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Coco und der Todessarkophag - ein Coco Zamis-Jugendabenteuer von Neal Davenport

Ein RomanCoco und der Todessarkophag
Ein Coco Zamis-Jugendabenteuer

Da mir die Coco Zamis-Jugendabenteuer vom Zaubermond-Verlag aus diversen Gründen nicht gefielen und die Romane der Dämonenkiller-Zweitausgabe für den Zaubermond-Verleger Dennis Ehrhardt nicht veröffentlichungswürdig waren, habe ich einfach die Kurt Luif-DK-Zweitausgabe Nr. 164 »Der Todessarkopharg«  und den Rest der Munante-Story aus Dämonenkiller-Nr. 168 umgeschrieben und so entstand ein ›neues‹ Coco Jugendabenteuer.


Diese habe ich dann an Kurt Luif gesandt und er wiederum schickte es am den Zaubermond-Verlag, leider wollte es der Verlag nicht, nachzulesen im Artikel »Eine verschenkte Chance vom Zaubermond-Verlag«.

Deshalb präsentierte ich das Manuskript heute am 3. Todestages von Kurt Luif.

Viel Spaß beim Lesen.

Coco und der Todessarkophag
Meine liebe Feuerschwester, nun habe ich mich endgültig entschlossen: Tod und Verderben kommt auf Coco Zamis zu. Coco Zamis, die mir vor Monaten einen üblen Streich spielte, wird sterben. Für sie gibt es kein Entkommen.

Asmodi ist alt geworden und seine Schwäche wird immer deutlicher. Im Augenblick ist er wieder mal sehr überheblich, aber er befolgt meine Ratschläge.

Das Leben auf der Erde ist langweilig, meine Feuergefährtin.

Auch die Schwarze Familie ödet mich an. Ich sehne mich nach dir und den Freunden, doch ich habe diese Aufgabe übernommen, und was bedeuten schon ein paar Jahre Trennung?

Zakum entbietet dir die Freundschaft des Feuers.

***


Hermano Munante entstammte einer unbedeutenden Sippe der Schwarzen Familie. Es waren Hexenmeister, die ihre Alchimistenküchen kaum verließen, und sich um die Menschheit nicht kümmerten.

Aber der junge Hermano war ganz aus der Art geschlagen. Die Grundbegriffe der Magie hatte er rasch gelernt, doch es langweilte ihn, seine Zeit in den muffigen, fensterlosen Räumen zu verbringen und seiner Meinung nach unsinnige Experimente nachzuvollziehen.

Fechten und Reiten, das war ganz nach seinem Geschmack. Stier- und Hahnenkämpfe regten ihn an. Er fand Gefallen am spanischen Wein, entdeckte die Freuden, die eine erfahrene Dämonin bieten konnte, und entfremdete sich immer mehr seiner prüden Familie.

Sein sittenstrenger Vater hielt ihn für einen Taugenichts und Tunichtgut, doch diese Meinung störte Hermano herzlich wenig. Er besuchte weiter die Feste der Familie, und wurde als Geheimtip unter den schon ein wenig bejahrten Hexen gehandelt, die seine Aufmerksamkeiten durchaus zu schätzen wußten.

Doch dies gefiel einigen der gehörnten Ehemänner nur wenig. Sie entrüsteten sich über diesen entarteten Zauberlehrling und sprachen bei seinem Vater vor. Dessen zornige Vorhaltungen beeindruckten Hermano überhaupt nicht, denn ungeniert führte er sein lasterhaftes Leben weiter. Er verdrehte einigen jungen Dämoninnen den Kopf und erstach im Duell einen spanischen Granden, der einer der engsten Vertrauten von König Karl III. war.

Nun schleppten sie ihn vor ein Tribunal, brachten ihre Beschuldigungen vor und beachteten Hermanos Einwände nicht.

Beifälliges Zischen begleitete den Urteilsspruch, der da lautete: Verbannung auf Lebenszeit!

Ehe sich Hermano noch von diesem Schock erholen konnte, wurde er in einen todesartigen Schlaf versetzt und auf eine eben auslaufende Galeone gebracht, deren Ziel die Neue Welt war.

Elf Tage später wachte er in der Kajüte des Kapitäns auf.

Grollend las er den Abschiedsbrief seines Vaters, zerriß ihn und verwünschte seine Sippe und ganz Spanien.

Bald schon hatte sich Hermano von seinem Schrecken erholt, und seine Laune besserte sich ein wenig, als er feststellte, daß ihm seine Sippe zum Abschied eine große Seekiste hinterlassen hatte, die voll gefüllt mit Kleidern, magischen Plunder, Waffen und Goldstücken war.

Das altersschwache Schiff war vollgestopft mit hoffnungsfrohen, einfältigen Siedlern, die sehnsüchtig das Ende der Fahrt erwarteten. In ihrer Begleitung befand sich auch eine Hundertschaft Beamter, die den neueroberten Kontinent verwalten sollten.

Das Schlingern des Schiffes war für Hermano zermürbend, das Essen war abscheulich und die Nähe der Menschen nahezu unerträglich. So verbrachte er auch die meiste Zeit in der Kapitänskajüte und vertrieb sich die Zeit mit dem Studium der Bücher und Karten seiner neuen Heimat.

Besonders die frisch gedruckte Karte mit den Grenzen der Kolonialbereiche faszinierte ihn. Ganz im Norden zeigte die Küste Alaskas die Farbe der Russen, das riesige Kanada gehörte den Engländern. Das darunter liegende Gebiet war heftig umkämpft, doch dann war das spanische Hoheitsgebiet zu sehen: Das gewaltige Vizekönigreich Neuspanien mit Mexiko, das Vizekönigreich Neugranada, zu dem Venezuela gehörte. Peru war das dritte spanische Königreich, das bis zum Süden Chiles reichte. Jenseits der Kordilleren, bis zum Atlantischen Ozean, lag das vierte der Vizekönigreiche: La Plata. Jedoch den größten Raum Südamerikas, vom englischen und französischen Guayana bis hinab zum 33. Grad südlicher Breite, nahm das portugiesische Brasilien ein.

Ihr Ziel war Puerto de Nuestra Senora Santa Maria del Buen Aire, im Volksmund kurz als Buenos Aires bezeichnet. Jenen Hafen steuerten sie an.

Am 8. Februar 1778 gingen sie in der La-Plata-Mündung vor Anker, und Hermano Munante musterte entsetzt diese Ansammlung erbärmlicher Häuser. In dieser schäbigen Hauptstadt residierte Don Pedro de Cevallos, der Vizekönig von La Plata.

Ein paar Stunden später schlenderte Hermano verbittert durch die schmalen Gassen und dachte voller Wehmut an Madrid zurück. Mißtrauisch beobachtete er die Bevölkerung. Die Mestizen und Indianer stießen ihn ab, und die laut brüllenden, seltsam gekleideten Gauchos flößten ihm Respekt ein. Die wabernde Gluthitze ließ ihn nach Luft japsen.

Er überquerte die Plaza de Mayo und fand unweit des Rathauses eine Kaschemme, in der er sich vorerst einquartierte.

Überraschend bald gewöhnte er sich an die hohe Luftfeuchtigkeit und die schier unerträgliche Hitze. Tagsüber verließ er kaum sein Zimmer, doch bei Einbruch der Dunkelheit durchwanderte er die Stadt und besuchte die unzähligen Kneipen.

Hermano schätzte, daß etwa 20.000 Menschen in der Stadt wohnten, hauptsächlich handelte es sich dabei um Kreolen, also in Amerika geborene Weiße. Mestizen und reinrassige Indianer bildeten eine unwichtige Minderheit, und Mulatten und Zambos gab es überhaupt keine.

Was ihn aber sehr verwunderte, war die Tatsache, daß er nirgends auf eine dämonische Ausstrahlung gestoßen war. Das kam ihm höchst merkwürdig vor, denn er wußte ganz genau, daß unter den Eroberern einige Mitglieder der Schwarzen Familie gewesen waren.

Am fünften Tag nach seiner Ankunft in Südamerika wankte Hermano Munante aus einem Lokal. Mißmutig starrte er den wolkenlosen Himmel an, und die Sehnsucht nach seiner verlorenen Heimat wurde schier unerträglich.

Plötzlich nahmen seine Sinne eine lange vermißte Ausstrahlung auf. Augenblicklich wurde er nüchtern. Es roch nach Schwarzer Familie, ein Geruch, der für ihn unverkennbar war.

Er blieb stehen, und sein Blick fiel auf eine hochgewachsene Gestalt, die an einer Hauswand lehnte, eine dünne Zigarre rauchte und vollkommen entspannt und ruhig war. Hermano nahm die Impulse auf, die Freundlichkeit verbreiteten.

Der Magier war ganz in Schwarz gekleidet. Er bewegte sich nicht, als Hermano langsam auf ihn zuschritt. Nun hatte er Gelegenheit, das Gesicht des Fremden zu betrachten. Es war schmal, mit auffallenden Pigmenten - großen Muttermalen gleich. Das Haar war vorne kurz geschnitten und fiel hinten in weichen Wellen fast auf die breiten Schultern. Blondes Haar und blaue, fast funkelnde Augen. Irgendein Nordeuropäer, überlegte Hermano.

Der Gringo wandte langsam den Kopf, warf die glühende Zigarre in den Staub, und musterte ihn durchdringend.

"Ich habe mich ein wenig verspätet, Hermano Munante", sagte der Dämon mit wohlklingender Stimme.

"Wer bist du, Herr?" fragte Hermano überrascht.

"Vielleicht hast du schon einmal meinen Namen gehört", antwortete der Hexer. "Gereon. Elia Gereon."

Für ein paar Sekunden war Hermano sprachlos. Mit der Hierarchie der Schwarzen Familie war er nur wenig vertraut, doch von einem Dämon, der den Mut hatte, den Vornamen eines Propheten zu wählen, hatte er natürlich gehört.

"Ja, ich habe von dir gehört", Herr", antwortete Hermano.

"Mein Haus ist dein Haus, Hermano", sagte Elia Gereon.

Das Tor glitt zurück, und der Magier machte eine einladende Geste.

Neugierig geworden, kam Hermano näher, schritt furchtlos an Elia Gereon vorbei und trat ein. Der junge Zauberlehrling war äußerst neugierig, was dieser bekannte Dämon von ihm wollte.

Geräuschlos schloß sich das Tor, als Elia Gereon neben ihm stehenblieb. Faustgroße Kugeln glühten in allen Farben des Spektrums und schufen eine einschmeichelnde Atmosphäre, die Hermanos angespannte Nerven beruhigten.

Elia Gereon geleitete den verwirrten Hermano durch den riesigen Raum, der vollgefüllt mit indianischen Kunstwerken war. An einem achteckigen Tisch nahmen die beiden Platz.

"Darf ich dir etwas anbieten, Hermano?"

"Nein, danke. Vielleicht später, aber ich bin noch immer zu überrascht, dich am Ende der zivilisierten Welt zu treffen."

"Diese Welt war nicht unzivilisiert, mein Freund", belehrte in Gereon sanft. "Die Spanier trafen auf Kulturen, die sie nicht verstanden, und schon gar nicht die Geistlichen in ihrer Begleitung, für die alles ein Werk des Teufels war. Die Indianer stellen kaum mehr eine Gefahr dar, da konnten auch die Revolten 1730 in Paraguay und 1750 in Caracas nichts ändern. Weitere Aufstände werden folgen, die nichts einbringen werden. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da wird die Macht der Spanier sich wie eine zerplatzende Seifenblase auflösen. Dir wird in diesem Kampf eine entscheidende Rolle zufallen."

Hermano schwieg ziemlich lange. "Kannst du in die Zukunft blicken, edler Gereon?"

"Vielleicht verfüge ich über diese Fähigkeit, oder ich habe Freunde, die diese Kunst beherrschen. Es ist unwichtig. Ich werde dir helfen, Hermano. Du wirst diesen Kontinent beherrschen."

Hermano blickte sein Gegenüber forschend an. Machte sich vielleicht Elia Gereon über ihn lustig?

"Die Vorstellung ist reizvoll, Herr", antwortete Hermano. "Aber sie ist nicht mehr als ein Hirngespinst. Mir sind nur die Grundbegriffe der Magie bekannt."

"Mir ist bekannt, daß du ein fauler Nichtsnutz bist. Wie stellst du dir deine Zukunft vor?"

"Darüber habe ich nicht nachgedacht, aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, daß ich es tue. Ich muß mich damit abfinden, daß ich nicht nach Spanien zurückkehren kann. Meine magischen Fähigkeiten muß ich schulen und den Schritt vom Lehrling zum Adepten schaffen. Danach werde ich den Kontinent erforschen."

"Genauso soll es geschehen", sagte Elia Gereon zufrieden. "Ich werde dich zu einem Weisen der Familie bringen, der dein Lehrer sein wird. Ein Jahr der Askese liegt vor dir, in dem es für dich keinerlei Vergnügungen geben wird. Überlege es dir gut, ob du ein Jahr deines Lebens opfern willst."

Lange brauchte Hermano nicht überlegen, denn ihm war bewußt, daß er zu sich selbst finden mußte.

"Weshalb bietest du mir deine Hilfe an?"

"Asmodi ist kurzsichtig, denn er kümmert sich derzeit nur um Europa. Und die einflußreichen Sippen der Familie interessieren sich nicht für diesen Kontinent. Das werden sie später bitter bereuen. Ich will ihnen zuvorkommen. Du scheinst mir für meinen Plan der geeignete Dämon zu sein."

"Vielleicht sagen mir aber deine Pläne nicht zu", brummte Hermano ungehalten. "Vielleicht benützt du mich nur als Werkzeug, als unwichtigen Bauern, den man jederzeit opfern kann!"

Gereon lächelte. "Ja, es handelt sich tatsächlich um eine Art Schachspiel, doch du bist keine Figur am Brett, Hermano. Du bist der Spieler, der die schwarzen Steine führen wird. Und mit meiner Hilfe wirst du siegen."

Hermano wollte mehr wissen, und bereitwillig beantwortete Elia Gereon all seine bohrenden Fragen.Fasziniert hörte Hermano zu. Er verarbeitete die Informationen und folgte Gereons Ideen. Im Morgengrauen war Hermano Munante endgültig überzeugt.

Eine gefahrvolle, glänzende Zukunft lag vor ihm.

Zwei Tage später ritten sie über die endlos scheinende Pampa.

Ihr Ziel war die Sierra de Cordoba. Dort hauste in einer versteckten Höhle ein uralter, gnomenhafter Magier, der die Einsamkeit genoß. Ganz selten ließ er sich dazu herab, einen Lehrling in die Geheimnisse der magischen Wissenschaften einzuweihen.

Der Adept, der keinen Namen hatte, musterte Hermano Munante lange, dann nickte er zustimmend.

Elia Gereon verschwand, und Hermanos Lehrzeit begann mit Fasten.

Dann wurde mit der Ausbildung begonnen: Technik der Atemschulung, Gestalten der energetischen Kräfte, Meditation, Imaginination und Konzentration, alle Arten der Evokationsmagie, Suggestion, Hypnose, Kabbalistik und Hermetik.

Viel später dachte Hermano Munante oft an die Zeit zurück, die er voller Lerneifer in der kleinen Höhle verbracht hatte.

***


Selten hatte ich eine problemlosere Reise erlebt.

Nachdem ich die Koffer gepackt hatte und mich eingehend mit dem Munante-Clan, der in Südamerika herrschenden Sippe, vertraut gemacht hatte, ging per Taxi zum Wiener Flughafen Schwechat. Ich konnte mich nicht daran erinnern, daß ich mit ihnen bisher in meinem Leben etwas zu tun gehabt hatte. Es waren unbedeutende Magier gewesen, die den Lauf der Geschichte erst mit dem Auftauchen von Hermano Munante zur Macht kamen.

Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten bei den scharfen Kontrollen.

Genau nach Flugplan startete der Jumbo Jet, der hauptsächlich mit Geschäftsleuten gefüllt war. Üblicherweise konnte ich bei Flügen nicht schlafen, doch diesmal war es anders. Schon zwanzig Minuten nach dem Start schlief ich ein, und wurde erst wach, als wir uns Südamerika näherten.

Ich überstand die Zwischenlandung in Rio de Janeiro, Buenos Aires und Montevideo. Endlich landete ich in Santiago de Chile. Auf dem Flughafen waren die Sicherheitskontrollen besonders scharf, doch auch hier gab es keine Schwierigkeiten.

Zwei Tagen später hatte ich in Nordchile mit den Besuchen begonnen, und dabei je einen Clan in Arica und Iquique besucht, war dabei jedoch nur auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen.

Einen dritten Versuch wollte ich noch unternehmen, obzwar ich mir davon nicht viel erwartete, doch da es sich dabei um eine Vampir-Sippe handelte, die direkt von den alten Inkas abstammte, reizte mich dieser Besuch.

Der Verkehr auf der Panamericana in Richtung Norden war äußerst gering. Die gut ausgebaute Straße führte durch eine trostlose Ebene.

Bequem lehnte ich mich zurück. Um meine telekinetischen Fähigkeiten nicht einrosten zu lassen, schaltete ich mittels meiner geistigen Kräfte, und der Wagen schien von selbst gesteuert zu werden.

Immer wieder fuhr ich an großen Schildern vorbei, die es deutlich machten, daß man sich in einem Militärstaat befand. En cada chileno es un soldato, in jedem Chilenen steckt ein Soldat, konnte man zu linker Hand lesen. Und zweihundert Meter weiter auf der rechten Seite: En cada soldato es un chileno, in jedem Soldaten steckt ein Chilene.

Ich griff nach dem Lenkrad und stieg vorsichtig auf die Bremse, als ich den Schranken erblickte.

Ich ließ den Wagen ausrollen.

Zwei Polizisten mit Maschinenpistolen kamen auf mich zu. Einer salutierte und grüßte höflich.

Unter den bewundernden Blicken der Beamten stieg ich aus, reichte ihnen meinen Reisepaß, die Wagenpapiere und öffnete den Kofferraum. Die Polizisten begnügten sich mit einer flüchtigen Durchsuchung.

Nach Huara bog ich in eine schmale Straße ein, die eher einem Feldweg glich. Für die dreißig Kilometer nach Tarapaca benötigte ich fast eine Stunde.

Bei der Suche nach dem Tupac-Haus, das in einem versteckten Seitental stand, half mir niemand. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte ich es endlich gefunden.

Vorsichtig stieg ich den schmalen Weg hoch, der zum alten herrschaftlichen Haus führte, das verwahrlost war und nur wenig einladend wirkte.

Meine Informationen waren äußerst spärlich. Auf meine Fragen nach dem Tupac-Clan hatten die anderen Sippen betreten geschwiegen. Das war ganz offensichtlich ein Thema, das allen unangenehm gewesen war, doch gerade dies hatte meine Neugierde geweckt.

Ich schlug mit der Faust gegen die Tür, und die Schritte im Hausinnern verstummten.

"Aufmachen!" rief ich.

Ein tiefes Brummen war zu vernehmen, dann knurrte der Vampir irgendetwas auf Ketschua.

"Mein Name ist Coco Zamis", sagte ich. Ich will mit dir sprechen, Tupac."

Schlurfende Schritte näherten sich.

"Du bist von nicht meiner Art, Weib. Willst du mich töten?"

"Das ist nicht meine Absicht. Ich will mich nur mit dir unterhalten."

Knurrend schob der Alte ein paar Riegel zurück, dann schwang langsam die Tür auf.

Tupac reichte mir kaum bis zur Brust. In seinem pechschwarzen Haar zeichneten sich weiße Strähnen ab. Sein Gesicht war rund und voller Schatten. Bekleidet war er mit einem verdreckten Poncho. Die blutunterlaufenen Augen waren tot.

"Was willst du von mir?" fragte er ungehalten.

"Darf ich eintreten?"

Der vom Tod gezeichnete Vampir nickte ungnädig und trat einen Schritt zur Seite. Der große Raum war voll mit Antiquitäten. In einer Ecke hockten drei Mumien, deren Modergeruch mich störte. Vergebens sah ich mich nach einer Sitzgelegenheit um.

"Ich soll dir herzliche Grüße von der Lexas-Sippe bestellen, Tupac."

"Lexas?" fragte er verwirrt. "Ich wußte nicht, daß es diese Sippe noch gibt. Sie wurden doch alle getötet."

"Einigen gelang die Flucht nach Europa. Ein Zweig dieses Clans lebt in Wien."

"Wien? Kenne ich nicht, und Europa interessiert mich nicht", nuschelte er fast unverständlich. "Mit den Spaniern begann unser Untergang. Sie vernichteten mein stolzes Volk. Aber den endgültigen Todesstoß versetzte uns..."

"Wer war es, Tupac?"

"Das ist alles schon so lange her", antwortete er ausweichend. "Meine Sippe rottete dieser Dämon aus. Nur mir gelang die Flucht, doch schließlich erwischte er mich doch. Er machte sich über mich lustig, und er verbannte mich an diesen scheußlichen Ort. Der Schreckliche ließ mich leben, aber bald werde ich sterben. Ich bedauere es, daß ich meine Familie nicht rächen konnte."

Tupac ging in die Knie und ließ sich dann einfach fallen. Er kippte zur Seite und röchelte. Nach ein paar Minuten hatte er seinen Schwächeanfall überwunden, hob den Kopf und musterte mich durchdringend.

"Sie nannten ihn Amauta, weiser Mann", flüsterte der Vampir. "Doch er war ein Lügner, ein Heuchler, und er trieb uns ins endgültige Verderben. Als wir ihn durchschauten, war es zu spät. Illapa, der Donnergott, soll ihn vernichten."

Nun hockte ich mich auf den staubbedeckten Boden und hörte aufmerksam zu. Nach und nach konnte ich mir ein Bild von dem machen, was damals im Jahr 1780 geschehen war...

Der Widerstand gegen das spanische Imperium wurde immer stärker. Es kam zu wüsten Tumulten gegen die Steuereintreiber. Es kam zu Revolten, die sich gegen die Monopole der Handelsgesellschaften richteten, gegen die Kontrolle der Jesuiten und die Tabaksteuern, mit denen Spanien seine Kriege finanzieren wollte.

Eine Gemeinde von Tabakpflanzern namens Sorroco lehnte sich gegen die Kriegssteuer auf. Der Funke sprang auch auf die Indianer über, die seit zweihundert Jahren zur Zwangsarbeit in den Minen und Webereien verurteilt waren.

Amauta, der weise Mann, zog durch Peru und verkündete seine Botschaft von der Wiederherstellung des Inkareichs. Seine Bestrebungen wurden von einem jungen Mann namens Jose Gabriel Condorcanqui unterstützt. Seine Vorfahren waren die Nachkommen Tupac Amarus, des letzten Inka. Er schloß sich Amauta an, die eine indianische Armee aufstellten. Condorcanqui nannte sich nun Tupac Amaru II und erhob Anspruch auf den Titel eines Herrschers von Peru.

Die Spanier machten sich über ihn lustig, doch er nahm den Gouverneur gefangen und tötete ihn auf Amautas Ratschlag. Monate dauerte der Kampf, und mehr als 15.000 spanische Soldaten hatten

Mühe, diese Revolte niederzuschlagen. Tupac Amaru wurde gefangengenommen und starb eines grausamen Todes.

Der Kampf war vorbei, und die stolzen Inkas für alle Zeiten vernichtet.

Die wenigen Indianer, die das nachfolgende Massaker überlebt hatten, sammelten sich um Amauta, der plötzlich seine Maske fallenließ. Nun stand nicht mehr der uralte, angeblich so weise Inka vor ihnen, sondern ein hochgewachsener spanischer Hexer, der sie verhöhnte und verspottete. Mit seiner Magie hatte er sie alle getäuscht. Einige stellten sich ihm entgegen, doch gegen seine Kräfte hatten sie keine Chance. Panikartig ergriffen sie die Flucht.

"Er kannte das Versteck meiner Sippe", sprach der Alte nach einer kurzen Pause weiter. "Tagsüber versteckten wir uns in unzugänglichen Höhlen, doch er stöberte meine Familie auf und tötete sie gnadenlos. Mich fand er nicht, oder vielleicht wollte er mich am Leben lassen, daß ich von seinen Schreckenstaten berichten konnte. Damals kannte ich seinen Namen nicht, den erfuhr ich erst viele Jahre später."

"Wie ist sein Name?" fragte ich drängend.

"Hermano Munante!"

"Don Hermano", sagte ich leise. "Der Macho-Patron."

"Hast du von ihm gehört, Fremde?"

Ich nickte.

***


Alles war so gekommen, wie es Elia Gereon vorausgesagt hatte. In Europa sorgte Napoleon für Aufregung, und dort tobte auch ein erbarmungsloser Kampf innerhalb der Schwarzen Familie. Davon war auch die unbedeutende Munante-Sippe betroffen, die sich prompt für die falsche Seite entschied. Hermanos Vater und einige seiner Onkel verloren bei diesen Auseinandersetzungen das Leben, doch einige seiner Brüder und Schwestern konnten nach Südamerika entkommen.

Asmodi, der Herr der Finsternis, hatte alles andere als einen leichten Stand, denn seine Führungsrolle war nicht unumstritten. 1789 hatte er Haiti zu seinem Hauptquartier gemacht und sich angeblich in eine blutjunge Sterbliche verliebt. 1804 wurde auf Haiti die Unabhängigkeit proklamiert. Asmodi hatte wieder einmal einen Sieg errungen, und nun war auch seine Macht innerhalb der Schwarzen Familie so gefestigt, daß niemand seine Oberherrschaft anzuzweifeln wagte. Um Südamerika kümmerte sich Asmodi kaum, für ihn war Europa wichtiger, was Hermano Munante nur recht war, denn in den vergangenen zwanzig Jahren war er zum mächtigsten Dämon des Kontinents geworden.

Die noch verbliebene spärliche Macht der Indianer hatte er durch die übelsten Tricks, die man sich nur vorstellen konnte, endgültig zerstört.

Nach dem Eintreffen seiner Geschwister begann er mit der Jagd nach den wenigen Dämonen-Clans, die er mit einer unvorstellbaren Brutalität unterwarf.

Die Unzufriedenheit mit dem Imperium wurde von Tag zu Tag größer. Unter den verschiedensten Masken mischte er sich unter die Menschen, beeinflußte sie und machte sie zu willenlosen Sklaven, die bedingungslos seinen Befehlen gehorchten.

In allen wichtigen Städten und Provinzen Südamerikas herrschten seine Brüder, die ihm täglich über ein kompliziertes Netz von magischen Kugeln Bericht erstatteten. So war er jederzeit über die Ereignisse informiert und konnte persönlich eingreifen, wenn es ihm notwendig erschien.

Meist hielt er sich ab 1805 in Buenos Aires auf, im dem sich einiges geändert hatte. Eine Universität war gegründet worden, am Marktplatz gab es ein Theater, die Hauptstraßen waren mit Kopfsteinen gepflastert, und am Hauptplatz wurden Straßenlaternen aufgestellt.

Nach seinen Plänen hatte er sich ein palastartiges Haus erbauen lassen, in dem er rauschende Feste gab, die auch gern der Vizekönig besuchte.

Ungeduldig sehnte er den Tag herbei, an dem endlich der Startschuß zur offenen Rebellion gegeben werden durfte. Von Elia Gereon, der ihn alle paar Monate kurz besuchte, wußte er, daß er sich noch gedulden mußte. Doch Geduld war eine Eigenschaft, die Hermano Munante nicht hatte. Er war herrschsüchtig, eingebildet und unerbittlich geworden. Seine eigenen Familienmitglieder zitterten vor seinen Wutausbrüchen, bei denen er zum rasenden Unhold wurde.

Wie üblich, tauchte eines Tages im Jahr 1806 Elia Gereon auf, den Hermano herzlich willkommen hieß.

"Alles ist vorbereitet, mein Freund", sagte Hermano. "Worauf warten wir noch?"

Elia Gereon trank einen Schluck Cognac, nickte anerkennend und stellte das Glas auf den Tisch.

"Auf die Engländer, Hermano."

"Aber Buenos Aires lebt doch praktisch vom illegalen Handel mit den Briten", wunderte sich der Magier. "Vergangenes Jahr liefen an die hundert englische Schiffe in die La-Plata-Mündung ein."

"Das ist mir bekannt", sagte Gereon ungehalten. "Aber die Engländer wollen mehr. Sie wollen Buenos Aires und das dazu gehörige Hinterland in ihre Hand bekommen."

"Aber das ist doch lächerlich", meinte Hermano.

"Das Gegenteil ist der Fall. England hat Nordamerika mit Ausnahme Kanadas verloren. In Europa wütet der Krieg, und Spanien ist schwach. Eine englische Flotte hat Kapstadt erobert, und im Augenblick sind sechs Schiffe von Südafrika unterwegs, die Buenos Aires erobern wollen. Das soll ihnen auch gelingen."

"Mein Freund, dagegen muß ich protestieren, denn ich habe keine Lust, daß sich die verdammten Engländer hier einnisten."

"Davon ist auch gar nicht die Rede. Wir werden den Vizekönig der Lächerlichkeit preisgeben. Das wird eine Signalwirkung auf alle Vizekönigreiche haben. Der kommende Mann ist Santiago de Liniers."

"Ich kann ihn nicht leiden, denn er ist ein gebürtiger Franzose und ein treuer Diener Spaniens."

"Richtig, aber für unsere Zwecke ist er der beste Mann. Ihn wirst du bearbeiten."

Gereon achtete auf Hermanos Einwände nicht.

Kurze Zeit später verließ Elia Gereon die Stadt.

Und die Briten kamen unter der Führung von William C. Beresford mit 1650 Mann über den Atlantik. Reguläre Truppen gab es in Buenos Aires keine, und die Bevölkerung war vor Überraschung wie gelähmt.

Der Vizekönig setzte sich sogleich ins Hinterland ab, und Beresford hißte den Union Jack auf der Plaza. Die Gemeindekasse wurde kassiert, und die Briten waren übermütig über diesen leichten Sieg.

Die Portenos, wie man die Einwohner von Buenos Aires nannte, rasten vor Zorn und nahmen die Okkupation ihrer Stadt nicht widerspruchslos hin.

In Montevideo bildeten sie eine Miliz unter der Leitung von Santiago de Liniers aus, die sechzig Tage später vor der Stadt die letzten Anweisungen erhielt. Bei Tagesanbruch stürmten sie Buenos Aires und jagten die Briten in den Rio de la Plata.

Eine Woche nach dem Sieg tauchte der Vizekönig huldvoll lächelnd auf, um die tapferen Krieger zu loben. Diese schimpften ihn einen erbärmlichen Feigling, jagten ihn aus der Stadt und übertrugen Liniers dieses Amt.

Auf Hermano Munantes Vorschlag wurde die Stadtmiliz weiter ausgebaut und besser bewaffnet. Eine Maßnahme, die sich als äußerst klug erwies, denn die Engländer hatten ihre Invasionspläne noch immer nicht aufgegeben.

Ein knappes Jahr später waren sie wiedergekommen, diesmal waren es 20 Kriegsschiffe, 90 Transportschiffe und 12.000 Mann, die unter dem Befehl von General John Whitelook standen.

Das Debakel der Briten wird in ihren Geschichtsbüchern nur kurz erwähnt. Als die Rotröcke einmarschierten, was jedes Haus in eine Festung verwandelt. Die Kinder und Frauen stimmten in das wilde Kriegsgeheul ein. Die 8000 Mann starke Stadtmiliz eröffnete das Feuer, unterstützt von allen Teilen der Bevölkerung. Sie bombardierten ihre Feinde mit Steinen, und Arauca-Keulen donnerten auf die Köpfe der Engländer nieder. Der Spuk dauerte nur wenige Stunden, dann zogen sich die Briten gedemütigt an Bord ihrer Schiffe zurück.

Dieser Sieg hob den Stolz der Portenos, denn man war ohne die Hilfe der verhaßten Spanier über die Weltmacht England unabhängig geblieben. Wie man gesehen hatte, ging das alles auch ohne den Vizekönig, der noch einmal um seine Rechte kämpfte, aber von den empörten Bürgern fast gelyncht wurde.

Hermano Munante sorgte dafür, daß dieser Triumph in allen Vizekönigreichen bald bekannt wurde.

In wenigen Jahren schon sollte es zum endgültigen Aufstand gegen die ungeliebten Spanier kommen.

Entscheidend war das Treffen in London zwischen Bernardo O'Higgins und Simon Bolivar, das Elia Gereon "rein zufällig" organisiert hatte.

***

Die drei Bestien, die seit 185 Jahren im Sand der Wüste schlummerten, empfingen den Impuls gleichzeitig. Ein Zittern durchlief ihre geschrumpften Leiber, die sich aufblähten und zu unwirklichem Leben erwachten. Die verdorrten Arme und Beine wuchsen und erreichten in Sekundenschnelle ihre ursprüngliche Länge. Die kartoffelgroßen Schädel wurden groß wie Melonen.

Zuckend bewegten sich die Glieder, durchstießen die Sandhaufen, und verkrümmte Hände griffen nach scharfen Macheten. Sie sprangen hoch, und der Sand rieselte zu Boden. Ihre Leiber waren fast durchsichtig, die vertrockneten Gehirne zu keinem Gedanken fähig.

Vielleicht konnte man sie als Zombies bezeichnen, doch in diesem Landstrich war dieser Ausdruck unbekannt. Sie waren willenlose Bestien, die den Befehlen nachkamen, die sie vor vielen Jahren erhalten hatten. Einst waren sie in das Land gekommen, um gegen einen mächtigen Magier zu kämpfen, der sie in jene Ungeheuer verwandelte hatte, die sie nun waren.

Ihr Ziel war ein einsames Haus in einem Tal in der Nähe von Tarapaca, das sie nie zuvor gesehen hatten.

Der Impuls wurde stärker, und die anfangs unsicheren, ruckartigen Bewegungen wurden fließend und geschmeidig.

Tötet! Das war ihr Befehl.

***


Ich überlegte, was ich mit dem sterbenden Vampir tun sollte.

Seine Erzählung war ganz interessant gewesen, aber ähnliche Vorfälle hatte ich schon in der Chronik der Schwarzen Familie gelesen.

Der dumpfe Geruch, der den drei Mumien entströmte, war eine Beleidigung für meine empfindliche Nase. Und wenn ich mich nicht sehr täuschte, dann war er in den vergangenen Minuten noch stärker geworden.

"Sind das Verwandte von dir, Tupac?" fragte ich und zeigte auf die Hockenden.

"Verwandte?" wunderte er sich. Dann kicherte er.

Da stimmt doch etwas nicht, dachte ich. "Sprich endlich, alter Narr!"

Tupac wälzte sich auf den Rücken und schrie durchdringend, dann sackte er zusammen.

"Das sind die Wächter", flüsterte er. "Sie bewachen mich, denn ich darf keinen Besuch empfangen. Hermano Munante hat mir verboten, mit Mitgliedern der Schwarzen Familie zu sprechen. Daran habe ich mich auch gehalten. Aber nun, da mein Ende nahe ist, wollte ich dir mein Geheimnis verraten, doch du wirst es in dein Grab mitnehmen, Fremde, die du einen abscheulichen Namen wie Coco Zamis führt."

"Hermano Munante hast du als Heuchler und Lügner bezeichnet. Wie würdest du dich selbst einstufen, Tupac?"

"Vor meinem Tod will ich noch ein wenig Spaß haben, Fremde. Dich und mich verbindet überhaupt nichts. Wir stammen aus verschiedenen Zeiten und Welten."

"Da hast du allerdings recht. Und meine Meinung über die angeblich so kühnen Inka-Vampire muß ich revidieren. Schade, daß der Munante-Dämon dich nicht pfählte."

Wieder kicherte der Alte.

"In welche Falle bin ich da geraten, Tupac?" fragte ich und richtete meinen Blick auf die Mumien.

"Ich weiß es nicht genau, doch es handelt sich um Geschöpfe, die Munante in eine Art Käfig sperrte, aber vielleicht ist es auch ein Behälter, dies habe ich vergessen."

Ich starrte die kauernden Leichen an, deren Binden zu staubigen Fetzen zerfielen. Die gelben Schädel, mit dem furchtbaren Grinsen auf den eingetrockneten Lippen, wandten sich in ihre Richtung. Und in den leeren Augenhöhlen flammten gelbe, zu Leben erwachte Glühwürmchen. Die morschen Gliedmaßen gaben Geräusche von sich, die an das Splittern von Astzweigen erinnerten.

"Du sollst deinen Spaß haben, Alter", sagte ich ruhig.

Ich warf der Tür einen Blick zu, die sich zusammenkrümmte und in tausend Stücke zersprang. Der Alte kreischte entsetzt, als ihn unsichtbare Hände ergriffen und durch die Türöffnung ins Freie schleuderten.

Für eine Dämonin hatte ich ein überraschend weiches Herz, ich verabscheute die Gemeinheiten und Grausamkeiten der Familie, doch ich konnte auch erbarmungslos sein.

Die Mumien erhoben sich langsam und streckten die dürren Arme nach mir aus. Die zahnlosen Mäuler öffneten sich lautlos. Ich blickte die Decke an. Polternd krachten ein paar Steintrümmer zu Boden und zermalmten zwei Mumien. Die dritte stapfte unbeirrt weiter, da wurde sie wie durch einen Windstoß mit einer unwahrscheinlichen Kraft gegen die Wand gedrückt und zerquetscht.

Als ich das Haus verließ und neben dem wimmernden Vampir stehenblieb, spürte ich drei magische Ausstrahlungen, die sich rasch näher kamen.

"Wir bekommen Besuch, Tupac."

"Drei Schattengeschöpfe sind unterwegs, sie werden dich in Stücke hauen", freute sich der alte Vampir und lachte gellend.

"Schon möglich", sagte ich gleichgültig. "Aber ich glaube eher, daß sie dies mit dir machen werden, mein lügnerischer Vampir. Ich kramte ein wenig in meiner Erinnerung, und da stieß ich auf eine interessante Tatsache. Eure Sippe nannte sich Tupac, doch das war der Name der Könige. Ihr wurdet als Guanacos bezeichnet."

"Woher weißt du das?"

"Du bezeichnest dich als Vampir, du erbärmlicher Yanacuna. Im Gullpa, dem Begräbnisturm wühltet ihr nach Chunus, den Trockenkartoffeln, und saugtet den Guanacos, den wilden Lamas, das Blut aus."

"Nichts als Lügen und Verleumdungen", kreischte der Lama-Blutsauger.

"Wovon hast du dich in den vergangenen Jahren ernährt, Guanaco? Vermutlich von Mäusen, Ratten und Schlangen. Ihr wart zu feige, um Menschen anzugreifen. Inti, der Sonnengott, wird die kümmerlichen Reste deines Körpers austrocknen, sollten dich die drei Untoten verschonen, was ich nicht hoffen will. Dein Haus wird dir keinen Schutz vor den Sonnenstrahlen bieten, mieser Yanacuna!"

Ich setzte meine Kräfte frei, und es bereitete mir großen Spaß, mich endlich einmal richtig austoben zu dürfen. Eine riesige Faust hieb auf das alte Herrschaftshaus ein, das wie eine Torte in zwei Stücke geschnitten wurde. Die Teile flogen zweihundert Meter durch die Luft, donnerten wie Bomben zu Boden.

Nun erblickte sie die drei Schauergestalten, die noch immer die scharfen Macheten umklammerten. Für ein paar Sekunden nahm ich die Ausdünstung der Geschöpfe ganz bewußt auf, verarbeitete die Eindrücke und analysierte sie.

"Tötet die verdammte Fremde!" kreischte der degenerierte Inka-Vampir.

Ich hatte keinerlei Lust, mit den drei Untoten, die früher einmal Dämonen gewesen waren, zu kämpfen, da ich noch nicht wußte, wie sie zu besiegen waren. Doch ihre Aura war für mich überaus interessant, denn damit hätte ich keinesfalls in Chile gerechnet.

Ich verfiel in den rascheren Zeitablauf. Da ich längere Zeit meine Zeitmagie-Fähigkeiten nicht angewandt hatte, war ich stark und kräftig. Mühelos glitt ich in die andere Zeitebene.

Die schemenhaften Bestien irrten hin und her und suchten nach mir, doch sie waren von ihrem Herrn nicht darauf vorbereitet worden, daß es Geschöpfe gab, die magische Fähigkeit hatten.

"Hier bin ich!" rief ich.

Vermutlich spürten sie meine Nähe, doch diese hirnlosen Geschöpfe schauten in falsche Richtung.

"Die Fremde ist dort, merkt ihr das nicht?" tobte der Vampir, der sich von Tierblut ernährt hatte.

Er stemmte sich hoch und zeigte auf mich. Doch damit wurden die durchscheinenden Gestalten auf ihn aufmerksam.

"Nein, ihr dürft mich nicht..."

Da waren sie schon über ihm. Im Mondlicht funkelten die scharfen Waffen, die zischend niedersausten.

Tupacs Ende ließ mich völlig kalt. Was aber sollte sie mit den drei Untoten tun? Frei herumlaufen konnte ich diese Bestien nicht lassen, denn vielleicht richteten sie unter der Bevölkerung ein Blutbad an.

Vorerst versuchte ich es mit Telekinese. Ich konzentrierte mich auf eines der durchscheinenden Biester und versuchte es zu zerdrücken, doch die Bestie war plötzlich dünn wie eine Bohnenstange und an die fünf Meter groß. Dann schlug ich wie mit einer gewaltigen Faust zu. Das Ergebnis war wenig erfreulich. denn nun sah das Biest wie ein riesiger Pfannkuchen aus.

Nun wurde ich wütend und versuchte das Monster in Stücke zu zerreißen, doch auch dies war ein Fehlschlag, und es gelang mir nicht einmal, die Macheten aus den Krallenhänden zu reißen. Die Waffen waren offensichtlich auf magische Art mit den Biestern untrennbar verbunden.

Die drei Schattenwesen folgten mir sofort, als ich in Richtung Auto lief, dabei fuchtelten sie mit den Macheten wild hin und her.

Als ich wieder in den schnelleren Zeitablauf verfiel, schien der Kontakt zu den Zombies abzureißen. Eine Minute irrten sie ziellos hin und her, dann wandten sie sich nach links und rannten los, genau auf ein kleines Indianerdorf zu.

Sofort handelte ich. Ich verließ den schnelleren Zeitablauf und befand mich nun nur wenige Meter vor den drei Untoten, doch sie schenkten mir keine Beachtung mehr.

Nun probierte ich ein paar Bannsprüche aus, die keinerlei Wirkung zeigten. Auch die magischen Formeln, die ich ihnen zuschrie, waren nutzlos.

"Ich kann sie nicht aufhalten", flüsterte sie entsetzt.

Ich warf dem kleinen Dorf einen Blick zu. Es bestand aus zwanzig armseligen Hütten, die dunkel waren.

Noch fünfhundert Meter, dann hatten die Untoten das erste Haus erreicht, und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, was dann geschehen würde...

***

Hermano Munante war siegessicher, nichts und niemand konnte seine Macht erschüttern und gefährden. Doch sein Hochmut sollte sich bald rächen.

Er spottete über die Sippen der Schwarzen Familie und machte sich über Asmodi lustig, den er als schwächlichen Scharlatan bezeichnete.

Im Frühjahr 1808 erhielt er die Nachricht, daß Elia Gereon von einem Feind der Familie ermordet worden war. Diese Nachricht erschütterte ihn zwar, doch er vertraute auf seine Macht und seine Fähigkeiten.

Unbemerkt von der Munante-Sippe strömten Beobachter mächtiger Sippen in die Länder der spanischen Krone, sahen sich Land und Leute an, beobachteten die Munante-Mitglieder, schlossen Bündnisse und Verträge untereinander.

Der Spieß drehte sich um, die Jäger wurden zu Gejagten. Die Machtposition der Munantes war erschüttert. Hermano versuchte seinen Brüdern und Schwestern zu helfen, was ihm auch eine Zeitlang glückte. Doch die Glücksgöttin hatte sich von den Munantes abgewandt. Die Feinde ließen Hermano nicht zur Ruhe kommen. Seiner Sippe ging es an den Kragen, und er wurde quer durch den Kontinent gejagt. In die Geschicke der Menschheit konnte er nur mehr selten eingreifen, das besorgten andere an seiner Stelle.

An diese Zeit dachte Hermano Munante in späteren Jahren nur höchst ungern. Es waren die bittersten Jahre seines Lebens.

In Europa überstürzten sich die Ereignisse. Bonaparte hatte sich entschlossen, die Landkarte zu seinen Gunsten zu verändern. Lissabon wurde eingenommen, und der königlichen Familie gelang die Flucht nach Rio de Janeiro. Dann wandten sich die napoleonischen Truppen gegen Spanien, und der unfähige König Karl IV. dankte ab.

Der Funke sprang auf Südamerika über. Der Wahlspruch lautete: "Es ist Zeit, das Tau zu kappen - das Schiff will auf Fahrt nach eigenem Willen gehen!"

1810 brachen in allen spanischen Vizekönigreichen Revolutionen aus. Fast zwanzig Jahre lang dauerten die Kämpfe der spanischen Kolonien um ihre Unabhängigkeit.

Es waren goldene Zeiten für Gewaltmenschen, Glücksritter und Abenteurer. Und vor allem für die Schwarze Familie, die am Zerfall der vier großen Vizekönigreiche maßgebend beteiligt war. Nach dem

Zusammenbruch der alten Ordnung setzten sich Kreolen, Dämonen, Mischlinge und Indianer an die Spitze der neuen Staaten Südamerikas. Die Weichen für kommende Militärrevolten, Staatsstreiche, Aufstände und Militärdiktaturen wurden in diesen Jahren gestellt.

In jenen Jahren schwebten Hermano Munante und die wenigen Clan-Mitglieder, die den Anschlägen entgangen waren, in ständiger Lebensgefahr. Sie flüchteten nach Brasilien, das von Kämpfen verschont geblieben war. Aber auch dort waren sie nicht sicher. Ihre versteckte Festung in den Bergen von Sao Paulo wurde von Dämonen belagert und fast erstürmt.

In letzter Sekunde kam die Rettung von einer Seite, mit der Hermano Munante nicht gerechnet hatte. Der Totgeglaubte Elia Gereon schlug die Feinde in die Flucht.

Verständlicherweise war Hermano Munante über Elia Gereons Auftauchen höchst erfreut, hatte er ihn doch über zehn Jahre lang nicht gesehen.

Auf seine bohrenden Fragen, wo er denn in all den Jahren gesteckt habe, gab Elia Gereon keine Antwort, denn darüber wollte er nicht sprechen.

"Deine Voraussagen haben sich nicht erfüllt, Gereon", sagte Hermano Munante verbittert. "Im Kampf gegen die Spanier kam mir keine entscheidende Bedeutung zu."

"Da irrst du dich, mein Freund", stellte Gereon fest. "Irgendwann wirst du das erkennen."

"Und was ist mit deiner Behauptung, daß ich diesen Kontinent beherrschen werde, Gereon?" fragte Hermano erzürnt.

"Du warst immer schon zu ungeduldig", rügte Gereon ihn. "Warte ab, mein Lieber, was die Zukunft für dich bereit hält. Verlasse in den nächsten Jahren nicht dieses Land."

Hermano hatte diesen Ratschlag beherzigt und es nicht bereut.

Am 22. Januar 1808 war die portugiesische Königsfamilie in Begleitung eines 10.000 Kopf starken Stabes im Hafen von Baia eingetroffen. Die Regentschaft für die geisteskranke Königin Maria führte ihr Sohn Johann, der in der Neuen Welt fast überschwenglich willkommen geheißen wurde. Johann, seine Frau und deren beide Söhne wurden im Triumphzug nach Rio de Janeiro geführt. Die geisteskranke Königin verschwand in einem Kloster, in dem sie acht Jahre später starb. Rio wurde die neue Hauptstadt, und Brasilien war nun nicht mehr Kolonie, sondern ein Königreich.

Die Einwohnerzahl des riesengroßen Landes betrug nur vier Millionen, von denen weniger als ein Viertel Weiße waren, während der Rest aus Negersklaven und Indios bestand. Johanns Regierung beschränkte sich auf die küstennahen Gebiete. Im Landesinnern, das noch weitgehend unerforscht war, regierte nach wie vor das Gewehr oder der indianische Bogen.

Hier fand nun auch die Munante-Sippe ein reiches Betätigungsfeld.

1821 kehrte König Johann VI. aus dem Exil nach Portugal zurück. Sein ältester Sohn, Prinz Pedro, regierte als Regent von Brasilien. Aber die Lage spitzte sich immer mehr zu.

Die portugiesischen Cortes riefen Prinz Pedro heim nach Lissabon, doch er war hin und her gerissen zwischen seiner Treue zur eigenen Familie und seinen glühenden Anhängern in Brasilien. Am 9. Februar 1822 traf er seine Entscheidung: "Fico!" - "Ich bleibe!"

Daraufhin wollte das portugiesische Militär Don Pedro und seine Familie gewaltsam an Bord eines nach Lissabon auslaufenden Schiffes bringen, was jedoch von einer rasch aufgestellten Miliz verhindert wurde.

Aber die portugiesischen Cortes (eine Art Kongreß) gaben noch nicht auf. Sie setzten das von Don Pedro eingesetzte Parlament ab und wollten die Mitglieder verhaften lassen.

Die Nachricht erreichte Don Pedro, als er auf dem Weg in die Provinz Sao Paulo war. Er reagierte sofort und sprach jene Worte, die als Grito de Ypiranga in die Geschichte eingingen:

"Kameraden, die portugiesischen Cortes wollen Brasilien in den Stand der Sklaverei zurückversetzen; wir müssen es hinfort für unabhängig erklären. Unabhängigkeit oder Tod! Wir sind von Portugal geschieden!"

Zurück in Rio, wurde der Prinz zum "Konstitutionellen Kaiser von Brasilien" ausgerufen und am 1. Dezember 1822 als Pedro I. gekrönt.

Als Kaiser war er ziemlich glücklos, denn er traf eine Reihe falscher Entscheidungen, die der Bevölkerung überhaupt nicht gefielen. Rasch schwand seine Popularität. Schließlich war seine Position unhaltbar geworden, und er unterzeichnete ein Dekret, in dem er zugunsten seines zweiten Kindes auf den Thron verzichtete.

Sein Sohn, Don Pedro II., wurde als echter Brasilianer zu einem Monarchen, für den es keine portugiesische Frage mehr gab.

Bald darauf gelang Hermano Munante der endgültige Durchbruch...

***

Ich hatte mich unsichtbar gemacht.

Während ich abwechselnd das winzige Dorf und die drei Schauergestalten beobachtete, die offenbar gewillt waren, ein Massaker unter den Indios zu veranstalten, überlegte ich verzweifelt nach einer Möglichkeit, wie ich die Untoten vernichten konnte.

Die Indios schliefen friedlich in ihren niedrigen, strohbedeckten Hütten. Sie lagen im Stroh zwischen ihren Hühnern und Meerschweinchen, die ihnen zur Fleischversorgung dienten. Tagsüber weideten Lamas und Schafe um die erbärmlichen Behausungen, die sich während der Nacht in einem steinernen Pferch aufhielten.

Vor ihrer Verwandlung in Zombies waren sie indianische Dämonen gewesen, das hatte ich der Aura entnehmen können. Hatte der Vampir mich nicht belogen, dann waren sie von Hermano Munante vor vielen Jahren in einen Käfig oder Behälter gesperrt worden, dort hatten sie sich dann in die abscheulichen Bestien verwandelt. Ganz schwach war von ihnen eine ägyptische Ausstrahlung ausgegangen, die ich mir einfach nicht erklären konnte. Auf ägyptische Zaubersprüche hatten sie auch nicht reagiert.

Noch einmal setzte ich meine Fähigkeiten ein. Im Boden klaffte plötzlich ein riesiges Loch, in das die drei Schattengestalten fielen. Nun flogen menschengroße Steinbrocken durch die Luft, sammelten sich über der Bodenöffnung und wurden dann von mir gleichzeitig losgelassen. Die Erde bebte, als die Steinmassen das Erdloch ausfüllten und die Untoten zerdrückten.

Dieser Krach mußte auch im Indianerdorf zu hören gewesen sein, doch keiner der Indios verließ die Hütten, was mich sehr erstaunte. War das Dorf vielleicht verlassen?

Nein, die Häuser waren nicht leer, da lebten etwa fünfzig Familien, die in einen unnatürlichen Schlaf versunken waren.

Die schemenhaften Bestien waren durch das Gesteinsbombardement nur für wenige Minuten ausgeschaltet worden. Sie dehnten und streckten ihre Körper, suchten schmale Öffnungen in den Steinmassen, veränderten die Form und arbeiteten sich hoch. Eine Hand stieß das Geröll zur Seite, dann folgte ein zweiter, machetenbewaffneter Arm.

Nun war auch das dritte Schattenwesen frei. Ein paar Sekunden lang bewegten sich die Bestien nicht, aber dann drehten sie sich langsam um und fixierten mit ihren leblosen Augen mich.

Ich blieb ruhig stehen. Meine Vermutung stellte sich als richtig heraus, die blutgierigen Monster ignorierten mich. Ganz offensichtlich war ich für sie nicht vorhanden.

Mit ihren nackten, eiskalten Armen berührten sie kurz meinen Körper, dann rannten sie auf das Dorf zu.

Ich ließ das Dorf nicht aus den Augen.

Die ärmlichen Häuser waren von einer magischen Glocke umgeben, die ich viel zu spät bemerkt hatte.

Eine ähnliche magische Glocke hatte ich nie zuvor gesehen, für mich stand fest, daß sie keinesfalls von einem Mitglied der Schwarzen Familie errichtet worden war. Das war eine Magie, die mir völlig unbekannt war. Ich war äußerst gespannt, wie die drei Zombies darauf reagieren würden.

In diesem Augenblick rasten die drei Untoten fast gleichzeitig gegen die unsichtbare Wand, die ein wenig nachgab, jedoch die ungestümen Bewegungen der Biester verlangsamte. Ihre Arme und Beine bewegten sich wie in Zeitlupe, mühsam arbeiteten sie sich weiter vorwärts. Die Finger wurden feuerrot, und für einen Sekundenbruchteil strahlte die Glocke stahlblau und wurde dadurch sichtbar.

Ich konnte deutlich fühlen, wie sich die unsichtbare Wand bewegte, sich ein Teil aus ihr löste und wie eine Art Tuch - oder Netz - über die drei Zombies fiel, die sich dagegen erbittert auflehnten. Aber da war eine Kraft freigeworden, gegen die es für die Schemengestalten keine Abwehr gab. Sie vollführten nun schwimmartige Bewegungen, die immer langsamer wurden und schließlich ganz aufhörten.

Es war, als hätte jemand die Stöpsel aus Schwimmreifen gezogen. Die drei mannsgroßen Bestien hüpften auf und ab, und dabei schrumpften sie unwahrscheinlich rasch. Es dauerte nicht einmal eine halbe Minute da waren sie zu unterarmlangen, leblosen Puppen geworden. Die Macheten waren von dieser Veränderung nicht betroffen.

Die Glocke flimmerte noch ein paar Sekunden, dann löste sie sich einfach auf.

Ich wirbelte herum.

Ein hochgewachsener Indianer stand vor mir. Sein volles Haar wurde im Nacken mit einer silbernen Spange zusammengehalten. Das handbreite Stirnband war mit Mondsymbolen bestickt. Das Gesicht konnte ich kaum erkennen, denn es war über und über mit leuchtenden Erdfarben beschmiert, die auch seinen nackten Körper verunstalteten.

"Mamaquilla sei mit dir, Aclla cuna", grüßte er mit einschmeichelnder Stimme. Sein Spanisch war akzentfrei, und er deutete eine Verbeugung an.

Ich wußte nicht so recht, was sie von dieser Begrüßung halten sollte. Mamaquilla war der Quechua-Ausdruck für Mondgöttin. Der Inka-Magier, der offensichtlich diese Göttin verehrte und ihr vielleicht auch diente, hatte sie Acllacuna genannt, was so viel wie "auserwählte Frau" bedeutete. Doch diese Bezeichnung war doppeldeutig. Im Inka-Reich waren die schönsten Mädchen ausgesucht worden und hatten ihre Ausbildung in den Klöstern der Provinzhauptstädte erhalten. Einige von ihnen waren auserwählt, bei besonderem Anlaß geopfert zu werden. Vielleicht wurden noch immer Menschen den Göttern geopfert, eine Vorstellung, die mich nur wenig erfreute.

"Sei mir gegrüßt, Villac Umu", sagte ich.

"Du schmeichelst mir, Acllacuna, denn ich bin nur ein einfacher Yacaraca."

"Ein Wahrsager", murmelte ich. "Opfert ihr noch immer für eure Weissagungen?"

"Du weißt gut über mein Volk Bescheid, Acllacuna", antwortete er. "Menschenopfer gibt es bei uns keine mehr."

"Dies höre ich gern, Yacaraca. Ich wundere mich, wie ein Inka-Priester in diese Gegend kommt, und was du für eine Rolle bei diesem Ereignis gespielt hast."

Mein Blick fiel auf die drei puppengroßen Untoten.

"Gerne beantworte ich deine Fragen, aber vorerst sollten wir diese drei Sinchis endgültig vernichten."

"Dabei kann ich dir leider nicht helfen, denn ich habe keine Ahnung, wie man sie für alle Zeiten unschädlich machen kann."

"Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, Acllacuna", sagte der Wahrsager.

Er kam auf mich zu, und nun hatte ich endlich Gelegenheit, die Aura des Inkas zu studieren. Das verriet mir genug. Er war ein gnadenloser Killer, der mehr als dreißig Feinde seiner Familie ohne Hemmungen getötet hatte. In den Augen der Menschen war er ein Mörder, doch um die Meinung der Sterblichen hatte ich mir nur höchst selten gekümmert.

Neben den drei leblosen Gestalten blieb er stehen, kniete nieder, und seine Hände huschten über die kleinen Körper.

Interessiert sah ich zu, wie der Indianer eine der gelähmten Puppen hochhob, mit den Fingern der rechten Hand schnippte, tief durchatmete und dem Untoten ins Gesicht blies, der daraufhin sofort die Augen aufschlug und die Lippen bewegte.

Sprich, Sinchi!"

"Was willst du wissen, Weiser?"

"Ihr solltet Hermano Munante töten, dies weiß ich. Aber was ist damals geschehen?"

"Wir waren von unserem Volk ausgewählt worden, den größten Feind unserer Rasse gefangenzunehmen. Er hatte unendliches Leid über uns alle gebracht. Wir warteten geduldig, bis er wieder einmal in sein Haus nach Santiago kam, da fielen wir über ihn her, doch aus den Wänden stürmten halbdurchsichtige Schemen, die uns überwältigten. Wir konnten uns nicht bewegen, denn sein Zauber war zu mächtig. Tagelang quälte er uns, doch wir schwiegen. Wir verrieten unsere Auftraggeber nicht."

Der puppenhafte Untote schwieg ein paar Minuten. Schließlich sprach er weiter.

"Wir wurden in einen stockfinsteren Keller geschleppt. Aber langsam konnte ich Einzelheiten erkennen. An einer Wand lehnte ein Sarkophag, dessen Deckel mit einer seltsamen Gestalt verziert war, die einen eigenartigen Helm trug, besonders auffällig war sein Bart, etwas Ähnliches hatte ich nie zuvor gesehen. Der Deckel öffnete sich langsam. Aus der Dunkelheit des Sarges kam eine Klaue, und ein nur ganz undeutlich zu erkennendes Ding mit glühenden Augen hockte im Sarkophag.

Hermano Munante verhöhnte uns, und er sprach voller Begeisterung davon, daß die Inka-Rasse für alle Zeiten verschwinden werde. Er stieß mich in den Sarg hinein, und dann griff etwas Eisiges nach mir. Irgendwann starb ich. Mehr kann ich dir nicht sagen, da ich seither tot war. Erst heute erwachte ich wieder. Doch mir fehlt die Erinnerung, was ich da tat."

"Danke für deine offenen Worte, mein Freund", sagte Yacaraca. "Du hast mir sehr geholfen. Dein Geist wird in den Himmel eingehen."

Er hauchte den Untoten an, der wieder zu einer leblosen Puppe wurde.

Ich hatte den ägyptischen Sarkophag deutlich sehen können, von dem der Sinchi gesprochen hatte. Nun wurde ihr auch die Aura verständlich, die den Untoten einhüllte.

"Wollen wir den tapferen Sinchis die endgültige Erlösung bringen, Fremde?"

"Nicht so hastig, Inka. Ich muß mir dies noch genau überlegen. Vielleicht können die Sinchis noch für mich nützlich sein. Aber vorerst möchte ich einmal mehr über dich erfahren."

"Davon verspreche ich mir nicht viel, denn ich traue dir nicht, Hauasipascuna!"

"Ich bin kein Freudenmädchen, Taclla. Entweder du stimmst einer Unterhaltung zu oder..."

"Deine Drohungen erheitern mich, Fremde."

Ich lächelte. "Ohne meine Hilfe kannst du die Sinchis nicht von ihren Leiden erlösen, denn sonst hättest du es schon lange getan. Ich habe genug erfahren, einiges ist mir nicht ganz verständlich, doch auch das werde ich erfahren."

Der Wahrsager starrte mich düster an.

"Entscheide dich, Wahrsager, der du vermutlich gar keiner bist. Denn sonst hättest du die Entwicklung vorhersehen müssen. Aber das ist nicht der Fall."

Er überlegte kurz, dann nickte er.

"Gehen wir zu meiner Hütte, Fremde. Vielleicht gelangen wir zu einer Einigung. Sollte das nicht der Fall sein, dann wirst du oder ich das Morgengrauen nicht erleben."


***

Gereon besuchte einmal im Jahr Don Hermano und war für ein paar Tage sein höchst willkommener Gast. Dabei informierte sich Elia Gereon über die Geschehnisse innerhalb der Familie und amüsierte sich über Hermanos gelegentliche Wutausbrüche, die sich gegen die Mitglieder seiner Sippe richteten. Er und seine Söhne und Schwiegersöhne herrschten über die Länder Südamerikas, und die anderen Clans mußten zähneknirschend die Macht Don Hermanos anerkennen. In der Familie war er als Macho-Patron bekannt und berüchtigt, eine Bezeichnung, die ihm durchaus gefiel.

Im Lauf der Jahre war er gealtert, sein Haar war weiß geworden, und er sah wie ein rüstiger Sechzigjähriger aus. Doch seine Ansichten hatten sich mit den Jahren kaum geändert, als gleichwertige Gesprächs- und Verhandlungspartner akzeptierte er nur Hexer, Magier und Zauberer. Auf alle anderen Arten von Dämonen blickte er nur verächtlich nieder.

Vor einer Woche war Elia Gereon in der Feste eingetroffen, und zwei Tage später hatte ihm zu Ehren Don Hermano ein rauschendes Fest gegeben, an dem fast alle erwachsenen Familienmitglieder des umfangreichen Clans teilnahmen. Der Munante-Clan gab sich nach außen hin natürlich geschlossen, doch die Rivalitäten untereinander waren groß.

Meist zogen sich Don Hermano und Elia Gereon tagsüber in die Bibliothek zurück, die sonst niemand betreten durfte. Hermano hatte diesen Raum zu seinem Refugium gemacht. An allen Wänden befanden sich Regale aus funkelndem Mahagoni, außer zu beiden Seiten des Kamins, wo zwei Vitrinen standen, die vollgestopft mit magischen Gegenständen aus allen Kulturepochen waren. Hier hingen die schönsten Bilder seiner riesigen Sammlung, und die Regale waren bis zur Decke mit Büchern und Kunstgegenständen gefüllt. Kostbare Perserteppiche lagen auf dem Eichenparkett.

Don Hermano und Elia Gereon saßen in mächtigen, mit schwarzem Leder bezogenen Sesseln, hielten bauchige Schwenker in den Händen, mit denen sie den fünfzigjährigen Cognac erwärmten, der langsam sein Bouquet entfaltete.

Vor wenigen Minuten hatte sich Zakum bei Don Hermano gemeldet und ihn darauf vorbereitet, daß Asmodi ihm sprechen wolle.

"Der Fürst der Finsternis hat während seiner langen Amtszeit einiges dazu gelernt", sagte Don Hermano spöttisch. "Er bittet um ein Gespräch mit mir. Früher hätte er mich einfach zu sich zitiert."

"Weshalb will er mit dir sprechen, alter Freund?"

"Keine Ahnung. Zakum deutete nicht einmal an, weshalb er mich sprechen will. Vermutlich will er mich für seine merkwürdigen Pläne gewinnen. Da findet er aber bei mir keine Unterstützung. Und in meine Angelegenheiten lasse ich mir nicht hineinreden."

Elia Gereon nickte bedächtig. "Was hältst du von Zakum?"

"Ein undurchsichtiger Halunke", antwortete Hermano ergrimmt.

"Ein hinterhältiger Archivar, verschlagen und undurchschaubar. Die Kombination Asmodi und Zakum will mir gar nicht gefallen. Ich traue beiden nicht. Aber wir müssen mit ihnen leben."

"Ja, das müssen wir", meinte Don Hermano und ließ einen Schluck Cognac genußvoll auf der Zunge zergehen.

„Hast du für die nächste Zeit irgendwelche Pläne, Hermano?"

Der weißhaarige Dämon schüttelte den Kopf. "Dank deiner Hilfe und Ratschläge, mein lieber Gereon, habe ich mein Ziel erreicht. Ich herrsche über diesen Kontinent, das reicht mir."

"Du könntest es zum Herrn der Finsternis bringen."

Don Hermano lächelte. "Nein, danke. In diese Richtung entwickle ich keinen Ehrgeiz. Mir reichen schon die Streitereien innerhalb meiner Sippe und die anderen südamerikanischen Clans, die sich gelegentlich aufbäumen. Eigentlich bin ich zufrieden und glücklich."

"Träge und faul bist du geworden, mein Lieber."

Hermano schmunzelte. "Auf diese Bemerkung hin sollte ich dich eigentlich sofort aus meinem Haus jagen, jedoch hast du gar nicht so unrecht. Entschuldige mich jetzt für ein paar Minuten. Asmodi wird sich gleich bei mir melden."

Vor einem Regal blieb Hermano stehen und hob beide Hände hoch. Der Bücherschrank löste sich von der Wand und glitt zur Seite. Nun war ein mannshoher, kahler Gang zu sehen, den Hermano Munante betrat. Hinter ihm schloß das Regal die Öffnung. Der Gang endete in einem düsteren Raum, der wie eine Alchimistenküche aussah. Die Wände waren geschwärzt, und von der Decke hingen allerlei getrocknete Tiere. Unter seinem Blick begann ein halbes Dutzend Kerzen zu brennen.

In diesem düsteren Gewölbe war die Erdstrahlung besonders stark wirksam, was die Wirkung der fußballgroßen magischen Kugel noch erhöhte.

Hermano Munante nahm vor der Kugel Platz und entspannte sich.

Schließlich vernahm er Asmodis Ruf.

In der Kugel krümmte sich ein roter Strich wie ein Wurm. Kurz berührten seine Fingerspitzen die eiskalte Rundung. Ein rotes Licht flammte auf, und dann war Asmodi zu sehen, der diesmal in der Gestalt eines Neger zu sehen war. Die Augen in den tiefliegenden Augenhöhlen musterten Hermano freundlich.

"Ich bin dir sehr dankbar, Hermano Munante, daß du dir für mich Zeit genommen hast."

Don Hermano konnte nur mühsam seine Überraschung verbergen, denn so hatte er Asmodi nie zuvor sprechen gehört. Diese verlogene Freundlichkeit stieß ihn ab.

"Ich stehe zu deinen Diensten, Herr", sagte Hermano.

"Gut, sehr gut. Du kannst mir in einer Angelegenheit einen kleinen Gefallen erweisen, Hermano Munante."

Was will dieser Heuchler von mir, dachte Hermano verwundert.

"Du hast sicherlich schon von Coco Zamis gehört?" fragte Asmodi.

"Natürlich, Herr. War das nicht die Hexe, die sich bei ihrem Hexensabbat, sich dir verweigert hat?"

"Ich weiß", zischte Asmodi. Es war deutlich zu merken, daß es ihm schwerfiel, freundlich zu bleiben.

 "Hat sie gegen ein Gesetz der Familie verstoßen?" fragte Hermano.

"Nicht direkt, doch ich muß handeln. Ich könnte diese abtrünnige Coco Zamis leicht selbst erledigen, doch das könnte vielleicht von einigen Dämonen falsch verstanden werden."

Ich soll also für dich die Drecksarbeit erledigen, überlegte Hermano. Das stört ihn nicht sonderlich, denn tötete er Coco Zamis so hatte er bei Asmodi einen Gefallen gut.

"Herr, ich habe dich verstanden. Coco Zamis wird dich bald nicht mehr belästigen. Ich lasse sie suchen und..."

"Sie befindet sich in Südamerika. Wurdest du davon nicht unterrichtet; Hermano Munante?"

"Würde einer meiner Söhne oder Schwiegersöhne es wagen, mich mit solchen Details zu belästigen, dann würde ich ihm den Kopf gehörig waschen."

"Sie hält sich in Chile auf. Ich kann mich also auf dich verlassen, Hermano Munante?"

"Natürlich, Herr. Ich werde alles zu deiner vollsten Zufriedenheit erledigen."

"Sehr gut, mein Freund. Noch etwas. Du hast doch nichts dagegen, daß ich mich in den nächsten Tagen in deinem Herrschaftsgebiet aufhalte?"

"Du bist mir herzlich willkommen, Herr."

"Ich hoffe, daß du mir bald Coco Zamis Tod melden wirst."

Asmodis Bild verschwand, und die Kugel blinkte wie eine Warnleuchte. Mit einer kurzen Berührung seines rechten Zeigefingers brachte er die Kugel zum Erlöschen.

Nachdenklich lehnte er sich zurück. Welche Interessen konnte Asmodi in Südamerika verfolgen? Was hatte diese schleimige, freundliche Art zu bedeuten?

Hermano Munante berührte eine weitere magische Kugel und Sekunden später erschien Fernando Munante-Camaz' Gesicht in dieser Kugel. Er herrschte über Chile.

"Womit darf ich dir dienen, Don Hermano?"

"Wo hält sich Coco Zamis auf?"

"Bei mir hat sie sich nicht gemeldet."

"Willst du damit andeuten, daß du nicht weißt, daß sie dein Reich betreten hat?"

Fernando zuckte zusammen. Der drohende Unterton war nicht zu überhören gewesen. Er kannte die unerbittliche Härte seines Schwiegervaters.

"Ich habe keine Meldung von ihrem Eintreffen erhalten, doch ich werde mich sofort darum kümmern."

"Das will ich auch hoffen, Fernando. Ich will ihren Aufenthaltsort erfahren. Sie darf nicht bemerken, daß sie beobachtet wird."

"Verstanden. Ist mir eine Frage gestattet, Don Hermano?"

"Nein, du wirst alles zum richtigen Zeitpunkt erfahren. Jetzt geh endlich auf die Suche. In zwei Stunden will ich von dir hören."

Wütend unterbrach Hermano die Verbindung. Er steckte eine faustgroße Kugel ein, löschte die Kerzen und kehrte in die Bibliothek zurück zu Elia Gereon.

"Worüber hast du dich geärgert, Hermano?"

Er erzählte es Elia Gereon, der aufmerksam zuhörte.

***

Als sich die Munante-Sippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hatte, ließ Hermano in allen bedeutenden Städten Südamerikas Paläste erbauen, die höchst unterschiedlich gerieten. Bedeutende Architekten griffen seine abstrusen Ideen begeistert auf, zeichneten die Pläne und gingen bereitwillig - doch gegen ihre Überzeugung - auf alle Änderungsvorschläge ein. Don Hermano gab sich zwar gelegentlich den Anschein, als wäre er kultiviert, doch im Grunde war er ein höchst primitiver Dämon. So entstanden einige Bauten, die abscheulich und kaum bewohnbar waren.

Das Munante-Haus in Santiago de Chile war ein gutes Beispiel für seinen absonderlichen Geschmack. Es stand in einem französischen Park, mit einer Zelthaube, Springbrunnen und Statuen, die Götter der alten Kulturvölker darstellen sollten. Das Haus mit den weißen Säulen, der Halle aus Marmor und den großen Fenstern unterschied sich gründlich von der einheimischen Architektur mit den Patios, den Galerien und kleinen, dunklen Zimmern. Es war ein herrschaftliches Haus, geschaffen für einen verrückten Millionär, aber höchst ungeeignet für einen Dämon, der das grelle Tageslicht nicht liebte.

So stand der Palast oft jahrelang leer, denn er wurde immer wieder völlig umgebaut. Nun gab es gewaltige Türme, Kellergewölbe, Wendeltreppen, die ins Nichts führten, Türen, die ins Leere mündeten. Ein Haus, in dem man Tage benötigte, um sich zurechtzufinden.

Hier residierte Fernando Munante-Camaz, der vor ein paar Jahren eine der Lieblingstöchter Don Hermanos geheiratet hatte. Sein Weib war durch und durch verdorben, eingebildet und arrogant wie alle Abkömmlinge der Munante-Sippe.

Die Geilheit hatte sie von ihrem Vater geerbt, der berüchtigt war, daß er keine der jungen Dämoninnen verschonte. Gefiel ihm eine, dann erfreute er sich ungeniert an ihren Reizen. Aber sein Verlangen beschränkte sich nicht auf weibliche Mitglieder der Familie, gefiel ihm ein Menschenkind, dann nahm er sie einfach. Um die Bastarde, die er so zeugte, scherte er sich überhaupt nicht. Unter den Machos in der Familie wurde er neidvoll bewundert. Sein Jähzorn war berüchtigt.

Man raunte sich zu, daß der Macho-Patron wie ein Vampir in einem Sarg schlafe, und sein Leibdiener sollte ein Skelett sein, das schon in Spanien seinem Vater gedient hatte.

Dies alles war Fernando Camaz bekannt gewesen, doch es hatte ihn nicht gestört, denn eine Heirat mit einer von Don Hermanos Töchtern ließ ihn in der Hierarchie der südamerikanischen Sippen zu einer nie erwarteten Höhe aufsteigen. Seine Freunde beneideten ihn, und es störte ihn nur wenig, daß Ferula in die Dämonenehe nur eingewilligt hatte, um endlich von ihrem Vater loszukommen.

Fernando Munante-Camaz war in seinem Clan als hervorragender Magier bekannt, was aber nicht viel besagte, da den südamerikanischen Sippen der Vergleich mit Dämonen aus anderen Ländern fehlte. Er war stolz darauf, daß er wie Errol Flynn aussah. Täglich sah er sich einen seiner Filme an.

Nach dem Anruf seines Schwiegervaters war er für einige Minuten wie gelähmt gewesen. Weshalb interessierte sich Don Hermano für eine so unwichtige Hexe wie Coco Zamis?

Vor einem Jahr hatte Fernando sie auf einer Party kennengelernt. Sie war eine äußerst aufregende Dämonin, nur zu gerne hätte er sie im Bett genossen, aber dazu war es nicht gekommen.

Endlich erwachte er aus seiner Erstarrung. Üblicherweise meldeten sich Mitglieder der Schwarzen Familie unmittelbar nach ihrer Ankunft in einem der südamerikanischen Länder beim zuständigen Führer der Munante-Sippe. Aber meist kündigten sie ihr Eintreffen schon einige Zeit vorher an.

Vor ein paar Jahren hatte er Don Hermano ein Überwachungssystem vorgeschlagen, das jede Annäherung eines Dämons melden sollte. Doch Don Hermano hatte nur etwas von "modernem Firlefanz" geknurrt und seinen Vorschlag rundweg abgelehnt.

"Verdammter, alter Narr", ärgerte sich Fernando.

Er eilte in einen Nebenraum und aktivierte eine Kugel. Doch keine Botschaft war gespeichert.

Sollte sich Coco Zamis tatsächlich in Chile aufhalten, dann war sie sicherlich bei einer der zahllosen Sippen zu Gast, die von den Munantes geduldet wurden. Mit ihnen konnte er keine Verbindung aufnehmen, denn sie besaßen nicht einmal magische Kugeln.

Rasch sprach er mit einigen seiner Freunde, auf die er sich verlassen konnte, und mit einigen seiner Blutsverwandten. Sie sollten sich umhören, vielleicht hatte irgendjemand Coco Zamis gesehen.

Ruhelos lief Fernando Munante-Camaz im Zimmer hin und her. Neunzig Minuten waren bereits verstrichen, und er war keinen Schritt weitergekommen.

Endlich meldete sich einer seiner Brüder.

"Coco wurde gestern in Iquique gesehen", berichtete er. "Dort übernachtete sie bei einer Vampir-Sippe."

"Das ist eine gute Nachricht", freute sich Fernando.

"Sie ist mit einem blauen Mercedes unterwegs", sprach sein Bruder weiter. "Am späten Nachmittag wurde sie bei der Kontrollstelle in Huara registriert, doch bis jetzt ist sie nicht bei der nächsten Kontrollstation in Cuya eingetroffen."

"Hervorragend, mein lieber Bruder."

"Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wohin sie gefahren sein kann. Entweder nach Tarapaca oder zum kleinen Hafen Pisagua. Das werde ich aber vermutlich in ein paar Minuten wissen, denn ich habe in Iquique jemand zur Vampir-Sippe geschickt, der sie ausfragen wird. Vielleicht hat ihnen Coco Zamis verraten, wohin sie wollte."

"Ich danke dir, Bruder. Ich werde mich für diesen Dienst großzügig revanchieren."

"Gern geschehen. Ich melde mich wieder."

Auf die eignen Verwandten ist eben doch Verlaß, dachte Fernando. Niemals hätte er sich an einen Munante gewandt, denn irgendwie betrachteten sie ihn noch immer als lästigen Eindringling.

Sein Blick wanderte ständig zwischen der Kugel und seiner Uhr hin und her. Noch genau 14 Minuten blieben ihm, dann mußte er sich bei Don Hermano melden.

"Beeile dich, Bruder", flüsterte er.

Fünf weitere Minuten vergingen, dann erschien das lächelnde Gesicht seines Bruders in der Kugel.

"Die Vampir-Sippe wollte zuerst nicht mit der Wahrheit heraus, doch ein paar Drohungen reichten. Coco Zamis will eine alte Inka-Familie in der Nähe von Tarapaca besuchen. Tupac soll diese Vampir-Sippe heißen. Ich habe noch nie zuvor etwas von ihnen gehört. Kennst du sie, Fernando?"

"Der Name ist mir natürlich bekannt. Aber diesen Clan kenne ich auch nicht."

"Weshalb interessierst du dich so für diese Coco Zamis, Fernando?"

"Ein Auftrag von Don Hermano. Ich soll ihren Aufenthaltsort herausfinden und sie beobachten. Mehr weiß ich selbst noch nicht."

"Solltest du meine Unterstützung benötigen, dann wende dich an mich, mein lieber Bruder."

"Das werde ich tun. Lorenza."



***

Don Hermano hatte Elia Gereon zum Bleiben zu überreden versucht. Doch hatte Gereon einmal einen Entschluß gefaßt, dann war er davon nicht mehr abzubringen.

Hermano Munante war auch ein wenig erleichtert, daß sein alter Freund endlich gegangen war. Seine Anwesenheit war doch manchmal lästig, denn Hermano konnte sich nicht so geben, wie er es eigentlich wollte.

Er war nun zweihundertdreißig Jahre alt und hatte sich im Lauf der Jahre grundlegend geändert. Das wahrhaft Dämonische und Böse war erst in den letzten fünfzig Jahren so richtig durchgebrochen, doch vor Elia Gereon spielte er noch immer den kultivierten Magier. Eine Rolle, die ihm immer lästiger wurde. Außerdem traute er Elia Gereon nicht ganz.

Jetzt konnte Hermano endlich die Maske fallenlassen. Entspannt lehnte er sich zurück, und vergessen war Elia Gereon, der sich für ein weiteres Jahr zurückgezogen hatte.

Er dachte an Asmodis Auftrag.

"Ich rufe dich, Don Hermano!" hörte er Fernandos Stimme.

Bedächtig legte er die magische Kugel auf den Tisch und beantwortete den Ruf.

"Ich hoffe, daß du gute Nachrichten für mich hast, Fernando."

Der Anblick seines Schwiegersohns mißfiel ihm. Er hielt ihn für einen eingebildeten Schwachkopf, und er konnte sich nicht erklären, was seine Tochter Ferula an ihm fand.

"Du wirst erfreut sein, Don Hermano. Coco Zamis übernachtete bei einer Vampirsippe in Iquique. Im Augenblick ist sie nach Tarapaca unterwegs. Sie will den Tupac-Clan besuchen."

Das Oberhaupt der Munantes runzelte die Stirn. Das war doch alles schon endlos lange her. Es handelte sich auch nicht um einen Clan, sondern um den letzten Überlebenden eines degenerierten Haufens. Langsam erinnerte er sich. Damals war er als weiser Inka aufgetreten, hatte die Indianer besiegt und diese abscheuliche Vampir-Sippe, die sich vom Lama-Blut ernährt hatte, ausgerottet. Nur einer war ihm entkommen, den er dann später in ein altes Haus gesteckt hatte. Aber Tupac, wie sich der Vampir genannt hatte, mußte doch schon längst tot sein.

"Hast du mich verstanden, Don Hermano?"

"Ja, halte den Schnabel. Ich muß nachdenken. Stör' mich nicht."

Fernando schwieg verbittert.

Das war doch die Zeit gewesen, in der er Persea Jadit kennengelernt hatte. Sie war eine außergewöhnliche Dämonin gewesen, zwar eine vampirartige, doch außerdem eine mächtige Hexe, die viel von Skarabäus Toth gelernt hatte.

Plötzlich erinnerte er sich ganz genau. In Tupacs Haus waren drei Mumien als Wärter versteckt worden, und unweit des Hauses hatte er drei Untote begraben lassen. Sollte der Vampir zu einem Mitglied der Schwarzen Familie sprechen, dann würden sie erwachen.

Funktionierte nach so langer Zeit noch der Zauber? Voraussetzung dazu war natürlich, daß Tupac noch lebte, was ihm höchst unwahrscheinlich vorkam.

Irgendwo mußten sich noch die alten Aufzeichnungen befinden, die er in Bleikristallkugeln gespeichert hatte. Vermutlich waren sie aber bei seinen hastigen Reisen irgendwo verschwunden. Doch im Keller des Hauses in Santiago stand ein alter Schrank...

"Hör mir zu, Fernando". sagte er.

***

Mißvergnügt durchsuchte Fernando Munante-Camaz die Kellerräume, in denen sich Gerümpel aus einem Jahrhundert angesammelt hatte. Wild fluchend zwängte er sich durch all die staubigen Kisten, Truhen und Hutschachteln hindurch, stieß alte, halbverfaulte Möbelstücke zur Seite. Und dann erblickte er den knallroten Schrank, der mit einem Vorhängeschloß versperrt war. Mühelos konnte er es öffnen, dann zog er die Kastentür auf und schnaubte angewidert. Ein fauliger Geruch schlug ihm entgegen. Zwei Fächer waren mit Schrumpfköpfen gefüllt, in einer Lade entdeckte er einen steifen Ledersack, den er vorsichtig öffnete. Er war vollgestopft mit unterschiedlich großen Bergkristallkugeln, die im schwachen Licht wie Diamanten funkelten.

Triumphierend breitete Fernando ein weiches Tuch auf der Tischplatte aus und ließ darauf die Kugeln fallen.

"Gut gemacht", lobte Don Hermano, der ihn weiterhin beobachtete.

"Was soll ich nun tun, Herr?"

"Setz dich nieder und laß die Kugeln nicht aus den Augen. Sollte der alte Zauber noch wirksam sein, dann wirst du es merken. Melde dich dann wieder bei mir."

Verdammt langweilig, dachte Fernando, dessen Ärger sich steigerte. So sehr hatte er sich auf das Zusammentreffen mit seinen Freunden gefreut, das nun ohne ihn stattfand.

Er zuckte zurück, als eine Kugel die Farbe änderte. Sie wurde pechschwarz, und ein dünner Rauchschleier stieg hoch.

Sofort stellte er eine Verbindung mit seinem Schwiegervater her.

"Es klappt", freute sich der alte Hexer. "Der Vampir lebt noch. Und Coco Zamis hat sich mit ihm unterhalten."

"Was geschieht nun, Don Hermano?

"Die drei Untoten erwachen in diesem Augenblick", antwortete er. "Sie werden die Macheten ergreifen, zum Haus rennen und den Vampir und Coco Zamis in Stücke hauen."

"Aber mit Macheten sind Vampire nicht zu töten", stellte Fernando fest.

"Davon verstehst du nichts, du Stümper."

Fernando preßte beleidigt die Lippen zusammen.

"Schade, daß ich kein Bild aus der Kugel empfangen kann, doch daran hatte ich damals nicht gedacht."

Fernando enthielt sich seiner Meinung.

"Sobald die drei Untoten ihre Aufgabe erfüllt haben, zerfallen sie zu Staub. Das wirst du merken, wenn sich die Kugel verfärbt."

"Und was geschieht, wenn Coco Zamis die Flucht gelingen sollte?"

"Du dummer Naseweis, das ist ausgeschlossen."

Schweigend starrten sie die Kugel an. Nach ein paar Minuten veränderte sie tatsächlich die Farbe. Sie war nun grau.

"Es hat funktioniert", freute sich Don Hermano. "Coco Zamis und der Vampir sind tot. Da wird sich aber Asmodi freuen, daß es so rasch geklappt hat. Irgendeiner deiner mißratenen Brüder soll Cocos Überreste einsammeln. Die Macheten soll er mitnehmen und das Vampir-Haus anzünden. Sobald das geschehen ist, gibst du mir die Erfolgsnachricht durch, dann erst werde ich Asmodi verständigen."

Don Hermano unterbrach die Verbindung.

"Dieser verkalkte Narr", brummte Fernando. Er war alles andere als davon überzeugt, daß Coco Zamis tot war. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte, dann war sie sogar ein wenig magisch begabt. konnte sich kaum vorstellen, daß sich Coco Zamis von den drei Untoten hatte überraschen lassen.

Er war so in Gedanken versunken und hatte dem Tisch den Rücken zugekehrt, daß er es nicht merkte, als die Kugel für ein paar Minuten wieder schwarz wurde.

Widerstrebend setzte er sich mit Lorenza in Verbindung, den er genau informierte und deutlich warnte. Sein Bruder sollte keinesfalls ein Risiko eingehen.

Dann begann für Fernando das lange Warten.


***

In einer Feuerstelle in der kleinen Hütte brannten ein paar Holzscheite, das war die einzige Beleuchtung. An den Wänden hingen ein paar kunstvoll verzierte Masken und magische Gegenstände, deren Bedeutung ich nicht kannte.

Der Inka-Priester und ich hockten uns einander gegenüber und musterten uns feindselig. Mit einer fließenden Bewegung schob ich mein langes Haar über die Schultern, und dabei spannte sich die knappe Bluse über meine festen Brüsten. Die hautenge Hose betonte die Länge meiner Beine. Wenig modisch hingegen waren die festen Lederschuhe, die aber für diese Gegend zweckmäßig waren.

"Jetzt reicht es mir langsam, Inka-Priester", sagte ich. "Ich will möglichst bald diese unerfreuliche Umgebung verlassen. Und ich fürchte, daß das Erwachen der Untoten nicht unbemerkt geblieben ist. Ich fürchte, daß wir bald höchst unwillkommenen Besuch erhalten werden."

"Da muß ich dir zustimmen. Was willst du wissen?"

"Ein wenig mehr über dich, mein düsterer Priester. Woher wußtest du von Tupac, den Untoten, und wie hast du die magische Schutzglocke errichtet?"

"Das sind recht viele Fragen, Dämonin. Du gehörst auch dieser Organisation an, die man als Schwarze Familie bezeichnet?"

"Das streite ich nicht ab. Doch ich verfolge meine eigenen Interessen. Beantworte endlich meine Fragen."

"Ich werde eine lange Geschichte kurz erzählen. Nach der Zerschlagung der Vizekönigreiche gehörten die Wüstengebiete Tarapaca und Atacama zu Bolivien. Um dieses Gebiet scherte sich niemand. Aber plötzlich begann man sich für den meterhohen Vogeldreck mit dem Salpeter zu interessieren - wertvolles Düngemittel und gut zu verwenden für die Herstellung von Schießpulver. Die Chilenen begannen einfach mit dem Abbau, ohne sich um die Proteste Boliviens zu kümmern. 1879 erklärte Chile Bolivien den Krieg, der als Salpeterkrieg in die Geschichte einging."

"Das ist mir alles bekannt", unterbrach ich ihn ungeduldig. "Ich bin nicht an Geschichtsunterricht interessiert.

"Mein Stamm lebte damals in Peru. Die Chilenen beschlossen, endgültig reinen Tisch zu machen und kämpften auch gegen Peru. Kurze Zeit nach Ausbruch der Kämpfe waren die bolivianischen Truppen aufgerieben. Gegen Peru verlief der Krieg vorerst nicht so erfolgreich, da gab es einige Schlappen für die chilenischen Verbände. Aber dann wendete sich das Blatt, die Chilenen eroberten Lima. Das ganze riesige Gebiet fiel an Chile. Während der Kriegswirren verließ mein Stamm die alte Heimat und ließ sich hier nieder. Mein Großvater war ein mächtiger Hohepriester, er entdeckte den unwürdigen Vampir, der ihm seine Geschichte erzählte. Daraufhin wurde die ganze Umgebung abgesucht, und in der Wüste wurden die drei Untoten entdeckt. Mein Großvater versuchte sie zu erlösen, doch das schaffte er nicht, da dabei eine Magie im Spiel war, die er nicht kannte. Dieses Wissen gab er an mich weiter. Wir entwickelten Schutzschirme für die umliegenden Dörfer, die sofort aktiviert werden sollten, würden die Sinchis erwachen. Heute erhoben sie sich, und die Schutzmaßnahmen meines Großvaters bewährten sich. Das ist eigentlich alles.“

"Hm, damit hast du meine Fragen beantwortet. Dein Großvater hatte wohl noch nie etwas vom alten Ägypten gehört?"

"Er war nicht unwissend, aber von der Zauberei dieses alten Volkes hatte er keine Ahnung."

"Und wie steht es mit dir, Wahrsager?"

"Ich spüre die fremde Ausstrahlung, doch ich kann sie nicht beeinflussen. Und ich will meinen toten Brüdern den Weg ins Himmelreich ebnen, was du verhindern willst, da du die Toten für deine bösen Zwecke mißbrauchen willst."

Ich überlegte ziemlich lange. Die Story des Inka-Priesters schien zu stimmen, und seine Beweggründe waren durchaus edel. Aber ich hatte mit den Zombies anderes vor. Ich könnte sie unauffällig umpolen und so als Waffe gegen die Munante-Sippe einsetzen. Bei dem Sarg hatte es sich um einen Todessarkophag gehandelt, in den die drei Inka-Krieger vor langer Zeit von Hermano Munante hineingesteckt wurden, starben und sich in die schemenhaften Monster verwandelten. Aber dieser Sarkophag konnte sicherlich noch viel mehr. Vermutlich ahnte Hermano Munante gar nicht. welch gefährliche Waffe er da zur Verfügung hatte. Sie konnte nur jemand richtig bedienen, der über das notwendige Wissen verfügte. Ich hätte nun durch eine eingehende Untersuchung der Untoten feststellen können, wie der Sarkophag in eine tödliche Falle für alle Munantes verwandelt werden konnte.

Aber konnte ich tatsächlich das Risiko eingehen, die Zombies mitzunehmen? Ein geschickter Zauberer hätte sie jederzeit aufspüren und verfolgen können. Das Risiko war zu groß.

"Hör mir zu, Yacaraca. Ich habe folgenden Vorschlag, bei dem wir beide unser Gesicht nicht verlieren und trotz aller Gegensätze als Freunde scheiden können."

"Laß ihn hören, Acllacuna."

Der Ton war zumindest freundlicher geworden.

"Ich will die Ausstrahlung der Sinchis speichern. Das kann vielleicht nur wenige Minuten dauern, aber möglicherweise auch etwas länger. Doch in der Zwischenzeit werden sich vielleicht einige Mitglieder der Munante-Sippe nähern."

"Da kann ich dir helfen. Ich kenne die Aura der Familie. Außer Tupac hauste im Umkreis von zwanzig Kilometern kein Dämon. Ich werde eine schwache Glocke errichten, die mir sofort anzeigt, sollte sich jemand nähern."

"Gut, sobald ich fertig bin, werden wir deine toten Freunde für alle Zeiten erlösen."

"Ich vertraue dir, Acllacuna."

"Dann laß uns gehen."

Wir verließen die Hütte und ich ging auf das Auto zu, griff durch eines der geöffneten Fenster und schnappte meine Handtasche, und ging zu dem Priester, der vor den drei leblosen Gestalten stand.

Ich spürte sofort, daß mir Rebecca eine Botschaft übermittelt hatte.

Der Inka-Priester verstand meine Aufforderung, und er spazierte auf das Tupac-Haus zu, das vollständig zerstört war, dann erreichte er die Glocke und konzentrierte sich.

Mit dem rechten Zeigefinger malte ich ein paar Zeichen in den Sand. Ich rief Rebecca, die sich fast augenblicklich meldete.

"Ich habe deine Botschaft erhalten, Rebecca. Im Augenblick bin ich gerade beschäftigt, aber ich brauche vielleicht deine Hilfe."

"Was soll ich tun?"

"Fahr zum Munante-Haus, untersuche es nach magischen Fallen. Vielleicht kannst du auch eine Unterhaltung belauschen. Begib dich aber nicht in unnötige Gefahr. Ich melde mich bald wieder bei dir."

Ich gab Rebecca noch die Adresse bekannt, dann unterbrach ich die Verbindung.

Nun wandte ich mich den Toten zu, hob sie hoch und strich mit einem altägyptischen Amulett über ihre Körper, vor allem konzentrierte sie sich auf die Köpfe. All dies wurde in der Kugel gespeichert.

Ich überlegte mir eine Stelle aus dem Totenbuch, die ich nun anwenden wollte.

Um das Gedächtnis des Verstorbenen wiederherzustellen.

"O gäben die Geister mir meinen Namen zurück!" sagte ich in einer Sprache, die nur mehr wenige Dämonen verstanden. "Meines Namens Gedenken möge mir ewig verbleiben, wenn von der Nacht dort verweile, von der Unterwelt glühenden Mauern umgeben."

Langsam wirkte der Spruch, und ich konnte sich mit den Toten unterhalten. Deutlich sah sie wieder den Sarkophag, aber es war noch vielmehr, was sich nicht nur aufs Sehen beschränkte. Nun wußte ich, aus welcher Dynastie der Sarg stammte, zu welchen Zwecken er verwendet worden war, wer ihn später besessen hatte und wie er nach Südamerika gelangt war.

Aber ich wollte mehr erfahren, und da wandte ich noch einige Formeln aus dem alten Ägypten an.

"Ein Dämon nähert sich mit rasender Geschwindigkeit", rief der Inka-Priester mir zu.

Für ein paar Sekunden war ich verwirrt. "Kannst du ihn aufhalten?"

"Ich werde es versuchen."

Ich setzte meine Beschwörungen weiter fort. Die Informationen, die ich dabei erhielt, waren unglaublich wichtig und interessant. Für die endgültige Auswertung würde ich vermutlich eine Woche benötigen, aber die wesentlichen Aussagen konnte ich gleich verwerten.

***

Lorenza Camaz war ein kaum zwanzig Jahre alter Dämon, der gezwungenermaßen der Schwarzen Familie angehörte, der er sich aber immer mehr entfremdet hatte. Die alten Wertvorstellungen und Gesetze konnten ihn nicht begeistern, so wie viele der jungen Dämonen unterschied er sich kaum von normalen Menschen, in deren Gesellschaft er sich sogar lieber aufhielt. Für Don Hermano war er nur ein degenerierter Bastard, der in einen Freak verwandelt gehörte.

Er wohnte in einem kleinen Haus in San Pedro de Atacama, und seine Leidenschaft waren Motorräder. In seiner Garage standen ein Dutzend dieser heißen Ofen, die er speziell präpariert hatte. Hier war seine magische Begabung, so schwach ausgeprägt sie auch war, ein gewaltiger Vorteil. Er hatte einen Anzug samt Helm konstruiert, mit dem er Geschwindigkeiten fahren konnte, die für Menschen einfach unmöglich waren Seine Reflexe waren überdurchschnittlich ausgeprägt. Liebend gern hätte er an Weltmeisterschaften teilgenommen, doch dies war ihm verwehrt.

Aber so frönte er seiner Leidenschaft in den Nächten, wenn die Straßen einsam und verlassen waren.

Die Warnungen seines Bruders nahm er durchaus ernst, doch das hinderte ihn nicht daran, wie ein Verrückter zu rasen. Die umgebaute Kawasaki war zu einem Teil seines Körpers geworden. Auch in den unübersichtlichsten Kurven fuhr er im Dreihundert-Kilometer-Tempo. Und auf den Geraden war er manchmal fast doppelt so schnell.

Die extrem miese Straße nach Tarapaca war eine Herausforderung für ihn, doch selbst mit seinen Fähigkeiten mußte er die Geschwindigkeit drosseln.

Von einer Sekunde zur anderen verschwand die Straße, und er schien durch eine Phantasielandschaft zu rasen. Nebelschwaden hüllten ihn ein, die ihm die Sicht raubten. Dann verschwand er in einem dunklen Klumpen, der klebrig wie ein Kaugummi war. Das Motorrad heulte durchdringend auf, und dann war nur mehr undurchdringliche Schwärze um ihn, die ihn lähmte und willenlos werden ließ.

Etwas Ähnliches hatte er nie zuvor erlebt. Das Motorrad wurde unsichtbar und seine Hände durchscheinend. Und dann preßte sich etwas gegen sein Hirn.

***

Eigentlich hatte Rebecca eines der bekannten Restaurants in der Avenida Providencia besuchen wollen, wo sich auch angeblich die hübschesten Mädchen der Welt an Sommerabenden aufhalten sollten.

Aber dann hatte sie sich für das Hotel-Restaurant entschieden.

Das Essen war keine Offenbarung gewesen. Kalter Fisch in Avocadosauce, mit Brandy flambiertes Ferkel und Mousse au chocolat.

Mißmutig ging Rebecca in die Hotel-Bar, bestellte einen doppelte Bourbon und rauchte eine Zigarette.

Anschließend ging auf ihr Zimmer.

Rebecca unterhielt gerade mit ihrem Fledermausgeschöpf Eric, als die magischer Kugel aufleuchtete.

"Endlich meldet sich Coco", sagte sie und stürmte so eilig zu den Tisch zu, daß ihr Eric einen verwunderten Blick zuwarf.

Das Fledermausgeschöpf flog zum Kleiderschrank und döste vor sich hin, bis Rebecca ihr Gespräch mit ihr beendet hatte.

Dann flog er zur ihrer Schulter und ließ darauf nieder.

"Was gibt's Neues?"  

"Coco ist im Augenblick beschäftigt", sagte Rebecca und trank einen kräftigen Schluck. "Ich soll mir das Munante-Haus ansehen."

"Wozu soll das gut sein?" erkundigte sich Eric.

"Sie hat irgendeinen Plan", antwortete Rebecca ausweichend.

"Das ist ja eine tolle Erklärung", krächzte Eric.

"Du mußt nicht mitkommen, Eric", sagte sie spitz.

Aber natürlich wollte das Fledermausgeschöpf mit.

Rebecca nahm ein paar Gegenstände aus dem Zimmer mit, dann stieg sie in ein Taxi und ließ sich ins Nobelviertel Providencia bringen, und fuhr durch platanenbestandene Alleen.

Natürlich hatte Rebecca dem Fahrer eine falsche Adresse angegeben, und sie wartete, bis er losfuhr, dann studierte sie den Stadtplan. Nach fünfzehn Minuten stand sie vor dem mannshohen Zaun. Bäume verstellten ihr die Sicht, und nur gelegentlich konnte wer einen Blick auf das Haus erhaschen, das eher wie ein Palast aussah. Vom Zaun ging eine widerwärtige Ausstrahlung aus, die normale Menschen zurückschrecken sollte.

Rebecca blieb ein paarmal stehen, untersuchte den Zaun und warf einen Blick auf einen kleinen Spiegel, dann schüttelte sie verwundert den Kopf.

"Das Sicherheitssystem ist total veraltet", stellte sie fest. "Der Munante-Clan ist äußerst leichtsinnig."

"Eher zu eingebildet und arrogant", meinte Eric. "Sie kommen gar nicht auf die Idee, daß sich jemand für ihre Behausungen interessieren könnte."

Rebecca nickte zustimmend. "Ich werde mich mal im Garten umsehen."

"Laß das lieber bleiben."

Doch sie hörte nicht auf ihr Fledermausgeschöpf. Vor der Hinterfront blieb Rebecca stehen. Sie konzentrierte sich und sah ihr Fledermausgeschöpf an und sagte zu Eric:

"Jetzt kommt dann dein Part. Ich habe mich schwerelos gemacht. Du wirst mich jetzt über die Mauer tragen und im Garten absetzen."


***

Ich beeilte mich nun, denn ich wußte, daß der Inka-Priester nicht endlos lange den Dämon aufhalten konnte.

Nun sprach ich mächtige Sprüche, die den drei Toten die endgültige Ruhe bringen sollten.

"Magische Puppen", flüsterte ich und verdrehte meine Hände merkwürdig. "Magische Puppen, hört mich an. Bin ich gerufen, bin ich verurteilt auszuführen die Arbeit, welche im Jenseits die Toten verrichten."

Rasch berührte ich die kleinen Köpfe mit dem Amulett.

"In die Kehmenu-Mysterien dringt ein", sagte ich lauter. "Thoth selber hat eure Stirn mit Siegel geheiligt. Und strahlend in Ras göttliches Antlitz - das mächtige Horus-Auge beschützt euch. Göttliche Seelen, an Macht und Lebenskraft strotzend! Ihr überschreitet die Schwelle ins Jenseits, Osiris, den göttlichen Vater, zu schauen. Nun verjag' ich die Wolken, die euch bedrücken. Geist seid ihr geworden, geläutert, mit machtvollen Sprüchen gepanzert. Nun habt ihr vollbracht die Reise."

Nun griff ich nach einer Skarabäengemme, die mit Kupfer verziert war und sich auf einem silbernen Ring befand.

Die puppengroßen Untoten richteten sich auf.

Gleichzeitig begannen sie zu murmeln.

"Hier beginnen die Sprüche, die vom Hinausgang der Seele berichten, zum vollen Licht des Tages, berichten von ihrer Auferstehung im Geiste, dem Eintritt in die Bereiche des Jenseits, von ihren Reisen dahin."

Ich trat ein paar Schritte zur Seite.

"Es ist soweit, Wahrsager. Den Rest muß du vollenden. Kannst du gleichzeitig auch den Dämon zurückhalten?"

"Ja, denn mein Werk dauert kaum zwei Minuten. Bitte wende dich ab, Acllacuna."

Ich gehorchte und sammelte die Macheten ein, die ich unweit des zerstörten Hauses fallen ließ. Dann formte ich drei Sandhaufen, denen ich eine schwache, magische Ausstrahlung verpaßte.

Noch immer hatte ich mich nicht entschieden, was ich nun tun wollte.

"Es ist getan", sagte der Wahrsager.

Er hatte die Untoten auf ein Tuch gelegt. Sie waren zu Staub zerfallen, und er knotete das Tuch zu.

"Ich danke dir für deine Hilfe, Acllacuna."

"Nichts zu danken."

"Was wirst du nun tun?"

"Auf den Dämon warten Auch ich muß mich bei dir bedanken. Vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder."

"Vielleicht. Der Plan, den du gefaßt hast, Fremde, die man Coco nennt, scheint vielversprechend zu sein."

"Woher weißt du, was ich vorhabe?"

Der Inka lächelte. "Betritt keinesfalls das Munante-Haus innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden. Nun lasse ich den Dämon frei, er wird sich nicht daran erinnern können, daß ich ihn aufgehalten habe."

Der Wahrsager deutete eine Verbeugung an, dann drehte er sich um und schritt auf das kleine Indianerdorf zu.

Dann hörte ich, daß sich ein Motorrad rasch näherte.


***

Als Rebecca den Garten fast durchquert hatte, bemerkte sie die Gestalt, die sich hinter einem Baum versteckte. Ruhig ging sie weiter und analysierte dabei das Geschöpf. Es war nur ein Dämonendiener, der von den Munantes beeinflußt worden war. Ohne größere Schwierigkeiten hätte sie ihn töten können, doch sie wollte kein Risiko eingehen. Da sie mit Coco schon längere Zeit geübt hatte, wie man einen Dämonendiener in seine Gewalt zu bringen, wollte sie es ausprobieren. Sie riß ihn an sich und schaute ihn in die Augen. Es dauerte nur wenige Sekunden, da durchbrach sie dessen Sperre und zwang ihm ihren Willen auf.

Bereitwillig beantwortete der Diener all ihre Fragen.

Wirklich unglaublich, dachte sie, wie unvorsichtig dieser Fernando Munante-Camaz ist. Nur ein einziger Dämonendiener, der den Garten bewachen sollte. Im Haus selbst gab es stärkere Sicherheitseinrichtungen. Doch in den Außenmauern waren nicht einmal magische Abwehrkristalle angebracht.

Sie konzentrierte sich nun auf das Hausinnere. Sie spürte ein Dutzend Diener auf, dann wandte sie sich dem Keller zu. Dort befand sich ein Hexer, der aber kaum mehr als die primitivsten Grundkenntnisse der Magie beherrschte.

Dieser lächerliche Hanswurst sollte der Munante-Vertreter für ganz Chile sein? Das war einfach lachhaft.

Rebecca preßte eine Kugel gegen die Wand, die unmittelbar über dem Keller lag, und tat sicherheitshalber noch eine zweite dazu, damit die Wirkung verstärkt wurde.

Dann prüfte sie ganz genau, ob sie auch funktionierten. Nun war sie zufrieden. Kurze Zeit sprach sie noch mit dem Dämonendiener und befahl ihm, daß er ihr Erscheinen vergessen sollte.

Sie erreichte den Zaun, kletterte die Stäbe geschickt hoch und rief Eric.

"Das ging für meinen Geschmack viel zu einfach, Eric", sagte Rebecca kopfschüttelnd.

"Vielleicht hast du etwas übersehen?"

"Daran habe ich auch gedacht, doch ich habe alles mehrfach überprüft. Fernando Munante-Camaz hat keinen Verdacht geschöpft. Nur zu gerne würde ich wissen, was Coco vorhat."

"Darf ich dich zum Hotel fliegen?" fragte Eric.

"Nicht so hastig, ich möchte noch ein paar Minuten das Haus beobachten."


***

Tatsächlich konnte sich Lorenza Camaz nicht daran erinnern, daß er aufgehalten worden war.

Er raste durch das schlafende Städtchen, ließ Tarapaca hinter sich, erreichte das schmale Seitental und bremste, als er den blauen Mercedes erblickte.

Eine Minute blieb er ruhig sitzen und sah sich aufmerksam um. Er spürte, daß hier irgendetwas Ungewöhnliches geschehen war. Dann nahm er Coco Zamis Ausstrahlung wahr, die eben den schmalen Weg betrat. Die Hexe blieb stehen und musterte ihn.

Lorenza nahm den Helm ab. Sein Bruder hatte recht behalten, die Hexe war von den Untoten nicht getötet worden, der aufgeblasene Don Hermano hatte sich gründlich geirrt.

"Wer bist du, hübscher Dämon?" fragte ich.

"Lorenza Camaz, einer von Fernandos Brüdern."

"Was verschlägt dich in diese unwirtliche Gegend, Lorenza?"

Er glitt vom Sitz. "Willst du mir nicht deinen Namen verraten, schöne Dämonin?"

"Coco Zamis."

Rasch lief er den Weg hoch, sah sie kurz an und wandte den Kopf. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, als er das zerstörte Haus erblickte.

"Was ist hier geschehen, Coco Zamis?"

"Hast du vielleicht die drei Untoten auf mich gehetzt?"

"Nein, das war nicht ich. Ich bin auch nicht richtig darüber informiert. Angeblich hat in dieser Gegend vor vielen Jahren Don Hermano drei Schattengeschöpfe begraben. Sie erwachten zu Leben, das konnte Fernando feststellen. Aber er konnte nicht sehen, was sich hier abgespielt hat. Ich sollte nachsehen."

"Hm, ich verstehe", meinte ich. "Also hat dieser Angriff nicht mir persönlich gegolten?"

"Nein, keinesfalls. Aber du muß irgendetwas getan haben, denn sonst wären wohl kaum die Zombies aufgetaucht."

"Ich unterhielt mich mit einem uralten Inka-Vampir. Plötzlich wurde das Haus wie bei einem Erdbeben erschüttert. Es fiel in sich zusammen, und die Trümmer begruben drei Mumien. Dann tauchten drei unheimliche Schattengeschöpfe auf. Ich konnte mich retten, doch sie erschlugen Tupac."

"Wie hast du dich retten können?" fragte Lorenza neugierig.

"Ich hatte Glück. Das ist mein Geheimnis. Die Untoten rannten wie aufgeschreckte Hühner hin und her, gingen dann aufeinander los und zerfielen schließlich zu Staub."

Lorenza sah sich genau um. Dem toten Vampir gönnte er nur einen kurzen Blick, seine Überreste würde die Sonne in Staub verwandeln. Er fand die drei kleinen Häufchen und die Macheten.

"Du muß irgendein Verbot übertreten haben, Coco Zamis."

"Tupac, der schon ein wenig wirr redete, behauptete, daß er mit keinem Mitglied der Schwarzen Familie sprechen darf. Davon war mir aber nichts bekannt. Ich glaube, daß ich da in eine Falle gelockt wurde. Hat dein Bruder den Auftrag gegeben?"

"Du irrst, Coco. Niemand trachtet dir nach dem Leben. Ganz im Gegenteil, mein Bruder wird sich sicherlich über deinen Besuch freuen."

"Das wage ich allerdings zu bezweifeln, Lorenza."

"Du kannst mit ihm selbst sprechen."

Der junge Dämon drehte ihr den Rücken zu. Dann holte er eine kleine magische Kugel aus der Tasche. Als er das Gesicht seines Bruders erblickte hob er die Kugel hoch.

"Hier ist tatsächlich etwas Unerklärliches geschehen", sagte Lorenza rasch. Mit diesen vereinbarten Worten wußte Fernando, daß der Vampir und die Untoten ausgelöscht waren, Coco Zamis jedoch noch lebte. In kurzen Worten berichtete er nun, was ihm die Hexe erzählt hatte.

"Ich möchte mit Coco Zamis sprechen, Bruder", sagte Fernando.

Nun drehte sich Lorenza um und hielt mir die Kugel unter die Nase.

"Ich grüße dich, mächtiger Don Fernando", sagte ich demutsvoll.

"Sei mir gegrüßt, Coco Zamis. Du hättest dich gleich nach deiner Ankunft bei mir melden sollen. Ich hätte dich vor einem Besuch bei Tupac gewarnt."

"Natürlich wollte ich mich bei dir melden, Don Fernando. Aber ich kam von Peru nach Arica, mietete ein Auto und besuchte zwei befreundete Sippen, die aber die Kunst der Kristallomantie nicht beherrschen. Ich beherrsche das Kristallsehen ein wenig, doch meine Rufe erreichten dich nicht, vermutlich war ich zu weit von dir entfernt."

Das klang für Lorenza Camaz glaubwürdig.

"Was hast du nun vor, Coco Zamis?"

"Ich wollte noch ein paar Sippen besuchen, doch darauf verzichte ich lieber, denn vielleicht laufe ich in eine weitere Falle."

"Gegen weitere Besuche habe ich nichts einzuwenden, doch es wäre klüger, wenn du mich zuerst besuchen würdest. Komme direkt nach Santiago. Wann darf ich dich erwarten?"

"Ich folge gerne deiner Einladung. Morgen um Punkt Mitternacht?"

"Ja, das ist die passende Zeit. Ich freue mich darauf. Gib mir jetzt meinen Bruder."

Ich nickte und trat zwei Schritte zur Seite.

"Du fährst nach Hause, Lorenza."

Der Dämon steckte die Kugel ein. Der Auftrag war klar. Er sollte Coco Zamis unauffällig verfolgen.

Lorenza zerstörte die Staubhaufen. Die Macheten nahm er mit. Gemeinsam stiegen wie den Weg hinunter.

Unten angekommen, verabschiedete ich mich, glitt hinters Lenkrad und folgte Lorenza.


***

Fernando Munante-Camaz lachte durchdringend. Voller Freude schlug er mit der geballten Faust auf die Tischplatte, und die Kugeln hüpften hoch.

"Don Hermano ist ein alter Narr", sagte er vergnügt.

Er wartete noch ein paar Minuten, bis er sich beruhigt hatte, denn sein Schwiegervater durfte keinesfalls ahnen, daß er sich über ihn lustig gemacht hatte.

Er nahm Verbindung mit Don Hermano auf, der ihn unfreundlich anknurrte.

"Hat dein nichtsnutziger Bruder Coco Zamis Reste eingesammelt?"

"Nein, denn das war nicht möglich, Don Hermano."

"Was willst du damit andeuten, Schwachkopf?"

"Coco Zamis ist nicht tot!"

Während er seinen Bericht durchgab, merkte er deutlich, wie Don Hermanos Wut stieg. Sein Gesicht verformte sich zu einer abstoßenden Dämonenfratze, und er spie Gift und Galle.

"Mit der Erfolgsnachricht an Asmodi ist es nichts", schloß Fernando seinen Bericht. "Weshalb wünscht Asmodi ihren Tod, Don Hermano?"

"Das hat dich nicht zu interessieren", brüllte Hermano. "Das ist ein Geschäft, das nur Asmodi und mich etwas angeht. Du schweigst, daß ich Coco Zamis Tod wünsche."

Langsam verrauchte Hermanos Zorn.

"Ich muß zugeben, Fernando, daß du deine Sache nicht übel gemacht hast. Es war eine gute Idee von dir, Coco Zamis einzuladen. Lorenza verfolgt sie. Demnach kann sie uns nicht entkommen. Laß mich ein paar Minuten nachdenken."

Fernando war über das Lob hocherfreut, denn damit ging sein Schwiegervater sehr spärlich um.

"Ja, so werden wir es machen, lieber Fernando. Der Todessarkophag! Das ist die Lösung. Du wirst Coco Zamis herzlich willkommen heißen und sie dann lähmen. Das sollte bei einer Hexe sogar dir möglich sein. Außerdem werde ich noch genaue Anweisungen ausarbeiten. Du schaffst die bewußtlose Coco Zamis in den Keller, öffnest den Deckel des Sarges und stößt sie hinein. Dann schließt du den Sarkophag. Coco Zamis verwandelt sich und wird für ewige Zeiten ein Sklave unserer Sippe."

"Aber Asmodi will doch ihren Tod?"

"Sie ist ja auch tot, du Dummkopf. Ein hirnloses Geschöpf, zu keinem Gedanken mehr fähig. Das soll sie sein. Aber davon werde ich Asmodi nichts erzählen. Mein Mund wird versiegelt sein. Erst wenn ich es für notwendig erachte, werde ich ihm berichten, was tatsächlich geschehen ist."

Er stöhnte genußvoll auf.

"Das ist überaus prächtig. Vielleicht überreiche ich ihm Coco Zamis, der ich aber den Befehl eingebe, daß sie auf Asmodi losgehen soll. Das wäre vielleicht ein Spaß, den ich mir keinesfalls entgehen lassen will. Das sind in jeder Weise höchst befriedigende Nachrichten. Asmodi werde ich täuschen, ihn belügen und mich über ihn erheitern. So soll es geschehen. Ich will morgen dabei sein, wenn du Coco Zamis in den Sarg stößt."

"Du kommst persönlich, Don Hermano?" fragte Fernando, der darüber nicht sehr erfreut war.

"Nein, ich werde alles durch die Kugel beobachten. Bis morgen, mein lieber Fernando."

Fernando starrte die blinkende Kugel an, brachte sie zum Erlöschen und verschwand in einer düsteren Kammer. Bis auf den kunstvoll verzierten ägyptischen Sarkophag, der an einer Wand lehnte, war der Raum leer.

Hermano hatte diesen Sarg vor vielen Jahren von einer ägyptischen Hexe geschenkt bekommen. Er stellte die gefährlichste Waffe der Munante-Sippe dar. Unzählige Dämonen und Menschen hatten in ihm den Tod gefunden...

***


"Wie bei Karl May", sagte Rebecca zufrieden.

Eric blickte sie verwundert an.

"Seine Helden schleichen sich immer an", erklärte sie ihm, "und erfahren so die Pläne der bösen Feinde und können sich danach richten. Diese zwei Gespräche, die wir da eben gehört haben, waren ausgesprochen aufschlußreich."

"Wahrscheinlich weiß auch Coco wesentlich mehr, als sie Lorenza Camaz verraten hatte, und auch Fernando hatte sie ganz schön belogen. Hatte es sich noch nicht bis nach Südamerika herumgesprochen, daß Coco Zamis nicht die unbegabte, naive Hexe ist? Die Kostproben ihrer Fähigkeiten hatten mir schon gereicht, aber ich bin sicher, daß Coco nicht alle ihre Karten aufgedeckt hatte. Da stehen den Dämonen und Asmodi noch einige Überraschungen bevor. Asmodi wünscht also Cocos Tod."

"Wa willst du machen?" fragte Eric.

"Ich will vorerst einmal mit Coco sprechen."

"Zeitverschwendung", brummte Eric. "Denn wie ich euch beiden kenne, werdet ihr sicherlich irgendeinen komplizierten Plan erfinden, der sich dann nicht verwirklichen läßt."


***


Nach der Polizeikontrolle in Huara winkte Lorenza Camaz mir noch einmal kurz zu, dann drehte er um und schoß in Richtung Norden davon.

Ich war sicher, daß Lorenza nach ein paar Minuten umdrehen würde. Ganz sicher sollte er mich verfolgen und nicht aus den Augen lassen.

Ich fuhr nun durch die Pampa de Tamarugos, ein Waldgebiet aus kleinblättrigen, stacheligen Bäumen. Vor Oficina Victoria gab es wieder einmal eine Kontrolle, hoffentlich die letzte vor Santiago, dachte ich.

Nun ging es durch das Wüstenbecken Salar de Bellavista.

Ich entspannte mich. Wieder einmal wurde der Wagen von Geisterhänden gelenkt. Ich dachte über die Ereignisse des Tages nach.

Das durchdringende Summen ließ mich hochfahren. Aus der Handtasche holte ich eine pulsierende Kugel.

"Jetzt können wir uns endlich ausführlich unterhalten, Rebecca", sagte ich. "Wo steckst du eigentlich?"

"Im Carrera-Hotel in Santiago."

"Hat dich meine Einladung also erreicht? Wie bist du denn nach Chile gekommen?"

Zuerst erzählte ich alles ganz genau, dann war Rebecca an der Reihe. Sie hatte die zwei Gespräche Fernandos gespeichert. Das erste war mir bekannt, aber ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich Don Hermano und Fernando zuhörte.

"Gib mir ein paar Minuten Zeit, Rebecca, das muß ich erst einmal verarbeiten."

Mein Gehirn arbeitete nun wie ein Computer.

"Jetzt können wir uns weiter unterhalten", sagte ich. "Vom Tupac-Vampir erfuhr ich erst kurz vor Verlassen von Wien. Da hatte ich eine längere Unterhaltung mit Perez Lexas. Asmodi beauftragt Don Hermano, daß dieser mich töten soll. Das ist mir durchaus verständlich, denn Asmodi weiß sicherlich was ich und meine Sippe von ihn halten. Und Don Hermano hatte keine Ahnung, daß ich zum Tupac-Vampir gefahren war. Ja, er wußte nicht einmal, daß ich mich in Chile aufhalte."

"Du hast angedeutet, daß du von den Untoten einiges erfahren hast."

"Es war hochinteressant, meine einzige Freundin. Der Todessarkophag war einmal in Skarabäus Toths Besitz. Ich kenne seine Funktionsweise zwar nicht ganz genau, aber das wird sich finden. Toth überließ den Sarg seiner Geliebten, der uns gut bekannten Persea Jadit, die wir getötet haben."

"Bist du da ganz sicher, Coco?"

"Völlig sicher. Jeder Zweifel ist ausgeschlossen. Persea Jadit hielt sich oft in Südamerika auf, sie war mit der Munante-Sippe eng befreundet. Das hört sich ein wenig erstaunlich an, da sie ja ein vampirartiges Geschöpf war, für die Hermano Munante nichts übrig hat. Doch damals war sie auch eine starke Hexe. Bei ihrer ersten Reise nach Südamerika, das war so vor zweihundert Jahren, nahm sie den Sarg mit und verehrte ihn Hermano als Einstandsgeschenk. Er diente zur Vernichtung seiner Feinde, doch in den vergangenen Jahren scheint er ihn kaum benützt zu haben."

"Nun soll dich Fernando hineinstecken."

Coco kicherte. "Fernando ist ein eingebildeter Trottel. Ich lernte ihn mal kennen, da wollte er mich unbedingt in sein Bett bringen, worauf ich liebend gerne verzichten konnte. Ich unterschätze ihn nicht, da er einige ganz nützliche Fähigkeiten hat."

"Ich habe da eine recht interessante Möglichkeit gefunden, die ich dir gerne erzählen will", sagte Rebecca.

"Vermutlich läuft sie ganz in meine Richtung. Ich melde mich in ein paar Minuten wieder, bleibe dran. Vor mir liegt die Loa-Brücke, und da gibt es schon wieder eine Polizeikontrolle."

Ich hielt an und sprang wutergrimmt aus dem Wagen.

"Jetzt reicht es mir aber langsam", fauchte ich die zwei Polizisten an. "Heute wurde ich bereits sechsmal kontrolliert."

"Wir haben unsere Vorschriften", antwortete einer der Beamten. "Wir dürfen auch eine Leibesvisitation anordnen. Wäre Ihnen das vielleicht lieber?"

Ich schwieg ergrimmt. Meine Wut verrauchte, denn die Polizisten hatten recht, sie waren es nicht, die diese Bestimmungen befohlen hatten.

Sie begnügten sich mit einer flüchtigen Kontrolle, aber nun war noch eine Hürde zu nehmen. Denn kaum war ich fünfzig Meter weiter gefahren, wurde ich nochmals angehalten. Diesmal waren es Zollbeamte! Und das mehr als vierhundert Kilometer von der peruanischen Grenze entfernt!

All meine Proteste nützten nichts, die Zöllner kontrollierten mich besonders kritisch und zerlegten dabei den halben Wagen.

Als ich endlich weiterfahren durfte, war ich rasend vor Zorn.

Die Straße stieg hier nun ein wenig an. Als ich den höchsten Punkt erreicht hatte, sprang ich wie eine Furie aus dem Auto, blieb breitbeinig stehen und schlug zu.

Und ich ließ meine Wut aus. Die Schranken und Zollhäuschen flogen durch die Luft, panikartig ergriffen die Polizisten und Zöllner die Flucht. Als mein Zorn sich langsam legte, fuhr ich weiter.

Das Autofahren war mir nun gründlich verleidet. Ich beschloß, bis nach Antofagasta zu fahren und die restlichen 1400 Kilometer mit dem Flugzeug zurückzulegen.

Mir war bewußt, daß ich höchst unklug gehandelt hatte, denn noch immer wurde ich von Lorenza Camaz verfolgt.

"Was war denn da los?" fragte Rebecca verblüfft.

Ich erzählte es ihr, dann unterhielten wir uns über den vagen Plan, der immer deutlichere Formen annahm.

Das folgende Wüstengebiet war in seiner abscheulichen Häßlichkeit wohl kaum mehr zu überbieten.

Chile war mir nun endgültig verleidet.

In der Hafenstadt nahm ich mir in der Nähe des Flughafens ein Hotelzimmer, doch an Schlaf dachte ich nicht. Eifrig studierte ich die Informationen, die ich von den drei Untoten erhalten hatte. Angeblich war der früheste Linienflug der LADECO völlig ausgebucht, doch das glaubte ich nicht. Ich gab den Leihwagen zurück. drückte einem Angestellten ein Bündel Banknoten in die Hand, und zehn Minuten später hatte ich mein Ticket.

Ich war nicht überrascht, daß das Flugzeug halb leer war.

Um 12.35 Uhr landete die Maschine auf dem Flughafen Pudahuel in Santiago. Ich hatte während des Fluges nicht einmal einen Blick auf die wunderschöne Landschaft geworfen.

Knapp eine Stunde später traf ich im Hotel Carrera ein. Mir war natürlich klar, daß ich weiterhin beobachtet wurde, doch das war mir gleichgültig.

Vermutlich gab es auch im Hotel Spione von Fernando Munante-Camaz. Doch auch dies störte mich nicht.

Rebecca konnte sich hier unbemerkt mit mir in Verbindung setzen.


***


Rebecca war den ganzen Vormittag unruhig gewesen, sie dachte nur daran, was um Mitternacht geschehen sollte. Sie wollte sich richtig entspannen und entschloß sich die Stadt an, die aber keine sonderlichen Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte. Sie besichtigte die San-Franzisco-Kirche und spazierte in Richtung Santa-Lucia-Berg weiter. Eine halbe Stunde verbrachte sie im Historischen Museum. In einem der unzähligen Lokale genehmigte sie sich ein leichtes Mittagessen, danach besuchte sie den Cerra Santa Lucia, genoß den herrlichen Blick über die Stadt und unterhielt sich mit ein paar Einheimischen und Touristen. Sie verließ den kleinen Berg auf der Nordseite, spazierte den Mapocho-Fluß entlang und kam an einem alten Fort vorbei. Nun war eigentlich für den heutigen Tag ihre Sehnsucht nach Sehenswürdigkeiten gestillt. Sie sah sich nach einem Leihwagen um, denn eine ihre nächtliche Aufgaben beschränkte sich auf meine Fahrkünste. Nach langer Suche fand sie einen kleinen Japaner, der tadellos gepflegt war. Diesen Wagen nahm sie, drehte ein paar Runden durch die Innenstadt, verließ dann die Stadt und zischte die Straße entlang, die durch endlose Kakteensteppen in Richtung Bermejo-Paß führte. Dabei testete sie den Wagen ordentlich. Nach zwanzig Kilometer Fahrt kehrte Rebecca nach Santiago zurück. Es war dunkel geworden, und abschließend drehte sie noch ein paar Kreise, suchte einen Parkplatz in der Nähe des Hotels, blieb noch eine Viertelstunde sitzen und prägte sich die beste Route zum Munante-Haus ein.

Als Treffpunkt hatten sie das Hotel-Restaurant ausgemacht. Liebend gern hätte sich Rebecca ein üppiges Abendbrot gegönnt, doch wie sie aus Erfahrung wußte, war das einer der größten Fehler, den man in einem fremden Land begehen konnte. Eine klare Suppe und anschließend einen Fisch, der hervorragend schmeckte, das war es. Dazu genehmigte sie sich eine halbe Flasche Weißwein, der gut zum Fisch paßte.

Um zweiundzwanzig Uhr erschien endlich Coco Zamis.

Rebecca bestellte für sie eine Flasche Mineralwasser, und sie erzählten sich in einem Kauderwelsch aus sechs verschiedenen Sprachen, was sie alles festgestellt hatten. Über ihren Plan machten sie nur Andeutungen.

***

Fernando Munante-Camaz war ein wenig nervös. Immer wieder überprüfte er alle seine Maßnahmen und prägte sich Don Hermanos Anweisungen ganz genau ein.

Sein Bruder hatte Coco Zamis bis Antofagasta verfolgt. Geduldig hatte er sie auch weiterhin beobachtet, bis sie abgeflogen war. Im Flugzeug war einer von Fernandos entfernten Verwandten mitgeflogen, und ab der Landung in Santiago hatte er selbst die Überwachung beaufsichtigt, doch die Hexe hatte sich völlig unverdächtig benommen. Ihr Hotelzimmer hatte sie den ganzen Tag nicht verlassen.

Genau eine halbe Stunde vor Mitternacht verließ sie das Hotel, stieg in ein wartendes Taxi und näherte sich dem Munante-Haus.

Ferula, seine Frau, hatte heute zurückkommen wollen, doch ihr Vater hatte sie nach Mexiko geschickt. Niemand sollte Fernando stören, dessen Unruhe sich steigerte, je näher Coco Zamis kam.

Es kann nichts geschehen, versuchte sich Fernando zu beruhigen. Aber es wäre ihm lieber gewesen, hätte sich sein ungeliebter Schwiegervater im Haus aufgehalten.

Das Taxi fuhr eine der prächtigen Straßen entlang.

Fünf Minuten noch bis zur Geisterstunde...

***


Von meiner Unrast ließ ich mir nichts anmerken, dem Fahrer hatte ich ein paar Geldscheine hingeschoben und ihn ersucht, daß er während der Fahrt den Mund halten sollte.

Der Indio hatte meine Anweisungen strikt befolgt. Nur gelegentlich warf er einen Blick in den Innenspiegel und musterte mich. Ein hauchdünner, knallroter Mantel verbarg meine Figur und ließ nur die aufreizenden Formen ahnen.

Zwei Minuten vor Mitternacht hielt das Taxi vor dem schmiedeeisernen Tor, das die Hauszufahrt absperrte.

Ich schwebte auf das Tor zu, das sich geräuschlos öffnete. Huldvoll schritt ich auf das palastähnliche Gebäude zu. Während des Gehens schlug ich den Mantel zurück, der nun wie eine Art Schleier hinter mir her wehte.

Auf den Marmorstufen vor dem Haus erwartete mich Fernando Munante-Camaz, der den Atem anhielt, als ich vor ihm stehenblieb und leicht den Kopf senkte. Ganz bewußt hatte ich die uralte Kleidung einer Dame der minoischen Kultur gewählt. Das enge, vorn offene Mieder ließ meine Brüste frei, und der lange Rock reichte bis zum Boden.

Wie eine Göttin aus Knossos, dachte Fernando verwirrt. Er stotterte wie ein Teenager, der erstmals eine Frau in seine Bude bittet. Ich hatte auch nicht mit verwirrenden Düften gespart, die seine Gier erweckten.

Für die nächsten Minuten vergaß er völlig, was er eigentlich mit mir vorhatte, und genau dies hatte ich bezweckt. Während ich die Halle durchquerten, löste ich die Spange an meinem Hals, und der Mantel rauschte zu Boden.

"Ich bin über deine Einladung sehr erfreut, Don Fernando", sagte ich mit sinnlicher Stimme. "Ich wollte dich schon seit langer Zeit näher kennenlernen."

Er geleitete mich in einen der unzähligen kleinen Nebenräume. Auf einem Tisch brannten ein paar Kerzen, und auf Platten lagen einige erlesene Köstlichkeiten.

Während er eine Flasche Champagner entkorkte, kam ich immer näher heran. Ich unterdrückte ein Lächeln, als ich das Zittern seiner Hände beim Einschenken bemerkte.

Ich blickte ihm tief in die Augen.

"Auf unser Wohl, mein Lieber", sagte ich und hob das Champagnerglas.


***

Rebecca andere Route gewählt, doch kurz nachdem Coco Zamis das Haus betreten hatte, bremste sie dem Munante-Anwesen.

Rebecca sprang aus dem Wagen, kreuzte die Finger, verzog das Gesicht und kletterte über den Zaun. Rebecca hatte die Gespräche abgehört, die Don Hermano und Fernando miteinander geführt hatten. Keinesfalls durfte Hermano mißtrauisch werden, der sich in der Feste in Brasilien befand.

Erst als sie den Keller betrat, atmete Rebecca auf. Vor dem Todessarkophag hockte sie sich nieder, murmelte einen ägyptischen Bannspruch und schmierte ein paar Zeichen auf den goldüberzogenen Sarg. Dann öffnete sie den Deckel, und glühende Augen und krallenbewehrte Klauen erschienen. Bevor sich das unheimliche Geschöpf noch bewegen konnte, war Rebecca schon auf den Beinen. Sie schleuderte ein Amulett ins Sarginnere, und das grauenvolle Biest löste sich unter lautem Zischen auf.

Nun kam der schwierigste Teil für Rebecca. Sie mußte den Sarg, wenn man das Wort in diesem Zusammenhang verwenden durfte, neu programmieren. Der Schweiß rann über ihre Stirn, jede Sekunde war wertvoll. Doch ohne zu denken hielt sie sich an Cocos Anweisungen, und sie schaffte es fast zwei Minuten früher, als es der Zeitplan vorsah.

Sie umklammerte die magische Kugel mit beiden Händen.

"Es ist geschafft, Coco!" rief sie.

***

Fernando Munante-Camaz kicherte, als er die bewußtlose Coco Zamis musterte. Das Gift, das er in den Champagner getan hatte, war höchst wirkungsvoll gewesen.

Er hob sie hoch, warf sie sich über die rechte Schulter und stapfte die Stufen in den Keller hinunter. Fernando schleppte sie in den düsteren Raum, in dem sich der Todessarkophag befand. Vorsichtig ließ er die Bewußtlose zu Boden gleiten.

Im Nebenraum aktivierte er die Kugel, über die er mit Don Hermano in Verbindung trat.

"Wie ist es gelaufen?" fragte Don Hermano aufgeregt.

"Ganz nach Plan, Herr. Ahnungslos trank sie das Gift."

"Gut gemacht, mein geliebtester Schwiegersohn. Nimm die Kugel mit, denn ich will die kommenden Geschehnisse für alle Zeiten festhalten."

Fernando gehorchte. Er schritt durch den finsteren Gang, der zum ägyptischen Sarg führte. Dort bückte er sich und hob die Kugel hoch über den Kopf und bewegte sie langsam.

"Eigentlich ist sie eine schöne Dämonin", stellte Hermano sachverständig fest. "Aber darum darf ich mich nicht kümmern. Handle, mein lieber Fernando."

Er packte Coco Zamis an den Haaren und schleifte sie durch den Raum auf den Sarg zu. Keuchend öffnete er den Deckel und eine unwirkliche Kälte schlug ihm entgegen. Für einen kurzen Augenblick waren die funkelnden Augen und Krallen zu sehen, die sich anscheinend tiefer in den Sarkophag zurückzogen.

"Hinein mit der Hexe!" brüllte Don Hermano begeistert.

Fernando hob keuchend die Bewußtlose hoch und schleuderte sie in das Sarginnere. Die Hexe zuckte zusammen, doch es bereitete ihm einige Mühe, den Deckel zu schließen, da eine Hand das Schließen verhinderte. Schwer atmend schob Fernando die Hand in den Sarkophag. Endlich war der Deckel zu und die Verschlüsse waren zugeklappt.

"Wir haben es geschafft", jubelte Don Hermano. "Die Hexe ist zu einer Sklavin unserer Familie geworden!"

Fernando grinste dümmlich.

"Wir warten noch ein paar Minuten, dann öffnest du den Sarg. Ich habe viel mit dir vor, Fernando. Du wirst in unserer Hierarchie weiter aufsteigen."

"Ich danke dir, Don Hermano."

"Denk daran. Fernando, den Namen Coco Zamis wirst du nicht erwähnen. Niemand darf wissen, daß sie eine Gefangene unserer Familie ist. Sogar ich werde alle Gedanken an sie verdrängen. Wir müssen Asmodi, diesen Erzhalunken täuschen. Coco Zamis bleibt verschwunden. Sie wird erst wieder erscheinen, wann ich es will. Öffne den Sarg."

Fernando gehorchte.

Coco Zamis wankte hervor, sie konnte sich kaum aufrecht halten.

Ihre Gestalt war durchsichtig geworden. Das Gesicht war leer, und die Augen leblos.

"Wie ist dein Name?" fragte Don Hermano.

"Coco Zamis, Gebieter", sagte sie mit leiser Stimme.

"Du bist meine Sklavin geworden, Weib", freute sich Hermano.

"Ich werde dir dienen, Gebieter, und alle deine Wünsche erfüllen. Womit darf ich dich erfreuen, Herr und einziger Gebieter?"

"Darauf komme ich später zurück, Coco Zamis. Verschwinde wieder im Sarkophag!"

Die durchsichtig gewordene Sklavin der Munante-Sippe drehte sich um und verschwand im Sarg. Fernando warf den Deckel zu.

"Das ist einer der glücklichsten Tage in meinem langen Leben, Fernando", sagte Hermano. "Ich muß mich in nächster Zeit um andere Aufgaben kümmern, die ich dir nicht verraten darf. Aber in nächster Zeit wird sich einiges ändern. Ich bin stolz auf dich, Fernando."

Das Bild in der Kugel erlosch.

Fernando Munante-Camaz bewegte sich nicht.

Rebecca betrat den Raum, stieß die Kugel mit einem Fußtritt zur Seite und riß den Deckel des Todessarkophags auf. Ich, die nun wieder ganz normal aussah, sprang hervor und japste nach Luft.

"Lange hätte ich es da drinnen nicht mehr ausgehalten", sagte ich.

"Don Hermano hat unser Spiel nicht durchschaut", freute sich Rebecca. "Wie fühlt man sich als Sklavin der Munante-Sippe?"

"Wie eine Sklavin von GOR", sagte ich lachend. "Ohne deine Hilfe hätte ich es kaum geschafft. Hermano hat keine Ahnung, daß Fernando Munante-Camaz von uns zum willenlosen Sklaven gemacht wurde. Wir müssen noch einiges erledigen, liebe Freundin."

"Fernando können wir alle nötigen Instruktionen geben, doch was wirst du in nächster Zeit tun, Coco?"

"Vielleicht tauche ich für ein paar Wochen unter", meinte ich nachdenklich. "Oder ich schlüpfe in eine Maske, der Sarg hat in mir Kräfte geweckt, die ich erst erforschen muß. In den nächsten Tagen werde ich das Geheimnis des Sarkophags ganz genau erforschen. Das wird meine Kräfte steigern und mein Bewußtsein erweitern. Ich werde vielleicht einen Pseudokörper erschaffen, mit dem ich Hermano weiter täuschen kann."

Rebecca nickte zustimmend. "Genug der Schwätzerei, laß uns an die Arbeit gehen."


***

Hermano Munante, das Oberhaupt der berühmten südamerikanischen Dämonensippe, amüsierte sich königlich.

Er hatte eine Trumpfkarte, die er jetzt auszuspielen gedachte. Absichtlich hatte er sich damit Zeit gelassen, denn er wollte abwarten, was Asmodi und Zakum erreichten.

"Das wird diesen Schwächling ärgern", freute sich Don Hermano.

Im Moment sah er wie ein rüstiger Sechzigjähriger aus, der in der Bibliothek in seiner Feste in Brasilien hockte und voller Behagen einen edlen Cognac schlürfte.

Für ein paar Minuten schloß Hermano die Augen und dachte intensiv nach, dann traf er seine Entscheidung.

"Ja, ich werde nun handeln", sagte er.

Asmodi hatte ihm vor einiger Zeit einen Auftrag erteilt, den er in wenigen Stunden geschafft hatte. Eigentlich war es nicht er gewesen, sondern sein Schwiegersohn Fernando Munante-Camaz, der seine Lieblingstochter Ferula geheiratet hatte. Aber solche unwichtigen Details verdrängte Don Hermano nur zu gerne.

Vor sich hatte er ein paar magische Kugeln aufgebaut. Lässig beugte er sich vor, berührte eine mit dem Zeigefinger der rechten Hand und lehnte sich entspannt zurück.

Seine Miene verfinsterte sich, als sich eine Minute später noch immer nicht sein Schwiegersohn gemeldet hatte.

Endlich verfärbte sich die Kugel, und Fernandos Gesicht war zu sehen.

"Du hast mich gerufen, Don Hermano?"

"Allerdings!" donnerte Hermano ergrimmt. "Hast du geschlafen, du Taugenichts?"

"Nein", stammelte der geckenhafte Fernando, der auf seine Ähnlichkeit mit Errol Flynn stolz war.

"Wo ist meine Tochter?"

"Sie besucht eine Freundin, Don Hermano. Soll ich sie verständigen, daß du..."

"Nein, das ist nicht notwendig. Ich hoffe, daß du nichts davon verraten hast, daß ich Coco Zamis gefangengenommen habe."

Fernandos Gesicht blieb unbewegt. "Ich habe darüber geschwiegen", sagte er beleidigt.

"Sehr gut, Fernando. In einer Stunde werde ich Asmodi verständigen, daß sie unsere Sklavin ist. Vermutlich wird er sie sehen wollen. Du bereitest dafür alles vor. Stelle ein paar Kugeln im Keller auf, in dem sich der Todessarkophag befindet. Eine direkte Verbindung soll zu mir bestehen, eine weitere soll freigehalten werden, falls sich Asmodi einschalten will. Hast du das begriffen, Fernando?"

"Ich werde deine Befehle zu deiner vollsten Zufriedenheit erfüllen, Don Hermano", sagte Fernando rasch. "Aber willst du nicht zu mir kommen?"

"Das ist nicht notwendig", knurrte Hermano. "Sobald du alle Vorbereitungen abgeschlossen hast, meldest du dich bei mir."

Damit unterbrach Hermano die Verbindung und genehmigte sich noch ein weiteres Glas.

Bis jetzt hatte er es vermieden, nach der Herrschaft über die Schwarze Familie zu streben, doch das hatte sich in den vergangenen Tagen geändert. Er wollte Asmodi in eine Falle locken und ihn vor den anderen Sippen der Lächerlichkeit preisgeben, das war eine Methode, die äußerst wirksam war.

In seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung hatte Hermano sich nicht gewundert, wieso Coco Zamis so leicht zu besiegen gewesen war...


***

Asmodi grollte. Diesem Hermano Munante traute er auch nicht. Das war ein ganz besonders hinterlistiger Clan-Führer, den er zu mächtig hatte werden lassen. Nun herrschte Don Hermano wie ein König über ganz Südamerika.

"Melde dich, edler Asmodi!" sagte Don Hermano wieder. "Es ist äußerst wichtig!"

Das beeindruckte Asmodi nur wenig.

"Ich rufe dich, Asmodi!" schrie Don Hermano wütend.

Fauchend näherte sich Asmodi der Kugel.

Der Fürst der Finsternis blickte die Kugel an, die sich verfärbte. Hermanos Gesicht war zu sehen.

"Ich will nicht gestört werden, elender Wurm", zischte Asmodi.

"Hör mir zu. Herr. Es handelt sich um..."

"Wir haben einen Pakt geschlossen, Hermano Munante", kreischte Asmodi. "Du wolltest für mich Coco Zamis töten, hast du das vergessen?"

"Deswegen will ich mit dir sprechen, Herr."

"Vermutlich ist sie dir entwischt", brummte Asmodi verächtlich. "Aber was kann man schon anderes erwarten. Ihr seid alle schwach, degeneriert und hilflos. Ich werde die Angelegenheit selbst erledigen, da du offensichtlich unfähig bist."

"Hüte deine Zunge, Asmodi. So kannst du vielleicht mit deinen dämlichen Erdgeistern sprechen, aber nicht mit mir."

Feige ist er zumindest nicht, dachte der Erzdämon. Das ist immerhin schon etwas.

"Rede endlich", forderte Asmodi.

"Ich habe deinen Auftrag ausgefüllt", sagte Don Hermano stolz.

"Du hast Coco Zamis getötet?" wunderte sich Asmodi. Sollte das tatsächlich stimmen, dann war es verständlich, daß seine Irrwische die Hexe nicht hatten finden können.

"Ja und nein, Asmodi."

"Wie soll ich das verstehen?"

"Sie ist die Sklavin meiner Sippe", sprach Hermano weiter. "Ein willenloses Geschöpf, das mir gehorcht."

"Wie hast du das geschafft, Hermano?"

"Ich lockte sie in eine Falle, aus der sie nicht entkommen konnte. Es war ein meisterhafter Plan."

"Lobe dich nicht zu sehr", knurrte der Erzdämon. "Ich will Einzelheiten hören."

"Die liefere ich dir gern, Herr", sagte Hermano, dessen Augen vor Vergnügen funkelten. "Aktiviere noch eine Kugel, dann zeige ich dir alles."

Asmodi ließ sich nicht gerne Befehle erteilen, doch dies betrachtete er huldvoll als eine Bitte und kam ihr entgegen.

Nun sah Asmodi einen ägyptischen Sarkophag, der an einer Wand in einer düsteren Kammer lehnte. Daneben stand ein widerlicher Dämon, dessen Gesicht wie eine Maske war.

"Das ist mein Schwiegersohn", war Hermanos Stimme zu vernehmen.

"Fernando Munante-Camaz."

Fernando verbeugte sich tief.

"Ich lege mein Leben in deine Hände, edler Herr", stammelte Fernando.

Asmodi ignorierte Fernando.

"Der Todessarkophag ist ein Geschenk von Persea Jadit gewesen", sprach Hermano weiter. "Eine fürchterliche Waffe, die Coco Zamis Schicksal wurde. Wir lockten die Hexe in unser Haus in Santiago, betäubten sie und stießen sie in den Sarg. Seither ist sie meine Sklavin."

"Beweise es mir, Hermano."

Nun beugte sich Asmodi interessiert vor.

"Das werde ich tun, Asmodi. Öffne den Deckel, Fernando!"

Bedächtig schob Fernando die Sicherungsbolzen zurück, dann klappte er den Deckel zur Seite, der knirschende Laute von sich gab.

"Komm heraus, Coco Zamis!" schrie Hermano.

Irgendetwas funkelte geheimnisvoll im Sarginnern, dann war eine halb durchsichtige Hand zu sehen. Mühsam kletterte Coco Zamis aus dem Sarkophag.

Sie war zu einem Schattenwesen geworden, dessen Bewegungen seltsam ruckartig waren. Ihr Gesicht war ausdruckslos, die Augen leer und tot. Sie trug die Kleidung einer Göttin aus Kreta, ein offenes Mieder und einen bodenlangen Rock, der mit Fabeln besetzt war. Das pechschwarze Haar war aufgesteckt und mit Bändern geschmückt.

"Du hast mich gerufen, Gebieter?" fragte Coco Zamis mit sinnlicher Stimme. "Womit darf ich dir dienen?"

"Das werde ich dir bald sagen, Coco Zamis", triumphierte Hermano.

"Was sagst du nun, Asmodi?"

"Ich bin sehr zufrieden mit dir, mein lieber Hermano. Du hast deine Aufgabe hervorragend gelöst. Dafür werde ich dich reichlich belohnen."

Hermano genoß das Lob. "Soll ich Coco Zamis nun zu Staub werden lassen, Asmodi?"

Der Fürst der Finsternis überlegte kurz. Coco Zamis durfte keinesfalls länger bei der Munante-Sippe bleiben.

"Befehle Fernando, daß er Coco Zamis zum nächsten Tor der Dämonen bringen soll, Hermano. Ich werde die zwei dann zu mir holen."

"Ich möchte gerne mitkommen, Asmodi."

"Nein, das ist nicht notwendig. Ich will mich einige Zeit mit Coco Zamis beschäftigen und aus ihrem Blut lesen."

"Das wird allerdings schwierig sein", ärgerte sich Hermano, "denn ihr Blut wurde durch den Sarg zersetzt. Du wirst nicht..."

"Kümmere dich nicht um meine Angelegenheiten, Hermano, lieber Freund. Halte dich an meine Anweisungen."

"Ja, ich werde es tun", brummte Hermano, der seinen Ärger kaum verbergen konnte, denn nur zu gerne hätte er Asmodi persönlich die Hexe übergeben.

Mißmutig hörte Hermano zu, was Asmodi befahl.

Dann unterbrach der Herr der Schwarzen Familie die Verbindung und stieß einen gellenden Schrei aus, der die Felswände erbeben ließ.

"Nun bleibt nur mehr die Zamis-Sippe als Gegner", jubelte er.


***

Ich war froh, daß das endlose Warten zu Ende ging.

Endlich konnte ich handeln. Die magischen Kugeln erloschen, und ich atmete erleichtert auf. Mit meinem Trick hatte ich sogar Asmodi getäuscht.

Langsam löste sich die Spannung. Tagelang hatte ich mich auf diese Stunde vorbereitet. Ich hatte sogar damit gerechnet, daß Don Hermano oder Asmodi höchst persönlich erscheinen könnten. Doch diese Möglichkeit war mir zu unwahrscheinlich vorgekommen. Auf eine Auseinandersetzung mit dem Oberhaupt der Munante-Sippe hätte ich mich eingelassen, doch vor Asmodi hätte ich die Flucht ergriffen.

"Fernando", sagte ich rasch.

Der willenlose Hexer sah mich an.

"Hole deine Frau, Fernando."

Ich wartete, bis der Dämon den Keller verlassen hatte, dann huschte ich in den Sarkophag, dessen Geheimnisse ich in den vergangenen zwei Wochen enträtselt hatte. Das war wesentlich leichter gewesen, als ich erwartet hatte. Vor vielen Jahren hatte der Sarg einmal Skarabäus Toth gehört, dem Schiedsrichter der Schwarzen Familie. Innerhalb weniger Sekunden wurde meine Gestalt wieder normal. Ich verstellte einige Räder im Sarginnern, trat heraus und kniete nieder, dann hantierte ich kurze Zeit auf der Rückseite herum. Dann richtete ich mich auf.

Ohne Rebeccas Hilfe hätte ich Don Hermano sicherlich nicht austricksen können, doch er war gar nicht auf die Idee gekommen, daß er getäuscht werden konnte.

Drei Tage, nachdem ich Fernando Munante-Camaz zu meinem Sklaven gemacht hatte, war Ferula, seine Frau erschienen. Sie war eine der Lieblingstöchter Don Hermanos, eine arrogante und verdorbene Dämonin, wie alle aus der Munante-Sippe. Eine dralle Schönheit, die von meinen Angriff so überrascht wurde, daß sie sich überhaupt nicht gewehrt hatte. Nun war sie wie ihr Mann von mir abhängig.

Fernando und Ferula betraten den Keller und blieben vor mir stehen, und ich musterte aufmerksam die beiden.

Ferula war fast so groß wie ich, doch sonst gab es kaum eine Ähnlichkeit. Das Gesicht Ferulas war rund wie der Vollmond, die Augen stahlblau und das seidige Haar weißblond.

Die unglückliche Ferula hatte in den vergangenen Tagen viele Stunden im Sarkophaginnern verbracht. Die ersten Ergebnisse waren für mich nicht sehr ermutigend gewesen, denn es war mir immer nur für wenige Minuten gelungen, das Aussehen der Dämonin zu ändern, und da hatte sie auch nur wenig Ähnlichkeit mit mir gehabt. Jetzt beherrschte ich den Sarg aber perfekt.

Gehorsam stieg Ferula in den Sarkophag, und ich strich mit beiden Händen über den sich verformenden Leib der Dämonin. Ich dosierte nun die Strahlung genau.

Als Ferula wieder hervorkroch, sah sie wie meine Zwillingsschwester aus. Das pechschwarze Haar fiel glatt über ihre Schultern.

"Sehr gut", sagte ich zufrieden. "Das wird etwa zwei Stunden anhalten."

Ferula schlüpfte nun in das Mieder und den Rock, den ich getragen hatte, danach hockte sie nieder und ertrug es geduldig, daß ihr Haar aufgesteckt wurde.

"Prächtig", freute ich mich. "Folgt mir."

Auf dem Weg zur Halle erteilte ich noch die letzten Instruktionen.

Sie stiegen die Marmorstufen hinunter, die in den Garten führten.

Ein meergrüner Cadillac stand schon bereit.

"Viel Spaß, meine Lieben", sagte ich zynisch.

Fernando glitt hinters Lenkrad, und Ferula nahm neben ihm Platz. Er startete den Wagen und fuhr auf das schmiedeeiserne Tor zu, das geräuschlos geöffnet wurde. Dann bog der Wagen in die Straße ein, und Sekunden später war er verschwunden. Das Tor schloß sich, und ich blieb ein paar Sekunden stehen.

Der Würfel ist gefallen, dachte ich. Es gab kein Zurück mehr, doch welche Auswirkungen meine Tat verursachen würde, das konnte ich nur ahnen. Wie würde Asmodi reagieren?

Ich mußte noch einiges im Haus erledigen, dann wollte ich es verlassen und mich in mein vorbereitetes Versteck zurückziehen.


***

Kurz nach 21 Uhr erreichte der Cadillac den autobahnartig ausgebauten Abschnitt der Panamericana Sur.

Fernando Munante-Camaz fuhr wie ein Roboter. Er stieg stärker aufs Gaspedal und raste über die schnurgerade Straße in Richtung Rancagua. Zu beiden Seiten erstreckten sich endlose Felder und Fruchtplantagen.

Ferula nahm die Umgebung nicht wahr. Ihr Hirn war leer, ihr Gedächtnis war wie eine gelöschte Kassette, auf die nachträglich einige sinnlose Befehle gesprochen worden waren.

Ein paar Kilometer vor dem Paine-Tal nahm Fernando etwas Gas weg und verließ die Autobahn bei der nächsten Abfahrt.

Nun ging es eine schmale Schotterstraße entlang. Die Staubwolke hinter dem Auto wurde immer größer. Die Straße endete vor ein paar mannshohen Gesteinsbrocken.

Fernando stellte den Motor und die Scheinwerfer ab. Er blieb noch vier Minuten sitzen, dann öffnete er die Tür, stieg aus und betrat einen schon lange nicht mehr begangenen Pfad. Ferula folgte ihm.

Sie durchschritten eine magische Sperre, die errichtet worden war, um Menschen abzuhalten. Kurze Zeit später betraten sie eine Höhle. Faulige Luft schlug ihnen entgegen, doch darauf achteten sie nicht. Zielstrebig schritten sie auf den schwachen Lichtschimmer zu, der sich am Ende der Höhle befand. Bei ihrer Annäherung registrierte das Tor der Dämonen ihre Ausstrahlung.

Vor dem flimmernden Loch blieben sie stehen. Fernando griff nach Ferulas rechter Hand und zog seine Frau an sich.

Dann hüllte sie das flackernde Licht ein, und ihre Körper wurden langsam durchscheinend und lösten sich auf.

Das Licht erlosch, und das flirrende Loch fiel in sich zusammen.


***

Asmodi konzentrierte er sich auf das magische Tor in Chile.

Sein gewaltiger Körper zitterte vor Entzücken, während er sich immer neue Grausamkeiten für die rebellische Hexe ausdachte. Er hockte auf einem Schädelthron und stieß eine stinkende Feuerwolke aus.

Nun erblickte er die zwei Dämonen, die vor dem flimmernden Loch standen.

Zufrieden knurrend mobilisierte der Fürst der Finsternis seine ungeheuerlichen Kräfte. Das zuckende Licht hüllte nun die zwei Gestalten ein, die durchsichtig und gestaltlos wurden und sie gelangten in den erloschenen Vulkan.

Wallende Dämpfe hüllten die schemenhaften Gestalten ein, die winzig klein waren, jedoch rasch wuchsen.

"Kommt näher!" schrie Asmodi.

Rasch rannten die zwei auf ihn zu.

"Gut gemacht, Fernando Munante-Camaz", zischelte er.

Doch er hatte nur Augen für die Dämonin, deren Aura ihm ein wenig seltsam vorkam. Auch mit Fernando schien irgendetwas nicht zu stimmen. Verwirrt bewegte er den Kopf hin und her.

So stinken normalerweise nur Freaks, dachte er verblüfft.

"Bleibt stehen!" befahl er mit Donnerstimme.

Da wagte irgendjemand einen ganz üblen Scherz mit ihm. Das waren irgendwann einmal Dämonen gewesen, doch nun waren es Zombies, untote Geschöpfe, die keinen Gedanken fassen konnten. Und er erkannte, daß sich hinter der Maske der Dämonin etwas versteckte.

Die Untoten gehorchten ihm nicht. Unbeirrt stapften sie weiter. Asmodi war natürlich weit davon entfernt, vor den beiden Angst zu haben. Mit einem scharfen Blick konnte er die Zombies vernichten. Er aktivierte eine Kugel.

"Melde dich, heuchlerischer Hermano Munante!" heulte er mit vor Wut überschnapppender Stimme.

Don Hermano hatte seinen Anruf erwartet und meldete sich fast augenblicklich.

"Verdammter Verräter", fauchte Asmodi. "Was hast du vor?"

"Ich verstehe deine Frage nicht, edler Herr", stammelte Hermano überrascht.

"Siehst du die zwei Witzfiguren, die sich meinem Thron nähern?"

"Ja, ich sehe sie, Asmodi. Das ist mein Schwiegersohn Fernando und Coco Zamis."

Asmodi rollte die rotglühenden Augen. "Kannst du ihre Aura empfangen, elender Lump?"

Hermano konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Er witterte nochmals.

"Zombies", sagte Hermano mit versagender Stimme. "Mein Schwiegersohn ist ein Untoter geworden... Und die Dämonin, das war nie Coco Zamis. Die Gestalt der Hexe... Das war einmal Ferula!"

"Wer ist das?"

"Meine Lieblingstochter, Asmodi."

In diesem Augenblick änderte sich die Gestalt. Für ein paar Sekunden war sie fast durchsichtig, dann stand eine üppige Blondine vor dem Schädelthron.

"Hast du dafür eine Erklärung, Hermano Munante?"

"Du siehst mich bestürzt und entsetzt, edler Asmodi", stotterte Don Hermano los.

Mißmutig stierte Asmodi die leeren Hüllen an. Da fand er keinen Blutstropfen, aus dem er hätte lesen können.

"Coco Zamis", stieß Don Hermano hervor. "Diese unwürdige Hexe muß meine Tochter und meinen Schwiegersohn überwältigt haben. Ich werde sie jagen, Asmodi, das schwöre ich dir. Dafür wird sie büßen. Meine Rache wird grauenvoll sein, denn ich werde..."

"Halte den Mund, alter Narr", geiferte Asmodi.

Der Fürst der Finsternis bewegte den rechten Arm, und Fernando Munante-Camaz, oder was noch von diesem Dämon übriggeblieben war, wurde von unsichtbaren Händen hochgerissen und schwebte langsam auf Asmodi zu, der die Hand zur Faust ballte. Fünf Meter vor ihm blieb Fernando in der Luft hängen.

"Hast du vielleicht eine Botschaft, Fernando?" fragte Asmodi höhnisch.

Die Lippen des Untoten bewegten sich leicht, dann drehte er ruckartig den Kopf, und seine gebrochenen Augen stierten den Herrn der Finsternis an.

"Hör mir zu, Asmodi", sagte Fernando mit Coco Zamis Stimme. "Du willst meinen Tod, das ist mir bekannt. Doch selbst bist du zu feige dazu, es zu tun. Du bist ein mieser, kleiner Schwächling."

Asmodis Gesicht verwandelte sich. Von seiner Faust löste sich ein magischer Blitz, der so grell war, daß Hermano Munante geblendet die Augen schloß. Mit einem Knall löste sich der untote Fernando Munante-Camaz auf. Die Wände und die Decke der Höhle leuchteten nun blutrot.

"Du hast meinen Schwiegersohn ausgelöscht, Asmodi", stellte Hermano böse fest.

"Nicht einmal ich kann einem Untoten das Leben wiedergeben", brummte Asmodi, der sich ein wenig beruhigt hatte.

"Du hast dich mit Hermano verbündet", sagte nun Ferula. "Er sollte mich töten. Doch dazu war er nicht fähig. Hermano, der alte Dummkopf, beauftragte seinen schwächlichen Schwiegersohn, mich gefangen zunehmen. Aber dies gelang ihm nicht, wie ich dir bewiesen habe, Asmodi. Hör mir gut zu, der du dich als Herr der Finsternis bezeichnest."

Asmodi überlegte einen Moment, doch dann hörte er weiter zu.

"Ich habe gegen kein Gesetz der Familie verstoßen, Asmodi. Doch du hast es getan, denn du willst meinen Tod. Das werde ich überall verkünden. Ich werde deine Feigheit rühmen, Asmodi, unwürdiger Herr der Familie, der du vor einer Hexe vor Angst zitterst."

Angeekelt beäugte Asmodi die Untote.

"Kannst du mich durch diese Hülle verstehen, Coco Zamis?"

Die Untote schwieg.

"Dummes Geschwätz", sagte Asmodi abfällig. "Niemand wird auf diese Hexe hören. Ich werde jetzt deine Tochter erlösen, Hermano. Ich erinnere dich an deinen Schwur, mein Lieber. Du wirst Coco Zamis jagen und sie töten. Nimm diesmal aber die Angelegenheit selbst in die Hand."

"Ich habe meinen Schwur nicht vergessen, Asmodi, doch ich will meine Tochter haben."

"Was willst du mit dieser Untoten? Soll sie als Hausgespenst durch deine Festung spuken, als Warnung für deine unnütze Sippe?"

"Es braucht dich nicht zu interessieren, was ich..."

Ferula lachte. "Diese dämliche Unterhaltung habe ich auf einer Kugel gespeichert. Ich werde davon hundert Kopien anfertigen und sie an einige einflußreiche Sippen senden. Wie gefällt dir dies, Asmodi?"

"Auf diesen Trick falle ich nicht herein, hohlköpfige Coco Zamis!" schrie Asmodi.

"Das ist kein Trick", sagte Ferula vergnügt. "Mit deiner gütigen Erlaubnis, so hoffe ich, darf ich mich nun aus dieser Körperhülle entfernen."

"Warte", sagte Asmodi rasch. "Ich will mit dir sprechen, Coco Zamis."

"Dazu habe ich aber keine Lust, Asmodi. Vielleicht melde ich mich morgen bei dir."

"Hör mir zu, du kleine..."

Doch ich hatte mich zurückgezogen. Nun sprach Ferula mit ihrer normalen Stimme.

"Im Namen Gottes!" brüllte die Untote.

Asmodi sackte zusammen. Es gab wohl keine größere Verhöhnung als dies, was die Untote im Namen Coco Zamis tat. Sie zitierte die Bibel, und dies in einem seiner Stützpunkte, der für alle Zeiten dadurch entweiht war.

Ferula sprach weiter und der Schädelthron bekam Risse, und der Boden bebte.

Asmodi schrie seine Wut hinaus. Seine Stimme wurde so schrill und stark, daß die magischen Kugeln explodierten und die Irrwische zerplatzten.

Die Untote wurde in tausend Stücke gerissen, die durch die Höhle wirbelten.

"Das wirst du büßen, Coco Zamis!" kreischte Asmodi.

Mit einem Knall öffnete sich der Boden, und glühend heiße Lava strömte hervor. Der unkontrollierte Einsatz von Asmodis Kräften hatte den erloschenen Vulkan aktiviert. Dagegen konnte nun auch Asmodi nichts mehr unternehmen.

Einige Gegenstände, die für ihn wichtig waren, schleuderte er durch das Dämonentor zu einem anderen Stützpunkt, dann ergriff auch er die Flucht.


***

Ich hockte in meinem Versteck und starrte versonnen eine der blinkenden Kugeln an. Ich hatte nicht gelogen, denn es war mir tatsächlich gelungen, die Geschehnisse in der Höhle aufzuzeichnen, außerdem hatte ich Gespräche zwischen Hermano und Fernando gespeichert.

Aber ich hatte doch die Unwahrheit gesprochen, denn ich dachte nicht daran, diese Fakten weiterzugeben. denn die alten Clans fanden solche Enthüllungen peinlich und entwürdigend. Seit ich Merlin kennengelernt hatte, war viel geschehen. Innerhalb eines Jahres war ich klüger und geduldiger geworden, und ich hatte aus meinen Fehlern gelernt.

Ich entspannte mich. Genußvoll trank ich einen leichten Rotwein und fühlte mich sehr zufrieden.

"Asmodi wird toben", sagte ich zu mir selbst."Ich habe mir einen weiteren Feind geschaffen, dachte ich nach ein paar Minuten. Don Hermano, aber er wird den Mund halten. Asmodi wird sicherlich Zakum informieren, vor dem ich Angst habe. Er könnte mir wirklich gefährlich werden."

Ich konnte nicht weiter ein Zwiegespräch mit mir selbst führen, denn Rebecca meldete.

"Endlich", sagte Rebecca. "Wie ist es gelaufen?"

Ich zögerte kurz. "Bist du alleine?"

"Ja. Zuerst will ich von dir einen Bericht, Coco."

Ich verriet nicht alles, was geschehen war.

"Du hast Fernando und Ferula getötet?" fragte Rebecca hastig.

"Ja, die beiden haben den Tod verdient, es waren bösartige Dämonen, die Hunderte von Menschen grausam gequält und ermordet hatten. Zwei Bestien weniger."

"Dafür wird Hermano Munante dich hetzen."

"Vielleicht drehe ich den Spieß um", meinte ich kühl.

"Was planst du als nächstes, Coco?"

"Keine Ahnung. Nur keine Angst, meine Liebe, ich werde sehr vorsichtig sein. Der Erzgauner wird mich nicht entdecken. In den nächsten Tagen wirst du mich nicht erreichen können, aber ich werde mich bei dir wieder melden."

Damit brach ich die Verbindung ab.


***

Don Hermano stieß einen gellenden Schrei aus und sprang hoch.

Asmodis Gebrüll bereitete ihm körperliche Schmerzen.

Die faustgroße Kugel war grellweiß und blähte sich immer mehr auf. Innerhalb weniger Sekunden war sie groß wie ein Medizinball, dann war die Verbindung zu Asmodi unterbrochen, doch das Geheul hallte in seinen Ohren wider.

Nacheinander implodierten die vier Kugeln auf dem Tisch und verkohlten die dicke Tischplatte. Weißglühende, bizarr geformte Kristallsplitter verwüsteten die kostbar eingerichtete Bibliothek.

Blitzschnell hüllte sich Hermano in einen Schutzschild ein.

Die zwei Vitrinen, die vollgestopft mit magischen Kunstgegenständen waren; wurden von einem Splitter-Bombardement durchsiebt. Die unersetzlichen Bilder wurden in Fetzen gerissen, die Perserteppiche ebenso. Fast gleichzeitig fingen ein paar Bücher Feuer. Die uralten Bände brannten wie Zunder. Gierig leckten die Flammenzungen über die Regale.

Es dauerte nicht einmal neunzig Sekunden lang, dann hatte sich der große Raum in ein einziges Flammenmeer verwandelt.

Als Draufgabe explodierte noch die medizinballgroße Kugel und die Feuersbrunst schlug über Hermano zusammen, der all seine Kräfte mobilisierte und den Schutzschirm verstärkte.

Die schwere Tür wurde aus den Angeln gerissen und segelte durch den Gang. Ein Feuerstoß schoß in den Geheimgang, der zu Hermanos Alchimistenküche führte. Dort jedoch war ein starker Abwehrschirm eingebaut, der die Glut erstickte.

Langsam bewegte sich Hermano Munante auf den rettenden Ausgang zu, denn er wußte, daß er den Abwehrschirm nicht mehr lange aufrechthalten konnte.

Ein paar schemenhafte Dämonendiener eilten mit Feuerlöschgeräten herbei, sprühten den Schaum in die lichterloh brennende Bibliothek, konnten aber damit das Feuer nicht löschen.

Für Hermano schien es Stunden zu dauern, bis er endlich den Gang erreicht hatte. Er ließ den magischen Schutzschirm in sich zusammenfallen und wandte sich dem Flammenmeer zu. Auch für einen mächtigen Magier war die Errichtung eines Abwehrschirms äußerst kräfteraubend. Don Hermano rang nach Luft, und alles drehte sich vor seinen Augen. Er kämpfte gegen die drohende Ohnmacht an, mobilisierte seine Stärke und ließ einen schwarzmagischen Würfel entstehen; der in der wabernden Hitze verschwand und rasch größer wurde. Die Würfelflächen preßten sich gegen die Wände, den Boden und die Decke.

Er achtete nicht auf die Siedehitze, die sein Haar versengte und seine Haut verbrannte. Mit krächzender Stimme sprach er ein paar Zaubersprüche und bewegte die Hände in ruckartigen Bewegungen.

Der Würfel schrumpfte langsam, und in ihm tobte das Feuer weiter, das erst in Stunden erlöschen würde.

Der alte Magier konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Wie bei so vielen anderen Dämonen rächte sich nun auch bei ihm die Faulheit, denn es genügte nicht, über das notwendige Wissen zu verfügen. Man mußte sich ständig in Form halten, und dazu mußte man täglich ein paar Stunden für Stärkungsübungen aufwenden.

Früher, als er noch im Vollbesitz seiner Fähigkeiten gewesen war, hätte er diesen Zwischenfall in wenigen Sekunden unter Kontrolle gehabt.

Er atmete noch immer schwer und stützte sich auf zwei seiner Diener auf. Nun spürte er auch die Wunden, die ihm das Feuer beigebracht hatte.

Hermano ließ sich in eines der Nebenzimmer bringen, dort wurden ihm die Kleider vorsichtig vom Leib gelöst und die Wunden mit einer Heilsalbe beschmiert, die sofortige Linderung der Schmerzen bewirkte und den Heilprozeß beschleunigte.

Flüsternd erteilte er einige Anweisungen. Erleichtert trank er die scharfe Flüssigkeit, die grauenhaft schmeckte, doch überaus wirksam war. Sie regte seinen geschwächten Kreislauf an, weitete das Fassungsvermögen seiner Lungen und stärkte sein schwaches Herz.

"Verdammter Asmodi", sagte er leise.

Ermattet schloß er die Augen. Niemals hätte er den Auftrag des Fürst der Finsternis annehmen dürfen, denn deshalb war seine geliebte Tochter Ferula gestorben, um die er trauerte. An seinen ungeliebten Schwiegersohn Hermano verschwendete er keinen Gedanken.

"Sollen wir deine Söhne und Töchter verständigen, Don Hermano?" fragte sein persönlicher Diener, der ihn schon seit mehr als hundert Jahren umsorgte.

"Nein", sagte Hermano heftig. "Sie dürfen von diesem Vorfall nichts erfahren. Laß mich allein."

Röchelnd wälzte er sich auf den Rücken.

Für die Geschehnisse war Asmodi verantwortlich, das stand für ihn fest. Das war zwar höchst unlogisch, aber es entsprach der verdrehten Ansicht seines Weltbildes. Coco Zamis hatte zwar Fernando und Ferula getötet, doch das konnte er verstehen, denn dies entsprach durchaus seinen Vorstellungen. Sie hatte sich gewehrt, das war ihr gutes Recht gewesen, denn er hätte an ihrer Stelle nicht anders gehandelt. Fernando hatte versagt, und dafür gab es keine Entschuldigung.

Auf die Idee, daß Fernando für den Auftrag nicht geeignet gewesen war, kam er nicht einmal. Auch daß er selbst zu bequem und faul gewesen war, sich persönlich zu überzeugen, daß alles geklappt hatte, wurde ihm nicht bewußt.

Asmodi war für ihn zum Feind geworden, und er würde in Zukunft alles tun, um dem Herrn der Finsternis zu schaden. Coco Zamis würde er jagen, das stand für ihn ebenfalls fest. Den Tod seiner Tochter mußte er rächen, denn sonst würde er sein Gesicht verlieren.

Alles in ihm drängte danach, das Munante-Haus in Santiago de Chile aufzusuchen und dort nach Hinweisen zu suchen, die ihm weiterhelfen konnten.

Dies kam aber derzeit nicht in Frage, denn eine magische Reise konnte er in seinem Zustand nicht unternehmen, und auf die Verkehrsmittel der Menschen griff er nicht zurück.

Endlich wirkte der Schlaftrunk, der dem Stärkungsmittel beigefügt gewesen war. Hermanos Körper entspannte sich immer mehr und er glitt in eine andere Sphäre, die seinen Geist und Körper regenerieren würde.

***

Asmodi unterhielt sich mit Zakum über ein glühendes, magisches Auge. Der Fürst der Finsternis bebte vor Wut, während er Zakum berichtete, was geschehen war. Diese unwichtige Hexe hatte ihn gedemütigt und ihn verhöhnt. Das mußte gerächt werden.

"Diesmal werde ich mich persönlich um Coco Zamis kümmern", knurrte Asmodi.

"Überlege es dir nochmals, Asmodi", zischelte Zakum.

"Ich werde dieser Verräterin ein Treffen vorschlagen", sprach Asmodi weiter. "Dabei werde ich sie vernichten."

Ende

 © by Kurt Luif 1986 & 2015

 

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