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Sieben gegen die Hölle - Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 4)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 4)
Warschau: Autopsie eines Massakers
Sara hatte schriftlich einen Termin in Warschau vereinbart und sich für den Besuch in Schale geworfen; sie trug unter dem neuen schiefergrauen Ledermantel einen hellgrauen Blazer zu einer weißen Bluse und schwarzen Jeans. Der Pförtner am Eingang des Gebäudes in der Towarowastraße prüfte ihren Termin in seinem Kalender und machte eine Fotokopie von Saras Personalausweis, dann druckte er einen Besucherausweis für sie und telefonierte mit ihrer Gesprächspartnerin im Archiv.


Wenige Minuten später kam eine große, schlanke Dame mit grauer Kurzhaarfrisur und einer goldgerahmten Brille in einem dunkelblauen Kostüm, um sie in Empfang zu nehmen.

„Ich bin Agnieszka Melnik.“ stellte sich die Archivarin vor. „Sie interessieren sich für die Kriegsverbrechen in Prokoszny, Hoborka und Misczne?“

Sara nickte. „Ich recherchiere den Lebenslauf von Felix Leissner. Und diese drei Dörfer gehören seit 1941 untrennbar dazu.“

Agnieszka schaute auf den Besucherausweis und zog eine Augenbraue hoch. „Sarasvati? Stammt Ihre Mutter aus Indien?“

„Nein. Meine Eltern haben sich in einem Ashram kennen gelernt, als sie beide in den achtziger Jahren dem Bhagwan folgten ...“

***

Die Archivarin führte Sara in ein Sitzungszimmer im dritten Stockwerk. Dort schlug sie einen schmalen Aktenordner auf und reichte ihr ein paar angegilbte, mit Schreibmaschine beschriebene Blätter. „Das ist der Bericht von Jerzy Rakowski, dem einzigen Überlebenden aus Prokoszny. Anfang Juli 1941 kam eine Abteilung Deutsche in ihr Dorf und hat sie alle als Zwangsarbeiter für ihre archäologische Ausgrabung verpflichtet, so wie die Leute von Hoborka und Misczne auch. Ein ziemlich junger Mann – Untersturmführer Felix Leissner - hat die Einheit angeführt, und er hat manchmal einen älteren, krank aussehenden Polen zu Rate gezogen, der vor dem Krieg schon mal bei Prokoszny gegraben hatte. Dieser Mann wurde aber streng bewacht, und die Dorfbewohner durften nicht mit ihm sprechen. Die Deutschen haben sie an verschiedenen Stellen graben lassen. Am 3. November haben die Deutschen dann schließlich ein altes Grab gefunden und geöffnet und am nächsten Tag haben sie alle umgebracht. Jeden, der dabei war, und alle, denen sie etwas davon hätten erzählen können – bis auf diesen Jungen Jerzy, der in der Nacht fortgelaufen war, um sich den Partisanen anzuschließen.“

Die Verachtung menschlichen Lebens, die in dieser Tat zum Ausdruck kam, ließ Sara schaudern. Warum mussten all diese Menschen sterben? Hatte Felix Leissners Ausgrabung keinen Erfolg gehabt, und ließ er deshalb alle umbringen, die darüber hätten lachen können?

Oder hatte er im Gegenteil etwas so Außergewöhnliches entdeckt, dass er alle Augenzeugen für immer zum Schweigen bringen wollte?

***

Da kam ihr eine Idee. „Dieser ältere Mann, der von den Dörflern getrennt gehalten wurde … das müsste der Archäologe Tomasz Bielski gewesen sein. Gibt es vielleicht noch andere Berichte darüber, was Leissner in Prokoszny tun ließ? Hat man irgendwann mal Teilnehmer an dem Verbrechen vor Gericht gestellt und ihre Aussagen zu Protokoll genommen?“

Agnieszka war blass geworden. Jetzt klopfte sie sich mit dem linken Zeigefinger gegen den Nasenflügel. „Möglich wäre das. Ich … ich muss im Archiv nachschlagen. Wenn Sie so lange in der Cafeteria warten würden, Sarasvati?“

„Kaffee wäre jetzt gerade richtig. Holen Sie mich wieder ab, sobald Sie fertig sind, Agnieszka?“

***

Die Archivarin hatte das Protokoll vom Gerichtsprozess gegen Scharführer Richard Klink mitgebracht, der für seine Teilnahme an der Ermordung der Einwohner von Misczne zum Tod durch den Strang verurteilt und am 4. April 1946 gehängt wurde. Klink hatte den Tag vor dem Massaker ausführlich beschrieben.

„Die Ausgrabungsmannschaft fand in einem der Gräben einen Sarg aus Holz mit der Leiche eines Gotenkriegers. Er trug die Überreste eines Panzerhemds mit Metallschuppen, goldene Armreifen in der Form von Spiralfedern, und ein Schwert lag neben ihm. Da ist der Ausgrabungsleiter, Untersturmführer Leissner, sehr aufgeregt geworden und hat alle Ausgräber weggeschickt. Nur die SS-Männer durften bleiben. Anschließend ließ der Untersturmführer den Sarg mit dem Leichnam sehr vorsichtig bergen und wegbringen. Danach gab er Befehl, den Graben wieder zuzuschütten.“

„Das ist sehr ungewöhnlich. Die Goten pflegten ihre Toten nicht mit Waffen zu begraben: Die Waffen blieben für die lebenden Angehörigen der Familie zurück.“, erklärte Lokis Stimme in Saras Kopf.

„Also war der Tote entweder kein Gote … oder er hatte keine Nachfahren mehr, die das Schwert weiter hätten führen können“, dachte Sara zurück. „Wie zum Beispiel Hildebrand Herubrands Sohn, der seinen Sohn Hadubrand im Zweikampf töten musste!“

Sara sah Agnieszka ins Gesicht. „Hat dem Angeklagten damals jemand die Frage gestellt, wohin der Leichnam gebracht werden sollte?“

Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Davon steht nichts im Protokoll. Ich würde aber annehmen, zunächst einmal nach Krakau ... und von da aus, wenn es den Faschisten wirklich wichtig war, ins Reich. Vielleicht nach Nürnberg, denn da haben sie schließlich auch die Heilige Lanze und die anderen Reichskleinodien hingeschafft, sobald ihnen Wien gehörte.“

Dann musterte die Frau Sara nachdenklich.

„Sagen Sie mir die Wahrheit, junge Frau. Warum hat dieser Mörder sie alle umbringen lassen? Was hat er gefunden, das so viele Leben wert sein könnte?“

Sara ließ sich Zeit mit der Antwort. „Ich weiß nicht, was er gefunden hat. Aber ich denke, ich weiß, was er meinte gefunden zu haben. Den Leichnam von Hildebrand Herubrands Sohn, Lehrmeister von Dietrich von Bern und Hauptfigur im Hildebrandlied, dem ersten Fragment deutschsprachiger Literatur.“

Angnieszka nickte. „Danke für Ihre Ehrlichkeit, Sarasvati. Wissen Sie – die SS-Faschisten hielten sich für etwas ganz Besonderes. Und ihr Anführer Heinrich Himmler war besessen vom deutschen König Heinrich dem Ersten. Einige Historiker behaupten sogar, Himmler hätte sich für eine Reinkarnation von König Heinrich gehalten, aber daran glaube ich nicht wirklich.

Falls also dieser Untersturmführer Leissner etwas gefunden hat, von dem er glaubte, er könne Herrn Himmler damit beeindrucken, dann hätte er es nach Deutschland geschafft. Aber nicht nach Nürnberg, sondern zu einer Burg, die der SS gehört hat und die sie zu ihrem geistigen Zentrum machen wollte.“ Die Archivarin dachte kurz nach. „Leider fällt mir der Name nur gerade nicht ein.“

„Das macht nichts“ sagte Sara. „Den finde ich schon heraus. Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen, Agnieszka? Sie sind bei dieser Geschichte persönlich betroffen, nicht wahr?“

Die Archivarin nahm ihre Brille ab und putzte die Gläser. Dann nickte sie, ohne Sara anzusehen. „Tomasz Bielski war der Vater meiner Mutter.“

„Das tut mir leid ...“

„Sie haben ihn ja nicht auf dem Gewissen.“, wehrte Agnieszka ab.

„Wissen Sie zufällig, wonach Ihr Großvater gesucht hat, als er seine ersten Grabungen bei Prokoszny unternommen hat?“

„Er hatte ein Buch gelesen, das gerade in Wilno erschienen war. Eine kommentierte Ausgabe der Reisebeschreibungen jüdischer Bernsteinhändler, die mit den Ostgoten und mit vielen anderen Volksstämmen zu tun hatten. Und dann, hat meine Mutter immer gesagt, dann hat er sich in den Kopf gesetzt, einen dieser Plätze auszugraben.“

Sara nickte. „Ich glaube, das Buch sollte ich mir dann auch mal ansehen. Können Sie mir wohl den Titel nennen?“

„Sie werden es nur in wenigen Bibliotheken finden, denn die Russen haben den Verlag in Wilno schon nach ihrem Einmarsch 1939 geschlossen. Und die Faschisten haben zwei Jahre später alles zerstört und verbrannt, was noch da war. Aber ...“ Agnieszka verzog die Mundwinkel zur Andeutung eines Lächelns. „Aber Sie können das Exemplar meines Großvaters haben. Es liegt bei mir zu Hause.“

Sara machte keinen Hehl aus ihrer Überraschung. „Warum wollen Sie mir dieses Andenken an Ihren Großvater geben, Agnieszka?“

„Weil Sie seit vielen Jahren die Erste sind, die jetzt noch nach dem Mörder meines Großvaters sucht. Die Einzige außer mir, und ich werde nicht jünger. Und mein Gefühl sagt mir, dass Sie es schaffen könnten.“

***

Sara lag bäuchlings auf dem Bett ihres Hotelzimmers und las in dem Buch, das allem Anschein nach so viel Unheil heraufbeschworen hatte. „Die Reisen von Simon Sohn des Baruch aus Chersones durch die Länder der Sarmaten“. Simon Sohn des Baruch war nach dem Zerfall des Hunnenreiches der alten Bernsteinhandelsstrasse von der Krim den Dnjestr hinauf und die Weichsel entlang an die Ostseeküste gefolgt, um die Handelsverbindungen seiner Familie wieder neu zu knüpfen. Im achten Kapitel beschrieb Simon das Begräbnis eines alten Kriegers, der ohne Nachkommen gestorben war und in seiner prächtigen Rüstung zusammen mit seinem Schwert begraben wurde. Der Händler hatte auch von seinem Gastgeber  erfahren, dass der alte Mann seinen einzigen Sohn und Erben im Zweikampf hatte töten müssen.

Kein Wunder, dass Leissner überzeugt davon war, Hildebrand gefunden zu haben. Und wenn er die gleichen Überlegungen angestellt hatte wie Sara in Worms, dann musste er das Schwert für Siegfrieds Balmung gehalten haben. Jetzt galt es also herauszufinden, wo diese SS-Burg gestanden hatte.

***

Die Recherche dauerte nicht lange. Saras neues Ziel war die Wewelsburg, zwölf Kilometer südwestlich von Paderborn. Sie hatte rund eintausend Kilometer Fahrtstrecke vor sich, vielleicht auch mehr, je nach der gewählten Route; ohne eine Übernachtung entlang des Weges würde sie das nicht schaffen. Nach einem Blick auf die Karte entschied sie sich dafür, in der Nähe des Hohen Meissners zu übernachten. Es konnte nicht schaden, schon mal einen Blick auf den Ort zu werfen, wo sich alles entscheiden sollte ...

***

Dann schaltete Sara das Licht aus und legte sich hin, aber ihr fehlte einfach noch die innere Ruhe zum Einschlafen.

„Loki?“

„Ich höre dich.“

„Um noch mal auf dich und Odin zurück zu kommen: Du hast dich ihm angeschlossen, weil dich sein Traum fasziniert hat. Verbindet dich sonst noch irgend etwas mit den Asen?“

Loki schwieg so lange, dass Sara sich fragte, ob er ihre Frage überhaupt mitbekommen hatte. Schließlich rang Laufeys Sohn sich aber doch noch zu einer Antwort durch.

„Ja. Ja, da gibt es jemanden. Es nagt an mir, dass sie sich an diesen großen, hammerschwingenden Blödmann verschwendet, aber … unter all den langweiligen Asen ist sie die eine, die einzige, die Witz auf der Zunge und Feuer in den Augen trägt. Ich habe es mir mit ihr verdorben, als ich ihr blondes Haar abschnitt – ich wollte ihr beweisen, dass Thor sich nicht für ihren Verstand interessiert, sondern nur für den Körper, in dem er wohnt. Aber ich habe die Zwerge dazu gebracht, neue Haare für sie zu erschaffen, prachtvoll und golden wie die Sonne … ach Sif! Schöne, kluge, mutige Sif. Nichts wäre für uns unmöglich gewesen, für uns beide zusammen!“

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