ich will aufspringen und meine Gefährten wecken, doch als ich mich umsehe ist alles neu und fremd.

Ich liege neben einer Mülltonne. Viele Menschen eilen an mir vorbei. Ich versuche aufzustehen aber mein Bein schmerzt zu sehr. Ich spüre eine warme Hand, die sanft meinen Kopf streichelt. „Armes Kätzchen. Was ist denn mit dir? Bist du verletzt? Du siehst ja ganz strubblig aus.“ Eine alte Frau hebt mich hoch und setzt mich in einen Einkaufskorb. „Jetzt gehen wir zu mir nach Hause. Dort bekommst du ein Schüsselchen Milch.“

Kaum bei der alten Dame zu Hause angekommen, steht eine riesige Schüssel Milch vor mir. Ich schlecke sofort alles auf und schon geht es mir etwas besser.

„Ich heiße Hildegard. Und wer bist du kleiner Schnurrer? Ich werde dich Mohrchen nennen. Gefällt dir das?“ Ich schnurre behaglich. Natürlich gefällt mir das.

„Mein Gott, du bist ja ganz zerzaust und schrecklich dünn. Du musst doch ewig auf der Straße gelegen haben. Aber zu vermissen scheint dich keiner. Ich habe jedenfalls keine Suchanzeige gesehen.“ Wieder schnurre ich behaglich. Hildegard kann wirklich ganz wunderbar den Kopf kraulen.

„Jetzt verbinde ich erst mal dein Bein und pflege dich gesund. Wenn dich dann immer noch keiner vermisst, bleibst Du einfach bei mir.“

Mein Bein schmerzt nicht mehr. Ich lebe bei Hildegard und ich bekomme jeden Tag ein Schüsselchen Milch. Wir verbringen viele schöne Tage miteinander. Hildegard hat extra einen großen Kratzbaum für mich gekauft. Wenn ich Langweile habe, schaue ich Dora und Hansi zu. Das sind zwei Wellensittiche, die auch mit uns zusammen leben.

Mein Lieblingsplatz ist auf einem großen, grünen Kissen, das auf einem Korbsessel liegt. Dieser steht direkt vor dem Wohnzimmerfenster. So kann ich immer hinaus schauen und die Leute beobachten wie sie vorüber hasten und für nichts Zeit zu haben scheinen.

Hier in der Wohnung ist es mollig warm und es duftet nach Pfefferminztee. Ich liebe diesen Geruch. Da könnte man glatt ein kleines Mittagsschläfchen halten. Grau.

Sieben

.: im nächsten Leben :.

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