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Kurt Luifs Werkausgabe - 3. Teil - Planet der falschen Hoffnungen

Kurt Luif WerkausgabePlanet der falschen Hoffnung

Im Mai 2017 wäre Kurt Luif 75 Jahre alt geworden und aus dem Grund habe ich mir die Mühe gemacht und diverse Romane von ihm eingescannt und präsentiere Euch im Laufe der nächsten Monate einige seiner Werke in eine Art von Werksausgabe.

Sein dritter Roman erschien 1972. Der SF-Roman "Planet der falschen Hoffnung" erschien 1972 als Zauberkreis-Science Fiction-Roman Nr. 124 unter dem Pseudonym Jörg Spielmans.


Viel Spaß beim Lesen...

Planet der falschen HoffnungPlanet der falschen Hoffnung
Zauberkreis-SF-Nr. 124
Von Jörg Spielmans alias Kurt Luif
„Wir sind auf Terra gelandet, Sir“, vernahm Harry Burns die melodische Robotstimme des Raumschiffes, die aus den verborgenen Lautsprechern kam. Sie war die einzige Stimme gewesen, die er während seiner sechzehn Tage langen Reise vom Wega-System nach Terra gehört hatte. Wie ein Ge­fangener war er in der winzigen Kabine eingesperrt, auf einem vollauto­matischen Raumfrachter, der tiefgefrorene Lebensmittel von Wega IV, Harrys grünem, fruchtbarem Heimatplaneten, zur Erde beförderte.

Er war der einzige Mensch an Bord ­die Stimme war die Stimme des Schiffes, und das Schiff war ein wartungsfreies, von menschlicher Bedienung un­abhängiges Robotersystem.

Die Unterhaltung war eher einseitig gewesen, dachte Harry grinsend. Es kam selten vor, daß sich ein Mensch an Bord befand, und der Roboter war nur auf die allernotwendigsten Phrasen pro­grammiert. Viel mehr, als „Guten Tag, Sir“ und „Wünschen Sie das Essen, Sir?“ konnte er nicht sagen, zumindest hatte Harry nur diese Worte gehört, sei er Wega IV für immer verlassen hatte.

Die Erfüllung des großen Traums stand unmittelbar bevor: Nur Augenblickte trennten ihn davon, den Boden von Terra zu betreten. Harry war be­reit.

Er stand vom Bett auf und streckte sich. Mit vierundzwanzig Jahren hatte er eine Figur, wie sie sogar unter den kräftigen, großen Männern von Wega IV selten war: breite, muskulöse Schultern, lange Beine und praktisch keine Hüften. Sein Gesicht mit den weit auseinanderstehenden blauen Augen unter dem struppigen blonden Haar war nicht hübsch, dazu waren der Mund zu groß, die Nase zu klein und die Ohren zu weit abstehend - also der Typ, den man leicht für einen Tölpel hielt. Aber der Eindruck täuschte. Harry hatte im Wega-System die schwierigen Prüfun­gen bestanden, durch die er sich für die große Reise nach Terra qualifizieren mußte. Und diese Prüfungen waren verdammt hart, um sie zu bestehen, be­durfte es einer außergewöhnlichen Intelligenz.

„Nun heißt es Abschied nehmen“, sagte Harry grinsend zum Schiff.

„Jawohl, Sir“, antwortete die ange­nehme Stimme.

Harry griff nach der Reisetasche. Mehr Gepäck hatte man ihm nicht gestattet, und er brauchte es auch nicht. Er wollte in jedem Fall so wenig Ballast wie möglich in sein neues Leben mitnehmen. Etwas Geld, ein paar Kleidungsstücke, einige Erinnerungen an seine Familie, seine Heimat...

„Bitte ziehen Sie den Schutzanzug an, Sir!“

Harry öffnete den Schrank, holte den Raumanzug hervor und schlüpfte hin­ein. Die Kabinentür öffnete sich, und er trat auf den Gang hinaus.

Undurchdringliche Finsternis empfing ihn. Er blieb stehen. Seine winzige Ka­bine war der einzige Raum im ganzen Raumschiff gewesen, in dem sich ein Mensch ohne Schutzanzug aufhalten konnte.

Das Raumschiff war eine gigantische Tiefkühltruhe, und der Raumanzug schützte ihn vor der Kälte. Überall türmten sich riesige Packungen mit tiefgefrorenem Gemüse und Obst auf. Wega IV produzierte nur erstklassige Ware und war stolz darauf, die Erde damit versorgen zu dürfen.

Nach einigen Sekunden flammten an den Wänden winzige gelbe Lämpchen auf, die die Lagerräume schwach erhell­ten.

Das Schiff begann hektisch, sich auf die Entladung vorzubereiten. Riesige Haken und Arme kamen aus den Wän­den, griffen sich die Behälter und hoben sie auf ein Fließband.

Plötzlich griffen zwei Arme auch nach Harry Burns und stellten ihn mitten un­ter die Gemüsepackungen. Aber Harry war nicht überrascht. Einen Augenblick lang erinnerte er sich, wie ihn der Be­amte am Raumhafen bei der Abferti­gung lächelnd darauf vorbereitet hatte, daß man ihn entladen würde wie eine Kiste Tomaten. Ein wenig Neid und viel Respekt hatten dabei aus den gutmüti­gen Augen des Beamten gesprochen. Vermutlich hätte er zehn Jahre seines Lebens gegeben, um mit ihm tauschen zu können, dachte Harry. Aber das hätte wohl jeder getan.

Das Schiff war nur dafür eingerichtet, jeweils einen Passagier zu befördern. Mit Recht, es gab nie mehr als einen.

Das Fließband schob ihn langsam wei­ter. Es würde einige Zeit dauern, bis er draußen ankam, da sich seine Kabine im Bug des Schiffes befunden hatte.

Harry Burns' Handflächen wurden feucht. Er hatte unzählige Bücher über Terra gelesen, Filme gesehen, er hatte alles in sich aufgenommen, was er über die Erde erfahren konnte. Wie alle Ko­lonisten war er mit dem Wunschtraum groß geworden, zur Erde zu kommen. Und nun war es soweit.

Die Verwirklichung dieses Ziels war alles andere als leicht, nachdem sich die Erde seit dem Jahr 2403 hermetisch von allen anderen Planeten abgekapselt hatte. Jedem Kolonialplaneten war ge­stattet worden, einen Bewohner pro Tag auf die Erde zu senden. Diese wenigen Leute mußten sich durch schwierige Tests für diese Reise qualifizieren. Es gab keine Ausnahmen. Nur die Besten, die Intelligentesten und Stärksten bekamen die Chance, das Paradies Erde zu sehen, das sie nicht mehr verlassen durften.

Und Harry hatte es geschafft.

Sein jüngerer Bruder hatte mit offe­nem Mund auf die Siegerplakette gestarrt, als er nach Hause gekommen war, um seiner Familie mitzuteilen, daß er einer der Auserwählten war. Seine Mutter hatte ihn mit leuchtenden Augen angeblickt, sein Vater hatte vor sich hin­gebrummt und ihn seltsam von der Seite angesehen.

Er würde sie nicht wiedersehen, seine Familie war in unerreichbare Ferne ge­rückt. Der Gedanke daran machte ihn plötzlich unruhig.

Noch hatte er keine Ahnung, auf wel­chem Raumhafen das Schiff gelandet war. Seine Fragen danach waren ohne Antwort geblieben. Das Schiff hatte ste­reotyp wiederholt: „Wir landen auf der Erde, Sir.“ Aber auf welchem Konti­nent, in welcher Stadt - das verriet die Stimme nicht, dazu war sie nicht pro­grammiert.

Endlich war es soweit, Harry konnte die Luke erkennen, durch die das För­derband ins Freie führte. Licht fiel durch die niedrige Öffnung.

Harry zog den Kopf ein, wieder pack­ten ihn Arme, hoben ihn sanft hoch und stellten ihn auf den Boden. Den Boden von Terra.

Er blickte sich um. Riesige Kühl­wagen standen um das Raumschiff. Haken und Arme aus Metall und Plastik schoben die Ladung tief in die Bäuche der Fahrzeuge.

Der Raumhafen war endlos. Er konn­te mindestens zwanzig Raumfrachter er­kennen, die blitzschnell entladen wur­den. Der Himmel strahlte in einem ver­waschenen, sehr hellen Blau, das ihn in den Augen schmerzte.

Er war allein.

In fünfhundert Meter Entfernung konnte er das langgestreckte Gebäude des Raumhafens erkennen.

Langsam kroch eine tiefe Enttäu­schung in ihm hoch. Er hatte kein Empfangskomitee erwartet, aber so einsam hatte er sich seine Ankunft am Ziel seiner Wünsche nicht vorgestellt.

Harry stellte seine Tasche ab und öff­nete den Helm des Raumanzugs. Kühle Luft fuhr ihm ins Gesicht. Sekunden­lang blieb ihm der Atem weg. Im Ge­gensatz zur reinen, würzigen Luft sei­nes Heimatplaneten waren dies hier dünne, stinkende Nebelschwaden.

Die Nebelschwaden wurden dichter vor seinen Augen, er hörte sich selbst röcheln - und plötzlich hatte er Angst. Er setzte zu einem Hilferuf an, aber es war niemand da, der ihn hätte hören können. So weit er sehen konnte, war er das einzige menschliche Wesen.

Dann löste sich seine Benommenheit, und dankbar spürte er, daß er wieder frei atmen konnte.

Er schlüpfte aus dem Raumanzug und legte ihn sorgfältig über seinen Arm. Er nahm seine Tasche wieder auf und ging schulterzuckend auf das Raumhafen­gebäude zu. Auf dem langen Weg von seinem Raumfrachter bis zum Gebäude begegnete er nicht einem einzigen Men­schen. Es gab nichts als silbern glän­zende Raumfrachter, die in den fahlen Himmel ragten, und um sie herum eine gespenstische Geschäftigkeit.

Harry ging schneller.

Vor dem Gebäude wiesen Pfeile zu den Türen, durch die die spärlichen Pas­sagiere ins Paradies gelangten. Altair I bis V, las er. Sirius I bis III. Sirius IV bis VI. Wega. Ganz am unteren Ende.

Er nahm seine Tasche in die andere Hand und ging am Gebäude entlang bis ans Ende der Türenfront, bis zu der Aufschrift Wega IV und schritt durch die Flügel der Glastür, die vor ihm auto­matisch aufschwangen.

Er trat in den winzigen Raum, in dem ein Stuhl stand. Ein einziger weißer Stuhl neben einem weißen Pult.

„Bitte setzen Sie sich“, sagte eine un­persönliche, kalte Stimme.

Harry blinzelte verstört, stellte seine Tasche neben das Pult und ließ sich zö­gernd nieder.

„Wollen Sie bitte Ihren Prüfungsbericht in den Schlitz auf dem Pult stecken!“

Harry gehorchte. Auf einem großen Bildschirm erschienen die Einzelheiten.

„Harry Burns“, sagte die Stimme. „Vierundzwanzig Jahre alt. Größe einsneunzig. Gewicht siebenundachtzig Kilogramm. Qualifikation wie folgt: ...“

Ungeduldig fragte sich Harry, wes­halb die Stimme den Prüfungsbericht laut vorlas. Er hatte ihn so oft gelesen, daß er ihn auswendig konnte.

„Bitte Ihre Identifikation!“ ordnete die Stimme an.

Harry wollte sich erheben, aber die Stimme fuhr fort: „Benützen Sie bitte die Glasplatte auf dem Pult und achten Sie auf sorgfältigen Druck.“

Gehorsam drückte Harry die Kuppen aller zehn Finger gegen die Glasplatte und zählte bis drei.

„Ihre Identitätskarte finden Sie im untersten Schlitz des Pultes, zusammen mit einem Exemplar des Gesetzbuches für den Planeten Terra. Wenn Sie sich den Gesetzen Terras bedingungslos fü­gen wollen, dann signieren Sie die bei­gelegte Erklärung.“

Harry zögerte, als er das dicke Buch sah.

„Die Signierung ist Voraussetzung für Ihre Einreise“, mahnte die Stimme.

Harry nahm das Buch aus dem Schlitz, signierte die Erklärung und steckte die Identitätskarte weg.

„Willkommen auf Terra“, sagte die Stimme gleichgültig. „Sie können den Raumhafen verlassen.“

Überrascht hob Harry den Kopf. „Aber - aber ich habe doch keine Ahnung... Was soll ich denn jetzt tun? Wohin soll ich gehen? Wo muß ich mich melden? In welcher Stadt befinde ich mich überhaupt?“

Nach einer winzigen Pause sagte die Stimme: „Sie befinden sich in New York.“

„Aha! Und wie geht's weiter?“

„Am Ausgang des Raumhafens be­kommen Sie einen Kupon mit der Adresse Ihrer künftigen Wohnung, die Ihnen, wie allen Bewohnern von Terra, kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Darin finden Sie ein wartungsfreies Robotsystem, das Sie mit allem Lebens­notwendigen versorgen wird.“

„Und wo werde ich arbeiten?“

„Die Bewohner Terras müssen nicht arbeiten. Es steht ihnen jedoch frei, es zu tun. Dasselbe gilt von heute an für Sie. - Alle anderen Fragen werden Sie im Gesetzbuch beantwortet finden.“

Das Land, wo Milch und Honig fließt, wie die Überlieferung sagt, dachte Harry. „Aber ich kenne doch keine Men­schenseele hier!“ sagte er laut.

„Alle anderen Fragen“, meinte die Stimme kalt, „werden Sie im Gesetzbuch beantwortet finden.“

Harrys Mund wurde trocken. Hilflos blickte er auf den Wälzer in seiner Hand. „Aber...“

„Alle anderen Fragen...“, begann die Stimme.

Ungeduldig sprang er auf, bemerkte, daß er seinen Raumanzug immer noch über seinem linken Arm trug und warf ihn wütend auf den Stuhl, bevor er seine Tasche hochnahm und sich zur Tür wandte, über der „Ausgang“ stand. „Vergessen Sie Ihren Schutzanzug nicht“, sagte die Stimme.

„Wozu?“ schnappte Harry unfreund­lich. „Ich brauche ihn doch nicht mehr.“

Aber die Stimme schwieg. Verwirrt blieb Harry stehen, hob die Schultern und nahm den Raumanzug mit.

Beunruhigt fragte er sich, was das zu bedeuten hatte. Vielleicht war es Ge­setz, einen Raumanzug zu besitzen. Oder es gehörte einfach zur Ordnung, daß man überflüssige Dinge nicht irgendwo liegenließ. Das würde es wohl sein, dachte er. Er konnte den unnützen Raumanzug immer noch loswerden.

Harry ging durch den Ausgang, über einen langen Korridor bis zu einer Schranke.

„Identifizieren Sie sich“, stand in Leuchtschrift darauf. Unschlüssig betrachtete Harry die Schranke.

Ein Pfeil zeigte auf eine matte Glas­platte, auf der zehn runde Vertiefungen glänzten. Harry stellte seine Tasche nie­der, legte den Raumanzug darauf und drückte sorgfältig seine Fingerspitzen in die Vertiefungen.

Die Schranke hob sich: Das Paradies hatte ihn eingelassen.

Harry ging langsam die Rampe hinab auf die Straße, die schnurgerade auf die Silhouette der Stadt am Horizont zu­führte. Das ist New York, dachte er. Harry Burns! Das ist New York!

Grinsend stellte er seine Tasche hin und blickte langsam um sich. Aber er sah nichts Neues: Hinter sich das langgestreckte Raumhafengebäude, vor sich die Straße, die durch eine kahle Ebene führte, und am Horizont weiße Wohnblocks.

Kein Mensch weit und breit.

Harry eilte hinüber zu den Gleitbän­dern, die die Straße entlangführten, und betrat eines davon. Er wählte das langsamste, um alle neuen Eindrücke in sich aufnehmen zu können. Neben seinem lief ein schnelleres, rotes Gleitband und daneben ein breites, graues, auf dem La­sten befördert wurden.

Harry sah sich um - auch auf dem Lastenband kein Mensch.

Das Band trug ihn schnurgerade durch die farblose Ebene, die den Raumhafen von der Stadt trennte. Seltsam hellgelbes Gras, stumpf und trocken, links und rechts, ein paar Bäume hin und wieder. Ohne es zu wollen, dachte Harry an die üppigen Felder auf Wega IV, an die schweren Baumkronen, die sich unter der Last der Mangofrüchte und der kreisrunden Johannis­brotschoten bogen. Die Felder waren golden um diese Jahreszeit, der Himmel dunkelblau und die Luft schwer und duftend. Und die Menschen waren emsig damit beschäftigt, die Hilfsroboter ra­tionell einzusetzen, um die Ernte unter Dach und Fach zu bringen, bevor die Regenmonate kamen.

Bauern, dachte Harry. Einfache Leute auf einem spärlich besiedelten Planeten, den kaum einer kannte.

Harry verscheuchte die Gedanken an die Heimat. Noch war er sich nicht si­cher, ob er sich seiner Herkunft schämen oder stolz auf sie sein sollte.

Kreischend zog ein Vogelschwarm über seinem Kopf dahin. Harry blickte auf und erschrak: Vögel, so schwarz und so groß, hatte er noch nie gesehen. Auch auf Wega IV gab es Vögel, doch keiner ar darunter, der nicht in seinem Hand­teller Platz gehabt hätte.

Die Stadt kam näher. Harry konnte die hundertstöckigen Wohnblocks er­kennen, die er schon so oft auf Bildern gesehen hatte - gerade, schmucklose Gebilde, die sich glichen wie ein Ei dem anderen.

Eine Geisterstadt, über der Raumschiffe ihre Bahnen in die Unendlichkeit zogen.

Plötzlich sah er weit vor sich eine Frau das Gleitband betreten. Harry bekam Herzklopfen, das erste menschliche Wesen, dem er auf Terra begegnete, ge­rade als ihm der entsetzliche Gedanke durch den Kopf geschossen war, auf einer Welt gelandet zu sein, deren Be­völkerung ausgestorben war - viel­leicht seit Jahren schon - die aber von Robotern weiterverwaltet wurde, als ob nichts geschehen wäre.

Harry begann auf dem Band zu lau­fen. Aber die Frau war zu weit entfernt. Er rief ihr zu, auf ihn zu warten, aber sie wandte nicht einmal den Kopf.

Kurz entschlossen betrat er das rote Gleitband, das neben seinem lief. Er kämpfte um sein Gleichgewicht, fing sich und kam der Frau rasch näher.

Sie trug einen knöchellangen Wickel­rock, der sich elegant um ihre schmalen Hüften schlang. Ihre Brüste trug sie nackt.

„Hallo“, sagte Harry, als er sich mit ihr auf gleicher Höhe befand.

Sie warf ihm einen gleichgültigen Blick zu und wandte sich wieder ab. Langes, glattes, fast farbloses Haar fiel auf ihre Schultern. Ihre Augen standen weit auseinander, reichten bis über die halbe Schläfe hinaus und waren gelbbraun.

Harry trat zurück auf das langsame Gleitband und stellte sich dicht hinter sie. Ihre Haut war hellbraun und duf­tete nach Blüten.

„Hallo, Miß“, sagte er.

Sie stand unbeweglich.

Er tippte mit dem Zeigefinger auf ihre nackte Schulter. „Hallo ...“

Sie fuhr herum und schüttelte seinen Finger ab. „Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe!“

Ihre Stimme klang ungeduldig, und sie sprach mit einem starken Akzent, den er nicht kannte.

„Ich...“ Er räusperte sich. „Ich bin neu hier auf Terra“, sagte er und grinste. Er fühlte sich dumm und unbeholfen.

„Das sehe ich“, sagte sie abschätzig und betrachtete ihn langsam von oben nach unten.

Harry spürte, daß er rot wurde. „Ich möchte nur ein paar Auskünfte“, sagte er hastig.

„Was wollen Sie?“ fragte sie belustigt. „Ein bißchen Hilfe“, entgegnete er leise und entmutigt.

„Ihnen kann keiner mehr helfen“, sagte sie und blickte starr vor sich hin.

Harry sah in dieselbe Richtung, in die ihr Blick gewandert war. Auf dem roten Gleitband näherten sich zwei Roboter. Harry starrte ihnen entgegen. Sie ka­men rasch näher. Auf ihrer Front stand in roter Schrift auf weißem Grund: Polizei.

Unwillkürlich sah Harry hinter sich, aber er konnte weit und breit nichts er­kennen, was auf einen Zwischenfall hin­deutete. Die Gleitbänder waren bis auf die Lasten auf dem Transportband leer.

Die beiden Polizeiroboter stiegen auf das Band um, auf dem sich Harry und das Mädchen befanden. Einer hielt vor dem Mädchen, der andere hinter Harry.

Verwundert sah Harry das Mädchen an. Sie war ganz ruhig und sah nicht wie eine Gesetzesbrecherin aus. Aber dann fiel ihm der Wälzer mit den Tausenden von Gesetzen ein, der sich in seiner Tasche befand; da konnte es wohl leicht vorkommen, daß…

„Verlassen Sie bitte sofort das Band, Sir!“

Überrascht gehorchte Harry und stieg vom Band auf die Straße. Die beiden Polizeiroboter folgten ihm.

Die Frau entfernte sich.

„Sie sind verhaftet, Sir“, sagte einer der beiden.

„Aber, das ist doch...“

„Sie haben sich einer Übertretung der Paragraphen 3457c und 4239a schuldig gemacht.“

„Verdammt noch mal, ich habe doch nichts getan!“

„Wir müssen Sie bitten, mit uns zu kommen, Sir.“

Nun, das fängt ja schön an, dachte Harry. Kaum gelandet und schon verhaftet. Dabei hatte er doch wahrhaftig ein reines Gewissen. Es mußte ein Miß­verständnis sein. Das einfachste würde wohl sein, mitzukommen, dann würde sich seine Schuldlosigkeit bald heraus­stellen.

Er griff nach seiner Tasche, um das Gesetzbuch herauszuholen.

„Geben Sie mir bitte Ihre Tasche, Sir.“

„Aber ich will mir doch nur den Wort­laut der Gesetze ansehen, gegen die ich verstoßen habe!“ protestierte Harry.

„Ihre Tasche, bitte, Sir!“

Knurrend fügte sich Harry.

Mit einem Strahlengerät tasteten die Roboter Harrys Kleidung ab. Fassungslos mußte er zusehen, wie ihm die Fuß­gelenke mit Stahlspangen gefesselt wur­den. Dann hoben ihn die beiden zurück auf das rote, schnelle Gleitband.

„Wohin führt ihr mich?“ fragte Harry. Plötzlich hatte er Angst.

„Vor den Richter, Sir.“


* * *


Als Julia Riccardiello erwachte, war es noch dunkel im Zimmer. Die automatische Schaltung der Rolläden war für acht Uhr dreißig eingestellt.

Sie drehte sich zur Seite und hörte neben sich die gleichmäßigen Atemzüge von Carl Jackson vom dreiundvierzig­sten Stockwerk. Sie hatten sich gestern in der Halle des Gebäudes getroffen, und er hatte sie gefragt, ob er die Nacht mit ihr verbringen dürfe.

Julia hatte ihn prüfend angesehen, und was sie erblickte, hatte ihr gefallen. Sie hatte eingewilligt.

Carl war ein schlanker, großer Mann, knapp an die Dreißig, mit schulterlan­gem weißblondem Haar und heiteren braunen Augen. Ein sehr männlicher Mann, hatte Julia angenommen.

Aber der Schein trog. Es war ein ver­lorener Abend gewesen. Carl war schnurstracks vor den Bildschirm geeilt, hatte sich die acht Hauptprogramme durchgesehen und war schließlich bei einem geblieben, das ihm zusagte. Höflichkeitshalber hatte Julia sich dazu­gesetzt - nichts verletzte und schockierte die Mitmenschen so sehr, als wenn man ihnen erklärte, die Fernseh­programme seien abscheulich. Man stellt sich damit beinahe als Außenseiter der menschlichen Gesellschaft hin, dachte Julia bitter, während sie dem Atem Carl Jacksons lauschte.

Carl Jackson. Eine Enttäuschung mehr. Kaum Dreißig und schlaff wie ein verbrauchter Greis. Sie haßte anregende Mittel und hatte keine im Haus. Aber Carl hatte ein ganzes Sortiment mitgebracht. Er hatte ihr davon ange­boten, aber sie hatte dankend abgelehnt.

Anschließend saß er wieder vor dem Bildschirm. Julia hatte zögernd versucht, mit Carl zu reden. Ein Gespräch zu beginnen. Aber Carl kannte vermutlich gar nicht die Bedeutung des Wortes. Er war mit allem zufrieden, hatte alles, was er brauchte - und wenn er sich mehr wünschte, dann ging er von den acht Hauptprogrammen ab und suchte sich eines der vielen Nebenprogramme.

„Aber...“, hatte Julia eingewendet, „braucht ein Mensch denn nicht mehr als das...“

„Mehr als die Nebenprogramme?“ hatte Carl ein wenig ungeduldig wegen der Störung und ziemlich verständnislos  dagegen gefragt.

Die Rolläden glitten lautlos hoch. Die Fenster schoben sich automatisch in die seitlichen Verschalungen. Kühle Luft drang ins Zimmer. Wenn Julia den Kopf ein wenig zur Seite drehte, konnte sie ein Stück des wolkenlosen Himmels er­kennen.

Carl drehte sich unwillig um, als das leise Summen der Weckanlage ertönte, und richtete sich halb auf.

„Was soll das?“ fragte er schlaftrun­ken. „Wie spät ist es?“

„Halb neun“, antwortete Julia kurz und erhob sich.

„Warum stehst du schon auf?“ murrte Carl. „Ich schlafe immer bis zwölf. Zu­mindest wenn nichts außergewöhnlich Interessantes auf dem Programm steht.“

„Um neun Uhr beginne ich mit mei­ner Arbeit.“

„Was? Höre ich recht? Hast du ar­beiten gesagt?“

Julia nickte und wandte sich zur Tür in den Baderaum.

Er lachte. „So eine bist du! So hätte ich dich nicht eingeschätzt... Sie arbeitet...“ Er schüttelte den Kopf und ließ sich zurückgleiten.

Julia drehte sich halb um und mu­sterte den Mann, der in ihrem Bett lag. Ein Fremder. Zugegeben, ein gutaussehender Fremder, aber eben doch ein Mensch, von dem sie nichts wußte außer seinen Namen und seine Adresse. Das war alles.

Sie sah weg und schloß die Augen. Sie fühlte sich ein wenig albern. Mehr wußte man eben normalerweise nicht von seinen Mitbürgern - wozu auch? Aber manchmal wünschte sie, es wäre wie in alten Zeiten, von denen sie soviel in Büchern gelesen hatte - Zeiten, in denen ein Mensch nicht nur das hatte, was man damals Familie nannte, son­dern auch Freunde. Sie war sich nicht ganz klar über die Bedeutung des Wor­tes. Sicher, Freunde hatte man auch heute noch. Carl, zum Beispiel, war für eine Nacht ihr Freund gewesen. Aber sie hatte das Gefühl, daß die Menschen früher etwas anderes gemeint hatten, wenn sie von Freunden sprachen.

„Ich kann nicht verstehen“, murmelte Carl, „wieso es Menschen gibt, die ar­beiten gehen. Zeitverschwendung. Es gibt nichts, was die Roboter nicht besser könnten. Außerdem bringen sie tags­über das beste Fernsehprogramm! Ist doch ewig schade, das zu versäumen.“

„Mich interessiert das Programm nicht besonders“, sagte sie vorsichtig. „Ich kann ganz gut ohne die Flimmerkiste auskommen.“

Er sah ihr ungläubig nach, als sie ins Bad ging. Sie spürte seinen Blick im Rücken. Immer wieder die gleiche Reak­tion. Man brauchte nur zu erwähnen, man interessiere sich nicht fürs Fern­sehen, schon stieß man auf zweifelnde Verständnislosigkeit. Es war, als sagte man allen Ernstes, man wolle nicht essen und nicht trinken. Ja, mehr noch: als behauptete man, nicht leben zu wol­len. Wenn man den leiblichen Bedürf­nissen absah, war Leben Erleben, das Fernsehen somit die Quintessenz des Lebens.

In der modernen Gesellschaft hatte der einzelne alles, was er brauchte: Wohnung, Nahrung und Kleidung ­und seinen Anteil am Erleben, das ihm nur das Fernsehen in solcher Vielfalt, in solcher Perfektion und so mühelos lie­fern konnte.

Julia machte sich keine Illusionen. Sie wußte sehr wohl, daß ihr selbst nicht ganz klar war, was diesem Leben, das sie alle führten, tatsächlich fehlte. Es war mehr ein vages Gefühl als das kon­krete Wissen um einen Mangel.

Im Baderaum legte sie sich auf das Massagebett. Ihr Körper wurde mit Vi­taminölen besprüht, dann kamen ein Dutzend Roboterhände aus den Seiten des Bettes und massierten ihre Haut sanft, aber gründlich. Aus unzähligen Öffnungen in der Wand spritzten warme Wasserstrahlen, die immer kälter wur­den, bis sie wie Eisnadeln ihren Körper stachen.

Als sie mit der Morgentoilette fertig war, betrachtete sie sieh einlebend im Spiegel. Sie war ein großes Mädchen mit kurzen schwarzem Haar und dunkel­blauen Augen. Ihre Figur entsprach nicht dem Schönheitsideal der Zeit, dazu waren, trotz ihrer Größe, ihre Beine zu kurz und ihr Busen zu groß. Sie war ein kräftiges Mädchen und hegte eine leise, uneingestandene Verachtung; für die ätherischen Geschöpfe, denen sie überall begegnete - Mädchen, die nur aus Bei­nen und Augen zu bestehen schienen, blaß und so dünn, daß ein Windhauch sie umblasen konnte.

Energisch trat sie vom Spiegel weg und ging zurück ins Schlafzimmer, in dem Carl wieder eingeschlafen war. Seine rechte Hand hing aus dem Bett und berührte den Boden.

Sie ging zum Fenster, wo der kleine Tisch mit dem Frühstück wartete. Der Hauscomputer hatte wieder perfekte Arbeit geleistet und alle ihre Sonderwünsche erfüllt, mit denen Julia nicht geizte. Sie war stolz darauf, zu arbeiten und das Recht auf Sonderwünsche zu haben. Und sie machte ausgiebig Ge­brauch davon.

Als sie das Frühstück beendet hatte, schlief Carl immer noch.

Auf dem Weg zur Arbeit begegnete sie keinem Menschen. Sie arbeitete nun seit mehr als einem Jahr, und in dieser Zeit hatte sie nur viermal jemand auf der Straße getroffen. Frühaufsteher wa­ren selten.

Aber auch Arbeiter waren selten. Für den Großteil der Terraner war es etwas Unvorstellbares, Pflichten zu haben. Ge­wiß, sie brachten einem eine Menge Ver­günstigungen ein, angefangen von der freien Zuteilung aller Delikatessen, dann eine größere Wohnung und schließlich, nach zwei Jahren, ein eige­nes Haus.

Aber wer wollte das schon? Wozu eine größere Wohnung, wozu ein eigenes Haus? Es gab in jedem Wohnblock ge­nügend Gemeinschaftsräume, und man hielt sich sowieso nur zum Schlafen in den eigenen vier Wänden auf. Wozu also ein eigenes Haus? Nur um Gefahr zu laufen, allein zu sein?

Julia hatte an ihrem einundzwanzig­sten Geburtstag beschlossen, eine Arbeit anzunehmen. Sie hatte einen Antrag auf Arbeitszuteilung gestellt und nach vier Monaten eine lange Liste von Arbeitsplätzen zur Auswahl bekommen. Sie hatte sich für den NIDO entschieden, die Kinderfabrik. Das hieß Arbeit an der Retorte, wo die Befruchtung statt­fand, und die Betreuung der lebens­fähigen Embryos bis zum zehnten Mo­nat nach der Zeugung. Danach kamen die Babys in die Säuglingsstationen.

Die Arbeit war ihr nach einigen Wo­chen langweilig geworden, es gab zuviel Routine. Julia hatte eine neue Liste von Auswahlplätzen beantragt und sie innerhalb von Tagen erhalten. Arbeiter wurden bevorzugt behandelt.

Nun arbeitete sie in einer Fernseh­station, und die Arbeit, die ihr vorher so verlockend erschien, bestand wieder aus nichts anderem als Routine. Aber Julia war zufrieden. Sie hatte Betty Kovacz kennengelernt und mit ihr in erstaun­lich gleichgesinntes Mädchen. Betty be­saß einen scharfen Verstand und hatte Julias Leben eine neue Wendung ge­geben: eine kritische Einstellung zu den herrschenden Zuständen und zu sich selbst.

Durch Betty hatte sie die Fortschritts­partei kennengelernt, deren Mitglieder ausnahmslos einer Arbeit nachgingen und ein großes Ziel hatten: den politi­schen und damit den psychischen Ein­fluß der Fernsehstationen auf die Menschheit Terras zu brechen.

Es war eine kleine Partei, eine Gruppe Idealisten, die kaum jemand kannte, die nicht die Macht einer Fernsehstation hinter sich wußten. Aber sie waren aktiv in einer passiven Umge­bung; sie waren zu allem entschlossen - mitten unter Menschen, die sich wil­lenlos dahintreiben ließen. Sie waren eine Partei mit Zukunft in einer Welt ohne Zukunft.


* * *


Das Gefängnis war ein eleganter drei­stöckiger Bau in einem kleinen Park.

Harry Burns schritt fest über den schmalen Vorplatz, flankiert von den beiden Polizeirobotern. Er wurde in einen großen Saal geführt, in dem einige weitere Roboter regungslos an den Wänden standen und auf ihren Einsatz warteten.

„Setzen Sie sich, Harry Burns“, sagte eine Stimme, die aus dem Nichts kam. Harry gehorchte widerstrebend.

Seine beiden Begleiter öffneten seine Tasche und legten seine wenigen Habseligkeiten auf eine Platte, die sie dann in das Fach eines Gleitbandes schoben. Harry fuhr auf, als er seine Sachen in der Wand verschwinden sah. „He!“ rief er. „Was soll denn das nun schon wie­der! Ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. Überhaupt ist das Ganze nur eine Verwechslung... Wartet doch!“ Er sprang auf.

Sofort hielt ihn einer seiner beiden Begleiter sanft, aber beharrlich am Arm fest. „Ihr Eigentum wird registriert, Sir. Bei Ihrer Entlassung wird es Ihnen voll­ständig zurückgegeben. Sie können un­besorgt sein.“

„Das ist es doch gar nicht, ich habe doch...“ Harry seufzte und resignierte. „Legen Sie bitte ihre Kleider ab, Sir.“ Harry blinzelte ungläubig. „Weshalb das?“

„Es ist Vorschrift, Sir.“

„Ja, aber - warum? Warum soll ich mich ausziehen, bevor ich überhaupt weiß, weshalb ich hier bin? Ich will endlich wissen, warum man mich verhaftet hat! Das ist doch absurd!“

„Legen Sie bitte Ihre Kleider ab, Sir.“ In ohnmächtiger Wut riß Harry an seiner dünnen Leinenjacke. Schweigend zog er sich aus, bis er völlig nackt war. Er fühlte sich wie ein Idiot: der einzige Mensch unter zwei Dutzend Robotern, die wie ein höhnisch grinsendes Publi­kum an den Wänden standen. Harry war es gewöhnt, nackt zu sein. Auf Wega IV waren die Temperaturen meist so hoch, daß man gern die dünnen Klei­der ablegte, wenn sich die Gelegenheit bot. Aber man war dabei nicht allein mit einer Schar Robotern in einem Saal, der gerade so warm und gemütlich war wie eines der gigantischen Eishäuser auf Wega IV.

Zum erstenmal seit seiner Ankunft wurde sich Harry Burns bewußt, daß er auf Terra fror.

Einer seiner beiden Begleiter hielt ihm einen weißen Overall hin, und dankbar schlüpfte Harry hinein.

„Bitte folgen Sie mir, Sir.“

Auch seine Kleider wurden in ein Fach des Fließbandes gelegt und verschwanden.

Sie schritten durch einen langen, röh­renförmigen Gang aus Metall, dessen polierte Wände ihre Bewegungen ver­zerrt spiegelten. Harry fühlte sich müde und mutlos. Vergeblich versuchte er, dem bizarren Anblick der schaukelnden Bewegungen an den Wänden auszu­weichen.

Links und rechts gingen Türen vom Gang weg. Vor einer blieben die Robo­ter stehen. Auf einen Knopfdruck öff­nete sie sich.

„Treten Sie ein, Sir.“

Er erschrak, als sich hinter ihm die Tür schloß. Es war ein so endgültiges Geräusch. Er sah sich um.

Erst jetzt bemerkte er den unschein­baren, dünnen alten Mann, der zusam­mengesunken auf einer der bequemen Liegen hockte. Er trug einen Overall wie er selbst, nur war der des Männ­chens gelb.

Harry trat näher. „Mein Name ist Harry Burns.“

Der Alte sah kaum auf.

„Guten Tag“, murmelte Harry hastig und sah den anderen an, der keine Notiz von ihm nahm. Aber da es sich offenbar ebenfalls um einen Gefangenen han­delte, steuerte Harry auf eine Liege zu und ließ sich drauffallen.

„Pfui“, sagte das Männchen plötzlich und drehte Harry den Rücken zu. „Tief sind wir gesunken. Jetzt muß man schon die Besserungszelle mit einem Bauern teilen. Das ist Strafverschärfung. Ich werde protestieren.“

Harry schluckte. Dann grinste er. „Sie mögen uns Bauern wohl nicht?“

„Nein“, sagte der Alte fest. „Absolut nicht.“

„Aha“, meinte Harry bedächtig und schwieg.

Der andere wandte Harry wieder sein runzliges Gesicht zu und starrte ihn an.

„Ich finde trotzdem, Sie könnten Ihre Abneigung für eine Weile vergessen und mir einige Fragen beantworten.“

Der Alte griff nach der Fernbedie­nung für den Fernsehapparat und fingerte nervös an den Druckknöpfen. „Ich weiß nicht...“, sagte er mißtrauisch.

„Warum sind Sie eigentlich im Ge­fängnis?“ fragte Harry geradeheraus.

„Das geht Sie nichts an, Bürger. Gar nichts.“ Irritiert sah der Alte ihn an. „Außerdem merken Sie sich: Hier auf Terra gibt es seit fünfhundert Jahren keine Gefängnisse mehr - vielleicht auf irgendeinem gottverlassenen Planeten, wo man den Fortschritt verschlafen hat, nicht bei uns!“

„Aha“, sagte Harry erneut. „Und wo befinden wir uns, wenn dies hier kein Gefängnis ist?“

„Im IBAMU natürlich“, seufzte der Alte und verdrehte die Augen.

„Im - was?“

„Im IBAMU!“

„Das Wort kenne ich nicht. Was soll es bedeuten?“

„Bürger, Sie sind lästig!“ rief das dünne Männchen aufgebracht „Reden Sie immer soviel?“ Er riß nervös an der Fernbedienung herum, das Bild flackerte in sanften Rosefarben und erlosch. „IBAMU ist kein Wort, sondern die Ab­kürzung für Institution für die Besse­rung aller menschlichen Unvollkom­menheiten. Oder Unzulänglichkeiten, was weiß ich!

Und wenn Sie noch Fragen haben, Bürger, dann stellen Sie sie schnell. In vier Minuten beginnt die Abenteuerserie.“

Harry grinste. „Okay. Haben Sie eine Ahnung, was in den Paragraphen 3457c und 4239a steht?“

Der Alte sah ihn verblüfft an. „Sind Sie wahnsinnig, Bürger? Wie soll ich das wissen? Kein Mensch kennt das ganze Gesetzbuch.

Sie werden schon erfahren, was Sie angestellt haben. Und was Ihnen nach­her blüht, ist auch klar.“

Der Alte begann leise zu kichern, warf einen langen Blick auf Harrys kräftige Gestalt und gluckste: „Sie werden noch Ihre Wunder erleben. Ihre Wunder! Hahaha!“

„Können Sie sich nicht deutlicher aus­drücken, Mister?“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Es ist schon ein Spaß mit euch. Da kommt ihr von irgendeinem verdammten Mist­planeten her und glaubt, auf Terra hätten wir bloß auf euch gewartet, um euch an allem teilhaben zu lassen, was hier in Jahrhunderten erreicht wurde. Es ge­schieht euch recht: Soviel Dummheit muß bestraft werden.“

Harry wurde einfach nicht klug aus den Worten des anderen. Seine Unsicherheit wuchs. „Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Ich mußte schwierige Prüfungen bestehen, bevor ich die Erlaubnis er­hielt, nach Terra zu fliegen...“

„Klar. Wir können nicht jeden Tölpel brauchen, die Besten sind gerade gut ge­nug. Sie werden es schon merken. Das hat die Regierung sehr klug gemacht. Sehr klug.“

„Wer ist die Regierung? Wir kennen nur einen Rat der Zehn, der die Geschäfte des Planeten führt.“

Der Alte überlegte kurz, dann schob er die Unterlippe vor und grinste. „Die Fernsehstationen stellen die Kandida­ten für den Rat der Zehn auf. Die Fern­stehstationen regieren also. Das ist auch in Ordnung so. Wer dem Volk am mei­sten bietet, dem kommt auch der Ein­fluß zu.“

„Und Parteien gibt es nicht?“

„O ja, einige vollkommen unwichtige. Bekommen nur ganz wenige Stimmen, weil sie keine eigenen Stationen haben - oder nur zweitklassige Nebenstatio­nen ohne nennenswertes Programm.“

„Und damit haben die Fernstehstatio­nen also die ganze Macht?“ fragte Harry ungläubig.

„Das sagte ich doch! Was finden Sie daran so schlecht, Bürger? Die Stationen liefern die Unterhaltung, sozusagen das Salz des Lebens. Für alles andere sorgt der Staat. Jene Station, die das beste und beliebteste Programm liefert, be­weist damit, daß sie genau erkannt hat, was den Leuten gefällt, woran sie ihren Spaß und ihre Freude haben. Leben ist Erleben, Bürger. Wer Ihnen das meiste Erleben bietet, der weiß, was gut für Sie ist. Und dessen Knopf werden Sie drücken.“ Plötzlich erinnerte er sich an seine Abenteuerserie und griff nach der Fernbedienung. „Und dem werden Sie auch Ihre Stimme geben, Bürger, wenn die Wahl kommt.“

„Aber bei uns...“, begann Harry.

„Sie werden doch nicht Ihren Käse­planeten mit der Erde vergleichen wollen, Bürger!“ rief der Alte ungeduldig und zerrte an der Programmwahl. „Wir sind zivilisierte Menschen und ihr seid primitive Bauern ohne Kultur. Was wärt ihr ohne die Erde? Ha?“

Harry wollte aufspringen, aber die Tür öffnete sich, und ein Roboter trat ein. „Mister Burns, bitte folgen Sie mir.“

„Auf Wiedersehen“, sagte Harry

„Es wird kein Wiedersehen geben“, brummte der. „Seien Sie froh, wenn Sie übermorgen noch leben.“

Beim Hinausgehen hatte Harry immer noch das höhnische Lachen des Alten in den Ohren. Er war froh, als sich die Tür hinter ihm schloß.

Sie fuhren mit dem Aufzug abwärts. In den metallenen Gängen begegneten sie niemandem.

Endlich langten sie vor einer großen Tür an, die automatisch zur Seite glitt. Sie traten ein. Wieder ein kahler Raum, eine Wand wurde von einem Bildschirm eingenommen, die anderen Wände wa­ren schneeweiß, ohne die geringste Ver­zierung.

Vor dem Bildschirm stand ein breiter Stuhl, dahinter zwei bequeme Bänke.

Der Roboter forderte Harry auf, sich in den Stuhl zu setzen, und verließ den Raum.

Der Bildschirm leuchtete auf. „Der Planet Terra gegen Harry Burns“, sagte die Schrift. Dann folgten seine Taten.

„Angeklagt gemäß Paragraph 3457c und Paragraph 4239a der allgemeinen Gesetze.“

Die Schrift verschwand.

Sofort erschien eine neue Schrift. „Auszug aus dem Gesetzbuch, 24. Auflage.

Paragraph 3457c: Die öffentlichen ro­ten Gleitbänder sind ausschließlich der Polizei und dem Lebensrettungsdienst vorbehalten. Jede Übertretung wird mit einer Geldstrafe von eintausend Credit geahndet.“

Wieder verschwand die Schrift. Zähneknirschend hatte Harry mitgelesen. Das waren ja nette Gesetze, dach­te er, wo bekomme ich eintausend Credit her? Sein ganzes Barvermögen belief sich auf etwa hundert Credit.

Wieder erschien die Schrift.

„Paragraph 4239a: Jeder Bürger, der einen anderen Bürger in seiner Bewe­gungsfreiheit einschränkt oder belästigt, macht sich eines Vergehens schuldig, das je nach Schwere der Verfehlung mit einer Geldstrafe von fünfhundert bis zehntausend Credit geahndet wird.“

Vielleicht, weil ich die Frau am Arm genommen und mit ihr gesprochen habe, fragte sich Harry.

Plötzlich hörte er eine Stimme. „An­geklagter, haben Sie etwas zu Ihrer Ver­teidigung vorzubringen?“ Gleichzeitig mit der Stimme erschienen die Worte auf dem Bildschirm.

„Nicht schuldig“, sagte Harry. Seine Antwort erschien ebenfalls auf dem Bildschirm - anscheinend wurde alles sofort aufgezeichnet.

„Es steht eindeutig fest, daß der An­geklagte gegen die erwähnten Paragraphen verstoßen hat.“

„Aber ich habe nicht gewußt, daß es verboten ist, auf einem roten Gleitband zu fahren und mit einer Terranerin zu sprechen!“

„Einwand abgelehnt. Bei seiner Lan­dung auf Terra hat sich der Angeklagte verpflichtet, die Gesetze dieses Planeten bedingungslos zu befolgen.“

„Verdammt noch mal! Ich bin seit zwei Stunden auf Terra, da kann ich doch wohl nicht ein so dickes Buch, wie es das Gesetzbuch ist, auswendig lernen!“

„Einwand abgelehnt. Der Angeklagte hätte zuallererst das Gesetzbuch studie­ren sollen.“

„Ich will einen Verteidiger!“ begehrte Harry auf.

„Paragraph 103a der allgemeinen Ge­setze: Jeder Angeklagte hat sich selbst zu verteidigen. Der Urteilsspruch er­folgt durch ein Gericht, das aus drei Computern gebildet wird.“

Harry überlegte fieberhaft. „Ich bitte, meine große Erregung zu bedenken, als ich auf Terra landete. Vielleicht habe ich mich nicht ganz korrekt verhalten, aber da es zum erstenmal geschehen ist, bitte ich um Nachsicht.“

Er hatte keine Ahnung, ob dies der richtige Weg war, ein Computergericht zu überzeugen, aber er konnte keine plausiblen Argumente vorbringen. Die Leute von Wega IV hatten keine Zeit für juristische Spitzfindigkeiten. Es wa­ren schweigsame Leute die sich, kamen sie einmal mit den Gesetzen in Konflikt, einen Mann nahmen, der darin bewan­dert war.

„Einwand abgelehnt. Hat der Ange­klagte noch etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen?“

Harry zuckte die Schultern. Er hätte zwar noch einiges sagen können, war aber davon überzeugt, daß es ihm nichts genützt hätte. Außerdem hätte er sich nie ernsthaft zugetraut, mit einem Ro­boter zu argumentieren.

„Nein“, sagte er schließlich leise.

„Der Angeklagte ist schuldig, gegen Paragraph 3457c verstoßen zu haben. Dafür wird er zu einer Geldstrafe von eintausend Credit verurteilt. Ferner ist der Angeklagte schuldig, gegen Para­graph 4239a verstoßen zu haben. Dafür wird er zu einer Geldstrafe von zwei­tausendfünfhundert Credit verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig. Es gibt keine Berufung.“

Der Bildschirm flackerte einige Se­kunden, dann kam wieder die Stimme. „Da der Angeklagte nur über ein Barvermögen von siebenundachtzig Credit verfügt, wird seine Restschuld in Höhe von 3.413 Credit an die Regierung zur Eintreibung übergeben. Bis dahin bleibt der Angeklagte in Haft.“

Der Bildschirm erlosch, die Tür öff­nete sich, und der Polizeiroboter trat ein.

Hinter dem Roboter kam ein Terra­ner.

„Mein Name ist Ted Bruchton. Ich bin Beauftragter der Regierung und für die Schuldeneintreibung zuständig.“

Bruchton betrachtete Harry von oben bis unten, dann nickte er mit dem Kopf. „Bitte folgen Sie mir.“

„Was muß ich tun, um meine Schuld abzugelten?“ fragte Harry unruhig.

„Warten Sie, bis wir in meinem Büro sind“, meinte Bruchton abweisend.

Bruchtorts Büro war verschwende­risch eingerichtet.

Hinter einem riesigen Schreibtisch, der sich wie eine Barriere zwischen den Regierungsbeauftragten und Harry schob, nahm Bruchton Platz. Harry durfte sich auf einen gradlehnigen, un­bequemen Stuhl setzen, der so schmal und hoch war, daß Harry befürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ihre Schuld in Höhe von 3.413 Credit wurde der Regierung übertragen, Bür­ger. Die einzige Möglichkeit für Sie, diese Schuld zu begleichen, ist daher, für die Regierung zu arbeiten.“

Harry hörte schweigend zu. Er war gespannt, was er für 3.413 Credit tun mußte - eine Summe, die auf seinem Heimatplaneten dem Durchschnittseinkommen eines Jahres entsprach.

Bruchton schien zu überlegen. „Es ist natürlich schwer für Sie... Die nächst­liegende Chance für einen Kolonisten ist in diesem Fall das Fernsehen.“

„Aber ich habe doch keine Ahnung vom Fernsehen!“ brauste Harry auf.

Bruchton zog unwillig die Brauen zu­sammen. „Unterbrechen Sie mich in Zu­kunft nicht, Bürger. So kommen wir ra­scher weiter. Sie können als Fernsehstar fungieren.“

Harry sah den Regierungsbeauftrag­ten überrascht an, dann lachte er.

„Warum lachen Sie?”

„Ich habe keinerlei schauspielerisches Talent!“

„Das ist auch nicht nötig. Schauspieler gibt es auf Terra schon lange nicht mehr, das ist etwas für rückständige Welten. Im terranischen Fernsehen gibt es nur durch und durch echte Szenen. Wenn der Star sich verletzt, dann blutet er wirklich; wenn er stirbt, dann stirbt er wirklich. Sie werden auf Arkturus II ausgesetzt, wenn Sie drei Tage über­leben, dann ist Ihre Strafe gesühnt, und Sie sind frei.“

„Und wenn ich mich weigere?“

Bruchton schenkte Harry ein mitlei­diges Lächeln. „Dann wird Ihre Schuld von 3.413 Credit fällig.“

Harry sah Bruchton entsetzt an. „Aber das ist doch Mord, glatter Mord! Ich weigere mich.“

„Ich habe Ihnen doch eben gesagt, Bürger, daß eine Weigerung sinnlos ist. Sie haben nur zwei Möglichkeiten: anzunehmen oder zu zahlen. Sie fliegen noch heute nach Arkturus II. Sie bekommen die entsprechende Kleidung und eine Waffe. Nahrung bekommen Sie keine, Sie müssen sich selbst ernähren, niemand kommt Ihnen zu Hilfe. Sie sind auf sich allein gestellt.“

Harry sprang wütend auf. „Arkturus II, Sie sind verrückt! Da kann niemand überleben...“

„Sagen Sie das nicht!“ meinte der Ter­raner zynisch. „Von 345 Leuten, die wir bisher dorthin sandten, überlebten acht eine ganze Woche lang. Die anderen allerdings...“ Er hielt in einer deut­lichen Geste beide Daumen nach unten.

„Das ist teuflisch“, flüsterte Harry. „Teuflisch...“

„Sie sind ein Fernsehstar, was wollen Sie mehr?“ sagte Bruchton. spöttisch.

„Enttäuschen Sie die Leute nicht, Bür­ger. Wehren Sie sich tüchtig! Dutzende von Mikrokameras werden Sie um­schwirren, jede Ihrer Bewegungen aufnehmen und live zur Erde senden. Mil­lionen Menschen werden Ihnen zusehen. Millionen.“

Langsam ging Harry auf Bruchton zu, die Hände zu Fäusten geballt. Bruchton lehnte sich zurück und sah ihm grin­send entgegen. Er drückte auf einen Knopf, und vor dem Schreibtisch be­gann eine Energiebarriere zu flackern.

Voll sinnloser Wut knirschte Harry mit den Zähnen.

„Denken Sie daran, Millionen Men­schen sehen Ihnen zu“, sagte Bruchton zynisch. „Ich wünsche Ihnen einen schö­nen Tod, Bürger.“


* * *


Kurz vor vier Uhr nachmittags ver­ließ Julia Riccardiello die Fernsehstation. Sie konnte ihre Arbeitszeit nach eigenem Wunsch bestimmen.

Nun hatte sie eine Arbeit gefunden, die ihr Freude machte. Sie entwarf Mö­bel für die Architektursendung des 5. Programms. Es machte ihr Spaß, dabei einen ausgefallenen Geschmack zu ent­wickeln. Ihr Vergnügen wurde jedoch durch die Tatsache getrübt, daß ihre Modelle kaum jemals in Produktion gingen.

Es stand jedermann frei, einmal pro Jahr eine neue Wohnungs- und Hauseinrichtung zu beantragen. Die Kunst­stoffe, aus denen Möbel gepreßt wurden, waren zwar haltbar, wurden aber bald unansehnlich. Aber kaum jemand inter­essierte sich für neue Möbel. Auch das war unbedeutend geworden.

Das Interesse am Fernsehen stand über allem anderen.

Julia fuhr, wie fast jeden Tag nach der Arbeit, zu Betty Kovacz, die ihr eigenes Haus in Queens Sea Hills bewohnte.

Sie hätte mit den Gleitbändern hin­fahren können, aber das war zu zeitraubend. Am einfachsten und schnellsten ging es mit der Schleuderbahn - kleinen Kabinen, in denen man sich an­schnallte, das Fahrtziel einstellte und auf einen Knopf drückte. Die Zentrale der Beförderungsanlagen empfing den Impuls, Bruchteile von Sekunden später wurde ein Kanal freigegeben und die Kabine mit einer Geschwindigkeit von fast fünfhundert Stundenkilometern zum Zielpunkt geschleudert.

Julia schnallte sich in der Kabine fest, wählte die Koordinaten ihres Ziels und drückte den roten Startknopf. Sie wurde in die weichen Polster der Kabine ge­preßt, ein leichtes Ziehen in der Magen­gegend, und die blaue Lampe leuchtete auf.

Sie war am Ziel.

Als sie ins Freie trat, brachte ein leichter Wind ihr kurzes Haar augenblicklich in Unordnung. Vor ihr lag das Meer.

Gierig sog sie die salzige Luft ein. Bettys Haus stand auf einer kleinen An­höhe, ein schmaler Weg führte direkt zum Strand hinunter.

Nach dem letzten Versuch des Rates der Zehn vor hundertfünfzig Jahren, die Bevölkerung wieder einmal zu einer Stadtflucht zu zwingen, ballten sich die Menschen immer mehr in den Städten. Die freie Natur machte ihnen Angst: Sie gerieten in Hysterie, wenn sie eine Fliege oder eine Ameise erblickten. Da­her gab es nur vereinzelt Häuser hier.

Julia benützte nicht das Gleitband, das zum Haus führte. Sie ging quer durch die Wiese. In sechs Monaten wür­de sie auch Anrecht auf so ein Haus haben, denn dann arbeitete sie seit zwei Jahren..

Sie wußte schon den Platz dafür, sie wußte, wie es aussehen und wie sie es einrichten würde.

Auf halbem Weg zu Bettys blauer Villa setzte sie sich nieder und sah den Möwen zu, die laut kreischend über dem Meer kreisten. Nach einer Weile stand sie wieder auf und ging weiter den Hü­gel hinan.

Bettys Haus war einstöckig. Die Mauern waren ganz mit winzigen blauen Mosaikplatten belegt, was dem Haus etwas Märchenhaftes, beinahe Unwirkliches gab.

Der weiche Schaumbelag der Terrasse federte unter jedem ihrer Schritte. Aus einem geöffneten Fenster drang das tiefe Lachen Bettys.

Sie trat in die Diele.

Zielstrebig steuerte sie auf den Wohn­raum zu, den sie für Betty entworfen hatte. Die Anregungen dafür hatte sie sich aus uralten Büchern geholt, Bücher aus Zeiten, als noch nicht jedes Stück einzig und allein funktionell sein mußte. Es gab hier Stühle mit dicker Stoffpol­sterung und schwere, dunkle Balken an der Decke. Es gab Zeichnungen und Drucke an den Wänden und ein offenes Feuer, das von einer schwachen, flac­kernden Kerosinflamme gespeist wurde.

Den Boden bedeckten dunkle Tep­piche. Das Zimmer war düster, trotz der breiten Fenster. Aber genauso hatte Betty es gewollt.

„Einen schönen Nachmittag“, grüßte Julia und ging zum Tisch.

An der Stirnseite saß Peter Paulsen, ein kleiner Mann Mitte Dreißig, mit wirrem Haar und einem freundlichen, unregelmäßigen Gesicht.

Betty, in einem langen, einfachen weißen Gewand, stellte das langestielige Glas vorsichtig auf den Kaminsims und kam ihr entgegen. „Hallo, Julia, gut, daß du gekommen bist.“

Vor dem Kamin saß Jean Vaillard verkehrt auf einem Stuhl und sah ins Feuer. Jean war sehr hochgewachsen und noch im Sitzen fast so groß wie Betty. Die Zipfel seines riesigen Schnauzbartes hingen melancholisch herunter.

„Jean denkt über das Leben nach“, lachte Julia und trat hinter ihn.

Jean nickte bedeutsam.

Julia setzte sich neben Peter Paulsen, der ihr zur Begrüßung auf den Arm klopfte. „Ich habe heute mit Henry Mor­gan gesprochen. Er sagte, daß unser Plan ins Endstadium getreten ist. Bald ist es soweit, und wir gehen an die Arbeit.“

„Aber“, sagte Julia widerstrebend, „es war doch immer die Rede davon, daß vor einem Jahr nicht damit begonnen würde!“

„Tja“, begann Jean sarkastisch. „In sechs Monaten hättest du ein Haus be­kommen. Daraus wird jetzt nichts. Un­angenehm, nicht?“

„Um das geht es gar nicht“, sagte Ju­lia heftig. Innerlich mußte sie aber zu­geben, daß es doch - zumindest zu einem Teil - der Grund ihrer Verstimmung war. Sie wußte, daß diese Gedan­ken ihren Idealismus in Frage stellten und im Vergleich zu den großen Zielen, die sie sich gesteckt hatten, völlig be­deutungslos waren - aber der Ge­danke, ihr Haus niemals zu bekommen, war einfach zu schmerzlich.

Sie wollte aus ganzem Herzen, daß sich alles änderte. Aber auf der anderen Seite würde sie dadurch alle Privilegien verlieren, die sie als Angehörige der ar­beitenden Klasse jetzt besaß.

„Laß sie!“ schaltete Betty sich ein und legte ihre schmale Hand auf Jeans Schulter. „Ich verstehe nicht, daß ihr kein vernünftiges Gespräch miteinander führen könnt. Sooft ihr euch seht, fangt ihr zu streiten an.“

„Was sich liebt...“, sagte Jean, lehnte sein Gesicht gegen Bettys Handgelenk und grinste dämonisch.

„Spar dir deine Weisheiten!“ sagte Julia.

„Ja, kommt lieber zum Thema zu­rück“, meinte Betty.

„Henry Morgan“, sagte Peter Paulsen, „besteht darauf, daß wir sofort mit der Aktion beginnen. Es ist alles vorberei­tet, und die erste Phase würde ohnedies einige Zeit an Anspruch nehmen. Es wird sicherlich mindestens drei Monate dauern, bis wir Stufe zwei in Angriff nehmen können.“

Julia seufzte. „Ich bin aber noch nicht soweit. Ich benötige mindestens noch vier Monate, um mein Studium abzu­schließen.“

„Unsinn“, knurrte Jean und stand auf. „Wenn du willst, geht es auch schneller, du hast ohnedies nichts zu tun. Du kannst deine Arbeit ruhig aufgeben, sie ist jetzt sinnlos geworden. Studiere lieber.“

„Ich hoffe, du bist dir im klaren, daß du dich in Dinge einmischst, die dich absolut nichts angehen“, sagte Julia scharf und warf Jean einen bösen Blick zu. „Ich studiere, wann ich will, und arbeite, soviel und solange ich will!“

„Aber du mußt dich der Idee unter­ordnen...“

„Gar nichts muß ich! Ich habe mich der Fortschrittspartei angeschlossen, weil ich das Ziel, das ihr vorschwebt, für gut halte - also weder aus Langeweile noch aus politischen Fanatismus. Wie übrigens wir alle, denke ich. Und ich glaube, daß wir unser Ziel nur errei­chen werden, wenn wir uns davor hü­ten, irgendeinen Zwang auszuüben. Be­sonders auf die eigenen Mitglieder.“

„Genug“, sagte Paulsen. „Hört doch endlich mit dem sinnlosen Geplänkel auf!“

Julia und Jean schwiegen verbittert. Seit einem halben Jahr gehörte Julia der Partei an. Die Fortschrittspartei war vor mehr als fünf Jahren von einigen Leuten gegründet worden, die mit dem herrschenden System nicht einverstanden waren. Die Partei war, wie alle Parteien, ordentlich angemeldet, regi­striert und bestätigt. Ihre Mitglieder be­standen durchweg aus arbeitenden Bür­gern.

Sie stellten die Intelligenzschicht einer Bevölkerung dar, deren geistiges Niveau sehr niedrig war. Sie konnten es nicht ertragen, zuzusehen, wie jede Ini­tiative der Menschheit verschwand, wie Gleichgültigkeit und Passivität die Oberhand gewannen.

Sie traten offen für eine Änderung ein - und sie wurden ausgelacht. Kaum jemand außerhalb der eigenen Partei nahm sie ernst; sie galten als harmlose Spinner.

Aber in den fünf Jahren ihres Beste­hens war die Partei nicht untätig gewesen. Es waren Pläne entworfen worden, die auf eine grundlegende Änderung des Systems hinzielten, eine Ände­rung, die die Menschen zwingen würde, ihre Lethargie aufzugeben.

Bis jetzt war nur geredet worden. Es war schon ein großer Fortschritt, mit Gleichgesinnten zu diskutieren, echte Gespräche zu führen, die nicht in der Berieselung irgendeines Fernsehpro­gramms ertranken, wie es unweigerlich außerhalb der Partei geschah.

Aber jetzt schien der Zeitpunkt ge­kommen, wo es galt zu handeln. Und das kam für Julia zu plötzlich.

Augenblicklich war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie wirklich eine Än­derung wünschte. Eigentlich war doch alles in Ordnung: Die Menschheit hatte ihre Unterhaltung und war damit zu­frieden, und die Fortschrittspartei hatte ihre Träume von einer Änderung des Systems .Und plötzlich kamen ihr Zwei­fel, ob der Plan wirklich so perfekt war, wie es den Anschein hatte. Was geschah, wenn er schiefging? Würden sie auf der Erde ein totales Chaos entfachen? War das zu verantworten?

War es überhaupt zu verantworten, der Masse etwas zu nehmen, womit sie zufrieden war und ihr - zumindest auf den ersten Blick - nichts Gleichwertiges zu bieten? Durften sie und ihre Freunde sich wirklich anmaßen, objek­tiv zu entscheiden, was für die Mensch­heit besser war - und ihr dieses Bes­sere aufzwingen? War das nicht übelste Diktatur?

Diese Fragen hatte sie sich schon oft gestellt, und auch in der Partei hatten sie stundenlang versucht zu entscheiden, was recht war und was nicht.

Sie war über alles informiert. Theo­retisch konnte nichts schiefgehen, dazu war es zu klug durchdacht, zu lange vorbreitet. Jedes Mitglied wußte, was es am Tag X zu tun hatte.

Eine Revolution - wenn man das, was sie vorhatten, so nennen konnte - war immer problematisch. Aber beson­ders schwierig war sie, wenn man nur einen verschwindenden Teil der Bevöl­kerung an seiner Seite wußte.

Und wieder kamen ihr Zweifel, ob sie das verantworten konnten. Ob sie stell­vertretend für die Masse handeln durf­ten, die durchaus glücklich und zufrie­den mit ihrem Leben war.

Julia seufzte und lehnte sich tief in ihren Sessel zurück. Betty drehte lang­sam ihr Glas zwischen den Fingern. Jean schaute starr ins Feuer.

„Mit euch ist es eine rechte Plage“, meinte Paulsen. „Henry Morgan hat den Plan genau mit den anderen Städte­gruppen abgestimmt. Und mehr als zwei Drittel befürworten den Vorschlag, frü­her an die Arbeit zu gehen als ursprüng­lich vorgesehen!“

Julia fiel bei der ersten Stufe des Pla­nes eine wichtige Aufgabe zu; sie war nicht besonders schwierig, aber als man ihr die Einzelheiten auseinandergesetzt hatte, war sie stolz darauf gewesen.

Jetzt war sie es nicht mehr ganz. Die Aufgabe war ihr lästig, und sie wäre lieber erst später in Aktion getreten. Aber Henry Morgan, der Leiter der New Yorker Gruppe, hatte sie ausgewählt.

Einen Augenblick lang fragte sie sich, ob ihr Zögern vielleicht weniger der Angst entsprang, ihre Privilegien zu verlieren, als vielmehr der Angst vor einem Fehlschlag - und damit dem Verlust aller Hoffnungen auf ein Ende der allgemeinen Lethargie.

Gleichmäßig prasselte die Flamme im Kamin. Plötzlich fühlte Julia sich müde. Sie wollte allein sein und ihren Gedan­ken nachhängen.

Wie aus weiter Ferne hörte sie Peter Paulsen weitersprechen, seine Worte plätscherten an ihr vorbei, ohne daß sie den Sinn aufnahm.

Das Feuer flackerte vor ihren Augen, und immer wieder fragte sie sich: Han­deln wir richtig?

 
* * *


Harry war ziemlich benommen, als er von einem Roboter begleitet zum Lan­dungsboot ging.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er unterwegs gewesen war. Sie hatten ihn auf Terra in eine Kabine des kleinen Raumers gesteckt, und seither hatte nie­mand mit ihm gesprochen. Zweimal täg­lich bekam er durch eine Öffnung in der Tür Nahrungstabletten und Wasser.

Die Essensausgabe war die einzige Unterbrechung in seinem Tagesablauf gewesen, der aus nichts anderem als Schlafen und dumpfem Vorsichthin­brüten bestand.

Die ersten Tage hatte er geglaubt, wahnsinnig zu werden. Er war wie ein Verrückter in dem kleinen, nüchternen Raum auf und ab gegangen und hatte laut - und durchaus im Bewußtsein dessen, was er tat - vor sich hingesprochen. Schließlich hatte er auch das auf­gegeben, um nur mehr zu schlafen. Er hatte vollkommen das Zeitgefühl ver­loren, er hatte keine Ahnung, ob er Terra vor drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten verlassen hatte.

Dann hatte ihn der Roboter geholt. Er war in die bereitgelegten Kleider ge­schlüpft - Unterwäsche, eine leichte Bluse, Hosen aus grobem Leinen, hohe, hautenge Stiefel und Handschuhe, die ihm bis über die Ellbogen reichten; darüber seinen Raumanzug.

Mißmutig kletterte er durch den Ein­stieg des engen Landungsbootes, schob seinen Sitz zurück und lehnte sich be­quem in die Polsterung. Vier Schalen­sitze, von denen sich jeweils zwei gegen­überlagen, füllten das Landungsboot zur Gänze.

Es war also in der Nähe von Arkturus II und sollte drei Tage auf diesem ver­dammten Planeten überleben. Zu Be­ginn der Reise hatte er eingestandenermaßen Angst gehabt. Aber dann hatten seine Gedanken begonnen, im Kreis zu wandern, seine Erlebnisse auf Terra verloren jede Realität, und die Aussicht, auf Arkturus II zum Gaudium der Ter­raner langsam zugrunde zu gehen, be­rührte ihn überhaupt nicht mehr.

Anfangs hatte er immer noch das höh­nische Lachen Bruchtons im Ohr gehabt, und er verbrachte Stunden damit, sich genußvoll auszumalen, was er mit Bruchton machen würde, sollte er ihn zwischen seine großen Fäuste bekom­men.

In den wenigen Minuten, in denen Harry imstande war, einen klaren Gedanken zu fassen, wunderte er sich selbst über die Veränderung, die mit ihm vor sich gegangen war. Sein Leben lang war er ein friedlicher Mensch ge­wesen, Gefühle wie Haß und Wut hatte er nie gekannt, bis er nach Terra gekom­men war - ins Paradies.

Er erschrak, als er Schritte näher kommen hörte.

Ein grimmig aussehender Mann ver­suchte, sich durch den schmalen Einstieg zu quetschen.

„Hallo!“ keuchte er. „Nein so was! Endlich wieder Gesellschaft. Komm, hilf mir, Kamerad.“ Er trat einen Schritt zu­rück und streckte die Arme durch den Einstieg Harry entgegen. Über einem seiner Arme hing der Raumanzug.

Harry stand grinsend auf und faßte nach den Händen des Mannes, die dop­pelt so groß waren wie seine eigenen. Harry zog, der andere machte die Schul­tern so schmal wie möglich, und mit einiger Anstrengung gelang es Harry schließlich, den Mann ganz ins Lan­dungsboot zu ziehen.

„Mein Name ist Thor, Kamerad. Thor Magerland, von Sirius 7.“

„Harry Burns, von Wega IV.“

Thor Magerland war etwa einssech­zig groß. Das dünne Hemd spannte sich über gewaltige Muskeln, der Mann schien aus nichts anderem zu bestehen. Der Kopf ragte fast übergangslos aus dem Körper. Alles an ihm schien in die Breite zu gehen, auch das klobige Gesicht mit den unwahrscheinlich schmalen Augen, der breitgedrückten Nase und der flachen Stirn.

Thor wäre zweifellos auch unter den kräftigen Leuten von Wega IV aufge­fallen, dachte Harry. Besonders da sein Schädel vollkommen kahl war.

Sie schüttelten einander die Hände, oder besser, Thor schnappte sich Harrys Hand und ließ sie in seiner verschwin­den. Dann schüttelte er ein wenig, und Harry glaubte, sein Arm würde ihm ausgerissen.

„Stop, Bruder!“ rief er mit schmerz­verzerrtem Gesicht. „Laß mir meine Hand!“

„Freue mich aufrichtig, dich zu tref­fen, Kamerad“, grinste Thor. Die gewal­tige Stimme war einfach zu viel für das kleine Landungsboot. Dazu drosch er Harry mit der anderen Hand auf die Schulter, daß der etwas in die Knie ging.

Harry ließ sich schließlich in den Schalensitz fallen, um weiteren Handgreiflichkeiten zu entgehen.

„Diese Schweine!“ grollte Thor Ma­gerland und schlüpfte in seinen Raumanzug. „Ich dachte, ich wäre allein auf dem verfluchten Schiff, dabei hatte ich die ganze Zeit über einen Nachbarn! Wie haben sie dich erwischt?“

„Betreten eines roten Gleitbandes und Belästigung einer Terranerin.“

„Bitte schnallen Sie sich an“, erklang eine Robotstimme. „Sie starten in einer Minute.“

Schweigend schnallten sich die beiden an. Das Landungsboot startete, und die beiden Männer wurden leicht in ihre Sitze gepreßt.

„Sie werden in Kürze mit dem Schleudersitz auf Arkturus II abgesetzt. Im Unterteil des Sitzes finden Sie ein Gewehr und Munition. In drei Tagen werden Sie wieder abgeholt.“

Die Robotstimme verstummte.

„Mir haben sie boshafte Sachbeschädi­gung vorgeworfen“, sagte Thor mit dumpfem Groll in der Stimme. „Ich habe das Empfangszimmer auf dem Raumhafen ein wenig zerlegt, ich habe mich geweigert, die Erklärung, die irdischen Gesetze zu befolgen, zu signieren. Da wollten sie mich einfach zurückschicken. Darauf wurde ich wütend. Aber deshalb brauchen sie einen doch nicht gleich nach Arkturus II zu schic­ken. Soll ja eine recht ungemütliche Ge­gend sein. Dschungelwelt, verflucht heiß, geringe Gravitation - mehr weiß ich nicht. Bist du besser informiert?“

Harry schüttelte den Kopf. „Ich weiß auch nicht mehr. Ich denke, wir haben die beste Chance, die drei Tage zu über­leben, wenn wir versuchen zusammen­zubleiben.“

Thor schnaubte verächtlich durch die Nase. „Da kannst du versichert sein, Bruder, daß ich die drei Tage überlebe, und wenn sie mich auf einem Spieß rö­sten! Aber wenn ich dann nach Terra zurückkomme...“

„Wir werden gleich abgesetzt werden, Thor“, unterbrach Harry Thors Anlauf zu wüsten Drohungen. „Wahrscheinlich werden wir uns unseren Landeplatz nicht aussuchen können. Ich schlage fol­gendes vor: Wenn wir nacheinander ab­gesetzt werden, kann derjenige, der als zweiter landet, sich merken, wo der erste gelandet ist, und macht sich auf den Weg zu ihm. Der erste rührt sich nicht von der Stelle, gibt aber hin und wieder einen Schuß ab. Ich würde sa­gen, etwa alle zehn Minuten. Werden wir zugleich abgesetzt, bleiben uns nur die Schüsse, aber dann landen wir ver­mutlich ziemlich nahe beieinander.“

„Okay, Bruder. Was meinst du, haben wir einen Energiestrahler mit?“

„Ich habe keine Ahnung. Vermutlich wird es ein Kombigewehr mit Kugeln und Energiestrahlen sein. Wenn es nur ein Energiestrahler ist, so würde ich sa­gen, ein Schuß in den Himmel, alle zwanzig Minuten.“

Thor konnte nicht mehr antworten, denn die Decke des Landungsbootes öff­nete sich, Thors Sitz wurde hochge­schleudert, und die Decke schloß sich wieder.

Harry beugte sich vor und wartete an­gespannt auf seinen eigenen Start. Die Angst vor Arkturus II war fast ver­schwunden. Einen besseren Gefährten als Thor konnte er sich nicht wünschen.

Jetzt war es soweit. Mit gewaltigem Druck wurde er aus dem Boot geschleu­dert. Er drehte sich einige Male um sich. Dann öffnete sich einer seiner Fall­schirme und sofort danach der zweite.

Er konnte nichts von Thor erkennen. Die Wolken waren zu dicht. Unendlich lange schien er so durch die Wolken zu schweben, dann plötzlich schimmerte es bräunlich-grün weit unter seinen Fü­ßen.

Er blickte um sich, konnte aber Thors Fallschirme nirgends erkennen; rings um ihn waren weitere Wolkenbänke.

Harry öffnete das Visier seines Helms. Die Luft war kalt, aber erträglich. Er schätzte die Höhe jetzt auf etwa drei­tausend Meter.

Je tiefer Harry kam, umso schwieri­ger fiel ihm das Atmen. Die Luft schien nur mehr aus dichtem Wasserdampf zu bestehen.

Er hätte das Visier des Raumhelms wieder schließen können, aber das wäre nur ein Aufschub gewesen. Dort unten konnte er nur überleben, wenn er seine ganze Bewegungsfreiheit hatte, und dazu konnte er keinen Raumhelm brau­chen.

Er begann zu husten. Seine Augen tränten. Sooft er konnte, hielt er nach Thor Ausschau, doch er konnte ihn nir­gends sehen.

Die Atmosphäre von Arkturus II schien aus Tränengas zu bestehen. Der Husten wurde immer stärker. Je tiefer er atmete, umso heftiger überfiel ihn der Hustenreiz. Er kämpfte den Wunsch nieder, den Helm zu schließen.

Innerhalb von Sekunden war sein Körper von Schweiß bedeckt. Da konnte er plötzlich weit unter sich zu seiner Rechten Thors blaue Fallschirme sehen. Seiner Schätzung nach befanden sie sich in etwa zehn Kilometer Entfernung.

Er prägte sich die Richtung ein und hoffte, daß Thor auch ihn gesehen hatte.

Für einige Augenblicke wurde es schwarz vor seinen Augen. Ich ersticke, dachte er verzweifelt. Ich er...

Als er wieder klar sah, konnte er un­ter sich einen unendlich langgestreckten Dschungel erkennen. Wieder sah er Thors Fallschirme. Es konnte zwar eine Täuschung sein, aber er war überzeugt, ihm näher gekommen zu sein. Dann verschwanden die Fallschirme im Grün des Dschungels.

Zu seiner Linken, schon fast am Hori­zont, konnte Harry eine Wasserfläche erkennen, die dunkelgrün glänzte.

Der Dschungel unter ihm schien un­durchdringlich, je tiefer er aber kam, desto deutlicher erkannte er, daß dieser Eindruck falsch war. Es gab Baumgrup­pen, die in ebenem, flachen Land stan­den, in der Hauptsache allerdings be­deckten Wälder aus riesigen Dschungel­gewächsen die weiten Flächen. Ein brei­ter Fluß schlängelte sich durch das Land.

Hoffentlich lande ich nicht am fal­schen Ufer, dachte Harry in plötzlicher Verzweiflung. Immer mehr näherte er sich dem Boden, ein leichter Wind trieb ihn jedoch ab.

Er wurde über den Fluß getrieben, immer weiter. Harry schätzte die Breite des Flusses auf gut zweihundert Meter.

Der Boden raste nun förmlich auf ihn zu.

Er würde auf einer großen Lichtung landen, das stand fest. Am Rand der Lichtung stand eine Gruppe Tiere, die ihn entfernt an Schweine erinnerten, riesige, häßliche Ungeheuer.

Hart setzte der Schleudersitz auf dem Boden auf, die Fallschirme fielen lang­sam ineinander. Rasch öffnete er die Gurte, die ihn an den Sitz fesselten.

Keuchend stand er auf und machte einen Schritt. Der Schritt fiel nicht so aus, wie er angenommen hatte. Er schwebte fast drei Meter weiter. Er hatte die niedrige Schwerkraft verges­sen.

Da wird sich Thor noch schwerer tun, dachte er. Ob er wohl die gleichen Atembeschwerden hatte? Zumindest war es hier angenehm warm. Einen Augenblick lang dachte er wehmütig an Wega IV.

Er klappte den Sitz um und zog die Halterung der Bodenplatte auf. Ein Mehrzweckgewehr lag vor ihm, daneben der Patronengürtel, an dem auch ein kurzes Messer hing. Mechanisch zählte er die Schüsse: hiermit wenigstens hatten die Terraner nicht gespart.

Das Gewehr war ziemlich schwer, ein häßliches Ding, mit zwei nebeneinan­derliegenden Läufen. Er zog den Ver­schluß zurück und sah, daß die Waffe geladen war.

Er stellte auf Energieleistung und vollste Feuerkraft, er wollte keinerlei Risiko eingehen, denn er hatte keine Ahnung, was ihn hier tatsächlich erwartete.

Er ging langsam in Richtung zum Fluß. Seine Atembeschwerden hatten sich etwas gebessert. Er hustete nur mehr selten, und die Erstickungsanfälle hatten aufgehört.

Scharfes Gras, das ihm bis zur Hüfte ging, bedeckte die Lichtung, auf der er gelandet war. Ein leichter Wind brachte die Pflanzen in Bewegung, die bei jedem seiner Schritte nach ihm zu greifen schienen. Als er stehenblieb, ringelten sich einige der Halme um seine Ober­schenkel, zerrissen den Stoff und verur­sachten unangenehm brennende kleine Wunden.

Harry ging rasch weiter, aber das Gras war wie ein undurchdringlicher Wall. Seufzend hob er seine Waffe, stellte sie auf Streuwirkung und schwächste Energieleistung und zog den Abzug durch. Der weiße Strahl fraß sich in das Gras, das sich zischend auf­bäumte. Er kam nur langsam weiter.

Als er zufällig aufblickte, sah er, kaum erkennbar, ein winziges Fernsehauge über sich schweben. Der Anblick brachte ihn so in Wut, daß er das Gewehr in die Höhe riß, auf stärkere Ener­gie stellte und abdrückte. Aber die Ka­mera wich seinem Schuß aus und blieb ruhig in der Luft hängen. Wieder schoß er, und wieder war sein Schuß wir­kungslos.

Resigniert ließ er das Gewehr sinken. Er durfte seine Munition nicht vergeuden, auch wenn er auf den ersten Blick genug davon zu haben schien.

Fernsehstar, dachte er bitter. Millio­nen würden zusehen, wie er ums Über­leben kämpfte. Eine zweifelhafte Ehre.

Als er den Fluß erreichte, hörte er Thors ersten Schuß. Erleichtert grinste er.

Der Fluß rann sanft dahin, das Was­ser war rotbraun.

Harry Burns überlegte.

Physisch war es völlig unproblema­tisch, den Fluß zu durchschwimmen. Aber er wußte nicht, was sich unter die­ser friedlichen rotbraunen Oberfläche verbarg.

Plötzlich löste sich vom Himmel ein schwacher Schatten, der auf den Fluß zufiel.

Entsetzt hielt Harry den Atem an. Das Tier sah wie ein fliegender Stechrochen aus. Ein langer Schwanz mit spitzem Stachel, zwei riesige, grünschimmernde Flügel und ein flacher, dreieckiger Schä­del.

Er setzte zur Landung an, berührte kurz die Wasserfläche und stieg sofort wieder auf.

Zwischen seinen Kiefern hing ein Fisch von mehr als zwei Meter Länge, der heftig zuckte und die Spitzen seiner Schwanzflossen gegen die Flügel des Räubers schleuderte.

Elegant flog der Stechrochen davon.

Nachdenklich sah Harry ihm nach. Bevor er noch zu einem Entschluß kom­men konnte, sah er wieder eines der Tiere heranschweben und sich einen Fisch aus dem Wasser holen.

Schwimmen kam keinesfalls in Frage, das war Harry nun vollkommen klar. Das wäre glatter Selbstmord gewesen. Hier gab's nur eines: Er mußte sich ein Boot bauen.

In einiger Entfernung stand eine Gruppe von riesigen Bäumen, deren Wurzeln teilweise im Fluß hingen. Es würde ihm wohl nichts anderes übrigbleiben, als mit seinem Gewehr einen davon umzuschießen und daraus ein Boot oder Floß zumachen.

Harry lief zu den Bäumen und über­legte, welchen er wählen sollte. Sie hat­ten eine glatte grüne Rinde und einen Durchmesser von mindestens drei Me­tern. Die Krone bestand aus glatten, schlaffen, schlauchartigen Ästen, die wirr herabhingen, einige bis zum Boden.

Er entschied sich für einen besonders dicken Baum, denn er dachte angesichts des riesigen Stammes daran, eine Platte waagrecht herauszuschneiden, die er als Floß verwenden konnte. Das würde auf einem so ruhigen Fluß völlig genügen.

Harry Burns trat unter das Geäst und wurde von dem, was nun geschah, vollkommen überrascht. Plötzlich schlangen sich vier Äste um seinen Körper und schnellten ihn hoch.

Harry erschrak. Er fluchte laut und umklammerte sein Gewehr.

Die Äste hoben ihn immer höher. Einer hielt seine Beine umklammert, zwei schlangen sich um seine Mitte; der vierte hatte den Arm gepackt, in dem er sein Gewehr trug.

Die Tentakel schnürten seinen Leib so sehr zusammen, daß er einen Schmer­zensschrei ausstieß.

Er bemerkte, daß der Stamm des Bau­mes nach oben zu eine Öffnung hatte, um die unzählige Tentakel nach unten wuchsen, und voller Grauen sah er, daß er sich vergeblich wehrte: mit den Fü­ßen voran schoben ihn die Tentakel in die Öffnung, die ihn augenblicklich eng umschloß und festhielt.

Eine klebrige Flüssigkeit umgab ihn bis zur Hüfte. Ein leichtes Brennen auf der Haut ging bald in einen entsetz­lichen Juckreiz über.

Er versuchte das Gewehr zu betätigen, doch der eine Ast hielt immer noch sei­nen Arm umklammert.

Das Fernsehauge kam immer näher, so nahe, daß er mit etwas mehr Bewe­gungsfreiheit danach hätte greifen kön­nen.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein anderer Baum blitzschnell nach einem Flugrochen griff und das heftig flatternde Tier umklammerte.

Immer tiefer glitt Harry in den Stamm des Baumes. Und die Fernsehkamera folgte jeder seiner Bewegungen.


* * *
 

Julia blieb nicht lange bei Betty. Sie war einfach nicht in der Lage, sich auf das zu konzentrieren, was Peter Paulsen sagte. Einige Sätze nahm sie auf, dann irrten ihre Gedanken ab.

Als sie ging, kam gerade Henry Mor­gan mit einigen Leuten der Gruppe, aber sie ließ sich nicht zum Bleiben überreden.

Es war noch hell, als sie langsam zum Meer hinunterging. Der Wind war küh­ler geworden, und die Sonne stand tief.

Ziellos ging sie den Strand entlang, bis es fast ganz dunkel war. Sie liebte das Meer und den Strand, und sie suchte gern nach den Schalen jener Meerestiere, die vor mehr als einem halben Jahrtausend plötzlich ausgestorben wa­ren. Manchmal hatte sie Glück, und sie fand eine der versteinerten Muscheln; dann träumte sie von der lang vergan­genen Zeit, als noch Tiere im Wasser lebten - nicht nur Mikroben, nein, echte, lebendige Tiere, die man in der Hand halten konnte, wie die Muscheln, die sie im Sand fand.

Als sie an einem Gleitband vorbei­kam, betrat sie es und ließ sich in Richtung Stadt bringen. Sie hatte Zeit, alle Zeit der Welt.

Kein Mensch war zu sehen. Daran war sie gewöhnt. Die ganze Stadt gehörte ihr allein.

Sie verließ das Gleitband und ging zu Fuß weiter. Plötzlich bereute sie, nicht bei Betty geblieben zu sein, sie sehnte sich nach Gesellschaft.

Sie betrat einen der Wohnblocks und steuerte auf einen Gemeinschaftsraum zu. Das Haus unterschied sich in nichts von dem, in dem sie selbst wohnte. Sie waren alle nach dem gleichen Plan ge­baut, das war am rationellsten. Alle wa­ren hundert Stockwerke hoch, mit je hundert Wohnungen pro Stockwerk, mit nahezu identischen Zimmern und iden­tischen Bewohnern.

Aus dem Gemeinschaftsraum drang Stimmengewirr. Es klang wie eine er­regte Diskussion. Aber Julia wußte, daß der Schein trog.

Auch der Gemeinschaftsraum unter­schied sich in nichts von denen des Blocks, in dem sie wohnte. Auch dieser war vom Zentrum aus sternförmig in acht Segmente geteilt, im Zentrum be­fanden sich die Fernsehschirme mit den acht Hauptprogrammen.

Wenn man zwischen den Wänden stand, die die Segmente bildeten, hörte man nur den Ton des betreffenden Pro­gramms, wenn man aber außerhalb stand, hörte man das Stimmengewirr aller acht Hauptprogramme zugleich.

Wenn jemand eines der unzähligen Nebenprogramme sehen wollte, mußte er seinen privaten Fernsehapparat ver­wenden. Was hieß, daß er sich in seine Wohnung zurückziehen mußte. Und wer tat das schon gern? Überdies wußte je­des Kind, daß die Hauptprogramme ge­nug Abwechslung für jeden boten.

Was gut genug ist für alle, ist gut ge­nug für den einzelnen, dachte Julia bit­ter. Wer sich absondert, macht sich ver­dächtig.

Langsam ging sie den Gang entlang, der rings um den Kreis führte, und ver­folgte kurz die Programme.

Eine langweilige Show, vor der einige Halbwüchsige saßen und traumverloren dem wenigen zusahen, das ihnen gebo­ten wurde. Ein Junge, der ein nichtssa­gendes Lied sang, einige nackte Mäd­chen. die sich sanft dazu wiegten. Eine Sendung, die man sich genausogut auf dem Minigerät ansehen konnte, das man am Handgelenk trug und das, seitdem die Menschen nicht mehr arbeiteten und keinen Grund und keine Lust mehr hat­ten, außer Haus zu gehen, zu einem skurrilen Schmuckstück geworden war.

Daneben die Erste Abenteuerserie, wo eben eine Gruppe von drei Männern und einem Mädchen in einem Lava­sumpf versank. Als die vier vollständig verschwunden waren und die zähe Masse wieder gleichmäßig brodelte, er­loschen das Bild und die Schrift, die am unteren Bildrand dauernd mitlief: Live von Pollux III.

Gerade als Julia weiterging, blen­dete das Bild auf einen Jungen, der sich in wilden Krämpfen wand, darunter lief die Schrift: Live von Prokyon IV.

Vor dem Schirm des Fünften Pro­gramms drängten sich mindestens fünfzig Leute. Die Zweite Abenteuerserie. Julia wollte rasch weitergehen, denn sie haßte die grausamen, unmenschlichen Sendungen, die täglich stundenlang auf zwei Programmen ausgestrahlt wurden. Aber ein Zuschauer in der letzten Reihe, kaum drei Schritte von ihr entfernt, fes­selte ihre Aufmerksamkeit.

„Friß ihn!“ murmelte er und blickte starr auf den Schirm. „So friß ihn doch endlich!“

Julia setzte sich. Fasziniert sah sie den Mann an, der sich hektisch mit den Fäu­sten auf die Knie schlug. „Friß ihn doch endlich, den Verbrecher!“

Julia wandte den Blick ab und sah kurz auf den Bildschirm. Live von Arkturus II besagte die Schrift. Der Mann im Bild stand bis weit über die Hüften in der oberen Öffnung eines fleischfressenden Baumes.

Nein, dachte Julia entsetzt. Der arme Kerl... Voller Grauen wandte sie sich ab.

„Bürger und Bürgerinnen, wie Sie se­hen, scheint der Gesetzesbrecher von Wega IV, Harry Burns, rettungslos ver­loren zu sein. Ihn ereilt seine gerechte Strafe, es geht ihm wie allen Kolonisten, die auf die Erde kamen, um die Gesetze unserer friedlichen Gesellschaft zu übertreten und Unruhe auf diesen ma­kellosen Planeten zu bringen.“

Die Kamera ging noch näher. In Groß­aufnahme sah man in das schweißbe­deckte Gesicht des Wega-Kolonisten, der verzweifelt ums Überleben kämpfte.

Die Kamera schwenkte zur Seite, und ins Bild kam ein Flugrochen, der von den Tentakeln eines anderen Baumes festgehalten wurde. Er schnappte mit seinem riesigen Maul verzweifelt da­nach und durchbiß einige. Das herabhängende Tentakelgeäst des Baumes kam in zuckende Bewegung, mehr als ein Dutzend neuer Äste schlugen nach dem Körper des Tieres. Sie preßten sich augenblicklich um den schlanken Kör­per des Ungeheuers, einer schlang sich um seinen gedrungenen Hals. Der Ro­chen wehrte sich und schlug wild um sich, aber vergeblich. Eisern preßten sich die Tentakel um das Tier, die schweren Flügel zuckten kurz, und unter leisen, klagenden Lauten, die so gar nicht zu dem großen, bedrohlichen Körper paß­ten, bäumte es sich ein letztesmal auf, bevor die Tentakel das Tier mit einem gewaltigen Ruck hochrissen.

Die Kamera schwebte näher und blickte kurz in den Schlund des Baumes, der feucht glänzte und pulsierte. Die Tentakel preßten den Schädel des Tie­res in die nachgiebige Masse, und lang­sam verschwand der Flugrochen.

Julia saß mit weitaufgerissenen Augen da und sah dem entsetzlichen Schauspiel zu. Sie fragte sich, ob der Mann, der bis über die Hüften in einem solchen Schlund steckte, den Tod des Flugrochens verfolgt hatte.

Wie es wohl war, wenn man den eige­nen Tod vorauserlebte?

Sie sah in die Runde. Um sie herum saßen fünfzig Leute, die genau wie sie wußten, daß hier nicht nur ein Flug­rochen, sondern auch ein Mensch einen qualvollen, entsetzlichen Tod starb. Sie genossen es sehr.

Die Kamera wandte sich wieder Harry zu. „Bürger und Bürgerinnen, Harry Burns ist verloren. In wenigen Minuten wird ihn der Baum verschlun­gen haben. Und um Ihnen, liebe Zu­schauer, einen besseren Eindruck zu ge­ben, stellen wir nun als besondere Attraktion die Sprechverbindung mit unseren Kameras auf Arkturus II her. Ich werde noch einige Fragen an Harry Burns stellen, bevor er stirbt.“

Das ist neu, dachte Julia. Das war bis­her noch in keiner Sendung vorgekom­men.

„Harry Burns“, sagte der Sprecher. „Können Sie mich hören?“

„Ja.“

„Hier spricht Samuel Goldstein vom Fünften Programm. Unsere Zuschauer folgen gespannt Ihren Erlebnissen. Wie fühlen Sie sich, Burns?“

Harry drehte den Kopf zur Seite. Seine Augen waren zusammengekniffen, Schweiß rann über seine Stirn.

Die Kamera schwenkte mit, und Har­rys Gesicht kam wieder ins Bild.

„Wie fühlen Sie sich?“ wiederholte Goldstein.

„Sie Schwein“, keuchte Harry. „Sche­ren Sie sich zum Teufel!“

„Burns“, sagte Goldstein mit eisiger Stimme. „Diese Beschimpfungen haben jetzt keinen Sinn mehr. Sie verscherzen sich damit nur die letzten Sympathien unserer Zuschauer. Hätten Sie sich bei­zeiten der Gesetze erinnert, wären Sie jetzt nicht in dieser Lage. Wir haben keine Schuld daran.“

Ein beifälliges Murmeln ging durch die Reihen der Zuschauer.

„Burns“, fuhr Goldstein fort. „Millio­nen Menschen möchten gern erfahren, wie man sich fühlt, wenn man im Be­griff ist, von einem fleischfressenden Baum verschlungen zu werden.“

Goldsteins Stimme klang so sachlich und emotionslos, als fragte er nach den Ankunftszeiten der Raumfrachter von Sirius VII.

Der alte Mann vor Julia dagegen er­ging sich weiter in wilden Haßtiraden gegen Harry Burns und die Kolonisten im allgemeinen. Neben ihr saßen ein junger Mann und ein Mädchen anein­andergelehnt und sahen gleichgültig zu.

Es war nicht besonders spannend, einen Menschen sterben zu sehen. Das sah man täglich sechs Stunden lang auf zwei Programmen. Es war wesentlich spannender, wenn sich der Mensch be­freien konnte, aber das geschah nicht oft.

Begonnen hatte es damit, daß bis vor fünfzig Jahren die täglichen Hinrichtun­gen übertragen wurden, und um das spannender zu machen, war man daran­ gegangen, die Todesarten zu variieren: vom einfachen Aufhängen bis zum Vier­teilen gab es Dutzende Möglichkeiten. Damals hieß es lapidar, man wollte mit diesen Sendungen die aufgestauten Aggressionen der Zuschauer abbauen.

Textfeld: 24Textfeld: 25Trotzdem war auch das mit der Zeit langweilig geworden. Sicher, die Mord­lust der Menschheit war daraufhin fast auf Null zurückgegangen, es war ein­facher und bequemer, sich alles auf dem Bildschirm anzusehen. Aber man hatte sich an den schönen Brauch gewöhnt. So war die Abenteuerserie entstanden.

Harrys Kopf nahm jetzt den ganzen Bildschirm ein, man konnte jede Pore in seinem Gesicht erkennen.

„Harry Burns, ich wäre Ihnen...“

„Ich wünsche euch alle Seuchen der Vergangenheit“, knirschte Harry grim­mig. „Ihr gehört zertreten wie Unge­ziefer!“

Die Kamera schwenkte schnell weg von Harrys verzerrtem Gesicht und ging zurück.

Harry war fast vollständig im Schlund des Baumes verschwunden. Plötzlich schien ein Beben durch den Stamm zu gehen. Die Krone bewegte sich heftig. Die Tentakel begannen unruhig zu zuc­ken, immer stärker wurde die Bewe­gung des Baumes.

„Meine Damen und Herren!“ rief Sa­muel Goldstein mit Erregung in der Stimme. „Nachdem Ihnen das Fünfte Programm eine direkte Sprechverbindung mit Harry Burns, dem Verbrecher von Wega IV, ermöglicht hat, sieht es nun so aus, als hätte Burns doch einen Weg gefunden, sich zu wehren. Er drückt im Innern des Stammes sein Ge­wehr ab!“

Der Bildschirm zeigte nun das Bild des ganzen Baumes, der sich wie in einem Orkan bewegte. Die Tentakel rollten sich ein und stießen kräftig ins Leere. Der Stamm bog sich nach allen Richtungen, er schien zu versuchen, Harry auszustoßen.

Julia schloß die Augen, als Harrys schweißüberströmtes Gesicht wieder ins Bild kam. Sie fühlte, wie ihr Magen re­bellierte. Sie sah um sich: Das Pärchen neben ihr verfolgte weiterhin gleichgül­tig die Geschehnisse auf dem Bild­schirm. Der Alte vor ihr sah sich um sein Vergnügen gebracht.

„Verdammt noch mal!“ heulte er auf. „Verdammt. Er entkommt. Verdammt!“

Julia wollte aufspringen, aber es ge­lang ihr nicht. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie weiter zu.

Die überhängende Krone des Baumes wiegte sich nach allen Seiten, der Stamm bog sich und plötzlich spie er Harry Burns aus.

Er flog in hohem Bogen aus dem Stamm. Das Pärchen lachte - es war zu komisch, wie der mit dickem Schleim bedeckte Mann langsam in den Fluß fiel.

Harry bemühte sich verzweifelt, seine Arme freizubekommen, bevor er im Wasser aufklatschte, aber vergeblich. Der Schleim umgab ihn wie Klebstoff.

Die Kamera tauchte ins rotbraune Wasser.

Julia spürte, wie ihr Atem schneller ging. Der Schleim, den der Baum wie eine zweite Haut um Harrys Körper ge­legt hatte, löste sich einfach nicht auf. Seine Beine waren aneinandergekittet. Ein Arm klebte an seinem Körper, der andere, der die Waffe hielt, hatte ein wenig Bewegungsfreiheit.

Harry ruderte in der rötlichen Flüs­sigkeit umher, sein Kopf war einmal über, einmal unter Wasser. Gierig schnappte er nach Luft, bevor er wieder unterging.

Die Kamera verfolgte minuziös seine Bewegungen.

Julia konnte sich die Verzweiflung gut vorstellen, die den Mann von Wega IV ergriffen hatten. Und plötzlich war ihr unerklärlich, wie sie noch vor zwei Stunden auch nur eine Sekunde lang an sich selbst hatte denken können, an sich und ihre nebensächlichen Wünsche, an ein eigenes Haus und die kleinen Pri­vilegien - solange um sie herum, in diesem Raum, Menschen saßen, die so abgestumpft waren, daß ihnen der Tod eines anderen nichts als angenehme, prickelnde Unterhaltung bedeutete. Ja, nicht einmal mehr das...

Sie hatte diese Sendung gebraucht, um wieder klar zu erkennen, wie wichtig die Fortschrittspartei und ihre Ziele waren. Mit diesem System der Herr­schaft der Fernsehgesellschaften mußte Schluß gemacht werden.

Sie sprang plötzlich auf und rüttelte das Pärchen, das neben ihr saß, an den Schultern. Der Mann sah sie verwirrt an, das Mädchen, ein schlanke Blondine, rückte etwas zur Seite, um Julias Griff zu entgehen und Harry Burns' Kampf gegen den Tod weiterzuverfolgen.

„Habt ihr noch nicht genug davon?“ fragte sie heftig.

Der Mann blickte sie verständnislos an. Das Mädchen schenkte ihr keine Be­achtung.

„Es ist doch unmenschlich“, fuhr Ju­lia fort, „seht ihr das denn nicht?“

„Sie sind hübsch, Bürgerin“, sagte der Mann langsam. „Sie sollten trotzdem ru­hig sein, wir wollen der Sendung fol­gen.“

„Hören Sie...“

„Wollen Sie mit mir schlafen, Bür­gerin?“

Julia wandte sich ab. Es war sinnlos. Sie drehte sich um und eilte auf den Ausgang zu. Hinter sich hörte sie die hysterische Stimme des Sprechers. Wie von Furien gehetzt, rannte sie aus dem Raum, durchquerte die Halle und lief auf die Straße. Dort blieb sie erschöpft stehen.

War es denn nicht möglich, irgendje­manden zum Bewußtsein zu bringen, wie abstoßend diese Art zu leben war? War es nicht möglich, sich dem Einfluß des Fernsehens zu entziehen?

Ihr war es doch auch gelungen.

Dieser arme Kerl, dachte Julia, als ihr das Bild des verzweifelt um sein Leben kämpfenden Harry Burns einfiel. Dieser arme Mensch, ein Opfer des teuflischen Systems, geschaffen vor mehr als hun­dert Jahren.

Man lockte die Menschen von den Ko­lonialplaneten unter völlig falschen Voraussetzungen auf die Erde, ließ sie in die vielfältigen Fallen des Gesetzes tappen, verurteilte sie und ließ sie dann zur Volksbelustigung tödliche Abenteuer bestehen.

Sie benützte das Gleitband, um ra­scher in ihre Wohnung zu kommen. Sie war kaum eingetreten, als das Bild­telefon zu leuchten begann. Dazu er­tönte ein sanftes Summen.

Sie drückte auf den Knopf. Es war Betty.

„Hallo, Julia“, sagte sie. „Ich versuche schon seit einiger Zeit, dich zu errei­chen.“

„Ja?“ sagte Julia einsilbig und setzte sich.

„Was war heute mit dir los?“

„Ich weiß nicht. Es... Ich war un­sicher, ich mußte allein sein und nachdenken. Jetzt, wo die Sache richtig be­ginnt, kommen mir plötzlich Zweifel.“

Betty nickte. „Geht's dir jetzt besser?“

Julia nickte langsam. „Ich glaube schon“, sagte sie unsicher.

„Soll ich zu dir kommen?“

Julia schwieg.

„Ich komme“, sagte Betty schnell. „In zehn Minuten bin ich bei dir.“

Bettys Bild verblaßte. Julia stand müde auf, ging in den Baderaum, entkleidete sich und legte sich auf das Mas­sagebett. Eifrige Roboterhände bearbeiteten ihre verkrampften Muskeln.

Sie war froh, eine Freundin wie Betty zu haben.


* * *
 

Harry rang nach Luft, als er mit dem Kopf aus dem Wasser tauchte. Der Schleim löste sich nicht ab. Wieder glitt er unter die Oberfläche.

Sein Körper schmerzte wie eine ein­zige Wunde, der Schleim war wie ätzende Säure. Die scharfe Flüssigkeit hatte sich durch seine dünne Kleidung gefressen und sich tief in die Haut ge­brannt. Er spürte, wie sie sich in sein Fleisch bohrte.

Er krümmte seinen Körper und be­wegte die rechte Hand, mit der er das Gewehr umklammert hielt.

Es dauert lange, bis er soweit war, Schwimmbewegungen zu machen. Es strengte ihn maßlos an, denn er mußte gegen die Zähigkeit des Schleims ankämpfen, der ihn wie mit Fesseln um­klammert hielt. Er spürte, daß er immer matter wurde. Ich muß ans Ufer, dachte er. Bald. Ich muß es schaffen.

Er biß die Zähne zusammen. Gierig schnappte er nach Luft, die schwache Strömung zog ihn wieder hinunter. Keuchend bewegte er seinen rechten Arm und seinen Körper und stieß sich zum Ufer.

Er wußte nicht, wie lange es dauerte, bis er Grund unter seine Füße bekam. Er spürte, wie er vor Erschöpfung das Bewußtsein zu verlieren drohte. Aber ein weiterer Satz brachte ihn noch nä­her zum Ufer.

Eine Weile blieb er an dieser Stelle, dann sprang er weiter. Mit einem gewaltigen Satz warf er sich ans Ufer und fiel auf festen Boden. Scharfe Grashalme peitschten sein Gesicht und rissen lange, blutige Wunden.

Er drehte sich auf den Rücken und blieb schwer atmend liegen. Seine Füße hingen noch ins Wasser, doch das störte ihn nicht. Er richtete sich halb auf.

Sein Körper war bis zum Hals mit einer dicken Schicht glasklarem Gelee bedeckt, darunter war die Haut rot und verätzt. Sein Gewehr klebte an seinem Unterarm fest.

Er hob den Arm und zog den Hahn durch. Ein blaßblauer Energiestrahl drang aus der Mündung in den Himmel. Ob Thor wohl immer noch auf ihn wartete? Er holte unter großer Mühe das Messer aus dem Patronengürtel und begann, an der Schleimschicht zu scha­ben.

Schweiß rann ihm übers Gesicht, und die Augen tränten. Das Schaben des Messers bereitete auf der wunden Haut fast unerträgliche Schmerzen. Bläschen bildeten sich und platzten, wenn Harrys Messer daran stieß.

Er benötigte lange Zeit, seine Arme und Beine ein wenig frei zu machen.

Aber an seinen Schenkeln und Ober­armen klebte immer noch eine dicke Schicht, die Hauptsache war ihm jedoch, gehen zu können.

Er richtete sich auf. Unsicher machte er einige kurze Schritte, dann brannte er das Gras in einem Umkreis von fünf Metern nieder und legte sich flach auf den Boden.

Es wurde dunkel. Harry hatte Angst vor der Nacht. Er konnte zwar jetzt ge­hen, aber jede Bewegung war eine Qual.

Außerdem hatte er Hunger.

Wieder dachte er an Thor Magerland. Er konnte seine Waffe nicht mehr auf normales Gewehrfeuer umstellen. Er zog einige Male durch. Der blaue Ener­giestrahl fuhr hoch in den düster gewor­denen Himmel. Harry bezweifelte je­doch, daß Thor ihn sehen konnte.

Wie es ihm wohl ergangen war? Viel­leicht hatte er in den wenigen Stunden seit ihrer Ankunft nicht soviel Glück ge­habt und war schon tot oder lag irgend­wo schwerverletzt und hilflos . .

Harry hatte bis jetzt kaum Tiere ge­sehen. Abgesehen von der Herde Schweine auf der Lichtung, als er ge­landet war, und den Flugrochen waren ihm keine Lebewesen begegnet.

Er wunderte sich vor allem, daß er bis jetzt noch keine Insekten bemerkt hatte.

Auf jedem Planeten, der irgendeine Art von Leben trug, gab es Insekten in un­zähligen Varianten.

Auch Vögel hatte Harry noch nicht gesehen. Aber vielleicht hing das mit den fleischfressenden Bäumen zusam­men, und das Gras war auch nicht von der Art, die Tiere anlockte.

Sein Magen machte sich stärker be­merkbar. Aber es gab keine Früchte, keine Beeren, nichts Eßbares.

Es war fast still, abgesehen von dem kaum hörbaren Plätschern des Wassers und dem harten Aneinanderreiben der Gräser. Der Himmel war mit dunklen Wolken bedeckt.

Plötzlich zuckte Harry zusammen. Ein scharfer Knall hatte ihn aufmerksam gemacht. Gleich darauf folgte ein zwei­ter. Es hörte sich wie Gewehrschüsse an. Dann fielen in rascher Folge drei wei­tere Schüsse.

Harry sprang auf und zog den Abzug seiner Waffe durch. Der blaue Strahl glitt über den Fluß dahin. Er lehnte sich zurück, und der Strahl wanderte, einem schmalen Lichtkegel gleich, den Horizont entlang.

Das müßte Thor doch auffallen, dachte er. Es war nun schon fast dunkel, die Sonne Arkturus verschwand.

Harry zog den Finger vom Abzug. Er­schrocken erinnerte er sich, daß er ja sein Gewehr in seinem jetzigen Zu­stand nicht nachladen konnte und daß die Energiepatrone bald zu Ende gehen mußte, dann war er seiner Umwelt hilf­los ausgeliefert.

Die Stille war unwirklich. Eine der riesigen dunklen Wolken riß auf, und Harry sah zwei Monde am Himmel stehen, die sich fast berührten. Der eine funkelte rötlich und der andere, doppelt so groß, orangefarben. Im schwachen Licht der Monde sah Harry erstaunt. wie sich plötzlich die harten Grashalme neigten und zusammenrollten.

Und dann war die Luft von millionen­fachen Geräuschen erfüllt, die Harry an Zikaden erinnerten. Er zuckte zusam­men: Aus dem Boden krochen winzige Tiere hervor, die ihre langen Beine an­einanderrieben, was sich anhörte wie Millionen Feilen auf Eisenstücken.

Die winzigen Tiere ballten sich zu Haufen zusammen. Harry blieb erstarrt stehen. Sie krochen zwischen seinen Fü­ßen umher, krabbelten die zerfetzten Stiefel entlang, und er fragte sich, ob die Tiere einen Stachel besaßen, der ihm ge­fährlich werden konnte.

Dann fiel wieder ein Schuß, und ein heller Strahl glänzte am Himmel.

Harry riß sein Gewehr in die Höhe und antwortete. Soweit er es erkennen konnte. Also hat Thor es auch geschafft, bis jetzt zu überleben, dachte er er­leichtert.

So plötzlich, wie sie gekommen waren, ließen die Tiere von Harry ab. Sie sam­melten sich in einer riesigen Kugel am Ufer, die sich den Hügel hinaufbewegte.

Das Zikadengeräusch wurde leiser und verklang in der Ferne. Harry gab wieder einen Schuß ab.

Nach einigen Augenblicken sah er ge­nau gegenüber auf der anderen Seite des Flusses einen schwachen, hellen Schimmer. Dann zuckte wieder ein Strahl in den Himmel.

„Hallo!“ brüllte Harry. „Hallo, Thor!“ Er grinste erleichtert.

Ganz schwach kam die Antwort: „Hallo!“

Wieder schrie Harry Thors Namen.

„Bist du das, Harry?“ hörte er Thors Stimme über das Wasser.

„Ja, wer denn sonst, Bruder?“ brüllte er zurück. „Wie geht es dir?“

Ein phantasievoller Fluch scholl in aller Deutlichkeit herüber und illustrierte Thors Befinden. Harry grinste weiter. Es tat wirklich gut zu wissen, daß Thor nicht weit war.

„Ich kann mich kaum bewegen“, schrie Harry. „Mein Körper ist mit einer harten Schleimschicht bedeckt. Du mußt herüberkommen!“

Atemlos hielt Harry inne. Er merkte den Grad seiner Erschöpfung daran, daß ihn das laute Schreien unendlich an­strengte.

„Wie ist das passiert?“ fragte Thor.

„Ein fleischfressender Baum“, rief Harry. „Komm herüber, ich schaffe es nicht mehr! Aber wenn du ein Floß baust, hüte dich vor den Bäumen mit den herabhängenden Ästen!“

„Ich lasse mich nicht fressen, Bruder! Hab nur Geduld!“

„Warte auf jeden Fall bis zum Mor­gen, Kamerad!“

„Kommt nicht in Frage! Ende!“

„Thor...“

Aber er erhielt keine Antwort.

Harry setzte sich wieder. Er sah nur die Umrisse des gegenüberliegenden Ufers. Später ging noch ein dritter Mond über dem Himmel auf, der etwas mehr Licht verbreitete.

Harry konnte undeutlich erkennen, daß sich Thor tatsächlich sofort an die Arbeit machte. Er sah den Energie­strahl, mit dem Thor einen Baum fällte.

Mit dem Aufsteigen des dritten Mon­des kamen die Insekten, die Harry vor­hin vermißt hatte. Er schüttelte den Kopf, um sie zu verjagen, doch es nützte nichts. Sie umschwirrten sein Gesicht, eines stach ihn in die Unterlippe, die so­fort anschwoll. Ein anderes vergrub sich in seiner Wange und fraß sich in das Fleisch, bevor er danach greifen konnte.

Er spürte, wie das Gift zu wirken be­gann, wie er den Kopf nicht mehr dre­hen konnte, die wenigen Bewegungen, die ihm seine verklebten Arme erlaubt hatten, waren nicht mehr möglich.

„Thor...“, versuchte er zu rufen, aber es war kaum ein Keuchen.

Das Blut in seinen Beinen pulsierte. In seinen Schläfen pochte es. Sein Mund schmerzte.

Bewegungslos lag er am Ufer des röt­lichbraunen Flusses, der träge im mat­ten Licht der Monde glänzte, und sah Hunderte winziger Tiere über seinen Körper kriechen.

Das ist das Ende, dachte er. Jetzt bin ich endgültig verloren.


* * *


„Was bedrückt dich?“ fragte Betty, als sie sich Julia gegenüber niedergelassen hatte.

„Es ist schwer zu sagen“, meinte Julia langsam. „Ich kann es kaum in Worte fassen. Außerdem ist es sinnlos, jetzt noch darüber zu sprechen, es ist vor­bei. Ich war einfach überrascht, daß es jetzt plötzlich so rasch losgehen soll. Nun, dann kamen die Zweifel...“

Der Hauscomputer lieferte Cocktails. Julia griff nach dem Glas.

„Ich habe auch meine Zweifel“, sagte Betty nachdenklich. „Ich hatte sie im­mer, und ich habe sie auch jetzt. So geht es allen Mitgliedern der Fortschritts­partei. Jeder ist überzeugt, daß es auf der Erde so nicht weitergehen kann, aber ob der Weg, den wir gewählt ha­ben, der richtige ist, wissen wir alle nicht. Wir haben nichts als unsere Über­zeugung und unseren guten Willen.“

Betty schwieg und nippte an dem Cocktail. Sie drehte das Glas langsam zwischen den Fingern, stellte es hin und nahm es wieder in die Hand.

Sie lehnte sich zurück, das hauch­dünne, schmucklose Kleid spannte sich um den kleinen Busen, die seitlichen ho­hen Schlitze entblößten ihre schönen langen Beine.

„Es war ziemlich schwer“, sagte sie, „die Meinungen von einigen tausend Leuten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Jeder von ihnen hatte eine andere Vorstellung von den Änderun­gen, die es zwangsläufig geben muß. Mit der Hauptlinie stimmt fast jeder über­ein, aber in den Detailfragen gehen die Meinungen immer noch auseinander.“

„Mir kamen heute Zweifel, ob uns überhaupt das Recht zusteht, als eine derartige Minderheit über das weitere Schicksal der Menschheit zu entscheiden.“

„Und zu welchem Schluß bist du ge­kommen?“ fragte Betty und sah auf ihr Glas.

„Ich bin zu dem Schluß gekommen“, sagte Julia langsam, „daß es keinen Sinn hat, zu warten, bis eine lethargische, be­queme Masse aufhört, lethargisch und bequem zu sein. Es ist, als wollte man darauf warten, daß erstarrende, erkal­tende Lava sich von selbst darauf be­sinnt, wieder flüssig zu werden. Das ist unmöglich. Um das zu erreichen, muß man sie ins Feuer zurückwerfen.“ Sie zögerte. „Ich bin jetzt davon überzeugt, daß wir das Feuer sein müssen. Obwohl die Frage offenbleibt, ob wir nur er­hitzen oder alles verbrennen werden.“

Betty schien ins Leere zu starren. Es war vollkommen still im Raum. Betty stand auf und ging langsam durchs Zim­mer. Sie lehnte sich gegen die Wand und sah aus den breiten Panoramafenstern über die Stadt nach Osten.

„Das ist eine Frage der Dosierung“, meinte sie schließlich. „Wir sind nicht die ersten in der Geschichte der Mensch­heit, die vor diesem Dilemma stehen: Darf die Minderheit entscheiden und über die Mehrheit bestimmen, ohne diese zu fragen? Ist das nicht eine Art von Diktatur, die wir seit Jahrhunder­ten nicht mehr existent glaubten? Set­zen wir uns nicht einfach über die Wün­sche der Mehrheit hinweg?

Nein, Julia. Wie du sagtest, die Mehr­heit hat keine Wünsche, über die wir uns hinwegsetzen könnten, außer einem bequemen Leben ohne Sorgen und ohne Gedanken an das Morgen. Seit Jahr­hunderten war das Streben der Mensch­heit darauf gerichtet, einen Artgenossen heranzuzüchten, der für möglichst we­nig Leistung möglichst viel Gegenlei­stung erhält. Du kannst statt Leistung auch Initiative oder persönliches Risiko oder Engagement sagen.

Und den Menschen, den man uns seit über sechshundert Jahren vorbereitet hat, den haben wir jetzt: ein faules, hirnloses Stück Fleisch, das ernährt und unterhalten wird. Eine wunschlose Mehrheit.“

Betty schwieg erschöpft und trank ihr Glas leer.

„Früher hatten die Menschen ein Ziel vor Augen, einen Daseinszweck, wenn man so sagen will. Anfangs kämpften sie ums nackte Leben, dann um ein bes­seres Dasein. Und jetzt leben sie sinnlos vor sich hin•

Wir leben in einer Welt des Über­flusses, niemand muß hungern, jeder be­kommt ärztliche Betreuung von der Zeugung bis zum Tod, jeder hat eine eigene Wohnung, und niemand braucht für all das einen Finger zu rühren, wenn er nicht will. Geradeso wie es die Men­schen um die Jahrtausendwende ersehnt haben. Jeder könnte sich auf der Erde bewegen, wohin er will, aber es will nie­mand.

Wohin das führen wird, ist nicht ganz klar, aber wenn wir es wissen werden, dann ist es längst zu spät, noch etwas zu unternehmen.“

Julia hörte nicht aufmerksam zu. Das alles hatte sie schon so oft von Betty zu hören bekommen - das erstemal, als Betty sie für die Fortschrittspartei zu gewinnen versuchte.

„Wie bringt man den Menschen dazu, sich vom Fernsehen abzuwenden, sich wieder andere Interessen zu suchen? Wie stellt man so etwas an?“

„Na sag schon, wie!“ unterbrach Julia ein bißchen ungeduldig Bettys Gedan­ken. Betty rannte offene Türen ein: Ju­lia wußte das alles, und sie wußte auch, wie Betty darüber dachte.

Betty schwieg beleidigt. „Der Plan ist so einfach“, fuhr sie schließlich fort, „daß man ihn genial nennen könnte. Bis jetzt gab es nur Revolutionen, bei denen Blut in Strömen floß, unsere wird an­ders sein.“

Allerdings. Sie wird anders sein, mußte Julia insgeheim zugeben. Resignierend bestellte sie zwei frische Cocktails, schloß die Augen und hörte zu.


* * *


Thor Magerland riß an der Platte, die er aus dem Baum geschnitten hatte, hob sie fluchend hoch und zerrte sie einige Schritte weit in Richtung Fluß. Er­schöpft blieb er stehen.

Er sah wüst aus. Seine Kleider waren zerrissen, blutige Striemen zogen sich über seine Brust. Um ein Haar war er saurierartigen Bestien entgangen, mit einem katzenähnlichen Tier hatte er einen Ringkampf bestanden und dem Tier dann mit den bloßen Händen das Genick gebrochen.

Die Platte ist zu groß, überlegte er. Zu schwer zu manövrieren.

Er grunzte grimmig, stellte das Ge­wehr auf geringe Leistung und regulier­te den Energiestrahl so fein wie möglich. Damit teilte er mühelos die Holzplatte. Dann nahm er ein großes Stück vom Ab­fall und ging die wenigen Schritte bis zum Ufer. Mit Schwung warf er das Holzstück auf die glatte Wasserfläche. Es tauchte kurz unter, kam aber an die Oberfläche zurück.

Thor knurrte zufrieden. Wenigstens schwimmt das Zeug, dachte er.

Dann machte er sich weiter an seine Arbeit. Es war immer noch dunkel. Er konnte nur im Schein des schwachen Mondlichts und gelegentlich abgegebe­ner Energiestrahlen arbeiten.

Insekten umschwirrten ihn. Mecha­nisch schlug er um sich, aber er konnte nicht verhindern, daß ihn einige sta­chen. Außer kleinen, schmerzhaften Bla­sen bekam er jedoch nichts ab.

Endlich war die Holzplatte so, wie er sie sich vorgestellt hatte. Sie sah ziem­lich klobig und schwer aus, aber Thor hatte keine Lust, in der rotbraunen Brühe von Deck gespült zu werden. Er hatte versucht, die Platte so groß zu machen, daß sie sein erhebliches Gewicht leicht trug und so klein, daß sie noch manövrierfähig blieb. Er hoffte, es war ihm gelungen.

Er überlegte, ob er ein Ruder oder einen langen Stab basteln sollte. Er bezweifelte, daß der Fluß sehr tief war, aber man konnte nie wissen. Um kein Risiko einzugehen, beschloß er beides anzufertigen, obwohl es natürlich einige Mühe kosten würde.

Aus dem Baum schnitt er eine etwa fünf Meter lange Stange heraus, die er weiter zuschnitt, bis er sie leicht in den Händen halten konnte. Dann schnitt er das Ruder zu.

Allmählich wurde es heller. Als er aufsah, bemerkte er seine Müdigkeit. Langsam strich er sich über Augen und Stirn. Am Horizont ging die Sonne Ark­turus auf.

Von weit her hörte er das wütende Geschrei eines Tieres, dann die Antwort einer ganzen Horde.

Es hörte sich an wie das Lachen von Kobolden.

Irgendwo schrie ein Vogel kreischend.

Er brannte in das Floß eine Vertie­fung, in der er das Ruder festklemmte.

Er fragte sich, ob Harry Burns noch lebte. Seit zwei Stunden hatte er keine Antwort auf seine Schüsse gegeben.

Drüben am anderen Ufer bewegte sich nichts.

Er packte das Floß, zog es über die sanfte Böschung und schob es langsam ins Wasser. Mit einem gewaltigen Satz sprang er darauf, das Floß schoß in das dunkle Wasser hinaus. Unter Thors Ge­wicht ging es etwas unter Wasser, bäumte sich auf und wurde in drehen­den Bewegungen in die Mitte des Flus­ses gezogen. Es dauerte einige Zeit, be­vor Thor sich aufrichten konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

„Harry! Ich komme!“ schrie er. Er gab einen Schuß ab. Keine Antwort.

Er schrie wieder. Und wieder.

Das Floß trieb nun in der Mitte des Flusses. Thor packte die lange Stange und schob sie ins Wasser. Wie er ver­mutet hatte, war der Fluß nicht beson­ders tief. Mehr als ein Drittel der Stange ragte heraus. Da der Fluß kaum eine Strömung hatte, war es nicht sehr schwer, das andere Ufer zu erreichen. Er wurde nicht mehr als einige hundert Melier weit abgetrieben, bevor er an­legen konnte.

Er zerrte das Floß ans Ufer und legte die Stange und das Ruder daneben.

„Harry! „brüllte er. „Harry! Wo bist du? Antworte doch!“

Er schwieg und horchte. Nur von ir­gendwoher klang höhnisches Lachen aus dem Dschungel.

Plötzlich befiel ihn dumpfe Verzweif­lung. Sollte Harry Burns im letzten Augenblick etwas zugestoßen sein? Wü­tend riß er an den scharfen Gräsern, die seine Beine zerschnitten.

Er ging den Fluß entlang und hielt nach Harry Ausschau. Immer wieder rief er seinen Namen und gab Schüsse ab.

Die zwei Monde waren verschwun­den, es war hell.

Vor ihm stoben faustgroße, gepan­zerte Tiere davon. Dann stolperte er fast über Harry, der bewußtlos am Boden lag.

Thor ließ sich auf die Fersen nieder. Harry sah entsetzlich aus. Seine Beine waren auf das Doppelte ihres Umfangs angeschwollen, sein Gesicht eine blutige Masse, aufgedunsen und verschwollen.

Fetzen des Schleims hingen noch an sei­nen Armen und Beinen, sein Ober­körper war mit dem dicken, glasklaren Gelee wie mit einer zweiten Haut be­deckt.

Thor legte das Ohr auf Harrys Brust und hörte, daß er atmete. Er versuchte, die glasklare Masse mit dem Messer ab­zuschaben, doch die Klinge glitt ab, ohne einzudringen. Thor schabte fester.

Plötzlich lag ein Donnern in der Luft. Thor sah auf. Der Himmel war wolken­los, aber am Horizont hatte sich eine Staubwolke gebildet. Das Donnern nä­herte sich.

Er konnte nicht erkennen, was sich in dieser Staubwolke verbarg, beschloß aber kein Risiko einzugehen. Er war überzeugt, es konnte nichts Gutes sein, was ihnen dieser Planet brachte.

Er hob Harry hoch, warf ihn über die Schulter und rannte zum Floß.

Die Staubwolke bildete eine riesige Front, die sich kilometerbreit näherte.

Thor verfing sich in einer Wurzel, tau­melte einige Meter weiter und setzte seinen Weg keuchend fort. Immer wie­der warf er einen Blick auf die Staub­wolke, dann konnte er Einzelheiten er­kennen. Eine formlose, unübersehbare Menge von Tieren rannte auf den Fluß zu. Noch konnte er keine Einzelheiten erkennen, aber was er sah, ließ ihn ra­scher laufen.

Aus der Masse löste sich ein einzel­nes Tier, groß wie die friedlichen, wilden Bisons auf Sirius VII. Er war mit der Tierwelt der Planetensysteme sehr vertraut, und es gab wenige Arten, die er nicht kannte. Aber solch ein Tier hatte er noch nicht gesehen.

Es hatte etwa zwei Dutzend hohe, dünne Beine unter einem birnenförmigen Rumpf, an dessen dickem Ende die Augen saßen. Rumpf und Kopf waren ein Ganzes. Rund um die Augen saßen Tentakel, die sich ständig bewegten.

Einen Augenblick lang stand er wie erstarrt da, dann raste er auf das Floß zu. Er bettete Harry vorsichtig auf das feuchte Holz und stieß schnell ab.

Nur weg von hier, war sein einziger Gedanke.

Während Thor niederkniete und das Floß mit der langen Stange weiterstieß, erreichten die Tiere das Ufer. Von Ent­setzen gepackt, wartete er darauf, daß sie ihn durchs Wasser verfolgten, aber sie wateten nur langsam in den Fluß, senkten die Tentakel unter die Ober­fläche, bis nur mehr Teile des Rückens zu sehen waren, und wälzten sich be­haglich hin und her.

Dazu erzeugten sie tiefe, bellende Laute.

Thor rann ein eisiger Schauer den Rücken hinab.

Nur langsam trieb das Floß zur Fluß­mitte.

Es mußten Hunderte von Tieren sein, immer mehr liefen in den Fluß, wälzten sich im seichten Schlamm und brachten Bewegung in die stille, glatte Wasser­fläche.

Thor sah nachdenklich auf Harry und überlegte, was wohl aus ihm geworden wäre, hätte er, Thor, das Ufer nur zehn Minuten später erreicht.

Langsam trieb das Floß flußabwärts, und die Tiere verschwanden in der Ferne. Friedlich schien Arkturus auf das rötliche Wasser.

Schließlich legte Thor die Stange zur Seite und ließ sich neben Harry nieder, der schwach atmete und noch immer be­wußtlos war. Er beschloß, sich noch eine Weile den Fluß hinuntertreiben zu las­sen. Er legte sich auf den Rücken und kämpfte mit dem Schlaf.

Er hatte seine Lage nicht so schlecht beurteilt, er hatte sich gute Überlebens­chancen zugebilligt. Er war mutig, stark und zäh. Aber da hatte er noch geglaubt, daß er einen gesunden Harry Burns vorfinden würde.

Und jetzt? Er blickte zu Harry, der reglos dalag. Der Gedanke, Harry einfach ins Wasser zu werfen, fuhr ihm durch den Kopf. Es war schon schwer, den unbekannten Gefahren allein ent­gegenzutreten, dann erst mit einem bewußtlosen Gefährten. Das bedeutete für ihn glatten Selbstmord. Er seufzte und vergaß den Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Alles in ihm sträubte sich gegen etwas Derartiges. Es war un­menschlich. Doch war es nicht genauso unmenschlich gewesen, ihn hier auszu­setzen?

Tief bin ich gesunken, dachte er schließlich. Daß ich so etwas zu denken überhaupt imstande bin.

Seufzend erhob er sich wieder. Er hatte Angst einzuschlafen.

Ich werde alles tun, damit Harry durchkommt, sagte er sich, als er sich über den Bewußtlosen beugte. Er schüt­telte eine Handvoll Wasser über Harrys zerschundene Haut, über die Beine, über die Brust und über die Stirn.

Er hatte keine Medikamente und wußte nicht, wie die verätzten Wunden Harrys auf das Wasser reagieren wür­den. Die Sonne stieg höher, und es wurde heißer. Harry atmete schwer.

Der Fluß verbreiterte sich, und das Wasser war jetzt noch rötlicher als vorhin. Das Floß trieb durch einen dichten Dschungel, an den Ufern überwogen lianenartige Gewächse, Bäume standen mit den Wurzeln im Wasser.

Als Thor in einiger Entfernung eine schmale Landzunge erkannte, steuerte er das Floß zum Ufer. Ein unbewaldeter Streifen Land schnitt in den Fluß hinein und bildete eine Halbinsel, die nur an einer Seite zum Land hin offen war. Auf drei Seiten war sie vom Wasser um­spült.

Das hatte Thor gesucht, denn das Wasser brachte anscheinend weniger Gefahren als das offene Land und der Dschungel.

Thor zog das Floß ans Ufer und hob Harry auf. Bei jedem Schritt versank er bis über die Knöchel in dem feinen Sand.

In hundert Schritt Entfernung begann der undurchdringliche Dschungel, rie­sige, dicke Bäume wechselten mit kugel­förmigen, mannshohen Pflanzen ab, Lianen und Farne, hoch wie Bäume, wuchsen dazwischen.

Die Luft war durchtränkt mit schwe­ren Gerüchen. Im sumpfigen Ufer gab es seltsame Blumen, deren Farben von rot bis grün leuchteten.

Immer wieder zuckte Thor zusammen, wenn irgendwo in der Ferne ein Tier­laut aus dem Dschungel klang.

Auf einer flachen Steinplatte legte er Harry nieder. Dann setzte er sich. Er fühlte sich unendlich müde, hungrig und durstig und wünschte sich vor allem zu schlafen.

Es wurde immer heißer. Einige Farne spendeten etwas Schatten, aber es wür­de nicht mehr lange dauern, bis sie der Sonne schutzlos ausgeliefert waren.

Thor stand auf, holte sein Messer her­vor und machte sich daran, vorsichtig die Geleeschicht wegzukratzen, die Har­rys Oberkörper bedeckte. Dann kühlte er den zerschundenen Körper seines Kameraden mit Wasser aus dem Fluß.

Harrys Puls ging rasch, und er atmete keuchend. „Wasser“, sagte er plötzlich leise, fast unhörbar. „Wasser...“

Thor rannte zum Fluß und sammelte etwas von der rötlichen Flüssigkeit in seinen zu einer Schale zusammenge­preßten Händen. Langsam kehrte er damit zu Harry zurück.

Er hoffte inständig, daß das Wasser genießbar war. Tropfenweise ließ er es zwischen Harrys Lippen träufeln, und Harry schluckte es gierig.

Wieder und wieder ging er ans Ufer.

„Wie geht's?“ fragte er schließlich.

Harry sah ihn an, drehte den Kopf zur Seite und gab keine Antwort. Er hatte wieder das Bewußtsein verloren.

Arkturus brannte unbarmherzig vom Himmel. Die Luft begann zu flimmern. Thor rannte zum Fluß und tauchte sei­nen Kopf unter die Wasseroberfläche. Dann schluckte er die rötliche Brühe und bemerkte überrascht, daß sie völlig geschmacklos war.

Winzige blaue Eidechsen krochen aus den Wellen, die sanft an den Sand schlugen, und gruben sich blitzschnell in den Schlamm.

Wieder wurde es dunkel.

Thor hatte das Floß aus dem Wasser gezogen, es mit einigen Steinen gestützt schräg aufgerichtet und Harry in seinem Schatten niedergelegt.

Er war immer noch damit beschäftigt, Holzstücke und große Steine heranzu­bringen, um in ihrem Schutz die näch­sten zwei Nächte zu verbringen. Zwei Tiere hatte er mit seinem Gewehr er­legt. Er hoffte, sie später braten zu kön­nen.

In ohnmächtiger Wut verfluchte er die Terraner, die ihnen nicht einmal Nah­rungstabletten mitgegeben hatten.

Endlich war er mit der Arbeit fertig. Das Floß bildete die schräge Rückwand, zwei weitere Wände hatte er aus Stei­nen und den harten Gräsern aufgebaut, die Vorderwand war offen. Dort wollte Thor das Feuer haben.

Über das Feuer hinweg hatte er dann freien Ausblick ins Landinnere, zum Dschungel.

Nun hatte Thor schon einige Male vom Flußwasser getrunken, und anscheinend hatte es ihm nicht geschadet. Ganz in der Nähe wuchsen Sträucher mit stachligen Beeren, deren unan­genehmer Geruch Thor aber abschreckte.

Angeekelt machte er sich daran, eines der Tiere, die er getötet hatte, abzu­häuten. Es war ein schwarzes, stache­liges Tier mit einem bösartigen Rüssel, in dem eine Reihe spitzer Zähne wuch­sen. Fluchend enthäutete Thor eines sei­ner Hinterbeine.

Er hatte in seinem ganzen Leben nie Fleisch in anderem als dehydriertem Zustand gesehen - oder als fertiges Ge­richt, von Robotern appetitlich zubereitet. Angewidert sah er seine blutigen Hände an. Dann übergab er sich.

Schließlich trennte er mit dem Ener­giestrahl das Bein vom Rumpf, machte schwitzend und mit dem Brechreiz kämpfend ein kleines Feuer und legte die Keule auf zwei Steine.

„Das wird ja gut schmecken“, knurrte er vor sich hin.

„Thor“, sagte Harry leise.

Rasch trat Thor unter das schräge Dach. Harry lag auf dem Rücken und sah ihn an. Die Schwellung des Gesichts und der Beine war zurückgegangen.

„Alles in Ordnung, Bruder“, sagte Thor und grinste.

Harry nickte langsam.

„Möchtest du Wasser?“

„Nein.“

„Bald gibt es was zu essen“, seufzte Thor und setzte sich zu Harry. „Riechst du es?“

Harry blickte erschrocken auf Thors blutbefleckte Hände und sog die Luft fest in die Nase.

Er verzog das Gesicht. Es war kein angenehmer Geruch, der von draußen kam. Die feuchten Holzstücke glosten kaum, und der Rauch mischte sich mit mit dem Gestank des verbrannten Flei­sches.

„Ich habe keinen Hunger“, sagte Harry fest und schluckte. Er wollte sich aufrichten, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Mit größter Anstrengung schaffte er es schließlich.

„Meine Beine sind - gelähmt“, sagte er und starrte auf die Wunden.

Thor sah ihn nachdenklich an. „Es wird vergehen, Kamerad“, sagte er dann mit einer Zuversicht, die er nicht fühlte. Rasch stand er auf und ging ans Feuer. „Ich muß das Fleisch drehen.“

Er stocherte in der armseligen Glut und seufzte. Jede seiner Bewegungen strengte ihn bereits an, seine Lider wa­ren schwer.

Er holte einige der zähen vertrock­neten Pflanzen, die wie Kakteen aussahen, und warf sie in die Glut. Helle Milch floß heraus und zischte.

Dann ging er zu Harry zurück.

„Wie lange war ich eigentlich bewußt­los?“ fragte Harry.

„Seit heute morgen. Oder vielleicht schon seit der Nacht. Denn während ich das Floß baute, hast du plötzlich nicht mehr auf meine Schüsse geantwortet.“

Harry legte sich wieder zurück. „Noch zwei Tage“, sagte er leise und schloß die Augen.

„Und zwei Nächte, mit dieser“, voll­endete Thor.

Es war nun völlig dunkel, nur das schwache Feuer warf einen kleinen Lichtkreis. Thor ließ sich daneben nie­der, das Gewehr schußbereit auf den Knien.

„Du hast bestimmt noch nicht geschla­fen seit unserer Landung, oder?“ fragte Harry.

Thor schüttelte den Kopf.

„Dann leg dich hin, ich wache einst­weilen.“

Thor drehte sich um und sah in Har­rys unförmiges, aufgedunsenes Gesicht. Wieder schüttelte er den Kopf. „Ich bin nicht müde“, grinste er. „Die Luft auf diesem verdammten Planeten wirkt an­scheinend anregend!“

Thor holte die Keule aus der Glut und zerteilte sie mit dem Messer. Er reichte Harry ein großes Stück. „Morgen geht es dir sicherlich viel besser. Dann kann ich schlafen, bis sie uns wieder holen.“

Harry griff gierig nach dem Fleisch und vergrub seine Zähne darin. Es war hart wie Holz und stank nach Ammo­niak. Aber Harrys Hunger besiegte seinen Widerwillen. Er schluckte einige große Stücke, fast ohne sie zu kauen, und hoffte, sein Magen würde damit für eine Weile zu tun haben und zufrieden sein.

Thor kostete kaum. Er brachte es ein­fach nicht über sich, den ekligen Geruch zu vergessen. Ich werde nicht Hungers sterben, wenn ich drei Tage lang nichts esse, dachte er.

„Die jämmerlichste Mahlzeit meines Lebens“, grinste Harry schief.

Thor nickte und warf den Rest der Keule ins Feuer. Wehmütig dachte er an die köstlichen Mahlzeiten auf Sirius VII und verwünschte die Terraner.

Der Dschungel war plötzlich mit ge­heimnisvollem Leben erfüllt. Die beiden rötlichen Monde waren aufgegangen und wieder, wie am Vorabend, erwach­ten die Geräusche der Tiere.

Tagsüber hatte Thor den winzigen Fernsehkameras, die jede seiner Bewe­gungen begleiteten, kaum Beachtung geschenkt. Nun, als er neben dem Feuer saß und Mühe hatte, sich wachzuhalten, beschloß er, sich einen Spaß zu gönnen.

Er senkte den Kopf auf das Gewehr auf seinen Knien und wartete, bis einer der winzigen leuchtenden Punkte sich so weit gesenkt hatte, daß Hunderttau­sende neugieriger Terraner genau ver­folgen konnten, wie es im Gesicht eines zu Tode erschöpften, schlafenden Man­nes aussah. Das Fernsehauge stand ge­nau vor der Mündung seines Gewehres.

Er drückte ab, und ein breiter Ener­giestrahl verwandelte das Fernsehauge in ein unsichtbares Staubkörnchen, das in die Glut fiel.

„Thor Magerland“, klang es leise, aus einem anderen Fernsehauge: „Können Sie mich hören?“

Thor schwieg und starrte ins Feuer.

„Thor Magerland?“ fragte die Stimme zweifelnd.

Thor blickte nicht auf.

Die Stimme schwieg.

Eine unnatürliche Stille breitete sich aus. Es war schwül und windstill und beklemmend ruhig. Harry zuckte auf, und Thor hob den Blick vom Feuer, um hinüber zum Dschungel zu sehen.

Es schien, als hielte der Planet den Atem an.

„Thor“, flüsterte Harry. „Bemerkst du es auch?“

Thor nickte.

Vom Dschungel herüber klang ein durchdringender klagender Schrei.  Und dann glaubten die beiden Männer zu träumen. Mitten aus den unendlich ho­hen, schlanken Farnen und Schachtel­halmen löste sich ein Lebewesen, das den Dschungelwald unter seinen riesi­gen Beinen zertrat, als wäre er Gras.

Ein Baum fiel um, als das Ungeheuer vorn Waldrand ans Ufer des Flusses kroch. Er prallte an die Kante des Flo­ßes, knickte, und die Krone streifte Thors Schulter.

Das Floß senkte sich, der Steinwall löste sich auf und kollerte gegen Harrys Beine. Er schrie auf.

Thor hielt sich die Schulter und suchte seine Waffe, die ihm aus den Händen gefallen war.

Eine Wolke Gestank umhüllte alles, der Boden dröhnte und bebte. Im schwachen Licht der Monde stand das riesige Tier über ihnen, die schuppige Haut glitzerte und glänzte.

Eine riesige Tatze fiel auf Thor her­ab. Er warf sich zur Seite, und die Tatze setzte knapp neben ihm auf. Sie war so groß wie das Floß.

Bäume wirbelten durch die Luft. Thor wurde hochgehoben und durch die struppigen Äste geschleudert. Eine Tatze streifte das aufgestellte Floß und stieß es einige Meter weiter.

Der dritte Mond erschien am Hori­zont, und es wurde augenblicklich heller. Thor und Harry sahen hinauf zu dem riesigen Schädel und erschauerten. Das Tier hatte einen dreieckigen Kopf, der flach in einen langen Hals überging. Am Nacken sträubte sich ein flossenartiger, gezähnter Kamm, der über den Rücken lief und in einem mörderischen Schwanz endete, der unruhig über die scharfen Gräser fegte und sie nieder­mähte. Das Tier bog den langen Hals hin und her und suchte mit den röt­lichen Augen das Land ab.

Harry fühlte plötzlich das Gewehr unter seinen Händen und riß es hoch.

Thor entwand es ihm mit einer schnellen Bewegung. „Tu das nicht, Kamerad!“ flüsterte er hastig. „Bleiben wir lieber ruhig.“

„Aber der Energiestrahl ist stark ge­nug!“ protestierte Harry.

„Und wenn du es verfehlst...“ Thor ließ den Satz unvollendet.

Harry seufzte und ließ sich wieder zu­rückgleiten.

Das Tier schnaubte über ihnen und ließ den langen Hals kreisen. Plötzlich setzte es sich wieder in Bewegung und entfernte sich durch den Fluß, den es mit drei, vier Schritten durchquerte.

Als der Schwanz den Fluß peitschte, sprühten Wasserfontänen über das Ufer.

Ächzend erhob sich Thor. Ein dicker Ast hatte seinen Rücken getroffen und ein anderer sein Gesicht blutig geschla­gen. Sein rechter Arm schmerzte, als er sich von dem Astgewirr losmachte.

Dann befreite er Harrys Beine von den Steinen, die sie bedeckten.

„Alles okay?“

Harry grinste nur schief. „Es könnte besser sein.“

Thor nickte grimmig und massierte den schmerzenden Arm. Er hob die Waffe wieder auf. „Da haben wir noch mal Glück gehabt, Bruder“, sagte er und fluchte ausgiebig.

Harry versuchte, auf die Beine zu kommen, und zu seiner eigenen Überraschung gelang es ihm. Die Schwellung war bis zu den Füßen zurückgegangen, und trotz der Schrammen, die ihm die fallenden Steine zugefügt hatten, schmerzten sie weniger als vorhin. Er stand auf und streckte sich.

Thor sah erleichtert zu ihm hin. „Großartig, daß du wieder fit bist.“ Er blies das Feuer an und zerrte das Floß heran. Harry half ihm, so gut es ging.

Sie stellten es senkrecht auf und stützten es mit Steinen. Thor ließ sich erschöpft neben das Feuer fallen und legte die Waffe neben sich.

Harry setzte sich an die andere Seite des Feuers und senkte den Kopf auf die Knie.

Nach einer Weile bemerkte er, daß Thor fest eingeschlafen war. Er griff vorsichtig nach dem Gewehr, legte es neben seine Beine und starrte hinüber zum Dschungel, aus dem seltsame, schrille Laute klangen.

Mit Grauen erinnerte er sich an die Erlebnisse des vergangenen Tages und der Nacht und blickte dankbar zu Thor, mit dem zusammen sich alles leichter ertragen ließ. Er hoffte nur, daß diese Nacht keine weiteren Störungen brin­gen würde, so daß Thor einige Stunden ausruhen konnte.

 

* * *

 

Als Arkturus über dem Horizont er­schien, erwachte Thor und sprang erschrocken auf.

Harry grinste. „Nur immer ruhig, Ka­merad“, sagte er und schwenkte das Ge­wehr. „Keine besonderen Vorkomm­nisse.“

Thor schüttelte benommen den Kopf. „Weshalb hast du mich nicht geweckt?“

„Du hattest den Schlaf nötiger als ich“, sagte er. „Ich war ja die meiste Zeit auf diesem verdammten Planeten hier ohne Bewußtsein!“

„Wie geht's deinen Beinen?“

Harry wollte aufspringen, aber es ge­lang ihm nicht. Er knickte ein und ver­suchte es wieder, diesmal langsamer. Thor trat zu ihm und half ihm.

„Gestern ging's besser“, sagte Harry enttäuscht.

„Kann ich dich loslassen?“ fragte Thor.

Harry nickte. Schweißtropfen rannen über seine Stirn. Jede Bewegung schmerzte ihn.

Thor ließ Harrys Schultern los und trat zurück. Harry schwankte hin und her, biß die Zähne zusammen und mach­te einige Schritte.

„Na, geht ja schon prächtig!“ rief Thor.

„Nicht wahr“, meinte Harry sarka­stisch. Seine Füße gehorchten ihm kaum. Es schien, als gehörten sie zu einem fremden Körper, der sich einem frem­den Willen fügte.

Harry setzte sich erschöpft nieder. Thor kam zu ihm. „Ich möchte weg von hier“, sagte er unruhig. „Der Dschungel gefällt mir nicht. Bei einem ähnlichen Besuch wie heute nacht würden wir vermutlich kaum überleben.“

Er sah furchterregend aus, was haupt­sächlich seinem wilden, wuchernden Bart zuzuschreiben war. Harry wun­derte sich im geheimen, daß es noch ir­gendwo auf fernen Planeten Männer gab, die wie Thor ihr Barthaar regel­mäßig rasierten, anstatt es, wie es üblich war, ein für allemal entfernen zu lassen.

Er selbst hatte das natürlich getan. Aber sein eigenes Gesicht sah um keinen Deut besser aus, Wunden und Schrammen bedeckten es. Die Kleidung hing ihnen in Fetzen herab, und Schmutz bedeckte ihre Beine und Arme.

„Ich glaube, wir sollten mal baden“, grinste Thor, als hätte er Harrys Gedanken erraten. „Und dann verschwin­den wir hier.“

„Es bleibt ja nur der Weg flußab­wärts“, sagte der Mann von Wega IV. Am Ufer war wie eine Warnung der Abdruck einer riesigen Pranke zu se­hen.

„Richtig“, sagte Thor.

Sie brachten das Floß, die Stange und das Ruder zum Fluß und badeten. Dann half Thor Harry aufs Floß und stieß ab.

Der Himmel hatte eine fahlgelbe Farbe angenommen, in die sich stellenweise ein grünlicher Schleier breitete. Sie starrten beide hinauf und fragten sich, was das wohl zu bedeuten habe.

Es war unerträglich heiß und feucht. Ein schwacher Wind, der Dampfwolken vor sich hertrug, machte die Hitze noch schlimmer.

Thor manövrierte das Boot um einen Baum, dessen Wurzeln im Wasser stan­den. Lianenartige Pflanzen hingen in den Fluß und bewegten sich leicht.

Der Wind wurde heftiger, der Fluß war bewegt.

Innerhalb von Minuten verdunkelte sich der Himmel fast völlig, der heiße Sturm peitschte Wellen über das Floß.

Wie eine Sturzflut prasselten riesige Tropfen aus dem schwarzen Himmel. Der Fluß veränderte die Farbe und war plötzlich grau.

Thor glitt auf dem nassen Floß aus und schlug der Länge nach hin. Die lange Ruderstange entglitt ihm und war sofort in den Wellen verschwunden.

Bäume, deren Tentakelarme sich am Floß festsaugen wollten, trieben den Fluß entlang. Harry arbeitete mit dem Messer, um das zu verhindern.

Wild wurde das Floß hin und her ge­worfen.

Thor klammerte sich am Bug fest, Harry lag flach quer über das Heck, hielt sich mit der Linken in der Ver­tiefung fest, die Thor für das Ruder bestimmt hatte, und hieb verbissen auf die Tentakel ein.

Die winzigen Fernsehkameras um­schwirrten sie eifrig.

Kugelblitze glitten über die Wasser­eberfläche und verloren sich am Ufer.

Thor fühlte, wie seine Kräfte nach­ließen. Das Wasser, das mit großem Druck über den Bug spülte, riß an sei­nen überanstrengten Muskeln. Das Floß schaukelte wild auf und ab, stieß gegen Baumstämme und Äste.

Es war nun vollkommen dunkel, nur die seltsamen kugelförmigen Blitze zuckten über das Wasser.

Der Dschungel war vom Ufer zurück­getreten, und der Fluß lief zwischen sanften Hügeln hindurch. Das Floß trieb gegen ein steiles Ufer, wurde zurückge­schleudert und stieß gegen einen Baum­stamm. Es verschwand für Augenblicke unter der Wasseroberfläche, wurde zur Seite gedrückt, abrupt in die Höhe ge­hoben und landete auf einer vorsprin­genden Steinplatte.

„Das ist unsere Chance!“ schrie Thor und sprang vom Floß.

Harry hing halb im Wasser. Das Floß ragte steil hoch, und er hielt sich an den glatten Baumstämmen fest.

Langsam glitt das Floß zurück in die Strömung.

„Harry!“ rief Thor. „Hier!“ Er hielt Harry die Hand hin, aber Harry erreichte sie nicht.

Thor kniete nieder und beugte sich über den Rand der Steinplatte.

Das Floß hing nur noch mit einer Ecke an der Steinplatte fest. Thor nahm sein Gewehr und hielt es Harry entgegen.

Ein Baumstamm schlug gegen das Floß, gerade als Harry nach dem Gewehr greifen wollte. Das Floß drehte sich ein wenig, und Harry war wieder in der Strömung. Er zog sich langsam an den glatten Wänden des Floßes entlang, bis er das Gewehr erreichen konnte, griff mit beiden Händen danach, und Thor stemmte sich auf der Steinplatte fest, um dem Ruck entgegenzuwirken.

Das Floß glitt von dem Felsen und verschwand in den Wassermassen.

Thor klammerte sich mit einer Hand an einen vorspringenden Stein und ver­suchte, mit der anderen Harry ans ret­tende Ufer zu ziehen.

Endlich gelang es. Harry ließ sich er­schöpft auf die Steinplatte fallen. Die riesigen Wassertropfen schlugen wild in sein Gesicht, aber er seufzte erschöpft und zufrieden, wieder festen Boden un­ter sich zu spüren.

Thor setzte sich neben Harry und keuchte.

In dem diffusen Licht sahen sie, daß der Fluß an dieser Stelle zwischen Hü­geln floß, die vollkommen kahl waren. Die Platte, auf der sie sich befanden, ragte etwa dreißig Schritt ins Wasser hinaus.

„Thor“, sagte Harry und starrte auf die Wasserfläche. „Der Fluß steigt.“

Thor blickte auf die Wellen und nick­te. Der Fluß stieg in geradezu atembe­raubendem Tempo an. Und sie hatten noch einen ganzen Tag vor sich, bevor man sie abholte. Einen ganzen Tag noch.

Thor erhob sich und ging die Stein­platte entlang landeinwärts. Nach eini­gen Schritten bemerkte er erschrocken, daß hier eine Felswand fast senkrecht aufstieg, ihnen also den Weg landein­wärts versperrte. Er tastete sich die Wand entlang, fand aber nirgends eine Stelle, über die sie aufsteigen konnten.

Irgendwie mußte es ihnen aber gelin­gen, den innerhalb von wenigen Stun­den würde sie der Fluß von der Stein­platte mitreißen.

Thor kehrte zu Harry zurück. Zu sei­ner Erleichterung stellte Harry keine Fragen.

Es muß eine Möglichkeit geben, hier wegzukommen, dachte Thor.

Er setzte sich so, daß er die Wand im Auge behalten konnte. Im Licht der Blitze, die über die Wasserfläche rollten, sah ar, daß in etwa zwei Meter Höhe ein weiterer Felsenvorsprung über das Wasser reichte. Den müssen wir erreichen, sagte sich Thor. Dann haben wir noch eine Chance.

Er nahm das Gewehr und ging an die Wand. Er stellte auf Maximalleistung und Minimalstreuung und richtete den Energiestrahl auf die glatte, nasse Ober­fläche der Felswand.

Es dauerte lange, bis der Strahl stu­fenartige Vertiefungen in die glatte Wand geschmolzen hatte.

„Kann ich dir helfen?“ fragte Harry müde.

Thor schüttelte den Kopf. Er sah zum Fluß hin. Die höheren Wellen erreichten bereits die Felsplatte. Das Wasser war noch rascher gestiegen, als es den An­schein gehabt hatte. Er versuchte, in die Stufe zu steigen und den oberen Vor­sprung zu erreichen, aber sein Fuß glitt ab.

Wieder richtete er den Energiestrahl in die Vertiefung und versuchte, durch den Reigen und den Wind genau in die Stufe zu zielen.

Harry lehnte ein paar Schritt weiter an der Felswand und ließ apathisch die großen Tropfen über sein zerschramm­tes Gesicht rinnen.

„Harry“, sagte Thor. „Ich steige jetzt rauf. Versuch mir zu folgen.“

Nachdenklich sah er auf Harry, der sich langsam in Bewegung setzte. Thor sah deutlich, daß Harry sich vor Schmer­zen und Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Thor setzte seinen rechten Fuß fest in die Vertiefung, stieß sich ab und erreichte mit den Fingerspitzen die Stein­platte. Er hielt den Atem an und zog sich hoch.

Der Vorsprung war nicht größer als sechs mal sechs Schritt. Die Wand stieg weiterhin glatt und steil auf.

Er beugte sich hinunter und sagte: „Los, Kamerad. Ich helfe dir.“

Harry setzte wie Thor vorher seinen rechten Fuß in die Vertiefung, reichte Thor das Gewehr und stieß sich ab.

Thor hielt seine Hände fest und zog ihn hoch.

Erschöpft legten sich die beiden auf den harten Stein.

Es regnete weiter. Der Fluß unter ihnen rauschte wild, und der Wind heulte an der Felswand entlang. Das alles hielt sie nicht davon ab, tief und fest einzuschlafen.

Harry wachte auf, als das Wasser be­reits seinen Körper umspülte. Seine Beine schmerzten, und der Hunger war fast unerträglich.

Er rüttelte Thor an der Schulter.

„Ja?“ Thor fuhr auf. „Verdammt, nun haben wir die Bescherung!“ Er sprang auf die Füße.

Sie blickten nach oben. Es gab keinen weiteren Vorsprung mehr, auf den sie sich hätten retten können.

„Wir stecken in der Falle“, sagte Harry entmutigt.

„Ich möchte nur wissen, ob es Tag ist oder Nacht“, meinte Thor.

„Wozu das?“

„Kamerad, wenn es Tag ist, dann ist es unser letzter hier. Dann ist die Ret­tung nahe.“

Harry blickte ihn an und prüfte den Himmel. „Es ist unmöglich, das zu sa­gen“, meinte er dann. „Der Himmel sieht genauso aus wie vorhin.“

Er stand auf.

„Ich glaube nicht, daß wir's schaffen“, meinte Thor. „Diese Schweine...“ Er fluchte leise vor sich hin und hieb wü­tend mit seiner rechten Faust in die linke Handfläche.

Sie gingen zurück an die Wand und lehnten sich dagegen. Das Wasser um­spülte ihre Knöchel.

Harrys Beine gaben manchmal nach, und Thor fing ihn auf. „Ich kann nicht mehr“, sagte Harry schließlich. „Laß mich los, Kamerad.“

Aber Thor hielt ihn fest umklammert. „Es ist sinnlos, Thor...“

„Wir schaffen es“, sagte Thor plötz­lich. „Schau nach rechts, Bruder.“

Harry wandte den Kopf, und aus der Dunkelheit und den niederfallenden Wassermassen glänzte es silbern. Ein Landehubschrauber umkreiste sie.

Thor hielt Harry fest, als sich der schlanke, wendige Hubschrauber so weit senkte, daß sie über drei Stufen ein­steigen konnten.

Die Luke klappte auf, und Thor hob Harry hoch. Zwei Roboter nahmen ihn oben in Empfang, und Thor folgte nach.

„Wir, haben es geschafft, Harry“, war das letzte, was Harry vernahm, bevor er das Bewußtsein verlor.

 

* * *

 

Als Harry das erstemal zu sich kam, sagte ihm einer der Roboter des Raum­schiffes, die Reise würde noch zwei Tage dauern.

Auf seine Frage nach Thor antwortete der Roboter nichts.

Harry war wieder völlig hergestellt. Ein paar Narben an seinen Beinen und eine undeutliche Erinnerung an einen Alptraum auf einem Dschungelplaneten waren das einzige, was geblieben war.

Und natürlich die Sorge um Thor, den er nicht sah.

Das Raumschiff verfügte über eine vollautomatische Krankenstation. In tie­fer Bewußtlosigkeit war Harry behan­delt und ernährt worden, die Haut seines Gesichts wurde erneuert und seine Beine wurden mit Regenerierungspräparaten behandelt. Die Muskeln hatten sich wieder gebildet, die tiefen Wunden geschlossen.

Als er erwachte, war er völlig gesund.

Er lag in der kleinen Kabine, die identisch war mit jener, in der er die Reise von Wega IV zur Erde zurück­gelegt hatte. Harry versuchte diesmal, mit Gewalt auszubrechen, um nach Thor zu sehen, aber er mußte bemerken, daß er eingeschlossen war.

Immer wieder fragte er nach ihm, aber vergebens.

Er dachte an seine zukünftige Freiheit auf Terra, aber er freute sich nicht dar­über. Er wäre sehr gern zu seinem Heimatplaneten zurückgekehrt, aber er wußte, daß das nicht möglich war. Er war für immer auf der Erde gefangen, und die Freiheit, die ihn dort erwartete, war keine Freiheit. Das Paradies war keines.

Und Thor, was war mit Thor?

Auch bei der Landung sah er ihn nicht. Die Abfertigung ging blitzschnell vor sich. Zwei Polizeiroboter erwarte­ten ihn und brachten ihn zum Gefäng­nis.

Er wurde in den kahlen Raum ge­führt, in dem er sich schon einmal befunden hatte, der weiße Raum mit dem riesigen Bildschirm und den leeren Wänden.

Harry setzte sich vor den Bildschirm.

„Der Planet Terra gegen Harry Burns“, sagte eine Stimme.

„Moment!“ rief Harry. „Was soll ...“

„Der Angeklagte hat die Strafe, die er gemäß Paragraph 3457c und Para­graph 4239a der allgemeinen Gesetze er­hielt, abgedient. Für den Angeklagten  verbleibt damit noch ein Guthaben von 133 Credit.“

Harry grinste. Anscheinend war die Sühne, die er getan hatte, mehr wert als das Vergehen.

Der Bildschirm flackerte, und Harry wollte aufstehen.

„Der Planet Terra gegen Harry Burns“, sagte die Stimme.

Harry hielt inne.

Auf dem Bildschirm erschien eine Schrift. „Der Angeklagte hat sich wegen Übertretung des Gesetzes 8988k, Nach­trag über die Kolonialplaneten, zu ver­antworten.“

„Was soll das!“ schrie Harry. Er sprang auf.

Der Bildschirm flackerte unruhig. Harry fühlte die Kälte des Raumes in seinem Nacken.

Er setzte sich wieder und umkrampfte mit feuchten Händen seine Knie. Seine Gedanken gingen im Kreis.

Die Schrift erschien wieder, begleitet von der unpersönlichen Stimme.

„Auszug aus dem Gesetzbuch der all­gemeinen Gesetze, 24. Auflage.

Paragraph 8988k, Nachtrag über die Kolonialplaneten: Die Beschädigung, Verletzung oder Fällung eines fleisch­fressenden Baumes der Gattung RZIV­Arkturus II ist eine Übertretung, die je nach Schwere des Vergehens mit einer Strafe von fünfhundert bis tausend Cre­dit geahndet wird.“

Harry hatte mit weitaufgerissenen Augen mitgelesen und zugehört. Nun lehnte er sich zurück und begann laut und hart zu lachen. Er schlug sich mit der geballten Faust auf die Schenkel, dachte an die drei Tage auf dem Dschungelplaneten und daran, daß er einen der fleischfressenden Bäume so hart verletzt hatte, daß fünfhundert bis tausend Credit dafür eine gerechte Strafe waren.

Hinten ging die Tür auf, aber Harry bemerkte es nicht. Er lachte und rief: „Ihr Bestien, hätte ich mich lieber fres­sen lassen sollen, was? Damit die freien Bürger von Terra ihr langweiliges Fernsehprogramm spannender finden?“

„Angeklagter“, sagte sie Stimme teil­nahmslos, „haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?“

Harry lachte wieder. Dann wurde er plötzlich ernst. „Ich habe mich gewehrt. Ich habe nichts getan als mein Leben verteidigt. Gilt das, verdammt noch mal? Ist das ein Einwand?“

„Einwand abgelehnt“, sagte die Stimme. „Sie haben sich freiwillig in die Nähe des Baumes begeben, Sie mußten damit rechnen, daß er Sie angreift.“

Harry biß die Zähne zusammen und schwieg.

„Der Angeklagte ist schuldig, gegen Paragraph 8988k verstoßen zu haben. Er wird dafür zu einer Geldstrafe von sechshundert Credit verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig. Es gibt keine Be­rufung.“

Harry sprang auf, riß den Stuhl mit einem kräftigen Schwung hoch und wollte ihn gegen die Bildschirmwand schleudern.

Plötzlich legte sich eine leichte Hand auf seine Schulter und sagte: „Tun Sie nichts Voreiliges, Bürger.“

Harry ließ den Stuhl sinken und sah das Mädchen mit dem kurzen schwarzen Haar an, das neben ihm stand. Sie lä­chelte.

„Da der Angeklagte über ein Barver­mögen von nur 133 Credit verfügt, wird seine Restschuld in Höhe von 467 Credit an die Regierung zur Eintreibung über­geben. Bis dahin bleibt der Angeklagte in Gewahrsam des Gerichts.“

„Gemäß Paragraph 123a erhebe ich Einspruch“, sagte das Mädchen neben Harry mit seltsam klarer und hoher Stimme.

Der Bildschirm blieb dunkel und schwieg.

Harry sah überrascht das Mädchen an, das mit unbeweglichem Gesicht neben ihm stand und wartend auf den Bild­schirm blickte.

„Es wurde Einspruch gemäß Para­graph 123a erhoben“, sagte die Stimme. „Geben Sie Ihren Namen und die Grün­de für Ihren Einspruch an, Bürgerin.“

„Mein Name ist Julia Riccardiello“, sagte das Mädchen klar. „Ich werde die Schuld des Angeklagten übernehmen und bar begleichen.“

Wieder Stille.

Harry sah das Mädchen an und sagte: „Weshalb das, Bürgerin? Sie kennen mich doch gar nicht.“

Das Mädchen sah ihn scharf an. „Ich kenne Sie genau, Bürger Burns. Ich weiß, was Sie auf Arkturus II durchge­macht haben.“

„Ach“, sagte Harry, „auch ein Fern­sehfan?“

Julia verbiß eine scharfe Bemerkung.

„Ein geradezu leidenschaftlicher“, sagte sie dann spöttisch.

„Dem Einspruch ist stattgegeben“, sagte die Stimme. „Bürgerin Riccardiello, identifizieren Sie sich.“

Julia holte ihre Kennkarte hervor und legte sie auf die Glasplatte an dem niederen Tischchen. Dann preßte sie ihre Fingerspitzen auf das Glas.

„Legen Sie den Betrag von 467 Credit in den Seitenschlitz. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß Sie den Betrag genau einzahlen müssen. Sie erhalten kein Wechselgeld zurück.“

Julia zwinkerte Harry zu. „Das habe ich mir gleich gedacht. Das gibt es bei uns häufig, wissen Sie, Bürger.“

Sie legte den genau abgezählten Be­trag in den Seitenschlitz.

„Bürger Burns“, sagte die Stimme nach einer Weile - widerstrebend, wie Harry schien - „Sie sind frei, Sie können das Gerichtsgebäude verlassen.“

Der Bildschirm erlosch, und die Tür öffnete sich.

Harry sah Julia an. „Wollen Sie mir nicht endlich sagen, weshalb Sie das tun? Ich brauche keine Almosen.“

„Wollen wir nicht endlich dieses Zim­mer verlassen?“ fragte Julia zurück. „Oder wollen Sie wieder eine kleine Reise in ferne, weite Welten antreten?“

Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er ergriff sie.

„Danke, Bürgerin.“

Er ging neben dem Mädchen her und fragte sich, ob dies alles wieder ein ab­gekartetes, böses Spiel terranischer Grausamkeit war. Aus den Augenwinkeln blickte er Julia an, aber sie schwieg.

Mit festen Schritten ging sie die kah­len Gänge entlang, und Harry lief neben ihr her. Er hoffte inständig, daß die­ses Mädchen, das ihm auf Anhieb gefallen hatte, nichts Böses mit ihm vor­hatte. Er war sich vollkommen klar, daß er wehrlos allem ausgeliefert war, was terranische Gehirne ausdenken konnten.

Ein tolles Mädchen, dachte er. Obwohl sie ihm nur bis knapp ans Kinn reichte, war sie groß. Ihr dunkles, kurzes Haar bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrer weißen Haut, ihre schwarzen, gro­ßen Augen erinnerten ihn an die Frauen auf Wega IV. Heimlich starrte er ihren Busen unter dem glatten, weißen Ge­wand an und wunderte sich, warum sie ihn nicht nackt trug.

Gerade, als er sie fragen wollte, ob sie ihre Bekanntschaft nicht erheblich intensivieren sollten, waren sie am Ende des Korridors angelangt, wo Harry seine Tasche ausgehändigt bekam und die Kleider wechselte.

Auf der Straße war es kühl.

Harry blieb stehen. „Bürgerin“, be­gann er zögernd. „Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich-keine andere Mög­lichkeit habe, als Ihnen zu folgen. Ich tue es auch. Aber wollen Sie mir nicht vorher sagen, was mich erwartet? Das tut sogar...“, er grinste und deutete mit dem Daumen über seine Schulter, „der Computer da drinnen...“

Julia sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Wir fahren in meine Wohnung, dort werde ich Ihnen die nö­tigen Informationen geben.“

„Nötig - wofür?“

Aber Julia schüttelte nur den Kopf. „Später. Für jetzt nur eines: Es erwar­ten Sie keine Abenteuer wie auf Ark­turus II.“

„Na, das ist ja immerhin etwas“, grin­ste Harry und legte den Arm um Julias Taille.

Sie zuckte zusammen.

„Verzeihen Sie“, sagte Harry er­schrocken.

Julia lächelte verwirrt. „Bitte. Wissen Sie, Bürger Burns, solche Dinge führen bis uns zu unliebsamen Zwischenfällen. So etwas gilt als Belästigung eines an­deren Bürgers, wenn es in der Öffent­lichkeit geschieht. Es gilt als Vergehen, zumindest so lange, bis bewiesen ist, daß ich mich nicht belästigt gefühlt habe.“

Sie trat auf ein Gleitband, und Harry folgte ihr. Sie fuhren durch monotone Häuserschluchten, bis sie vor einem Block abstiegen.

Sie waren auf ihrem Weg keinem Menschen begegnet. Schweigend sahen sie sich an, als sie im Aufzug zu Julias Wohnung fuhren.

„Haben Sie sich belästigt gefühlt ­vorhin?“ fragte Harry leise.

Julia schüttelte den Kopf.

Ihr Gesicht ist eine Maske, dachte Harry. Glatt, makellos, ohne Bewegung.

Die Wohnungstür glitt geräuschlos auf, und Harry folgte Julia in den Wohnraum.

Verblüfft blieb er vor dem riesigen Bild stehen, das einen sanft ansteigenden Hang im Mondlicht zeigte, den zwei Menschen eng umschlungen hinangin­gen. Eine Straße führte bis an die Spitze des Hügels. Der Sternenhimmel dar­über bedeckte fast die ganze Wand und gab dem Raum eine seltsame Düster­keit.

„Gefällt es Ihnen?“ fragte Julia.

Harry nickte. „Es ist das erste Bild, das ich auf Terra zu Gesicht bekomme.“

„Ich arbeite und kann mir solche Ex­tras leisten“, sagte Julia. Sie sah das Bild an. „Wäre Ihnen unser Nachthim­mel hier auf Terra besser bekannt, könnten Sie sehen, daß die Sternbilder bis ins kleinste stimmen.“

Harry sah sie unverwandt an. „Es wäre schön, wenn Sie sie mir in einer klaren Nacht beibringen könnten, Bür­gerin.“

„Darauf wollen wir ein anderes mal zurückkommen“, sagte Julia schnell. „Wir haben Sie nicht da 'rausgeholt, um Ihnen Lektionen in Astronomie zu geben.“

„Wir?“

„Die Fortschrittspartei. Die Fort­schrittspartei hat das arrangiert, nicht ich. Und dafür sollen Sie uns jetzt hel­fen. Wohlgemerkt: Sie sollen. Von Zwang ist keine Rede. Aber wenn ich Ihnen erkläre, was unsere Ziele sind, wollen Sie es vielleicht selbst.“

Harry setzte sich zu Julia auf die breite Liege. „Schießen Sie los.“

„Sie kennen unsere Partei natürlich nicht, aber wenn ich Ihnen sage, daß wir vieles, wenn nicht alles von dem, was Ihnen seit Ihrer Ankunft hier alles ent­setzlich erschienen ist, ändern wollen, so kommt das einer Beschreibung unserer Ziele bestimmt recht nahe.“

Harry zögerte. „So genau kenne ich das Leben auf Terra nicht.“

„Aber was Sie davon kennen, Bürger, ist vermutlich keineswegs das, was Sie sich erwarteten, als Sie von Ihrem Hei­matplaneten abreisten, um das Paradies Erde endlich kennenzulernen.“

„Das stimmt!“ rief Harry.

„Sehen Sie. Was, glauben Sie wohl, würde geschehen, könnten Sie nach Wega IV zurückkehren? Wenn Sie den Bürgern dort erklären könnten, welches Schicksal die Einwanderer hier erwar­tet?“

Harry seufzte und lächelte traurig. „Seit mehr als hundert Jahren kam kein Einwanderer zurück. Es ist müßig, darüber zu reden.“

„Angenommen, Sie könnten es...“

Harry sah sie scharf an. „Sie mei­nen...“

„Ich sagte: angenommen.“

„Sie sprachen vorhin von meiner Hilfe, die Ihre Partei erwartet. Ist die Rückfahrt nach Wegy IV der Preis für diese Hilfe?“

Julia lächelte. „Dafür würden Sie wohl vieles tun, nicht wahr?“

„Alles“, sagte Harry ernst.

Julia lächelte. „Keine Angst, Bürger. Ihre Rückfahrt ist nicht der Preis für Ihre Hilfe, sondern die Bedingung da­für. Wir wollen, nichts anderes von Ihnen, als daß Sie nach Wega IV zurückkehren und Ihren Leuten dort berich­ten, was Ihnen seit Ihrer Ankunft auf der Erde zugestoßen ist. Sie sollen die Wahrheit berichten, und zwar der ge­samten Bevölkerung Ihres Planeten. Wollen Sie das tun?“

Er sah sie überrascht an. „Nichts ein­facher als das, Bürgerin. Aber ob Ihnen und Ihrer Partei das allein eine Hilfe sein kann, bezweifle ich.“

„Bürger“, sagte Julia eindringlich und beugte sich vor. „Ich nehme an, daß ein Entsetzensschrei über Ihren Plane­ten gehen wird. Man wird sich daran er­innern, daß seit hundert Jahren täglich einer Ihrer Mitbürger - einer der intelligentesten, der stärksten und ambi­tioniertesten - mit Begeisterung in sein Verderben oder seinen sicheren Tod ge­reist ist. Daß er geopfert wurde für das Vergnügen der Terraner. Daß keiner von ihnen je zurückgekehrt ist, mit einer Ausnahme: Sie.“

Harry überlegte. „Wer weiß, ob man mir glauben würde.“

„Wir könnten Ihnen eine Bandauf­aufzeichnung Ihrer Abenteuer auf Arkturus II mitgeben.“

„Wenn sie mir aber glauben...“ Harry sprach mehr zu sich selbst als zu Julia, „wenn sie mir glauben... Sie wis­sen, in was Sie sich da einlassen?“

„Ja“, sagte Julia fest. „Wir wissen es. Und das ist unsere Hoffnung. Es gibt nicht viele Möglichkeiten für einen Pla­neten wie Wega IV. Ein Krieg gegen Terra ist ausgeschlossen und ist auch nicht unser Ziel. Sie können nur eines tun, Ihre Mitbürger. Und das werden sie auch tun Sie erhob sich.

Harry stand auf. „Aber... Ich habe loch tausend Fragen, Bürgerin!“

„Jetzt nicht. Bürger. Wir fahren abends zu einem Treffen der Partei. Dort werden Sie dann alle Ihre Fragen beantwortet bekommen.

Jetzt sagen Sie mir noch eines: Möch­ten Sie etwas zu essen oder zu trinken?“

„Etwas Trinkbares, das wäre nett.”

„Und was?“

„Egal - was Sie nehmen.“ Harry kaute an seiner Unterlippe und lief im Zimmer auf und ab.

Julia ließ zwei Cocktails bringen. Harry setzte sich wieder und stürzte das Getränk hinunter.

„Bürgerin“, begann Harry wieder. „Auf Arkturus II befand sich ein Mann namens Thor Magerland von Sirius VII. Er hat mir düs Leben gerettet. Können Sie herausfinden, was mit ihm gesche­hen ist?“

„Sie können unbesorgt sein, Harry, er ist frei wie Sie. Sie werden ihn bald se­hen.“

„Sie haben ihn auch befreit?“

„Nicht ich, die Partei. Heute abend wird er auch zur Versammlung kommen. Das heißt - wenn er uns helfen will, wie Sie. Das darf ich doch anneh­men, oder?“

„Das können Sie annehmen“, bestä­tigte Harry grimmig. „Und Sie können auch annehmen, daß Thor dazu bereit ist.“

„Das ist gut. - Und nun, Harry, kön­nen wir mit den Astronomielektionen beginnen.“

Sie drückte auf einen Knopf hinter der Liege. Die Verschalungen vor den Fenstern glitten zu, und die Sternenwand begann in natürlicher Leucht­stärke zu strahlen. Der Mond verbrei­tete mattes Licht über das Zimmer.

Die Liege vergrößerte sich auf das Doppelte.

Harry legte den Arm um ihre Taille, wie vorhin auf der Straße, und nun er­schrak sie nicht. Nun sah sie auch nicht mehr wie eine Maske aus, und ihr Ge­sicht war voller Leben und Bewegung.


* * *
 

Als sie bei Bettys Haus anlangten, war es bereits dunkel. Das Meer glitzerte, und der kahle Strand fing die sanften Wellen auf.

Der Mond stand tief, und der Him­mel war wolkenlos.

„Wir sollten wirklich bald mit den Astronomielektionen beginnen“, sagte Harry und drückte Julias Hand. „Ich meine, mit den achten. - Der Himmel hier auf Terra ist das Zweitschönste die­ses Planeten.“

„Und was ist das Schönste?“

Harry sah sie an. „Du, natürlich.“

„Sind die Kolonisten alle so liebens­würdig zu den Frauen?“ fragte Julia lachend.

„Sicher“, antwortete Harry über­rascht. „Hier etwa nicht?“

Julia schüttelte den Kopf und seufzte. „Warum sollte hier jemand liebenswür­dig zu einem anderen sein? Hier glaubt man, daß nur der Egoismus ein echtes und wahres Gefühl ist. Alle anderen Ge­fühle wären falsch und Selbsttäuschun­gen.“

„Glaubst du das auch?“ fragte Harry.

Sie zögerte. „Solange ich nicht eines Besseren belehrt werde, nehme ich an, daß es stimmt. Aber ich glaube nur be­dingt daran... Nein“, fügte sie leise hinzu. „Nein, Harry, ich glaube nicht mehr daran.“

Harry drückte wieder ihre Hand. „Das ist gut.“

Sie traten ins Haus. Es war hell er­leuchtet.

Hinter einer geschlossenen Tür vernahm man eine voluminöse Stimme. Harry grinste. „Das ist Thor, von dem ich dir erzählt habe. Unverkennbar.“

Julia öffnete die Tür.

Thor sprang auf, als sie eintraten. „Kamerad! Bruder! So eine Überraschung!“

„Wußtest du nicht, daß auf unseren Schultern die Zukunft der Partei liegt?“ grinste Harry.

„Nicht ganz“, sagte ein Mann und er­hob sich aus einem tiefen Stuhl. „Ich bin Henry Morgan, Bürger. Nicht nur auf Ihren Schultern liegt die Zukunft dieses Planeten. Wir haben im Lauf der Zeit genügend Einwanderer geworben, die so wie Sie in die Fallen gegangen waren, die dieser Planet für sie ausge­legt hatte. Sie alle sind bereit, uns zu helfen. Sie beide sind die letzten.“

Harry und Thor sahen einander an.

„Und um Ihnen die notwendigen In­formationen zu geben, sind wir heute hier zusammengekommen.“

Julia und Harry setzten sich mit Thor an den langen Tisch.

Morgan, ein großer, hagerer Mann mit tiefliegenden Augen und langer, ge­rader Nase setzte sich ihnen gegenüber. „Das hier ist Betty Kovacz, Bürger Burns, und das ist Peter Paulsen, der Betreuer von Bürger Magerland.“ Er deutete auf die beiden. „Dies ist Julia Riccardiello, Bürger Magerland, die sich bis zum Einsatz um Bürger Burns küm­mern wird.“

Die Tür öffnete sich wieder, und ein sehr schlankes, langbeiniges Mädchen trat ein.

Henry Morgan erhob sich und brachte sie an den Tisch. „Das ist Susan McGee. Sie wurde bereits kurz informiert, aber da sie hier bei unserer Gastgeberin wohnt, haben wir sie eingeladen, am Gespräch teilzunehmen. Bürgerin Mc­Gee ist in der gleichen Lage wie Sie.

Ich werde Sie jetzt ausführlich über die Partei und ihre Ziele informieren. und ich bitte Sie, mich zu unterbrechen. wenn Sie einen Einwand oder eine Frage haben. Jede Kleinigkeit ist wich­tig, Bürger. Auch die unwichtigste. Wir brauchen Ihre aktive Mitarbeit, wenn wir zu einem Erfolg kommen wollen Und niemand kennt die Verhältnisse auf Ihren Heimatplaneten so gut wie Sie Denken Sie daran.“

Er räusperte sich. „Bürger und Bür­gerinnen“, fuhr er leise fort und betonte jedes einzelne Wort. „In groben Zügen wissen Sie, worum es geht. Ich werde jetzt weiter ausholen, damit Sie die Hin­tergründe besser verstehen lernen.

Ich nehme an, Sie sind über die Ent­wicklung der Erde bis zum Jahr 2403, als sie sich von den Kolonialplaneten abkapselte, hinreichend informiert?“

Harry, Thor und Susan nickten.

„Gut“, fuhr Morgan fort. „Im Jahr 2403 war die Erde ein Planet des Überflusses. Mehr als hundert Kolonialplane­ten versorgten sie mit allem Notwendi­gen, sie gaben uns Nahrung und Roh­stoffe, und die Erde lieferte dafür Ma­schinen, Kleidung, Fertigprodukte. Ein recht einfaches System, das es schon in ähnlicher Art vor Hunderten von Jah­ren gegeben hatte. Ein System vor al­lem, das die Kolonialplaneten in ziem­licher Abhängigkeit hielt.

Die Produktion auf der Erde besorg­ten komplizierte und immer komplizier­tere Robotersysteme, die Terraner ar­beiteten anfangs nur mehr sporadisch, dann überhaupt nicht mehr.

Bis zum Jahr 2403 gab es noch ver­einzelte große Sportgruppen, die miteinander wetteiferten und deren Mit­glieder sehr angesehen waren. Aber danach...

Die Menschen wurden immer lethar­gischer, sie zogen sich immer mehr in ihre Wohnungen zurück - zum einen, weil die Gesetze so streng und vielfältig waren...“

Thor hob die Hand. „Bürger Morgan, ich habe eine Frage: Weshalb diese vie­len strengen Gesetze?“

Morgan lächelte. „Das ist eine lange Geschichte. Kurz gesagt: wenn Sie in die Vergangenheit zurückblicken, werden Sie erkennen, daß die Gesetzbücher im­mer umfangreicher wurden, je älter die menschliche Kultur wurde. Anfangs kam man mit zehn Geboten aus, nun ha­ben wir an die zwanzigtausend, die kei­ner kennt. Anfangs, hob der Mensch die Hand und schlug den anderen, wenn er ihn beleidigte, und die Sache war er­ledigt. Dann kam der Gesetzgeber und sagte, daß auch der Schwache, der belei­digt wurde, Recht auf Sühne hat, und er machte ein Gesetz.

Und dann kam der Mensch und wollte ein Gesetz für alle Eventualitäten, er wollte sich unter keinen Umständen mehr selbst schützen - Gesetze sind bequemer, als sich zu wehren.

Der Mensch hat sich abgekapselt von seinem Nächsten, wie unser Planet von den anderen. Er hat sich eingesponnen in ein Netz von Gesetzen zu seinem Schutz - letztlich, um zu verhindern, daß ihn irgendjemand aus seiner Le­thargie reißt. Tut er es dennoch, so fin­det sich bestimmt ein Gesetz für den Fall, und er wird hart bestraft.

Das ist eine flüchtige Begründung für die vielen Gesetze, Bürger.“

Thor starrte vor sich hin. „Danke, Bürger.“

„Die Menschen“, fuhr Morgan fort, „zogen sich also in ihre Wohnungen zu­rück. Die Gesetze waren der eine Grund, das Fernsehen der andere. Leben heißt Erleben, sagte unsere Philosophie.

Das Fernsehen begann, alles zu be­herrschen. Es genügte keinem mehr, Schauspieler agieren zu sehen. Das war längst uninteressant geworden. Anfangs nach den großen Kriegen, nach den Unruhen, hatte man die vielen Hin­richtungen, und damit ein spannendste Programm. Dann kamen die Gladiato­renkämpfe, aber es gab kaum Menschen, die bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Das war die Zeit, als die Erde begann, sich von den Kolonialplaneten abzu­schirmen, die man im Glauben ließ, die Erde sei ein Paradies, in dem zu leben ein Privileg ohnegleichen bedeute. Das Privileg einer Elite, die sich durch schwierigste Prüfungen qualifizieren mußte, das Paradies zu betreten. Aber das wissen Sie selbst.

Und diese Elite war ausersehen, die Menschheit auf dieser Erde zu unterhalten.“

„Aber“, unterbrach ihn Harry, „damit wollen Sie doch nicht sagen, daß einzig und allein die Nachschubregelung für das verbrauchte Menschenmaterial der Grund für diese Abkapselung war?“ fragte Harry ungläubig.

Morgan zögerte. „In gewisser Weise doch“, sagte er dann. „Sicher, man woll­te auch nicht, daß den Kolonialplaneten klar wurde, welch ein Parasitendasein der Mutterplanet führte, denn dann mußte man gewärtig sein, daß die Kolo­nialplaneten aufhörten, den Parasiten zu nähren.“

„Wenn ich es recht verstehe“, sagte Harry, „so muß es doch irgendjemanden hier geben, der Interesse daran hat, die Massen einzulullen, ihnen ihr Vergnügen und ihre Lethargie zu geben. Wer ist das? Wer hat Interesse daran, das Fernsehen zum einzigen Lebens­zweck der Menschheit auf Terra zu ma­chen?“

„Der Rat der Zehn, Bürger. Und ver­wechseln Sie unseren Rat der Zehn nicht mit dem Ihren. Bei Ihnen ist der Rat eine Art Regierung zum Wohl der Bürger. Bei uns ist er die Konzentration von Machtstrebungen - Leute, die die Macht genießen, bilden den Rat der Zehn. Und sie kontrollieren die Fernsehstationen und damit die Wähler. Da­her das hysterische Wetteifern der Sta­tionen um das beste, das spannendste Programm.“

„Und ich dachte daran“, sagte Susan McGee leise, „hier auf Terra meine Stu­dien fortsetzen zu können, in einer kul­tivierten Atmosphäre, in einem Paradies.“

Eine Weile war es ruhig im Raum.

„Wir sahen in den Terranern fort­schrittliche, moderne Menschen, die mit Recht stolz auf ihre Errungenschaften waren“, sagte Harry. „Das war, glaube ich, der größte Anreiz, hierherzukom­men: zu diesen Besseren zu gehören, ein Terraner zu werden. Mit allen Rechten und allen Pflichten.“

„Das System hat keine Pflichten für die Masse“, fuhr Henry Morgan fort. „Es kennt nur Rechte für den einzelnen. Und wenn er arbeitet, hat er noch mehr Rechte, außer der Genugtuung, zu den wenigen zu gehören, deren eigene Lei­stung in dem Gewirr von Robotern Gel­tung hat. Das Kuriose an diesem System ist, daß die Elite arbeitet und die Masse nichts tut.“

Harry dachte an Wega IV, wo man die Probleme der Erde nicht kannte. Auf seinem Heimatplaneten war alles auf die Nahrungsmittelproduktion eingestellt. Alles andere mußte importiert werden — jeder Roboter, jedes Kleidungsstück, jede Maschine.

Natürlich erledigten die Roboter die Schwerarbeit. Aber die Koordination, die Arbeitsprozeßeinteilung, die qualifi­zerteren Arbeiten verrichtete der Mensch. Es war ein zufriedenes Leben auf Wega IV, aber weit entfernt vom Nichtstun auf dem Paradiesplaneten Erde.

„Unsere Partei“, sagte Henry Morgan in die Stille, „hat sich die Aufgabe ge­setzt, die Erde aus ihrer Lethargie wach­zurütteln und die Terraner zu einer sinnvollen Betätigung zu zwingen.“ Er hob die Hand, als er merkte, daß Harry und Thor ihn unterbrechen wollten. „Ich weiß, Sie werden einwenden, daß die Menschheit glücklich und zufrieden ist und nicht gezwungen werden darf, etwas zu tun, was sie nicht tun will. Die­sem Einwand bin ich in den eigenen Rei­hen schon oft begegnet. Er wurde dis­kutiert und verworfen. Wenn Sie es sich genau überlegen, Bürger, werden Sie merken, daß das Schlagwort vom eige­nen Willen hier fehl am Platz ist. Es hätte auch keinen Sinn, Sie eines Besseren belehren zu wollen. Wenn Sie da­von überzeugt sind, daß der eigene Wille einer hohlen, leeren Ansammlung von menschlichen Wesen so hoch gehal­ten werden soll, daß Sie Ihre Mitarbeit verweigern müssen, dann sagen Sie es bitte.“

„Wir machen mit“, sagte Thor, ohne Harry anzusehen.

„Gut. Sie wissen im großen und gan­zen, woraus diese Mitarbeit besteht. Sie werden auf Ihre Heimatplaneten zu­rückgebracht und sollen dort Bericht er­statten über alles, was Ihnen seit Ihrer Abreise von daheim widerfahren ist. Zugleich mit Ihnen tun das alle jene, die wir befreit haben, auf ihren jeweiligen Heimatplaneten. Sonst haben Sie nicht zu tun.

Wir sind überzeugt davon, daß die Kolonialplaneten die Konsequenzen zie­hen werden.“

Harry stand auf und ging im Raum auf und ab. „Julia hat mir das angedeu­tet. Meines Erachtens gibt es nur einen Weg: Wenn die Kolonialplaneten erfah­ren, welch ein Parasitendasein die Erde auf ihre Kosten führt, werden sie ihre Beziehungen zu Terra abbrechen. Wenn ich recht verstanden habe, ist es das, was Sie wollen. Das würde aber den to­talen Zusammenbruch Terras bedeuten. Der Gedanke ist natürlich verlockend, aber Rache war noch nie ein guter Weg, etwas zu erreichen.

Für die Kolonialplaneten würde es schließlich auch genügen, keine Menschen mehr nach Terra reisen zu lassen. Das System hier fortzuführen oder zu ändern, ist einzig und allein die Sache Terras.“

Julia schloß die Augen und lehnte sich zurück. „Dann hätte die Partei ihren eigentlichen Zweck nicht erreicht, Harry. Unser aller Wunsch ist es, aus unseren Mitbürgern wieder denkende, handelnde Wesen zu machen, mit einem Wort: Menschen. Und wenn du glaubst, daß es genügt, die Einreise von weiteren Kolonisten zu verhindern, dann irrst du dich. Die Kolonialplaneten dürfen keine Rohstoffe, keine Nahrungsmittel -- nichts mehr nach Terra schicken. Alle Lieferungen müssen eingestellt wer­den.“

„Aber das wäre doch glatter Mord an der hiesigen Bevölkerung!“ meinte Su­san McGee erschrocken.

„Nein, das stimmt nicht“, sagte Mor­gan und sah Susan unverwandt an. „Wir haben alle Vorbereitungen getroffen, die das verhindern sollen.“

„Ich glaube“, dröhnte Thor, „wir re­den hier viel zuviel über die armen Ter­raner, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sicher, ich gebe zu, Ihre Partei hat das Ziel, dies zu ändern. Aber ich sehe wirklich nicht ein, warum wir darunter leiden sollen? Denn zweifellos bedeutet es einen schweren Schlag für uns, auf den Aus­tausch mit Terra zu verzichten, ja es trifft uns weit härter als die Erde! War­um sollen wir, nur um die Terraner aus ihrer Lethargie aufzurütteln, uns in ein wirtschaftliches Chaos einlassen?“

„Hören Sie mir zu“, sagte Morgan er­regt. Er stand auf und ging auf und ab. „Wird der Nachschub von Rohstoffen und Menschen für Terra abgeschnitten, wird folgendes eintreten: Die Leute werden anfangs glauben, es würde sich alles bald wieder einrenken, und vorerst nichts unternehmen. Dann würde es zu einem Engpaß in der Versorgung kom­men, zur Rationierung. Die Produktion von Fertigprodukten für die Kolonial­planeten müßte gestoppt werden, und nicht zuletzt würde das Fernsehen seine Programme arg beschneiden müssen. Spätestens dann würden die Terraner merken, daß die Lage ernst ist.“

„Dann käme es zu einer Panik“, meinte Susan.

„Möglich. Hoffentlich. Jedenfalls müß­ten die Terraner in aller Eile darangehen, selbst für ihre Lebensnotwendig­keiten zu sorgen.

Wir haben dafür vorgesorgt: Die mei­sten unserer Mitglieder haben eine Spe­zialausbildung für diesen Fall. Das be­deutet, daß wir am Tag X sehr wohl in der Lage sein werden, den Leuten zu zeigen, wie man sich selbst hilft. Und zu einem späteren Termin könnten neue Verträge mit den Kolonialplaneten ausgehandelt werden.“

„Wer garantiert uns das?“ warf Su­san McGee ein. „Was, wenn die Terraner keine Lust auf neue Verträge ha­ben? Wenn sie glauben, auch ohne uns auskommen zu können? Was tun wir dann? Wir haben keine effektiven Pro­duktionsmittel, wir können nicht ohne Fertigprodukte existieren! Was geht uns überhaupt die Erde an?“

Betretenes Schweigen folgte ihrem Ausbruch. Erschöpft lehnte Susan sich wieder zurück.

„Auf diese Argumente waren wir vorbreitet“, meinte Henry Morgan leise. „Um Ihnen für alle Eventualitäten eine Garantie geben zu können, haben wir eine Menge von elektronischen Spei­cherzentren mit unseren Leuten besetzt, die im Notfall dafür sorgen könnten, daß Sie alle in der Lage sind, die Produktion von Fertigprodukten aufzuneh­men.

Obwohl ich nicht glaube, daß es soweit kommen wird. Mit denkenden Menschen kann man auch diskutieren, und das Denken werden die Terraner dann nötig haben.

Und ich bitte Sie außerdem zu er­wägen, daß auch unter den Kolonialplaneten Tauschhandel getrieben wird. Wega IV zum Beispiel liefert, soviel mir bekannt ist, Lebensmittel nicht nur an die Erde, sondern auch an drei andere Planeten, stimmt's?“

Harry nickte. „Aber für andere Plane­ten wäre das Ende der Lieferungen an Terra gleichbedeutend mit dem Ab­schneiden ihres Lebensnervs.

Trotzdem finde ich den Plan gut und richtig. Denn wenn wir uns auf unseren Heimatplaneten umsehen, so finden wir die gleiche Situation in abgeschwächter Form auch bei uns. Auch bei uns sind die Menschen faul und bequem gewor­den. Es gibt keine dynamische Weiter­entwicklung mehr, wie noch vor hundert Jahren. Es hat sich ein System gebildet und festgefahren. Man denkt nicht mehr, man tut nur mehr einfach das, was nötig ist, und verläßt sich auf die Gelehrten auf Terra - die es nicht gibt.

Sonst wären wir doch wohl kaum in der Situation, unsere eigenen Rohstoffe nicht weiterverarbeiten zu kön­nen - ohne die Hilfe der elektronischen Speicher von Mütterchen Erde ...“, setzte er sarkastisch hinzu.

„Trotzdem“, meinte Thor, „können Sie nicht von uns verlangen, daß wir stellvertretend für unsere Heimatplane­ten sprechen. Ich bin bereit, nach Sirius VII zurückzukehren und zu berichten. Dann wird man weitersehen. Da es sich um eine sehr wichtige Entscheidung handelt, glaube ich, daß es zu einer Volksabstimmung kommen wird. Ganz sicher aber wird kein Bürger von Sirius VII mehr auf die Erde reisen, das garan­tiere ich Ihnen. Und wenn ich ihn vorher eigenhändig erwürgen muß“, setzte er grimmig hinzu, und die anderen schwiegen einen Augenblick beein­druckt. Der riesige Mann von Sirius VII sah so aus, als ob er seine Drohung wahrmachen würde.

Morgan lächelte. „Wir haben nicht an­genommen, daß irgendjemand von Ihnen uns bindende Zusagen machen kann. Wir wollen auch nichts anderes, als daß Sie Ihren Leuten berichten ­nichts als die Wahrheit. In den Tagen, die Sie noch hier verbringen werden, werden Sie Gelegenheit haben, die Ter­raner genau zu beurteilen. Sie werden sich überzeugen können, daß wir nicht übertrieben haben.

Sie werden bei Ihrer Rückreise alle notwendigen Unterlagen, Dokumenta­tionen und Filme, mitnehmen können. Und dann soll jeder Planet entscheiden, was zu tun ist.“

„Wann werden wir zurückreisen?“ fragte Susan zögernd.

„In einigen Tagen“, sagte Henry Mor­gan unbestimmt.

„Ich bin nicht davon überzeugt“, seufzte Harry zweifelnd, „daß es Ihnen tatsächlich gelingen wird, uns von Terra wegzubekommen. Wie wollen Sie das machen? Die Bestimmungen sind zu streng, die Kontrollen lassen sich nicht umgehen. Es ist unmöglich!“

Henry Morgans tiefliegende, helle Augen sahen Harry gerade an. „Es ist möglich“, meinte er still.

 

* * *

 

Harry zog es vor, statt in die Woh­nung, die ihm der Planet Terra zur Verfügung gestellt hatte, zu Julia zu ziehen. Er traf, sooft es möglich war, mit Thor Magerland zusammen und sprach auch noch einmal mit Henry Morgan.

Er mochte Julia sehr, sie war ein auf­gewecktes Mädchen, und sie verstanden sich ausgezeichnet. Harry fragte sich des öfteren, ob das, was ihn mit Julia ver­band, Liebe war, und Julia fragte sich das gleiche.

In den wenigen Tagen, die ihn noch von seiner Rückkehr trennten, reiste er mit Julia zu verschiedenen Punkten der Erde, die für seine Aufgabe interessant waren. Er sah die uniformen Städte, die gleichgültigen, seltsam abwesend, wir­kenden Menschen, er sah aber auch die Schönheiten dieses Planeten, für die niemand mehr Interesse hatte, außer ein paar verschrobenen Einzelgängern von fernen Welten. Er sah die riesigen Wasserflächen, die sie Meer nannten, und die kahlen, hohen Gebirge. Er sah die weiten Sandflächen, die vor einigen hundert Jahren blühende Gärten gewe­sen waren und die damals den Ruf der Erde als Paradies begründet hatten.

Die Fortschrittspartei finanzierte sei­ne Reisen. Sie war eine reiche Partei, die meisten ihrer Mitglieder arbeiteten schon seit Jahren und hatten weit mehr Geld zur Verfügung, als sie je ausgeben konnten.

 

* * *

 

Und dann kam der Tag der Abreise.

Die Partei hatte alles sorgfältig vorbe­reitet, sie verfügte zwar über keine Raumschiffe, aber an den wichtigsten Positionen saßen ihre Leute, und das war der beste Garant für das Gelingen des schwierigen Plans, nach hundert Jahren die ersten Passagiere von der Erde in den Raum hinaus zu schicken.

So hatte es genügt, die Robotgehirne der Raumschiffe, die Harry und seine Gefährten auf ihre Heimatplaneten zurückbringen sollten, umzupolen: Sie wurden informiert, daß sie einen Passagier von der Erde wegzubefördern hatten. Dazu brauchte man nichts als eingeweihtes Kontrollpersonal für die Wartungsroboter, die den Umbau vor­nehmen mußten.

Harry fuhr mit Julia und Paulsen zum Raumhafen. Vor der Sperre hielten sie an.

„Harry“, sagte Julia leise. „Ich möchte mich von dir verabschieden, bevor wir durch die Sperre sind. Denn dann muß alles sehr rasch gehen.“

Harry nahm sie in die Arme. „Danke für alles, Julia“, sagte er.

„Vielleicht... Vielleicht sehen wir uns wieder...“

Harry sah in ihre dunklen Augen. „Bestimmt, Julia.“

Die Sperre öffnete sich, und sie eilten durch. Der Leiter des Raumhafens war pünktlich zur Stelle gewesen und hatte die Automatik außer Betrieb gesetzt, um ihnen den Eintritt zu ermöglichen.

Das Kontrollsystem notierte eine Stö­rung der Sperranlagen und sandte die Notiz innerhalb von drei Zehntelsekun­den über die Teleschirme des Raumhafenleites.

Der Leiter übergab die Sperre wieder an Automatik und stornierte Alarmstufe eins A.

„Rasch“, sagte Paulsen zu Harry. „Wir haben noch dreißig Sekunden.“

Sie eilten durch die Raumhafenanla­gen und waren in weniger als einer hal­ben Minute auf dem freien Hafenge­lände.

Sie nahmen einen der kleinen Trans­porter und fuhren bis zum Raumfrach­ter, der Harry zurückbringen sollte.

Paulsen drückte ihm fest die Hand. „Alles Gute, Bürger Burns. Wir werden in Gedanken bei Ihnen sein.“

„Ich weiß“, sagte Harry. „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.“

Er winkte Julia zu.

Sie lächelte. Es war ein trauriges Lä­cheln und sagte: Ich werde dich vermis­sen, Harry.

 

* * *

 

„Wir sind auf Wega IV gelandet, Sir“, sagte die melodische Roboterstimme, und Harry sprang von seinem federn­den Bett auf. Er zitterte vor Ungeduld, seine Heimat wiederzusehen.

Die Rückreise war schnell vergangen. Henry Morgan hatte ihm eine Menge Unterlagen mitgegeben, und Harry hatte sie genauestens studiert.

Er war zufrieden, die Fortschritts­partei hatte ganze Arbeit geleistet. Mit diesem Dokumentenmaterial war es nicht schwer, die Leute von Wega IV zu überzeugen.

Harry war auf einem Frachter gereist, der Ersatzteile für die komplizierten Erntemaschinen geladen hatte. Diesmal brauchte er keinen Schutzanzug wie bei seiner Ankunft auf Terra, als er mit Liefgekühltem Gemüse gereist war.

Zusammen mit den Maschinen ließ er sich ins Freie tragen.

Wega IV empfing ihn mit Sonne und Hitze, über der sich ein tiefblauer, fast violetter Himmel spannte.

Tief atmete er die vertraute Luft ein und lachte übermütig.

Roboter begannen, die Waren in Emp­fang zu nehmen, in fünfhundert Schritt Entfernung stand ein Raumschiff mit einer Gruppe Menschen herum. Riesen­förderbänder transportierten Tiefkühl­gemüse in den Frachtraum des Raum­schiffes, das für die Erde bestimmt war.

Harry wußte, was das zu bedeuten hatte: Wieder sollte ein überglücklicher Passagier von Wega IV ins Paradies rei­sen.

Niemand beachtete das Raumschiff, mit dem er gelandet war. Roboter ver­richteten die Arbeit. Einen Passagier konnte niemand erwarten.

Harry wandte sich zu dem Tiefkühl­frachter und rannte auf die Gruppe zu, die danebenstand. Irgendjemand er­blickte ihn, und plötzlich sahen alle überrascht in seine Richtung.

Schweratmend blieb Harry vor der Gruppe stehen. Ein Mann im Rauman­zug wartete mit gerötetem Gesicht auf den Start. Seine Familie umringte ihn. Der Stellvertretende Raumhafenleiter war da, um dem Passagier im Namen des Planeten alles Gute für seine viel­versprechende Zukunft zu wünschen.

„Mister Tamtera!“ rief Harry. „Er­innern Sie sich nicht an mich?“

Tamtera, der stellvertretende Raum­hafenleiter, war ein Freund seiner Familie. Er sah Harry ungläubig an. „Harry Burns...“, sagte er langsam und schien seinen Augen nicht zu trauen.

„Ja, ich bin's!“ grinste Harry. „Eben von Terra zurückgekehrt, Sir!“

„Aber das ist doch...“

„Sir, um alles in der Welt, lassen Sie diesen Mann nicht einsteigen!“ rief Harry und deutete auf den jungen Mann, der im Raumanzug in der Gruppe stand.

Der junge Mann machte eine heftige Bewegung.

„Ich kann es Ihnen nicht in wenigen Minuten erklären, Mister Tamtera. Glauben Sie mir, ich weiß, was ich sage. Verhindern Sie seine Abreise!“

Die Gruppe begann erregt da­zwischenzurufen.

„Er hat seine Prüfungen bestanden, Harry!“ rief Tamtera ungeduldig. „Er hat ein Recht...“

Harry unterbrach ihn mit einer Hand­bewegung. Er trat an den jungen Mann heran. „Bleiben Sie hier!“ sagte er ein­dringlich. „Hören Sie sich erst an, was ich zu berichten habe. Sie können immer noch abreisen. Aber die Tatsache, daß ich zurückgekommen bin, sollte Ihnen doch zu denken geben, oder?“

Der junge Mann verzog keine Miene.

„Meine Freunde“, sagte Harry und blickte jeden einzelnen an. „Wir wurden grausam getäuscht. Terra ist nicht das Paradies, von dem wir alle träumen. Terra ist die Hölle. Der Grund, warum keiner der Passagiere je zurückkam, ist der, daß man sie dazu braucht, um sie den übersättigten Terranern als Fern­sehunterhaltung zu opfern. Freunde, hört mir zu...“, rief er, als man ihn un­terbrach und ihn Lügner nannte.

„Freunde“, fuhr er fort, als sie sich beruhigt hatten, „es stimmt. Man nimmt uns die Besten, gaukelt ihnen ein Para­dies vor, das es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt, und bricht alle Brücken hin­ter ihnen ab. Dann läßt man sie die grausamsten Abenteuer bestehen, um den Terranern spannende Fernseh­serien zu bieten. Das ist, kurz gesagt, das Schicksal jener, die von ihren Hei­matplaneten auf die Erde kommen.

Das war auch mein Schicksal. Und das wird auch das Ihre sein, mein Freund, wenn Sie mir nicht glauben.“

Harry hatte sehr ernst gesprochen. Der junge Mann sah ihm gerade in die Augen. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen glauben kann“, sagte er langsam.

„Das ist Ihre Sache“, sagte Harry brüsk. „Ich habe meine Menschenpflicht getan und Sie gewarnt. Und jetzt werde ich darangehen, den ganzen Planeten zu warnen.“ Er drehte sich um und ging davon.

Tamtera ging neben ihm her, als er zu seinem Frachter zurückkehrte, um sein Gepäck zu holen.

„Ich hoffe, Sie haben Beweise für diese ungeheuerlichen Anschuldigungen”, sagte Tamtera.

„Die habe ich“, sagte Harry grimmig.

„Dann rufe ich den Vorsitzenden des Rats an“, meinte Tamtera entschlossen.

Harry nickte. „Tun Sie das, Sir!“

Tamtera wandte sich zu den Gebäu­den, während Harry seine Gepäckstücke einsammelte und einem Roboter über­gab. Dann ging er zu Tamteras Büro.

Tamtera war mitten in einem Ge­spräch. Am Televisor zeigte sich ein hübsches Mädchengesicht. Wie sehr er die schrägen Augen und die braune Haut der Menschen seiner Heimat ver­mißt hatte, dachte Harry.

„..:und bestellen Sie Mister Fried­berg, daß Harry Burns zurückgekommen ist“, schnappte Tamtera ungedul­dig. „Mister Burns hat uns vor einem halben Jahr verlassen, um nach Terra zu reisen.“

„Mister Friedberg...“, begann das Mädchen, dann machte sie große Augen. „Von Terra, sagten Sie? Von Terra zu­rückgekommen? Ich unterbreche sofort die Simultanschaltungen“, sagte sie ent­schlossen.

Die Verbindung erlosch.

„Hoffentlich tut sie's wirklich“, mein­te Tamtera skeptisch. „Sie haben große Konferenz heute.“

Harry ließ sich auf einer der riesigen Liegen nieder, die vor den Glaswänden standen, durch die man den Raumhafenbetrieb beobachten konnte. Hier hatte er manche Tage verbracht, als er ein Junge war und vom Paradies Erde träumte.

Nach einer Minute erschien das er­regte Gesicht Friedbergs, des Ratsvorsitzenden, am Televisor.

„Stimmt es, da einer unserer Bürger von Terra zurückgekehrt ist?“ fragte er.

„Ja, Mister Friedberg“, sagte Tam­tera. „Harry Burns, er ist hier bei mir.“

„Mister Burns“, sagte Friedberg.

„Darf ich Sie bitten, sofort zu mir zu kommen?“

Harry nickte.

„Mister Tamtera, ich hielte es für das beste“, wandte sich Friedberg an den stellvertretenden Raumhafenleiter, „alle Flüge nach Terra bis zur Klärung der Situation zurückzuhalten. Was mei­nen Sie?“

„Ich bin Ihrer Meinung, Mister Fried­berg.“

 

* * *

 

Harry Burns hatte seinen Bericht be­endet. Außer dem Vorsitzenden des Staatsrates hatten noch drei Ratsmit­glieder der Schilderung Harrys zuge­hört.

Sie hatten ihn nicht unterbrochen.

Harry hatte sich auf das Wesentliche beschränkt, war sachlich geblieben und hatte es vermieden, seinen Bericht auch nur im geringsten auszuschmücken.

Harry legte seine Tasche auf den Tisch. „Hier befinden sich die nötigsten Unterlagen. Statistiken, Dokumentar­filme, Fernsehsendungen, in denen Bürger unseres Planeten sterben.“

Friedberg nickte.

Er ließ sich mit Tamtera verbinden. „Mister Tamtera, Sie werden innerhalb der nächsten Stunden eine offizielle Be­nachrichtigung bekommen, Flüge nach Terra bis auf Widerruf einzustellen. Würden Sie den Raumhafenleiter da­hingehend informieren?“

Tamtera nickte. „Sofort, Mister Fried­berg.“

„Ihr Bericht ist ungeheuerlich“, mein­te Friedberg zu Harry Burns und bewegte unruhig die Hände. „Einfach un­geheuerlich.“

„Sir, es stimmt alles, ich habe nichts...“

„Ich glaube Ihnen, Mister Burns. Es wäre zu sinnlos, solche Anschuldigungen zu erfinden. Es ist nur...“ Er machte eine kleine, etwas hilflose Handbewe­gung. „Es ist nur - nicht ganz einfach, völlig unvorbereitet von einer Überzeu­gung Abschied zu nehmen.“

Er stand auf und schritt vor den brei­ten Glasscheiben auf und ab. „Seit hun­dert Jahren senden wir die geistige und körperliche Elite unserer Planeten zur Erde - um sie in den sicheren Tod zu schicken. Ich hoffe, Mister Burns, Sie werden das, was Sie uns hier erzählt haben, auch heute abend in einer ersten Informationssendung wiederholen.“

„Natürlich“, sagte Harry.

„Mister Breschkow“, wandte sich Friedberg an einen der Räte, die schwei­gend um den Tisch saßen, „ich glaube, es wäre am besten, Sie würden das Nö­tige veranlassen. Das Material, das Mi­ster Burns mitgebracht hat, muß gesich­tet und geordnet werden.“ Er drückte auf die Sprechtaste des Televisors. „An­gela, bitte eine Simultanschaltung für den Staatsrat in zwei Stunden.“

Friedberg stand vor dem Tisch und spielte mit Harrys Tasche. „Mister Burns, Sie sollten Mister Breschkow bei der Zusammenstellung des Materials helfen.“

Es war für Harry recht einfach, sich in dem umfangreichen Material zurecht­zufinden. Er hatte sich auf dem Weg von Terra nach Wega IV mit nichts anderem beschäftigt.

Als er vor dem Staatsrat seinen Be­richt wiederholte, war die Reaktion anders als bei Friedberg und den drei Ratsmitgliedern. Die Staatsräte nahmen es nicht so ruhig hin. Sie schrien erbost durcheinander, und mit manch einem der Männer ging die Wut durch.

Die anschließende Debatte konnte Harry nicht hören. Er mußte zurück zu seinem Material für die Abendsendung.

Breschkow war ein Fachmann. Er ar­beitete schnell und mit ruhiger Sachkenntnis. Aber auch er blickte manch­mal sekundenlang mit hellem Entsetzen auf die Szenen, die in dem Bildmaterial enthalten waren.

„Haben wir eigentlich noch keine Be­richte von anderen Planeten, Mister Breschkow?“ fragte Harry. „Die ande­ren Einwanderer hat man so zurückrei­sen lassen, daß wir alle innerhalb eines Zeitraums von achtundvierzig Stunden auf unseren Heimatplaneten landen.“

„Nein“, sagte Breschkow. „Aber das wundert mich nicht. Wir haben ja keine direkten Verbindungen zu den anderen Planeten, außer zu Wega V, und der ist nahezu unbewohnt. Und die Raum­schiffe brauchen doch eine Weile, bis sie von einem zum anderen kommen.

Sobald wir die Startsperre aufheben lassen, werden wir natürlich alle Infor­mationen weitergeben lassen, nehme ich an.“ Er grinste. „Nun, da wir wissen, was dort drüben auf Terra passiert, wol­len wir es doch alle unsere Freunde wis­sen lassen.“

Harry nickte. Manchmal dauerte es sechs Monate, bis ein und derselbe Frachter von der Fahrt zurückkehrte. Und es gab keine bessere Möglichkeit, Nachrichten zu übermitteln, obwohl Harry auf Terra gehört hatte, daß man dort nicht auf Frachtschiffe angewiesen war... Aber hier, auf diesem Hinterwäldlerplaneten, wie die Terraner ver­ächtlich sagen würden - hier machte sich niemand Gedanken über die Vor­teile einer leistungsfähigen Nachrich­tentechnik.

Breschkow reichte Harry den Zettel mit der Programmfolge.

Dann brachte man Harry mit dem Lufttaxi zum Sendegebäude. Die Sonne stand tief, der Himmel war violett. Harry genoß den Anblick des flachen Horizonts und der weiten, eintönigen Ebenen.

Im Sendegebäude ging es bereits hek­tisch zu. Alle waren gespannt auf Har­rys Bericht. Man wußte inzwischen, wel­che Neuigkeiten Harry brachte, aber der Mann, der von Terra zurückgekommen war, war doch Sensation Nummer eins.

Der Programmdirektor nahm Harry in Empfang. „Sie haben noch zehn Mi­nuten Zeit, Mister Burns“, sagte er. „Mi­ster Friedberg hält die Einführungsrede. Wollen Sie ihr folgen?“ Er deu­tete auf den riesigen Bildschirm an einer Wand des Raumes.

Harry schüttelte den Kopf. Er war nervös. Es hing soviel davon ab, ob es ihm gelang, seinen Mitbürgern ein wahrheitsgetreues Bild dessen zu geben, was sie bisher Paradies genannt hatten.

Er dachte an den Raumhafen auf Terra, an seine Landung, er dachte an Julia, an Henry Morgan und Peter Paul­sem festen Händedruck beim Abschied.

Er wurde direkt ins Studio gebracht.

Das rote Warnlicht flackerte.

Fünfzig Millionen Menschen würden seinen Worten folgen. Fünfzig Millionen Menschen würde er zu überzeugen ha­ben. Vor fünfzig Millionen würde er Terras Gloriole zerstören müssen.

Das rote Warnlicht glühte auf, und auf dem Monitor erschien ein Gesicht. Sein Gesicht.

Er lächelte nicht.

„Mein Name ist Harry Burns“, be­gann er mit harter, sicherer Stimme. „Vor mehr als einem halben Jahr flog ich nach Terra. Ich verließ diesen Planeten, um ins Paradies Erde zu reisen, um es nie mehr zu verlassen. Aber das Schicksal war gnädig mit mir, und ich durfte zurückkehren...“


* * *


Harrys Bericht dauerte fast zwei Stunden. Als er geendet hatte, war er schweißgebadet, trotz der leistungsfähi­gen Klimaanlage des Studios. Erschöpft erhob er sich und ging hinaus.

Hinter sich ließ er Henry Morgans Stimme, die den Kommentar zum letz­ten seiner Dokumentarfilme sprach.

Harry verließ das Studio und ging langsam durch die leeren Korridore, die sich so sehr von denen auf Terra unter­schieden. Harry blickte die kahlen Wän­de entlang, vorbei an den Metalltüren und fragte sich vergebens, was den Un­terschied wohl ausmachte.

Er ging zu einem der Aufzüge und ließ sich auf die Dachterrasse tragen. Unter langwedeligen Palmen standen die Tische mit den Erfrischungen für die Angestellten des Sendegebäudes.

Harry ließ sich an einem Tisch nieder und verlangte einen Imbiß.

Die Nacht war hereingebrochen. Un­ten sah er die hellen Straßenbänder von Philips Town, oben standen drei der vier Monde, die ein sehr schwaches, sanftes Licht verbreiteten.

Der Roboter brachte eine Platte mit Snacks, aber Harrys Hunger war verschwunden. Plötzlich hatte er keinen an­deren Wunsch, als zu seiner Familie zu­rückzukehren.

Er schob das Tablett weg und stürzte hastig einen Drink hinunter.

Er sprang in den Aufzug und fuhr ins Erdgeschoß. Unten nahm er eines der Robotfahrzeuge, programmierte das Ziel und drückte nach einigem Zögern die Taste für Vorrang ersten Grades, den keiner seiner Mitbürger gern und ohne ausreichenden Grund in Anspruch nahm.

Er raste durch die weitläufige Stadt, mit ihren unzähligen Wäldchen und spindelförmigen Wohnblocks dazwi­schen. Die von unten her beleuchteten Straßen waren leer.

Als Harry Burns vor dem Haus seiner Eltern stand, kam ihm die Szene in den Sinn, die sich vor einem halben Jahr hier abgespielt hatte. Würde es wieder so sein wie damals?

Er trat ein und ging ins Wohnzimmer.

Sein Vater sprang auf und eilte ihm entgegen. Seine Mutter sah ihn wortlos an.

„Harry!“ rief sein zwölfjähriger Bru­der und hieb ihm wohlgezielt auf den Solarplexus.

Da wußte er, daß er daheim war.

„Setz dich, mein Sohn“, sagte sein Va­ter. „Wir wollen froh sein, daß du wie­der da bist.“

„Hat der Staatsrat eine Volksabstim­mung beantragt?“ fragte er und deutete mit dem Kinn auf den Fernsehschirm, er jetzt dunkel war.

„Ja, das hat er. In sechsunddreißig Stunden.“

„Worüber wird abgestimmt?“

„Über die Frage, ob wir die Lebens­mittellieferungen für Terra stoppen sol­len, trotz der Schwierigkeiten, die dieser Schritt mit sich bringen würde.“

Harry atmete auf. „Und wie ist es mit den Reisen?“

„Es wurde einstimmig beschlossen, alle Reisen nach Terra einzustellen.“

„Und wie denkt ihr über das Ganze?“

Sein Vater sah ihn ernst an. „Ich glaube, deine Frage ist überflüssig, Sohn. Wir stimmen für die Einstellung der Lieferungen, die ist doch klar. Auch wenn die erste Zeit hart werden wird.“

Harry zögerte. „Ihr seid euch über die Konsequenzen im Klaren?“

Sein Vater nickte. „Ja. Aber wir wis­sen auch, daß wir es durchstehen können. Die Kolonialplaneten werden sich vereinigen. Sie müssen einander helfen. Wir werden umlernen müssen, vorallem werden wir um eine Illusion ärmer sein, aber wir werden es schaf­fen.“

Harry schloß die Augen und lehnte sich zurück. Henry Morgans Weg war der richtige gewesen. Aber konnten die Kolonialplaneten sich wirklich so völlig und so abrupt von der Erde lösen? Wie lange würde es dauern, bis ihnen allen der Mangel an Maschinen, an Raum­schiffen, an Kleidung an den Lebensnerv ging?

„Nach einer Blitzumfrage hat man festgestellt“, fuhr sein Vater fort, „daß mehr als achtzig Prozent für die Ein­stellung der Lieferungen sind.“

„Es widerspricht aber dem interpla­netarischen Abkommen von 2403“, sagte Harry leise.

Als Antwort lachte sein Vater auf. „Ach wirklich?“ fragte er grimmig.

„Du wirst sehen“, meinte Harry, „viele werden, nachdem der erste Zorn verraucht ist und sie wissen, welche Konsequenzen dieser Schritt nach sich zieht, ihre Meinung ändern und für die Fortsetzung der Lieferungen stimmen.“

„Das mag sein“, gab sein Vater zu. „Aber es werden genügend Stimmen für die Einstellung der Lieferungen übrig­bleiben!“

Und er behielt recht. 76 Prozent der Bevölkerung von Wega IV waren dafür, die Lieferungen an Terra einzustellen.

Raumschiffe, die von der Erde kamen, wurden nicht mehr abgefertigt, die Wa­ren, die sie brachten, nicht angenom­men, sondern sofort zurückgeschickt.

Wega IV hatte sich entschieden.


* * *


Bevor sie in die Halle des Hauses trat, legte Julia einen Augenblick lang müde die Hand über die Augen. Sie war erschöpft von ihrer Aufgabe, die Bevöl­kerung von den Geschehnissen zu infor­mieren - die Bevölkerung, die fassungslos vor den Fernsehschirmen saß, auf denen uralte Filmserien abrollten, zerdehnt von langweiligen Kommen­taren, zerrissen von unnatürlich heite­ren Sprechern, die sich den Anschein gaben, als wäre das Programm wie im­mer, als hätte es nie eine Änderung ge­geben.

Niemand hatte die Bevölkerung der Erde über die Ereignisse informiert, so mußte es die Fortschrittspartei tun.

Es war ihr siebzehntes Haus heute, und Julia war am Ende.

Als sie in die Halle trat, hörte sie das Stimmengewirr aus den Gemeinschafts­räumen. Und diesmal hörte man deut­lich, daß es nicht allein aus den ver­mischten acht Hauptprogrammen be­stand.

Sie atmete tief ein, als sie einen der Gemeinschaftsräume betrat. Er war zum Bersten gefüllt von erregten Menschen.

Sie reden jetzt wenigstens wieder miteinander, dachte Julia. Sie haben aufgehört, nur zuzusehen.

Julia setzte sich in eine Ecke.

„Ich sage euch“, überbrüllte ein älte­rer Mann das Stimmengewirr, „die pla­nen etwas ganz Teuflisches! Sie stellen die Programme ein, ohne jeden Kom­mentar. Eins und zwei haben sie einfach auslaufen lassen, so, als wäre das die natürliches Sache der Welt. Bürger! Wir haben ein Recht auf Erleben!“

Julia erhob sich und trat auf den Alten zu.

„Sie haben genauso ein Recht auf Nahrung und Kleidung, Bürger.“

Der Alte sah sie verständnislos an.

Julia schwieg.

Die Leute standen wortlos um sie her­um und starrten von einem zum ande­ren.

„Wie meinen Sie das, Bürgerin? Un­sere Versorgung wird doch dadurch nicht in Frage gestellt?“ Es war eine Be­hauptung, die aber unsicher wie eine Frage klang.

Julia sah ihn an. „Wer weiß?“

„Bürgerin, wissen Sie, was Sie da sa­gen?“ Er sprach sehr laut und heftig. „Noch haben wir unsere Verfassung, un­sere Garantien, unsere Grundrechte! Wie kommen Sie auf so absurde Gedan­ken? Wollen Sie die Leute hier beunruhigen?“

„Sind die Leute das denn noch nicht?“ fragte Julia heftig zurück. „Worauf war­ten Sie dann? Darauf, daß man ihnen von offizieller Seite mitteilt, daß der Grund für die Einstellung der Fernseh­programme das totale Ausbleiben von Lieferungen der Kolonialplaneten ist und damit das Ausbleiben von Darstellern für die Abenteuerserien?“

„Bürgerin!“ rief der Alte erschrocken, und die Leute begannen durcheinanderzureden, „wollen Sie Panik machen? Wissen Sie, was Sie da andeuten?“

„Ich deute nichts an“, sagte Julia ru­hig. „Ich berichte Ihnen das, was die Re­gierung noch verschweigt, weil unfähige Leute dort sitzen, die der Situation nicht gewachsen sind. Und - glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Das ging den Leuten unter die Haut. Julia konnte spüren, daß sie ihr glaub­ten.

„Es gibt keinen Grund zur Panik“, fuhr sie fort. „Wenn man uns keine Lebensmittel mehr schickt, werden wir in drei Wochen eben zu den Nahrungstabletten greifen, wie in jenem Notfall vor vierundvierzig Jahren.“

„Aber... Aber wieso in drei Wo­chen?“ rief der Alte fassungslos.

„Weil unsere Vorräte nicht länger rei­chen“, antwortete Julia knapp. „Die Vor­räte sind bei geschickter und kluger Ra­tionierung für sechs Monate gedacht, aber wer von diesen Leuten hier hätte sich jemals dafür interessiert? Der Alte wurde blaß.

„Wir wollen keine Tabletten!“ rief ein junger Mann über die Köpfe der anderen. „Wir haben unsere Grundrechte, und dazu gehört freie Nahrung in na­türlicher Form und ausreichender Menge!“

„Bürger“, sagte Julia geduldig, „in spätestens vierundzwanzig Stunden wird der Notstand ausgerufen, und die Grundrechte werden bis auf weiteres widerrufen werden.“

„Woher haben Sie überhaupt Ihre In­formationen?“ fragte der Alte angriffs­lustig.

„Wenn Sie sich die Zeit nähmen, zum Raumhafen hinauszufahren und die Landungen und Starts zu beobachten, würden Sie alles bestätigt finden, was ich Ihnen sage. Seit acht Tagen landet kein Frachter von den Planeten mehr.

Es landen unsere eigenen Frachter, voll mit Ladung, die nicht angenommen wurde. Aber ohne Einwanderer, wohl­gemerkt. Die Planeten haben vermut­lich erfahren, wie man sie getäuscht hat...“

Der Alte dachte nach. „Dann bekom­men aber die Planeten auch keine Fer­tigprodukte! Sie stehen vor derselben Situation wie wir, sie schneiden sich doch damit ins eigene Fleisch!“

„Mit dem einen Unterschied, daß die Kolonisten es gewöhnt sind, ihre Felder zu bestellen, ihr Obst zu ernten und...“

„Und?“

„Und wir es erst lernen müssen“, voll­endete Julia.

Sie starrten sie sprachlos an.

„Sie meinen“, meldete sich eine zö­gernde Stimme, „daß wir selbst arbeiten müssen?“

Julia sah in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. „Es wird wohl nichts anderes übrigbleiben“, sagte sie.

„Man sollte ein paar Atombomben 'raufschicken“, knirschte jemand.

„Bürger, seit mehr als vier Jahrhun­derten besitzen wir keine Atombomben mehr. Und wenn wir uns ans Produzie­ren machen, so sollten wir doch beim Nötigsten anfangen, nicht? Auch Atom­bomben bringen uns keine Nahrung und keine Rohstoffe.“

Die Leute standen wie erstarrt her­um, als sie ging.

Für den Großteil der Bevölkerung war die Welt zusammengebrochen, aus einem Leben voller Ruhe und Lethar­gie waren sie aufgescheucht worden mit der Sorge um die eigene Existenz.

Seit acht Tagen waren die Leute der Fortschrittspartei dabei, die Bevölkerung über die harten Tatsachen in Kenntnis zu setzen. Die Spezialisten warteten auf ein Handeln des Rates der Zehn, um daranzugehen, die Menschen zu instruieren, wie eine rasche und effektvolle Produktion in Angriff zu nehmen war. Um dem totalen Chaos vorzubeugen, das die Unfähigkeit des Rats unweigerlich hervorgerufen hätte, wurde die Bevölkerung von den Leuten der Fortschrittspartei in kleinen Grup­pen informiert.

Julia trat auf die Straße. Das Bild hatte sich noch nicht grundlegend geändert: Auch jetzt waren nur wenige Menschen draußen, aber die wenigen gingen rascher als sonst, ihre Gesichter zeigten mehr als die gewohnte Leere, zumindest Beunruhigung stand in ihren Zügen.

Julia betrat ein Gleitband und fuhr bis zum Times Square. Auf einer Platt­form hielt Henry Morgan eine seiner vorsichtigen, wohldosierten Reden, die die Leute davon überzeugen sollten, daß ihnen die Fortschrittspartei in jedem Fall die Zukunft weisen konnte, was auch passierte.

Julia verließ das Gleitband und ging in eine Kabine der Schleuderbahn. Es war die einzige Möglichkeit, ins Ge­bäude der ABC-TV zu kommen, das hermetisch abgeriegelt war.

Sie fuhr direkt ins 25. Stockwerk und betrat Hermann Sanders Räume. Seit fünf Tagen saßen die Leute fast pausen­los hier beieinander, starrten sich an und warteten wie gelähmt auf eine Lö­sung der Situation, die nicht kam.

Einige grüßten Julia flüchtig, als sie eintrat. Die meisten hoben nicht einmal die Köpfe.

Sander war seit fünf Jahren Mitglied des Rats der Zehn. Er war fünfundvier­zig, wirkte wie dreißig und benahm sich unter normalen Umständen wie ein achtzehnjähriger Junge.

Jetzt saß er schweigend hinter seinem breiten Pult und hörte einem geflüster­ten Gespräch zweier Angestellter zu.

Als die beiden sich an ihn wandten und ihn fragend ansahen, schüttelte er müde den Kopf. Julia erschrak, als sie ihm ins Gesicht sah. Die angespannten Tage und wachen Nächte hatten ihn ge­zeichnet. Hermann Sander sah sich zum erstenmal in seiner Laufbahn Schwie­rigkeiten gegenüber, und er war hilflos.

Julia ging an sein Pult und lehnte sich dagegen. „Jeden Tag werden es mehr, Bürger Sander“, sagte sie und deutete mit dem Kopf zum Fenster, das auf den Times Square ging. „Die Menschen ste­hen vor dem Gebäude und verlangen Informationen, wenn nicht Lösungen. Sie sollten etwas unternehmen, Bür­ger.“

Sander lächelte sie aus halbgeschlos­senen Augen an. „Ich glaube, ihr steckt hinter all dem“, sagte er. „Sie sind doch auch bei der Fortschrittspartei, oder?“

Julia lächelte spöttisch zurück. „Wol­len Sie mir eines meiner Grundrechte zum Vorwurf machen, Bürger?“

„Ich möchte wissen, was ihr damit be­zweckt. Wollt ihr nur Unruhe stiften, wollt ihr die Leute mit Gewalt wieder zurückstoßen - um Jahrhunderte, die es gekostet hat, das alles aufzubauen?“ Sander machte eine umfassende Hand­bewegung. Seine Stimme klang ankla­gend.

„Und wenn es noch so sehr schmerzt, Bürger Sander, wir wollen, daß wieder Männer mit Verantwortungsbewusstsein an der Spitze stehen, wir wollen Ihren Rücktritt. - Ihren und den der anderen Räte.

Gehen Sie hinunter, Bürger Sander, und hören Sie sich an, was Henry Morgan zur Situation zu sagen hat. Gehen Sie hinunter, Bürger, bevor die Leute heraufkommen und Sie holen.“

Der Leiter von ABC-TV starrte sie böse an. „Man hätte beizeiten einschreiten sollen... Man hätte euch ausrotten sollen, vernichten, bevor ihr anfingt, Un­glück über die Menschheit zu bringen.“

Julia wartete, daß er weitersprach, aber er schwieg. „Sie sitzen seit acht Tagen und Nächten hier und denken nach. Gehen Sie hin ins Studio, lassen Sie sich eine Schaltung geben und gestehen Sie Ihre Unfähigkeit öffentlich ein! Sie ha­ben nicht mehr lange Zeit. Treten Sie zurück, Bürger Sander!“

Aus einer Ecke erhob sich Peter Paulsen, der Techniker war. „Teilen Sie der Bevölkerung mit, wie die Lage ist, sa­gen Sie den Leuten, daß ihnen nichts anderes übrigbleiben wird, als an die Arbeit zu gehen und für das Nötigste zu sorgen. Sagen Sie ihnen, daß Sie der Lage machtlos gegenüberstehen, daß aber Spezialinstruktoren der Fort­schrittspartei der Bevölkerung in großangelegten Aufklärungsaktionen und über das Fernsehen helfen werden.“ Er reichte Sander eine Broschüre. „Hier! Sie können sich überzeugen, daß es uns wirklich ernst ist. Hier finden Sie alle Maßnahmen bis ins Detail ausgearbei­tet.“

Sander nahm die Broschüre und blät­terte flüchtig und mechanisch darin. Dann wandte er sich an die Anwesen­den. „Techniker? Wo ist ein Techniker?“

„Ich bin der Techniker vom Dienst, Bürger.“

Sander starrte ihn an. „Sie sind gut vorbereitet, was?“ Er lächelte bitter. „Ich möchte einen Termin in einer Stunde. Vorher eine Schaltung mit den anderen Räten. Mit allen!“

„Verstanden, Bürger.“ Paulsen wand­te sich um und verließ den Raum.

Nach einer Weile ging auch Julia.

Vor dem Gebäude der ABC-TV drängten sich die Menschen, und Henry Morgan sprach immer noch.

Sie betrat ein Gleitband und hatte vor, nach Hause zu gehen. Sie fühlte sich leer und ausgepumpt, keine Spur von Triumph war in ihr.

Plötzlich hörte sie über die Lautspre­cher Peter Paulsens Stimme. „Bürger und Bürgerinnen! Um zweiundzwanzig Uhr erfolgt eine Sondermeldung über alle Hauptstationen! Bürger und Bürge­rinnen! Finden Sie sich um zweiundzwanzig Uhr vor den Fernsehschirmen ein! Es erfolgt eine Sondermeldung über alle Hauptstationen.“

Julia schloß die Augen.

Es hatte geklappt.

Sie dachte an Harry Burns, der sechs­undzwanzig Lichtjahre entfernt auf einem Planeten lebte und diese Nach­richt wohl erst mit geraumer Verspä­tung erhielt. Auf einem Planeten, den sie wohl nie betreten würde.


* * *


Es war Sommer.

So weit man sehen konnte, erstreck­ten sich Weizenfelder. Halme mit Ähren, so groß wie junger Mais, bogen sich im Wind.

Roboter arbeiteten unter der Anlei­tung von wenigen Terranern in den Obstgärten.

Die erste Phase der Neuentwicklung Terras war beinahe abgeschlossen. Der Planet war imstande, für die Nahrung seiner Bewohner selbst zu sorgen.

Gigantische Algenplantagen stellten den Großteil der Nahrungsgrundlagen her, die Natur tat das übrige.

Der Beginn der zweiten Phase, die Gewinnung von Rohstoffen, stand knapp bevor. Man war in Eile auf Terra. Die Zeit drängte, denn die Vorräte waren aufgebraucht.

Aus den ersten Wahlen nach dem Zu­sammenbruch des alten Systems war die Fortschrittspartei als großer Sieger hervorgegangen, sie hatte über sechzig Prozent der Stimmen erhalten, obwohl sie ein hartes Programm vorgelegt hatte.

Und dann waren die Terraner daran­gegangen, dieses Programm zu verwirk­lichen.

Julia stand mit Henry am Rand der Pflanzungen und sah über die ebenen Felder.

„Erstaunlich, wie sich alles eingepen­delt hat“, meinte sie leise. „Ich glaube, im Innersten haben wir es wohl alle nicht für möglich gehalten, daß es so schnell gehen würde.“

„Es ist uns nichts anderes übriggeblie­ben. Wir haben uns ins Wasser gestürzt, dort, wo es am tiefsten war. Wir hatten nur zwei Möglichkeiten: schwimmen oder untergehen. Wir haben eiligst schwimmen gelernt“, meinte Henry Morgan und grinste.

„Wie sieht es auf den Kolonialplaneten aus?“ fragte Julia so harmlos wie möglich. „Wann werden wir wieder friedlichen Kontakt aufnehmen kön­nen?“

„Sie wissen, Julia, daß das noch eine Weile dauern wird. - Wir haben inoffiziell Kontakt mit Sirius VI und VII, mit Arkturus III und einer Station im Wegasystem. Wir erhalten nur spärliche Informationen und erfahren gerade so­viel, um zu wissen, wie die Stimmung unter den Kolonisten ist.

Ich muß sagen, wir sind nicht unzu­frieden. Die Planeten spüren die Ände­rung kaum. Sie tauschen ihre Waren nicht mehr nur über Terra, wie früher, sondern direkt. Wie ich höre, haben sie das Zentrum auf Prokyon V, dort tref­fen sich die Handelslinien. Viel mehr weiß ich auch nicht.

Jedenfalls halten wir unsere Kontakt­leute auf dem laufenden. Und sie brin­gen die Nachrichten von Terras Meta­morphose unter die Kolonisten. Wir wollen ja früher oder später wieder ein friedliches Zusammenleben, dazu muß man den Groll beizeiten abbauen.“

Julia lächelte. „Wir haben viel Un­recht gutzumachen, Henry, ich weiß. ­Aber wir werden nicht mehr als die Besseren vor die Kolonisten treten, sondern als gleichberechtigte Partner.

Wenn man sieht, daß wir unsere Vor­rangstellung ernsthaft aufgegeben ha­ben, wird es leichter sein.“ Sie schwieg einen Augenblick lang. „Und dann kön­nen wir auch wieder mit freundschaft­lichen Banden rechnen...“

„Julia“, sagte Henry Morgan, „ich muß zurück zur Ratssitzung. Wollen Sie noch hierbleiben?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme mit.“

Sie gingen an den Plantagen entlang zurück zu den Gleitbändern, die in die Stadt führten.

Die Bänder waren überfüllt von Transportrobotern, Maschinen und Menschen. Je näher sie der Stadt ka­men, umso mehr Menschen begegneten ihnen. In den Straßen lastete die Som­merhitze.

Henry Morgan und Julia verließen das Gleitband und drängten sich durch eine Menge, deren Leben wieder einen Inhalt bekommen hatte.

E N D E

Copyright © 1972/2017 by Kurt Luif

Kommentare  

#1 Cartwing 2017-07-14 19:28
Zitat:
breite, muskulöse Schultern, lange Beine und praktisch keine Hüften.
hmm, vielleicht sollte ich sowas mal in mein Dating Profil schreiben... ;-)

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