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Die vergessene Gruft - ein unveröffentlichter Roman

RomanDie vergessene Gruft
von Dorice Mitchel alias Rolf Michael

Vor mehr als einem Jahr ist Rolf Michael gestorben und nach der Beerdigung hat mir (Uwe Schnabel) sein Bruder Peter dieses unveröffentlichte Manuskript, mit der Bitte es zu veröffentlichen, gegeben.

An diesem Manuskript war eine Karte mit folgenden Zeilen von Jürgen und Karin Grasmück angefügt. Folgender Text stand drauf:

Lieber Rolf, in der Anlage schicken wir Dir zwei von Deinen MSs zurück. Leider war es uns nicht möglich, bei Pabel damit Fuß zu fassen.
Im Moment kann ich Dir nur den Rat geben, die Arbeiten aufzubewahren, bis wieder bessere Zeit kommen. Tut mir leid, keine andere Nachricht geben zu können. Alles Gute und beste Grüße - auch an Petra - Jürgen und Karin.

Die vergessene Gruft
Die Ortschaft, die Susan Evans hinter sich gelassen hatte, wirkte so romantisch, daß sie am liebsten ihre Reise unterbrochen hätte, um sich die schönen alten Häuser und die Kirche mit dem wuchtigen Turm genauer anzusehen. Hier war von dem hektischen Getriebe Londons nichts zu spüren. Je weiter Susan die Straße in den Westen von Südengland fuhr, umso mehr glaubte sie, in eine vergangene Zeit zu fahren.


Die kleinen, bucklig wirkenden Häuser waren mit dicken Schilfmatten gedeckt. Das Fachwerk wirkte als dunkler Kontrast zu der weißen Tünche, die das Mauerwerk bedeckte. Sogar die Straßenlaternen der Ortschaften waren ehemalige Gaslampen, die man nur auf Elektrizität umgebaut hatte.

An manchen Wirtshäusern sah Susan die alten, kunstvoll bemalten Schilder, auf denen der Name des Gasthauses stand und dieser Name als Bild dargestellt wurde. Jahrhundertealte englische Traditionen waren hier in diesen Grafschaften noch sehr lebendig. Welch ein Unterschied zu den grellen Neonreklamen, die Susan aus den Städten kannte.

Die junge Frau bedauerte, daß sie keine Zeit hatte, um sich alles ansehen zu können. Sie mußte Exeter, die Hauptstadt der Grafschaft Devon, noch vor dem Abend erreichen. Schon die kleine Teepause, die sie sich vor einer halben Stunde gönnte, war eigentlich zu viel gewesen.

Susan lehnte sich im Sitz zurück und versuchte, trotz der stundenlangen Fahrt entspannt zu bleiben. Die Cassette im Autoradio spielte ihre Lieblingsmusik, bei der sie sich auf die Fahrt konzentrieren konnte und nicht zu stark abgelenkt wurde. Die Straße war gut ausgebaut. Susan wurde an die Autobahnen auf dem Kontinent erinnert. Nur das man dort zügiger voran kam, weil in England diese Straßen durch Ortschaften führten und deswegen die Geschwindigkeit verringert werden mußte.

Susans kleiner Austin war schnell und wendig. So oft es möglich war fuhr sie die zulässige Höchstgeschwindigkeit und ließ durch das geöffnete Fenster den Herbstwind mit ihrem langen, blonden Haar spielen.

Aber die vielen Ortschaften sorgten dafür, daß Susan nicht besonders schnell voran kam. Exeter schien eine halbe Weltreise von London entfernt zu liegen.

Vom Beifahrersitz angelte sich Susan eine Zigarette. Sie genoß den Rauch, der sich sofort mit der klaren Luft des Frühherbstes vermischte und verflog. Zwar waren die Tage jetzt in der ersten Septemberhälfte noch warm, doch die Nächte kühlten bereits ab. Und in den Morgen- und Abendstunden kam der Nebel in weißen Schwaden über das Land gezogen.

Wenn die Straße gerade und überschaubar war gönnte sich Susan Evans einen Blick über das Land. Auf den grünen Weiden standen Kühe und Schafe. Einige Äcker trugen noch goldgelb gereiftes Korn, andere waren bereits abgeerntet und kahle Stoppeläcker.

Der Herbst! Die Zeit der Ernte! Die Natur rüstet sich für den Winterschlaf. Susan sah, wie das Laub der Bäume sich fahlgelb oder rostrot färbte. Obwohl sie wußte, daß im Frühjahr alles wieder grün war, hatte der Anblick des welken Laubes für Susan etwas Bedrückendes.

Susan sah wieder nach vorn auf die Straße. Sie wollte sich keinen trüben Gedanken hingeben. Sie war fünfundzwanzig Jahre jung und voller Leben. Trübsinn zu blasen hatte sie keine Lust. Vor allem heute nicht. Einen so schönen Herbsttag soll man genießen und die hübschen Seiten dieser Jahreszeit sehen.

„Wenn die Bäume immer nur grün wären, dann ist es auf die Dauer langweilig!“ sagte sie zu sich selbst. Und damit war der Anflug der Melancholie wie weggeblasen. Sie summte leise die Melodie mit, die aus dem Lautsprecher des Wagens drang.

Wer Susan Evans flüchtig kannte, sah in ihr nur die junge Frau, die es mit fünfundzwanzig Jahren geschafft hatte, sich einen gutbezahlten Job als Chefsekretärin in einem Londoner Unternehmen zu erarbeiten. Hinter vorgehaltenen Händen wurde von einer 'Karrierefrau' getuschelt.

Doch wer so redete, der tat Susan Unrecht. Was sie erreicht hatte war das Ergebnis von Jahren fleißiger Arbeit und ihrer netten, zuvorkommenden Art, mit Menschen umzugehen. Weil sie alleinstehend war, brauchte sie nicht immer auf die Uhr zu achten, wenn sie auf den Feierabend zuging sondern stand auch außerhalb der Geschäftszeiten zur Verfügung. Das tat sie weniger, weil sie durch ihre Bereitschaft zu Überstunden etwas erreichen wollte, sondern weil sie Freude an ihrem Beruf hatte. Für Susan war es faszinierend, an der Seite eines Mannes zu stehen, der Entscheidungen von großer Tragweite fällte. Ein prickelndes Gefühl überkam sie jedesmal, wenn sie Geschäftsleute empfing und ins Chefzimmer geleitete von denen sie wußte, daß sie Aufträge in großen Summen vergeben konnten. Eine geregelte Arbeitszeit war bei ihr überhaupt nicht möglich.

Gelegentlich servierte sie Kaffee und Drinks oder nahm Beschlüsse zu Protokoll, die sie sofort abschrieb und für alle Teilnehmer fotokopierte. Manchmal hatte sie das Glück, noch von den Herrn zu dem üblichen Geschäftsessen in einem von Londons Nobelrestaurants eingeladen zu werden.

Das Privatleben von Susan Evans blieb dabei auf der Strecke. Während alle ihre Bekannten und Freundinnen längst verheiratet waren und Kinder hatten war Susan Evans immer noch ledig. Sie wußte, daß sie von ihnen insgeheim beneidet wurde weil sie im Beruf 'ihrem Mann' stand und in aller Freiheit machen konnte was sie wollte. Von den einsamen Wochenenden redete niemand. Obwohl Susan zu den Kollegen in der Firma bis hinab zum Botenjungen immer freundlich, zuvorkom¬mend und hilfsbereit war sah man in ihr nur die dezent vornehm gekleidete und stets sehr gepflegte Erscheinung der Vorzimmerdame. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, daß diese Frau zwar einen großen Bekanntenkreis hatte, aber keine direkten Freunde, mit denen sie vollkommen natürlich verkehren konnte.

Auch hier hatte Susan Evans klare Vorstellungen, wie die Partner aussehen mußten, denen sie sich anvertrauen wollte. Aber so groß London war - bis jetzt hatte sie diese Partner noch nicht gefunden. Von dem Partner ganz zu schweigen.

Susan war mittelgroß und hatte einen zierlich wirkenden Körperbau. Durch den Ausgleichssport, den sie in ihrer Freizeit trieb, war er geschmeidig und hatte eine Spannkraft, die man auf den ersten Blick nicht erkennen konnte.

Ihr langes, blondes Haar wallte bis zu den Schultern herab, wenn sie es offen trug. Im Büro frisierte Susan es so, daß es nicht störend wirkte. Einige Spangen konnten wahre Wunder bewirken.

Obwohl Susan im Sommer gern draußen spazieren ging hatte ihre Haut immer eine gewisse, vornehme Blässe, die sich sehr gut ihrem aristokratisch wirkendem Gesicht anglich. Die blauen Augen Susans waren wie der Spiegel ihrer Seele.

Sie konnten lachen, wenn Susan erst blieb und waren traurig, auch wenn ihre Lippen lächeln mußten.

Um körperlich fit zu bleiben, machte sie Dauerläufe im Hyde-Park und wollte spätestens nach der dritten Meile in raschem Trab mit dem Rauchen aufhören. Aber in der Hektik des Büros oder an gemütlichen Abenden griff sie wieder zu den Tabakstäbchen. Mit Keuchen und Husten wurden diese 'Sünden' dann am nächsten Tag im Fitneß-Studio bereut, wo Susan an den Trainingsgeräten ihren Körper geschmeidig hielt.

Drei Seiten ihres Notizbuches füllten die Bekanntschaften, die sie im Fitneßcenter gemacht hatte. Aber über einen gemütlichen Treff und einen Drink ging es niemals hinaus. Die Leute, die sie dort kennenlernte, waren alles nette Gesellschafter, aber nicht das, was sich Susan unter einem Freund vorstellte, dem man sich voll und ganz anvertraut. Schon für eine weitergehende Bekanntschaft erwartete Susan Gefühl - und das wollte sich einfach nicht einstellen.

Susan Evans hatte eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen wollte. Wenn ihr ihr einmal entgegentrat, würde sie ihn sofort erkennen.

Liebe auf den ersten Blick. Die große Liebe, wie sie in den Love-Stories, die Susan gern las, geschildert wurde. Susan Evans glaubte fest daran, daß es diese Liebe gab. Man mußte nur Geduld haben und darauf warten.

Dieses gewisse Herzflimmern, das man spüren, aber nicht beschreiben kann. Bis jetzt hatte es sich niemals bei Susan eingestellt obwohl sie viele Männer kannte und einige von ihnen als gute Freunde sehr schätzte. Sie hatte auch eine ganze Anzahl Heiratsanträge bekommen, die die nach reiflicher Überlegung ablehnte. Bei diesen Partnern war das Gefühl der Liebe einfach nicht da.

Susan mußte sich oft genug zu eiserner Disziplin anhalten um nicht vorschnell zu handeln oder der Laune eines Augenblicks nachzugeben und einen der Anträge annehmen. Einige von ihren Freundinnen hatten es getan und bei der Auswahl ihrer Männer auf Äußerlichkeiten geachtet. Jetzt führten sie unglückliche Ehen oder waren geschieden.

Alles nur, weil sie vorschnell gehandelt hatten und nicht abwarten konnten. Susan wollte sich nicht vom Schein blenden lassen, sondern in Ruhe abwarten bis der Mann ihrer Träume kam.

Dabei hatte sie weder eine genaue Vorstellung von seinem Äußeren oder von seinem Beruf und Einkommen. Auch seine Hobbies waren ihr egal. Für Susan war alles nur eine Gefühlssache, die sie sich nicht einmal genau sich selbst erklären konnte.

Auf den Treffs sah sie sich ihre Bekannten immer sehr genau an. Meist fand sie sehr schnell Dinge, die sie störten und die sie nicht akzeptieren wollte. Das Verhältnis wurde dann, egal in welchem Stadium es sich befand, sofort und kompromißlos gelöst. Das bedeutete allerdings nicht, daß Susan mit ihren Freunden im Bösen auseinander ging. Mit einigen von ihnen hatte sie immer noch gute Kontakte, die jedoch reine Freundschaft waren.

Aber heute hatte Susan Evans ganz andere Gedanken als die Männerwelt von London im heiratsfähigen Alter. Vor drei Tagen hatte sie einen Brief aus Exeter erhalten, der ihr ganzes geregeltes Leben durcheinander brachte.

Der Absender war ein gewisser Neil Muldoon. Er war Anwalt aus Exeter und mit der Testamentsvollstreckung von Sir John Evans betraut. Sir John war Susans Onkel. Doch ihr Vater hatte sich niemals mit seinem Bruder verstanden. Seit ihrer Jugend waren sie getrennte Wege gegangen.

Sir John, der Ältere, hatte Casterbridge-Hall, einen großen Gutshof in der Nähe von Exeter alleine übernommen als der Vater starb. George Evans, Susans Vater, hatte vollständig auf das Erbe verzichtet und wollte weder mit seinem Bruder noch mit dem Rest der Familie etwas zu tun haben. Die Frau, die er in London lieben lernte und heiratete paßte nicht in die Kreise dieser Familie. Jedenfalls damals nicht.

Inzwischen hatten sich die Zeiten gewandelt und das Standesdünkel des britischen Landadels war weitgehend verschwunden. Susan hatte mit Sir John einen kleinen Briefwechsel geführt.

Ihr Vater war leider verstorben, ohne dem Bruder die Hand zur Versöhnung zu reichen. Sir John bedauerte es sehr, daß er ihn nicht noch einmal gesehen hatte. Mehrfach hatte der alte Herr aus Exeter Susan eingeladen.

Aber immer war etwas dazwischen gekommen, was Susans Reisepläne durcheinander brachte. Als Chefsekretärin muß man kurzfristig abrufbereit sein.

Nie war es gelungen, die versprochene und immer wieder verzögerte Reise nach Exeter zu unternehmen.

Und dann kam der Brief des Anwalts. In geschraubter Behördensprache wurde Susan mitgeteilt, daß Sir John Evans verstorben war und sie durch sein Testament zur Haupterbin gemacht hatte.

Susan war die neue Herrin von Casterbridge-Hall...

***

Neil Muldoon, der Anwalt, teilte in dem Schreiben weiter mit, daß Susan vier Wochen Zeit hatte, sich den Betrieb anzusehen und die wirtschaftlichen Verhältnisse zu überprüfen. Erst dann brauchte sie sich fest zu entscheiden, ob sie das Gut mit allen Rechten und Pflichten übernahm. Wenn sie es nach dieser Zeit ablehnte, würde die weitere rechtliche Familienerbfolge berücksichtigt.

Susan ging also kein Risiko ein, wenn sie sich Casterbridge-Hall einmal ansah. Insgeheim hatte sie immer vom ruhigen Leben auf dem Lande geträumt. Und die Love-Stories, die sie vor dem Einschlafen las, spielten sehr oft in großen, alten Gutshäusern. Wenn Susan dann einschlief sah sie sich in ihrer Traumphantasie selbst als Herrin eines solchen Anwesens?

Wurde es jetzt Wirklichkeit? Können die Träume nicht lügen?

Nur eine Unterschrift und Susan Evans konnte sich 'Gutsbesitzerin' nennen.

„Casterbridge-Hall!“ hörte sich die junge Frau selbst flüstern. „Ich bin gespannt, wie das Anwesen aussieht. Nicht mal ein Bild habe ich bis jetzt davon gesehen. Ich werde...!“

In dem Moment sah Susan das erste Hinweiszeichen auf Exeter.

Na endlich. Bis jetzt war sie immer nach dem Wegweiser gefahren, auf dem einfach die Worte 'The West' stand. Das war für jeden Engländer verständlich. Sonst wurden auf den Hinweisschildern nur die nächsten Orte angegeben. Nachdem Susan einige Male die Karte überprüfte und feststellte, daß sie diese Straße fahren konnte ohne abzubiegen hatte sie sich treiben lassen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Susan, daß die normale Bürozeit längst überschritten war. Hoffentlich war Neil Muldoon, der Anwalt, überhaupt noch zu erreichen. Susan hatte es eilig, die notwendigen Formalitäten zu erledigen. Sie wollte ihren künftigen Besitz so schnell wie möglich sehen. Wenn es ging, dann noch heute Abend.

„Soll ich das Gut bewirtschaften oder besser die Finger davon lassen?“ fragte sich Susan laut. Eine Frage, die sie sich in den letzten Stunden schon oft gestellt hatte.

Die Idee an sich war faszinierend. Immer mehr Leute in ihrem Alter gingen aufs Land um dort ein einfaches Leben zu führen, das ihnen innerlich größere Befriedigung gab als der Streß und die Hektik in den Städten. Sie verzichteten auf die gesicherte Existenz einer festen Anstellung für ihre persönliche Freiheit und versuchten, ihrem Leben so einen neuen Sinn zu geben.

Immer wieder versuchte Susan sich vorzustellen, was eine Entscheidung von dieser Tragweite für sie selbst bedeuten konnte. Ihr Job in London war zwar sehr interessant - aber er konnte auch monoton werden. Nicht an jedem Tag waren Besprechungen und Termine. Dann war ihre Arbeit Telefondienst oder das Abschreiben von Briefen und Diktaten. Wenn der Chef auf Dienstreise war, wurde es erst richtig öde. Niemand wagte es, das 'Vorzimmer zum Allerheiligsten' ohne Grund zu betreten. Und deshalb fühlte sich Susan gerade an diesen Tagen entsetzlich alleine. So sehr sie ihre Arbeit liebte - die Erfüllung ihres Lebens war das bestimmt nicht.

Auf der anderen Seite stand das unstete Leben in einem landwirtschaftlichen Betrieb mit viel körperlicher Arbeit, bei der ein Acht-Stunden-Tag reine Illusion ist. Dazu die ständige Ungewißheit, ob die Ernte so gut ausfiel, daß man überhaupt davon leben konnte.

Susan mußte sich alles ansehen und konnte sich dann erst entscheiden. Die Bestimmungen des Testaments gaben ihr dazu vier Wochen Zeit.

Auf der einen Seite der klangvolle Titel 'Gutsbesitzerin' - auf der anderen Seite die unsichere Zukunft, wenn die Landwirtschaft nicht die erwarteten Gewinne abwirft.

In London hatte sie zwar die Sicherheit eines festen Gehalts, das am Ersten des Monats auf dem Konto war - andererseits mußte sie ständig da sein, wenn sie gebraucht wurde und konnte nicht mal einen Schnupfen auskurieren, indem sie drei Tage im Bett blieb.

„Abwarten und nicht nervös werden, Susy!“ sagte Susan zu sich selbst. „Das Appartement in London ist noch nicht gekündigt. Die Blumen gießt meine Freundin Corinna. Und im Büro wissen sie nichts von der Erbschaft. Die glauben, daß ich tatsächlich für vier Wochen auf Urlaub in Frankreich bin. Es war ein Glück, daß der Chef gerade um diese Zeit für zwei Monate geschäftlich in den Staaten zu tun hat und sein Büro völlig geschlossen werden konnte, damit der Stellvertreter mal zeigen kann, was er drauf hat.

Wenn mir die Sache nicht gefällt, dann schlage ich das Erbe aus, und der Anwalt soll sehen, was er damit macht. Andernfalls genügt ein Telefonanruf oder ein Brief, um die Stellung in London zu kündigen. Wir werden sehen...!“

Das war Susans beste Lösung ihres Problems. Wenn die Sache schief ging, hatte sie einige Wochen 'Urlaub auf dem Bauernhof' gehabt. Aber insgeheim hoffte sie, daß sie den Betrieb tatsächlich übernehmen und weiterführen konnte.

Nur wurde Susan das Gefühl nicht los, daß nicht alles so glatt ging, wie sie es sich heimlich wünschte...

***

Die Dämmerung sank schon nieder als Susan das Zentrum von Exeter erreichte, in dem sich das Anwaltsbüro befand. Mühsam kurvte sie trotz ihres kleinen Wagens durch die engen Straßen und verwinkelten Gassen dieser beschaulich wirkenden Kleinstadt. Wenn nicht die Autos und die unpassenden Leuchtreklamen an den hübschen Fachwerkhäusern gewesen wären hätte Susan geglaubt, sich in der Zeit der alten Ritter zu befinden.

Neil Muldoon hatte ihr geschrieben, daß sein Büro in der Nähe der alten Burg und der Kathedrale befand. Die Überreste dieser Burg fand Susan in einem Park mitten in der Stadt. Die mächtigen Türme der Kathedrale waren wirklich nicht zu übersehen.

Susan parkte den Wagen in der Nähe der Burgruine und beschloß, das Gebäude mit der Anwalts-Kanzlei zu Fuß zu suchen. Das ging schneller als in einer unbekannten Stadt den Weg in einem Gewirr von Sackgassen und Einbahnstraßen zu suchen.

Nach der langen Autofahrt genoß die junge Frau diesen Spaziergang. Die Luft war angenehm. Nur der Hauch herbstlicher Nachtkühle sorgte dafür, daß sie ihre Jacke zuknöpfte.

Problemlos fand Susan die Anwaltskanzlei. Die Fenster waren dunkeln und auf ihr Klingelzeichen rührte sich nichts. Kein Wunder bei dieser fortgeschrittenen Tageszeit.

Susan zuckte die Schultern. Auf dem Brief war Muldoons private Rufnummer. Vielleicht war er bereit, für sie noch einmal ins Büro zu kommen um die Formalitäten zu erledigen. Immerhin hatte Muldoon auf dem Brief vermerkt, daß man in 'dringenden Fällen' von seiner Privatnummer Gebrauch machen sollte.

Eine Autofahrt von London quer durch Südengland wegen der Erbschaft eines Rittergutes, das sah Susan schon als dringenden Fall an.

Entschlossen suchte und fand sie eine Telefonzelle und wählte die private Nummer von Neil Muldoon.

Die weibliche Stimme, die sich meldete, klang alles andere als freundlich. Muldoon war offensichtlich Junggeselle und Susan hatte die Haushälterin erwischt. Die schien schwerhörig zu sein oder begriff Susans Worte falsch. Susan hatte den Eindruck, als fühlte sich die Dame als eine Art Ehefrau ohne Trauschein bei dem Anwalt und sah Susan als eine Konkurrentin an. Kaum hatte Susan erklärt, daß sie Mister Muldoon bitte, noch einmal ins Büro zu kommen, weil es da etwas zwischen ihnen zu klären gäbe, als die Dame am anderen Ende der Leitung böse wurde. Nach einigen Worten hängte sie erbost auf.

Susan opferte noch einige Münzen und rief noch dreimal an. Zweimal knallte die Frau am anderen Ende den Hörer auf die Gabel. Dann endlich schien Neil Muldoon selbst den Weg zum Telefon gefunden zu haben.

Erleichtert atmete Susan auf, als sie den Namen des Anwalts aus dem Telefonhörer vernehm.

Die Stimme, die sich am anderen Ende meldete, klang mürrisch. Nach einigen Worten stellte Susan fest, daß Neil Muldoon schon auf dem Weg zur Tür war.

Ein wichtiger Termin - der Bridge-Club. Nur ein Engländer hat dafür Verständnis, daß dieser Termin natürlich vorging.

„Ich denke, sie werden in Exeter noch ein Zimmer im Hotel bekommen!“ kam die Stimme des Anwalts durchs Telefon. „Genießen Sie unsere schöne Stadt und kommen Sie morgen gegen neun Uhr ausgeruht in mein Büro. Dann können wir alles Nötige besprechen und die notwendigen Papiere fertig machen!“

„Ich möchte lieber jetzt sofort...!“ brachte Susan hervor. „Es geht doch sicher sehr schnell, oder...?“ Sie brach ab, weil ihr in diesem Augenblick ihre eigenen Worte lächerlich vorkamen.

„Sie können gern schon rausfahren und sich Ihren zukünftigen Besitz ansehen!“ gab der Anwalt am anderen Ende der Leitung zurück. „Wenn Sie bis morgen Mittag nicht in meiner Kanzlei erschienen sind, dann komme ich raus nach Casterbridge-Hall und wir regeln alles Weitere dort. Sie haben doch die Wegbeschreibung und können es absolut nicht verfehlen. Nennen Sie Charles Sandford, dem dortigen Verwalter Ihren Namen und zeigen Sie ihm den Brief. Dann gibt es keine Schwierigkeiten. Und nun muß ich Sie bitten, mich zu entschuldigen. Meine Freunde im Club warten nicht gern. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend!“

Ein Knacken im Hörer zeigte Susan an, daß Neil Muldoon aufgelegt hatte. Sie hing den Hörer ein und verließ die Telefonzelle.

„Casterbridge-Hall!“ zischte sie wütend zwischen den Zähnen hervor.

„Kennen Sie diese Farm?“ hörte sie neben sich eine männliche Stimme, die sehr angenehm klang. Der hochgewachsene Mann im leicht verwaschenen Jeans-Anzug, der gerade in die Telefonzelle gehen wollte, kam zurück. Susan sah, daß er etwas größer war als sie selbst. Er hatte aschblonde, leicht gewellte Haare und einen kühn geschnittenen Oberlippenbart. Sein Gesicht war sonnengebräunt und hatte etwas vom Hauch eines verwegenen Abenteurers. Das karierte Fanellhemd war auf der Brust weit geöffnet und Susah sah, daß er auf der behaarten Brust ein goldenes Medaillon trug. Zu dem Jeans-Anzug trug er braune Farmer-Stiefel, die bis über die Waden reichten und mit der Jeans, die knapp wie eine zweite Haut saß, eine Einheit bildete.

„Sie nannten Casterbridge-Hall!“ sagte der Fremde noch einmal, während es Susan nicht bewußt wurde, daß sie ihn mehr als eine halbe Minute sprachlos angestarrt hatte. „Wissen Sie, wo das Anwesen liegt?“

„Ich...ich habe so eine Wegbeschreibung!“ preßte Susan hervor. „Deshalb habe ich eben telefoniert. Warum fragen Sie?“

„Weil ich dorthin möchte!“ erklärte der Mann. „Ich habe dort für wenige Tage einen Aushilfsjob angenommen. Als Erntearbeiter in der Saison. Auf diesem Gut wird die Landwirtschaft noch so wie vor zweihundert Jahren geführt. Sie haben keine Mähdrescher oder andere Erntemaschinen. Nicht mal Traktoren haben sie dort. Deshalb benötigen sie in der Saison immer wieder genügend Hilfskräfte, die mit zupacken können. Ich habe schon im letzten Jahr während der Ernte dort gearbeitet!

„Sie gehören also zu den Leuten, die keine feste Arbeit haben!“ stellte Susan fest und sah ihn prüfend an. Obwohl er sehr lässig gekleidet war, sah der Fremde nicht wie ein Tramp aus, der sein verdientes Geld so schnell wie möglich in Schnaps umsetzt und ansonsten arbeitsscheu ist.

„Ich bin Student!“ erklärte der junge Mann. „George Harrods ist mein Name. Wir haben jetzt Semesterferien und da besteht die Möglichkeit, sich etwas. Geld nebenher zu verdienen. In vier Wochen muß ich wieder in Cambridge sein. Noch drei Semester, dann habe ich mein Staatsexamen in der Tasche!“

„Und was studieren Sie, wenn ich fragen darf?“ Susan wurde neugierig.

„Agrarökonomie!“ George Harrods lächelte. „Sie können es auch Landwirtschaft nennen, wenn Sie Fremdwörter hassen. Ein 'akademischer Bauer', wie man boshaft sagen könnte. Aber meine Eltern haben in Dorset eine Farm, die ich mal übernehmen werde. Und in der heutigen Zeit kann man nicht mehr nach alter Väter Sitte mit zwei Pferden die Scholle brechen, von Hand einsäen und mit der Sense die Garben mähen, wie man das auf Casterbridge-Hall macht. Aber für mich als Student ist es natürlich von Interesse, daß ich mir die Arbeit da betrachte und Vergleiche mit der modernen Bewirtschaftung ziehe. Das wird dann die Grundlage für meine Examensarbeit. Kunstdünger contra Kuhdung!“ Er lachte und Susan stimmte ein.

Dieser George Harrods war einer von den Männern, die sich so unkompliziert gaben daß man annehmen mußte, sie schon jahrelang zu kennen, auch wenn man sie erst vor wenigen Minuten gesehen hatte.

„Ich heiße Susan Evans - und ich wollte nach Casterbridge-Hall.... um da einige Tage Urlaub zu machen!“ Susan preßte eine Unwahrheit hervor, obwohl ihr George Harrods so vertraut erschien, daß sie ihm fast alles von ihrer Persönlichkeit anvertraut hätte.

„Irgendwie merkwürdig, daß man dort Feriengäste aufnimmt, jetzt wo der alte Sir John gerade verstorben ist und mit der Ankunft der Erben jeden Tag gerechnet wird!“ sinnierte George Harrods. „Aber was geht das mich als Hilfsarbeiter an.“

Susan biß sich auf die Lippe. Am liebsten hätte sie George alles erzählt Aber das war ganz sicher ein Fehler. Wenn er dort als Erntearbeiter jobben wollte, dann mußte sie versuchen, etwas Abstand zu ihm zu bewahren. Immerhin war sie seine zukünftige Arbeitgeberin.

Ob es ihr allerdings gelang, aufkommende Gefühle im Zaum zu halten und George Harrods Gleichgültigkeit vorzuheucheln, war die zweite Frage. Denn der durchbrach mit einem Lächeln ihre mühsam aufgerichteten inneren Sperren, indem er sie im lockeren Plauderton ausfragte und einige Minuten später wußte, daß sie aus London kam, dort als Sekretärin arbeitete und vier Wochen in der Gegend bleiben wollte.

„Ich denke, ich werde heute Nacht noch hinaus fahren!“ sagte Susan dann entschlossen. „Mister Muldoon sagte mir...“

„Der Anwalt?“ unterbrach George scharfsinnig und Susan hätte sich dafür eine Ohrfeige geben können.

„Der Name Muldoon ist hier sicher häufig!“ versuchte die junge Frau auszuweichen.

„War nur so eine Frage!“ sagte George leichthin. Doch Susan erkannte, daß ihm nichts entging.

„Jedenfalls sagte mir Mister Muldoon, daß ich noch heute Abend hinausfahren könnte!“ Susans Stimme klang fast trotzig.

„Wenn Sie das tun, darf ich Sie bitten, mich dann mitzunehmen?“ fragte George Harrods. „Ein armer Student wie ich hat nicht das nötige Geld für ein Hotelzimmer in Exeter. Und ich denke, daß auch die künftige Erbin von Casterbridge-Hall nichts dagegen hat, wenn ich eine Nacht in der Scheune im Heu schlafe, oder?“

Das war gemein. Dieser Mann versuchte, Susan aufs Glatteis zu führen.

Sie sollte unbedacht ihr Geheimnis ausplaudern, daß George Harrods sicher schon fast erraten hatte. Stand ihr das etwa auf der Nasenspitze geschrieben?

„Mister Muldoon nannte mir einen Charles Sandford, der dort als Verwalter zu bestimmen hat!“ konterte Susan nach einer Weile, in der sie nachdenken mußte. Sie spürte, daß ihr das Blut in heißen Wellen in den Kopf stieg und sie tot wurde. Man mußte kein Psychologe sein um zu erkennen, daß Susan etwas zu verbergen hatte.

„Den kenne ich vom letzten Jahr!“ George nickte. „Ein alter Brummbär, aber eine treue Seele. Dazu ein solcher Dickschädel, daß anzunehmen ist, daß seine Vorfahren Iren und Schotten sind. Für den sind die Zeiten der seeligen Königin Victoria noch nicht vorbei - und deshalb führt er das Gut noch so wie in den alten Zeiten. Sie werden ja sehen, Miß Evans. Nun, wie ist es? Nehmen Sie mich mit raus nach Casterbridge-Hall?“

„Ich nehme an, Sie kennen den Weg, dorthin, Mister Harrod!“ gab Susan zurück.

„Nennen Sie mich doch bitte bei meinem Vornamen. Sonst komme ich mir vor wie mein eigener Großvater!“ bat er. „Ich heiße George und den Weg nach Casterbridge-Hall kenne ich tatsächlich!“

„Ich heiße Susan und werde dich mitnehmen, George!“ Susan machte einen Vorstoß, auf den George nur zu gern einging. Als Student war er es gewöhnt, mit Leuten gleichen Alters in vertrautem Ton zu reden und bei Susan war es nicht anders. Nur völlig Fremde oder Vorgesetzte wurden förmlich angesprochen.

Aber George hatte eine solche Ausstrahlung, daß sie ihn auch nach diesen wenigen Minuten des Kennens schon nicht mehr als Fremden ansehen konnte.

„Danke Susan!“ sagte George einfach. Dann bückte er sich und besah sich das Fahrgestell des Autos. Befremdet blickte ihn Susan an.

„Die Achse des Wagens liegt hoch genug, daß wir es schaffen können!“ sagte George.

„Wie meinst du das denn?“ Susan sah ihn entsetzt an. „Was soll das heißen?“

„Ich sagte doch schon, daß auf Casterbridge-Hall die Zeit stehen geblieben ist!“ George lächelte. „Man hat dort auch keine Autos - und natürlich auch keine Wege, die man problemlos mit einem Auto fahren kann.“

„Das hört sich ja an, wie eine Urwald-Expedition!“ stieß Susan hervor.

„Der Begriff 'Reise in die Vergangenheit' ist vielleicht besser!“ gab George zurück. „Laß dich mal überraschen, Susan...!“

***

Susan stellte erst jetzt fest, daß sie großen Hunger hatte. Seit dem Frühstück in London hatte sie nur beim Stonehenge an einem Kiosk eine Tüte Fish-and Chips und eine Tasse Tee zu sich genommen.

George kannte sich in Exeter aus und führte sie in ein urgemütliches Restaurant, das direkt neben der Kathedrale lag. Nebenbei zeigte er ihr die Stadt Exeter von der Postkartenseite. Susan fand es hinreißend romantisch, zwischen den kleinen, meist schief gebauten Häusern immer neue Entdeckungen zu machen. Schöne Schnitzereien und alte Sprüche im Fachwerk erregten immer wieder ihre Aufmerksamkeit.

„Ich denke, wir werden einmal Gelegenheit haben, daß ich dir Exeter in Ruhe zeigen kann!“ sagte George, der ihr in unaufdringlicher Art etwas über die Stadt und die uralten Häuser und Gebäude erzählte. Das Restaurant war in einem kleinen, verwinkelten alten Fachwerkhaus. Hier gab es die deftige Hausmannskost dieser Gegend, die zwar nicht jedermanns Geschmack ist, von der Susan in ihrem ausgehungerten Zustand nicht eine Krume übrig ließ.

Der heiße Tee mit viel Milch und Zucker rundete die Abendmahlzeit so richtig ab. Als George diskret für beide bezahlen wollte, lehnte sie höflich ab und bestand auf getrennter Kasse.

„Ich will keinen armen Studenten noch ärmer machen!“ sagte Susan lächelnd. „Und ich wollte die notleidende Landwirtschaft unterstützen!“ gab George geheimnisvoll zurück. Aber er wollte nicht sagen, was er mit diesen Worten meinte. Susan hatte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Da stimmte was nicht.

***

Sie fuhren über Exminster, vorbei an Powderham-Castle in Richtung auf Starcross. Die Abzweigung nach links hätte Susan nicht bemerkt, wenn George sie nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.

„Aber das ist doch der Heuweg!“ preßte sie hervor, als sie die schmale, einspurige Wegstrecke sah, die man unmöglich als Straße bezeichnen konnte.

„Nein, es ist der einzige Weg, der nach Casterbridge-Hall hinaus führt!“ gab George zurück. „Ich sagte doch, daß hier alles etwas ungewöhnlich und hinter der Zeit zurück ist!“

„Aber hier kann ich doch nicht mit den Auto langfahren!“ protestierte Susan. „Wer weiß, ob das die Stoßdämpfer aushalten. Und die kleinen Steine zerstören mir den ganzen Lack und den Unterbodenschutz!“

„Das wird den alten Charles Sandford nicht sonderlich berühren!“ sagte George in gemütlichem Tonfall. „Der ist ohnehin der Ansicht, daß Autos eine Erfindung des Teufels sind. Er hält Pferdekutschen immer noch für das beste Fortbewegungsmittel. Und davon gibt es eine ganze Menge auf dem Gut. Dafür aber keine Autos oder Traktoren!“

„Und wie kommen die Leute dorthin?“ Susan war entsetzt.

„Sie gehen von hier zu Fuß oder sie mieten sich im Dorf Pferde, mit denen sie dorthin reiten können!“ erklärte George. „Wer natürlich einen Geländewagen hat, der kommt auch durch!“

„Und mein Austin?“ fragte Susan besorgt.

„Ich hoffe, daß er es schafft - wenn de Fairy-Creek nicht zu viel Wasser führt!“ In Georges Stimme war ein Lachen. Susan wagte es nicht, ihm in diesem Augenblick weitere Fragen zu stellen.

Sie setzte der Austin zurück und bog in den Weg ein, der nach Casterbridge-Hall hinaus führte. Hätte sie geahnt, was sie erwartete, dann wäre sie umgekehrt, nach London zurückgefahren und hätte Neil Muldoon erklärt, daß sie auf die Erbschaft vollständig verzichtete...

***

Die Scheinwerfer fraßen sich durch die Dunkelheit und ließen Nebelfetzen im weißen Licht erglühen. Das kalte Wasser des Fairy-Creek verband sich mit der warmen Luft, so entstand ein Nebelteppich der auf und ab wogte wie ein geheimnisvoller Geistertanz.

Die Nacht war sternenklar. Der silberhelle Mond hatte fast die vollendete Form erreicht. Nur wenige Wolkenfetzen trieben über das Firmament.

Die Bodennebel, die vom Fairy-Creek aufstiegen, wirkten wie ein weißer Schleier, den die Nacht über das Land ausgebreitet hatte. Leichte, wogende Bewegungen es Nebels durch den leichten Hach des Windes erinnerten an das unruhige Meer vor dem Beginn eines Sturmes.

Dort, wo Susans Austin die Nebel durchbrach, schlugen die Schwaden empor. Wie durchsichtige Geister, die aus ihrer Ruhe aufgeschreckt werden und sich erhoben um den Frevler zu bestrafen. Obwohl George neben ihr saß und seine Stimme beruhigend wirkte war die Situation für Susan gespenstisch.

Sie mußte sich voll auf die enge Straße konzentrieren und sich zwingen, nicht nach den aufsteigenden Nebelgebilden zu sehen, in denen sie unheimliche Gestalten erblickte, die sich empört und zornig erhoben.

Die Straße war so uneben, daß ihr Austin schlingerte wie ein Segelschiff im Sturm und sie durch geschickte Lenkmanöver eifrig versuchte, den größten  Schlaglöchern auszuweichen. Dennoch ächzte das Fahrgestell und die Stoßdämpfer des Wagens so, daß Susan Angst hatte, auf Casterbridge-Hall mit einem Schrotthaufen anzukommen. Doch ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Rechts und links von der Fahrbahn begannen die Stacheldrahtzäune, hinter der Rinder und Schafe grasten. George hatte ihr erzählt, daß man auf Casterbridge-Hall zwar nicht viel vom Ackerbau, dafür aber was von Viehzucht verstand. Wie George zu berichten wußte, hatte der Rinderbestand dort mehrfach Preise bei Ausstellungen geholt. Besonders Richard, der mächtige Zuchtbulle, für den zwei Mann nötig waren, um ihn am Nasenring zu bändigen.

„Wenn wir es schaffen, durch den Fairy-Creek zu kommen, dann ist der Rest des Weges ein Kinderspiel!“ ermunterte sie George. „Hoffen wir, daß das Wasser der Furt um diese Jahreszeit nicht zu hoch steht. Der anhaltende Regen der vergangenen Wochen gibt mir zu denken!“

„Eine Furt?“ stieß Susan hervor. „Gibt es denn da keine Brücke?“

„Bedauerlicherweise sind wir nicht in London!“ George lachte. „So kleine Bäche werden hierzulande einfach durchfahren. Die Farmer hier in der Umgebung haben Geländewagen, für die das auch zur Zeit der Schneeschmelze keine Probleme aufwirft. Und für einen Traktor schon gar nicht!“

„Und für meinen Austin?“ fragte Susan vorsichtig.

„Das werden wir sehen, wenn wir dort sind!“ gab George zurück. „Als richtiger Engländer würde ich ja wetten, ob wir da durchkommen!“

„Und warum tust du es dann nicht?“ erkundigte sich Susan.

„Weil die Chance, durchzukommen, nicht besonders groß ist?“ George lächelte etwas. „Aber ob eine Sache klappt, weiß man erst, wenn man es versucht!“

„Was ist, wenn es schief geht?“ Susan trat auf die Bremse und brachte den Wagen zum Stehen. Sie wollte kein unkalkulierbares Risiko eingehen.

„Dann ziehen wir den Wagen aus dem Creek und laufen die letzte halbe Meile bis Casterbridge-Hall zu Fuß!“ Georges Stimme klang fröhlich.

„Wir werden es schaffen!“ zischte Susan. „Nicht wahr, mein braver Felix. Wir werden es schaffen!“ Sie hatte so ihre Eigenheiten, mit dem Austin, den sie gelegentlich 'Felix' nannte, zu reden wie mit einem alten Kutschengaul.

„Und wenn es nicht klappt, dann werfen wir überflüssigen Ballast über Bord, nicht wahr, Felix! Beispielsweise Männer, die uns beiden nichts zutrauen...!“

Susan wußte, daß sie sich mit diesen Worten nur selbst Mut machen wollte. Wenn sie dran dachte, durchs Wasser fahren zu müssen; wurde ihr flau im Magen.

***

George stieg aus und stocherte mit einem am Wege liegenden Stock in die Wassertiefe. Als er zum Wagen zurück kam, machte er ein zufriedenes Gesicht. „Es könnte gehen!“ sagte er dann. „Der Wasserspiegel ist nicht mehr sehr hoch. Ich werde den Creek mit einem Sprung überqueren, damit der Wagen leichter wird und schneller durchkommt!“

„Du willst Felix die Last erleichtern?“ Susan lächelte.

„Es kommt darauf an, daß du forsch und ohne zu zögern durchfährst, Susan!“ sagte George sehr ernst. „Das Wasser teilt sich dann. Und bevor es zurückkommt, mußt du drüben sein. Denn sonst schlägt es unter dir zusammen und durchnäßt Motorraum, Zündkerzen und Batterie. Dann kannst du erst wieder fahren, wenn der ganze Motorblick wieder trocken ist!“

„Hier müßte eine Brücke her!“ beschwerte sich Susan.

„Sag das der neuen Erbin von Casterbridge-Hall!“ bemerkte George sarkastisch. „Sir John hat durch diese Furt, die nicht ohne Probleme zu durchqueren war, die liebe Verwandtschaft davon abgehalten, ihn ständig zu besuchen und anzupumpen. Und für die Pferdefuhrwerke und Erntewagen bildet die Furt keine Probleme. Ein gesunder und leidlich trainierter Mann kann das Wasser überspringen. Deshalb gibt es hier keine Brücke.“

„Das wird sich ändern. Aber ganz schnell!“ rutsche es von Susans Lippen. Wieder eine Bemerkung, für die sie sich eine Ohrfeige geben müßte. Damit zeigte sie wieder mal unmißverständlich an, daß sie wußte, wer hier bald das Sagen haben würde.

„Gib Gas und fahr los so schnell du kannst!“ rief ihr George zu, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. Susan gab keine Antwort. Sie schaltete, ließ die Kupplung kommen und trat das Gaspedal durch. Kurz bevor der Weg zum Creek hin abfiel schaltete Susan blitzschnell in den zweiten Gang.

Und dann war es soweit. Platschend schoß der Austin in die hochaufrauschende Flut. An beiden Seiten stiegen Wasserfontänen empor. Mit einem Schlag war die Windschutzscheibe des Austin so undurchsichtig wie nach einem Platzregen ohne Scheibenwischer. Doch der Wagen fuhr. Susan wollte schon triumphieren. Sie glaubte, es geschafft zu haben, doch das Pech hatte dafür gesorgt, daß es nicht glatt ging. Das rechte Vorderrad prallte auf einen Stein, der unter dem Wasserspiegel lag und dort ein heimtückisches Hindernis bildete. Susan spürte den Schlag unter dem Wagen, als der Reifen auf den Stein prallte. Normalerweise war so ein Stein für den Austin kein Hindernis - hier war es anders.

Der Wagen schlingerte, Reflexartig trat Susan    auf die Bremse. Als sie erkannte, daß sie eben instinktiv das Falsche gemacht hatte, war es bereits zu spät. Die für den Bruchteil eines Herzschlages zur Seite gedrängten Wasser fluteten zurück.

Es klatschte, als das Wasser des Creek an den Seitenwänden des Wagens hochschwappte und die Spritzer über das Wagendach flogen. Susan hörte den Motor aufheulen, stottern und dann zu verstummen. Die Batterielampe leuchtete kurz auf. Dann erloschen alle Lichter.

Das Wasser hatte die Technik des Austin völlig lahm gelegt. Schnell beruhigten sich die Fluten wieder und flossen wieder mit der Strömung. Doch als Susan die Wagentür öffnete, obwohl die hinter sich den warnenden Schrei von George hörte, strömte die eisige Wasserflut durch den Austin hindurch.

Bis über das Gaspedal stand das Innere des Austin unter Wasser.

Susan Evans sagte Worte, die eine Frau mit guter Erziehung nicht in ihrem Sprachschatz haben dürfte.

„Felix habe ich diese verdammte Mistkarre genannt!“ schimpfte sie. „Felix,  das bedeutet 'der Glückliche'. Na, das ist ein schönes Glück. Wenn du nicht gleich zu lachen aufhörst, George, dann schreie ich ganz laut!“

Susan war erbost, daß George sich Königlich über ihr Mißgeschick amüsierte. Sie ärgerte sich über George, aber noch mehr über sich selbst.

„Die kleine Unterbodenwäsche tut der Kiste ganz gut!“ sagte George, nachdem er sich beruhigt hatte. „Und das Innere des Wagens trocknet wieder. Die Technik des Motors muß trocken. Ich verstehe etwas davon und werde mir den Wagen in zwei Tagen mal vornehmen!“

„Und was machen wir jetzt? Wo bekommen wir ein Abschleppunternehmen her?“ Susan war dem Heulen nahe, während George das Ereignis offensichtlich gelassen hinnahm.

„Wir werden versuchen, mit dem Abschleppseil den Wagen aus dem Wasser zu ziehen!“ entschied George. „Morgen leihe ich mir eins der Ackerpferde und ziehe das Auto bis Casterbridge-Hall. Gar keine Schwierigkeit!“

„Und wie kommen wir dahin?“ wollte Susan wissen.

„Wir machen einen gemütlichen Mondscheinspaziergang!“ grinste George. „Die grünen Hügel von Devonshire können sehr romantisch wirken...!“

***

George übersprang den Creek mühelos. Dann zog er seine Kleidung aus weil er ins Wasser mußte, um das Abschleppseil am Wagen zu befestigen und er den Weg bis zum Gut nicht in nassen Hosen und Schuhen machen wollte.

Er schien es für die natürlichste Sache der Welt zu betrachten, sich vor ihren Augen auszuziehen. Susan stand am Ufer und sah zu. Das Abschleppseil konnte er alleine fest machen. Um nichts in der Welt wäre sie in das eiskalte Wasser des Creeks gestiegen um ihm zu helfen. Das war kalt, naß und  unangenehm.

Ihre Jeans war naß genug geworden, als sie den Wagen verließ und zwei Schritte durchs Wasser gehen mußte. Jetzt hatte sie eiskalte Füße.

Fasziniert beobachte Susan, wie er sich die Jacke auszog und das Hemd vom Leib streifte. Der nackte, muskulöse Körper, an dem kein Gramm überflüssiges Fett zu bemerken war, George hielt den Vergleich mit den durchtrainierten Männern stand, die Susan aus dem Fitneßcenter kannte.

Susan stockte der Atem, als sich George die Stiefel auszog und die enge Jeans herunterstreifte. Ohne sich um sie zu kümmern ging er, nur mit einem knappen, hautfarbenen Slip bekleidet, ins Wasser, das ihm bis über die Knie reichte.

„Wo ist das Abschleppseil?“ fragte er über die Schulter zurück.

„Im Kofferraum!“ preßte Susan hervor. Sie bemühte sich, ihre Stimme so natürlich wie möglich klingen zu lassen. Er durfte auf keinen Fall merken, daß sie fasziniert war. So gut es ging unterdrückte sie aufsteigende Gefühle.

Nach kurzem Suchen fand George das Seil aus starker Kunststoffaser. Dann mußte er vollständig im Wasser untertauchen, um es unterhalb der Stoßstange zu befestigen. Als er auf Susan zukam, perlte das Wasser von seiner straffen, gebräunten Haut. George zog das Abschleppseil hinter sich her und rückte es Susan mit einem leisen Anflug des Lächelns in die Hand.

„Du mußt mit aller Kraft ziehen, wenn ich es sage!“ befahl er dann.“ Ich muß noch mal ins Wasser. Immerhin ist der Wagen auf einen Stein aufgefahren. Und da muß ich ihn runter lenken. Außerdem denke ich, daß ich das Getriebe erst in den Leerlauf schalten muß. Auf mein Kommando ziehst du, so kräftig du kannst. Es muß schnell gehen - sonst erlahmen die Kräfte und dann schaffen es erst die Pferde, den Wagen aus dem Wasser zu ziehen!“

„Reden wir nur darüber, die Karre aus dem Dreck zu ziehen oder tun wir es?“ fragte Susan, krampfhaft bemüht, sich gelassen zu geben.

„Wir tun es!“ entschied George und ging wieder ins Wasser. Er stieg kurz in den Wagen, um die Schaltungen vorzunehmen. Dann kletterte er hinaus und legte durch das heruntergekurbette Fenster eine Hand um das Lenkrad, während die andere Hand einen festen Halt am Wagen suchte.

„Ich zähle bis drei!“ rief er zu Susan hinüber. „Dann ziehst du mit aller Kraft am Seil. Achtung! Eins - zwei - und drei!“ Das letzte Wort schrie er.

Susan sah, wie er sich mit dem vollen Körpergewicht gegen den Wagen warf und gleichzeitig das Lenkrad so drehte, daß der Reifen an dem tückischen Stein unter Wasser vorbei glitt.

Während sie selbst mit aller Kraft am Seil zog sah sie, wie sich sein Körper wölbte und die Muskeln der Arme hervortraten. Sie waren vorher nur zu erahnen.

Jetzt bei dieser unglaublichen Anstrengung traten sie voll hervor und  zeigten das Bild eines durchtrainierten Mannes, der jede Situation meistern kann.

Susan hörte sich selbst keuchen, während sie alle Kräfte anspannte. Sie spürte den Erfolg. Der Wagen rollte langsam, aber stetig an. Kleine Steine und Erdbrocken rollten unter ihren Schuhen. Sie stemmte sich so fest es ging in den Boden, immer wieder neuen und festeren Tritt suchend.

„Durchhalten!“ hörte sie Georges vor Anstrengung gepreßte Stimme. „Wir haben es gleich. Nicht nachlassen...nicht nachlassen...!“

Jetzt machte sich ihr Training im Fitneßstudio bezahlt. Susan entwickelte eine Kraft, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Noch drei Yards - dann war der Austin aus dem Wasser. Platschend lief das kalte Naß aus dem Wageninneren. Sofort wurde der Austin leichter. Mit letzten Kräften zog sie den Wagen die Böschung hinauf. So gut es: ging schoben sie den Austin so an die Seite, daß notfalls noch ein Fahrzeug durchkommen konnte.

Keuchend stand sie vor George Harrods. Sie war unglaublich stolz, daß sie mit ihm zusammen das geschafft hatte, was sie nicht für möglich hielt. Innerlich hatte sie den Austin schon abgeschrieben.

„Danke, George!“ sagte Susan mit keuchendem Atem. „Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. In so einer verrückten Situation war ich noch nie!“

„Es gibt Schlimmeres!“ sagte George leichthin und zog sie an sich. Susan spürte den leichten Druck seiner Hände an ihren Hüften. Unbewußt kam sie ihm entgegen. Sie sah sein offenes, jungenhaftes Gesicht und kam ihm unbewußt entgegen. Sie wollte etwas sagen. Aber sie konnte kein Wort hervorpressen.

Worte, die in dieser Situation völlig ohne Bedeutung waren.

Susan spürte Georgs warme Lippen auf ihrem Mund. Und die erwiderte seinen Kuß, der erst zärtlich war und sich immer leidenschaftlicher steigerte. Susan spürte den Schlag ihres Herzens. Da war etwas in ihr, das sie mit sich fortreißen wollte - und dem sie nicht nachgeben wollte. Nicht hier und nicht jetzt.

Obwohl es Susan sehr schwer fiel versuchte sie, Kontrolle über ihre Gefühle zu bekommen. Vorsichtig aber entschieden schob sie George zurück. Es war kein abruptes Ende des Kusses sondern ein Hinübergleiten in die Wirklichkeit.

„Bitte, George!“ flüsterten Susans Lippen. Er sah sie lange mit seinen dunklen Augen an. Dann nickte er. Susan atmete auf. George hatte verstanden. Langsam lösten sich seine Finger von ihren Hüften. Ein kurzes Nicken, dann zog sich George wieder an.

Irgendwie hatte Susan ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich war George ihr nicht böse. Doch als er sich umwandte wußte sie, daß er die Situation akzeptierte. Er lächelte Susan an und reichte ihr die Hand.

„Casterbridge-Hall erwartet uns!“ sagte er ganz selbstverständlich.

***

Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie vor sich die Silhouetten verschiedener massiger Gebäude aufragen sahen. In der Dunkelheit war nichts zu erkennen als schwarze Schatten. Aus der Ferne erklang das klagende Geheul eines Hundes, der den Mond anheulte.

„Wir haben Wolfsmond!“ flüsterte George geheimnisvoll. „In diesen Nächten gehen die Werwölfe um!“

„Natürlich! Jetzt willst du mir auch noch Angst machen, daß ich mich ganz nah an dich presse!“ fauchte Susan mit gespielter Entrüstung. „Ich fürchte mich absolut nicht vor Werwölfen!“

„In jedem Mann steckt ein Wolf!“ philosophierte George. „Und der sucht wie im Märchen kleine Mädchen, die er vom rechten Wege abbringen will!“

„Aber nur, weil er den Wein haben will, den das Mädchen mit dem roten Käppchen der Großmutter bringen soll!“ Susan lachte und George stimmte in dieses Lachen ein. Mit einer lustigen Unterhaltung erreichten sie Casterbridge-Hall.

Je näher sie kamen, umso mehr erkannte Susan Häuser, Stallungen und Wirtschaftsgebäude. Dazu eine große Mauer, die das ganze Anwesen umgab.

Sie sah die Konturen eines kunstvoll geschmiedeten eisernen Tores zwischen den Mauern, zu dem der Weg führte.

Das Portal von Casterbridge-Hall. Je näher sie kamen, umso mehr erkannte Susan die Pracht dieses einmaligen Stücks handwerklicher Schmiedekunst, das eigentlich nicht hier in diesen entlegenen Winkel der Welt sondern in ein Museum gehört hätte.

„Hoffen wir nur, daß uns Lady Cora nicht am Eingang empfängt!“ sagte George mit seltsamen Lächeln.

„Lady Cora? Wer ist denn das? Die Köchin?“ wollte Susan wissen.

„Du wirst die alte Dame kennenlernen!“ sagte George rätselhaft. „Ganz gewiß. Niemand kommt an ihrer imposanten Figur vorbei - besonders dann nicht, wenn sie dich ansieht und auf ihre Art anlächelt!“

„Das muß ja eine interessante Person sein!“ meinte Susan. Sie hatte in dem Schreiben des Anwalts eine Liste der Personen, die auf Casterbridge-Hall ständig beschäftigt waren, erhalten. Eine 'Cora' war nicht darunter. Und was sollte das mit dem Begriff 'Lady'? So was stand nur einer Dame von Adel zu.

Das Rätsel löste sich, als sie am Gitter standen und Susan nach einer Klingel suchte. Wie aus dem tiefsten Schlund der Hölle entsprungen raste in mächtigen Sätzen ein gigantischer Schatten von der Höhe eines Shetlandponys heran. Tiefes, donnerartiges Bellen ließ die Luft erzittern.

Entsetzt wich Susan zurück als auf der anderen Seite des Gitters die mächtige Gestalt eines Bernhardiners emporsprang. Jetzt sah sie das lange, etwas zottelig wirkende Fell, den massigen Schädel mit den zurückgezogenen Lefzen und die gebleckten Zähne. In den Augen funkelte Wachsamkeit. Der Hund war darauf trainiert, das ganze Anwesen zu bewachen und gegen jede Person, die er nicht kannte, zu verteidigen.

„Hab keine Angst, Susan!“ sagte George. „Hier draußen kann er dir nichts tun, denn er kommt nicht über das Gitter. Wenn dich Cora allerding drinnen erwischt hätte, wäre es übel geworden. Sie drückt jeden gegen die Wand oder wirft ihn um. Bei Widerstand beißt sie, ansonsten bellt sie so lange, bis jemand kommt!“

„Mir ist jetzt klar, warum die hier keine Schelle benötigen!“ lachte Susan trotz der ungemütlichen Situation. „Das Bellen des Hundes schreckt ja die Toten aus dem Schlaf. Sieh nur, da geht Licht an. Und jetzt wird die Tür geöffnet! Allmächtiger, was für eine imposante Erscheinung!“ Den Rest ihres Satzes stieß sie hervor.

„Das ist Charles Sandford, der Verwalter!“ stieß George hervor.“Hoffentlich hat der alte Herr gute Laune. Sonst läßt er uns nicht ins Haus. Er ist so stur wie die Bauern hier in dieser Gegend seit Jahrhunderten stur waren!“

In der Tür des ungefähr hundert Yards vom Eisengitter gelegenen Haupthauses war der dunkle Schattenriß einer großen Gestalt zusehen. Der massige Körper füllte den ganzen Türrahmen aus. Er trug einen braunen Morgenmantel, unter dem nackte Beine hervorblickten. Der Körper war gedrungen und sehr korpulent. Er hatte schlohweißes Haar und einen weißgrauen Vollbart, der bis auf die Brust hinab wallte. Irgendwie wurde Susan in diesem Augenblick an Santa Claus erinnert, der zu Weihnachten mit seinem Rentierschlitten unterwegs ist um brave Kinder zu beschenken. Aber die polternde Stimme erinnerte gar nicht an einen gütigen Weihnachtsmann. Einen Moment blickte der Alte ins Dunkel. Dann sah er die Besucher. „Wer ist da?“ Seine Stimme grollte wie verhaltener Donner über den Hof und übertönte sogar das laute Bellen des Bernhardiners.

„Hier ist George Harrods! Ich wollte mich als Saisonarbeiter in diesem Jahr wieder bewerben!“ rief George so laut er konnte.

„Was? Um diese Zeit?“ grollte es zurück. „Da schlafen anständige Leute! Komm morgen wieder wenn es Tag ist!“

„Das ist nicht sehr freundlich!“ murmelte George. „Ich kenne das alte Rauhbein. Der will jetzt seine Ruhe!“

„Ich bin Susan Evans und verlange...!“ rief Susan so laut sie konnte.

„Und ich bin Charles Sandford und verlange auch etwas! Nämlich meinen Schlaf nach einem Tag voll anstrengender Arbeit. Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe!“ Damit schmetterte er hinter sich die Tür ins Schloß.

„Und wo sollen wir jetzt schlafen?“ fragte Susan verzweifelt.

„Frag doch mal Cora, ob sie noch ein warmes Plätzchen in ihrer Hundehütte frei hat?“ meinte George bissig.

„Ein sehr guter Witz!“ zischte Susan bissig. „Ich werde gelegentlich mal drüber lachen!“

„Jedenfalls kommen wir jetzt nicht hinein!“ Die Stimme von George klang entsagungsvoll. „Dieses zottelige Monstrum läßt uns nicht vorbei. Und der alte Sandford läßt sich jetzt nicht mehr stören!“

„Wo sollen wir nun die Nacht verbringen?“ stöhnte Susan. „Zurück nach Exeter können wir nicht mehr. Das ist zu weit und der Wagen fährt nicht mehr!“

„Fürchtest du dich vor einem Friedhof?“ lautete die Gegenfrage.

„Nein? Wie kommst du denn jetzt gerade auf so einen Blödsinn?“ fauchte Susan erbost.

„Dann hast du sicher nichts dagegen, in der Nähe von alten Gräbern die Nacht zu Verbringen!“ George sah sie merkwürdig von der Seite an. Susan erschauderte. Sie erkannte, daß er das in vollem Ernst redete.

Für einen Augenblick wußte die junge Frau nicht, was sie antworten sollte. In ihrer Phantasie malte sie sich grauenvolle Szenen von einer Nacht auf dem Friedhof aus. In ihrer Vorstellung sah sie ein frisch ausgehobenes Grab, in dem ein geöffneter Sarg stand. Das sollte ihr Bett. sein für eine Ruhe, die bs eine Ewigkeit dauerte. Eine Makabere Vorstellung für die Wachtruhe.

„Ich bin müde und möchte schlafen. Egal wo das ist!“ preßte sie hervor. „Und nun sag schon, was du vor hast, George!“

„Ungefähr zweihundert Yards von hier liegt ein alter Friedhof, der schon lange nichtmehr benutzt wird!“ erklärte George. „Mindestens zweihundert Jahre wurde hier niemand mehr beigesetzt. Die Gräber sind eingefallen und die meisten Grabsteine sind zersprungen. Die Körper, die dort in der kühlen Erde ruhen, sind eins mit dem Staub geworden, aus dem sie einst der Allmächtige erschuf. In der alten Friedhofskapelle können wir übernachten!“

„Bist du verrückt?“ fuhr Susan auf.

„Ich sagte doch, daß der Friedhof längst aufgelassen ist!“ versuchte George, sie zu beruhigen. „Und die alte Leichenhalle mit der Friedhofskapelle dient heute als zusätzliche Scheune für Casterbridge-Hall. Deshalb hat man das Dach wieder gerichtet und die Fenster erneuert. Ein Altar und andere religiöse Dinge sind nicht mehr darin. Da kannst du beruhigt sein!“

„Aber das geht doch nicht!“ keuchte Susan.

„Es ist genau dasselbe, als wenn du in einer Scheune übernachtest!“ George versuchte, ihr das genau klar zu machen. „Im letzten Jahr hat man das Heu in den Mauern der ehemaligen Kapelle gestapelt.“

„Aber eine Kirche ist ein Gotteshaus...!“ flüsterte Susan.

„...solange sich geweihte Gegenstände darin befinden!“ schnitt ihr George das Wort ab. „Werden sie entfernt, dann sind es Gebäude, die auch zweckentfremdet werden. In Holland beispielsweise, wo sehr wenige Leute zur Kirche gehen, ist es unmöglich die Bauwerke instand zu halten. So werden in gotischen Kirchen, die es mit einer Kathedrale aufnehmen, Wochenmärkte, Kaufhäuser oder sogar Discotheken darin errichtet.“

„Aber der Friedhof... die Totenruhe!“ hauchte Susan mit leiser Stimme.

„Hier unter unseren Füßen kann jeder Fußbreit die letzte Ruhestätte eines oder mehrerer Menschen sein!“ Die Stimme von George klang feierlich. „Gerade hier in dieser Gegend wurden im Verlauf der letzten Jahrhunderte unzählige Schlachten geschlagen und Fehden ausgetragen. Die Gefallenen wurden meistens dort begraben, wo sie gestorben waren, wenn sie überhaupt beerdigt wurden. Über ihre Gräber ging die Zeit hinweg. Die Grabkreuze verschwanden und die Grabhügel fielen in sich zusammen. Niemand findet heute noch die letzten Ruhestätten von Menschen, die in grauer Vorzeit starben. Sie liegen hierunter unseren Füßen begraben, ohne das wir etwas davon ahnen. Über ihren letzten Ruhestätten erheben sich auch Städte und Dörfer. Oder es führen Straßen darüber hin. Bei den unzähligen Kämpfen die es in dieser Gegend gegeben hat, muß der ganze Süden von England ein gigantischer Friedhof sein. Nur daß sich niemand um die Totenruhe Gedanken macht!“

„Und wen decken die Grabsteine und der Rasen des Friedhofs, aus dessen Kapelle man eine Scheune gemacht hat?“ wollte Susan wissen.

„Hier liegen die Mönche vom Kloster des heiligen Dunstan!“ sagte George. „Denn Casterbridge-Hall war früher ein Kloster, das in der Ritterzeit auf viel ältere Grundmauern erbaut wurde. Angeblich soll hier mal ein wehrhaftes Schloß gelegen haben. Aber das ist wohl nur eine Sage an der sich die Phantasien der Menschen entzünden. Die schriftlichen Überlieferungen sind mehr als fragwürdig.''

„Ich möchte alles wissen!“ beharrte Susan.

„Dann mußt du morgen Charles Sandford fragen!“ sagte George. „Der weiß mehr über die Geschichte dieses Landes und über die Chronik Casterbridge-Hall als alle Gelehrten von Devonshire zusammengenommen. Frage ihn nach der versunkenen Burg und dem Fluch des Richard Löwenherz. Da weiß er bestens Bescheid.“

„Und was weißt du, George?“ wollte Susan wissen.

„Nicht allzuviel!“ gestand George. „Ich wohne nicht in dieser Gegend und habe nur wenige Dinge aus der Geschichte von Casterbridge-Hall gehört. Die Burg, die hier stand, soll der berühmte König Richard Löwenherz zerstört haben. Danach hat er das Gebäude der Kirche vermacht, die dort ein Kloster gründete.

Als die Mönche fortgingen machte man ein Königsgut aus den Gebäuden. Seit vielen hundert Jahren wird hier Ackerbau und Viehzucht getrieben. Sir John Evans war der letzte männliche Sproß einer uralten und bekannten englischen Adelsfamilie. Das ist alles, was ich dazu sagen kann!“

„Aber die Gräber?“ fragte Susan mit Zweifel in der Stimme.

„Die sterblichen Überreste der toten Mönche sind längst zerfallen!“ beruhigte sie George. Im vorigen Jahrhundert hat man noch die verstorbenen Landarbeiter von Casterbridge-Hall dort beigesetzt. Aber ich bin sicher, daß der Friedhof seit mehr als hundert Jahren nicht mehr benutzt wurde. Deine Bedenken sind also völlig grundlos, Susan. Du kannst ganz beruhigt sein!“

„So wie du das erzählst glaube ich, daß man wirklich keine Angst zu haben braucht!“ sagte Susan nach einigem Nachdenken. „Jedenfalls ist es besser, dort zu übernachten als den Versuch zu wagen, sich an diesem Mondkalb auf vier Pfoten vorbei zu wagen.“

„Cora ist ein lieber Hund - wenn es Tag ist!“ lachte George. „Aber wenn sie Nachts auf Wache steht, dann ist sie gefährlicher als ein Löwe!“

„Gehen wir also auf den Friedhof - bevor der Hund es schafft, sich durch die Gitterstäbe zu zwängen und dafür sorgt, daß man uns dorthin trägt!“ meinte Susan mit einem Anflug von Sarkasmus.

„Solange Cora eine gute Küche über alles schätzt, wird sie da niemals durchkommen!“ lachte George. „Aber gehen wir jetzt. Das brave Tierchen will auch mal zur Ruhe kommen!“ Damit nahm er Susan an der Hand und zog sie mit sich.

Gemeinsam schritten sie durch die Nacht - dem geheimnisvollen Friedhof von Casterbridge-Hall entgegen...

***

Zwei Stunden später schrak Susan aus dem Schlaf hoch. Dicht neben ihr lag George. Sein ruhiger Atem zeigte, daß er tief und traumlos schlief.

Als Decken hatten sie einige dort liegende Jutesäcke benutzt. George schlief wie ein Murmeltier. Er hatte sie noch einmal zärtlich geküßt, jedoch nicht versucht, ihr näher zu treten. Auf der einen Seite war ihm Susan dankbar dafür - andererseits war ihr diese Art Ritterlichkeit von so einem Mann direkt peinlich. George Harrods hatte das Aussehen eines Mannes, der sich die Frauen wirklich aussuchen konnte und von dem zu erwarten war, daß er grundsätzlich versuchte, jede Frau zu verführen. Susan war seinen Berührungen nicht ausgewichen. Sie war ehrlich genug vor sich selbst zuzugeben, daß sie ihn nicht gestoppt hätte, wenn er mehr wollte. Ein Gefühl sagte Susan, daß sich George zurückhielt. Innerlich war sie ihm dankbar dafür.

Der grelle Ruf eines Steinkauzes hatte Susan aus dem Schlaf gerissen.

Der Totenvogel sang sein schauervolles Lied. Die alten Leute sagen, daß in einem Haus, in dessen Fenstern ein Steinkauz sitzt und sein 'Kuwitt-Kuwitt' ertönen läßt, ein Mensch sterben muß.

„Kuwitt - Kuwitt! Komm mit! - Komm mit... ins kühle Grab...“ So hören die abergläubischen Menschen diesen kleinen und sehr scheuen Nachtvogel rufen.

George schlief den Schlaf des Gerechten. Susan vernahm seine ruhigen und regelmäßigen Atemzüge und wagte nicht, ihn aus seinem Schlummer zu wecken.

Aber in ihr erwachte das Verlangen nach einer Zigarette. Sie rauchte nicht oft. Meistens nur in ungewöhnlichen Situationen, um ihre Nerven zu beruhigen.

Denn das keine ungewöhnliche Situation war...

Aber hier drinnen im Heu konnte sie es nicht wagen, sich ein Glimmstäbchen zu entzünden. Die Brandgefahr in dem pulvertrockenen Heu war viel zu groß.

Sie mußte nach draußen gehen... auf den Friedhof. Keine angenehme Vorstellung.

Susan kämpfte mit sich selbst und der inneren Beklemmung. Sollte sie es wagen, sich zu erheben und hinaus zu gehen?

Einen Augenblick kämpfte sie mit sich, ob sie George wecken sollte. Bei ihm fühlte sie sich geborgen. Aber irgendwie kam es ihr albern vor, ihn aus dem tiefen Schlaf zu reißen.

Was sollte schon passieren? Hier draußen waren sie alleine und wenn die unheimliche Erscheinung, vor der sich Susan in ihrer Einbildung ängstigte, erschien, konnte sie immer noch laut um Hilfe rufen.

„Du stellst dich an wie ein kleines Mädchen, das alleine in den Keller gehen soll und sich fürchtet, Susy!“ schimpfte Susan in Gedanken mit sich selbst. „Es ist doch wirklich nichts dabei, in der Nacht: nach draußen zu gehen. Wer immer dort unter dem grünen Rasen liegt, der wird dir nichts mehr tun!“

Susan erhob sich und verließ die ehemalige Kapelle. Vorsichtig öffnete und schloß sie die altersschwache Tür, damit George nicht durch das Knarren des Holzes oder das Quietschen verrosteter Scharniere geweckt wurde.

In diesem Moment wehte der leise Nachtwind den dumpfen Ton einer Glocke zu ihr herüber, die weit entfernt in einem der Dörfer herüber klang.

Unbewußt zählte Susan die Glockenschläge mit. Zwölfmal summte die Melodie an ihr Ohr.

Über Susans Rücken rieselte ein Schauer. Sie wußte, was zwölf Glockenschläge in der Nacht bedeuten.

Die Geisterstunde brach an.

Mitternacht auf dem Friedhof von Casterbridge-Hall.

In dieser ersten Stunde des neuen Tages sollen die Lebenden den Toten die Ehre geben. In den alten Erzählungen heißt es, daß in dieser Stunde zwischen Nacht und Morgen die Geister der Toten wandeln während die Lebenden schlafen sollen. Denn der Tod ist nur ein Schlaf, der eine Ewigkeit dauert. Niemand weiß, ob ihm in der nächsten Nacht nicht ebenfalls diese Stunde gehört.

Unbewußt begann Susan zu zittern. Am liebsten wäre sie fortgelaufen.

So gut sie konnte nahm sie sich zusammen und versuchte, die Angst zu verdrängen.

Der Ort und die Stunde waren unheimlich. Aber eigentlich war hier nichts, was wirklich erschreckend wirkte. Nur die innere Beklemmung, die Susan beim Anblick der alten, vergessenen Gräber verspürte, ließ sich nicht vertreiben.

Der alte Gottesacker war im erbarmungswürdigen Zustand. Die meisten Grabsteine standen schräg, weil das Fundament durch Erdbewegungen verrutscht war oder waren ganz umgefallen. Sie waren teilweise zerbrochen oder von Wind und Wetter zerfressen, daß die eingemeißelte Schrift nur zu erahnen war. Einen der Leichensteine hatte ein Blitz in der Mitte gespalten.

Im Zentrum des Friedhofes war ein Steinsarkophag, auf dem noch Reste von kunstvollen Steinbildern zu erkennen waren. Das Alter hatte die Reliefs zermürbt und Regen und Frost vieler Jahrhunderte tiefe Furchen in den Stein gegraben.

Das Gras zwischen den Gräbern stand kniehoch und war schon halb verdorrt.

Auf einigen Gräbern erkannte Susan verwilderte Blumenstöcke, deren Blütenblätter der Herbstwind abgerissen und verstreut hatte. Überall lag ein eisiger Hauch von Tod und Verfall.

Susan trat zu einem Grabstein, der halbwegs erhalten war. Sie versuchte, den Namen des Toten zu lesen, der dort in der kühlen Erde ruhte. Vergeblich. Die Namen der Verstorbenen waren nicht zu entziffern. Gestalten, die von der Zeit verweht waren.

Menschen, die hier lebten und liebten. Die weinten und lachten. Die frohe Jahre der Jugend erlebten und das allmähliche Altern. Hier unter dem grünen Rasen ruhten sie für die Ewigkeit aus.

Gedankenverloren ging Susan zu einer Bank aus Stein in der Nähe des zerbrochenen Sarkophages. Auch hier war der Stein vom Alter zerbröckelt und die Oberfläche rauh wie Sandpapier.

Mit bebendem Körper ließ sich Susan nieder. Ihre zitternden Hände zogen ein Zigarettenpäckchen hervor. Unbewußt schob sie sich die Zigarette zwischen die Lippen.

In diesem Augenblick vernahm sie das unheimliche Geräusch hinter sich. Wie elektrisiert zuckte Susan zusammen. Vor Schreck atmete sie ganz flach.

Da war es wieder. Ein unheimliches Rascheln, das ihre gespannten Sinne wahrnahmen. Vorsichtig wandte sich Susan um. und sah die unheimliche Gestalt auf sich zukommen. Da wurde es Nacht vor Susans Augen...

***

Die Ohnmacht dauerte nicht lange. Als Susan wieder zu sich kam, lag sie im tiefen Gras. Sie konnte sich an nichts erinnern. Bestimmt war sie von der Bank gekippt und der Sturz war durch das hohe Gras gemildert worden.

In einiger Entfernung hörte Susan raschelnde und knirschende Geräusche.

Dazu keuchenden Atem. Irgendjemand war da und trieb hier auf dem Friedhof sein Unwesen. Und das war bestimmt kein Geist - denn Gespenster atmen nicht.

Am liebsten wäre Susan wieder ohnmächtig geworden und hätte alles um sich herum vergessen. Aber das ging nicht. Sie war hellwach, der eisige Schreck ließ das Blut in ihren Adern pulsieren wie flüssige Lava.

Langsam hob sie den Kopf und lugte über die Spitzen der hohen Grashalme, die ihren Körper verdeckten. Durch die Ohnmacht war der Unbekannte nicht auf sie aufmerksam geworden.

Susan sah ungefähr einen Steinwurf entfernt einen hochgewachsenen  Mann, der einen Spaten in die Erde stieß und grub. Immer wieder klopfte er den Boden ab und murmelte leise Worte, die Susan nicht verstehen konnte.

Durch die Dunkelheit und das schummerige Mondlicht konnte sie das Gesicht nur bedingt erkennen. Es war hager und der Mond ließ es fahl erscheinen wie ein Leinentuch. Dazu war es unbeweglich wie eine Totenmaske.

Schwarze Haare waren glatt zurückgekämmt. Auf diese Entfernung schienen seine stechenden Augen wie schwarze Kohlen in der Iris zu glühen. Die Nase glich dem gekrümmten Schnabel eines Raubvogels und der Mund war durch die Anstrengung des Grabens verbissen zusammengepreßt.

Der schwarze Mantel fiel in bauschigen Falten bis fast auf die Erde und ließ einen hageren Körper darunter    erahnen. Die Hände, die den Spaten führten, waren feingliedrig und schienen diese schwere Arbeit nicht gewohnt zu sein.

Was suchte diese unheimliche Gestalt hier um Mitternacht auf dem Friedhof? Hatte er heimlich etwas zu verbergen und tat es in der Nacht, damit ihm niemand beobachtete? Oder suchte er etwas, von dem niemand wissen sollte, daß es hier auf dem Gottesacker verborgen war?

In seiner ganzen Erscheinung glich der Unheimliche jenem sagenumwobenen Doktor Frankenstein, der in den Nächten die Gräber öffnete und die entseelten Körper herausnahm, um sie für seine grauenvollen Experimente zu mißbrauchen.

Oder einem jener Leichendiebe, die in vergangenen Zeiten die Toten stahlen, um sie an die Studenten der medizinischen Fakultäten zu verkaufen, damit sie an ihnen die Arbeit des Chirurgen lernten.

Susan hatte auch davon gehört, daß zu mitternächtlicher Stunde die Abgesandten des Teufels über die Friedhöfe wandeln um die Seelen zu fangen, die dort umher schwirren. Sie mußte sieh zusammennehmen um nicht angstvoll aufzuschreien. Obwohl sie wußte, das es Aberglaube war - dieser Mann sah aus wie der Teufel.

Oder war der Fremde ein Mensch, der hier das Gedenken des Ortes entweihte und in abscheulicher Welse den Satan verehrte?

Susan wußte es nicht. Sie sah nur, daß der Fremde kopfschüttelnd seine Grabungen einstellte. An den Handbewegungen erkannte sie, daß er das Loch wieder zuschüttete. Dann bückte er sich, um die ausgestochenen Grasbüschel an den Platz zu legen und seine nächtliche Suche für den ersten Augenblick unkenntlich zu machen.

Aus der Ferne hallte wieder der dumpfe Glockenton herüber: Ein einziger Glockenschlag war zuhören. Der Unheimliche hob den Kopf, nickte und schulterte den Spaten und ging mit schnellen Schritten in Richtung auf Casterbridge Hall zu. Sinnend sah ihm Susan nach.

Einige Atemzüge später hatte ihn die Dunkelheit in ihren schwarzen Mantel genommen und in ihr eigenes wesenloses Nichts verwoben.

Susan Evans sah auf die Uhr. Die Stunde der Geister war vollendet. Eine schauervolle Mitternacht war vorbei.

Das klagende Ruf des Käuzchens, der jetzt an Susans Ohr drang, erschien ihr wie der Hohn, den die Mächte des Übersinnlichen für sie empfanden. Kuwitt - Komm mit... ins kühle Grab... kuwitt - komm mit... hinab...

***

Susan erwachte, als George sie mit einem Strohhalm an der Nase kitzelte.

Im Halbschlaf schlug sie mit schwachen Bewegungen danach - aber das störende Kitzeln kam immer wieder.

Wiederwillig öffnete Susan die Augen um sie sofort wieder zu schließen und sich zurück ins weiche Heu zu kuscheln. Diese ganze Umgebung war nicht dazu angetan, zu erwachen und einen neuen Tag zu beginnen.

Dazu kam, daß George in unverschämter Weise putzmunter war und sie angrinste. Susan empfand das als reine Zumutung. Wie kann man die Augen aufmachen und ohne zwei Tassen starken Kaffee oder Tee schon so aktiv sein.

Wieder dieses verdammte Kitzeln um die Nase herum. Susan brummelte und warf sich so herum, daß sie ihr Gesicht im Jute-Sack verbarg, der ihr als Unterlage diente. Ein entsetzlicher Geruch - aber das Kitzeln in der Nase hörte auf.

Dafür kam es jetzt im Nacken. Es blieb wohl tatsächlich nichts anderes übrig, als wach zu werden.

„Guten Morgen!“ rief ihr George fröhlich zu.

„Ein Morgen ist erst dann gut, wenn ich mindestens bis zehn Uhr geschlafen habe, dann ausgiebig duschen und Frühstücken kann und einen starken Kaffee bekomme!“ gab Susan mürrisch zurück. Dann hustete sie. Das schaurige Erlebnis der letzten Nacht hatte sie dazu gebracht, noch zwei Zigaretten hinterher zur Beruhigung zu rauchen - und jetzt hatte sie das Malheur. Sie war es einfach nicht gewöhnt. Außerdem war sie davon nicht schneller eingeschlafen. Das grausige Erlebnis der mitternächtlichen Stunde hatte sie lange wach liegen lassen, während George seelig den Schlaf des Gerechten schlummerte.

„Ich hoffe, du hast gut geschlafen!“ sagte George.

„Aber sicher!“ nickte Susan. „Mit den schönsten Alpträumen, die man sich denken kann. Und ich vermute, die Krone aller Alpträume werde ich haben, wenn ich mich gleich im Spiegel betrachte. Nach dieser Nacht werde ich wohl in jeder Geisterbahn einen Job als Gespensterbraut bekommen!“

„Übertreib mal nicht!“ lenkte George ein. „Ich finde dich richtig süß, wie du so halb verschlafen in die Gegend blinzelst. Und das Stroh in deinen Haaren gibt deiner Erscheinung eine besonders reizvolle Note!“

„Wenn Bauernball im Hühnerstall ist, werde ich auf diese Garderobe zurückkommen!“ fauchte Susan bissig. „Was gibts zum Frühstückt?“

„Rohkost!“ lächelte George. „Wie zu Altvätertagen. Ich habe schon alles für ein nahrhaftes, wenn auch ungewöhnliches Menü vorbereitet.“

Susan blieb die Spucke weg. Dieser Mann hatte grundsätzlich auf jede Bemerkung eine Antwort. Jetzt hatte er was zum Frühstück besorgt - hier in einer alten Scheune, in der höchstens das Vieh satt wurde.

George blanacierte ein ungefügiges Brett zu ihr hinüber und stellte es vor sie hin. Susan sah einen alten, zerbeulten Topf mit einer weißen Substanz, verschiedenes Grünzeug, dazu schwarze und rote perlenartige Früchte und zwei Hühnereier.

„Was ist denn das?“ fragte sie perplex.

„Das Frühstück, wenn die gnädige Lady geruhen wollte, sich zu bedienen!“ sprach George mit der Treuherzigkeit eines Butlers. „Den alten Topf habe ich hier in einer Ecke der Scheune gefunden, an der Viehtränke ausgewaschen und eine der Kühe gemolken, die hier in der Gegend weiden. Auf den oberen Heuballen hat sich eine Henne eingenistet und zu meiner Freude hatte das brave Tier noch zwei Eier im Nest. Draußen neben den Mauern sind verschiedene Sträucher, deren Beeren jetzt reif sind und gut schmecken. Und auf den Gräbern gedeiht der Sauerampfer ganz prächtig. Das sind die grünen Blätter. Ich wünsche guten Appetit!“

„Das esse ich nicht!“ würgte Susan hervor.    „Da bringe ich keinen Bissen von runter!“

„Dann esse ich eben alleine!“ lächelte George. „Besser als das Essen in der Mensa an der Uni ist es bestimmt. Natürlich hätten noch Regenwürmer und Schnecken dazu gehört, um die Mahlzeit abzurunden...!“

„Aufhören!“ keuchte Susan. „Mir wird übel!“

„...aber das ist nicht jedermanns Geschmack!“ setzte George ungerührt hinzu. „Weißt du, Susan. Ich mache gelegentlich alleine Überlebenstraining in den Wäldern. Mit dem Notwendigsten losziehen und sich durchschlagen wie die alten Trapper in Nordamerika. Die Menschen und ihre Siedlungen meiden und von dem leben, was uns die Mutter Natur schenkt. Man muß nur wissen, wie man es bekommt. Für mich stellt das immer wieder eine Herausforderung dar. Eine Woche im Sherwood-Forrest und ich weiß, daß ich nicht so verweichlicht bin wie andere Männer, die sich nur in der Kleidung einen Hauch von Abenteuer gegen - die jedoch in der Wildnis in keiner Stunde eine Chance zum Überleben hätten. Das erhält Körper und Geist genau so fit, als wenn ich teures Geld für Fitneßcenter und Massagesalons ausgebe. Anstelle von Hanteln kann ich mir auch im Wald Baumstämme aus gefällten Bäumen zurecht schneiden. Und bei jedem Londoner Marathon-Lauf beweise ich mir selbst, daß ich die Distanz noch schaffe. So halte ich mich ständig fit und trainiere meinen Körper auf eine Art, die mich nichts kostet. Aber Sie bringt wesentlich mehr, weil hier Körper und Geist trainiert werden!“

Susan sah ihn an. Sie wußte, daß er die Wahrheit sagte. Wenn sie ihn mit den Männern im Fitneßstudio verglich, dann schnitten diese Gentlemen nicht sehr gut dabei ab.

Zwar hatten sie ebenfalls durchtrainierte Körper, doch sie konnten nicht damit anfangen außer ihre vorgeschriebenen Übungen durchzuführen und sich richtig in Pose stellen, wenn es zu einer Bewertung kam. Sie hatten keine persönliche Ausstrahlung und ihre Gesichter waren uninteressant.

In George Harrods dagegen erkannte sie einem Mann, der seinen Körper für praktische Dinge stählte. In seinen Augen erkannte sie das Leuchten eines Feuers, das echtes Abenteuer versprach. hin seiner Seite würde sie überall durchkommen. Es gab keine Situation, in der sich dieser Mann nicht zu helfen wußte. Ein Mann zu dem man aufsehen konnte. Und der das Vertrauen, daß ihm eine Frau entgegen brachte, niemals mißbrauchen würde.

„Erzähl mir mehr darüber!“ bat Susan. „Das interessiert mich. Ich habe schon davon gehört und möchte mehr wissen!“

Mit leuchtenden Augen begann George Harrods zu berichten. Von wochenlangen Wanderungen in den schottischen Highlands und der romantischen Landschaft von Wales. Von Abenteuern, die er in den Bergen und Tälern der Alpen und auf den Höhen der Pyrenäen erlebt hatte. Und von einer Wanderung, die er ganz alleine durch die zerklüftete Fjordlandschaft Norwegens hinauf zum Polarkreis gemacht hatte. Jedes Wort davon war die reine Wahrheit. Dieser Mann hatte es nicht nötig zu prahlen oder zu beschönigen. Er erzählte von den Wundern der Natur, die er in Gegenden fand wo kein Tourist hinkommt, weil sie weit entfernt von jeder Autostraße liegen. Von den Tieren, die er in freier Wildbahn beobachten konnte und von den Bäumen und Blumen, an deren Blütenpracht er sich erfreute. Meistens hatte er nur seinen Schlafsack, diverse Seile und ein Überlebensmesser dabei, das mehrere Werkzeuge und eine kleine Notapothekte samt Kompaß im Griff und in der Scheide eingebaut hatte.

Ein Mann, auf den man sich in jeder Situation verlassen konnte.

In der Zivilisation ein Gentleman - in der freien Natur wie ein grauer Wolf, der auch in gefährlichen Situationen in der Wildnis durch seine Kühnheit und sein Geschick immer und überall überlebt. Susan Evans fühlte sich in diesem Moment an seiner Seite seltsam geborgen.

Sie aß sogar das Menü, das er zusammengestellt hatte und fand, daß es zwar ungewöhnlich schmeckte, aber daß man sich auch von rohen Eiern und Sauerampfer ernähren kann, wenn man nur richtig Hunger hatte.

***

Charles Sandford empfing sie freundlicher als in der letzten Nacht. Und Cora, der Bernhardiner, war jetzt am Tage friedlich wie ein Lamm. Der Hund lag vor seiner Hütte, sonnte sich und hob nur kurz eins der Augenlieder um zu kontrollieren, wer da an ihm vorbei ging.

„Sie kommen ziemlich früh in dieser Saison, Harrods!“ Charles Sandford konnte offensichtlich nur in diesem knurrigen Tonfall reden. „Die Ernte beginnt erst übernächste Woche!“

„Sie wissen, daß mit jedem Tag, den Sie warten, die Periode näher rückt, wo es jeden Tag regnet!“ bemerkte George.

„Die Frucht ist noch nicht reif!“ gab Sandford zurück. „Aber ihr Studierten wißt ja immer alles besser wie wir Alten, die seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft tätig sind!“

„Mit anständigem Düngestoff wäre die Ernte jetzt schon reif!“ konterte George. „In letzter Zeit sind da Produkte entwickelt worden die...!“

„Ich will davon nichts hören!“ polterte Charles Sandford. „Der beste Dünger ist immer noch der Kuhdung - dabei bleibt es. Dieses künstliche Zeug taugt nichts. Da wollen nur einige Leute reich werden. Hier wird die Landwirtschaft betrieben, wie sie schon unsere Vorväter kannten. Denn die lebten ausschließlich davon. Und wenn sie nicht gut gelebt hätten, dann würde es uns schon nicht mehr geben. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt? Solange ich hier Verwalter bin und das Sagen habe, bleibt alles wie es ist! Basta! Erledigt!“

Susan wäre am liebsten davon gelaufen, als sie Charles Sandford so poltern hörte. Sein Gesicht lief rot an und bildete einen sonderbaren Kontrast zu seinen weißen Haaren. Der lange Vollbart zitterte vor Erregung. Er trug jetzt derbe Lodenkleidung und hohe Gummistiefel. Alles an seiner Erscheinung ließ erkennen, Daß dieser rüstige Alte nicht nur Anweisungen erteilte, sondern auch kräftig mit zupacken konnte.

„Wollen Sie auch hier arbeiten?“ fühlte sie sich von Charles Sandford angesprochen. Susan rutschte zusammen. Er wirkte in ihren Augen jetzt wirklich wie der Weihnachtsmann, der ein kleines Mädchen fragt, ob es denn auch das ganze Jahr über hübsch artig war. Aber Susan war kein kleines Mädchen mehr. Immerhin hatte ihr der Anwalt gesagt, daß ihr das Gut gehörte, wenn sie die Erbschaft annahm und akzeptierte. Damit war sie Sandfords Arbeitgeberin und konnte ihn jederzeit entlassen.

„Ich erwarte auf jede Frage, die ich stelle, eine Antwort!“ grollte der Verwalter.

„Ja, ich denke, ich werde gewissermaßen hier arbeiten!“ brachte Susan hervor.

„Ich erwarte, daß diese Antwort kurz und präzise ist!“ knurrte Sandford.

„Mein Name ist Susan Evans! Genügt Ihnen das, Mister Sandford?“ fragte die junge Frau schnippisch. Dieser autoritäre Befehlston, den Charles Sandford anschlug, gefiel ihr gar nicht. Je mehr sie die die Situation betrachtete umso mehr wurde ihr klar, daß sie gleich klare Trennungslinienziehen mußte.

„Der Name sagt mir gar nichts!“ Sandford schüttelte den Kopf.

„Mister Neil Muldoon, Anwalt aus Exeter, schrieb mir, daß Sir John Evans, der Bruder meines verstorbenen Vaters und damit mein Onkel, mir seinen Besitz vermacht hätte. Sehen Sie in mir die Frau, die ab jetzt hier zu sagen hat!“

„Ich sehe in Ihnen die Person, die mein Arbeitgeber, der gleichzeitig mein bester Freund war, bestimmt hat, seine Nachfolge anzutreten!“ grollte Charles Sandford. „Ob Sie aber würdig sind, die Herrin von Casterbridge-Hall zu heißen und ich sie als das anerkennen kann, das müssen Sie mir erst beweisen!“

Diese Antwort wirkte auf Susan wie eine Serie von Ohrfeigen.

Doch in den Augen des alten Mannes erkannte sie, daß die Worte nicht böse gemeint waren. Sandford wollte erst ihren Charakter erkennen.

Die Arbeit auf Casterbridge-Hall war sein Lebenswerk. Und er wollte genau wissen, wer nun Sir Johns Stelle einnehmen sollte.

„Ich werde es Ihnen beweisen können, wenn Sie mir helfen, Mister Sandford!“ sagte Susan und legte einen weichen Klang in ihre Stimme. „Ich verstehe zwar was von Schriftverkehr und Buchführung...!“

„Das werden Sie hier sicher brauchen. Das hat sonst John...äh, Sir John immer erledigt!“ mischte sich Sandford ein.

„...aber nichts von Ackerbau und Viehzucht!“ beendete Susan ihren Satz. „Ich wäre froh, wenn ich da auf ihren Rat weiterhin zurückgreifen könnte!“

„Sie wollen hier alles verändern!“ Sandford war mißtrauisch. „Deshalb haben sie diesen Bauernstudenten mitgebracht. Der hat mir im letzten Jahr schon erklären wollen, was ich hier zu tun und zu lassen hätte!“

„Ich habe nur versucht zu erläutern, wie man aus diesem Gut einen wirtschaftlich gesunden Betrieb machen könnte!“ fiel ihm George ins Wort. Seine Augen blitzten fast zornig. Sandford duckte den Schädel herunter wie ein Hund, der angreifen will.

„Bis jetzt hat Sir John immer sein Auskommen gehabt, junger Mann!“ knurrte er. „Und es ist nicht so viel Kapital vorhanden, um diese neumodischen Maschinen anschaffen zu können. Traktoren und Mähdrescher oder wie die Dinger heißen. Diese stinkenden Ungetüme, für die man fast einen Mechaniker einstellen muß weil sie laufend kaputt sind und die Benzin schlucken, das auch immer teurer wird. Ja, ja, ich habe mich umgehört und mir die Sache gut durch den Kopf gehen lassen. Wir beackern den Boden mit unseren Pferden. Die liefern uns den Dünger, für den wir sonst viel bezahlen müßten, kostenlos und fressen Gras und Heu, das hier auf dem Land wächst. Die Kühe geben Milch und...!“

„...und es hat sicher keinen Sinn, weiter zu reden!“ schnitt ihm Susan das Wort ab. „Mach dem, was mir Mister Muldoon gesagt hat, sollen die Bilanzen des Gutes nicht gerade schwarze Zahlen aufweisen. Er benutzte das Wort 'heruntergewirtschaftet'!“

„Der Kerl kann was erleben, wenn er hierher kommt!“ brüllte Sandford. „Ich möchte mich selbst überzeugen und die Geschäftsbücher einsehen!“ sagte Susan bestimmt. „Dann kann ich mir ein Urteil bilden!“

„Mir recht! Sehen Sie sich alles nur gut an!“ brummte Charles Sandford.

„George kümmerst du dich bitte um meinen Wagen, daß er hierher geschafft wird?“ fragte Susan, schon halb in der Tür.

„Ich wollte gerade von hier verschwinden und in zwei Wochen wieder kommen, wenn die Ernte beginnt!“ gab George zurück. „Aber dir zu Gefallen bleibe ich noch etwas. ich werde mir eins der Ackerpferde aus dem Stall holen und damit deinen Wagen hierher schleppen. Und dann...!“

„Und dann kommst du zu mir ins Schreibzimmer, wo ich die Geschäftsbücher prüfe!“ Susans Stimme klang befehlend. „Ich möchte, daß du dabei bist, wenn Mister Muldoon kommt. Wenn ich die Unterschriften geleistet habe, dann habe ich eine gewisse Verantwortung für diesen Besitz. Und da möchte ich vorher noch mit dir reden, bevor ich etwas Unüberlegtes mache.“

„Was soll das heißen?“ grollte George Sandford.

„Sie, Mister Sandford, kennen die Landwirtschaft von Gestern und George beschäftigt sich mit modernem Ackerbau. Ich werde mich also von Ihnen beiden beraten lassen und dann entscheiden, was getan wird!“

„Ich soll mit diesem jungen Kerl zusammenarbeiten, der im letzten Jahr bei uns noch die Sense geschwungen hat?“ brauste Sandford auf.

„Ich wünsche, daß Sie ihn und seine Meinung akzeptieren, wie er Ihre Meinung akzeptieren wird!“ Susans Stimme klang befehlend und duldete keinen Widerspruch. „Habe ich mich klar ausgedrückt, meine Herrn?“

„Sehr klar, Miß Evans!“ nickte Sandford.

„Okay, Boß!“ grinste George.

Als der Abend über Casterbridge-Hall sich herabsenkte, war Susan fix und fertig. Am Vormittag hatte sie, so gut es in der Hektik ging, die Bücher überprüft. Auf den ersten Blick konnte sie feststellen, daß ihr; wenn es noch zwei Jahre so weiter ging, keine Ziegel auf dem Dach mehr gehören würde. Obwohl keine übermäßigen Ausgaben zu erkennen waren, zeigen die Ernten und die Einnahmen aus dem Viehbestand keine gute Bilanz.

Sie ließ sich das Essen indem Raum servieren, den Sir John Evans früher als Büro benutzt hatte.

Durch alle diese Zahlen, Daten und Fakten hatte sie keinen Blick für die kostbare und geschmackvolle Einrichtung des Raumes. Ein mächtiger Schreibtisch aus dunklem Nußbaumholz und Regale, die sich bis zur Decke die Wände hinauf zogen. Ein Kamin, in dem jetzt noch kein Feuer brannte und über dem zwei gekreuzte Schwerter unter einem Wappenschild hingen.

Dieses Zimmer war ein kleines Museum, an dem das Auge seine Freude hatte. Doch Susan pfiff in dieser Situation auf Schönheit und Ästhetik. Es war weder eine Schreibmaschine noch ein Elektronenrechner zu finden, um Überprüfungen vorzunehmen oder auf die Schnelle Listen zu erstellen. Was Susan auch dringend gebraucht hätte, war ein Handdiktiergerät, um gewisse Fakten schnell festzuhalten. Der Steno-Block, den sie zufällig in der Schreibtischschublade fand, war schnell mit Notizen vollgekritzelt.

Sie aß nebenbei und trank mechanisch den Tee, den ihr die wohlbeleibte Köchin mit dem mütterlichen Gesteht einschenkte. Sie sah nicht den besorgten Blick der Frau, die sich Gedanken über sie und ihre Arbeitswut machte.

Richtig kam sie erst zu sich, als Neil Muldoon kam und ihr die Papiere vorlegte, mit denen sie die vorläufige Annahme der Erbschaft bestätigte.

„Sie haben die wirtschaftliche Situation aus den Büchern ersehen und werden sicher erkennen, daß ich es gut mit Ihnen meine, wenn ich Ihnen von der Unterschrift abrate!“ sagte Neil Muldoon in umständlicher Form, wie nur ein Anwalt reden kann.

Susan sah zu Charles Sandford und George hinüber. Das Gesicht des alten Mannes war wie aus Stein gehauen. Die Röte war gewichen und die Haut war nun wachsbleich. Seine Lippen zitterten leicht - aber er sagte nichts.

„Ich empfehle dir, zu unterschreiben!“ Die Stimme von George klang warm und melodisch.

„Warum geben Sie dieser Frau diesen verrückten Rat?“ brauste der Anwalt, sich selbst vergessend auf.

„Deshalb!“ sagte George und zog langsam eine Hand voll schwarzbrauner Erde aus der Tasche. „Das ist guter Boden und vorzügliche Scholle. Den gibt man nicht so einfach auf. Wenn man tüchtig arbeitet und die Sache richtig anpackt, dann kann aus Casterbridge-Hall das Paradies werden!“

„Werden wir es schaffen, George?“ fragte Susan leise.

„Wir schaffen es!“ erklärte George fest. „Wir drei - wir schaffen es!“

„Ja, wir drei - wie müssen es schaffen. Denn sonst bekommt Robert Crooker das Erbe von Casterbridge-Hall. Der mißratene Stiefsohn des alten Sir John. Ein verzogenes Bürschchen, das nur darauf wartet, diesen Besitz in seine Hände zu bekommen. Und wenn Sie das Erbe ausschlagen, Miß Evans, dann steht es ihm als dem nächsten Verwandten rechtlich zu!“ erklärte Charles Sandford.

„Er hat mich gebeten, schon in seinem Auftrage nach Interessenten für diesen Besitz Ausschau zu halten!“ erklärte der Anwalt. „Ich halte es für die vernünftigste Lösung, sich von Casterbridge-Hall zu trennen!“

„Niemals!“ Die Stimme Sandfords war wie grollender Donner. Seine  rechte Hand legte sich wie besitzergreifend auf Georges Hand, in der sich die Erde von Casterbridge-Hall befand.

„Niemals!“ nickte George. Susan sah, wie sich die beiden Männer, die vorher in ihren Überzeugungen Gegner waren, die Hand gaben und doch die Erde dazwischen war. Da wußte sie, daß sie es mit ihrer Hilfe schaffen würde.

„Niemals!“ In Susans Stimme klang  Festigkeit. Sie vertraute George und dem alten Verwalter und ihren Worten. Entschlossen unterschrieb sie die Papiere.

Danach wurde ihr das Personal vorgestellt. Charles Sandford machte sie mit dem Hund vertraut. Mehr als eine halbe Stunde dauerte es bis Cora begriffen hatte, daß Susan zum Haus gehörte. Aber nun konnte sie sich auch frei auf dem Gutsgelände bewegen.

Und jetzt war Susan für den Rest des Tages erledigt. Sie hatte es gerade noch geschafft, mit George und Charles Sandford gemeinsam zu Abend zu speisen. Dann zog sie sich zurück auf ihr Zimmer, während George und Sandford im Raucher-Salon hitzig über den bedingten Einsatz von Kunstdünger diskutierten. Das waren Dinge, wo sie ohnehin nicht mitreden konnte.

Susan legte sich vollständig bekleidet auf das Bett. Sie wollte sich erst einen Augenblick entspannen, bevor sie unter die Dusche ging um danach endgültig in die Federn zu kriechen.

Zahlen und Begriffe rotierten in ihrem Gedächtnis. Was sie heute erlebt hatte, war einfach zu viel gewesen.

Draußen war es Nacht. Die grauschwarzen, im Herbstwind dahinjagenden Wolken verdeckten den Mond und glänzten durch seinen Schein an den Rändern wie uraltes Silber. Das Fenster von Susans Zimmer bot einen weiten Blick über die grüne Landschaft, die jetzt mit der Nachtschwärze eins wurde. Nur die Mauern der alten Friedhofskapelle, in der sie mit George die Nacht verbracht, hatte und die schmutziggrauen Grabsteine des alten Friedhofs waren zu erkennen, wenn der stürmische Herbstwind die Wolken vom Mond fort wehte.

Ein unheimliches Bild voll düsterer Romantik.

Und dann hörte Susan die trommelnden Geräusche, die von fern her zu ihr drangen und näher kamen. Ein eigenartiger Rhythmus, der wie das ungeduldige Pochen eines Knochenfingers an der Tür des Schicksals klang.

Susan erhob sich und ging zum Fenster. Angestrengt spähte sie in die Nacht hinaus. Der Wind trieb welkes Herbstlaub über den Hof und heulte in den Giebeln und Erkern der Gebäude.

Eine gewaltige Sturmböe schob die schwarze Nachtwolkenwand vom Mond, der für wenige Herzschläge seinen vollen Schein über das Land ergoß.

Vor Susans Augen zeigte sich ein Bild von gruselig-romantischer Schönheit. Die Geräusche, die sie aufgeschreckt hatten, war der schnelle Gallopp eines Pferdes, das sich Casterbridge-Hall näherte.

Susan sah, wie ein Reiter in voller Karriere über die Wiesen sprengte. Der hochgewachsene Rappe hatte trotz voller Karriere in seinen Bewegungen eine unglaublich elegante Grazie. Doch er mußte am Ende seiner Kräfte sein. Selbst auf die Entfernung sah Susan, wie das schwarze Fell vor Schweiß glänzte und wie weiße Flocken aus dem Maul flogen.

Der Reiter saß vorzüglich im Sattel. Ein schwarzer Mantel bauschte sich im Wind. Der Mond ließ ein wachsbleiches Antlitz erkennen.

Susan wurde an die unheimlichen Geschichten erinnert, die ihre Großmutter von den Geisterreitern erzählte, die hier überall in der Gegend umgehen sollten. Adlige Männer, die für die Sünden ihres Lebens büßten, indem sie ein Fluch zwang, in jeder Nacht erneut durch die Lande zu reiten und bis zum Jüngsten Tage keine Ruhe im Grabe zu finden.

Aber so unheimlich der Reiter aussah - ein Geist war er nicht. Denn Susan hörte das Trommeln der Hufe auf dem Boden und die wilden Anfeuerungsrufe, mit denen der Reiter das Tier antrieb. Mitten über den Friedhof sprengte der Unheimliche. Die Hufe des Pferdes trommelten über uralte Gräber. Gras und Erde spritzte beiseite, wenn das Pferd im Galoppsprung den Körper vorwärts warf und sich mit den Hufen abstieß. In voller Karriere preschte der unheimliche Reiter durch die Nacht und trieb mit sausender Gerte das Pferd vorwärts. Er benutze nicht den Weg, sondern rasten querfeldein der Mauer entgegen, die das Gut umgab. Die Steinmauer war nicht besonders hoch. Susan konnte darüber hinweg sehen, ohne sich auf die Zehenspitzen zu stellen.

Wollte dieser Verrückte etwa die Mauer überspringen? Selbst auf diese Entfernung konnte Susan sehen, daß dieses Pferd erledigt war. Es mußte langsam eine halbe Stunde im Schritt geführt werden, dann mußte man es trocken reiben - oder es würde an der überstandenen Anstrengung zugrunde gehen.

„Nein! Nicht! Tu es nicht!“ flüsterte Susan als sie erkannte, daß der Reiter das Pferd geradewegs zur Mauer trieb. Sie sah die sausende Gerte, mit der er das edle Tier vorwärts trieb. Von unten waren Geräusche zu hören. Susan vernahm die polternde Stimme von Charles Sandford, konnte jedoch nicht verstehen, was er sprach. Aber freundlich klangen diese Worte nicht.

Dann war es soweit. Susan sah, wie das erschöpfte Pferd fast vor dem Hindernis in die Hinterläufe sank. Wütendes Gebrüll des Reiters. Sporenstiche und Schläge mit der Gerte. Der Rappe mobilisierte alle Kräfte und sprang.

Für den Bruchteil einer Sekunde schienen Pferd und Reiter über der Mauer zu schweben. Dann berührten die Vorderhufe des Pferdes das Pflaster des Hofes. Der Rappe glitt aus und der Reiter sprang in voller Geistesgegenwart aus dem Sattel. Ein gequältes Wiehern. Das Pferd überschlug sich und seine Hufe keilten in der Luft. Dann kam es zurück auf die Füße.

Cora, der Bernhardiner, verzog sich winselnd in die Hütte als er den Fremden erkannte, der angekommen war. Und Susan stockte der Atem, als nun der volle Mond auf das Gesicht des unheimlichen Reiters leuchtete.

Es war der Unbekannte, der in der letzten Nacht auf dem alten Friedhof gegraben hatte.

Susan war empört. Entschlossen lief sie zur Tür. Dem Kerl wollte sie gehörig die Meinung sagen...

***

Als Susan aus der Tür trat sah sie, daß George das Pferd langsam im Kreis am Zügel führte. Der Rappe ging schwerfällig, schien sich aber offensichtlich nichts gebrochen zu haben.

Charles Sandford hatte sich in aller Größe von dem Fremden im schwarzen Mantel aufgebaut. Man sah dem alten Mann, daß er sich nur mühsam zurückhielt. Sein ganzer Körper zitterte vor Wut und die mächtigen Fäuste waren geballt.

„Robert Crooker!“ grollte seine Stimme über den Hof. „Du hast dieses Pferd durch seinen wilden Galopp beinah zuschanden geritten! Warum hast du das getan?“

„Ich wollte vor Mitternacht hier sein und hatte es sehr eilig!“ kam die freche Antwort des Reiters. „Was soll die Aufregung? Es ist doch nur ein Pferd!“

Für diese Worte hätte Susan den Kerl ohrfeigen können. Sie sah, daß sich der alte Sandford nur mühsam im Zaum hielt. Seine Fäuste waren so geballt, daß die Knöchel der Hand weiß waren.

„Es ist ein Lebewesen, das man nicht so behandeln kann, wie diese verdammten Autos, die man einfach abstellt!“ brüllte Charles Sandford. „Heiliger Dunstan, wenn John wüßte, was er für einen sauberen Stiefsohn hatte. Er kann froh sein, daß er das nicht miterlebt hat. Einen Tierquäler wie dich würde er...!“

„Gar nichts würde er tun, alter Mann!“ Robert Crooker lachte frech. „Der Alte hat meiner Mutter auf dem Totenbett geschworen, für mich Verständnis zu haben. Ich habe den Charakter meines Vaters - meines wirklichen Vaters, geerbt!“

„Von deinem Vater weiß ich nur, daß er ein übler Halunke war, der mehr Zeit seines Lebens im Gefängnis als in Freiheit verbracht hat!“ Sandford konnte sich kaum im Zaum halten.

„Deswegen hat ihn Mutter ja nicht geheiratet!“ Das Grinsen Crookers wurde immer breiter. „Außer daß er so ziemlich alles, was im Strafregister steht, angestellt hat, war er ein Mann, dessen Charme sich keine Frau entziehen konnte. Auch meine Mutter nicht. Er muß ihr eine wundervolle Liebesnacht beschert haben. Als ich geboren wurde, war er schon wieder eingesperrt.

Ich war fünf Jahre, als er wieder in Freiheit war. Aber er ist an meiner Mutter, die mit mir auf dem Arm vor dem Gefängnistor stand, um ihn im Empfang zu nehmen, einfach vorbei gegangen. Wir gehörten nicht in seine Welt. Die Welt eines Mannes, der sich nimmt, was er haben will. Sir John Evans, den meine Mutter kurze Zeit später kennen lernte, stellte keine Fragen. Er heiratete sie und betrachtete mich als seinen Sohn...!“

„...ohne allerdings die Dokumente für eine Adoption zu unterzeichnen!“ fiel ihm Charles Sandford ins Wort. „Deshalb trägst du ja noch den Namen Crooker, den Mädchennamen deiner Mutter. Und das ist gut so. Denn dadurch wird der Name Evans nicht in Verruf gebracht bei den Dingen, die du angestellt hast!“

„Trotzdem bin ich sicher, diesen ganzen Besitz zu erben!“ lachte Robert Crooker. „Und dann, alter Mann, jage ich dich zum Teufel. Wenn ich erst die versunkene Burg gesunden habe, dann bin ich reich. Ich werde die Burg und den Schatz finden!“

„Die versunkene Burg ist eine Legende!“ mischte sich George Harrods ein, der mit dem Pferd hinüber kam. „Niemand weiß genau, ob es jemals existiert hat. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber. Nur die alte Sage...!“

„...die ganz bestimmt einen wahren Kern hat!“ brauste Crooker auf. „Ich suche und finde die versunkene Burg. Sie ist ganz sicher hier irgendwo auf dem Gelände dieses Gutes. Hier unter unseren Füßen liegen irgendwo seit Jahrhuderten die Keller, in denen der Schatz verborgen ist!“

„Wenn sich jemals die alten Märchen als wahr erweisen sollten, dann gehört der Legendenschatz der Frau, die Sir John durch sein Testament als Erbin eingesetzt hat!“ knurrte Sandford.

„Hahaha! Wenn die diesen verlotterten Hof sieht und von den Schulden hört, die sie begleichen muß, dann wird sie mit Freuden auf das Erbe von Casterbridge Hall verzichten!“ lachte Robert Crooker höhnisch. „Ich werde sie schon davon überzeugen. Und wenn nicht, dann habe ich von meinem Vater genügend männlichen Charme geerbt, um sie dazu zu bringen, gegen eine geringe Abfindung den Besitz mir zu überschreiben!“

„Dann fangen Sie mal an, Robert Crooker!“ sagte Susan laut und vernehmlich und trat vor. Crookers Blick war erstaunt, als er die junge Frau selbstbewußt und mit einem unbändigen Stolz auf sich zukommen sah.

„Du bist diese...diese Susan Evans?“ fragte er im Moment der Verwirrung.

„Ich dachte, daß eine Frau hier mit etwas mehr Höflichkeit begrüßt wird!“ Susans Stimme klang spröde. „Ich denke, wir haben noch nicht zusammen die Kühe gehütet und sollten deshalb nicht so einen vertrauten Tonfall anschlagen!'

„Warum denn nicht?“ Crooker hatte sich gefangen und produzierte ein Lächeln wie ein Dressman auf der ersten Seite eines Magazins. Ein Lächeln, dem sich eine Frau nur schwer entziehen konnte. An den glitzernden Augen erkannte Susan, daß es nicht echt war. Robert Crooker war sicher, wenn es um Frauen ging, ein talentierter Schauspieler.

„Hier draußen auf dem Lande mag es üblich sein, sofort im vertraulichsten Tonfall zu reden!“ gab Susan eisig zurück. „Aber ich komme aus London. Und dort wird die zurückhaltende, englische Höflichkeit noch gepflegt!“

„Ich dachte, wir sind immerhin verwandt!“ gab Robert schlagfertig zurück.

„Sir John Evans war der Bruder meines Vaters!“ bekannte Susan. „Deshalb fließt das Blut der Evans in meinen Adern. Bei Ihnen, Mister Crooker, ist nichts davon vorhanden. Nicht ein einziger Tropfen!“

Robert Crooker sah sie an wie ein Hund, der beißen will. Susan erkannte, daß er sich nur mühsam unter Kontrolle hielt. Wütend nagte er an der Unterlippe.

„Na schön!“ knirschte er dann. „Halten wir es bis auf Weiteres, wie Sie es in London machen und bleiben wir förmlich, Miß Evans! Ich denke, wir werden uns schon einigen. So... oder so!“ Der letzte Teil des Satzes war so zynisch gesprochen, daß ihm Susan am liebsten dafür eine schallende Ohrfeige gegeben hätte. In seinen Worten war ganz genau zu erkennen, daß er hoffte, sie mit gut geschauspielertem Charme zu bezaubern und sie damit zu Schritten zu veranlassen, die sie später bereuen würde.

Hätte sie nicht eben seinen wahren Charakter bereits erkannt, dann wäre .Susan auf diesen Typ vielleicht sogar hereingefallen. Sie durfte diese Situation niemals vergessen. Denn Robert Crooker würde sicher alle Register ziehen, um sie davon zu überzeugen, daß er eigentlich ein anderer Mensch war.

George führte weiterhin das Pferd, damit es langsam zur Ruhe kam. Aber Susan erkannte, daß er die Situation sehr genau betrachtete.

In seiner Miene war jedoch nichts zu erkennen. Nachdem nicht mehr über diese mysteriöse versunkene Burg geredet wurde kümmerte er sich ausschließlich um das Pferd, das langsam ruhiger atmete. Er wollte im Hintergrund bleiben.

Offensichtlich sollte ihn Crooker für einen Pferdeknecht halten. Susan erkannte, daß er sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in das Gespräch einmischen wollte. In dieser Situation keine schlechte Idee.

„Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, daß ich die Erbschaft anerkannt und Casterbridge-Hall vorläufig übernommen habe!“ erklärte Susan steif.

„Wenn Sie das Kleingedruckte gelesen haben, dann werden Sie erkennen, daß mir der Alte gewisse Rechte hier eingeräumt hat!“ Für diese Frechheit, so von seinem gerade erst verstorbenen Pflegevater zu reden, hätte er von Susan eigentlich die nächste Ohrfeige verdient. Charles Sandford bebte vor Zorn und hielt sich nur mühsam zurück.

„Ja, ich habe diesen Zusatz gelesen, Mister Crooker!“ Susan nickte mühsam beherrscht. „Allerdings auch die Klausel, daß diese Regelung nur gilt, bis die entgültigen Besitzansprüche geklärt sind. Es steht aber nichts davon drin, daß Sie mutwillig mein Eigentum beschädigen dürfen. Und das Pferd, das Sie eben fast zuschanden geritten haben, ist doch sicher Eigentum des Gutes -und damit mein Eigentum? Oder irre ich mich, Mister Sandford?“ Sie sah den alten Verwalter an, der es wissen mußte.

„Brutus ist das beste Pferd, das wir haben!“ erklärte Sandford. „Es hat früher auf den Turnierplätzen viele Preise gewonnen. John hat sehr an dem Tier gehangen und es noch kurz vor seinem Tode geritten.“

„Es ist doch nur ein Pferd!“ wertete Crooker ab. Das wäre eigentlich die dritte Ohrfeige wert. Aber Susan erkannte, daß man diesem Mann nur auf seine Art beikommen konnte. Sie wollte sich auf gar keinen Fall von diesem gemeinen Menschen unterkriegen lassen.

„Ich verbiete Ihnen hiermit, noch einmal lebendes Eigentum dieses Anwesens in dieser Weise zu benutzen, Mister Crooker!“ sagte Susan beherrscht. „Ich denke, zwei Zeugen werden genügen, um meine Rechte gegebenenfalls vor Gericht zu vertreten!“

„Ich werde mich daran halten!“ Crooker nickte. „Offensichtlich haben Sie ja hier das große Sagen! Vorläufig wenigstens!“

Und dafür wäre die nächste Ohrfeige fällig gewesen. Doch Susan verzichtete darauf. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging ins Haus.

Der Schlaf war ihr jetzt gründlich verleidet...

***

Susan ging in den Rauchersalon, der mit seinen altertümlichen Möbeln anheimelnd und gemütlich wirkte. Aus der offenen Bar mixte sie sich einen Drink mit viel Soda.

Einige Zeit später betrat Charles Sandford den Raum. Er war immer noch erregt, hatte sich aber wieder voll unter Kontrolle.

„Dieser George versteht was von Pferden!“ begann er ein Gespräch. „Er wußte, worauf es ankam, bevor ich es ihm sagte. Offensichtlich kann der junge Mann mehr als große Sprüche klopfen und die Sense bei der Ernte zu schwingen. Vielleicht sollte ich mir die Dinge, die er mir sagte, etwas überlegen!“

„Und was ist das?“ Susan war neugierig.

„Die Farmer dieser Umgebung haben sich schon vor Jahren zusammengeschlossen und gemeinsam große landwirtschaftliche Maschinen angeschafft!“ erklärte Sandford. „Wenn Casterbridge-Hall dieser Genossenschaft beitritt, dann besteht für uns auch die Möglichkeit, diese Maschinen zu benutzen!“

„Das geht aber auf Kosten der Arbeitsplätze!“ gab Susan zu bedenken.

„Arbeit für die Leute hier gibt es genug!“ meinte Sandford. „Aber wenn wir die Maschinen richtig einsetzen, dann können wir wesentlich mehr Boden bearbeiten und größere Erträge ernten. Allerdings müssen wir dann diesen verdammten Kunstdünger benutzen!“

George Harrods, der hereingekommen war und die letzten Sätze gehört hatte, nickte kurz.

„Das ist unvermeidbar!“ sagte er. „Aber die Wissenschaft ist heute so weit, daß sie genau erkannt hat, welche chemischen Stoffe die jeweiligen Pflanzen benötigen, um schneller und besser zu wachsen. Kuhdung ist natürlich ein Universaldünger, den man für Roggen, Weizen und Hafer oder alles andere, was angebaut wird, verwenden kann. Die Kunstdünger sind für die einzelnen Getreidearten spezialisiert und damit besser geeignet. Ich werde Ihnen das morgen einmal genau erklären. Natürlich wird ein gewisser Einsatz von Kapital nötig sein, um die Wirtschaft dieses Gutes zu modernisieren. Alleine für den Beitritt zur Genossenschaft wird man tief in die Tasche greifen müssen. Aber es ist viel billiger, als die ganzen Maschinen selbst zu kaufen...!“

George redete jetzt wie ein Wasserfall. Seine Argumente waren stichhaltig und so deutlich erklärt, daß Susan alles begreifen konnte. Sie verstand zwar nichts, von der Landwirtschaft, aber so, wie es George erklärte, leuchtete es ihr ein.

„...ich habe mir heute, als ich Susans Wagen holte, die Felder angesehen und mir so meine Gedanken gemacht!“ beendete er seinen kurzen Vortrag. „Und ich habe zufällig den Präsidenten der Farmer-Genossenschaft dieser Gegend getroffen und mich mit ihm unterhalten. Dann habe ich alles durchkalkuliert und festgestellt, daß wir ein Kapital von zwanzigtausend britischen Pfund brauchen, um das Gut so neu zu organisieren, daß es das Fünffache an Gewinn abwirft!“

„Und warum tun Sie das, George?“ wollte Charles Sandford mißtrauisch wissen.

„Mein Studium ist bald zu Ende!“ sagte George: „Dann muß ich eine Examensarbeit vorlegen. Wenn es mir gelingt aus Casterbridge-Hall einen modernen Betrieb zu machen und das als Arbeit aufbaue, dann bekomme ich einen sehr guten Abschluß!“

„Aber ich habe keine zwanzigtausend Pfund!“ stieß Susan hervor. Diese Summe erschien ihr auf Anhieb unheimlich hoch - obwohl sie bei genauer Überlegung erkannte, daß es kein Problem bedeutete, die Summe zu beschaffen, wenn Sie auf den Besitz von Casterbridge-Hall bei einer Bank Hypotheken aufnehmen würde. Ging die Sache aber schief, dann saß sie als Alleinschuldner da. Innerlich sträubte sich Susan, dieses Risiko einzugehen.

„Wenn wir den sagenhaften Schatz der versunkenen Burg hätten, wäre alles viel einfacher. Er schenkte sich Whisky nach, der wie goldgelber Bernstein im Glas schimmerte. George bediente sich mit einem Brandy.

Da war es wieder. Dieser geheimnisvolle Schatz, von dem Robert Crooker sprach. Was war dran an dieser Erzählung.

Wenn es nur ein Märchen war, warum ging Crooker dann in der Nacht auf dem alten Friedhof auf die Suche?

Susan beschloß, direkte Fragen zu stellen. Charles Sandford wußte bestimmt eine ganze Menge alte Erzählungen aus dieser Gegend. Bestimmt hatte er mehr über die versunkene Burg gehört. Auch George machte ein Gesicht, als ob ihm die Legenden aus frühen Tagen vertraut waren.

Wenn die versunkene Burg auch eine Sage war - die alten Erzählungen hatten meistens einen wahren Kern. Und den mußte Susan heraus finden. Denn sie war fest überzeugt, daß die versunkene Burg keine Erfindung phantasiebegabter Märchenerzähler vergangener Zeiten war.

Ein Mann wie Robert Crooker stand bestimmt nicht in der Nacht auf und grub auf einem Friedhof, wenn er der alten Legende keinen glauben schenkte. Bestimmt hatte er schon mehr herausgefunden, als Charles Sandford wußte.

Wenn Crooker auf dem alten Friedhof nach den Mauerresten grub, dann war die versunkene Burg nicht weit entfernt.

***

„Immer wieder wird von der versunkenen Burg geredet!“ sagte sie, nachdem sich George und Charles Sandford gesetzt hatten. „Was hat es damit auf sich?“

„Eine alte Sage!“ brummelte Sandford.

„Aber eine Sage, die sich in geschichtlicher Zeit abgespielt hat!“ fiel George ein. „Der berühmte König Richard Löwenherz spielt in der Erzählung um die versunkene Burg eine entscheidende Rolle. Und der ist eine Persönlichkeit, die vor ungefähr tausend Jahren tatsächlich gelebt hat!“

„Warum erzählt mir niemand, was in dieser Zeit geschehen ist?“ fragte Susan aufgebracht. „Wenn ich Casterbridge-Hall übernehmen soll, dann muß ich alles wissen. Bitte, Mister Sandford. Was hat es mit der versunkenen Burg auf sich?“

„Ich will Ihnen gern von Caer Lyonesse erzählen!“ brummte der alte Verwalter.

„Caer Lyonesse!“ sagte Susan nachdenklich. „Das klingt so geheimnisvoll wie eine verwehende Melodie. War das der Name der Burg?“

„Es ist der Name, den die Leute dieser Gegend ihr heute gegeben haben!“ erklärte Sandford. „Der wirkliche Name der Burg ist so vergessen wie ihre Mauern versunken sind. Die Zeit ist darüber hinweggegangen!“

„Und warum hat man diesen seltsamen Namen gewählt?“ wollte Susan wissen. „Sie müssen doch zugeben, daß Caer Lyonesse sehr ungewöhnlich klingt!“

„Da ist nichts ungewöhnlich, wenn man die Zusammenhänge kennt!“ mischte sich George ein. „Der Begriff 'Caer' ist der Name für eine Burg, wie ihn die alten Briten in früher Zeit benutzten. Hoch oben in Schottland wird er noch sehr oft gebraucht. Wir hier im Süden Englands haben von dem lateinischen Wort 'Castellum' das Wort 'Castle'gemacht.“

„Das klingt ganz verständlich!“ nickte Susan. „Und was bedeutet das Wort 'Lyonesse'?“

„In den alten Sagen, die von König Artus und seiner Tafelrunde handeln, wird von einem Königreich Lyonesse erzählt. Das soll im Meer versunken sein. Einige Wissenschaftler behaupten, daß die Inseln hinter Cornwall die höchsten Berge des versunkenen Lyonesse sind!“

„Und weil das Köngireich Lyonesse genau so verschwunden ist wie die versunkene Burg, deshalb haben die Leute aus der Gegend diesen Namen für das verschwundene Gemäuer benutzt!“ setzte Charles Sandford hinzu.

„Caer Lyonesse!“ sagte Susan verträumt. „Für mich klingt es wie ein Hauch wehmütiger Romantik!“

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Nur die mächtigen Holzscheiten, die im Kamin brannten, knisterten leise, kleine rotgoldene Flammen hüpften auf und ab. Uhr zuckender Schein erhellte den Raum auf eigenartige Weise. Geheimnisvolle Schatten zuckten wie Geisterhände über die Decke. Durch das lebendige Feuer des Kamins schien der ganze Raum von unheimlichem Leben erfüllt zu sein. Susan glaubte, im Knistern der Flammen das Wispern von Stimmen aus dem Jenseits zu vernehmen.

Es dauerte eine Weile, bis Susan sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, daß sie ihre Gefühle beherrschte und klar denken konnte.

„Erzählen Sie mir von der Burg, Mister Sandford!“ bat sie mit fester Stimme.

„Ich will es versuchen, ohne Sie zu sehr damit zu langweilen!“ nickte der alte Verwalter. „Denn ich werde etwas weit in der Vergangenheit ausholen müssen!“

„Sie wollen also bei Adam und Eva anfangen!“ unterbrach Susan mit einem Anflug des Lächelns.

„Nicht bei Adam und Eva, sondern bei den alten Briten - unseren Vorfahren!“ sagte George Sandford mit Nachdruck. „Denn man erzählt sich, daß schon in der Steinzeit hier ein Verteidigungswall angelegt wurde. Als dann die Römer kamen und diesen Wall eroberten benutzten sie ihn als Castell. Die Erdwälle und Gräben boten sich an, sie mit Mauern zu verstärken. In der gesamten wechselvollen Geschichte dieses Landes hat man die Römermauern immer mehr verstärkt und verbessert - bis man tatsächlich von einer Burg reden konnte!“

„Und diese Burg soll völlig vom Erdboden verschwunden sein!“ sagte Susan mit Zweifel in der Stimme. „Das gibt es doch gar nicht!“

„Doch, das gibt es!“ knarrte die Stimme Sandfords. „Wenn man einen König wie Richard Löwenherz zum Gegner hat, ist alles möglich!“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Diese Zeit nutzte Susan um sich in Erinnerung zu rufen, was sie von diesem König aus dem Schulunterricht noch wußte. Viel war es nicht. Sie hatte nur in Erinnerung, daß er einen Kreuzzug durchgeführt hatte und mehr ein Abenteurer als ein König war. Das war alles.

„Auf Caer Lyonesse, wie wir die Burg einmal tatsächlich nennen wollen, soll es einen Schatz gegeben haben, der noch aus uralten Tagen stammt!“ erzählte Sandford nach einer Weile. „Als König Richard Löwenherz das hörte, wollte er den Schatz für sich haben. Er benötigte Geld für den Kreuzzug und brach mit einem Heer von Rittern auf. Burgherr war damals ein Mann aus uraltem Adelsgeschlecht, den sie Cedric, den Sachsen nannte. Cedric sah in Richard Löwenherz den Normannen, dessen Vorfahren England unterworfen hatten. Er schwor bei seinem Schwert, die Burg niemals zu übergeben. König Richard sollte den Schatz niemals bekommen.“

„Ein tapferer Mann!“ sagte Susan. „Aber vielleicht wäre es besser gewesen, dem König den Schatz zu übergeben und das Leben zu retten!“

„Die Menschen der Ritterzeit lebten nach anderen Gesetzen!“ gab Sandford zurück. „Sie kämpften lieber und starben, bevor sie sich Feiglinge nennen ließen. Wir modernen Menschen können das einfach nicht mehr begreifen!“

„Der König hat die Burg also erobert!“ nahm Susan den Faden der Erzählung wieder auf.

„Ja, das hat er!“ nickte der alte Verwalter. „In seinem Zorn war er furchtbar. An der Spitze seiner Ritter erstieg er die Mauern von Caer Lyonesse. Wer sich ihm in den Weg stellte, fiel durch sein Schwert. Mit seinen Rittern durchsuchte er die Burg. Aber er fand weder den Schatz, noch den Burgherrn. Cedric, der Sachse, war mit den Truhen, in denen Gold und Edelsteine lagen, spurlos verschwunden. Der König glaubte, daß Cedric heimlich in der Nacht mit dem Schatz entflohen war. Man hat niemals wieder von ihm gehört!“

„Und was geschah dann?“ wollte Susan wissen.

„Der König ließ in seinem Zorn die Burg völlig zerstören!“ Sandfords Stimme klang wie eine dumpfe Glocke. „Die Erdwälle wurden eingeebnet und über die Grundmauern der Burg verstreut. Die Steine der Gebäude brachte man nach Exeter, um sie dort für den Bau der Kathedrale zu benutzen. So verschwand Caer Lyonesse vor den Augen der Menschheit - aber niemals aus ihrer Erinnerung. Der König schenkte das Land der Kirche, die dort ein Kloster errichten ließ. Einige hundert Jahre lebten dort die frommen Brüder, die eine große Klosteranlage immer weiter ausbauten. Die kleine Kirche kennen Sie ja schon, Miß Evans. Unter den Viehweiden finden sich ebenfalls noch Mauerreste dieses Klosters.“

„Und wie entstand Casterbridge-Hall?“ fragte Susan.

„Als das Kloster aufgelöst wurde, machte man ein Königsgut daraus!“ erzählte Sandford. „Die Scheunen und Stallungen wurden übernommen. Die anderen Klostergebäude riß man ab und baute aus den Steinen dieses Haus. So jedenfalls sagen es die alten Erzählungen. Nur wo sich die Grundmauern von Caer Lyonesse befinden weiß niemand zu sagen!“

„Viele Leute in allen Jahrhunderten haben die vergessenen Keller und Grundmauern der Burg gesucht und nichts gefunden!“ mischte sich George ein. „Auch Robert Crooker wird nichts finden. Und ich halte es für reine Zeitverschwendung, danach zu suchen!“

„Es wäre zu schön, auf diese Art alle Sorgen los zu sein!“ seufzte Susan.

„Verlassen wir uns heuer auf unsere Arbeit als auf versunkene Schätze!“ sagte George und erhob sich. „Und deshalb müssen wir nun zu Bett gehen, damit wir morgen ausgeruht sind. Die nächsten Tage und Wochen werden nicht einfach werden!“

Als Charles Sandford durch die Tür ging, verabschiedete sich George von

Susan mit einem auf die Wange gehauchten Kuß. Mehr nicht - obwohl Susan gern mehr gehabt hätte. Doch es war sicher im Augenblick besser, darauf zu verzichten.

Während George eine Kammer im Gebäude der Dienerschaft bezogen hatte, lag Susans Raum im Obergeschoß.

Noch ein letztes 'Gute Nacht', dann ging sie die Treppe empor...

***

Leise Schritte ließen Susan zusammenzucken. Sie trat schnell hinter eine Nische und sah, wie eine dunkle Gestalt auf sie zukam. Als das Gesicht im Mondlicht zu erkennen war, sah Susan die geisterhaft düsteren Züge des Robert Crooker. Das Gesicht war finster und die Lippen verbissen zusammen gekniffen.

Der Teppichboden, der in der Mitte des Flurs ausgerollt war, dämpfte seinen Schritt. Susan erkannte lehmige Erde an seinen Stiefeln. Crooker war also wieder draußen gewesen und hatte gegraben.

Und dann erkannte Susan, daß etwas helles Glänzendes unter dem Mantel hervorkullerte. Crooker bemerkte nicht, daß er etwas verloren hatte. Vielleicht ein Loch in der Manteltasche, durch den dieser silberfarbene Gegenstand gefallen war.

Selbst auf die Entfernung erkannte Susan, daß es sich um eine altertümliche Münze handelte. Sie widerstand der Versuchung, aus ihrem Versteck hervorzutreten und Crooker auf den Verlust aufmerksam zu machen.

Was immer das für eine Münze war - sie wollte sie sehen. Vielleicht löste diese Münze einige der Rätsel, die Casterbridge-Hall bot.

Susan wagte kaum zu atmen und preßte sich in den Schatten, als Crooker ganz nah an ihr vorbei ging. Sie spürte das Wehen seines Mantels und hörte seinen von der Anstrengung des Grabens keuchenden Atem.

Dann schloß er eins der Zimmer auf, in dem er derzeit wohnte. Er huschte hinein und zog die Tür hinter sich zu. Susan hörte wie er inwendig den Schlüssel umdrehte und abschloß.

Drei schnelle Schritte, dann war Susan bei der Münze, die leicht im Mondlicht glimmerte. Schnell schloß sich ihre Hand um das kühle Metall. Die junge Frau spürte am Gewicht, daß dieses Geldstück sehr alt sein mußte.

Sie widerstand der Versuchung, einen kurzen Blick darauf zu werfen.

Jeden Moment konnte Crooker den Verlust entdecken. Wenn er zurückkam und die Münze suchte, mußte Susan verschwunden sein.

Auf den Zehenspitzen huschte sie bis zu ihrem Zimmer. Geräuschlos öffnete sie die Tür, schlüpfte hinein und drehte den Schlüssel von innen so leise zu, daß sie nur durch ihren angehaltenen Atem ganz leise das metallische Knacken des vorgelegten Riegels vernahm.

Keine Sekunde zu früh. Schon vernahm sie draußen, wie eine Tür geöffnet wurde. Dann angestrengtes Atmen und Schritte auf dem Gang. Susan zog vorsichtig den Schlüssel aus dem Loch und wagte einen Blick hindurch.

Sie erkannte Robert Crookers dunkle Gestalt auf dem Gang, En hatte eine Taschenlampe in der Hand und der Schein der Lampe suchte sorgfältig den Gang ab. Sie vernahm geflüsterte Verwünschungen als die Suche erfolglos blieb.

Dann war Crooker verschwunden. Doch als Susan angestrengt lauschte hörte sie ihn das Treppenhaus hinunter gehen. Ganz sicher suchte er jetzt den ganzen Weg ab, den er gegangen war.

Diese Münze mußte mehr als wertvoll sein, wenn er sich bei der Suche so

anstrengte. Gut, daß er nicht wußte, daß Susan die Münze an sich genommen hatte.

Susan wagte nicht, das Licht zu entzünden um sich nicht zu verraten. Sie nahm ihr Feuerzeug und entzündete damit eine der Kerzen, die auf einem Leuchter mehr zur Zierde als zum Gebrauch aufgesteckt waren.

Der milde Schein des Lichts erhellte düster den Raum. An der Flamme entzündete sich Susan eine Zigarette, die sie nach dieser Aufregung brauchte. Nach zwei Zügen zerdrückte sie das Glimmstäbchen als ihr auffiel, daß sie schon wieder viel zu viel rauchte.

Mit zitternden Händen zog sie die Münze hervor und besah sie sich im Schein der Kerze. Sie war wesentlich größer als das größte Geldstück, das jetzt in England im Umlauf war.

Auf der Rückseite sah sie ein Wappen mit drei seltsamen Katzentieren, die übereinander aufgereiht waren. Ein Löwe und ein Einhorn hielten den Wappenschild. Die Erkenntnis durchzuckte Susan wie ein Blitz.

„Das englische Königswappen!“ hauchte Susan. „Diese Münze stammt aus dem Mittelalter. Wie ist Crooker bloß in den Besitz dieser Münze gekommen. So ein wertvolles Stück gehört in ein Museum!“

Ahnungsvoll wandte Susan das Geldstück auf die Vorderseite - und sah das in schlichter Strenge dargestellte Gesicht eines Königs. Der Kronreif war sehr groß und die Gesichtszüge waren kaum plastisch herausgearbeitet. Susan erkannte ein etwas fülliges Antlitz mit einem mächtigen Oberlippenbart und streng blickenden Augen.

Die Schrift, die das Brustbild umgab, war eine Summe von Abkürzungen, wie sie in frühen Tagen üblich war.

„Rich.-Pl.-R.-Ang.!“ las Susan.

Mit diesen Abkürzungen konnte sie absolut nichts anfangen. In der Schule hatte sie der Geschichte ihres Landes nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Die alten Zeiten waren vergangen und für Susan völlig uninteressant. Einige Namen berühmter Könige waren hängengeblieben - aber nur deswegen, weil Susan manchmal im Fernsehen alte Ritterfilme sah, in deren Handlungen sie eine Rolle spielten. Daher kannte sie auch den Namen des Königs Richard Löwenherz.

Der kam immer am Schluß eines Films über Robin Hood.

„Rich. - Pl. - R. - Ang.!“ flüsterte Susan und schüttelte den Kopf. So sie sich bemühte, mit der Abkürzung klar zu kommen, es gelang ihr nicht. Morgen früh wollte sie George ins Vertrauen ziehen und ihm unauffällig die Münze zeigen.

Als Susan ins Bett schlüpfte, änderte sie ihren Plan. George sollte nichts von der Münze erfahren. Diesen Fund wollte Susan geheim halten bis sie wußte, was hinter diesem Geheimnis steckte, das Robert Crooker im schützenden Mantel der Nacht heimlich suchte.

Vielleicht konnte George auch etwas mit den Abkürzungen anfangen, wenn sie ihm erzählte, daß sie zufällig in einem Buch darüber gestolpert war.

Sie stand noch einmal auf, um sich die Abkürzungzu notieren. Dazu malte sie auch das Wappen auf der Rückseite ab. Vielleicht konnte George auch damit etwas anfangen und damit feststellen, wer der König auf der Münze war.

Susan konnte sich nicht erklären, warum sie zu George so ein großes Vertrauen entwickelte. Sie kannte ihn doch erst seit gestern. Aber sie war sicher, daß sie gemeinsam mit ihm das Geheimnis von Casterbridge-Hall lösen konnte...

***

Als Susan am frühen Morgen erwachte, war auf dem Hof schon hektische Betriebsamkeit. Sie wusch sich, zog sich an und machte sich zurecht. Für den heutigen Tag wählte sie einen strapazierfähigen Hosenanzug aus festem Jeans-Stoff mit einer einfarbigen Bluse aus. Dazu trug sie Tennisschuhe, in denen sie besonders gut laufen konnte.

Als Susan den Speisesalon betrat, erhoben sich George und Charles Sandford gerade. Sie hatten gemeinsam gefrühstückt und Susan bekam gerade noch mit, daß sie sich einig waren, einige Arbeiten früher in Angriff zu nehmen.

Mit kurzen, präzisen Worten erläuterte George Susan, was er mit Charles Sand¬ford vorhatte. Sie verstand nicht viel von der Erklärungen. Nur so viel, daß die beiden Männer den ganzen Tag auf dem Feld verbringen würden. Innerlich zitter¬te Susan bei dem Gedanken, daß Robert Crooker noch im Hause war.

Was konnte geschehen, wenn er mißtrauisch wurde und die Münze bei Susan vermutete. Diesem Mann mit dem gnadenlosen Gesicht traute Susan alles zu.

„Tut mir leid, wenn ich dich alleine lassen muß, Susan!“ sagte er. „Aber wenn wir aus Casterbridge-Hall etwas machen wollen, dann wirst du öfter auf meine Anwesenheit verzichten müssen. Charles und ich müssen zusammen die Probleme lösen. Und du mußt dich um die Bücher kümmern. So hat jeder seine Arbeit!“

„Darf ich dich vorher noch was fragen, George?“ Susan wußte nicht genau, wie sie es anfangen sollte. „Es handelt sich um ein Rätsel!“

„Die Gedanken einer Frau konnte noch kein Mann enträtseln!“ sagte George mit amüsiertem Lächeln. „Ich bin man gespannt, ob ich es kann. Wo liegt das Problem, Susan?“ fragte er dann mit ernster Miene.

Susan wurde rot im Gesicht. Dann faßte sie sich ein Herz.

Jetzt oder nie! Sie zog den Zettel, auf dem sie gestern Abend das Wappen und die Inschrift abgezeichnet hatte, aus der Tasche.

„Kannst du damit was anfangen?“ fragte sie und versuchte, ihrer Stimme einen möglichst unbefangenen Ausdruck zu verleihen.

„Wo hast du das her?“ fragte George, einen flüchtigen Blick drauf werfend. „Ich habe es aus einem Buch abgezeichnet!“ stieß Susan unsicher hervor. „Und da stand nicht dabei, was es bedeutet?“ fragte George mißtrauisch.

„Es... es war ein Buch in deutscher Sprache... ich wollte mal Deutsch lernen und habe es aufgegeben... aber das Wappen ist doch sicher ein englisches Wappen... und das interessiert mich!“ stotterte sie. Dann mußte sie einen langen, sorgfältigen Blick von George Harrods ertragen, der sie mißtrauisch von der Seite an sah. Sie spürte, daß er ihre Lüge erkannte - aber akzeptierte.

„Die drei Tiere auf dem Wappen sind die drei Leoparden von Anjou, einer französischen Provinz. Richard Löwenherz führte sie im Wappenschild. Der Löwe und das Einhorn sind Symbole aus der Zeit des Legendenkönigs Artus, die sich bis heute erhalten haben. Der Löwe für die Stärke und das Einhorn für die Mystik. Seit den Tagen des Richard Löwenherz ist dies das älteste Wappen, daß man in England als Königswappen anerkennt.“

„Und die Buchstaben - was bedeuten die?“ wollte Susan wissen. „ Rich.-PI.- R.-Ang. - das ergibt doch keinen Sinn!“

„Doch es ergibt einen!“ sagte George mit leisem Lachen. „Es sind Abkürzungen. Teilweise in lateinischer Schrift wie es im Mittelalter üblich war. Die Kürzel lauten ganz einfach 'Richard Plantagenet - Rex Anglisticuml. Übersetzt heißt das 'Richard vom Ginsterzweig, König von England'. Vielleicht weißt du, daß die Plantagenet eins der Herrscherhäuser von England waren!“

„Richard Löwenherz!“ hauchte Susan.

„Sehr gut kombiniert!“ nickte George. „Diese Abkürzung steht auf den Schriftstücken, die er unterzeichnete und eigentlich gehen sie noch weiter. Denn es werden noch jede Menge Grafschaften und Herzogtümer in Frankreich genannt, die ihm unterstanden. Aber das Königreich England war das Wichtigste!

„Dann weiß ich jetzt, was ich wissen wollte! Vielen Dank, George!“ sage Susan und bemühte sich, ihrer Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben. Innerlich war alles in ihr im Aufruhr. Das war alles ganz ungeheuerlich.

Sie ertrug noch einmal George Harrods forschenden Blick. Seine Lippen bebten und formten Fragen, die nicht ausgesprochen wurden.

Er sagte anstellte dieser Fragen noch einige Worte, die an Susan vorbei glitten wie Wasser über einen Felsen. Dann wandte er sich um und verließ den Raum. Aus, dem Fenster blickend sah Susan, wie er hinter George Sandford herging, der rüstig zu den Stallungen schritt.

„Richard Löwenherz!“ flüsterte es unhörbar von Susans Lippen. „Die Münze zeigt das Bild von Richard Löwenherz und sein Wappen. Sie muß also aus seiner Zeit sein. Und sie ist seit diesen Tagen nicht mehr im Umlauf gewesen. Jedenfalls habe ich mal irgendwo gelesen, daß man im Mittelalter, wenn ein König tot war, die Münzen nach und nach einschmolz und neue Münzen mit dem Bild des neuen Königs schlug!“ Susan spürte, wie ihre Handflächen vor Erregung feucht wurden.

„Der Schatz von Caer Lyonesse!“ hauchte sie. „Wenn Richard Löwenherz die Burg gestürmt hat dann, ist es ganz klar, daß die Münzen sein Bild zeigen. Diese Münze ist sicher aus dem geheimnisvollen Schatz. Was weiß Robert Crooker?“

Doch auf diese Frage konnte sich Susan noch keine Antwort geben...

***

Susan saß über den Büchern, in denen die Geschäfte von Casterbridge-Hall aufgezeichnet waren. Aber es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren.

Immer wieder kreisten ihre Gedanken um die Silbermünze, die Robert Crooker zufällig verloren hatte. Was wußte dieser Mann wirklich? Hatte er eine ungefähre Vorstellung, wo sich die alte Burg befunden hatte?

Irgendwo unter dem Rasen verborgen lagen die Grundmauern und das Fundament der alten Wälle. Aber wer wußte, wie tief diese Dinge unter der Erde verborgen waren? Unter jeder Viehweide, die von schwarz-weißen Rindern abgegrast wurde, konnten sich die fragmentarischen Überreste von Caer Lyonesse befinden. Und die geheimnisvollen Kellergewölbe, in denen der Schatz der mysteriösen Burg seit Jahrhunderten verborgen war.

Zahlen und Eintragungen verschwammen vor Susans Augen. Sie hob dem, Kopf und blickte aus dem Fenster in den Hof. Niemand war zu sehen. Alles war mit Sandford und George auf den Feldern. Nur in der Küche klapperte Geschirr.

Von Robert Crooker hatte sie vernommen, daß er nicht vor dem frühen Nachmittag aufstand. Kein Wunder, wenn er jede Nacht erneut auf Schatzsuche ging.

Nur Cora, der Bernhardiner, lag faul und träge mitten im Hof und sonnte sich. Das mächtige Tier schien nicht einmal die Krähe zu bemerken, die gravitätisch über den Hof stolzierte. Der Körper hochaufgereckt schien das Tier den Hund provozieren zu wollen.

Und dann hätte Susan fast aufgeschrien. Im Schnabel der Krähe blitzte etwas Silbernes. Selbst auf die Entfernung erkannte die junge Frau, daß es ein Geldstück war.

„Das muß ich sehen!“ stieß Susan aus. „Wenn es das gleiche Silberstück ist...!“

Im gleichen Moment kam ihr der Bernhardiner unbewußt zu Hilfe. Denn für Cora war dieses Einherstolzieren der Krähe eine Verhöhnung für einen Hofhund.

Mit einem Satz war Cora auf den Beinen.Die Krähe schwang sich mit schwerfälligen Flügelschlägen in die Luft. Doch nicht schnell genug.

Der Bernhardiner warf seinen mächtigen Oberkörper empor und die hervorschnellende Zunge erwischte den schwarzgefiederten Körper. Die Krähe wurde zwar nicht festgehalten, aber die Berührung dieses mächtigen Hundes ließ sie entsetzt krächzen. Susan sah, wie die Silbermünze dabei aus ihrem Schnabel fiel und über das Pflaster des Hofes rollte.

So schnelles ging lief Susan in den Hof. Ein kurzer Rundumblick – niemand war zu sehen. Cora watschelte schwerfällig zu der Münze und begann, sie ausgiebig zu beschnüffeln. Das gab Susan die Möglichkeit das Silberstück unauffällig an sich zu bringen. Seit gestern Abend hatte sie vor der mächtigen Bernhardinerdame jede Scheu verloren. Sie wuschelte Coras dichtes Fell gründlich durch und schob dabei ganz unauffällig die Silbermünze in die Tasche. Das Stück Metall interessierte den Hund ohnehin nicht - man konnte es nicht fressen. Nicht mal ein Knurren ließ Cora hören, als sich Susan umwandte und zum Büro zurückging.

Sorgfältig schloß sie die Tür hinter sich ab, bevor sie die Münze betrachtete.

Wieder sah sie das altenglische Königswappen und das Bild des Richard Löwenherz mit der abgekürzten Schrift. Jetzt bestand kein Zweifel mehr. Der Schatz von Caer Lyonesse existierte.

Susan zitterte wie Espenlaub...

***

Im gleichen Augenblick klopfte es laut und vernehmlich an der Tür. Mit fahrigen Bewegungen schob Susan die Münze in ihre Tasche.

„Ja, bitte!“ rief sie dann und versuchte, ihre Stimme so natürlich wie möglich klingen zu lassen. Sie wandte sich nicht um und versuchte, die vielbeschäftigte Geschäftsfrau zu schauspielern, die tief in ihre Arbeit versunken ist. Wer immer hinein kam, es sollte so aussehen, als wäre sie soeben angestrengt der Lösung eines Problems auf der Spur.

Die Klinke wurde heruntergedrückt. Susan spürte den kühlen Windhauch, als die Tür geöffnet wurde. Zwei Augen schienen sich von hinten wie glühende Nadeln in ihren Rücken zu bohren. Susan spürte ein seltsames Unbehagen in sich aufsteigen als sie ahnte, wer ihr Büro betreten hatte.

Dennoch tat sie geschäftig und vermied es, sich um zuwenden.

„Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz. Ich bin gleich soweit!“ sagte sie in geistesabwesendem Ton.

„Nein, danke! Ich stehe ganz gern!“ Die Stimme schien aus einem Kühlschrank zu kommen. So hatte sie hier nur einen reden hören.

Robert Crooker war eingetreten - wie sie es schon vermutet hatte. Hoffentlich hatte er nichts gemerkt - und nicht gesehen, daß sie eine Münze vom Hof aufgehoben hatte. Sonst mußte sie auf alles gefaßt sein.

„Noch einen ganz kleinen Moment!“ Susan kritzelte irgendwelche Zahlen auf ein Stück Papier um den Anschein zu erwecken, als notiere sie Gedächtnisstützen. Dann wandte sie sich um.

Robert Crooker erschien ihr heute nicht mehr so unheimlich wie in den vergangenen Nächten. Er trug einen korrekten Anzug in dunklem Grau mit einer schwarzen Schleife am Revers. Ein Zeichen von Trauer, die bei seinen Worten in der letzten Nacht nicht viel mehr als Heuchelei sein konnte. Dazu ein blütenweißes Hemd und eine modische Krawatte in dezent gedeckten Farben. Das schwarze Haar glänzte vor Pomade und war sorgfältig frisiert. Susan spürte den etwas aufdringlichen Duft eines intensiven Rasierwassers bis zu ihr herüber.

„Ich denke, wir sollten sie Ereignisse der vergangenen Nacht vergessen und uns vertragen, so gut es geht, Miß Evans!“ begann Robert Crooker. „Sollte ich Dinge getan oder gesagt haben, die nicht Ihren Beifall finden, so bitte ich sie jetzt in aller Form um Entschuldigung!“

„Fragen Sie erst mal das Pferd, ob das die Behandlung von letzter Nacht entschuldigt!“ sagte Susan schnippisch und spürte, daß sich Crooker auf die Lippe biß. Mit diesem Konter hatte er nicht gerechnet.

„Immerhin sind wir doch fast verwandt!“ brachte er mühsam hervor.

„Sagen wir mal, daß durch Sir John Evans einige Bindungen bestehen!“ berichtigte ihn Susan. „Dazu kommt, daß Ihnen Casterbridge-Hall zufällt, wenn ich auf das Erbe verzichte!“

„Gerade darüber wollte ich mit Ihnen sprechen, Susan!“ brachte Crooker ölig hervor. „Darf ich mich setzen?“

„Bitte!“ Susan wies auf den gepolsterten Lederstuhl vor ihrem Schreibtisch. Er nahm Platz und zündete sich einen schwarzbraunen Zigarillo an. Susan schlug das angebotene Zigarillo aus, angelte sich dafür allerdings eine Zigarette. Sie brauchte jetzt irgendetwas, wo sie sich dran festhalten konnte.

Die Augen Crookers glitzerten sie an wie die Augen eines Hais, der seine Beute erspäht hat. Susan erkannte, daß sie auf der Hut sein mußte und ihre Worte genau abzuwägen hatte.

„Wie Sie sicher jetzt schon auf den ersten Blick erkannt haben, ist Casterbridge-Hall bis unter die Dächer verschuldet!“ begann Crooker.

„Wenn ich alles durchkalkuliere, dann gehören mir die Dächer nicht mal!“ nickte Susan. „Die erwirtschafteten Erträge reichen gerade zur Finanzierung der Zinsen, die auf Krediten und Hypotheken liegen!“

„Und da wollen Sie dieses Pleiteunternehmen als Erbschaft annehmen?“ stieß Robert Crooker in gut gespielter Entrüstung aus. „Sie wissen alles - und nehmen nicht davon Abstand?“

„Es ist das Erbe vom Bruder meines Vaters!“ stieß Susan hervor.

„Haben Sie denn das Geld, um diesen Betrieb wieder so weit hochzubringen, daß er rentabel ist?“ fragte Crooker von der Seite. „Oder wissen Sie nicht, daß man neben Guthaben auch Schulden erben kann? Wenn man das Erbe ausschlägt, dann hat man auch die Schuldenlast nicht am Hals!“

„Ich habe darüber nachgedacht!“ In Susans Stimme war ein spöttischer Ausdruck. „Aber wenn ich verzichte, dann sind Sie der Erbe, Mister Crooker. Und dann habe ich es auf dem Gewissen, daß Sie die Schuldenlast eines Mannes tragen, dessen Blut nicht in Ihnen fließt und der Sie niemals an Sohnes Statt angenommen hat!“

Eine Ohrfeige hätte nickt besser wirken können. Susan erkannte, daß Robert Crooker fast die Beherrschung verlor. Er unterdrückte seinen Zorn, indem er mit einer wütenden Gebärde den Zigarillo im Aschenbecher ausdrückte.

„Als kleiner Junge wollte ich immer Farmer werden!“ begann er nach einer Weile. „Und ich möchte Casterbridge-Hall gern übernehmen!“

„Sie würden sicher einen vorzüglichen Landwirt abgeben, Mister Crooker!“ In Susans Stimme schwang Verachtung. „Ich hatte das Vergnügen, vorletzte Nacht auf dem alten Friedhof zu beobachten, wie gut sie graben können. Und noch vor wenigen Stunden wurde ich Zeugin Ihrer ausgeprägten Tierliebe!“

„Jeder Reiter wird ihnen sagen...!“ fauchte Crooker.

„Für mich ist man kein Reiter, nur weil man im Sattel bleibt, Mister Cracker!“ unterbrach ihn Susan. „Tierquäler und Pferdeschinder ist vielleicht eher das richtige Wort!“

„Ich wollte Ihnen ein Geschäft vorschlagen, wenn Sie auf das Erbe verzichten!“ sagte Robert Crooker, mühsam beherrscht. „Ich bin sicher, daß wir uns einigen können. Ein Geschäft, an dem wir beide verdienen!“

Susan hielt den Atem an. Also daher wehte der Wind. Das war ja interessant.

Aus reiner Nächstenliebe tat ein Robert Crooker das gewiß nicht. Und  auch nicht, weil er den Drang zur eigenen Scholle und Weide hatte.

„Wie darf ich dieses Geschäft verstehen?“ fragte Susan langsam.

„Ich biete Ihnen hier und auf der Stelle per Scheck eine Summe von tausend britischen Pfund, wenn ich im Gegenzug ein Schriftstück von Ihnen erhalte aus dem hervorgeht, daß Sie auf Casterbridge-Hall verzichten!“

Jetzt war die Katze aus dem Sack. Heimlich hatte Susan schon damit gerechnet. Denn dann konnte Robert Crooker nicht nur alle Leute, die ihm nicht gefielen, von hier verjagen, sondern er konnte völlig legal nach den Grundmauern der versunkenen Burg und den Schatz suchen.

Und wenn er ihn fand, dann stand ihm der Löwenanteil des Wertes zu, falls der britische Staat ihn für die Museen beschlagnahmte.

Robert Crooker mußte sich seiner Sache sehr sicher sein. Denn sonst hätte er nicht hier so offen geboten. Tausend Pfund sind kein Pappenstiel, wenn man bedenkt, daß es sich um einen einfachen Verzicht handelte. Vor wenigen Stunden hätte Susan noch bedenkenlos zugestimmt. Tausend Pfund waren ein guter Preis für eine Fahrt nach Exeter und eine einfache Unterschrift. Sie war alle Sorgen los und konnte sich von dem Geld neue Polstermöbel für ihr kleines Wohnzimmer kaufen. Vielleicht blieb sogar noch etwas Geld für neue Gardinen übrig.

„Nun, Susan, wie ist es?“ klang Robert Crookers Stimme in ihre Überlegungen. „Kommen wir ins Geschäft? Geben Sie mir die Unterschrift?“

„Ich sagte doch, daß ich Casterbridge-Hall weiter bewirtschaften will!“ sagte sie spröde. „In den wenigen Stunden hier habe ich mein Herz für das Leben auf dem Lande entdeckt!“

„Zweitausend Pfund!“ verdoppelte Crooker sein Angebot.

„Der Titel Gutsbesitzerin hört sich sehr gut an. Finden Sie nicht, daß er zu mir paßt, Mister Crooker!“ Susan ging nicht auf Crookers Worte ein.

„Dreitausend!“ war Robert Crookers Antwort.

„Sie langweilen mich!“ brachte Susan hervor. Obwohl alle Vernunft in ihr danach schrie, das Angebot anzunehmen.

„Viertausend!“ klirrte Crookers Stimme.

„Dafür bekomme ich nicht mal ein vernünftiges neues Auto!“ konterte Susan.

„Mein letztes Gebot! Fünftausend Pfund!“ fauchte Robert Crooker böse.

„Fünftausend Pfund sind Geld - sagt der Bauer, wenn er einen Ochsen zum Markte bringt!“ lächelte Susan. „Vielleicht überlege ich mir das Angebot noch, Mister Crooker. ich denke, so eilig wird es schon nicht sein!“

„Überlegen Sie nicht zu lange, Susan!“ Robert Crooker erhob sich. „Es könnten Umstände eintreten, die dafür sorgen, daß ich auch ohne dieses Geld das Erbe bekomme. Niemand weiß am Morgen, was der Tag bringt!“ Damit drehte er sich um und verließ grußlos den Raum.

„Und niemand weiß am Abend, was im schwarzen Mantel der Nacht geschieht!“ murmelte Susan. Die unverhohlene Drohung von Robert Crooker hatte sie sehr gut verstanden. Sie war absolut ernst gemeint.

Vor diesem Mann mußte sie sich in Acht nehmen. Mochte der Himmel wissen, wozu er fähig war. Susan traute ihm zu, daß er jeden, der seine Pläne störte, rücksichtslos beiseite fegen würde.

Und in der Wahl seiner Mittel war er sicher nicht zimperlich.

Robert Crooker war jede Gemeinheit zuzutrauen...

***

Es fiel Susan sehr schwer, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Zu viel ging ihr durch den Kopf. Und der zentrale Punkt, um den ihre Gedanken kreisten war Caer Lyonesse und der mysteriöse Schatz.

Ob Robert Crooker wußte, wo er lag, war nicht erwiesen.

Aber die Krähe, die jene Silbermünze vor Schreck fallen ließ, kannte den Ort. Man mußte nur noch feststellen, aus welcher Richtung sie geflogen kam. Und das war gar nicht so einfach.

Krähen gab es genug auf Casterbridge-Hall. Dia uralten Bäume, die das Herrenhaus umgaben, dienten ihnen als Wohnungen. In den Scheunen und Stallungen fanden sie Schlupflöcher, in denen sie sich bei Regen und Kälte verbergen konnten. Und das Herrenhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert war mit seinen Giebeln und Erkern bestens geeignet, einer Krähe zu gefallen. Dazu kam, daß auf einem großen Bauernhof immer genug Abfälle vorhanden waren, die den schwarzen Vögeln als Nahrung dienten. Sie brauchten nicht viel und fraßen grundsätzlich alles.

Als Susan jetzt aus dem Fenster sah, beobachtete sie eine Krähe, die sich dezent an Coras Futternapf schlich und sich eilig bediente, während der Bernhardiner träge in der Sonne lag und offensichtlich zu faul war, auch nur die Augenlieder zu haben. Der Hund wußte genau, daß sein Napf gefüllt wurde, wenn er leer war. Und die Krähe hatte sicher festgestellt, daß man den Hund zwar auf Abstand halten mußte, daß er aber in seiner Ruhephase nicht gefährlich war.

Eine von den zahlreichen Krähen, die hier hausten, wußte, wo sich der Schatz befand. Und die mußte man finden.

Susan ging zum Fenster und sah hinaus. Vorher hatte sie nicht darauf geachtet. Aber nun erkannte sie, daß schon auf den ersten Blick gut drei Dutzend Krähen zu erkennen waren. Welches war die Richtige!

Susan überlegte, wie sie das herausfinden konnte.

Und dann erinnerte sie sich an ihren kleinen Handspiegel, in den schon der Papagei ihrer Freundin Corinna so fürchterlich verliebt war. Hieß es nicht, daß alle Elstern und Rabenvögel glänzende Dinge mögen?

Wenn nun ausgerechnet diese Krähe den Spiegel nahm, dann brachte er ihn zu seinem Nest oder sonstigem Unterschlupf. Kannte man das, dann bestand die Möglichkeit, die Krähe mit irgendeinem Merkmal zu versehen, daß man leicht erkennen konnte. Danach mußte man sie nur noch beobachten, wohin sie flog. Irgendwann mußte das Tier ihr dann den Weg zu der geheimnisvollen Burg zeigen. Wenn es schief ging, dann ließ sich der Verlust des Taschenspiegels noch verschmerzen.

Susan sah auf die Uhr. Eine Stunde nach Mittag. Sie hatte noch ausreichend Zeit, dieses Experiment zu wagen, bis die Leute vom Feld heimkamen und hier auf dem Hof ein solcher Betrieb entstand, daß die Krähen flüchteten.

Sie kramte den kleinen, runden Spiegel hervor und ging auf den Hof. Sorgfältig achtete sie darauf, daß er so lag, daß die Sonnenstrahlen auf die Spiegelfläche trafen. Durch das reflektierende Glitzern mußte eine Krähe sofort angezogen werden. Dann zog sie sich schnell, aber ohne Hast auf die Veranda zurück.

Hinter einer Steinsäule, die den Balkon des Obergeschosses abstützte, ging sie in Deckung. Jetzt mußte sie Geduld aufbringen.

Susan war sich klar darüber, daß es Stunden dauern konnte. Vielleicht ging das Experiment sogar schief. Immerhin war da noch der Bernhardiner, der sorgsam registriert hatte, daß dieser Gegenstand einer Person aus dem Haus gehörte.

Wenn Cora den Spiegel wild kläffend verteidigte, dann war das Experiment zum Scheitern verurteilt, noch bevor es begonnen hatte.

Aber das Schicksal meinte es diesmal gut mit Susan Evans.

Am Anfang hatte es jedenfalls so den Anschein...

***

Susan sah die Krähe, die sich vorher an Coras Futternapf bedient hatte und nun von einem Zaunpfosten die weiteren Ereignisse interessiert betrachtete, mit kräftigen Flügelschlägen heranrauschen. Der Bernhardiner hob nur einmal kurz den Kopf. Anscheinend kannte er den Vogel schon zur Genüge und schenkte ihm keine Beachtung mehr.

Mit gravitätischen Schritten stelzte die Krähe den letzten Yard bis zu dem Spiegel hinüber. Einige Momente drehte sie den Kopf und schien verwundert, im Spiegel einen Artgenossen zu erblicken. Leise pickte sie mit dem Schnabel einige Male dagegen.

„Häh!“ war der Kommentar dazu, das nichts geschah. Die Krähe wurde mutiger. Und dann bemerkte der Vogel, daß sie den leichten Spiegel in den Schnabel nehmen konnte. Einige Male wurde er probeweise angehoben. Dazu gackerte der Vogel fast wie ein Huhn. Die Flügel zuckten und Susan erkannte, daß die Krähe entsetzlich aufgeregt war.

Endlich wurde Cora aufmerksam. Der mächtige Schädel ruckte hoch und das kehlige Knurren war bis zu Susan hinüber zu hören.

„Häh!“ Die Krähe nahm den Spiegel in den Schnabel und schwang sich hinauf in die Lüfte. Cora, die schon fast aufgesprungen war, um den Spiegel zu verteidigen, ließ sich wieder fallen. Sie wußte, daß die Krähe jetzt nicht mehr zu fassen war. Bewegung im schönen Schein der Herbstsonne war nicht nach ihrem Geschmack.

Susan sah, wie die Krähe in Richtung des alten Friedhofs verschwand. So schnell es ging lief sie hinterher...

***

Hinter einem der Gräber ging die Krähe nieder. Susan sah, wie sie den Spiegel im Schnabel mißtrauisch um sich blickte.

Reflexartig ging sie hinter einem vom Wind und Wetter der Jahrhunderte zernagten Grabstein in Deckung. Sie konnte beobachten, wie der Vogel zur Ruhe kam.

Die Krähe fühlte sich unbelästig.

Susan sah auf die Entfernung, wie sie zum nächsten Grab hinüberstolzierte, das von einer mehrfach zerbrochenen Steinplatte völlig abgedeckt war.

Die Krähe sprang auf die Steinplatte und sah sich prüfend um. So gut es ging duckte sich Susan hinter einem der Grabsteine zusammen. Wenn der Vogel sie entdeckte, war alles verloren.

Der Schnabel des Vogels trommelte auf die Steinplatte. Dann schritt die Krähe mit eigenartiger Grazie zu einem der Spalten, an denen die Steinplatte des Sarkophags gebrochen war.

Noch einmal glänzte der Spiegel in der Mittagssonne, als ihn die Krähe triumphierend empor hielt. Und dann war der Vogel mit seiner Beute plötzlich verschwunden. Sie waren fort, als hätte es sie niemals gegeben.

Susan zitterte am ganzen Körper. Obwohl es Mittag war und die Sonne hell und freundlich schien hatte sie plötzlich ein unheimliches Gefühl. Welches Geheimnis barg der uralte Friedhof von Casterbridge-Hall?

Gab es hier tatsächlich Dinge, die über den Verstand des normalen Menschen hinaus gingen und die man weder erklären noch begreifen konnte?

Vorsichtig kam Susan aus ihrem Versteck. Sie mußte wissen, wohin die Krähe geflohen war. Vielleicht hatte sie sich dort verkrochen, wo sich niemand hinwagte.

In diesem Sarkophag war der Vogel vor Hunden und Katzen sicher. Von hier konnte er auch die Münzen genommen haben. Susan wußte, daß man in früheren Jahrhunderten den Toten viele Dinge des täglichen Gebrauchs mit ins Grab gegeben hat.

Daß dieser Sarkophag fast fünfhundert Jahre nach dem Tod von König Richard Löwenherz gemeißelt wurde, wußte sie nicht.

Für Susan war in diesem Moment sonnenklar, daß hier in diesem Sarkophag sich ein toter Körper befand, neben den man Münzen gelegt hatte. Und diese Münze hatte die Krähe genommen. Crooker fand sie und brachte sie mit dem Schatz der versunkenen Burg in Verbindung. Vielleicht war Caer Lyonesse wirklich nur eine Sage und Susan fand in diesem Grab die Gebeine eines Toten.

Innerlich zitterte sie davor, ein uraltes Skelett zu finden, dessen tote Augenhöhlen sie anstarrten und das sich in ihrer Phantasie plötzlich erhob um sie zu greifen und mit sich hinab in sein kaltes Grab zu ziehen.

„Ich mache mich selbst verrückt!“ flüsterte Susan zu sich, als ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen und sich nicht vertreiben lassen. „Das hat alles eine ganz natürliche Erklärung. Es gibt keine Geister und Gespenster!“

„Häh!“ kam darauf die triumphierende Antwort. Aufblickend sah sie, daß die Krähe wieder auf der Steinplatte saß und den Kopf hochreckte. Der Spiegel war verschwunden. Mit einigen Flügelschlägen schwang sich die Krähe hinauf auf das Dachfirst der alten Kapelle. Sie putzte kurz ihre schwarzglänzenden Flügel mit den langen Schwungfedern dann sah sie mit schiefgehaltenem Kopf, wie Susan aus ihrem Versteck kam und zu der Grabplatte hinüber ging.

Obwohl Susan sich zwang, ihr keine Beachtung zu schenken spürte sie doch, daß die kohlschwarzen glänzenden Augen des unheimlichen Vogels jede ihrer Bewegungen genau beobachtete.

***

Vorsichtig ging Susan zu der zerbrochenen Grabplatte hinüber. Die Krähe konnte nicht einfach im Nichts verschwunden und wieder aufgetaucht sein. Hier zwischen der zerbrochenen Platte hatte sie ihr Versteck.

Susan zitterte innerlich wenn sie daran dachte, was für einen grauenvollen Fund sie machen konnte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Sorgsam untersuchte Susan die Platte aus grauem Granit, die von einer dunkelgrünen Moosschicht überzogen war das wie feiner Samt wirkte. In dünnen und vom Regen verwaschenen Vertiefungen erkannte Susan religiöse Symbole und eine ver¬witterte Inschrift.. Worte in lateinischer Sprache, die Susan nicht verstand und einen Namen, der ihr altertümlich fremd erschien.

Und dann sah sie den handbreiten Spalt direkt unter dem Grabstein. Ein Meißdornstrauch, der sich darüber rankte, verdeckte ihn fast und unter dem Schatten des Grabsteines war er kaum auszumachen.

Susan holte ihr Feuerzeug hervor und zündete die Flamme an. Sie überwand ihren Ekel vor dem, was vielleicht in dem Grab sein konnte. Denn in der Dunkelheit konnte sie ein mattsilbernes Glänzen erkennen.

Ihr Spiegel? Oder weitere Silbermünzen? Das wollte Susan Evans unbedingt wissen.

Sie suchte und fand einen geeigneten Ast, den sie in den Spalt schieben konnte. Durch die Hebelwirkung mußte es ihr gelingen, das losgebrochene Stück der Steinplatte nach hinten abzukippen. Dann war der Spalt so breit, daß sie notfalls sogar mit ihrem schlanken Körper hindurch paßte.

Susan strengte sich an und mobilisierte alle ihre Kräfte. Sie hörte sich unbewußt selbst stöhnen, als sie sich mit ihrem ganzen Körper gegen den Ast legte. Langsam - ganz langsam, gab der Stein nach. Die Erde, die seit Jahrhunderten zwischen der Steinplatte und dem im Boden eingelassenen Fundament wie Mörtel wirkte, zerbröselte. Gras und Wurzeln, die alles zusammenhielten, zerrissen.    Knirschende Geräusche aufeinanderschörfender Steine waren zu hören.

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Es gab einen Ruck und die Steinplatte kippte zur Seite, Susan verlor das Gleichgewicht. Sie stürzte und überschlug sich mehrfach im Gras. Keine Fingerbreit neben der steinernen Grabumrandung schlug ihr Kopf auf den Boden.

Benommen versuchte sie sich emporzurappeln - als sie den Griff im Nacken verspürte. Es war etwas Dürres und Klappriges, was sich in ihrer Jacke verkrallte. Die die Knochenfinger einer Hand, die aus der Tiefe des Grabes herauswächst und nach dem Frevler greift, der die letzte Ruhestätte eines Toten nicht achtet.

Susan wollte schreien - aber dieser kompromißlose Griff ließ jeden Ton auf ihren Lippen ersterben. Sie spürte sie Spitzen wie die Nägel eines Toten, die sich in ihrer Kleidung verkrallten und sie hinwegzerren wollten.

„Das... das wollte ich nicht!“ stammelte Susan brüchig. „Bitte...!“

Mehr brachte sie nicht hervor. Sie traute sich nicht, nach hinten au sehen. Ihre Phantasie malte ihr ein Skelett mit gelbgebleichten Knochen und verrotteten Totenlaken vor, das auf der Tiefe des Grabes nach ihr griff.

Jeden Augenblick befürchtete Susan, hinabgezerrt zu werden.

Aber nichts geschah. Der Griff wurde nicht gelockert - aber sonst gab es keine Reaktion auf ihre Worte. Alles blieb totenstill.

Vorsichtig wandte sich Susan um - und stöhnte erleichtert auf als sie erkannte, was da nach ihr gelangt hatte.

Im Fallen hatte sie sich in den Zweigen des Weißdornbusches, der sich halb um den Grabstein rankte, verheddert. Die Dornen hatten sich in ihre Kleidung eingehakt und hielten sie fest.

Ein ganzer Steinbruch kullerte Susan vom Herzen. Mit zitternden Fingern zog sie das Zigarettenpäckchen hervor. Was auch immer ihre innere Stimme ihr sagte - auf den Schreck mußte sie erst mal in Ruhe eine rauchen.

Während sie die ersten Züge nahm und den würzigen Rauch des Tabaks genoß, trat sie vorsichtig an den Rand des offenen Grabes.

Ungefähr vier Silbermünzen und ihr Spiegel waren zu erkennen. Vorsichtig nahm Susan die Münzen heraus. Sie wiesen bis auf eine andere Bilder und Wappen auf. Vielleicht waren es Geldstücke, die vor Richard Löwenherz im Umlauf waren. Susan hatte davon keine Ahnung und mußte einen Experten zu Rate ziehen, wenn sie ihren Fund den Behörden in Exeter bekannt gab.

Am liebsten hätte sie die Münzen eingesteckt, den Stein wieder vorgeschoben und wäre umgekehrt.

Doch in diesem Moment erkannte sie im Schein der Flamme, die das Feuerzeug spendete, daß dieses Grab eine geschickte Tarnung war.

Denn im Allgemeinen führen in alten Gräbern keine Stufen tief hinunter. Susan stand am Ausgang eines geheimen Ganges, der tief hinunter in die Erde führte...

***

Obwohl ihr jede Vernunft abriet, sich alleine in diesen geheimen Gang zu wagen, machte Susan sofort Pläne, wie sie diesen Gang am Besten erforschen konnte. Eine innere Stimme riet ihr, auf George zu warten und alles mit ihm abzusprechen. Vielleicht konnte man noch im Museum von Exeter einen Spezialisten bekommen, der die ganze Aktion leitete und wissenschaftlich auswerten konnte.

Zu viele Dinge konnte ein Hobby-Archäologe in seinem Drang, einen großen Fund zu machen, einfach zerstören.

Aber was geschah, wenn ihr Robert Crooker auf die Schliche kam und in den Gang heimlich eindrang, während sie sich noch mit George beriet oder im Museum von Exeter den Direktor von ihrem Fund informierte?

Robert Crooker würde auf gar nichts Rücksicht nehmen, wenn er nur in den Besitz des Schatzes kommen konnte. Und ihm war es auch zuzutrauen, daß er die unersetzlichen Münzen einschmolz, um das Metall so leichter zu verkaufen.

Susan Evans atmete tief durch. Sie mußte die Treppe hinabsteigen und erkunden wohin der Gang führte und was sich dort verbarg. Wenn dann etwas geschah, das Crooker der Möglichkeit gab, etwas verschwinden zu lassen, dann wußte Susan, daß es vorhanden war und konnte geeignete Maßnahmen ergreifen.

Als erstes benötigte sie Licht in dieser Dunkelheit. Aber woher nehmen?

In ihrem Gepäck hatte sie keine Taschenlampe und zum Haus zu gehen und dort eine zu suchen erschien nicht sehr ratsam. Damit würde sie nur Crookers Mißtrauen wecken.

Susans Blick fiel auf die alte Kapelle. Als sie dort übernachteten, hatte sie in der ehemaligen Sakristei noch einige Kerzen auf altertümlich gearbeiteten Leuchtern gesehen. Das konnte gehen. Und am Brennen der Flamme konnte Susan erkennen, ob genügend Sauerstoff zum Atmen vorhanden war.

Entschlossen ging Susan hinüber zu dem alten Gemäuer. Die Tür war nicht verschlossen. Doch Susan mußte sich anstrengen, um die Türflügel in den klobigen und verrosteten Scharnieren zu bewegen. Düsteres Halbdunklen, im Inneren des ehemaligen Gotteshauses wirkte wie ein bedrückender Kontrast zur Helligkeit des Tages. Mit einem Gefühl der Beklommenheit betrat Susan das Innere der Kapelle.

Sie hatte sich nicht getäuscht. In der alten Sakristei, wo die Gewänder und Geräte für den Gottedienst bewahrt wurden, fand sie nicht nur jede Menge

Kerzen sondern auch einen handlichen Leuchter, auf den sie drei Kerzen aufstecken konnte. Sie schob sich noch einige zusätzliche Kerzen ins Innere ihrer Jeans Jacke. Man konnte nie wissen, was geschah. In unterirdischen Gängen war man ohne Helligkeit verloren.

Susan verließ die ehemalige Kapelle und zog die Tür hinter sich zu.

Ein kurzer Rundumblick - niemand war zu sehen. Also war ihr keiner gefolgt.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Susan,daß es zwei Uhr am Nachmittag war. Genug Zeit also, um den Gang zu erforschen und zurück zu sein, wenn George, Charles Sandford und die Arbeiter des Gutes von den Feldern zurück kamen.

Susan trat an den Rand des Grabes und entzündete die drei dicken Kerzen auf dem Leuchter. Das Licht flackerte im leichten Herbstwind. Dann begann Susan Evans ihren gefahrvollen Weg hinab in das unterirdische Reich in dem das Grauen wohnte...

***

Die Stufen waren für sehr kleine Füße bemessen. Susan hielt den Leuchter so tief wie möglich, um die ausgetretenen Stufen genau zu erkennen und nicht fehlzutreten. Die Enden der Stufen waren ausgetreten und glitschig. Mehr als einmal gelang es Susan nur mit großen Geschick, das Gleichgewicht zu bewahren.

Immer tiefer führten die Stufen hinab ins Innere der Erde. Das Loch in der Grabplatte über ihr wurde immer kleiner. Ein letzter Gruß des hellen Tages hinab in die ewige Nacht, die hier unter dem alten Grab herrschte.

Susan hielt öfters inne, um die Wände zu untersuchen. Das Mauerwerk war von einer graubraunen durchsichtigen Tropfsteinschicht überzogen. überall war es feucht, glitschig und unangenehm. Die Luft roch nach Moder und Verwesung.

Obwohl das Grab dort oben eine geschickte Tarnung war, hier unten erschien jeder Atemzug ein Hauch des Todes zu sein.

Susan sah daß sich das Mauerwerk veränderte, je tiefer sie die Treppe  hinabschritt. Sie wünschte, daß George an ihrer Stelle gewesen wäre.

Der hatte sicher Ahnung von diesen Dingen. Susan erkannte bloß, daß die Steine und die Art, wie sie geschichtet waren, andere Strukturen und Formen hatten.

Waren die Steine oben noch ebenmäßig behauen und nach symetrischen Systemen aufeinander gelegt, so waren hier unten naturgewachsene Felsstücke aufeinander geschichtet und mit einer Art weißgrauem Mörtel verbunden.

Auch die Stufen der Treppe wurden immer unebener und unwegsamer. Susan sah fingerdicke Schieferplatten, die auf festgestampften Lehm gelegt waren undso ihren Füßen einen gewissen Halt boten.

Es erschien Susan eine Ewigkeit, bis sie das Ende der Treppe erreicht hatte. Vom Tageslicht war nichts mehr zu sehen. Schon durch die Treppe hatte sieeine gewisse Strecke unter Tage zurück gelegt. Nun befand sie sich auf der Sohle in einem Stollen. Das matte Licht ihrer Kerzen zeigte ihr ein Gemisch von Steinen und Erde in den Wänden. In den Steinen funkelte es gelblich.

Sie versuchte, einen der Steine aus dem Gefüge zu nehmen. Keine einfache Arbeit und ein Fingernagel brach dabei ab. Schließlich schaffte sie es, einen faustgroßen Brocken zu lösen.

Sofort rollten kleine Steine und Erdbrocken nach. Dieser Teil des Stollens war vom Einsturz gefährdet.

Susans Blick wanderte zu den Balken aus Eichenholz,. die in gewissen Abständen die Wände und die Decke stützten. Sie sahen sehr stabil aus. Doch im Schein der Kerze war der weißliche Schwamm auf dem Holz zu erkennen, der die Substanz im Dunkeln unheimlich leuchten ließ.

Susan wußte genau, was das bedeutete. Diese Balken waren morsch und verfault. Ein Wunder, daß sie noch nicht zerfallen waren. Hier in diesem Teil des Ganges bestand höchste Lebensgefahr. Die Gesteinsmassen konnten jeden Moment herunterbrechen und alles verschütten.

Susan bezwang sich, ruhig zu bleiben. Am liebsten wäre sie die Treppe hinauf ins helle Licht der Sonne gelaufen. Dieser Gang und die schreckliche Gefahr, die darin lauerte, machte ihr Angst. Sie hatte Gefühl, als habe die ganze Substanz nur darauf gewartet, daß jemand hinunter kam.

Susan biß sich in die Lippen und kniff sich in den Arm. Der Gang schien viele Jahrhunderte alt zu sein. Was so lange gehalten hatte, das würde nicht gerade jetzt in diesem Augenblick zusammen brechen.

Sie durfte nicht stehenbleiben und mußte weitergehen, Zuvor aber wollte sie sich einen Blick auf das Gestein gönnen. Wenn schon ein Fingernagel geopfert war, dann mußte sich das wenigstens gelohnt haben.

Sorgfältig drehte die junge Frau den Stein in ihrer Hand. Es sah aus, als ob in dem Brocken kleine Goldpunkte steckten oder Goldadern wie dünne Linien hindurch gingen. Hier war ein Geologe nötig, der feststellen konnte, ob es wirklich dieses königliche Edelmetall war und wie groß das Vorkommen war.

Das war es also gewesen. Das Grab führte hinab zu einer Goldmine, die niemand kannte. Gewiß hatten die Mönche des heiligen Dunstan ohne Wissen der Vögte und der Grafen hier fleißig Bergbau getrieben. Als dann durch den König von England das Kloster aufgelöst wurde, bewahrten sie das Geheimnis. Vielleicht gruben sie heimlich weiter - vielleicht verschwand das Wissen um dieses Goldvorkommen nachdem der letzte der ehemaligen Mönche gestorben war.

Und dann erschrak Susan, als sie zufällig das Licht ihrer Kerzen auf den Boden richtete. Denn direkt vor ihren Füßen lag in verkrümmter Haltung das Skelett eines Menschen. Fragmentarisch war die vermoderte Kleidung aus der Zeit der Renaissance zu erkennen. Der Degen, der, mit seiner dünnen Klinge in seinem Körper gesteckt haben mußte, war längst zu Boden geklirrt, als der Körper einen gewissen Grad der Verwesung erreicht hatte.

Verkrümmte Knochenfinger des Gerippes hielten kostbar geformte Ketten, Armreifen und anderes Geschmeide. Susan zwang sich, niederzuknien und sich die Dinge zu betrachten - auch wenn ihr den grausige Anblick des Totenschädels Angst bereitete. Aus leeren, schwarzen Augenhöhlen grinste sie das Grauen an.

Welche Tragödie hatte sich hier abgespielt? Wer hatte diesen Mann getötet? Und wer war Tote, der hier unten sein Grab fand und im Tode noch die Kleinodien umkrallte, nach denen im Leben sein Herz gedürstet hatte. Das kalte Metall, das er nun seit vielen hundert Jahren umklammert hielt - es war sein Verderben. Das Gold aus dem Schatz der versunkenen Burg.

Susan suchte den Boden ab und entdeckte verschiedene, achtlos herumliegende Silbermünzen. Als sie einige Schritte zurück ging erkannte sie, daß eine andere Person, vermutlich der Mörder, in aller Eile entflohen war. Er hielt es nicht einmal für nötig, das Silber aufzuraffen.

Vor Susans geistigen Augen stieg eine Szene empor, wie sie sich ungefähr abgespielt haben konnte. Zwei Männer waren in die verlassene Miene eingedrungen. Einer der ehemaligen Mönche hatte sein Schweigen gebrochen, um einem Herrn von Stand und Adel die Schulden zurück zahlen zu können.

Er brachte ihn hierher und sie fanden in diesem Gewirr der Gänge den geheimnisvollen Schatz von Lyonesse. Der Adlige wollte den Schatz für sich alleine und ein Menschenleben bedeutete für ihn nichts. Er wollte den ehemaligen Mönch mit dem Degen töten. Doch der erkannte die böse Tat, setzte sich zur Wehr und bei dem Handgemenge wurde der Adlige von der Spitze seiner eigenen Waffe getötet. Entsetzt über seine grauenvolle Tat lief der ehemalige Mönch davon.

Das goldene Geschmeide und das Silber einer vergangenen Zeit - es zählte nicht für ihn. Denn er hatte einen Menschen getötet. Daß ihm dieser nach dem Leben getrachtet hatte, war völlig unerheblich.

Als ehemaliger Mönch mußte er in Demut sein Schicksal nehmen. Er hätte sich nicht verteidigen dürfen - nicht um den Preis, das Leben des Gegners auszulöschen. Doch nun war es geschehen und entsetzt floh er vor dem Ort seiner grauenvollen Tat. Kain, wo ist dein Bruder Abel - so mochten seine Gedanken gewesen sein. Niemals kam er zurück - und niemals hat seit dieser Zeit ein Mensch den Gang betreten. Als die Grabplatte zersprang, war der Gang frei. Doch seit Jahrhunderten war die Treppe hinab unbekannt. Und niemand vermutete unter dem Grab einen Weg hinab. Aber die Krähe war neugierig hineingeschlüpft und hatte die Münzen, die der Unglückliche auf der letzten Schwelle dort verloren hatte, gefunden und heraus geschleppt. Dadurch wurde Robert Crooker auf das Grab aufmerksam und suchte nun systematisch den verlassenen Friedhof ab.

Aber es waren nur wenige Münzen gewesen. Der eigentliche Schatz von Caer Lyonesse war sicher noch hier unten. Kaum anzunehmen, daß ihn ein anderer gefunden hatte und darauf verzichtete, dem Toten das Goldgeschmeide abzunehmen.

Susan mußte sich weiter vorwagen, um das Rätsel von Casterbridge-Hall zu lösen...

***

Der Stollen war nicht besonders lang. Es sah so aus, als ob der Abbau des Goldgesteins nicht in großem Stil vorangetrieben wurde. Irgendwann stand Susan vor einer niedrigen Tür. Klobiges Mauerwerk mit einem grob gearbeiteten Rundbogen umgab sie. Susan wußte noch aus der Schule, daß in dieser Form in England die ältesten Bauwerke errichtet waren. Die Mauer war bestimmt aus der Ritterzeit.

Kein Zweifel. Diese Tür und das Mauerwerk gehörten zur versunkenen Burg von Lyonesse. Der Zufall hatte Susan die Grundmauern der mysteriösen Burg finden lassen, nach denen Generationen von Schatzgräbern vergeblich suchten.

Die Türklinke war völlig in der Feuchtigkeit verrostet. Susan drückte sie vorsichtig hinunter. Sie hörte die Mechanik knacken und dann begann sich die Tür knarrend in den Angeln zu drehen. Eine gähnende Öffnung dahinter glich dem aufgerissenen Tor zur Unterwelt.

Susan hielt den Kerzenleuchter hinein. Die Lichter brannten ruhig. Unbegreiflich. Nach all den Jahrhunderten war hier unten genügend Sauerstoff vorhanden.

Diese Erkenntnis kam Susan trotz ihrer gefahrvollen Situation. Irgendwo mußte es einen geheimen Zugang zu diesen Kellern geben. Ein Ausgang? Oder ein Eingang? Das war die Frage.

Aber Susan wußte, daß sie sich jetzt nicht aufhalten konnte, um über solche Dinge nachzugrübeln. Die Zeit drängte und sie mußte sich beeilen, bevor man sie vermißte und suchte. Nicht auszudenken was geschah, wenn Robert Crooker erkannte, daß sie kurz davor stand, das Geheimnis zu lüften und den Schatz von Caer Lyonesse zu finden.

Dieser Mann schreckte sicher vor keiner Gemeinheit zurück, den Schatz in seinen Besitz zu bekommen. Susan mußte so schnell wie möglich die Gänge durchforschen und zurück sein, bevor Crooker Verdacht schöpfte. Am Abend wollte sie George einweihen und mit ihm beratschlagen, was sie unternehmen wollten. Vorsichtig schritt Susan voran. Das Licht der drei Kerzen spendete einen trüben Schein und erhellte nur ihre unmittelbare Umgebung.

Sie sah verschiedenes Mauerwerk an den Wänden des Ganges. Manchmal war es ein provisorisches Gemisch aus einer Art Betonmörtel, in den Steine und zerbrochene Ziegel eingebacken waren. Susan hatte gehört, daß diese Art, feste Fundamente zu setzen, von den Römern eingeführt wurde. Also war dieser Gang bereits in der frühesten, geschichtslosen Zeit ihres Landes angelegt worden. Susan hatte gehört, daß die Häuser der Reichen hier in Britannien damals auf abgestützten, künstlich angelegten Hohlräumen erbaut wurden. Durch besondere Kamine wurden diese Hohlräume mit warmer Luft gefüllt und das war die erste Art der Fußbodenheizung, die danach vergessen und erst in unseren Tagen auf andere Art wieder entdeckt wurde. Charles Sandford hatte Recht und die alte Überlieferung war keine Sage. Die Burg, die man Caer Lyonesse nannte, war auf den Grundmauern eines alten Römerkastells errichtet worden.

Einige Doppelschritte später fand Susan Grundmauern, die aus unbehauenen Steinen einfach übereinander geschichtet und mit Mörtel verbunden waren. in dieser einfachen Form hatten die Engländer ihre Befestigungsanlagen errichtet als die Römer das Land verließen.

Je weiter sie vorwärts ging umso mehr betrat Susan ein unterirdisches Reich, das seit Jahrhunderten nicht mehr den Atem eines Menschen verspürt und den Schlag seines Herzens vernommen hatte.

An den Seiten des Ganges sah Susan Türen, die in den halb verrosteten Angeln hingen und deren Holz von der Feuchtigkeit vermodert und von den Würmern zerfressen war. Hier unten war also ein Teil der ehemaligen Burg. Es war nicht ein geheimer Fluchtweg nach draußen, sondern hier in diesen Kellern waren Abstellräume und Vorratsräume.

Susan wagte es, mit ihrem Leuchter das Dunkel einiger Kammern zu erhellen. Was sich ihr zeigte, ließ ihren Atem stocken.

In einer Rüstkammer erkannte sie im trüben Licht Waffen und Rüstungsteile aller Art. Das Metall war schwarzbraun vom Rost - aber ein geschickter Restaurator konnte sie vieleicht so wieder herrichten, daß sie zur Zierde eines jeden Museums werden konnten.

Da waren die einfachen Helme der Normannen mit dem Nasenschutz, die Sturmhauben der Angelsachsen und Helme mit Kuhhörnern und majestätisch ausgebreiteten schwarzen Rabenflügeln, wie sie die Wikinger trugen. Das Holz der Schilde wurde nur noch durch die Metallplatten auf der Vorderseite zusammengehalten. Die Malereien und Wappen konnte man nur noch schwach erkennen. das Holz war wurmstichig und das Leder an den  Schilden vom Alter so zermürbt, daß es bei der geringsten Berührung zu Staub zerfiel.

An einem Teil der Wand hingen rostzerfressene Kettenhemden und Teile von Rüstungen, wie sie von den Rittern auf den Kreuzzügen getragen wurden.

Dazu unzählige Schwerter aller Größen, Streitäxte und Morgensterne. Die Langbogen und Lanzen waren so morsch, daß Susan nicht wagte, das Holz zu berühren. Welch ein Fund für die Wissenschaft.

In einem anderen Raum entdeckte Susan Getreidesäcke und Fässer, in denen der Wein sicher zu einer festen Substanz geworden war. Auch alte Möbel, die schon in damaligen Zeiten reparaturbedürftig waren, hatte man hierher gestellt. Dazu Töpfe, Pfannen und Küchengeräte aller Art.

Der Fund von Caer Lyonesse war eine wissenschaftliche Sensation ersten Ranges. Hier konnten die Experten das Leben der Menschen in der Ritterzeit ganz genau studieren.

Ricnard Löwenherz hatte die Burg zwar gestürmt. Doch diesen Teil der Keller hatte er bestimmt nicht gefunden. Sonst hätte er die Waffen mitgenommen. Und der Tote im Gang, der einige hundert Jahre später kam, wollte nur das Gold.

Susan erkannte auf Anhieb, daß die Dinge, die sie hier gefunden hatte, mit Geld überhaupt nicht aufzuwiegen waren.

Susan nahm sich vor, alles zu erforschen. Den Kerzenleuchter emporhaltend ging Susan weiter. Immer neue Wunder entriß das Licht dem geheimnisvollen Dunkel, das wieder entstand, wenn Susan einige Schritte weitergegangen war. Sie sah mächtige Spinnweben an den Wänden, die bei der geringsten Berührung zerfielen. Die Spinnen, die sie schufen, waren längst eingegangen. Hier unten her verirrten sich niemals diese kleinen Insekten, die ihnen zur Beute dienten. Sorgsam achtete Susan darauf, daß diese verrotteten Spinnweben nicht zufällig mit ihren Kerzen in Brand steckte. Schnell konnte alles in Flammen stehen.

Dann fand Susan die verschlossene Tür. Sie war größer als die anderen und etwas Besonderes mußte sich dahinter befinden. Als Susan das Licht hob erkannte sie, daß über der Tür auf den Putz ein roter, feuerspeiender Drache gemalt war.

Ein uraltes Wappentier, das schon der Legendenkönig Artus führte. Und in der Flagge von Wales findet man diesen Drachen. Was mochte hinter der Tür sein, die von diesem geheimnisvollen Symbol gezeichnet war?

Susan zitterte, als sie ihre Hand auf den Riegel legte und ihn unter Aufbietung aller Kräfte zurückschieben wollte.

Da - waren das nicht Geräusche hinter ihr im Gang? Das leise Tappen von Schritten, die sich näherten? Das keuchende Atmen in höchster Erregung?

Susan verharrte einen kleinen Moment. Aber es blieb ruhig. Sie war viel zu aufgeregt, als daß sie sich jetzt wirklich konzentrieren konnte. Alles in ihrem Körper zitterte. Sie mußte sich zusammennehmen. Die Geräusche, die sie gehört hatte, mochte ihr die überreizte Phantasie ins Unterbewußtsein gebracht haben. Ihre strapazierten Nerven spielten ihr bestimmt einen Streich.

Mit einem Ruck legte Susan den Riegel um und es gelang ihr, die Tür so vor¬sichtig zu öffnen, daß Holz und Metall unbeschädigt bleiben.

Vorsichtig betrat sie den Raum und hob den Leuchter, um alles genau sehen zu können.

Dann stieß sie einen leisen Schrei aus. Denn der Anblick, der sich Susan bot war einfach ungeheuerlich...

***

Im Zentrum des Raumes standen drei mittelgroße Schatztruhen. Ihre Schlösser waren erbrochen, die Deckel zurückgelegt und der Blick auf den Inhalt lag offen. Susan erkannte das matte Blinken von Gold und Silber.

Münzen und Geschmeide waren rings um die Truhen geworfen. Der Eindringling, dessen Skelett Susan im Gang gefunden hatte, mußte sie schnell aufgebrochen haben. Er mußte etwas Schreckliches erblickt haben, weil er nur wenig zusammearaffte.

Als Susan den Kerzenleuchter etwas drehte erkannte sie, was den Plünderer erschreckt hatte. Sie selbst schlug sich mit der Hand vor den Mund, um nicht gellend aufzuschreien. Denn der Anblick übertraf alles an Schrecknis, was sie bisher gesehen hatte. Er glich einem gräßlichen Alptraum.

In einer Ecke der Schatzkammer stand ein hoher, mit kostbaren Schnitzereien überladener Thronsessel. Darin hockte die Gestalt eines Mannes in voller Rüstung. Unter dem Helm grinste ein Totenschädel, um den sich die schwarz braune Haut spannte. Der Tote war nicht zerfallen, sondern aus unerklärlichen Gründen zu einer Mumie geworden. Die dürren Finger umspannten noch den Griff des mächtigen Breitschwertes, auf das er sich stützte. Nur die Augenhöhlen waren leer und die fleischlosen Lippen soweit zurückgeschoben, daß man das gelbliche Gebiß grinsend gebleckt sah.

Der Wächter des Schatzes von Caer Lyonesse. Cedric, der Sachse, den niemand wieder gesehen hatte, bewachte noch im Tode den Schatz, den er vor der Habgier-des Königs in Sicherheit gebracht hatte. Sein Ende mußte gräßlich gewesen sein. An seiner Haltung war zu erkennen, daß er dieses Schicksal selbst wählte und mit vollem Bewußtsein in den Tod ging. Als er erkannte, daß die Burg den Rittern des Königs nicht stand halten konnte brachte er den Schatz hier hinab. Ja er dem König Widerstand leistete hatte er von Richard Löwenherz keine Gnade zu erwarten. In seinem Zorn ließ der König gefangene Ritter in eisernen Körben an der Burgmauer aufhängen bis sie verhungert und verdurstet waren.

Susan konnte nicht erkennen, ob der Tote seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte. Alles deutete darauf hin, daß er mit eisernem Willen hier solange ausharrte, bis ihm der Tod als Freund erschien und ihn mit hinüber in jene Welt des Vergessens nahm, die alle irdischen Sorgen und Nöte gering erscheinen läßt. Susan machte unbewußt eine Verbeugung vor dem Toten. Was mußte er in den letzten Stunden seines Lebens alles gefühlt haben?

„Ich werde dafür sorgen, daß du oben auf dem Friedhof ein ordentliches Grab bekommst!“ flüsterten Susans Lippen. „Auch den Toten hinten im Gang werden wir dort beerdigen. So werden eure umherirrenden Geister nach vielen hundert Jahren endlich die Ruhe des Grabes finden!“

„Und ich verspreche dir, daß auch dein Körper auf einem richtigen Friedhof beigesetzt wird, wenn wir dich in einigen Wochen finden!“ hörte sie hinter sich eine bösartig klingende Stimme.

Susan erschrak bis ins Mark. Weniger über die Stimme selbst wie über den mitleidlosen Tonfall. Noch bevor sie sich umdrehte wußte sie, wer ihr gefolgt war. Am liebsten wäre sie davon gelaufen. Aber hier gab es keine Chance zu entkommen.

Als Susan sich umdrehte sah sie, daß die hochgewachsene Gestalt von Robert Crooker die ganze Türfüllung einnahm.

In der Hand hielt er eine Spitzhacke...

***

Susan wich zurück. Obwohl er keine Anstalten machte, sie zu bedrohen, wollte sie doch Abstand zu ihm haben. In seinen Augen erkannte sie ein haßerfülltes Glühen. Das bleiche Gesicht zuckte vor Nervosität.

„Wie kommen Sie denn hierher, Mister Crooker?“ preßte Susan hervor. Mehr viel ihr im Augenblick nicht ein.

„Ich habe alles gesehen und beobachtet!“ Seine Stimme klang gefühllos wie die eines Automaten. „Und meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Manchmal hat eine Frau, die ihren inneren Gefühlen folgt, mehr Glück als ein Mann, der versucht, Dinge mit logischen Überlegungen zu erklären. Dazu gehört auch eine Portion Glück - und die hatten Sie, Susan Evans. Meinen Glückwunsch. Auf die Idee, die Krähe anzulocken, wäre ich nie gekommen. Zufällig Tand ich eine Münze aus der Zeit des Richard Löwenherz hier in der Nähe. Und seit diesem Tage stand für mich fest, daß der Schatz von Caer Lyonesse existierte.“

„Wann haben sie die Münze gefunden?“ preßte Susan hervor.

„Als man Sir John Evans beerdigte!“ Crookers Stimme klang rauh. „Eigentlich wollte ich mich nach dem Begräbnis aus dem Staube machen - aber da bestand eine gewisse Verpflichtung der Verwandtschaft gegenüber, daß ich hier auf dem Gut den Leichenschmaus ausrichtete. Am Abend fand ich dann bei einem kleinen Spaziergang diese Münze. Und seit dieser Zeit will ich, daß Casterbridge-Hall mir gehört.“

„Es wird Ihnen nie gehören, Mister Crooker! Jetzt schon gar nicht mehr!“ stieß Susan hervor. „Auch wenn diese unersetzlichen Dinge dem englischen Staat gehören und der britischen Krone nicht vorenthalten werden sollen, ist es der Grund und Boden von Casterbridge-Hall. Man wird uns eine Entschädigung zahlen. Bestimmt genug, um das Gut von Grund auf zu modernisieren und schuldenfrei zu machen!“

„Es wird mir gehören, Susan Evans!“ klirrte Crookers Stimme. „Denn du wirst tot sein, wenn man dich hier findet!“

Susan erschrak. Diese Worte ließen keinen Zweifel, daß der gewissenlose Schurke vorhatte, sie aus dem Weg zu räumen. Wenn sie starb, dann wurde er automatisch der Erbe von Casterbridge-Hall. In diesem Moment erkannte Susan, daß ihr Leben nicht mehr viel wert war.

Sie wich noch weiter zurück und kreischte, als sie hinter sich Wiederstand verspürte. Als sie sich umdrehte, blickte sie in den grinsenden Totenschädel des mumifizierten Sachsen.

„Sieh ihn dir gut an, Susan Evans!“ Crookers Stimme war ein höhnisches Meckern. „Sein Geist schwirrt hier irgendwo umher. Er wartet, daß du stirbst und deinen Geist mit dem seinigen vereinigst. Sieh ihn dir nur genau an. Denn so sieht der Tod aus, der dich bald in seine knöchernen Arme nehmen wird!“

Susan spürte das kühle Metall des Schwertes an ihren Fingern. Sie sah Crooker mit der Spitzhacke vor der Tür. Sie mußte sich wehren, wenn er versuchte, sie damit anzugreifen.

Entschlossen entwandt sie das mächtige Schwert den Händen des Toten, der die Klinge Jahrhunderte lang ungenutzt gehalten hatte. Mit beiden Händen hob sie die Waffe empor. Hoffentlich konnte sie sich damit verteidigen.

Langsam und bedächtig betrat Robert Crooker den Raum. Die Spitzhacke pendelte in seiner Hand. Aber er griff Susan nicht an.

Was hatte er nur vor? Während Susan imulsiv so weit zurück wich, daß ihr Rücken das naßkalte Mauerwerk berührte, fragte sie sich, wie ihr der Schurke hier unten das Ende bereiten wollte.

Die Erkenntnis kam früher als erwartet.

Denn plötzlich machte Robert Crooker einen raschen Sprung nach vorn - und ergriff den Kerzenleuchter, den Susan abgestellt hatte. Hoch schwang er das Licht über den Kopf. Durch den Luftzug wurden die Kerzenflammen dünn.

„Nein Susan, hab keine Angst!“ keckerte seine Stimme. „Ich werde dich nicht töten - obwohl es leicht für mich wäre. Du stirbst - aber auf andere Art. Wenn ich nach einigen Wochen zufällig den Eingang finde, bist du nicht mehr unter den Lebenden. Und hier unten hört dich niemand rufen. Alle werden glauben, daß du in deiner Neugier und Unwissenheit den Tod gefunden hast wenn du hier gefunden wirst. Niemand wird Verdacht schöpfen!“

„Was haben Sie vor, Crooker?“ fragte Susan und versuchte kein Zittern in ihre Stimme dringen zu lassen.

„Ich werde Sie hier einschließen!“ erklärte Crooker.

„Die Tür werde ich öffnen können. Das Holz ist morsch!“ stieß Susan impulsiv hervor. „Das hält mich nicht zurück!“

„Das hier wird deinen Weg beenden, Susan Evans!“ Robert Crooker hob die Spitzhacke. „Der alte Stollen ist mit einigen Schlägen schnell zum Einsturz gebracht. Einige starke Hiebe und das ganze Gefüge bricht herab. Da kommst du nicht mehr durch. Und einen Ausgang aus diesem Gemäuer gibt es nicht!“

„Sie sind ein Teufel, Robert Crooker!“ fauchte Susan, die in diesem Moment sogar ihre Angst vergaß. „Ich hasse und verachte Sie!“

„Das stört mich nicht!“ lachte er böse. „Andere Frauen werden mich lieben, wenn ich reich bin. Sie werden hier unten sterben. Aber das belastet mich nicht besonders. Das Geld, das ich für den Schatz bekomme, wird mein Gewissen schon besänftigen.“

„Ich habe mich geirrt, Crooker!“ zischte Susan. „Denn vor Ihrer Schlechtigkeit verblaßt selbst die Bosheit und Tücke des Teufels!“

„Ich denke, wir sollten unser Gespräch nun beenden!“ knarrte Crookers Stimme. „Es ist alles gesagt. Vor mir steht in einigen Wochen, wenn wir den Schatz auf ganz legale Weise finden, ein gutes Leben in Reichtum - und vor dir, Susan Evans, gähnt die Schwärze des Grabes. Du wirst dich in dieser Dunkelheit daran gewöhnen. Denn ich nehme die Kerzen mit, weil ich sie benötige, um hinaus zu - finden. Du bleibst in der gestaltlosen Dunkelheit, bis du den Geist aufgibst. Dann ist der Tote hier wenigstens in guter Gesellschaft!“

„Schuft! Elender Feigling!“ stieß Susan hervor. Dieser gemeine Mensch wollte sie im völligen Dunkel dieser Kammer lassen. Sie wußte, daß ihr Todeskampf hier in der Dunkelheit Tage dauern konnte. Crooker wollte sie verhungern und verdursten lassen. Dazu diese grausige Dunkelheit, in der sie früher oder später verrückt wurde. Susan hatte schon als kleines Mädchen Angst vor der Finsternis. Was dieser bösartige Robert Crooker ihr als Schicksal bestimmte, war schlimmer als alle Gemeinheiten, die sich Susan vorstellen konnte.

Susans Finger umklammerten sich um den Griff des Schwertes, als wollte sie sich daran festhalten. Aber sie wußte nicht mit so einer Waffe umzugehen und es war mehr ein Festhalten an einem Gegenstand als das Führer eines Schwertes zum Angriff oder zur Verteidigung.

„Stirb wohl, Susan Evans!“ verklang das höhnische Lachen des bösartigen Mannes, als er Susan die Tür zur Kammer vor der Nase zugeschlagen hatte und den rostigen Riegel vorlegte. Innen hörte Susan sein höllisches Gelächter und die Schritte, als er sich entfernte.

Susan war alleine mit sich, der Angst und der Verzweiflung in der gestaltlosen Dunkelheit...

***

Robert Crooker hatte sich alles ganz genau ausgedacht. Aber er übersah, daß es Mächte gibt, die jeden Übeltäter früher oder später seiner gerechten Strafe zuführen. Crooker ahnte nicht, wie morsch die Balken im Stollen wirklich waren und wie locker das Gefüge darüber aufgebaut war.

Der Schurke sah sich am Ziel seiner geheimsten Wünsche. Er würde fleißig mit suchen, wenn Susan vermißt wurde. Hier unten fand sie niemand - selbst wenn man zufällig den Gang entdecken sollte. Herabgestürzten. Gesteins- und Felsmassen sieht niemand an, wann sie heruntergekommen sind. Wenn jemand den verschütteten Gang fand mußte er annehmen, daß Susan den Einsturz unachtsam verursacht hatte. Crookers Plan war es, in den nächsten Tagenden Gang zu finden und dafür zu sorgen, daß er freigelegt wurde. Dann fand er auch den Schatz und den toten Körper Susan Evans. Niemand würde ihn in Verdacht haben, daß er Susan heimtückisch beiseite geschafft hatte. Alles ein Unglücksfall. Das perfekte Verbrechen, daß die Polizei niemals aufklären konnte. So dachte Robert  Crooker.

Mit diesen gemeinen Überlegungen erreichte er den alten Stollen. Er stellte den Kerzenleuchter einige Doppelschritte weiter in die Richtung des Ausgangs. Ein Teil des Stollens mußte erhalten bleiben, damit er logisch begründen konnte, warum er hier graben wollte.

Crooker nahm die Spitzhacke und holte aus.

„Stirb, Susan Evans! Hinweg mit dir, du Hindernis meines Glücks!“ knirschte er verbissen. Dann schlug er mit aller Kraft zu. Eine ganze Hand breit versank die Spitze im Gefüge der Seitenwände aus Fels und Erde.

Doch als er sie herauszog, kam der Berg nach.

Durch die Erschütterung des Aufpralls gerieten Steine und Erde in Bewegung. Die morschen Stempel und Stützen knickten wie Zündhölzer. Crooker sah, wie sich die ganze Decke wie ein schwarzgraues, von Goldpunkten durchzogenes Leichentuch auf ihn herabsenkte.

Der brüllende Schrei aus seiner Kehle hatte nichts Menschliches mehr.

Es war die Angst eines Lebewesen vor dem unausweichlichen Ende, dem man nicht entkommen kann. Robert Crooker bezahlte für seine bösen Pläne mit dem Höchsten, was er hatte. Mit seinem Leben.

Bis an Susans Ohr drang der grauenvolle Todesschrei des Robert Crooker, der jäh abbrach. Für immer lag der Körper des gemeinen Menschen unter Tonnen von Felsen und Erde begraben. Steine, die von dem Metall durchzogen wurden, für das Crooker zum Verbrecher würde. Ein Leichentuch aus purem Gold.

***

Mit zitternden Fingern entzündete Susan ihr Feuerzeug und hielt die Flamme an den Docht einer Kerze, die sie sich sicherheitshalber in die Jackentasche gesteckt hatte. Die hatte Crooker nicht gefunden und ihr nicht abgenommen: Sein böser Plan, daß Susan sich in der Dunkelheit zu Tode ängstigte, ging nicht auf.

Susan verzichtete darauf, mehr als eine Kerze zu entzünden, wer wußte, wie lange sie damit auskommen mußte. Denn sie wollte auf keinen Fall hier unten untätig sitzen bleiben und das Ende abwarten.

Vielleicht fand sie einen anderen Ausgang. Erst einmal mußte sie hier aus der Kammer. Die Nähe des Toten bereitete ihr mehr als Unbehagen.

Kühl lag das Schwert in ihrer Hand. Die Klinge war zwar vom Rost bedeckt, doch der Stahl schien noch recht stabil zu sein. Wenn sie Glück hatte, konnte sie die Tür damit einschlagen und draußen einen anderen Fluchtweg suchen.

Mit beiden Händen schwang sie die Waffe und schlug sie immer wieder gegen die Tür. Und mit jedem Hieb kam der Erfolg. Ein Splittern und Krachen. Späne und Holzteile lösten sich. Je größer das Loch wurde, umso schneller ging es voran.

Schließlich konnte Susan von innen den Riegel zurück schieben und die Tür öffnen. Sei atmete auf, als sie den unheimlichen Raum mit der schrecklichen, skelettierten Mumie des alten Sachsen verlassen konnte.

Doch gerettet war sie noch lange nicht...

***

„Bedauere! Miß Evans ist weder zum Dinner noch zur Tee-Zeit erschienen!“ erklärte die Köchin, als George Harrods sie ausfragte. „Vielleicht ist sie ausgegangen. Niemand weiß das so genau!“ Mehr konnte die füllige Frau nicht sagen.

Susan Evans und Robert Crooker waren wie vom Erdboden verschwunden. Wobei das Nichtvorhandensein Crookers weder George noch Charles Sandford sonderlich belastete. Sie waren froh, daß dieser unheimliche und zynische Gast für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden war. Niemand von den beiden Männern, die während der Arbeit sich gegenseitig schätzen lernten und an diesem Tag gute Freunde geworden waren, würde ihn vermissen, wenn er für immer abreiste.

George traf Charles Sanford in Susans Arbeitszimmer, als er gerade von einem der Knechte eine Neuigkeit erfuhr.

„Vergessen Sie das so schnell sie können, Ashton!“ hörte George den alten Verwalter sagen. „Machen Sie mir bloß nicht die Arbeiter mit Schauermärchen scheu. Was Sie da von den Geistergesängen unter der Erde erzählen, ist einfach Unsinn. Geister gibt es nicht. Alles hat eine ganz natürliche Erklärung. Haben sie mal was von Höhlen und unterirdischen Flußläufen gehört? Da bricht manchmal der Boden durch. Aber nach einem halben Jahr ist alles von Gras zugewachsen und nach einem Jahr redet niemand mehr davon!“

„Aber Sir! Ich dachte...!“ stammelte der Knecht.

„Soso, Sie dachten, Ashton?“ knurrte Sandford grimmig. „Überlassen Sie das Danken besser den Pferden - die haben einen größeren Kopf. Oder mir - denn ich werde dafür bezahlt. Kein Wort weiter. Wenn ich höre, daß Sie weiter den Leuten solchen Unsinn erzählen, dann holt Sie der Teufel! Nein, noch was Schlimmeres. Dann komme ich persönlich! Und nun empfehle ich Ihnen, zu gehen. Dort drüben hat der Zimmermann das Loch gelassen!“ Damit wies er zur Tür.

Verdattert schob sich Ashton an George Harrods vorbei nach draußen...

***

Susan Evans irrte durch die Gänge. In der linken Hand hielt sie die Kerze hoch über ihrem Kopf empor. Mit der Rechten umklammerte sie das Schwert. Es hatte sich als geeignetes Werkzeug erwiesen. Susan war sicher, damit auch andere Türen zu öffnen, die ihr den Weg nach draußen versperrten.

Die Einsamkeit machte ihr Angst. Und um sich Mut zu machen sang sie alte Lieder, die sie kannte und sehr gern mochte. Volkslieder mit melancholischen Weisen, die ihr gerade in den Sinn kamen. Sie sang sehr laut und das Echo ihres Liedes hallte von den blanken Mauerwänden wieder. Der unsichtbare Geisterchor aus dem innerender Erde, den Ashton gehört hatte.

***

„Was war los, Charles? Was hat der Mann gesagt?“ fragte George Harrods neugierig und angelte sich einen Stuhl. Der alte Verwalter sah ihn an und goß sich einen Whisky ein. George lehnte auf seinen fragenden Blick ab.

„Beim alten Friedhof soll die Erde eingebrochen sein!“ sagte Charles Sandford nachdem er am Glas genippt hatte. „Ashton hatte in dieser Gegend einige Kühe zu melken. Dort soll die Erde an einigen Stellen eingebrochen sein. Die alte Kapelle steht noch. Aber einige Gräber sind abgesackt!“

„Sicher unterirdische Hohlräume, wie du gesagt hast!“ nickte George. „Nichts Besonderes in dieser Gegend. Und Ashton sieht darin nun das Wirken böser Geister. Oder wie soll ich das verstehen?“

„Die Sache ist komplizierter, als wir vielleicht glauben, George!“ meinte Sandford. „Hast du erfahren, wo Miß Evans ist?“

„Niemand hat sie gesehen. Und Crooker auch nicht!“ sagte George mit einer Vorahnung in der Stimme. „Denkst du etwa…!“

„Ich denke gar nichts!“ knurrte Sandford. „Ich richte mich nach den gegebenen Tatsachen. Ashton hat Stimmen gehört. Stimmen unter der Erde!“

„Susan!“ stieß George brüchig hervor. „Ist sie... verunglückt?“

„Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben!“ sagte Charles Sandford. „Aber Ashton glaubt fest, daß diese Stimmen aus dem Innern der Erde dringen. Der Gesang aus dem Totenreich. Der Klagegesang der Geister, die unsichtbar über den alten Gräbern schwebten, in denen ihre zerfallenen Körper ruhten. Die Leute in dieser Gegend sind sehr abergläubisch!“

„Und warum soll er nichts erzählen?“ fragte George.

„Bis jetzt hat noch niemand zur Kenntnis genommen, daß Susan Evans und Robert Crooker verschwunden sind!“ erklärte Sandford und trank das Glas leer. „Aber wenn das bekannt wird, dann glaubt jeder, daß es Susans Stimme ist, die aus dem Totenreich herüberdringt. Und sie glauben, daß jemand, der den Gesang der Toten vernimmt, ihrem Lied folgen muß. Er ist rettungslos verloren und muß sterben. Denn Liedern der Toten kann man nicht entgehen. Wenn sich das erst einmal herumspricht, dann verbreitet es sich wie ein Lauffeuer. Und dann fliehen die Leute von hier und kehren nie zurück. Was das zur Zeit der Ernte bedeutet, brauche ich nicht zu sagen. Und von den umliegenden Farmen traut sich dann auch keiner mehr nach Casterbridge-Hall. Dieser verdammte Aberglaube ist in den Leuten zu tief verwurzelt!“

„In diesem Fall ist unsere Zusammenarbeit mit der Farmer-Genossenschaft erledigt!“ seufzte George. „Dann werden sie ihre Maschinen nicht hierher bringen. Und wenn uns die Leute weglaufen, dann verfault uns das Korn auf dem Halm. Wir müssen was unternehmen!“

„Ich schlage vor, wir suchen Susan heimlich!“ sagte Sandford nach einer Weile. „Ich werde hinübergehen und die Leute beruhigen, indem ich erzähle, daß Susan am Nachmittag nach Exeter aufgebrochen sind, um etwas Juristisches zu klären. Das werden sie akzeptieren. Du siehst dir den Einbruch der Erde mal genauer an. Nimm Cora mit. Die Bernhardiner-Dame ist zwar schon alt - aber wenn sie Susans Witterung in der Nase hat, dann wird sie ihre Spur sicher finden!“

„Ein guter Einfall!“ lobte George. „Sie hat sich mit dem Hund angefreundet und ich denke, daß uns Cora tatsächlich auf den richtigen Weg bringen kann. Ich werde heimlich einen Spaten und einen Pickel aus dem Werkzeugschuppen mitnehmen. Diese Stimmen aus dem Totenreich - das können auch Hilferufe sein. Vielleicht hat Susan etwas gefunden, was bisher vergeblich gesucht wurde. Es müssen keine natürlichen Höhlen oder unterirdische Flußläufe gewesen sein, die bei der alten Kapelle zusammengebrochen sind!“

„Du willst doch nicht sagen, daß Susan zufällig die versunkene Burg gefunden hat!“ brauste Charles Sandford auf.

„Lassen wir uns überraschen!“ sagte George Harrods und verließ den Raum.

Er ging zu Susans Zimmer und fand auf Anhieb ein Kleidungsstück, daß sie getragen hatte. Das genügte für den Hund, um Witterung aufzunehmen.

Aus dem Schuppen nahm sich eine Pickel, einen Spaten und eine Stallaterne, die mit Petroleum gefüllt war. Dazu einen Strick, an dem er den Hund führen konnte.

Cora war nicht besonders erfreut, aus dem vorgezogenen Schlaf gestört zu werden. Mit schwerfälligen Bewegungen verließ der Hund schnaufend die Hütte. George hielt ihr das Kleidungsstück unter die Nase und ließ Cora Witterung aufnehmen. Der Bernhardiner schüffelte und schnaufte.

„Such, Cora!“ befahl George. „Such, mein braver Hund!“

Cora schien auf Anhieb zu begreifen. Sie trottete in die Mitte des Hofes. Genau dort, wo Susan am Tage den Spiegel abgelegt hatte.

George sah, wie die Hündin einige Male dort schnüffelte, um die Witterung zu erfassen. Dann lief Cora, die Nase tief auf den Boden gesenkt, los. Die Leine straffte sich. George wurde von dem mächtigen Hund mitgezogen.

So schnell er konnte, paßte er sich dem Tempo der Bernhardinerhündin an, die im schnellen Trab in Richtung des alten Friedhofs lief...

***

Susan Evans war verzweifelt.

Sie hatte alle Gänge und das Mauerwerk der versunkenen Burg genau untersucht. Aber alle Gänge endeten plötzlich im Mauerwerk. Auch der Hauptgang von dem sie annahm, daß er zu einem verborgenen Ausgang führte.

Irgendwann stand sie vor einer Mauer, die nicht zum Gefüge des Ganges passen wollte. Grobe Feldsteine aller Größen waren hier unregelmäßig aufgeschichtet und mit Mörtel verbunden. Diese Mauer mußte in großer Hast aufgerichtet worden sein.

Susan ahnte nicht, daß diese Mauer erklärte, warum der Schatz von Caer Lyonesse niemals gefunden wurde und Richard Löwenherz in seinem Wutrausch die Burg dem Erdboden gleichmachen ließ, anstatt sie, wie er es sonst tat, als seine eigene Festung zu übernehmen und auszubauen.

Als Cedric der Sachse, erkannte, daß sich die Burg nicht halten konnte, schaffte er selbst den gesamten Schatz hinab in die Kellergewölbe. Während die Verteidiger auf den Mauern schliefen und den letzten Kampf im Morgengrauen erwarteten, trug dieser eisenharte, kräftige Mann die schweren Truhen hinab in den Keller. Dann schaffte er Steine und Mörtel in die Tiefe. Er wollte weder den Schatz, noch sich selbst in die Hände des Königs fallen lassen. Mit eigenen Händen vermauerte er den Gang so, daß man ihn von der anderen Seite nicht mehr erkennen konnte. Dann setzte sich der starrköpfige Sachse neben den Schatz und wartete, auf sein Schwert gestützt ab, bis der Tod kam.

Daher wurde weder der Schatz noch Cedric, der Sachse, jemals wieder gesehen. Und der Schatz von Caer Lyonesse blieb eine Legende.

Verzweifelt irrte Susan durch die Gänge. Auf der einen Seite war der ganze Stollen heruntergebrochen. Unmöglich, sich durch die Erde zu wühlen, die immer aufs Neue nachrutschte.

Susan beobachtete die Flamme der Kerze. Sie wehten immer in die Richtung, in der die Mauern aus der Römerzeit lagen. Von hier drang frische Luft in den Gang, die es ihr ermöglichte, weiter zu leben. Irgendwo befanden sich Öffnungen im Mauerwerk, durch die Luft hier hinab dringen konnte. Durch die Erde des zerbrochenen Stollens drang ebensowenig Luft wie durch die Mauer auf der anderen Seite.

Susan faßte sich ein Herz. Es galt, jede Möglichkeit der Befreiung zu nutzen, solange sie noch Kraft hatte. Gas schauerliche Gerippe der Totengestalt des alten Sachsen stand wie ein gräßlicher Alpdruck vor ihren Augen. Sie wollte nicht so sterben. Sie wollte um ihr Leben kämpfen.

Jetzt stand sie vor den seltsamen Mauern aus der Römerzeit. Sie waren faßt zweitausend Jahre alt und immer noch stabil. Susan ärgerte sich, daß sie sich nicht mehr mit dieser Epoche beschäftigt hatte. Sonst hätte sie vielleicht her einen Weg hinaus gefunden. Innerlich zwang sie sich zum ruhigen Nachdenken.

In dem Gang waren verschiedene Öffnungen, gerade so groß, daß sich ihr schlanker Körper hindurch winden konnte. Wenn ihre Vermutung mit der Fußbodenheizung des Römerhauses stimmte, dann waren dies die uralten Feuerschächte, wo Sklaven im Schweiße ihres Angesichtes Holz verbrannten und mit Blasebälgen dafür sorgten, daß die heiße Luft nach oben unter den Fußboden gedrückt wurde.

Das konnte nur bedeuten, daß es nach diesen Feuerstellen weiter ging. Und zwar aufwärts - bis unter die Decke, die damals den Fußboden darstellte.

Susan leuchtete mit der Kerze in die dunkle Höhle, vor der sie gerade stand. Sie war kohlschwarz und roch muffig. Doch die Kerzenflamme neigte sich sofort nach innen hinein. Für Susan ein Zeichen, daß dort hinten eine Öffnung war, durch den die frische Luft zu ihr hinabdrang.

Sie mußte es versuchen. Eine andere Chance hatte Susan nicht mehr. Auch wenn sie sich in diesem engen Loch mehr als schmutzig machte.

Susan schob sich mit elastischen Körperdrehungen in den engen Feuerschacht hinein, der nach oben führte. Sie verbiß den Schmerz, wenn flüssiges Wachs der brennenden Kerze auf ihre Handfläche tropfte. Es war der einige Weg aus ihren unterirdischen Gefängnis, der nach oben führte...



***

    

Coras dumpfes Bellen ließ fast den Boden erbeben. George sah, daß sie in ein Loch hineinsprang, in das ein altes Grab versunken war. Als er näher nerankam sah er die Treppe, die. nach unten rührte.

Nachdem er ungefähr fünfzehn Stufen in der Tiefe war, sah er den mächtigen Bernhardiner, der mit beiden Vorderpfoten mächtig in der Erde wühlte. Hier war der Eingang zusammengebrochen.

„Susan!“ flüsterte George tonlos. Kein Zweifel. Susan Evans war hier durchgegangen und durch den Einbruch der Erde verschüttet worden. Cora hatte sie gefunden.

Eine eisige Hand schien nach Georges Herz zu greifen. Die Angst, daß Susan dort unten verschüttet war ließ ihn aufstöhnen.

Er griff zum Spaten und schaufelte wie ein Rasender die Erde beiseite. Das Knirschen der Erde vermischte sich mit seinem keuchenden Atem.

Doch es war wie die Bemühungen eines Knaben mit Eimer und Schaufel, die zum Bau einer Sandburg taugen, einen Deich gegen die heranrasenden Sturmfluten zu errichten. Für jede Schaufel Erde, die er fortschippte, floß die dreifache Menge nach. Ein Mann alleine hatte keine Chance, durchzukommen.

Dennoch arbeitete George Harrods, daß sein Atem keuchte und der kalte Schweiß in nassen Bächen über seine Stirn lief.

***

Susan hatte Angst in der Dunkelheit. Die Kerze zeigte um sie herum nur gestaltlose Schwärze. Durch diesen Schacht war in der Römerzeit nur Rauch und Ruß hindurchgeflogen und hatte sich mit dem Mauerwerk zu einer Einheit verbunden. Für Susan war es ein Tunnel, der nicht enden wollte. Sie schaffte es gerade, ihren schlanken Körper durch den schmalen Kamin hindurch zu winden.

Die Enge und die Einsamkeit machten ihr zu schaffen. Am liebsten hätte sie geschrien und getobt. Aber wer konnte wissen, ob sie nicht dadurch mehr zum Einsturz brachte.

Singen! Das hatte eben schon geholfen. Das lenkte sie ab und diente dazu, ihr Inneres abzureagieren. Wenn sie sich ihren dumpf brütenden Gedanken hingab und den Todesängsten, dann mußte sie irgendwann überschnappen.

Während sich Susan weiter vorarbeitete, begann sie, wieder die alten, melancholisch klingenden Volkslieder aus dem Süden von England zu singen...

***

Ruckartig hob Cora den massigen Schädel und lauschte in die Stille.

Ein erstauntes 'Wuff', dann sprang sie mit weiten Sätzen die Treppe empor.

George wurde fast umgerissen, als der Bernhardiner an der Leine zog.

Cora war aufgeregt. Immer wieder warf sie den Kopf hoch, um sich zu orientieren. Dann lief sie wieder einige Schritte weiter.

George Harrods wußte mit dem Benehmen der Hündin nichts anzufangen. Aber er beschloß, nachzusehen, was den Hund so erregte. Mit raschem Griff packte er Pickel, spaten und Taschenlampe und lief hinter Cora her.

Und dann hörte er es ebenfalls. Leise, verwehend wie aus einer anderen Welt herüberdringend. Ein ferner Gesang in seltsamen Melodien.

Cora schnüffelte auf dem Boden. George legte sich hin und legte sein Ohr gegen die Erde.

Tatsächlich. Dieser Gesang kam von unten. Aus dem Inneren der Erde.

Neben ihm begann Cora wie rasend zu graben. Grasfetzen wurden von ihren scharfen Zähnen herausgerissen und die Vorderpfoten wühlten schwarzbraune Erde hinter sich. Der Bernhardiner war völlig erregt und wühlte sich schnell tiefer. Bevor ihm George zu Hilfe eilen konnte, hörte er wieder das erstaunte 'Wuff', mit dem Cora Erstaunen zeigte.

George leuchtete mit der Taschenlampe - und erkannte, daß Cora auf ein Fundament mit kleinen Steinchen gestoßen war. Seine Hände wühlten in Gras und Erde. Dann sah er, daß hier, eine Handbreit unter der Grasnarbe, sich ein Fußbodenmosaik aus der Römerzeit befand. Der Fußboden eines Hauses.

Ganz deutlich war jetzt der unterirdische Gesang zu vernehmen.

„Susan!“ stieß George hervor. Dann nahm er den Spaten, drehte ihn um und klopfte mit dem Stiel gegen das Fundament.

„Susan!“ flüsterten seine Lippen. „Susan! Melde dich! Bitte..."

***

Als Susan aus weiter Ferne das dumpfe Pochen hörte, erschrak sie entsetzlich. Was dies der Knochenfinger des Todes, der sie an ihre Sterblichkeit erinnern wollte? Oder suchte man sie?

Ihr Gesang verstummte und Susan lauschte in die Stille. Da... da war es wieder, das Klopfen. Kein Zweifel. Man suchte ihre Spur.

Jetzt war Susan froh, das Schwert des toten Sachsen mitgenommen zu haben. Mit aller Kraft hämmerte sie mit dem Knauf gegen die Decke.

Drei Mal schlug sie mit aller Kraft.

Und drei Mal wurde ihr von oben geantwortet.

Susan weinte vor Freude und Glück...

***

Susan erkannte, daß es keinen Sinn hatte, durch Klopfen Lebenszeichen von sich zu geben. Sie mußte weiter und die Stelle finden, wo der Schacht an die Luft kam. Hier mußte sich eine Öffnung finden, die man so verbreitern konnte, daß sie sich hindurch winden konnte. Wer wußte, wie stabil die Decke über ihr war. Wenn man versuchte, zu ihr durchzubrechen bestand die Gefahr, daß sie vom Deckengefüge verschüttet wurde.

Susan biß die Zähne zusammen. Die Rettung war nahe, aber die konnte sich nicht nur darauf verlassen, daß sie hier herausgeholt wurde. Sie mußte selbst kämpfen und mithelfen.

Wie eine Schlange drehte sie ihren Körper durch die enge Röhre des Kamins. Wenn sie neue Kräfte schöpfen mußte, dann gab sie mit dem Schwertknauf Klopfzeichen, die sofort beantwortet wurden.

Es schien für Susan eine halbe Ewigkeit zu dauern. Aber dann sah sie, wie sich das Schwarz des Ganges langsam veränderte. In der Ferne war ein schattenhaftes Grau zu erkennen. Und Susan wußte, daß es der Nachthimmel war.

Sie hatte es geschafft...

***

Mit Pickel und Schaufel ging George vorsichtig daran, den Spalt zu erweitern, aus dem ihn Susans Stimme anrief. Es war eine kopfgroße Öffnung, durch die in den Tagen der Römer die Heißluft unter den Fußboden mit dem Mosaik gelangte.

Von innen unterstützte Susan seine Arbeit mit der Schwertklinge. Immer größer wurde die Öffnung. Schon konnte Susan George erkennen, der alles seine Kräfte anstrengen und ständig den Bernhardiner beiseite schieben mußte. Mit ungestümer Wucht wollte Cora ihm unbedingt beim Graben helfen.

Schließlich war die Öffnung groß genug. George ergriff Susans Hände und zog sie vorsichtig hinaus. Mit Drehungen ihres Körpers half Susan, so gut es ging. Sie war schwarz vom Ruß der Jahrtausende wie ein Bergmann, der unter Tage gearbeitet hat. Aber das störte George in diesem Moment überhaupt nicht.

Aufjubelnd warf sich Susan in seine Arme. Sie spürte, wie seine Lippen mit den ihren zusammenflossen. Doch die Freude wurde abrupt unterbrochen. Der Stoß traf sie unvorbereitet. Eine unheimliche Gewalt riß Susan von den Füßen. Entsetzt schrie sie auf, als sie zu Boden ging. Sie sah, wie George zur Seite taumelte. Dann war es über ihr. Groß, gewaltig - und haarig. Etwas entsetzlich Nasses fuhr über ihr Gesicht. Die rauhe Zunge eines mächtigen Hundes.

Ein ausgewachsener Bernhardiner hat seine ganz eigene Art, seine Freude zu zeigen...

***

Sie schlichen sich heimlich zurück nach Casterbridge-Hall. Susan duschte sich und kleidete sich um. George ging hinüber zum Haus, wo Charles Sandford sich mit den Landarbeitern unterhielt und mit ihnen Tee trank. Er bat ihn kurz nach draußen und informierte ihn über die wichtigsten Dinge. Die Leute waren noch überängstlich. Doch nach einer halben Stunde holte George Susan herüber. Sie erzählte, daß sie in Exeter gewesen sei und das Märchen mit den juristischen Formalitäten, das Charles Sandford bereits erzählt hatte, wurde geglaubt. Die Wahrheit durfte zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt werden.

Sonst wären sicher noch einige von ihnen in der Nacht auf Schatzsuche aufgebrochen. Und genau das durfte nicht sein. Alleine das Mosaik, dessen Fragmente Cora ausgegraben hatte, war für die Wissenschaft von unersetzlichem Wert. Hier war der Weg für Abenteurer und Schatzgräber zu Ende.

Was nun kam, erforderte erfahrene Archäologen...

***

Am nächsten Tag fuhren Susan und George nach Exeter, während Charles Sandford die Landarbeiter auf den entferntesten Acker schickte und selbst mit Cora an der Leine diskret die Stellen bewachte, wo es hinunter in die unterirdischen Gänge ging. Susans Erzählungen wurden im Museum von Exeter erst kein Glaube geschenkt. Es klang alles zu phantastisch. Doch als sie aus einer Stoffhülle das Schwert des alten Sachsen wickelte und langsam auf den Schreibtisch des Museumsdirektors legte, fuhr er vom Stuhl empor. Einige Telefongespräche nach London, dann war alles klar. Am Abend rückte Polizei an und riegelte das Gebiet um den alten Friedhof vollständig ab.

Am Morgen darauf kamen nicht nur geschulte Archäologen sondern auch ein Vertreter der britischen Krone, um die Formalitäten zu erledigen. Aber davon bekamen Susan und George nichts mehr mit. Susan hatte Charles Sandford bevollmächtigt, in ihrem Sinne zu handeln. Der alte Verwalter verdiente volles Vertrauen.

Als die Wissenschaftler wie ein Heuschreckenschwarm in Castebridge-Hall einfielen, waren sie schon unterwegs nach Plymouth.

Sie wollten auf dem nächsten Kreuzfahrschiff, das abging, eine Passage buchen und sich vom Kapitän auf hoher See trauen lassen. Susan wollte nach den schreck¬lichen Erlebnissen unbedingt was anderes sehen als Castebridge-Hall und englischen Herbstnebel. Nach der Kälte und Dunkelheit dürstete es sie nach Helligkeit und Sonne. Es gelang ihnen, auf dem Kreuzfahrerschiff 'Aurora' noch zwei Stunden vor der Abreise nach Gibraltar eine Passage zu buchen.

Als die 'Aurora' den Golf von Biskaya durchpflügte, wurde Susan Evans Missis Susan Harrods. Der Kapitän des Schiffes hatte ihre Story gehört und freute sich, zwei junge Menschen wie Susan und George trauen zu können.

***

Mit Gläsern, in denen Champagner perlte, standen Susan und George an der Reeling der 'Aurora' und sahen, wie der Glutball der Sonne in den Fluten des westlichen Ozeans versank. Susan spürte, wie George seinen Arm leicht um ihre Hüfte gelegt hatte und genoß die Wärme seines Körpers.

„Wir werden viel Arbeit haben!“ sagte George nachdenklich. „Das Geld, was wir bekommen ist zwar kein wirklicher Ersatz für den Wert des Schatzes - doch es wird vollauf genügen, uns in die Genossenschaft der Farmer einzukaufen und auch noch einige Maschinen zusätzlich zu beschaffen. Auch die notwendigen Renovierung des Hauses können wir bezahlen. Die Straße nach Casterbridge-Hall und die Brücke über die Furt baut uns der englische Staat kostenlos. Die wird gebraucht, weil in den nächsten Jahren die Archäologen auf Casterbridge-Hall jede Menge zu tun haben. Das wird viel Arbeit...!“

„...von der wir jetzt noch nicht reden sollten!“ Susan legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen. „England, Casterbridge-Hall, die versunkene Burg von Caer Lyonesse, das liegt so weit und so tief... wie der unglückliche Robert Crooker unter der Erde verborgen ist. Laß uns nicht dran denken, was Morgen ist, George. Das heute zählt. Vergiß nicht, daß wir heute Mann und Frau geworden sind!“

Damit nahm sie einen Schluck vom Champagner. George sah sie an. Dann trank er sein Glas leer und schleuderte es in die See. Susan warf ihr Glas hinterher.

„Gut, daß du mich dran erinnerst!“ rief George lachend. „Der Hochzeitstag neigt sich - und die Hochzeitsnacht dämmert herauf!“ Damit ergriff er Susan und hob sie empor. Mit seinen starken Armen trug er sie zu ihrer gemeinsamen Kabine der Luxusklasse.

Susan lehnte sich an seine breite Brust und lächelte selig. Sie spürte seinen zärtlichen Kuß, als sie die Kabine erreichten. Dann trug er sie über die Schwelle.

Für Susan war es, als ob er sie damit in ein anderes Leben hinüber brachte. Ein Leben, das sie gemeinsam führen würden. Das von Liebe und Zärtlichkeit bestimmt war. Unheimliche Gefahren hatten ein Band zwischen ihnen geknüpft, daß durch nichts in der Welt mehr zerrissen werden konnte.

Als George sie küßte spürte sie, daß sie zu ihm gehörte... für immer...

Ende

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