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Ringo´s Plattenkiste - King Crimson: Radical Action

Ringo´s PlattenkisteKing Crimson: Radical Action

»Music was my first love« sang John Miles anno 1976. Meine auch, sieht man von Uschi L. mal ab, der blonden Nachbarstochter, mit der ich im zarten Alter von 6 Jahren fast täglich zusammen war. Bis sie wegzog. Mit ihren Eltern natürlich.

Aber um die geht es hier nicht, sondern um Musik. -

Einzig und allein.

Ringo´s PlattenkisteKing Crimson ist eine Band aus Großbritannien, die stilistisch dem so genannten „Prog“ zuzuordenen ist, also dem Progressive Rock. Die Formation wurde im Jahre 1968 gegründet und ist bis heute aktiv. Einzig verbliebenes Mitglied der Ur-Formation ist der Gitarrist Robert Fripp, der sich selbst allerding nicht als Kopf der Band sieht. Markenzeichen der Gruppe sind neben häufig wechselnder Besetzungen ausufernde Improvisationen und kraftvolle Live-Auftritte.

Nachdem 2003 das letzte reguläre Studioalbum der Band erschienen war, drehte sich das Besetzungskarussell erneut. Der langjährige Gitarrist und Sänger Adrian Belew (Frank Zappa, Talking Heads) verließ die Band, ebenso Trey Gunn. Für ihn kam der frühere Bassist Tony Levin zurück und komplettierte mit dem neu hinzugekommenen Gavin Harrison (Porcupine Tree) die Formation.

Für Robert Fripp ist dieser ständige Wechsel der Motor der Band, der Antrieb der Kreativität: „Jede Besetzung ist Grundlage, Antrieb, Evolution und Mutation für die nächste.“ Dieser ständige Wechsel schien auch die einzige Konstante der Band zu sein.

Ende 2010 verkündete Fripp überraschend, dass er King Crimson – wieder einmal - als aufgelöst betrachte. Der spleenige Brite wäre aber nicht er selbst, wenn diese  Aussage endgültig wäre. Bereits im folgenden Jahr erschien mit „A Scarcity of Miracles“ eine Veröffentlichung des ProjeKCts (so bezeichnet Fripp die Nebenprojekte von King Crimson Mitgliedern) „Fripp, Jaksyk & Collins“. An den Aufnahmen waren auch wieder Tony Levin und Gavin Harrison beteiligt, und so dauerte es nicht lange, bis aus diesem ProjeKCt eine ganz neue King Crimson Inkarnation entstand, die durch Pat Mastellotto (Mr. Mister) und Bill Rieflin (Ministry) ergänzt wurde.

In dieser Besetzung ging die Band dann auf ausgedehnte Tournee, auf der – zum Erstaunen der Fans – überwiegend altes und zuvor auf Konzerten selten gespieltes Material auf der Setlist standen. Mit Mel Collins an Saxophon und Querflöte war sogar ein Musiker aus den Anfangstagen (1970-1971)der Band mit dabei. Das Spielen von altbekanntem Material steht ja eigentlich ganz im Gegensatz zu Fripp´s Maxime der ständigen Erneuerung, die ja auch Ausdruck in den teils ausufernden Improvisationen auf der Bühne fand, aber trotzdem, oder auch gerade deshalb passt es perfekt zu King Crimson.

Denn King Crimson tut - laut Fripp – „niemals das, was man von ihr erwartet“.

2014 und 2015 wurde auf den Konzerten haufenweise hochwertiges Material aufgenommen, das schließlich 2016 in der vorliegenden Box „Radical Action to unseat the Hold of Monkey Mind“ veröffentlicht wurde. Ein sperriger Titel, der ganz gut zu der absolut ungewöhnlichen Besetzung mit drei (!) Schlagzeugern passt.

Die Besetzung:

  • Ringo´s PlattenkisteRobert Fripp: Guitar & Keyboards
  • Jakko Jakszyk: Guitar, Vocals, Flute
  • Tony Levin: Bass & Stick
  • Mel Collins: Saxes & Flute
  • Pat Mastelotto: Drums & Percussion
  • Bill Rieflin: Drums & Keyboards
  • Gavin Harrison: Drums

Der Lieferumfang der Box besteht aus 3 CD´s + einer Blu-Ray, auf der die Tracks der CD´s als Filmmitschnitt im 5.1 Surround-Sound zu bewundern sind.

Die enthaltenen Audio-Tracks sind entsprechend der Anzahl der CD´s in drei Gruppen eingeteilt:

CD 1 „Mainly Metal“
bietet Kraftvolles und rockiges Material. Zwischen „Lark´s Tongues in Aspic 1 & 2“ eingebettet liegen nagelneue Stücke, Tracks aus der mittleren Schaffensperiode, sowie ein Song des Scarcity-ProjeKCts.

CD 2 „Easy Money Shots“
zeigt die Band von der ruhigen Seite mit viel altem Material wie z.B. „Peace“, „Pictures of a City“, „Easy Money“, bietet aber auch wieder neues Material und schließlich dem Titeltrack des Scarcity-ProjeKCts.

CD 3 „Crimson Classics“
beinhaltet – wie der Name schon sagt – King Crimson Klassiker, unter anderem „Red“ „Starless“ und „21st Century Schizoid Man“. Auf dieser CD findet sich nur ein einziger ganz neuer Track.

Die Soundqualität der drei Tonträger ist ausgezeichnet und tadellos, die durchschnittliche Spielzeit liegt bei je ca. 50 Minuten. Hauptaugenmerk (eigentlich müsste man von einem Ohrenmerk sprechen) liegt beim Mix auf der Musik selbst, und somit genau dem, was die Band produzierte. Störende Nebengeräusche aus dem Publikum, sowie Applaus wurden weitgehend herausgefiltert, so dass man hier quasi von einem live aufgenommenen Studioalbum sprechen kann.

Die Band ist in bester Spiellaune, die Darbietung absolut professionell und äußerst kraftvoll, was in Anbetracht des Alters der Musiker (Fripp, Collins und Levin waren bei den Aufnahmen schon knapp 70, Jakszyk fast 60 Jahre alt) erstaunlich und respektabel ist.

Die Blu-Ray dokumentiert die Audio-Tracks als Video-Mitschnitt einiger Japan-Konzerte in 5.1 oder wahlweise in High-Res Stereo. Bild- & Tonqualität sind ausgezeichnet, allerdings ist einerseits die Performance recht leblos, andererseits sind die Aufnahmen statisch, da man bewusst darauf verzichtete, bewegliche Kameras auf der Bühne zu plazieren und stattdessen stationäre Aufnahmegeräte montierte und die Sequenzen im Studio zusammenfügte, teilweise in Überblendtechnik.

Die Band selbst agiert recht wenig auf der Bühne, Robert Fripp sitzt wie üblich am Bühnenrand auf seinem Hocker (er spielt immer im Sitzen) und spielt sich die Finger wund, ansonsten bewegt er sich kaum und zeigt auch keine Gefühlsregungen (man nennt ihn nicht ohne Grund den „Mr. Spock of Rock“). Hin und wieder gleitet aber auch über sein ansonsten verkniffenes Gesicht der leise Anflug eines zufriedenen Lächelns.

Jakszyk hat alle Hände und Gesichtsmuskeln zu tun, spielt Gitarre und singt gleichzeitig. Tony Levin geht in seinem Bassspiel völlig auf. Interessant wird seine Performance, wenn er zum Chapman-Stick greift: es ist eine wahrer Augenschmaus zu sehen, wie flink und scheinbar spielerisch er das schwierige Instrument beherrscht und seine Finger über die Saiten tanzen lässt.

Das Zusammenspiel der drei Drummer, die im Vordergrund plaziert sind, kommt im Film aber leider nicht ausreichend zur Geltung. Man kann nur hören und erahnen, wie sie sich gegenseitig ergänzen, abwechseln, Rhythmen austauschen, gekonnt pausieren und gegen den Strom trommeln. Witzig ist es immer, Pat Mastelotto zuzuschauen, wenn er skurrile Percussioneffekte einsetzt, ein klein wenig vergleichbar mit seinerzeit in den Siebzigern Jamie Muir, der ein wahrer Bühnenteufel war und auch mal auf der Bühne mit Laub um sich warf. Rieflin wechselt zwischendurch immer wieder an den Synthesizer, auf dem er Klassiker wie „Starless“ mit Mellotronklangteppichen und –Melodien begleitet.

Ringo´s PlattenkisteDie drei CD´s und die Blu-Ray stecken in 2 aufklappbaren Digipaks, die sich zusammen mit dem sehr schönen, 36-seitigen Booklet mit ausführlichen Credits in einer hübschen Papp-Box befinden. Eine der bisher besten King Crimson Inkarnationen auf einem  Live-Album der Sonderklasse. Für alle Fans der Band eine klare Kaufempfehlung!

Im Juli 2018 hatte ich nun das große Glück und Vergnügen, die Band live zu sehen. King Crimson gastierten an zwei Abenden in der Philharmonie im Gasteig. Das Line-up hatte sich wieder einmal verändert, King Crimson war zum Oktett angewachsen. Neu hinzugekommen war Jeremy Stacey an den Drums. Bill Rieflin war nach einer längeren Auszeit auch wieder dabei, allerdings diesmal nur an den Keyboards.

Im Gegensatz zu den oben besprochenen Aufnahmen offenbart sich im Konzert die ganze Magie der drei Drummer. Die Drumsounds schwirren und sausen durch die Halle, man kommt gar nicht mehr aus dem Zuschauen heraus. Der Blick wandert von Mastelotto über Stacey zu Harrison und wieder zurück. Im Hintergrund die fast statisch anmutende Band. Robert Fripps Bewegungslosigkeit wird tatsächlich noch getoppt. Bill Rieflin sitzt an seinem Keyboard, als wäre er aus Wachs.

Die Setlist ist sehr ähnlich zu „Radical Action“. Einige Stücke sind anders, der Rest überwiegend gleich. Neu aufgenommen wurde überraschenderweise Material aus dem ungeliebten Lizard-Album.
Das Konzert dauerte inklusive einer kurzen Pause 3 Stunden und war jeden Cent wert.

Wie ich später erfuhr, ist auch das Eis zwischen Fripp und Belew wieder etwas aufgetaut. Man spricht wieder miteinander, und Fripp lässt seinem ehemaligen Gitarristen eine Rückkehr an den scharlachfarbenen Hofe offen. King Crimson tut eben nie das, was man von der Band erwartet. Man darf gespannt sein!

 

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